Indiana Tribüne, Volume 29, Number 129, Indianapolis, Marion County, 24 January 1906 — Page 7
Jndiana Tribüne, 2U Januar 1906
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-t o - o o -K o -K o o Der Sinkende o o H o o o Ho 5 o o K r i m i n a l r 0 m a n von Gririz Ebenstcin So0000000000 (Fsrtsetzung.) Wie recht haben Sie, Herr Hempel! Ich wollte es ja auch thun. Aber die Furcht vor meinem Vater lahmte immer wieder meinen Muth! Denken Sie selbst, was die Folge gewesen wäre! Daß die Welt mit Fingern auf mich gezeigt hätte, würde ich ja gerne ertragen, denn meine Liebe ist rein, und ich habe mir nicht das geringst: vorzuwerfen. Aber die Welt ist nur. einmal schlecht was hätte sie gesagt, wenn sie erfahren hätte, ich sei allein mit Robert im Prater spazieren gegangen! Auch mußte ich Frau v. Moutferrat schonen. Was aber schließlich den Ausschlag gab, war die Erwägunq, daß alsdann mein Vater nie und nimmer in eine Verbindung mit Robert willigen würde. Trotzdem kämpfte ich ununterbrochen mit mir. Ich wollte mich wenigstens seiner Mutie? anvertrauen und sie um Rath fragen. Aber im letzten Moment verließ mich stets der Muth." Dann Körten Sie aber iene Unterredung zwischen mir und Frau Fröhlich. Was dachten Sie da?" Ich war wie von Sinnen. .Jetzt mußt Du unbedingt sprechen!' schrie es unaufhörlich in mir. Und dann, kaum nach Hause gekommen, stürzte ich besinnungslos zusammen. Tagelang lag ich im Fieber, und kaum konnte ich wieder denken, da verlangte ich nach Zeihingen. Aber man gab mir keine, man fürchtete, ich würde mich aufregen. Miß Greenwich, meine Gesellschafterin, ahnte vielleicht auch etwas. Denn als damals die erste Nachricht in der Zeitung stand von dem Raubmord und dem Verdacht auf Robert, da kam sie ganz erregt zu mir: .Denke Dir, Irma, dieser nette junge Mensch, den wir in Chicago kennen lernten, der ist nun des Raubmordes angeklagt!' Ich schrie auf und fiel hin wie ein Stück Holz. Seitdem sieht sie mich oft so besorgt an. Endlich bekam ich doch durch meine Jungfer eine Zeitung. Da las ich. von dem Geständniß!" Sie sprang plötzlich auf und rang die Hände. Erklären Sie mir das! Es ist un faßbar! Tag und Nacht denke ich darüber nach und kann's nicht begreifen! Warum warum gesteht er. was er nie begangen hat?" Weil ihm am Leben nichts mehr liegt." sagte Hempel ernst. Weil er wahnsinnig ist vor Schmerz und gegen sich selber wüthet." Ihm ihm liegt nichts mehr fcrn Leben?" stammelte sie fassungslos und starrte Hempel ungläubig an. Und ich? Bin ich ihm nichts mehr?" Sie begann plötzlich heftig zu zittern. Hempel blickte sie mitleidig an. Es ist sehr einfach, sagte er dann. Er hat durch Zufall ein Zeitungsblatt in die Hand bekommen, in welchem von Ihrer Verlobung die Rede war. Nun hält er Sie für treulos. Wundern Sie sich, daß ihn das niederwirft?" Sie athmete tief auf. und der strahlende Ausdruck trat wieder in ihr schönes Gesicht. O, das ist es also? Nur das! Gott sei Dank! Ich' fürchtete schon, sein Geist sei verwirrt. Aber nun ist ja. alles gut. Sie werden ihm sagen und vor allem werden Sie ihn retten! Nicht wahr, lieber Herr Hempel, Sie werden ihn retten trotz dieses albernen Geständnisses?" Silas lächelte ein wenig. Auch ohne Ihre Mittheilungen war das eine Ehrensache für mich, denn ich habe ihn von Anfang an für schuldlos gehalten. Früher sah ich nur den einzigen Weg dazu darin, den wirklichen Thäter zur Stelle zu schaffen und seine Schuld unzweifelhaft zu, beweisen " Und nun?" Nun gibt es allerdings noch einen zweiten, rascheren W?$, Robert Fröhlich zur Freiheit zu verhelfen. Ich brauche einfach dem Untersuchungsrich'ter Ihre Mittheilungen zu übermitteln. Man wird Sie alsdann vorladen, Ihre Aussage zu Protokoll nehmen und vorausgesetzt, daß man sie nicht als von Ihrer Liebe beeinflußt ansieht. was ja immerhin möglich wäre den mngen Fröhlich in Freiheit setzen. Allerdings wäre dann auch der wahre Thater gewarnt. Irma war erblaßt, und ihr Kcpf sank immer tiefer aus die Brust. Man wird mich vorladen? Vor Gericht? Q mein Gott!" Dann setzte sie zitternd hinzu: Aber ich habe ja doch Ihnen schon alles gesaat? Genügt das nickt? Nein." Bitte, mißverstehen Sie mich nicht. Es ist ja selbstverständlich, daß ich mich in keiner Weise schonen will. Für ihn bringe ich jedes Opfer freudig und es wäre nicht einmal ein Opfer für mich nur eines flößt mir gräßliche Angst ein " Und das wäre?" Mein Vater! Nie wird er Robert verzeihen, daß er mich in diese Lage gebracht hat! Ich weiß ja nicht, was er thun wird, aber es wird schrecklich sein, und all unsere Hoffnungen werden dadurch in weiteste Fernen gerückt. Lieber Her: Hempel. ist es denn gar nicht zu machen, daß diese- Sache gebeim bleibt? Ich will es ja auch dem
Untersuchungsrichter selbst sagend nur soll er mir versprechen, diese Mittheilungen geheim zu halten." Silas blickte sie mitleidig an. Nein, das ist unmöglich, weil es wider die Gesetze, wäre. Da müssen wir schon versuchen, auf dem anderen Wege zum Ziele zu kommen. Sparen wir uns also den Alibibeweis vorläufig als letzten Nothbehelf auf und trachten wir. den wahren Thäter zu überführen." Haben Sie denn schon eine Spur?" Hempel überlegte. Sollte er sie in's Vertrauen ziehen? Eine Stimme in ihm sagte: Nein! Sie ist ein Weib, und wer weiß, ob sie Wort unö Blick genügend in der Gewalt hat, einem so aeriebenen Menschen .gegenüber wie Usyagy?" Als blindes Werkzeug dageaen" konnte sie sehr nützlich sein. Er sagte also leichthin: Nein. Doch hoffe ic sie zu finden. Was ich Sie übnyer's fragen wollte: wenn Sie so sehr fürchtend daß Ihr Vater etwas von Ihren Beziehungen zu Fröhlich erfährt, fürchten Sie da nicht, daß Frau
v. Montferrat Sie verrathen konnte? Frauen pflegen sonst nicht allzu verschwiegen zu sein, besonders, wo es sich um die Liebesangelegenheiten von Freundinnen handelt!" Irma lächelte. Man sieht, daß Sie Helene nicht kennen! Sie ist das edelste Wesen, das es gibt, was Siet übrigens schon daraus ersehen können, daß sie sich lieber die bittersten Vorwürfe machen ließ, als mich zu verratyen. Major v. Linoemaier hat oxt Aermste geradezu grausam behandelt damals. Die Folge war, daß die Verlobunz auseinanderging, was ich übrigens für kein Unglück ansehe, denn Helene kann ganz andere Ansprüche machen." Wieso?" Nun, erstens ist sie doch enorm reich. Dann von blendender Schönheit. Jedenfalls aber verdient sie einen Mann, der ihr vertraut und sie auf Händen trägt. Das kann doch bei Lindemaier nicht der Fall gewesen sein, sonst hätte er anders gehandelt. Um aber wieder auf meine Angelegenheit zurückzukommen: Helene und mein Vater kennen sich kaum. Ich glaube, er hat noch nicht zweimal im Leben mit ihr gesprochen. Sö ist also auck ein zufälliges Verplaudern so gut wie ausgeschlossen." Und Ihr Pflegebruder? Sind Sie auch seiner so sicher?" O Sandor? Sie lachte sorglos. Ter würde eher sterben, als mich verrathen! Im Vertrauen gesagt: er hat mich seit jeher wie eine kleine Gottheit behandelt." Dann ist es' wohl auch richtig, daß er sich bor zwei Jahren selbst um Sie beworben hat?" Irma erröthete. Wer hat Ihnen das gesagt?" Das weiß ich nicht mehr. Es war einmal die Rede davon." Nun, vielleicht hatte er wirklich früher wärmere Gefühle für mich. Jedenfalls ist er aber längst zur Besinnung gekommen." . Und Sie halten es für ausgeschlossen, datzer eifersüchtig ist und darum " Wo man nicht liebt, ist man nicht eifersüchtig." Wer weiß, ob er Sie nicht doch heimlich liebt?" - Das ist völlig ausgeschlossen." Hm . . . oder sollte er eine andere tteb,'n?" Wie neugierig Sie sind, Herr Hempel! Ob Sandor liebt? Ich glaube nicht. Wen denn auch?Wer kann das wissen? Er kommt doch öfter nach Pest und Wien " Nach Wien nur selten. Und auch nach Pest nur, wenn er Geschäfte dort hat. Sandors größtes Vergnügen ist, tagelang einsam durch die Pußta zu reiten. Ich glaube, an Liebe denkt er gar nicht mehr." Hempel hob den Kopf. ..Sonderbar diese einsamen Ritte! Liebte er das seit jeher?" Nein. Wenigstens fiel es mir früher nicht auf." Und jet? Seit wann?" Ich weiß nicht mehr genau. Seit einem Jahre etwa, da verschwindet er oft ganz plötzlich. Einmal neckte ich ihn sogar damit und fragte, ob er vielleicht unter den Rumänen ein Liebchen hätte. Da wurde er aber furchtbar böse, als hätte ich ihm die größte Beleidigung gesagt." ; Silas fuhr sich mehrmals mit der Hand gedankenvoll durch's Haar, dann sagte er unwillkürlich halblaut vor sich hin: Und doch hat ein Weib die Hand dabei im Spiel! Wo ist sie?" Wie meinen Sie?" fragte Irma. Nichts." Sie stand auf. Ich weiß gar nicht, wie wir so in's Plaudern kamen. Das alles hat doch gar nichts zu thun mit unserer Angelegenheit! Und dieser. Herr Hempel. werden Sie nun all Ihre Kräfte zuwenden?" Gewiß." Ich gebe Ihnen volle Freiheit bezüglich der Anwendung meiner Mittheilungen, denn ich hatte im Laufe unserer Unterredung Gelegenheit zu sehen, daß ich es mit einem Ehrenmann zu thun habe, und weiß, daß Sie mich schonen werden, so lange Sie es können. Aber wenn Sie nichts finden, wenn es zu feiner Rettung nothwendig ist. dann lassen Sie nur alle Bedenken fallen. Vergessen Sie nicht einen Moment, daß ich ihn über alles liebe!" Ich werde stets daran denken." Sie reichte ihm herzlich die Hand. Mir ist so leicht, seit ich mich ausgesvrochen babe. Ganz gesund fühle ich
mich nun. Sollten Sie noch etwas von mir wissen wollen, so kommen Sie ruhig in's Palais. Sie können sich als Sachverständiger für Bilder melden lassen, ich habe einige alte Miniaturen, die ich gern schätzen lassen möchte. Und nun leben Sie wohl." Erlauben Sie mir nur noch' einige Fragen, die mir soeben einfallen. Ist Ihnen hier eine Schneiderin Namens Rosa Martin bekannt?" Nein. Ich habe den Namen nie gehört." Er zog aus einem Fach seines Schreibtisches ein Blatt Papier, auf welchem sich eine genaue Zeichnung deö Messers befand, welches Luise in der alten Geräthkammer gefunden hatte, und reichte das Blatt der jungen Dame. Haben Sie je im Leben irgendwo etwas ähnliches gesehen?" fragte er. Irma betrachtete die Zeichnung lange und blickte dann verwundert auf. Nein. Es ist sehr seltsam. Wo haben ie die Zeichnung her und wawarum zeigen Sie sie mir?" O, weil Sie soeben von alt:n Miniaturen sprachen. Es ist auch eine Antiquität, und ich dachte, eS würde Sie vielleicht interessiren." Ah so. Danke. Aber nun muß ich wirklich gehen. Es ist schon sehr spät. Guten Abend, Herr Hempel!" Er begleitete sie bis zur Ausgangsthür und blickte ihr wohlgefällig nach, so lange er ihre schlanke Gestalt auf der Treppe sehen konnte. Dann ging er nachdenklich in sein Schlafzimmer und zog seine Dose heraus. Sie ist es also nicht, die ihn lenkte," murmelt: er. Aber wer ist es dann? Wo finde ich dieses W:ib?"
14. Kapitel. A m anderen Morgen gab ein Bote ein versiegeltes Schreiben ab für Silas Hempel. Als er es öffnete,, siel eine Tausendkronennote heraus und ein Kärtchen. Das Kärtchen war von Frau Fröhlich und enthielt die Worte: Geehrter Lerr! Lindem ich Sie bitte, beiliegende Banknote mit meinem besten Dank für Ihre bisherigen Bemühungen in Empfang zu nehmen, ersuche ich zugleich, sich nicht weiter mit der Angelegenheit zu befassen, zu deren günstiger Lösung wohl in erster Linie der feste Glaube an die Unschuld des Angeklagten nötbig ist. Dieser Glaube scheint Ihnen leider in letzter Zeit abHanden gekommen zu sein. Ich hoffe indessen, Gott wird mir auch so weiterhelfen. B e r t h a Fröhlich." Finster blickte Silas auf die wenigen Zeilen. So kleinlich also war diese Frau, weil er ihr ehrlich gesagt hatte, daß er zunächst keine Schlüsse ziehen, sondern rein objektiv prüfen wolle? Und mit den tausend Kronen glaubte sie ihren kühlen Worten. ein warmes Mäntelchen umzuhängen?' Plötzlich sprang er wüthend auf. Ja, für was hält mich denn diese Frau, daß sie sich erlaubt, mich in diesem'Tone abzufertigen! Oho. meine Gnädige, da kennen Sie den Silas Hempel schlecht!" Er schrie es laut und rannte wie unsinnig im Zimmer herum, so daß Kata erschrocken den Kopf zur Thür hereinsteckte. Krank. Gospodaru?" fragte sie und machte eine zartsinnigc Bewegung gegen die Stirne zu. Nein, Du alter Drache! Gesünder denn je! Aber warte. Weil Du schon hier bist ich habe einen Gang für Dich." Mit raschem Griff nahm er die Banknote, steckte sie in einen Umschlag, schrieb auf eine Visitenkarte: Bitte, die Einlage einem Bettler zu geben. Silas Hempel mag ein Narr sein, aber Almosen schenken läßt er sich nicht!" steckte auch die Karte hinein, verschloß den Umschlag und reichte den Brief der Kroatin. Da. Nach Dornbach Villa Eyrus. Sofort bringst Du den Brief hinaus. Fahr mit der Straßenbahn." Kata schüttelte den. Kopf. Kann ich nicht. Muß ich kochen." Marsch!" Silas sah sie'mit einem so furchtbaren Blick an. daß sie sich erschrocken duckte. Sie hatte den TrutHahnskandal tu ch frifch im Gedächtniß und machte sich daher eiligst auf den Weg. Als sie schon auf der Treppe war. rief ihr Silas noch nach: Laß Dir Zeit. Kochen werde ich inzwischen selbst." Ein höhnisches Lachen war Katas Antwort. Kaum war sie draußen, als Silas den Rock abwarf und in der Küche ein mächtiges Feuer anfachte, daß der Ofen glühte. Also!' Feuer hätte ich. Jetzt noch das Essen!" Er zog seinen Rock wieder an, stülpte den Hut auf und lief in ein gutes Restaurant, in der Burggasse. '..Schicken Sie mir sofort ein feines Mittagessen. In einer halben Stunde muß es im Hause sein. Was es ist. ist mir gleich nur gut muß es sein." Wieder zu Hause angekommen, setzte er mehrere Töpfe mit Wasser zum Kochen auf. und als der Kellner gleich darauf wirklich das Essen brachte, setzte er alles, nachdem er es sorglich in seine eigenen Schüsseln geleer: hatte, auf den Herd. Jetzt bin ich doch neugierig, was die Alte sagen wird," lachte er in sich hinein. Eine halbe Stunde vor Essenszeit kam Kata zurück. Erstaunt ließ sie ihre Blicke über die verdeckten Schüsseln
gleiten und starrte dann ihren Herrn mißtrauisch an. Was gekocht?" fragte sie, indem sie ihre Hausschürze vorband. Silas zuckte die Achseln. Kosten!" sagte er lakonisch und war selber neugierig. Kata beroch die Suppe und schüttelte den Kopf. Es war Schildkrötensuppe. Brr Schnecken!" brummte sie. Jawohl Schnecken. Das ist das feinste. Aber Du bringst es nie zusammen." Und er aß zu Statas Entsetzen die ganze Suppe auf. Die nächste Schüssel enthielt eine kleine Pastete mit Trüffeln. Kata schob sie mit Ekel von sich. Schnupftabak hineingefallen!" Dir zu Ehren! Mußte so viel nachdenken beim Kochen!" lachte er und aß die Pastete allein. Danach kam Wildschwein in pikanter Sauce. Es riecht!" behauptete Kata. Kann sein aber gut!" Auch das Kalbsfrikandeau ließ Kata unberührt. d?nn sie haßte Kalbfleisch. Die Mehlspeise war Silas unbekannt. Er hatte keine Ahnung, 'was hinter der zittrigen, .wippenden Masse mit dem dunklen-Beguß steckte, und er schob sie daher Kata zu. D!e wies sie mit Abscheu von sich. Ich das nicht esse!" erklärte sie und holte den Brotlaib, von dem sie sich ein tüchtiges Stück abschnitt. Herr schlecht kochen!" ' Murr, bekam die Mehlspeise, offenbar ein kulinarisches Meisterwerk, und verzehrte sie mit vielem Appetit. Hempel aber zog sich in sein Schlafzimmer zurück. Jetzt habe ich dem Weibsbild einmal imponiren wollen, und die dumme Gans sieht Schildkröten für Schnecken und' Trüffel für Schnupftabak an!" Vergnügt und behaglich legte er sich und schlief ein paar Stunden. Am Abend machte er sich auf und schlenderte durch die Stadt. Die Tausendkronennote lag ihm immer noch in allen Gliedern. Dazu quälte ihn unaufhörlich der Gedanke: Wo finde ich dieses Weib? Das Zimmer bei der Schneiderin war aufgegeben. Aber es war nicht anzunehmen, daß die beiden früheren Besucher darum überhaupt nicht, mehr nach Wien kamen. Wo loqirte aber die schöne Unbekannte jetzt? Wer war sie? Wann kam t nach Wien? In diesen Gedanken trat er in ein Ringstraßenkafe und bestellte sich die Abendblätter. Plötzlich wurde er angesprochen. Ja, Silas. altes Haus bist Du es denn wirklich?" Aufblickend sah er einen eleganten Herrn vor sich stehen von etwa vierzig Jahren, der ihm freudig die Hand entgegenstreckte. ' Bei seinem Anblick sprang auch Silas freudig erregt auf. Paul Unterrain! Ja. wie kommst denn Du nach Wien? Ich glaubte Dich doch als wohlbestallten Advokaten in Graz. Oder bist Du nur zu Besuch hier?" Nein, lieber Freund. Seit einem Jahre bin ich nach Wien übersiedelt, habe meine Kanzlei in der Sailergasse und besitze schon eine recht anständige Kundschaft. Aber nun erzähle von Dir! Du bist bei der Kriminalpolizei, nicht wahr?" Gewesen! Gegenwärtig arbeite ich auf eigene Faust das ist viel interessanter. Uebrigens weshalb stehst Du denn noch immer? Wir werden doch ein paar Stunden gemüthlich verplaudern, da uns der Zufall so glücklich zusammengeführt hat! Oder hast Du es eilig?" Durchaus nicht. Die Kanzlei ist geschlossen, und ich wußte, offen gestanden, nicht, was .ich mit dem heutigen Abend anfangen soll. Aber glaubst Du nicht, daß es bei einem Glas Bier gemüthlicher wäre, von alten Zeiten zu sprechen, als hier?" Einverstanden. Kellner, zahlen!" Eine Viertelstunde später saßen die beiden Jugendfreunde am Graben im Restaurant zur ..Tabakspfeife" und plaudertelr' von ihrer gemeinsam verlebten Studentenzeit und allen Streichen. die sie damals verübt hatten. Es war schon ziemlich spät, als Doktor Unterrain sich in den Stuhl zurücklehnte und seufzend fagte: Ja, ja. Silas. damals waren schöne Zeiten gelt? Mit welchem Hochgefühl verbrachten wir den Abend nach unserem Examen, erinnerst Du Dich noch? Ich wollte mindestens Senatspräsident werden, und Du gar Justizministe:!" Sei froh, daß nichts aus diesen Wünschen ward! Wir leben so viel ruhiger und sorgloser. Als Advokat hast Du doch das schönste Leben!" Na, man hat auch seine Sorgen." Hast Du etwa nicht genügend Praxis?" Das schon. Aber es kommt einem so mancherlei vor im Leben. Aber ich will Dich nicht mit juristischen Fragen langweilen, erzähle lieber, was Du momentan in der Hand hast das ist gewiß interessanter!" Hempel zuckte ärgerlich die Achseln. Ja, prosit! So verzwickt ist der Fall, daß ich Dir nicht einmal etwas Positives erzählen kann. Die Fäden führen von Wien bis in die ungarische Pußta und da nun. da verlieren sie sich eben im Pußtasand." Unterrain blickte überrascht auf. Das ist interessant!" murmelte er. Gar nicht." knurrte Hempel. Ich sage Dir. wie ein Schaf komme ich mir vor dabei!" (Fortsetzung folgt.)
Europäische Nachrichten.
'Ntzeinprovinz. Köln. Kürzlich brach in der Getreidemühle von Leysiefer und Litzmann Großfeuer aus. Sämmtliche hiesige Wehren waren angestrengt thätig, um ein Ausbreiten des Großfeuers auf das dichtbevölkerte Arbeiterviertel zu verhindern, was nach langer mühsamer Thätigkeit gelang. Der Schaden wird auf 400.000 Mark geschätzt. Barmen. Ein schwerer Unglllcksfall ereignete sich im großen Saale des evang. Vereinshauses. Der dort mit an den Renovirungsärbeiten beschäftigte 19 Jahre alte Anstreichergehilfe Franz Stefansky von hier stürzte 9 Meter tief von einer Leiter. Er erlitt einen Schädelbruch, sowie schwere innere Verletzungen, infolge deren er gleich darauf starb. Düsseldorf. Als der Straßenbahnschaifner Otto Enders mit einem Dienstgenossen vom Strafnbahndeport nach der Erkrather Straße ging, wurde er von drei jungen Vurschert angerempelt. Bei der Abwehr der Angreifer wurde er ohne weiteres von dem Invaliden Philipp Ludenberg mit einem Revolver erschossen. Der Mörder, der ein Holzbein hat. wurde verhaftet. . F o r t h a u s e n. Der'25 Jahre alte Schirmhändler Ernst Jünker wurde am Wege oberhalb Coenenmühlc todt aufgefunden. Die Todesurfache ist nicht bekannt. Der Verunglückte war unverheiraihet und litt an Epilepsie. H e r b e s t h a l. Dem jährigen Hülfsrangirmeister Keutgen. wurden beim Ueberschreiten der BatMgeleise während der Arbeit beide Beine abgefahren. Der zugezogene Arzt konnte nur den Tod des Verunglückten feststellen. ' K r e f e l d. Hier starb der älteste der hiesigen Aerzte, der Kreisphysikus a. D. Geheimer Sanitätsrath Dr. Ernst Heilmann im Alter von 86 Iahren. Längere Zeit war er auch leitender Arzt des städtischen Krankenhauses und der Handwerkerkrankenanstalt. Unten-Flachs berg. Letztens wurde der unverheirathete, 45 Jahre alte Gabelfeiler Herm. Maushardt am Bahnübergange überfahren. Die Leiche war vollständig zermalmt; Theile lagen zerstreut umher.' Sie wurden gesammelt und in der Leichenhalle zu. Ketzberg untergebracht. B i t x s t n. Vor einiger Zeit wurde der Gasiwirth Jakob Dickmann mit eingeschlagenem Schädel und sonstigen schweren Verletzungen ' aufgefunden. In dem Thäter vermuthet man einen Maurer, der mit der Tochter des tobt lich Verletzten ein Verhältniß hatte. Frovinz ßcflci'glciflau, Kassel. Nach schwerem Leiden starb im Alter von 54 Jahren der Direktor des hiesigen Wilhelms - Gymnasiums, Professor Dr. Paul Eduard Vogt, der erst vor wenigen Jahren als Nachfolger von Prof. Muff an die Spitze dieser Anstalt berufen wurde. Prof. Muff übernahm damals die Leitung der Landesschule Schulpforta. Borken. Ein Großfeuer hat die Bierbrauerei Freitag sowie mehrere angrenzende Wohnhäuser, Scheune, Nebengebäude mit allen Vorräthen total eingeäschert. ( Eichen berg. Aus dem hiesigen Bahnhof wurde der Rangirer Aug. Prell durch eine von Bebra kommende Maschine erfaßt, überfahren und getödtet. Dem Unglücklichen, der mit seiner Wittwe drei Kinder hinterläßt, war der Schädel zertrümmert. Jdstein. Der in Wiesbaden stationirte Zugführer Kurtz wurde aus hiesigem Bahnhofe von einer GüterZugmaschine überfahren und todtlich verletzt. Auf dem Transport zum Krankenhause verschied Kurtz. M a r b u r.g. Letztens stürzte der !n den 30er Jahren stehende Arbeiter Joseph Wickerodt aus Mardorf vom Dache des Montirungskammer - Neu baues in die Tiefe unT 'war sofort todt. Ober - Kinzig. Hier erschoß sich der Landwirth A. Weber. Zwei seiner Brüder sind ebenfalls freiwillig aus dem Leben geschieden; der eine hat sich vergiftet, der andere erhängt. Alle 3 Brüder waren.nacheinander mit derselben Frau verheirathet. Schwanheim. Vor kurzem hat der Weißbindermeister Berz seine Frau im Schlafe überfallen, sie durch drei Beilhiebe auf den Kopf todtlich verletzt und sich dann in der Werkstatt erhängt. Der Grund der That soll in zerrütteten Vermögensverhältniss cn liegen. Wiesbaden.- Vor einiger Zeit fand man hier auf dem Exercierplatz den Kommis Balk, der ein ziemlich lockeres Leben geführt haben soll, erschössen. Anfangs wurde Selbstmord angenommen, dann tauchte der Verdacht auf. daß Balk das Opfer eines Mordes oder Todtschlages geworden sei. Zwei Bäckergesellen sind deswegen in Untersuchungshaft genommen. Zu der Frau des einen hatte Balk mtime Beziehungen unterhalten. Mttekdcutlche Staaten. B i r k i g. Der Kreiser (Feldhüter) Scheler der in einer Grundstücketrennung als Sachverständiger bestellt war. wurde vcn einem der beiden Interessenten, eitlem Oekonom aus Boderndorf. der sich wobl benacktheiligt
fühlte, ohne voraufgegangenen WortWechsel durch einen Stich in den Untcr-. leib lebensgefährlich verletzt. Der konom. der bei Begehung seiner That betrunen gewesen sein soll, wurde rcr haftet. Dessau. Tr frühere langjährige Vorsitzende der Finanzdirektion, si;. Obcrregierungsrath Leopold Brunn ist im nahezu erreichten 77. Lebensjahr gestorben. Eichenberg. Auf dem hiesigen Bahnhöfe wurde der Eifenarbeiter August Prell aus Hebenshausen von einer Personenlokomotive überfahren und sofort getödtet. Er hinterläßt eine Wittwe und drei kleine Kinder. E i s e n a ch. ' Dr. theol et. phil. Johannes Marbach. der frühere OberPfarrer und Superintendent unserer Stadt, ist im 76. Lebensjahre gestorben. Gera. Das Fest der goldenen Hochzeit feierte der Rentier Theodor Böhme, und frühere Besitzer der HosMusikalienhandlung von Böhme Sc, Sohn, mit seiner Gattin. Jena. In der medizinischen Fakultät der hiesigen Universität ließ sichDr. W. Röpke aus Leer als Privatdozcnt für orthopädische Chirurgie nieder. Meiningen. Für das Denkmal. das dem Schriftsteller Ludwig Bechstcin hier errichtet werden soll, hat der Hennebergische alterthumsforschende Verein" etwa 9300 Mark qc-
sammelt. Pohli tz. In den nahe gelegenen Steinbrüchen wurden zwei Arbeiter durch niedergehendes Gestein verschüttet. 'Der ZJjährige Hermann Rödcr wurde getödtet. der andere Arbeiter schwer verletzt. 'See sen. Der Zimmermann F. Wornemann von hier, der beim Kreiszimmermcister Pätz die Kreissäge zu bedienen hat, wurde durch die Säge so schwer verletzt, daß ihm zwei Finger der rechten Hand abgenommen werden mußten. Tröbsdorf. Vor einiger Zeit wurde der Weichensteller Karl Nasic von hier ans dem Wege zwischen Weimar und hier von einem Eisenbahnzu.c überfahren und auf der Stelle getestet. Er hatte unvorsichtigerweise dasTchicnengcleise als Weg benutzt. Z e r b st. Nach kurzem Krankenlager starb der langjährige Kreistagsabgeordnete Geh. Sanitatsrath Dr Schnürpel im 74. Lebensjahre. Der Verstorbene war als Wohlthäter der Armen hochgeschätzt. Sachsen. Dresden. Der ausgezeichnete Bildhauer August Hudler, vor kurzem erst zum Nachfolger Eplers an der hiesigenKunstakademie ernanntest hier gcstorben. Aus einem oberbayerischcn Dorfe stammend, hatte er die Münchene? Kunstakademie besucht, verdankte aber sein bedeutendes Können Hauptsächlich sich selbst. Vor einiger Zeit beging Generalarzt a. D. Richard Leo den Tag, an dem er vor 50 Jahren da5 Examen pro praxi medica" mit vorzüglich gut" ablegte. Lange Jahre stand Dr. Leo im sächsischen Militärdienste. V r a m b a ch. Die diamantene Hochzeit feierten der Holzhändler und Bauunternehmer Christian Schüler und Frau in seltener Rüstigkeit. Demitz - Thumitz. Vor kuizem ist der Steinarbeiter Krause aus Naundorf im hiesigen Granitsieinbruche,.Jungfernstein" dadurch schwer verunglückt, daß ihm ourch eine nieder--hende Wand, der er ausweichui wollte, das linke Bein zerschlagen worden ist. Krause ist im Stadtkrankenhause zu Bautzcn seinen schweren Verletzungen erlegen. G l a u ch a u. Letztens gericth bcim Rangiren auf dem hiesigen Bahnhöfe der Rangirer Ncuhaus aus QöersckiöHausen zwischen die Puffer zweier Wagen, die ihm den linken Arm derar; zerquetschten, daß er im StadtkrankenHause amputirt werden mußte. Heidelberg. Dieser Tage U ging der Drechsler und Wirthschaftkbesitzer Wilhelm Friedrich Preißler mit seiner Ehefrau die goldene Hochzeit. Der Jubilar ist ein Duppelstürmcr von 1849. K e m t a u. Beim Versuche, ein Schadenfeuer, das in seinem Hause ausgebrochcn war, zu löschen, fand der Besitzer Daniel den Tod in den Fla?nmen. Kinder, die auf dem Oberboden mit Streichhölzchen gespielt hatten, sollen den Brand verursacht haben. Leipzig. Der Assistent an dc? hiesigen Universität Privatdozent Dr. phil. Rich. Ludwig Friedrich ist zum außerordentlichen Professor für Zoologie ernannt .worden. Als der Tapezierer Julius Mebnert durch die Anlomenltratze, ging, erhielt er einen Schuß ins Gesicht. Das Projektil durchdrang die rechte Wange und riß drei Zähne heraus. Auf die Hilferufe des Getroffenen eilten Leute, herbei und brachten ihn in seine Wohnung. Lengenfeld. Feuer entstand kürzlich in dem unbewohnten Hintergebäude der Thomas'schen Färberei und äscherte ersteres völlig ein. Die Flammen sprangen auf das große WohnHaus dis Kqufmanns und Materialwaarenhänblers Hayn über, und legten es ebenfalls in Asche. Zließlich ergriffen die Flammen aüc das Hayn'sche Hinterhaus und vernichteten es. Prof. Dr. Braun von der hiesigen Diakonissenanstalt ist zum Nachfolger des verstorbenen Direktors des Zwickauer Krankenhauses, Prof. Dr. Kurz, bestimmt worden.
