Indiana Tribüne, Volume 29, Number 129, Indianapolis, Marion County, 24 January 1906 — Page 5

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Molly.

Von Lotte Gubalke. Auf dem dreieckigen Grasfleck, der ; h-r Kiebelseite des letzten Sauses cm von Wahlstatt unter einem alten Esr r r -, .!.!. . II Ilgvirnenoaum iicy ausorciiele, qaiien sich die Knaben und Mädchen zum abendlichen Spiel versammelt. Von bornherein spaltete sich die lustige Schaar in Ober- und Unterstädier. Und weil die Oberstädter naturgemäß, da sie aus dem älteren Stadttheil stammten, in dem die alten Bürgerfamilien eingesehen waren, sich mehr dünkten, als die Unterstädte?, war stets eine heimliche Erbitterung bei den anderen zu spüren. Den Hut nach hinten geschoben, so daß die blonde Haarlocke auf die Stirne fiel, fast bis in die grauen Augen, und , die Hände u: den Taschen der Joppe versenkt, stand Konrad Volkmann unter dem Baum und blickte mit sichtbarem Hohn auf einen sommerfproffigen. rothhaarigen Jungen, der straff die kecke, ein wenig nach oben gebogene Nase so hoch wie möglich trug und mit scharf klingender Stimme sich vernehmen ließ: 6s geht dich doch nichts an, wen wir zum Hauptmann wählen! Wir haben geloost und es ist unsere Sach' alleine. Außerdem hat sie es verdient." So, womit denn?" Sie hat den lahmen Lehr aus dem Wasser gezogen, ganz alleine!" Dann hättet ihr erst gar nicht loosen. sollen, dann hättet ihr sie frei wählen müssen." Ein Mädchen, das bis jetzt mit uniergeschlagenen Armen fast regungslos an der Hauswand'angelehnt dagestanden hatte, sprang auf den rothen Kühn zu, legte ihm die Hand auf den Mund und rief: Das geht den da nichts an! Und habt ihr denn Gründe gehabt, als die Oberstädter den da wählten?" Den da? Weißt wohl meinen Namen nicht. Räuberhauptmann? Die Welsen sind keine Räuber!" Die übrigen Kinder, wohl zwanzig en der Zahl, schaarten sich um ihre Führer und nahmen mehr oder wemger Partei, indem sie miteinander tuschelten und mit nicht ganz zart gewählten Scheltworten gegeneinander losgingen. Wenn ich dich rufe, werde ich dich schon beim rechten Namen nennen!" ; Konrad zog die Hände aus den Taschen und ging einen Schritt auf das Mädchen zu. Unwillkürlich streifte er die Aermel zurück, ballte die Fäuste, wie zum Angriff. . .Das Mädchen wich keinen Zoll breit zurück, kam ihm auch nicht entgegen Die Hände 'lässig auf dem Rücken in einander geschlungen, den Kopf kaum merklich, .gesenkt., erwartete sie- ihn. Ueber ' ihr feines Gesicht huschte ein Lächeln, dabei war die Oberlippe wenig nur geschürzt. Ihre . braunen Augen leuchteten spottlustig. Noch zwei Schrittewar Konrad von dem Mädchen entfernt. Dann ließ er plätzlich die Hände sinken und sagte verächtlich: Werd' ich mich mit einem .Mädchen einlassen!" Der kleine rothe Kühn war mit kaUnartiger Geschwindigkeit dicht hinter das Mädchen gerückt und drängte sich jetzt mit geballten Fäusten vor. Aber eine Handbewegung drückte ihn zurück. ; Ich brauche keine Hilfe!" Mädchen hauen ist feige!" rief einer von den Unterstädtern. Halt den Mund, Wöhlmann." gebot das Rädchen, bis er mich haut! Und dann, brauche ich dich auch noch nicht." Eine bängliche Stille entstand. Konrad Volkmann drehte sick auf dem Absatz herum und sagte zu seinen Kameraden: Im Grund genommen können die Unterstädter machen, was sie wollen sie haben das Recht dazu, wie wir auch. Mögen sie zum Hauptmann wählen, wen und was sie wollen! Also los!" Die Waiblinge hatten heute die Welfen zu söchen. Also blieben sie so lange mit abgewandten Blicken stehen, bis diese sich in dem hügligen Gelände versteckt hatien, das sich hier längs der Landstraße hinzog. Es war wie geschaffen zum Versteckspielen. Gleich hinter einem Hohlweg lag eine Ziegelei für Feldbrand, daneben ein Kalkofen. Da gab es Verschläge und Gemüllhaufen, hinter die man sich verschanzen konnte: verwildertes Ge . lande ehemalige Gärten, die ihrer kostbaren Tonschicht wegen nach und nach abgebaut wurden. Hier und da war. eine gefallene Laube oder ein Werkzeugschuppen, immer bot sich irgendwo ein Unterschlupf. Me kindliche Phantasie belebte diesen prosaischen Gegenwartsbestand mit Erinnerungen an eine bewegte und glorreiche Vergangenheit. Die Wartezeit war verstrichen Konrad Volkmann gab das Signal ' zum Ansturm. Die Waiblinge stürzten sich heute mit doppeltem Eifer in den Kampf. Aber sie hatten kein rechtes .Glück. Während sie suchend alle Hecken und Winkel strichen, stürmten immer mit Hurra und Halloh die Welfen auf den Anschlag" zurück, der ihnen Freiheit verbürgte. Nur wenio .Gefangene wurden gemacht, und der .rothe Kühn rieb sich vergnügt die Hände.' Das würde heute mit dem Spießruthenlaufen nichts werden! Dieser hochmiithige Herr Konrad Volk

im, ver sich so gern Konradin nennen ließ, würde keine großen Siege zu verzeichnen haben! Alle waren schon wieder auf dem Platz versammelt, die ganze Schaar der Ober- und Unterstädter, die sich in der Rolle alter deutscher Kamvfaesellen und Widersacher so wichtig vorkamen. Die Dämmerung senkte sich Hera'). Eine von Blüthenduft und Käfersurren durchsetzte Dämmerung. Die bnden Anführer fehlten: Konrad Volk-' mann und Molly Werth. Er kann lange fuchsn, bis er die findet!" triumphirte Kühn und ging, die Hände in den Hosentaschen, schmunzelnd unter dem blühenden Birnbaum auf und ab. Der duftete so süß und seine Blüthen sahen so verheißungsvoll aus, daß kein Mensch denken konnte, wie bitter, zäh und sauer zugleich seine Früchte wären. Ja, Kon'radin konnte lange suchen, bis er seine Gegnerin fand. Und endlich hatte er sie doch entdeckt. Von einem starken Eichenbohlenzaun umgeben, lag inmitten der Ziegelei eine große Kalkgrube. Außen am Zaun wuchsen Brennesseln und Schlehgestrüpp. Innen war auf dem schmalen Weg, der um die Grube führt, nichts von Vegetation zu finden, da die Kalkmassen jedes Leben verfengten. Die Grube war sonst immer mit Brettern überdeckt. Eine Warnungstafel verkündete ihre Gefährlichseit. Heute hatten es die Arbeiter allzu eilig gehabt, heim zu kommen, nur ein schmales, schwankes Brett deckte die Grube, während die anderen aufgestapelt am Zaunstanden. Sie ragten zur Hälfte darüber, und Konrad würde achtlos vorüber gestrichen sein, wenn seine scharfblickenden Augen ihr leises Schwanken nicht wahrgenommen hätten. Er schlich bis zur Thüre, die am entgegengesetzten Ende lag, wollte umkehren, da er sie verschlossen fand, als ihm zur rechten Zeit einfiel, daß dies kein Beweis für Mollys Abwesenheit zu sein brauchte. - Er kletterte also über den Zaun, indem er das Schloß als Trittbrett benutzte, und . stand nun gerade dem Vretierhausen gegenüber. Der verdeckte nicht ganz Mollys helles Kleid. Er rief frohlockend: Da hätten wir' ja die edle Welfin! Richtig in einer Sackgasse gefangen!" Erst fangen dann hängen," antwortete Molly, hinter dem BretterHaufen hervortretend. . Ihre Augen funkelten, jeder Nerv in ihrem Gesicht bebte. ..Ergib dich, kühne Molly, es ist ja keine Möglichkeit zu entkommen vorHanden!" Während er das sagte, ging er vorsichtig auf dem schmalen Weg zwischen Grube und Zaun auf sie zu. Ich- rathe Mrdort zu bleiben wo du bist," rief das Mädchen mit züsammengezogenen Brauen. 'Es -ist ganz vergeblich du fängst mich nicht!" ' Meinst du, es gelingt dir, mir zu entkommen? Ueber den Zaun? Der ist von außen zu erklimmen, von innen nicht! Da fehlt die Schuttmauer, und rechts ist der Zaun so nahe an der Grube, daß nicht ein Fuß breit Boden zum Treten da ist! Willst du in dem kochenden Kalk versinken?" Lieber als mich von dir fangen lassen, du du . . Konrad, lachte laut auf; was war doch diese Molly für ein kleines, keckes Ding! Er ging vorsichtig weiter, holte sein Taschentuch heraus, drehte es zusam men und freute sich auf den Augenblick, wo er sie an den Händen fesseln würde. Da geschah das Unerhörte. Molly stand auf dem schwanken Brett, das über der Grube lag und nun ging sie nein sie flog! Das schmale Brett schwankte und bog sich, und wenn es brach dann o gerechter Gott. Konrad faßte mit der Hand in die Liift, er wollte schreien er wollte sie beschwören, zurückzugehen, aber kci Laut kam über seine Lippen. Und die tollkühne Flucht gelang. Oder träumte er? Als er wieder Herr seiner Sinne war, sah er eine helle Gestalt, die den Fuß auf die Thürkrampe fetzte einen kühnen Klimmzüg unternahm und sich emporschwang . . . Dann meinte er einen Fall und einen leisen Wehlaut zu hören. Er lauschte. Nein, er hatte sich wohl geirrt. Alles blieb still. Konrad starrte auf das Brett auf die Grube ging dann nach der Thüre und fand ein Fetzchen von einem weißen Batistkragen an der Innenseite der Planken hängen. Er hob es auf und steckte es mechanisch in seine Tasche. Sollte er hinter diesem wilden Mädchen Herrennen, die schlimmer als ein Strauchdieb war? Das konnte ihm nicht in den Sinn kommen. Konradin war wirklich heute der letzte Hohenstaufe" auf dem Plan unter dem Birnbaum. Der Mond war mittlerweileMfgegangen und hing voll und rund am dunkelblauen Frühlingshimmel. .J Der alte Birnbaum duftete stärker noch, und die Unter- und Oberstädter, die sich stolz Welf und Waibling nannten, empfingen Konrad Volkmann in großer Aufregung. Molly hat sich den Fuß verstaucht der alte Mühlenkamp hat sie auf seiner. Schiebkarre heimgefahren,' er fand sie zehn Schritte von der Kalkgrübe am Wege liegen," tönte es dem Hauvte der Waiblinge entgegen. Und die Welfen haben gewonnen.

wir müssen sie morgen noch einmal berennen." Sie haben alles mit gemeiner Mädchenlist getrieben sie haben sich gar nicht richtig versteckt " Sie saken hinter den Büschen am

Weg! Kein Mann wählt die zum Vertteal (sanz nahe am Änjchlag! &t wischten hervor, während wir uns reelle Mühe gaben." Pfui, so eine Mädchenwirthschaft..." So tönte es Konrad von allen Seiten entgegen. Schweigt still'jetzt das Schreie nützt nichts!" Konrad machte ein verächtliches Gesicht, als er das zwischen die empörte Schaar rief. Es kam heute Abend zu keinem Spiel mehr. Allerhand heftige Anklagen und Verspottungen flogen hin und wieder. " Dann gingen .die besiegten Waiblinge in kleinen Trupps nach Haus. Sogar auf das Spießruthenlaufen hatten die Welfen verzichtet. Sie hatten Rachedurft im Herren. Mollys Fuß war nicht verstaucht er war gebrochen. Einige ihrer Kameradinnen hatten die hellen Sommerkleider an den dornigen Hecken zerrissen, und der Rektor der Lateinschule hatte Klage geführt! über den mangelhasten Ausfall der Extemporalien. Die Aufsätze hatten einen, lyrischen oder romantischen Tharakter seit die Schlehen blühten und die Amsel sang, das junge Laub sproßte und die Bäume anfingen, längere Schatten zu, werfen. Will sich jemand darüber wundern, daß ein ernstliches Verbot gegen dieses gemeinsame Spiel in den Thalschluchten vor der Stadt erging? Das Leben der Alltag trat in sein Recht das lustige Spiel war aus. Länger als ein Jahrzehnt war vergangen. Draußen vor den Thoren der Großstadt, da wo sich der Wald am Fluß hinzog und Wiesen und Ackerland und freundliche Dörfer an feinen Ufern lagen, hatten 'Menschenfreude für kranke Kinder eine Erholungsstätte gegrllndet. Baracken waren errichtet worden, Spielplätze und Bäder. Zwischen den Stämmen eines Fichtenbestandes, auf sonnendurchwärmtem Waldboden befanden sich allerlei Vorrichtungen zum bequemen Liegen und Sitzen für die ganz Elenden. Kleine Jammergestalten dämmerten da in Hängematten und Liegestühlen ihrer Genesung oder ihrem Ende entgegen. Ihrem Ende? Wer will das beHäupten? Vielleicht einem neuen, Morgen auf einem helleren, . glücklichen Stern. Eine ' junge Schwester - im grauen Kleide' der Barmherzigkeit ging von tUt nem Schmerzenslager zum anderen und theilte Milch und Leckerbissen aus! Für jedes von den kleinen elenden Wurmchen hatte sie einen Scherz oder ein Neckwort.' Das zog die Kleinen ab' von der traurigen Gegenwart und löste eine lange Kette lustiger Phantasiegedanken los. , ' Sie selbst zog beim Gehen den linken Fuß etwas nach sie hinkte. Es behinderte sie nicht in ihrer Arbeit und dämmte nicht ihren Frohsinn, es milderte ihr Temperament. Als sie .mit dem Austheilen des Frühstücks fertig war. setzte sie sich inmitten des kleinen Kreises nieder. Bald sang sie, bald erzählte sie, und die Kinder waren voller Lust und Freude. Auf einem schmalen Sandweg. der von einer Baracke her nach .dem Spielplatz der Kinder führte, kam eilig eine ältere Schwester. Sie hatte etwas hastige und eckige Bewegungen. Ihre Stimme klang manchmal ein wenig rauh besonders dann, wenn sie es gut meinte. Schwesterchen. kommen Sie doch mal her hierher, unter den Holunder!" Als die Jüngere vyr ihr stand, sagte sie ärgerlich: Thun Sie das doch nicht nehmen Sie das Kind nicht so'nahe an sich! Sie dürfen es nicht küssen! Ich sagte Ihnen das schon so oft! Wollen Sie sich den sicheren Tod holen?- Sie hinken das üngstigt mich hatten Sie in Ihrer Jugend eine Gelenkentzündung, dann durften Sie überhaupt nicht gerade auf dieser Station pflegen!" Nein ich brach mir beim Spiel den Fuß . davon koinmt es." Von einem schlecht geheilten Bruch wahrscheinlich schade schade!" Es war ein complicirter Fall ", die junge Schwester erröthete urwillkürlich. Also nur nicht tollkühn. Kind ich muß hinein der Professor kommt gleich." Was liegt klxi mir, dachte die Schwester, während sie sinnend unter dem Holunder stand. Sie hatte keinen Menschen auf der weitewWelt, der ihr näher stand, als diese Kinder. Wenn sie ihnen Liebe und weiche Zärtlichkeit gab, nach denen sie sich sehnten so that sie etwas Tollkühnes? Ach du liebe Zeit. Sie wollte sich selbst mit einem Scherz über eine trübe Stkmmung hinweg helfen, aber es gelang :.. cvrv. ncr n. I lii uiui, viuv -tvuut jiui itty in qx Auge. Sie ging langsam auf den Spielplatz zurück und beaufsichtigte, wie die Wärterinnen die Kleinen wieder ins Haus brachten. Ss war dämmerig geworden die

Abendkühle kam herab, um die Natur zu erlaben. '

An emem Fenster der Baracke stand der Professor mit der alten Schwester und einem jungen Arzt. Er erklärte diesem die Einrichtungen der Anstalt.die Grundsätze, nach denen hier die Leiden bekämpft wurden, Leiden, die er die Würgengel der Menschheit nannte. Auf die junge Schwester zeigend, sagte er: Das ist unser guter Engel ," und zu der alten gewandt: Haben Sie übrigens gefragt, woher ihr Hinken stammt ob es nicht etwa " Nein, nein, seien Sie ohne Sorge sie hat beim Spiel den Fuß gebro--chcn ," unterbrach ihn die alte Schwester. Der junge Arzt hatte mit gespanntenMienen den Reden der beiden zugehört und sah jetzt mit brennenden Blicken auf das schlanke Mädchen, das über den Platz zwischen den Stämmen daherkam. Molly," rief er unwillkürlich. Ja, so heißt sie Molly Werth kennen Sie sie denn?" fragte der Professor erstaunt.Ja ich kenne sie ich kannte sie vor Jahren. Ihr Vater war vorüvergehend in meiner Heimathstadt stationirt dann, zogen sie fort ich verlor sie ganz aus den Augen." In Gedanken setzte er hinzu: Aus den Sinnen nicht." Sie ist eine Waise," sagte die alte Schwester. Es gab noch viel zu sehen in des Professors Kinderheim, und wenn er nicht so hingenommen wäre von seinen Plänen und Ideen, für die er feinen jungen Freund gewinnen wollte, so hätte er bemerken müssen, wie dieser immer zerstreuter wurde und bald nach dem Fenster und bald nach der Thüre sah. AlsoSie bleiben ein Vierteljahr hier sehen sich alles genau an und führen meine Ideen dann im großen Stil aus?" Ja es kommt darauf an lassen Sie mir bis morgen Abend Zeit für eine endgültige Antwort.? Der Professor war etwas ärgerlich was fiel seinem jungen Freund ein! Wie Sie wollen. Doktor Volkmann." : Schwester Molly ging noch einmal durch den Schlafsaal und überzeugte sich davon, ob jeder sein Recht bekommen hatte. Da gab es so viel Leid und Schmerz auf kleinen, blassen Kindergesichtern! Sie trat fast an jedes Bettchen und streichelte und. tröstete. "Dann fand sie sich zu den anderen Schwestern, es waren ihrer noch zwei, unter dem Holunderbaum. Aber bald trieb es sie wieder in den großen Garim hinein immer um diese Zeit hatte sie mit' dem Heimweh und " der Sehnsucht zu kämpfen. Zudem hatte die Frage der Oberin alle alten Erinnerungen geweckt an eine glückliche, frohe Kinderzeit. Was ging sie das an, was die Schwestern so lebhaft bewegte: der junge Dokter, den der alte Professor als Volontär aufnehmen wollte, damit er seine Kinderpflegeanstalt kennen lernen sollte, um eine neue im ganz großen Stil zu gründen! Sie war nicht beim Abendessen geWesen, sie, hatte Säalwache gehabt sie mußte lächeln über die begeisterten Schilderungen, die sie von "dem Neuankömmling entwarfen. Am anderen Ende des Gartens lag die Wohnung des Professors, ein kleines, anspruchloses Landhaus. Sie vermied es, ihm nahe zu kommen, und schlug einen Seitenweg ein, der vor einer Pforte am Zaun endete, die in den Wald führte. Sie trat hinaus und setzte sich an den Rain am Weg zwischen Moos und Heide nieder. Sie hatte nicht bemerkt, daß ihr jemand gefolgt war. Erst als die Gartenpforte ins Schloß fiel, schaute sie auf. Fast wäre sie zu Stein erstarrt. Konrad Volkmann! . Sie saß lautlos da unfähig ein Wort zu reden. Er kam auf sie zu und sagte: Schwester Molly Werth, das Schicksal oder der WeNlauf führt uns wieder, zusammen nicht auf einem Spielplatz, sondern auf einem ernsten Arbeitsfeld ich weiß nicht, wie Sie darüber denken darf ich hier bleiben oder ist es Ihnen lieber, wenn ich gehe?" Sie , hatte sich beim Klang seiner Worte wiedergefunden. Konrad Herr Doktor, wenn eine? zu gehen hätte, wäre ich es aber ich denke, wir sind beide alt genug, um die thörichten Kinderstreitigkeiten beifeite lassen zu können. Man thut seine Pflicht alles andere besieht nicht für uns!" ' Er machte eine zustimmende Verbeugung. Es wird kühl der Ab?ndthau fällt wollen Sie nicht heimkehren." Sie wurde einen Augenblick verwirrt. Jetzt erst kam ihr zum Bewußtsein, daß er, wenn sie. jetzt aufstände, sehen würde, was ihr jene Tollkühnheit damals, als sie die Kalkgrube überschritt und den Zaun überkletterte, eingetragen hatte. Gleich darauf aber kamen Trotz und Stolz wieder zu ihrem Rechte. Sie erhob sich. Ich scheue nicht den Abendthau aber die Pflicht ruft, deshalb werde ich heimgehen Er -unterdrückte ein Lächeln. Sie war immer noch dieselbe.-

Sie schritten gemeinsam durch die Pforte und er blieb auch an ihre? Seite, als sie auf die Baracke zuschritt. Seine Blicke streiften ihre schlanke Gestatt, ihr hübsches, feines Gesicht, ihren welligen Scheitel, den die weiße Schwesternhaube krönte. Er dachte: Die wilde Molly im Dienst .der Barmherzigkeit, wie konnte das nur geschehen!" Er fragte nicht, wie sie dazu gekommen sei, Schwester zu werden , er dachte daran, daß sie die Oberin eine Waise und sein Lehrer einen guten Engel genannt hatte, und daß seine Knabenliebe, seine ersten reinen Gefühle diesem Mädchen gehört hatten. Er schwieg und wünschte heiß zu wissen, ob sie in den Jahren, die zwischen jenem und diesem Abend lagen, den Groll, den sie stets gegen ihn zur Schau trug, geschürt hatte ob ihr Unglück diese Verbitterung gemehrt hatte. Also auf gemeinsame Arbeit, Schwester Molly!" Gute Nacht. Herr Doktor. Sie gab ihm flüchtig die Hand und ärgerte sich, daß sie. so heftig dabei bebte. Das gab nun ein Fragen unter dem Holunderbaum und ein karges- Ant Worten. Gewiß, sie hatten sich als Kinder gekannt, wie man sich so kennt. Er der Sohn reicher, alteingesessener Bürgersleute sie das Kind des Richters, der vorübergehend an dem Gericht der Stadt gearbeitet hatte. Es ist so lange, lange her , was liegt alles dazwischen! Und' nun arbeiteten sie zusammen, wie sie früher miteinander gespielt hatten. Sehr oft kam wieder der gleiche Trotz über Molly; sie neidete dem Mann seine Kraft, seine Ueberlegenheit. Sie mühte sich ab, ihm nicht nachzustehen. Sie arbeitete mehr, als ihre Kraft aushielt. Es war ganz vergeblich, daß die Oberin warnte und der Professor ernstlich böse wurde. Es war wieder das alte Ringen zwischen ihnen: wer ist der Stärksie, wer bleibt Sieger. Hätte die Oberin nicht so scharfe Augen gehabt, wäre der Professor nicht ein so guter Seelenkenner gewesen, wer weiß, was dann' entstanden wäre wahrscheinlich 'wäre noch mehr in die Brüche gegangen, als ein Fußgelenk. . ' Und es war sehr merkwürdig: die Arbeit der beiden hatte, ähnlich wie die Schularbeiten der, Kinder von Wahlstatt, wenn sie zur Zeit der Schlehdornblüthe und des Amselgesanges gemeinsam vor dem Thore spielten,' eine besondere Note. Molly war noch liebevoller zu ihren Schützlingen; ihre Lieder, die sie mit ihnen sang, waren noch schöner und wehmüthiger, und Konrads Streben gewann an Innerlichkeit.. ' Als der Professor nnd die Oberin an einem Sonntagabend ' gemeinsam unter dem Holunderbaum standen, der voll reifer, schwarzer Beeren hing, meinte er: Ich denke, wenn Volk-

mann sein KinderhauS in Wahlstat baut, ernennt er Schwester Mölly zur Oberin ' obgleich sie sich gegenseitig jeden Erfolg neiden!" Haben Sie schon einmal eine große Liebe ohne Kampf und Neid entstehen sehen?" fragte die Oberin. Also Sie meinen auch, es' ist das alte Lied: Wem nie von Liebe Leid geschah?" Die Oberin stimmte ihrem alten Freund bei. Sie seufze leise und fuhr sich mit dem Tuch über die Augen. Wollte Gott, sie fänden: Die Harmonie der Treue, die - kein Wanken, Die Freundschaft, die nicht Zweifelsorge kennt!" Nur Geduld, nur Geduld," sagte der Professor, es kommt schon so, wie es soll und muß." Und wirklich kam tZ so. Konrad und Molly haben an einem Frühlingsabend, i als die Hecken in Blüthe standen, gemeinsam den Weg nach Wahlstatt angetreten. Am Abend vorher hatte sie ihm den Namen gegeben, den sie ihm seit jenem Abend, da sie mit ihm H:e Welf hie Waibling" gespielt, vorenthalten hatte. Als er sie frug, ob sie mit ihm gehen wollte nach Haus, rief sie: O. öu Geliebter." Da fanden sich ihre Lippen im Kuß. Ihre Herzen gehörten fchon lange zusammen. ' ' Das Geheimniß des Schnees. Von Charles Foley An einem langen Winterabend in unserem alten, tief verschneitem 'Hause erzählte uns unsere alte Tante folgende ..Gespenstergeschichte" aus ihrem Leben: Wir wohnten inNorwegen, als mein Vater noch lebte. Ich war neunzehn Jahre alt. Man wußte, daß ich rekh war, und die Freier blieben nicht aus. Aber anstatt unter ihnen für mich zu wählen, die alles thaten, um mir zu gefallen, wünschte mein Vater und eine gewisse Madame Gunner, die' großen Einfluß auf ihn hatte, mich mit ibrem Sohn Harald zu verheirathcn. Harald Gunner war ein schöner, bei- den Frauen beliebter Mann, und auch ich freute mich über die geringste Äufmerk. samkeit, ' die er mir erwies. Aber er machte sich nichts aus mir. Am Tage, als seine Mutter ihm er-

klärte und ihr Wille war entscheldend mich als seine Braut zu bctrachten, verrieth seine Kälte und einstudirte Höflichkeit jedem Beobachte? das Fehlen einer ernsten Neigung. Ich war noch zu jung, um Haralds Gefühle zu verstehen, und doch hatte ich bei der gezwungenen Liebenswür digkeit, mit der er mich umgab, ein Gcfühl der Trauer. Aus einigen Bemerkungen neidisch?? Freundinnen glaubte ich herauszuhören, daß Harald eine andere li:dc, und eine Unruhe bemächtigte sich rnnner. die ich nicht zu gestehen wagte. - Unsere Verlobung wurde in unsereTTk . Hause festlich begangen. Der Saal war über und über mit Blumen ge? schmückt, die einen betäubenden Dust ausströmten. Ich trug die silberne, perlengcschmückte Brautkrone. Man sagte mir, daß, ich reizend aussehe, doch die Schmeichelei erfreute mich wenig, dnm Harald kümmerte sich nicht darum. Er beschäftigte sich viel mit einer jungen, sehr hübschen Wittwe, Klara Woerdal. Sie hatte längere, Zeit in Petersburg gelebt und ein etwas freies Benehmen, das mich abstieß. Mein Bräutigam tanzte sehr viel mit ihr. Gegen Mitternacht trennte man sich. Madame Wocrda! war eine der letzten. Da sie Niemand hatte, der sie nach Hause geleiten konnte, bat Harald mich um die Erlaubniß, sie zu bringen. Obgleich seine Stimme zitterte und er sehr bleich bei der Frage wurde, tz schien mir sein Verhalten mir gegenüber sehr höflich, d:nn er hätte es thun können, ohne mich zu fragen, ohne das; ich es je erfahren hätte. Ich gob meine Einwilligung, die mich viel Ueberwindung kostete.' und bezwäng meine aufsteige-nde Eifersucht. Als er und die junge Frau gegangen waren, stieg eine bange Ahnung kommenden Unglücks in mir auf, und ich bereute meinen Stolz bitter, der mich gehindert hatte, ihn zurückzuhalten. - Ich schloß mich in mein Zimmer ein, und fieberisch aufgeregt fand ich keinen Schlaf. Ich hüllte mich in Decken undsetzte mich auf den Balkon, in der Hoffnung, die beiden zu erspähen. Aber es gelang mir nicht. Es schneite unaufhörlich. und vor meinen Augen stand das Bild Haralds und Klara Woerdals.--Am nächsten Morgen wurden meine, schlimmsten Befürchtungen von der furchtbaren Wirklickkeit übertroffcn. Harald und Madame Woerdal waren verschwunden. Niemand hatte weder ihn noch sie geschen und alles Suchen in den Felsenklüften und Abgründen wa; vergeblich. Es war tiefer Winter und die Unisuchungen mußten bld eingestellt werden. . : Für mich folgten Tage der unauösprechlichsten Angst und Verzweiflung, dann wurden Monate stummer Trauer daraus dann Jahre der Ergebung. . Das Andenken an meinen Verlobten und meine noch immer große Liebe für ihn, ließen mich auf die Ehe verzich. ten.Nichts hatte meinen Argwohn bcstätigt,,daß Harald zu dieser Frau mehr als eine unschuldige Sympathie gehegt hatte. Der Schnee hütete den Lcich nam meines Verlobten und das &t heimniß seines Herzens. Ich hatte meinen Vater verloren, und war ein altes, einsames Mädchen, als an einem Morgen eines ungcwöhn. lich heißen Sommers mein alter Diener Ansen mir thränenden Augcs sagte.' daß Arbeiter einen grausigen Fund gethan hätten, über den nur ich Aufklärung geben könnte. Weiter sagte der Alte nichts und ich folgte ihm bangen Herzens. Auf Wink des Dieners gingen die Arbeiter beiseite, und vor mir lag ein menschlicher Körper, in Eis erstarrt. . . Ich neigte mich näher und stien einen wilden Freudenschrei aus. Ich erkannte den Anzug, das silberne Band des Bräutigam im Knopfloch und Harald selbst, wie ich ihn das lcyte Mab gesehen hatte. Ich, alt, runzlig, mit: weißen Haaren und vor mir der junge blühende Mann, den ich gelicbi hatte. Er schien friedlich zu schlafen, und mir war es, als müsse er die Augen öffnen und mit mir svrcchen. Es war ein seltsam feierliches Gefühl. Th?änen rollten mir über die Wangen undich fragwemich, ob ich geträumt hatte all die lange Zeit, die ich ohne ihn grlebt. Als ich die Hände vom Gesicht sinken ließ, stieß ich noch einmal einen Schrei aus. doch einen gellenden Verzweflungsschrei. Ansen hatte das Eis von HaraldsKörper gelöst und .... ich sah es in furchtbarem Schmerz .... sein Körper wurde von einem anderen um--schlungen. der Kspf eines Weibes da? sich in leidenschaftlicher Hingebung an seiner Brust, die nackten Arme umschlangen seinen Hals, ihre Finger umklammerten die seinen, alsderSchr.rc sie begrub .... ' . Ich wich zurück und schloß die Äugen vor Schmerz. Dann befahl ich . mit gebro er Stimme: , 7 Bedeckt sieMitSchnee, rct Schnee, auf sie, Schnee, viel, rryy.... C'r mag sein Geheimnis.' fahren . . . Bleich, zitternd bei itt Erinnerung, schüttelte die Alte ihren Kopf mit den langen weißen Locken: Darum bin, ich so traurig, wenn es schneit ..... so unsagbar traurig...-