Indiana Tribüne, Volume 29, Number 127, Indianapolis, Marion County, 22 January 1906 — Page 6
Jttdiana Tribüuc 22. Januar 1906
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KABSTADT M
Europäische Nachrichten.
Provinz Schlesten. B r e s l a u. Vor einiger Zeit beging der Postschaffner Wilh. Kelber, Friedrichstraße 40. das Jubiläum seiner 40jährigen' Thätigkeit im Staatsdienst. In der Restauration von Bartsch explodirte ein in der Nähe ernes brennenden Koksfüllofens stehender gefüllter Kohlensäurebehälter. Das ganze Lokal wurde demolirt. Die Gastwirthin und der einzige Gast, .der hiesige Gärtner Lanz. wurden schwer verletzt. A l t e n a u. Der Freisteller Gottfried Hantle kam mit der linken Hand in das Getriebe der Dreschmaschine. Diese zerriß ihm die Hand vollständig, so daß ihre Amputation nothwendig wurde. B a d S a l z b r u n n. Bei seltener körperlicher uird geistiger Frische und Rüstigkeit beging das Rentier Kühn'sche Ehepaar das Fest der goldenen Hochzeit. Görlitz. Der Arbeiter Kloß hatte sich zur Ruhe begeben, während seine Frau und .sein Stiefsohn nach semer anscheinend aus der Wohnung verschwundenen neunjährigen Stieftochter Hilda auf die Suche gegangen waren. Beide kehrten unverrichteter Sache zurück. Zu ihrem Schrecken fanden sie schließlich die Vermißte imter dem Strohsacke im Bette des Vaters vor, 'der ahnungslos längere Zeit neben der Leiche geschlafen batte. Das Mädchen, das einem Lustnro'rder zum Opfer gefallen ist, war schrecklich ver stümmelt. Der als muthmaßlicher Mörder verfolgte 20jäh?ige Arbeiter Pallmiz erhängte sich auf dem Boden eines Besitzers, als er sich umzingelt sah. E? wurde todt aufgefunden. K a r l s b u r g. Der Kolonist Karl Post von hier fiel auf der Nachhaufefahrt von Althammer vom Wagen, stürzte sich das Genies ab und war auf der Stelle todt. L o b e d a u. Dieser Tage starb Lehrer Krause, der ebenso wie sein Vater. dessen Amtsnachfolger er war. 36 Jahre hier gewirkt hat. Der Verstorbene war - seit vielen Jahren auch Standesbeamter und Schiedsmann. Poremba, Zwischen hier und Karl Emanuel Kolonie wurde der Bergmann Joitzik von der Straßenbahn überfahren und verstarb alsbald. . S o r a u. Ein Großfeuer zerstörte die Gemeinert'sche Leinenwaarenfabrik mit 100 Maschinen. Zirka 700 Arbeiter sind brodlos geworden. Wäldchen. Auf der hiesigen Station wurde der Bahnhossarbeiter Marx zwischen den Gleisen liegend todt und starr verstümmelt aufgefunden. ' Allem Anschein nach ist der Un glückliche bei Ausübung seiner Dienstpflichten von einem Zuge erfaßt und überfahren worden. Dem Verunglückten wurde der rechte Arm und der linke Fuß abgefahren und der Kopf bis zur Unkenntlichkeit zermalmt. Z a b o r z e. Auf dem Ostfelde be! Königin Luise - Grube im RedenPochhammerflöz verunglückte der Häuer Adolf Jurittto zu Tode. Er erlitt beim Pfeilerabbau durch plötzlich herunterstürzende Kohlenmassen einen Bruch der Wirbelsäule. Provinz Sactzsen. Magdeburg. Aus Anlaß sei nes silbernen Geschäftsjubiläums gao der Drrektor und Prokurist der R. Wolf'schen Maschinenfabrik in Buckau, Ferdinand Wolff. den Beamten der Firma im Friedrich Mlhelms-Garten einen Commers. Aken. Durch ein gewaltiges Feuer wurde das Hauptgebäude der Dampwraupenmühle von Täntzler & Co. in Asche gelegt und ein Schaden von 500,000 Mark angerichtet. E i l e n b u r g. Im hiesigenKrankenhause starb der Schneidermeister Petersohn aus Jesewitz an Verletzungen, die er sich durch einen Sturz vom ade zugezogen hatte. Hadmersleben. Der Schauspieler Fritz Lüder wurde während einer Theateraufsührung vom Herzschlage getroffen und war sofort todt. M a r t i n f e l d. Das seltene Fest der diamantenen Hochzeit beging der Maurer Christian Waldmann mit seiner Ehefrau. Nach dem GotteSdienst wurde dem Jubelpaar vomOrtsPfarrer im Auftrage der Regierung ein Gnadengeschenk überreicht. Nöschenroda. Letztens brach beim Schuhmachermeister Hinüber in der Kaiserstraße Feuer 'aus, das den Dachstuhl des Hauses und des Nachbarhauses zerstörte. Quedlinburg. eDr entomologische Verein für unsere Stadt und Umgegend beging im Gasthos zur gcldenen Sonne" das Fest seines 25jät) rigen Bestehens. ' R i e st e d t. Auf der Eisenbahnsirecke Blanckenheim - Sangerhausen wurde bei dichtem Nebel der Bahnausseher Wagner von hier von einem Zuge erfaßt und getödtet. S t a ß f u r t. In der hiesigen deutschen Fabrik II stürzte der 17jär rige Zimmergeselle Krapp aus Atzendorf aus unbedeutender Höhe herab und zog sich so schwere Verletzungen zu, daß er im Krankenhause nach kurzer Zeit starb. Wittenberg. Ein scheußliches Verbrechen ist in unserem Vorort Klein Wittenberg entdeckt worden Die verehelichte Wikler, welche von ihrem EheWSNfl getrennt lebt, hat vor
einiger Zeit heimlich geboren und das Kind, nachdem sie es in ein Tuch gewickelt hatte, im Garten vergraben. Nachdem die Obduktion der Leiche stattgefunden hatte, wurde die Winkler verhaftet und dem hiesigen Amtsgefängniß zugeführt.
Frovinz Fosen. Zofen. Der Besitzer &3 Rittergutes Wroniawy, Generalkonsul Max v. Gokdschmidt - Rothschild, spendete zur Erbauung emes Krerskrcmkenhauses für den Kreis Bomst 130.000 Mark und zur Neno'orrung der Synagoge zu Wollstein 10,000 Mark. Argen au. Letztens beging der im Jahre 1880 gegründete Sterbekassenverem mit semer Hauptversammlung gleichzeitig die Feier seines 23jährigen Bestehens. Seit seiner Gründung gehörten , dem Verein 738 Mitglieder an. Für die in den 25 Jahren Verstorl'enen wurde ein Ster begeld von insgesammt 15.000 Mark gezahlt. Jetzt zahlt der Verein 372 Mitglieder. Das Vereinsvermögen beträgt 4.844 Mark. Bromberg. Auf der Reise von Hohensalza hierher hat sich in einzi Abtheil 2. Klasse der Kaufmann Sally Todtenkopf von hier erschossen. Ein Grund zu dieser That iit nicht bekannt geworden. Jastrow. Dieser Tage wurde der verstorbene Probst Fengler, welcher etwa 45 Jahre Seelsorger der hiesigen katholischen Gemeinde gewesen ist. unter großer Betheiligung der Bürgerschaff, des Magistrats und der Schuldeputation, deren Mitglied der Versiorbene war, zur letzten Ruhe geleitet. Der Dahingeschiedene hat sich unter allen Konfessionen der Stadt Liebe und Verehrung erworben. 'Krone. Letztens starb in Breslau der Strafanstaltsdirektor a. D. Wolff. Der Verstorbene war etwa 20 Jahre Direktor an der hiesigen Strafanstalt und trat vor einigen Jahren in den Ruhestand. Neu-Te kten bürg. Voreiniger Zeit ist dem Ansiedler Vreve die Scheune mit sämmtlichen noch vorhandenen Erntevonatyen niedergebrannt. Auch mehrere landwirthschaftliche Maschinen und Geräthe. die nicht versichert waren, sind verbrannt. Die Brandstiftung soll ein Racheakt sein. Im vorigen Jahre ist dem Breve auch die Scheune abgebrannt. Pinne. Ein Unglücks fall' neignete sich auf tem hiesigen Bahnhofe. Der vier Jahre alte Sohn des Bahnarbeiters Valentin Buszewski von hier verließ die elterliche Wohnung, um auf den Hof zu gehen. Als er jedoch nach längerer Zeit nicht zurückgekommen war, begab man 'sich auf die Suche nach ihm und fand ihn schließlich m einer etwa zwei Meter tiefen und bis auf 1 Meter gefüllten KloakenLru.be todt vor. Der Knabe 'hatte den Bohlenbelag der Grube betreten und war infolge der Verschiebung einer Bohle mit dieser in die Grube gefallen, Stephan Sdor f. Unlängst hat sich hier ein Unglück ereignet. Der Käthner Friedrich Schulz wollte auf den Anstand gehen, stärkte sich aber zuvor im Gasthofe. Hier geriet h er mit dem Käthnersohn Hein in Streit, und Hern drohte-dabei, von dem Gewehr Gebrauch ju machen. Der Drobung folgte die That. Hem schotz auf Schulz, fehlte ihn aber. Dagegen traf das Geschoß die Frau des Musikers Varczack so unglückrich, daß 'der Tod auf der Stelle eintrat. I n i n. Aus Anlaß seiner goldenen Hochzeit ist .dem Hausbesitzer Martin Plazalskr'schen Ehepaar die Ehejubiläumsmedaille verliehen worden. Tie Schattenseite. Fremder: Das finde ich hübsch, daß der Verschönerungsverein endlich diese schwerfälligen, hölzernen Ruhebänke entfernt und sie durch eiserne ersetzt hat." Bäuerin? Ja, aussehen thut's schon besser . . . aber womit heizen wir denn nun im Winter?" Der Weihnachts - Postd i e n st in London hat dieses Mal einen noch niemals dagewesenen Umfang angenommen. Die Postversendüngen von und nach Indien. Austra lien. Neuseeland, Canada und Südafrika überstiegen den Umfang des Vorjahres um 8 10 Prozent. Zur Bewältigung des Verkehrs hatte man an einer Stelle der Post sogar eine Kirche zur Verfügung gestellt. Die flafcl der in der Woche vor Weihnachen in London zu erledigenden Briefsendungen wurde von sachverständigen Postbeamten auf mehr als 1l2 Millionen geschätzt. Es erklärt sich dies daraus, daß es in England Sitte ist, zum Weihnachtsfeste zu -gratuliren, wie man auf dem Kolltment zu Neujähr Glück toüM
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Von Ernst StauS. fctti Lieder möcht' ich fingen noch Vor meinem letzten Gang Drei Lieder, fiift und märckensckön. Wie keines noch erklang: as erue an mein ZLatcrlcmo, , OaS ftnl miS NatK itnS CZ&mnrh nKfstnh tf - - vy j Ein Lied von bebrcm Scutvnnae? Dies Vrcislied an mein Vaterland. fT M f v f -' i c i 4. - &. sas luiige oann in raor uns ano. Ein jeder deutsche Junge. Da5 weite cm mein Mütterlein. - DaZ mich so treu bewahrt. 5us meine Sprache mich gelehrt Und meines Volkes Art. DaS Liedchen flöge wie ein Held Mit hellem Jnbcldurch die Welt: Und in der Dämmerstunde: Wo eine deutsche Kutte steht Da käm' es wie ein Dankgebet Bon zedcm Kindermunde... DaS dritte Lied daZ weiht' ich Dir Du meiner Iucicnd Tranm. Die Du die schönste Blüthe warst xin meines Redens Saum. Co keufch wie Du wie Du so rein So mützte auch das Liebchen sein Kioii -xut uno ZLlutyenzier: DaZ sänge jubelnd dann doch riPtn! DaZ nahm' ich still inZ Grab hinein . . . sts gait nur tt uno mir . . . Getheiltes ?n&. Humoristische Skizze nach dem Ungarischen von Armin Nonai. De. Geheimrath Karl Eisenberg war int seiner Familie ins Bad gefahren, um von den Strapazen des Arbeitsjahres Erholung zu finden, und gerade dort an dem der Gesundheit gewidmeten Orte, kam das große Leiden über ihn: er begann plötzlich zu dichten. Daheim im Ministerium verwaltete er seit vielen Jahren die Abtheilung für Vieh- und Pferdezucht; sein Beruf war dieEvidenthaltung der von der Klauenseuche und dem Milzbrand befallenen Gegenden", sowie die Maßnahmen zum Zwecke der Erzielung eines geigneten Pferdematerials für die Armee, mit besonderer Rücksicht auf die Artillerie" und nun bestieg er auf seine alten Tage das Flügelroß und wollte auf dem Parnaß reiten. Als er mit dem Stück, einem einaktigen Lustspiel fertig war, nannte er es Der helle Blick". Nach der Heimkehr von der Badereise war Geheimrath Eisenbergs erster Weg, dem Intendanten der Hofbühne einen Besuck abzustatten. Was ja ganz natürlich ist. Schreibt jemand ein Theaterstück, und sei es auch nur ein bescheidener Einakter, so m'ögte er es auf der Bühne aufgeführt sehen. Und zu diesem Zweck sind die Theaterintendanten nicht zu umgehen. Ja, man muß sie sogar eigens aufsuchen. Besonders, wenn man auf dem Gebiete des Stückeschreibens noch unbescholten ist. Her Karl Eisenberg hatte es freilich auch in dieser Beziehung viel besser, als irgend ein anderer Dichterneuling, denn er war Geheimrath im Ministerium. Und so ist es denn leicht verständlich, daß der Intendant des Hoftheaters . kaum, daß er im Klaren darüber war, was Hern Eisenberg zu ihm geführt hate, scheinbar ganz toll vor , Freude ausrief: Aber das ist ja großartig. Her Geheimrath, u. ich heiße Sie im Namen sämmlicher Musen der Funst bei uns herzlich willkommen. Das trifft sich überhaupt prächtig. Habe da ein französisches Lustspiel zur Aufführung angenommen, das den Abend nicht erfüllt. Also geben wir Ihren Einakter dazu. Schon in vierzehn Tagen wird die Premiere sein, und ich zweifle nicht, daß wir mit Ihrem eh, wie heißt denn das Werk?.nun, mit dem hellen Blick" einen durchgreifenden Erfolg erzielen." Der Intendant hielt Wort. Die Rollen des Einakters wurden sofort ausgeschrieben und vertheilt, die Leseprobe fand statt und man begann bereits in den für das Theater sich interessirenden Kreifen der Residenz von dem Stücke zu sprechen. Geheimrath Eisenberg von der Vieh- und Pferdeabtheilung im Ministerium sei unter die Lustspicldichter gegangen ! Das wirkte sensationell, und man war auf den Abend der Aufführung arg gespannt. . Da ereignete sich das Alltägliche, daß die Zensurbehörde an dem französischen Stücke, das gleichzeitig mit dem hellen Blick" hätte aufgeführt werden sollen, manches auszuseO.n fand. Eigentlich alles. Natürlich äus sittlichen Gründen. AndereGründe gibt es ja bei den französischen Lustspielen nicht. Also mußte sich der Intendant dczu entschließen, den Franzosen vom Repertoire zu nehmen und in einer Verbesserungsanstalt unterzubringen. . Zur Ausfüllung des Abends hieß es nun ein anderes Stück finden. Das war für den Intendanten keine schwere Aufgabe. Er ging ins Archiv und griff blind in die Abtheilung der in den letzten fünf Jahren eingereichten Lustspiele hinein und zog eines der vergilbten und verstaubten Manuskripte hervor. Der Zufall führte ihm ein lyrisches Lustspiel unter die Finger. Die Libelle. Von Hermann Waldegg" stand auf dem Titelblatt. Der Intendant wog das Manuskript einen Moment, lang in feiner Hand. Gut", sagte er dann dem Oberregisseur, geben wir die Libelle dazu und waschen wir uns die Hände." So kam es also, daß der helle Nlick und die Libelle" an demselben
Mmo Das iazr ver Auynenwelr erblicken sollten, was vom " Standpunkt der Kunstgeschichte gewiß ein unwichtiges Moment war. für den Autor der Libelle" aber persönlich von weittragender Bedeutung sein mußte, denn er schlug die Hände zusammen, als er die Ankündm"n' Hermann Waldegg war nämlich, wie doch der Zufall es manchmal so sonderbar fügt!- Hilfssekretär in der Abtheilung eben dieses Geheimraths Eisenberg, ein junger Mann von tadelloser Führung und weitgehenden Hoffnungen, deren Erfüllung freilich zum großen Theil von dem Wohl- und Uebelwollen Eisenbergs abhing. Der Geheimrath war allmächtig in seinem Ressort, und von dem jungen Nachwuchs kam nur das in die Höhe, was vor seinen Augen Gnade gefunden. Zudem war Herr Waldezg auch sterblich in Geheimrath Eifenbergs Malvine verliebt. Als Eisenbergs Schwiegersöhn winkte ihm zweifellos eine glänzende Karriere. Da kam ihm die Ankündigung zu Gesicht. Die Libelle" wird gegeben. Das freute ihn riesig. Aber zugleich sollte auch der helle Blick", das späte Dichterwerk seines Chefs und erhofften Schwiegerpapas vor die Oeffentlichkeit treten und das schmetterte ihn nieder. Er wußte eigentlich keinen bestimmten Grund für dieses Gefühl anzugeben, es war nur so etwas wie eine dunkle Ahnung über ihn gekommen, daß aus dieser Gleichzeitigkeit der Premieren, ihmUnangenehmes.Böses erwachsen werde . . . Das Theater war ausverkauft. Ein fieberhaftes gespanntes Publikum hielt den Zuschauerraum bis auf das letzte Plätzchen befetzt. Der helle Blick" grnz voran. Natürlich. Erst kam der Geheimrath, dann der Hilfssekretär das verstand sich von selbst in einem Hoftheater. Die erste Szene ließ kalt. Die zweite machte nicht wärmer. Die dritte begegnete bereits einer richtigen Nordpoltemperatur. Nichts schlug ein. weder die geistreicheRedewendung. noch der brillanteste Witz. Die Schauspieler machten die unerhörtesten Anstrenzungen, aber das unberechenbare Publikum blieb dem hellen Blick" gegenüber kühl und theilnahmslos. Waldcgg saß in seinem Logenversteck wie auf Nadeln. Er hätte den Leuten zurufen mögen: So applaudiert doch! Aber keine Hand regte sich,' freilich, man zischte auch nicht. Man hörte gleichmütig, zu, als würde auf der Bühne das amtliche Protokoll einer Hinterlassenschaft verlesen. Der junge Waldegg war in größter Aufregung. Wie soll das nun werden? Welches Schicksal wird ihm beschieden sein? Und wie, wenn seine Libelle" Gnade vor dem Publikum findet, das eben des Geheimraths Werk kalt lächelnd erfrieren ließ? Der Chef schmählich gurchgefallen und der Untergebene lorbeerbekränzter ' Sieger? Das könnte nur schlimme Folgen nach sich ziehen. Der Geheimrath würde seinen etwaigen Erfolg gewiß als persönliche Beleidigung hinnehmen, was auf seine Hoffnungen auf Liebe und Karriere nur von störendem 'Einfluß sein konnte. Waliegg ging, in sorgenschweren Gedanken vertieft, hinter den Kulissen umher; da versetzte ihm der Oberregisseur einen freundlichen Klapps auf die Schulter. Na, Herr Waldegg nach diesem Durchfall ist der Sieg Ihnen leicht gemacht. Morgen sind Sie ein berühmter Mann selbst die Nationalbank eskomptiert Ihre Wechsel." . Waldegg lachte nicht einmal über diesen Scherz. Er begab sich in großter Aufregung nach dem hinteren Korridor, wo die Mitwirkenden der Libelle" bereits fertig kostümiert und geschminkt, tratschend und lachend umherstanden. Die Heroine, der dieHauptrolle zugefallen war, winkte ihm schon von weitem freundlich zu: Ich sage Ihnen' Waldeaa. das Publikum wird Kopf stehen vor Vergnügen. Die Szene zwischen mir und dem Imperator wird wie eine Bombe einschlagen." Waldegg lächelte, als fühle er einen Dolch zwischen den Rippen. Dann lispelte er ganz außer sich vor nervöser Erregung: Danke danke gewiß, es wird - einschlagen aber, Fräulein Klotilde ich hätte eine Bitte an Sie eine kolossale Bitte. Um des Himmels willen machen Sie, daß mein Stück vurchfällt. Hören Sie. die Libelle" soll durchfallen" Die Schauspielerin blickte ihm ganz erschrocken in die Augen. AberWaldegg, sind Sie bei Trost? Sie wollen. Sie bitten mich das Stück, Ihr Stück soll durchfallen?" Ja, meinetwegen durch und durch fallen. Verstehen Sie mich rechr. Es hängt mein Lebensglück davon ab. Reüssiere ich. dann kann ich direkt ins Wasser aehen " Wenn Sie reüssieren? Das begreife ich nicht." Und doch ist es so bitte, bitte.thun Sie mir den Freundschaftsdienst. Es ist ja nicht schwer-" ' Nun, wenn Sie meinen mir kann es recht sein. So viel Pauken und Trompeten gibt es ja gar nicht. Verlassen Sie sich darauf, die Libelle fällt durch, aber über Sie komme die Verantwortung." Danke, danke, werde ewig Ihr Schuldner bleiben." An der Thür zum Parkett sagte darauf Waldegg dem Billeteur: Rasch, schicken. Sie mir Herrn Rapp heraus, Sie wissen, den Herrn aus der ersten Reihe.-
Na, ich werde doch Herrn Rapp kennen!" Herr Rapp war nämlich ein Hauptfaktor der öffentlichen Meinung, sozusagen das Theaterorakel das sichtbar? Oberhaupt einer nichtorganisierten freiwilligen Elague.-Er war immer im Theater., galt als unfehlbar im Urtheil und machte dort das gute und das schlechte Wetter. Wenn er klatschte, bewegten sich alle Hände; seufzte er erleichtert beim Fallen des Vorhangs, so Zischte das ganze Theater. Beim Premieren hing vieles, alles von ihm ab. Ach. Sie sind's. lieber Waldegg glücklicher Vater des Täuflings. na, womit kann ich Ihnen dienen?" Herr Rapp. ich bin in größter Aufregung. Zu langen Erklärungen ist keine Zeit aber bitte, helfen Sie mit. daß die Libelle" durchfällt." Nun, wenn Sie meinen." lachte Rapp, dann können Sie schon das Kreuz bestellen." War das ein schrecklich Stück! DaS Publikum begann schon nach den ersten Auftritten unruhig zu werden. Es war ja gar kein Zusammenhang in den Reden, die auf der Bühne geführt wurden. Die Trägerin der Hauptrolle, eben die Heroine, ließ freilich ganze Sätze aus, stotterte, verschluckte die schönsten Phrasen, spielte zerstreut, schläfrig, schrie manchmal, als wäre sie von Sinnen, dann wieder flüsterte sie, kaum für den Souffleur hörbar, vor sich hin. Die anderen Akteure verloren jeden Moment den Faden, da kein Stichwort richtig fiel, und auch ein paar falsche Abgänge kamen vor. Und als gar ein Herr in der ersten maßgebenden Parkettreihe mitten in einer lyrischen Szene laut gähnte es war natürlich Herr -Rapp da war das Schicksal der ..Libelle" endgültig besiegelt. Sie wurde einstimmig und entschieden niedergezischt. Waldegg schlich durchs Hinterthürchen aus dem Theater. Unten an der Treppe traf er mit einem finsterblickenden alten Herrn zusammen, mit Geheimrath .Eisenberg, dem nicht minder durchgefallenen Autor des hellen Blicks." Eine Weile schauten sich die Schicksalsgefährten stumm in die Augen. dann sagte der alte Herr: Sie auch, mein Sohn!" Waldegg nickte seufzend. Ich auch wie es eben jedem geht, der Herz hat und Wärme und Gefühl und Gemüth. Aber die Menge braucht keine Wärme, keine Tiefe. Das modernePublikum dürstet nur nach'abgestandener Limonade, nach Einfältigkeiten, nach Dutzendwerken, nach bombastischen. hohlen Banalitäten. Die Menge braucht Schifftaue und kein feines Gewebe." Geheimrath von Eisenberg drückte dem jungen Waldegg herzlich die Hand. Trösten Sie sich, lieber Freund, ähnliches ist schon den größten Geistern zugestoßen. Und schließlich liegt ja unser eigentlicher Beruf auf einem anderen Gebiet. Sie bringen es noch weit. Nächstens schon, ich darf es Ihnen ja verrathen, können Sie auf Ihre Ernennung zum Sekretär rechnen. Uebrigens kommen Sie mit mir, essen Sie bei uns zur Nacht. Meine Frau wird sich gewiß freuen Malvine auch " Hermann Waldegg aß bei Geheimrath Eisenberg zu Nacht und that das in der folgenden Zeit noch oft. Er wurde Sekretär imMinisierium, bekam seine Malvine und lebt nun glücklich und zufrieden in einer hübschen Villa in Tannenhaag.
'Biömarlk alö Jäger. Otto v.'Bismarck huldigte von Jugend auf der Jagd mit großem Eifer und war ein ausgezeichneter Schütze. Als er den Petersburger Gesandtenpostcn bekleidete er stand damals in der Mitte der vierziger Jahre hatte er Gelegenheit, an mancher Jagd auf den Bären, den Wolf und das Elen theilzunehmen, und sein Geschick und sein Jagdglück waren in den russischen Hofkreisen fast sprichwörtlich geworden. Hesekiel erzählt in seiner Bismarck - Biographie die folgende kleine Geschichte aus jener Zeit: Bismarck hatte eine Bärenjagd selbsieben" un ternommen, und nach der Rückkehr ward einer der Sieben gefragt: Wie ist's gegangen?" Er gab zur Ant wort: Ist uns arg gegangen. Väterchen! Da kommt der erste Bär angetrabt; der Preuße schießt, und der Bär bricht im Feuer zusammen; darauf kommt der zweite Bär angetrabt, ich schieße, fehle ihn, und der Bismarck schießt ihn mir mit einem Kapitalfchuß fast vor den Füßen todt; 'der dritte Bär kommt an. Obrist M. schießt zweimal und fehlt ihn zweimal; da hat ihm der Preuße auch seinen Bären zu Füßen gelegt. So hat also Bismarck die Bären alle drei geschossen, und danach ist uns weiter keiner begegnet. So arg ist's uns gegangen. Väterchen!" Viel Vergnügen bereitete es Bismarck damal?, junge Bären in seinem Hause zu hatten. Er ließ den Thieren volle Freiheit, mit es belustigte ihn, wenn solch junger Tolpatsch plötzlich bei Tafel erschien, auf den Tisch herafspazierte oder den Diener in die Waden zwickte oder auf der im Saale aufgestellten Rutschbahn seine Künste, zum besten gab. Er hat die braunen Gesellen später, als sie seiner Hand entwuchsen, an die Zoologischen Gärten in Frankfurt und Köln geschenkt, wo sie sich zu hervorragenden Repräsentanten ihrer Rasse entwickelt haben.
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