Indiana Tribüne, Volume 29, Number 122, Indianapolis, Marion County, 16 January 1906 — Page 5

Jndiana Tribüne, I Jattüar H)C6

Spätsommer

o u t u c Von S. Gruchcr !' ss l war ein warmer lichter Som- $ merabend. Gin junger Mann vj7 schritt rüstig auf dem weichen Waldweg dahin dem nahen Dorfe zu. Seine Augen leuchteten hinter der goldgefaßten Brille, und ein tiefes inneres Feuer schien bisweilen aus ihm hervorzubrechen, wenn ein stilles Lächeln den ernsten Mund umspielte oder wenn mit übermüthigem Schwung der Spazierstock in die Grasbüschel zur Seite des Pfades stieß. Fröhlich wie guten alten Bekannten nickte er den Tannen und. Fichten zu, deren Wipfel vom singenden Sommerwind gewiegt grüßend vor. ihm sich neigten. Auch die kleinen Glöckchen der duftenden Heide, die überall zwischen-den Stämmen wucherte, schienen ein Festgeläut ihm zu Ehren anzustimmen, und als ob sie liebe Erinnerungen in ihm weckten, summte er jetzt die .schöne Melodie Mendelssohns zu dem trauten Burns'schen Liede vor sich hin: lj sä!)' ich auf der Heide dcrt Im Sturme dich.' Mit meinem Mantel vor dem turm Le schützt' ich dich." Wie oft war er frühe: diesen Weg gewandert, um von der nahen Universitätssiadt aus die lieben Pfarrersleute im Walddorf zu besuchen, die schon mit seinem Vater befreundet gewesen. Bei ihnen hatte er eine zweite Heimath gefunden, und was ihn in der Fremd: quälte oder begeisterte, das konnte er hier in treue, theilnehmende Herzen ausschütten. Ein besserer Berather war nicht zu denken als der allseitig gebildete Hausherr, der sich bei allem Ernst einen frischen, frohen Sinn und Verständniß für die Jugend bewahrt hatte. Als wäre sie seine Mutter, so wußte die gute Pfarrfrau für ihn zu sorgen, und wie ein sröbliches Kind konnte er sich mit der lustigen Aenne necken und im weiten, parkartigen Garten herumtollen. Am meisten aber war ihm die stille Hilde an's Herz ge'wachsen, eine, tiefe, sinnige und doch sonr.ige Zatur. Seit ihrer frühen Kindheit war sie eine Waise; ihre Verwandten1 hatten sie ZU sich genommen, ihr die Eltern zu ersetzen, und Hilde lohnte es ihnen tausendfach durch lind'liche Anhänglichkeit und Fleiß. Lange hatte Heinz selbst nicht klar gewußt, wie sehr eine heiße Liebe zu ihr ihm in die Seele geschlichen war und seines ganzen Wesens sich bemächtigt hatte, bis e? vor zwei Jahren zum letzten Mal' Ujn 2U5C3 ging.' : Er hatte damals die Doktorwürde erworben und . kam. um Abschied zu nehmen. Nur an sie hatte er gedacht, während er durch den herbstlichen Wald schritt, und ihm war's, als ob eine innere Stimme ihm zurief: Geh' nicht fort, geh' nicht fort, ehe Du alles' ihr gesagt hast! Solch ein Weib sindest Du nirgends mehr auf der Welt." t Aber war sie ihm denn auch gut? War das Liebe und nicht etwa blos eine Art geschwisterlicher Zuneigung, die sie bewog, wie ein guter treuer Kamerad mit ihm zu lachen und zu scherzen und zu singen? Auch darüber sollte ihm an jenem- Tage Gewißheit werden. Bis in die geringste Einzelheit deutlich stand die Stunde noch vor seinen Augen. 'Die Erinnerung daran hatte ihn in die Ferne begleitet, ihm jede Last und Mühe leicht gemacht und seine (Zinsamkcit verklärt. Die Mutier schrieb eifrig einen Brief an Aenne, von der er sich morgen im Pensionat der Stadt noch verabschieden wollte. Ter Hausherr war in die Zeitung vertieft, hinter de? mächtige Tampfwolken der geliebten Pfeife entqualmten. Hilde saß am Klavier und begleitete mit ihrem weichen, wohlthuenden Anschlag; sie sangen jenes Mendelssohn'sche Duett: O sah' ich auf der Heide dort Und als die letzten Akkorde verklungen, da sah er auf ihr schlichtes, braunes 'Haar herab und konnte die Augen nicht von ihr wenden, und alle Liebe, die ihm heut' beim Abschied die Brust fast sprengen wollte, mußte wohl in seinem Blick gelegen haben. Nun schaute auch sie zu ihm auf und lauge, lange ruhte, tauchte Auge in Auge, alle Wonne und alles Glück zweier junger Herzen ausstrahlend. Und als er mit einem tiefen Athemzug aus diesem kurzen Traum erwachte, da wußte er auch ohne Wort und Händedruck, daß hier eine mit heißer Sehnsucht auf ihn warten würde, bis er den eigenen Herd gebaut und kommen könnte, sie heimzuholen als sein geliebtes Weib. . Jetzt hatte er sein Ziel erreicht, und wählend er durch tos Torf dem spitzen Kirchthurm zuschritt, malte er sich ihre freudige Ueberraschung aus. wenn er heut' unerwartet vor sie Eintreten und sagen würde: Da bin ich. Hilde, und ich geh' nicht mehr fort ohne Dich." f' Er stand vor dem Pfarrhaus. Das ' alte Hofthor knarrte in -seinen Angeln noch genau wie vor zwei Jahren, und 'da war auch Karo, des Hoses treuer Wächter, beschnupperte ihn. sprang dann mit einem Freudengebell an ihm hinauf und ließ es behaglich zu. daß. der alte Freund ihm den zottigen RüLen beklopfte. Nun mit ein paar

Sprüngen oie nemnne treppe ytnaur, die Klingel der 5-austhür schrillt durch die Stille. b t es ist. die das erste Willkommen ihm bietet? Nein. Aenne hat ihn zuerst bemerkt, und: Heinz, unser Heinz ist da." jubelt sie in die Wohnstube hinein. Freudestrahlend mt s; 5-""sirau und streckt ihm beide Hände entgegen. Hinter ihr taucht Hilde auf. rothübergossen das liebe Gesicht, und das H:rz klopft ihr zum Zerspringen, wie sie ihm mit einem leisen: Grüß Gott, Heinz." die Hand reicht. Sie ist die alte geblieben, das sagt ihm der erste Blick. Eilige Schritte poltern jetzt auch die Treppe herunter, und er liegt in den Armen des Pfarrherrn. Und nun wird er wie ein heimkehrender Sohn im Triumph in die Stube geführt, und das Fragen und Erzählen nimmt kein Ende. Aenne. was bist Du groß geworden, nun muß ich wohl .Sie' zu Dir sagen?" Das laß schön bleiben, vbwohl Dein stattlicher Bart einem ordentlich Respekt vor Dir einjagt." Aber warum hast Du denn kein Wort geschrieben, daß wir uns auf Dein Kommen vorbereiteten?" fragt der Hausherr, zutraulich seinen Arm um den lieben Gast legend. Ja, wußt ich's denn, daß ich so bald reisen könnte? Vorgestern sagte mir erst der alte Medizinalrath, dem ich nun ein Jahr lang ausgeholfen, daß er sich ganz zurückziehen und mir seine Praxis überlassen wollte. .Er war so gütig, mir vorher einen kurzen Urlaub zu bewilligen, und zu meiner Schande muß ich gestehen, daß es mich zu Euch noch rnttt zog als zu den Eltern. So habe ich mich gleich in den nächsten Zug gesetzt, und da bin ich NUN." Du bist auch hier im Vaterhaus." sagte die Hausfrau, freundlick seine Hand streichelnd, gelt, Alter, wie ,sehr haben wir ihn die zwei Jahre hindurch vermißt." Und dann kam wieder ein Abend, wie sich Heinz so lange danach gesehnt hatte; seine Augen wanderten froh in der traulichen Stube umher von der Ahnengallerie über dem Sofa bis zuv schnurrenden Hauskatze in der Ofenecke, und immer wieder ruhten sie aus auf seiner Hilde und lasen da, was zu lesen sie nicht müde wurden, und was immer neue Wellen von Glück und Wonne in seine Seele strömen ließ. Ihm war's, als hätte diese Seele immer, immer hier gelebt, und als wären die letzten zwei Jahre nur ein kurzer Traum. . Nun soll aber auch Frau Musika ihr Necht haben," schlug er vor, ich bin doch neugierig, ob meine Stimme mit den Euren noch so gut zusammenklingt. Sind die Noten noch nebenan auf dem Harmonium? Laßt nur. ich finde sie schon." Während Hilde an's Klavier trat.' ging er über die Hausflur in die gute Stube." Jedes Plätzchen war ihm hier noch so bekannt, daß er sich auch im j Finstern zurechtfinden konnte. Rasche Schritte kamen hinter ihm drein. Das ist Hilde, dachte er. sie will mich an die Mendelssohn'schen Duette erinnern. Als ob ich die vergessen hätte! Aber warte, ich will Dich überraschen. Einmal muß es doch gesagt sein, warum ich gekommen bin. Leise oor sich hinlachend stellte er sich hinter die offene Thür. Und als die dunkle Gestalt eintrat, fing er sie schnell in seinen Armen auf. Liebste!" jubelte er und drückte sie an sich und küßte den süßen Mund wieder und wieder. Heinz, einziger, wie glücklich machst Tu mich!" Was war das? Das war doch Aennes Stimme! Um Gottes willen, was hatte er gethan! Wie sollte er sich hier heraushelfen! Aenne liebte ihn, und er war gekommen um die andere zu werben! Er hatt: daö Gefühl, als müßte er sie zurückstoßen, 'aber wie in einer Erstarrung blieben seine Arme um sie geschlungen. Und dann überkam ihn ein tiefes, tiefes Mitleid. Nein, nein, jetzt konnte er ihr noch nicht sagen, daß alles Irrthum und Täuschung war. Morgen ja morgen! Hilde mußte ihr das beibringen, schonend und liebevoll; die würde schon die rechten Worte finden und lind die Wunde zu verbinden wissen. Aenne, Du Du hast mich lieb." stammelte er. Sie hörte nur ihr eigenes Glück aus seiner zitternden Stimme und sagte: Ja. Liebster, über alles lieb ich Dich schon lange und ich habe auf Dich gewartet und gewußt, daß Du kommen würdest. Und nun wollen wir es den Eltern sagen, Heinz. Die werden sich freuen." Nein, nein." bat er hastig, heut' noch nicht, morgen." Wie Du willst, Heinz ach. Du Lieber, ich weiß nicht, wie ich mein Glück so lange für mich behalten kann.". , - Und wk ein Traumwandelnder ging er hinüber, an seiner Seite eine strahlende und verklärte Braut. In ihm stürmten die Gedanken durcheinander wie ein wildes, sturmbewegtes Meer. Die Freude sollte mit ihm einziehen in dies stille Haus, und nun brachte er herbes Leid über die lieben Menschen. Mit aller Kraft mußte er sich bezwingen, um keinen seinen Schmerz merken zu lassen, um die freundlichen Fragen zu beantworten und auf die harmlosen Scherze einzugehen. Mit dem Singen

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war es nichts; ste wunoerten pH aue, daß sein schöner Bariton in diesen zwei Jahren so rauh und heiser geworden. Wenn er Aennes leuchtende Blicke auf sich ruhen fühlte, that es ihm weh wie ein körperlicher Schmerz. Eben noch so glücklich und von dem trauten Odem einer Heimath umweht, wünschte er jetzt, er wäre weit, weit weg und hörte keinen dieser Menschen, deren gutgemeinte Worte ihm wie mit Messern in die Seele schnitten. Endlich gewahrten sie doch seine Verstimmung; sie hielten sie für Müdigkeit. Genug für heute. Kinder, laßt fienu ruhen." mabnte der öausberr. morgen ist noch ein Tag und, will's Gott, noch lange nicht der letzte, den Du bei uns zubringst." Wieder gab es ihm einen jäh schmerzenden Stich, als Aenne mit festem, herzlichem Händedruck ihm Gut Nacht" und ein vielsagendes auf Morgen" zurief. Hilde konnte er draußen noch schnell zuflüstern: ..Komm nachher in den Garten, ich muß heute noch mit Dir sprechen." Halb erstaunt, halb in wonnigem Ahnen sah sie ihm in die Augen und nickte dann nach kurzer Ueberlegung. Wie früher war .das Gastzimmer ihm eingeräumt, dessen Fenster nach dem Garten gingen. Er löschte sein Licht und schwang sich über die niedrige Brüstung hinaus. Und nun. wo er des Zwanges lcdig war. ging er wie ein Verzweifelter hastig die sandigen Wege auf und ab. Was würde Hilde zu dem allen sagen! Wie ganz anders hatte er sich die Stunde gedacht, wo er zum erstenmal wieder mit ihr allein sein würde! Eben blitzte Licht auf droben in dem Mädchenzimmer, das die beiden seit Jahren bewohnten. Abgerissene Laute drangen durch das offene Fenster zu ihm herab. Jetzt waren sie beide noch glücklich. Wie lange noch! Dort droben aber stand eine nicht minder verzweifelt und rang nach Fassung. Aenne hatte sich jubelnd ihr an die. Brust geworfen: Hilde, ich kann es nicht verschweigen, morgen erfährst Du es ja doch. Er hat mich lieb und nun bin ich seine Braut. Wo soll ich hin mit all dem Glück. Du Böse, freust Du Dich denn gar nicht mit mir?" Hilde stockte der Athem, und ein schwarzer Schleier legte sich ihr über die Augen. Verzeih', ich ich bin so überrascht wie ist das nur so schnell gekommen?" Du .mußt verzeihen, bafc ich Dir nie etwas von meiner Liebe zu ihm gesag.t. 'Tausendmal wollte ich es thun, aber immer wieder hielt mich eine unerklärliche Scheu zurück." Und unter Lachen und Küssen erzählte Aenne. an die Pflegeschwester geschmiegt, was geschehen war. r Sie sah nicht in ihrem Glück, wie hilflos der Armen Blicke in dem Zimmer umherirrten, wie Schmerz und Angst in dem bleichen Gesicht miteinander kämpften. Leise strich Hilde mit zitternderHand der Freundin über das Goldhaar dann raffte sie all. ihre Kraft zusammen, sprach hastig ein paar verwirrte, glückp?ünschende Worte und machte sich von ihr los. Hilde, bist Du heut' sonderbar! Freust Du Dich denn nicht, was hast Du dcnn?" sagte Aenne, jet doch erstaunt und besorgt. Sei mir nicht böse, wenn ich heute nicht so recht an Deiner Freude theilnehmen kann. Mir thut der Kopf so weh, zum Zerspringen weh. Laß mich noch ein wenig frische Luft im Garten schöpfen - und Du, schlaf' glücklich einstweilen, liebe Aenne." ; ' O schlafen wer könnte schlafen, wenn alles in ihm lacht und jubelt," sagte Aenne, in' bräutlichem Egoismus gleich wieder mit sich selbst beschäftigt. - Hilde tastete sich die Treppe hinunter. Wie Blei so schwer lag es in ihren Füßen. Sie mußte sich im Hausflur auf einen Stuhl setzen, da saß sie nun lange und starrte in die Nacht hinein. Sie dachte und dachte und wußte sich doch nichts zu erklären, und ihre Gedanken verwirrten sich immer mehr. Hatte er sich anders besonnen in diesen zwei Jahren? Aber wie konnte er sie dann heute noch so ansehen? Nein, nein, diese Blicke konnten nicht lügen! Und wozu hatte er sie in den Garten bestellt? Da dämmerte leise das' Verständniß für alles Geschehene in ihr cmf. Sie legte die Hand über, die Augen, weinte still m'sich hinein und rang mit einem Entschluß, der ihr so schwer wurde, so furchtbar schwer. Endlich sah Heinz ihre .Gestalt, vom bleichen Mondlicht Übergossen. Wie langsam und müde war ihr Gang, als ob sie das Entsetzliche ahnte. Sie gab ihm die Hand und winkte dann, als er sprechen wollte: Ich weiß alles. Heinz, sie hat mir's gesagt." Mein Gott. Hilde, rathe mir! Wie soll ich aus diesem unseligen Irrthum herauskommen? Es wird vielleicht am besten sein. Du sagst ihr heute noch alles, und ich reise morgen in der Frühe unter irgend einem Vorwand ab. Meinen Eltern theile ich alles mit, sie werden Dich einladen, und wir feiern bei ihnen unsere Verlobung. Hier konnte ich es jetzt nicht mehr, und Du wohl auch nicht. Hilde, wie schön habe ich ,mir heute Morgen noch diese Stunde ausgemalt, wo ich Dir sagen würde, wie grenzenlos lieb ich Dich habe, wo ich Dich bitten würde, mein

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ävttv zu weroen. uno nun nun t alles so voll Schmerz und Bitterniß, daß keine Freude mehr aufkommen will. Mir ist's, als wäre ein Unrecht bei unserm Glück, weil cs über eine andere Leid bringt. Aber, nicht wahr. Aenne. wird mit ihrer Frohnatur das überwinden; sie ist doch noch so jung. Es kann bei ihr nicht tieser gegangen sein." Sie sah lange vor sich hin und faltete in stummem, verzweifeltem Schmerz die Hände. Sie glaubte, überwunden, den festen Entschluß gefaßt zu haben, und nun begann sich doch wieder alles in ihr dagegen aufzubäumen. Aber es mußte sein! Nein. Heinz." sagte sie leise, und trostlos glitt ihr Blick an ihm vorbei über die im silbernen Mondlicht glänzenden Beete, nein, Tu darfst sie nicht aufgeben. Du hast ihr. wenn auch irrend, heute ein Versprechen gegeben, ind das mußt Tu halten. Es ist Gottes Wille, daß alles so gekommen ist. Sie ist viel zarter als ich und würde es wahrscheinlich nie verwunden haben, hätte sie mich als Deine Braut sehen müssen." Wie, das muthest Du mir zu, Du? Ist das Deine Liebe?" Heinz, quäle mich nicht. Gott im Himmel allein weiß, wie lieb ich Dich habe, und wie entsetzlich schwer es mir wird, so zu reden, aber ich kann nicht anders. Sieh, mit fünf Jahren war ich eine Waise. Was wäre aus mir geworden, wie hätte man mich in der

remde herumgestoßen, wenn die guten eute da drin nickt aewesen wären! Sie haben Vater- und Mutterliebe für mich gehabt; sie. haben mich nie fühlen lassen, daß ich ihr eigenes Kind nicht bin; sie haben mich nie vor Aenne zurückgesetzt. Und nun soll ich ihnen das alles damit lohnen, daß ich das Glück aus ihrem Hause fortnehme? Ich weiß, wie sich die alten Leute freuen würden, wenn sie Dich wirklich Sohn nennen dürfen, wie nichts so sehr ihnen den Lebensabend verklären könnte." Aber. Hilde, Du bist doch ebenfalls ihre Tochter und auch an Deinem Glück werden sie sich freuen." ' Sie schüttelte den Kopf: Nein, es ist doch anders: Aenne wi&d unglücklich, und damit zieht die Sorge in dies friedliche Haus ein. Ich weiß, was Du sagen willst. Du meinst, es geht nicht so tief bei meiner heitern Schwester. Ich kenne sie besser. Ich habe eben gesehen, wie leidenschaftlich ste für Dich fühlt. Wäre es nur eine oberflächliche Neigung, so hätte ste stcher längst mit mir darüber gesprochen; daß sie so lange schwieg, und ich nie etwas von ihrer Liebe merkte, beweist mir gerade, wie heilig Dein Bild, der Gedanke an Dich ihr ist. Heinz, ich könnte nie mit Dir glücklich werden, wenn ich mein Glück auf ihre Kosten eroberte." Thorheit. Ueberspanntheit, Hilde." saate Heinz nun heftig. Das Schicksal hat es NUN einmal so gewollt, und daran stnd wir, bist Du völlig schuldlos.' Und dann denkst Du denn gar nicht an mich? Wie kann, ich denn glücklich werden mit der anderen, wenn ich Dich liebe? Nie. nie brächte ich das über mich, sie zum Altar zu führen." Doch Heinz, lieber Heinz. Du mußt es .thun. Du hast ja Aenne auch lieb. Du wirft überwinden und sehr glücklich mit ihr werden." Nie kann ich das. nie! Ich habe sie lieb wie eine Schwester, ja. aber nicht wie eine Braut. Ich habe Mitleid mit ihr, aber keine Liebe für sie." Das Mitleid wird die Brücke zur Liebe werden! Ich kann und will Dich ja nicht zwingen. Heinz, aber das weiß ich: ich kann niemals, hörst Du, nieMals Mit gutem Gewissen die Deine werden, da sie Dich so leidenschaftlich begehrt. Und gehst Du, nach allem Geschehenen jetzt ohne Braut von hier fort, dann stürzest Du nicht blos uns beide, sondern alle in diesem Hause in schweres Leid, und es wird nie mehr werden wie früher. Und Du,. bist Du denn glücklich, wenn Du einsam bleibst Dein Leben lang? Heinz, nur dies eine Mal zeig' mir, daß Du mich lieb hast, indem Du Dich mühst, sie zu lieben. Ich weiß, wie viel ich von Dir fordere. Aber ich kann nicht anders handeln. Quäle mich nicht. Es ist so das Beste." ' Hilde, Dein Edelmuth macht Dir Ehre, aber das kann Dein Ernst nicht sein." Auf dem nahen Kirchthurm schlug es Mitternacht und immer noch suchte eines des anderen Sinn zu beugen. Aber so zornig und leidenschaftlich er auf sie einreden, fo flehentlich er bitten und betteln mochte, sie blieb fest bei ihrem Entschluß: Mach uns nicht alle unglücklich, bring' das Opfer, wie ich es bringe. Ich weiß, Du wirst doch noch glücklich mit ihr werden." Nun wohl." rief er endlich trostlos und verzweifelt. ..ich will, wenn ich kann. Mögest Du es nie bereuen!" Und dann packte ihn ein wilder Schmerz. Er fühlte, daß sekn Lebensglück in dieser Stunde begraben wurde, und doch konnte er ihrem Flehen nicht länger widerstehen. Leidenschaftlich riß er sie an sich und küßte ihren Mund, das erste und das letzte Mal: Q Du, Du. ich kann ja nicht thun, was Du verlangst. Sei doch barmherzig." Auch ihr war das Herz voll unsäglichen Wehs, und einen kurzen Augenblick legte sie schluchzend ihren Kopf an seine Brust, aber dann machte sie sich frei: Heinz. Gott sene Dich. Gott segne Euch." Und leise weinend ging sie dem Hanse zu.

AM Aage öaraus schritt Heinz wieder durch den Wald nach dem Bahnhof, ein müder Mann und doch froh, dem entsetzlichen Zwange entronnen zu sein, den er sich stundenlang mit fast übermenschlicher Gewalt hatte anthun müssen. Gottlob, sie hatten es begreiflich gefunden, daß er jetzt nicht länger zögern durfte, zu den Eltern zu reisen. Wie er das fertig gebracht hatte, daß sie einen glücklichen Bräutigam in ihm sahen, während er innerlich voll Verzweiflung war. das blieb ihm ein Räthsel. In seinen Schläfen pochte und hämmerte es. als er nach der schlaflosen Nacht in des Pfarrers Studirstube trat, ihn um die Hand seine? Tochter zu bitten. Und als er nachher Aennes strahlendes Gesicht sah. war cs ihm wieder wie Sünde vorgekommen.! dies Glück zu vernichten. Bittend fühlte er auch Hildes Blick auf sich ruhen, und der Gedanke, was auch sie leiden müsse, hatte ihm Kraft gegeben, seine Rolle weiter zu -spielen. Dann kamen wieder Minuten, wo er sich vorkam, wie ein Feigling oder wo das! Leid und die Verzweiflung mit Centnerlast sich auf ihn warfen und er im Begriff war, aufzuspringen und die verhaßte Maske abzunehmen aber Hildes Blick bezwana ihn von Neuem. Wenn sie ihn erstaunt ansahen, mm melte er etwas von einer schlaflosen Nacht und von Kopfschmerz, und sie nahmen seine Worte in gutem Glauben hin. Es ist doch merkwürdig," cntschuldigte ihn auch der Pfarrherr, wie verschieden die Menschen ein großes Glück ertragen; und gerade diejenigen, welche fast übersprudeln von Frohsinn und Jugendlust, sind in solchen Stunden wie gedrückt und gebeugt von einer schweren Last, bis ste sich ganz in das Neue hineingefunden haben." Die Guten, wenn sie wüßten, wenn sie wüßten! Und sie waren doch alle so glücklich, alle bis auf zwei! Für Wochen suchte er nun in der Arbeit Vergessen, aber wenn er am Abend zärtliche Worte an die Braut schreiben sollte, begann der Kampf von Neuem. Wie oft war er versucht, alles von sich abzuschütteln, wie oft hatte er lange Briefe geschrieben, in denen er Aenne oder ihren Eltern alles erklärte, aber immer wieder wurden die Briefe' zerrissen. Mühsam hatte er sich eine gewisse Ruhe oder vielmehr eine Art starrer Resignation erkämpft. Aber alles wollte von Neuem zusammenbrechen. als er Hilde wieder bor sich sah am Vorabend des Tages, der ihn für immer von ihr trennen sollte. Er biß die Zähne fest aufeinander und zwang sich ZU einer Lustigkeit, deren Unwahrheit nothwendig hätte auffallen müssen. wären, nicht alle ZU sehr mit sich selbst und mit den Vorbereitungen zur Hochzeit beschäftigt gewesen. Dann stand er mit Aenne vor dem Altar. Konnte er denn versprechen, daß er ste liebhaben wolle sein Leben lang? Doch, das konnte er; er hatte sie ja lieb, nur nicht so lieb wie die andere. 'Und ihm war's als müßte er jetzt noch die kleine Hand, die sich dertrauend in die seine gelegt hatte, zurückstoßen und sich neben Hilde stellen, deren rasche Athemzüge er hinter sich hörte. Und dann kam wieder das große, große Mitleid über ihn mit der. die. nun gleich sein Weib war. Sollte dies Mitleid vielleicht doch noch eine Brücke zur Liebe werden? Jedenfalls gab er sich in dieser feierlichen Stunde das feste Versprechen, daß 'er alles thun werde, um sie glücklich zu machen und bei der süßen Täuschung zu erhalten, daß das große Opfer nicht umsonst sein, daß sie nie erfahren sollte, welch ein tragischer Irrthum sie zusammengeführt hatte. Und er hat Wort gehalten während zwanzig langer, langer Jahre! Seines Weibes Treue und Liebe hat es ihm leichter gemacht, ihr und sich selbst treu zu bleiben. ' So erzählte mein Vater, dem ich mit immer wachsender Erregung zugehört hatte. Etwas über ein Jahr war es her, daß sie meine Mutter hinaus auf den stillen Friedhof getragen hatten. Ich kam eben aus dem ersten Semester meines Universitätsstudiums nach Hause, und alles, alles in den weiten Räumen erinnerte mich wieder an die Unvergeßliche, die von uns geschieden war, und fachte von Neuem den Schmerz um sie an. Da trat der Vater ein, ein etwas verlegenes und doch glückliches Lächeln um den sonst so ernst geschlossenen Mund. Lieber Junge," sagte er, ich habe Dir eine Mittheilung zu machen, die Dich vielleicht sehr überraschen wird. Ihr sollt wieder eine gute Mutter bekommen. Ich habe mich verlobt mit Tante Hilde." Ich war sprachlos! Ich glaubte nicht recht zu hören!' Und dann packte mich Zorn und wilder Schmerz. Das also war Treue? So schnell war Mutter vergessen, die gute, bit bis an ihr Eirie nichts als zärtliche, opferfreudige Liebe für uns alle gehabt! Eine tiefe Erbitterung gegen den eignen Vater stieg in mir auf. Ich hatte ja nichts gegen Tante Hilde, im Gegentheil, wer sollte sie nicht gern haben! Sie war oft genug der gute Geist unseres Hauses geWesen. , Nie war sie zu Besuch gekommen, um heitere Tatze bei uns zu verleben, sondern fast absichtlich schien sie sich die Zeiten auszusuchen, wo Mutter oder, eins von uns Geschwistern

6 krank war oder wo sonst eine Bedrängniß am Familienhimmel stand. Dann waltete sie im Hause in ihrer stillen, freundlichen Weise, und war der Kranke genesen, war die schwere Zeit vorüber, so reiste sie eines Tages ebenso still wieder ab. und kein Bitten und Drängen der Eltern hielt sie zurück. Aber so gut sie war, wie konnte Vater sie so bald schon Mamas Stelle cinnehmen lassen! Wir Geschwister waren überdies alle herangewachsen, wozu da wieder heirathen? Er that dies also nur aus Rücksicht auf sich selbst! Nein, nein, es wollte und wollte kein freundliches Wort für den Vater über meine Lippen, wenn auch der altge-

wohnte Nejpett mich abhielt, meine Meinung gerade herauszusagen. In finsterm Trcch hatte ich mich abgewandt und starrte zum Fenster hinaus. Traurig sah der Vater mir eine Weile zu, dann sagte er ernst: Setz' Dich und hör' mir zu." Und dann erzählte er jene Geschichte. Und nun. mein Junge." so schloß er. brauche ich Dir noch zu sagen, wer die Personen dieser Geschichte sind? Verstehst Du jetzt, warum ich mich wieder verheirathen will? Wahrlich, ich habe Deine Mutter sehr lieb gewonnen, und ich bin auch glücklich mit ihr gewesen so glücklich wie man nach solchen Erlebnissen noch werden kann. Für meine Person würde ich auch jetzt kein neues Glück mehr begehren. Ich bin kein Jüngling mehr. Und waö früher war. ist langst ruhig in mir gcworden. Aber Hilde bin ich es schuldig. Seit die Großeltern todt sind, hat sie sich in der Fremde herumschlagen müssen; und, ich denke, auch Deine Mutter wird segnend auf uns herunterschauen, wenn ich ihrer Pflegeschwcster das große Opfer damit lohne, daß ich ihr einen freundlichen Lebensabend bereite. Ist's auch kein jauchzender Liebesfrühling mehr, so sind es doch vielleicht ein paar schöne Herbsttage ein Spätsommer. Und Du, willst Du sie nun willkommen heißen?" Vater," bat ich, verzeih mir! Und werdet glücklich, so glücklich, wie Ihr es verdient!" Ein cistcnnrtijjco Vogclncst. Die bekannte Eigenschaft der Kr'ähen, glänzende Dinge zu stehlen, ist vor Kurzem wieder in eigenartiger Weise bestätigt worden. Einem Optiker im bayrischen Gebirge kamen aus seiner Werkstatt fortwährend goldene Brillen und Zwickerfassungen weg. ohne daß c gelang, den Dieb zu cntdecken. Durch Zufall wurde nun aus einem benachbarten Baum ein Krähennest entdeckt, das, wie sich bei näherem Zusehen herausstellte, aus den gestohlcnen Fassungendcr Brillen und Zwicker hergestellt war. Der Werth des Nestes belief sich,, fachmännischer Schätzung zufolge auf über 150 Dollars. Die pfiffigen Krähen hatten, wie weitere Forschungen und Beobachtungen ergaben, stets die Vesperstunde benutzt, während der in den Fabrikräumcn Niemand zugegen war. um durch das offen stehende Fenster hinein zu hüpfen und dort die glänzenden Brillenfassungen zu entwenden. Kalbszungen aus spa" nische Art., Die Kalbszungen werden in Salzwasser weich gekocht, dann die Haut von ihnen abgezogen. Sind sie bedeckt, etwas verkühlt, spickt man sie mit feinem Speck. Dann werden sie mit Butter, einigen Speckscheiden, etwas' Bouillon, Weißwein, Gewürzkörnern, Schalotten und Wurzelwerk noch etwas gedämpft und dann aus der Sauce herausgenommen. Hierauf gießt man. die letztere durch ein Haarsieb, nimmt das Feti alles ab. kocht sie stark ein. legt die Zungen hinein und wendet sie darin um, wodurch sie glasirt davon werden. Nun richtet man diese Zungen auf einer runden, großen Schüssel derart an. daß 'die Spitzen in der Mitte sternartiq zusammenstoßen. Die dadurch entstehenden Zwischenräume füllt man abwechselnd',mit Blumenkohl, jungen grünen V?hnen. weißen oder gelben Rüben u. s. w. Me diese Gemüse müssen vorher in Bouillon, jedes besonders, abgekocht sein. Folgende Spanische Sauce" wird dazu gereicht. Eine reichliche Unterlasse voll Champignons schwitzt man mit einigen geputzten Schalotten und etwas rohem Schinken in Butter, dann kocht man diese Sachen in fräs--tiger Fleischbrühe nebst etwas Bräunmehl recht klar, gibt ein paar Gläser Rheinwein dazu, streicht die Sauce ab und schärft sie mit Citronensaft und etwas Csnennepfeffer. Die Pfeife des SelbstMörders. In Cincinnati, O., machte unlängst ein gewisser William Drinker seinem Leben durch Selbstmord ein Ende. Er hinterließ ein halb humoristisches, halb, wehmüthiges Gedicht an 'seine alte Tabakspfeife die ihm in trüben und frohen Tagen gedampft und geglüht hat." In einem scherzhaften Brief an den Coroner erklärte er. er solle vernjintig sein und über seinen alten Leichnam keinen Jnquest abhatten. Drinker war ein .tüchtiger- Buchführer; in letzter Zeit lebte er jedoch meistens ohne regelmäßige Beschäftigung. , Ein originelles Müll e r g r a b befindet sich auf dem Kirchhofe in Georgetown. O. Der Mühlstein, mit dem der Müller jährelang sein Brot verdiente, wurde auf Anordnung seines Testamentes aus sein Grab gesetzt.