Indiana Tribüne, Volume 29, Number 121, Indianapolis, Marion County, 15 January 1906 — Page 7
Indkana Tribüne. 15 Januar 1906
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-00000000-0-0-00 0 o 1 Der Sinkende I o o - S fi r i itti n a l r o m a n 5 o o -C von jf. S Erich Ebenstein g So00000000000 (Fortsetzung.) Endlich blieb er vor Vertha stehen und saqte leise: Jf) muß es Tir doch sagen, damit Du Dich nicht falschen Hoffnungen hingibst. Es gibt keinen anderen Thäter als Robert. Hermine selbst wt es mir gestanden, ehe sie starb." ' Bertha starrte ihn entgeistert an. Hermine hat " stammelte sie dann endlich, Acer wie denn? Sagte sie nicht selbst, sie Kabe den Thäter der Dunkelheit halber nicht sehen können? Und selbst wenn sie ihn sah." fuhr sie lebhafter fort, es sind fünfzehn Jahre her, seit Robert uns rerließ. Damals war er ein Knabe wie könnte .sie mit Bestimmtheit behaupten " Es ist leider kein Zweifel daran. Sie wollte anfangs schweigen aus Schonung für Dich. Dann aber, als der Beamte jenen Brief fand, sah sie ein. daß ihr Schweigen zwecklos war. und in jenen kurzen Minuten, da ick allein mit ihr war. ehe der Priester kam. gestand sie mir alles. Er hat sie ausdrücklich .Tante' genannt und seine letzten Worte lauteten: '.Run wird Euch Euer tugendhafter Hochmuth wohl vergehen. Dir und dem Onkel Ernst.' Das kann kein fremder gesprochen haben, wie Du wohl selbst zugeben mußt!" Bertha antwortete nicht. Sie saß zufam'nengekauert in der Sofaecke und blickte starr vor sich hin. Ihre weißen Lippen bebten wie unter dem Ansturm tausend ungesprochener Worte. Fast furchtsam hob sie endlich den Blick zu dem großen Bruder auf,' der breit und gewaltig gleich einer Mauer vor ihr stand und nervös an feinem schwarzen Schnurrbart drehte. Schon reute ihn. daß er gesprochen hatte. Hätte er ihr diese letzte Qual nicht doch lieber ersparen sollen? Da sagte sie leise: Hast Du dies dem Untersuchungsrichter gesagt?" Rein. Meine Lippen sollen Robert nicht noch tiefer belasten, wie zweifellos ich auch von seiner Schuld überzeugt bin." Mir wäre lieber. Deine Lippen kelasteten ihn und Dein Herz glaubte an ihn! Für diese Schonung kann ich Dir nicht danken!" Bertha!Ja." rief sie leidenschaftlich und stand auf einmal kerzengerade aufgerichtet vor ihm, und wenn die ganze Welt ihn schuldig nennt ich glaube nicht daran, ehe er selbst es mir nicht sagt." Bertha. das ist Wahnsinn! Jetzt noch " Immer und ewig!" sagte sie feie?lich. Der Glaube einer Mutter wankt nicht vor taufend Beweisen und ihre Liebe flammt dann am stärksten auf. wenn ihr am wehesten geschieht. Und nun gehe. Ernst. Ich hege keinen Groll gegen Dich, aber unsere Wege führen auseinander. Ich werde immer auf feiten meines Kindes stehen." Damit verließ sie das Zimmer. Erschüttert blickte ihr der Major nach. 0 welch ein großes, herrliches Ding ist doch die Mutterliebe!" murmelte er. Und diesen Schatz hat der Schurke in den Koth getreten. Rein, er verdient kein Mitleid!"
4. K a p i t e l. n einer der kleinen stillen Seitengassen des Wiener siebenten Bezirkes. wo noch die alten, niederen Häuser stehen, deren Vorderfront schmutzig und verblichen aussieht, während nach rückwärts gemauerte Laubengänge oder Glasveranden in freundliche Gärten blicken, wohnte Herr Silas Hempel. Er hatte drei Stuben inne. die nur äußerst selten in Ordnung gebracht werden durften, und auch dann nur gleichsam verstohlen in seiner Abwesenheit zum großen Kummer Katas, einer alten Kroatin, die ihm die Wirthschaft führte, und nur darum bei dem Herrn in Gnaden stand, weil sie erstens sehr verschlossenen Charakters, zwe'tens aber auch der deutschen Sprache so schlecht mächtig war. daß sie zu dem am Grund" so beliebten Tratsch" schlechterdings unbrauchbar war. Zwei Stuben waren angefüllt mit Vogelkäfigen, in denen ein ununterbrochenes Geflatter und Gezwitfcher herrschte, die dritte bewohnte Herr Silas Hempel selbst mit seinem Angorakater, der ihm überall hin nachlief wie ein Schooßhündchen und Nachts das Lager seines Herrn theilte. Für die Leute vom Grund war es eine ausgemachte Sache, daß Herr Silas Hempel ein Narr sei. .Manchmal trieb er sich tagelang in den Straßen herum, verkehrte in den elendesten Schenken oder sah dem Spiel der Gassenjungen so aufmerksam zu. als gäbe es nichts wichtigeres auf Erden. Zu anderen Zeiten schloß er sicb wieder in seine Behausung ein, pfiff mit seinen Vögeln um die Wette und ließ durch die alte Kata solche Quan titäten Schnupftabak holen, daß ein halbes Regiment Soldaten genug gehabt hätte. Schnupfen war nämlich seine Leidenschaft. Ab und zu bekam er vornehmen Besuch. Equipagen sian-
den vor seinem Häuschen und livrirte Diener blickten naserümpfend vom Kutschbock auf das dürftige. Pflaster hinab. Sein Alter war schwer zu bestimmen. Einige schätzten ihn auf dreißig, andere auf fünfzig Jahre. Aehnlich ging es mit seinem Vermögen. Manche behaupteten, er sei schwer reich trotz seines einfachen Lebens, andere nannlen ihn einen Hungerleider. An seiner Thür stand auf einem selten geputzten Messmgschild unter dem Namen das Wort Privatdetektiv." ,Aber niemand im Grund nahm es ernst damit. Die Polizei hätte das ja wissen müssen. aber kein Wachmann grüßte ihn, wenn er ihm zufällig begegnete. Die hatten höchstens so ein kleines verschmitztes Lächeln für ihn. das die ganze Nachbarschaft für Spott ansah und in diesem Sinne öfters nachahmte. Der klarste Beweis für seine Narrheit war den Leuten aber, daß er im ganzen Bezirk keinerlei Beziehungen zu irgend jemand unterhielt und oft für Tage, ja sogar für Wochen spurlos verschwand, ohne daß selbst seine Wirthschafterin eine Ahnung hatte, wo er sich inzwischen herumtrieb. Vor dem Hause dieses seltsamen Mannes hielt am Morgen des 2. Dezember eine Droschke, welcher eine ältere, schwarzgekleidete Dame entstieg. Sie blickte sich einen Augenblick verwundert in der ärmlichen Umgebung um. und stieg dann eilig die Treppe hinan zu Herrn Hempels Wohnung. Kata. struppig, schmutzig und grinsend wie immer, öffnete. Ist Herr Hempel zu Hause?" fragte die Dame. Ist!" war die prompte Antwort, welche von einer einladenden Handbewegung begleitet war. Tann trommelte die appetitliche Alte mit derben Fäusten an eine Thür. Aufmachen! Besuch! Dame!" schrie sie. Jemand schlurfte von innen in Pantoffeln zur Thür, schob den Riegel zurück und entfernte sich wieder. Katk sagte kurz und kategorisch: Eintreten!" und verschwand dann in der Küche. So. mußte sich die Dame wohl bequemen, selbst zu öffnen. Erstaunt blieb sie einen Augenblick auf der Schwelle stehen. Es sah aus wie bei einem Thierhändler. Vogelkäfige an allen Wänden, Futternäpfe in Reih' und Glied auf dem Tisch, daneben, in Häufchen abgetheilt. Hanf. Piznolen, Leinsamen, Ameiseneier und so weiter. An der durch ein angeschraubtes Brett zum Tisch vergrößerten Fensterbank stand ein Mann und rieb gelbe Rüben in einem Tieael. Seme Haltung war gebückt und schlaff, arer das blonde, leicht gelockte Haar auf dem intelligenten Kopf hatte einen so seidigen. feinen Glanz, daß es förmlich leuchtete und die Blicke der Dame unwillkürlich bewundernd daran haften blieben. Silas Hempel ließ sich nicht im mindesten in seiner Beschäftigung stören. Kaum daß er sich halb umwandte, eine linkische Verbeugung machte und auf den zu? Seite stehenden, mit kostbarem Plüsch überzogenen Sessel wies. Bitte, nehmen Sie Platz, gnädig: Frau. Ich werde gleich, fertig sein." Lassen Sie sich nicht stören, Herr Hempel. Ich möchte Ihnen einstweilen die Ursache meines Kommens " Nicht nöthig. Sie sind Frau Rittmeisier Fröhlich und kommen weqcn Ihres Sohnes Robert." Die Dame machte eine erstaunte Bewegung. Voller wissen Sie das? Kennen Sie mich denn?" Ich babe soeben die Ehre. Ihre Bekanntschaft zu machen." Aber dann " Es ist doch sehr einfach. Ich erwarte Sie bereits seit zwei Tagen." Ich versiebe nicht! Wie konnten Sie" Wirklich nicht?" sagte er freundlich und zwinkerte sie lächelnd an aus seinen stahlgrauen Augen, deren Blick so frisch und jugendlich war, daß Bertha Fröhlich plötzlich geneigt war, ihn kaum für dreißig Jahre zu halten, während er ihr beim Emiritt als Greis erschienen war. Also wirklich nicht? Und doch ist es ganz natürlich. Alle Welt hält Ihren Sohn für schuldig Sie aber schwören natürlich auf seine Unschuld. Was könnten Sie anderes thun, als sich nach einem Manne umsehen, der Ihnen hilft, diese Unschuld zu beweisen?" Aber " Und wer anders sollte Ihnen helfen, als Silas Hempel?. Da es doch keinem vernünftigen Menschen einfallen kann, an der Schuld dieses jungen Mannes zu zweifeln! Aber davon können wir später reden. Mit den Rüben bin ich fertig. Sehen Sie, jetzt kommt noch ein wenig Rinderherz dazu und dann etwas Weißbrot. Ich halte nichts auf das künstliche Vogclfutter. Das Natürliche ist immer das beste für Mensch und Thier." Dürfte ich Sie nicht inzwischen mit den näheren Umständen bekannt machen, Herr Hempel, die " Nicht nöthig. Wenn Sie durchaus etwas tbun wollen, dann. bitt:, öffnen Sie dort den Topf mit Mehlwürmern und legen Sie achtzehn Stück auf die Tasse hier." Kopfschüttelnd that Frau Fröhlich, was man ihr aufqetragen. Aha," lachte Silas Hempel. sehen Sie nur. wie die Vögel unruhig werden. Sie kennen den Topf ganz genau. der ihre Leckerbissen enthält. Nun.
tcy werde gleich fertig sein, wartet nur. Murx, geh weg Du läßt zu viel Haare und könntest die gnädige Frau beschmutzen." Der große Angorakater, welcher sich schnurrend an Bertha herangeschlichen hatte, ging gehorsam auf sein Lager zurück. Es freut mich übrigens, daß Sie Thiere ebenfalls lieben." fuhr Hempel fort, das bringt uns einander gleich näher." , Woher wissen Sie " Datz Sie sich eine Katze halten? Kunststück! Als ob die grauen Haare hier an Ihrem Aermel von einem anderen Thiere sein könnten! Ich wette, Sie haben sie noch gestreichelt, ehe Sie weggingen!" In der That " Sehen Sie! Man braucht nur zu denken, dann gibt es wenig genug Geheimnisse auf dieser Welt. Aber nun bin ich fertig mit. der Fütterung" er hatte inzwischen die achtzehn Futternäpfe gefüllt und schob sie nun rasch in die einzelnen Käfige jetzt noch die Mehlwürmer. So da wie sie drauf los stürzen! Sehen Si: nur! Es ist wirklich drollig!" Die Mehlwürmer waren vertheilt. Silas Hempel rollte sich den zweiten Sessel heran, setzte sich behaglich darauf nieder, nahm eine Prise und sagte freundlich: So. gnädige Frau, nun können wir von Geschäften reden." Darf ich Sie nun also vor allem informiren, warum " Nur, wenn Sie etwas thatsächlich Neues wissen, was dem Gericht bisher unbekannt blieb. Alles andere weiß ich bereits." Aber woher denn nur? Ich begreife wirklich nicht. Sie wissen alles, was ich Ihnen sagen wollte, Sie erwarten mich seit zwei Tagen, obwohl ich selbst erst gestern zufällig von Ihnen erfuhr, und daß Sie so geschickt sind im Entdecken geheimnisvoller Verbrechen. Wollen Sie mir nicht vor allem erklä ren, wie Sie dazu kamen?" aZ Hempel schlug ein Bein über das andere und nahm abermals eine Prise. Der Fall interessirt mich einfach. Wären Sie nicht zu mir gekommen, so hätte ich Sie aufgesucht." So meinen Sie also " Meine Meinung ist ganz gleichziltig. Hier handelt es sich darum, Beweise zu schaffen. Dazu können Sie mir vielleicht behilflich sein. Es läge mir ungemcin viel daran." Aber woher dieses Interesse?" fraae Veriba eruau Gnädige Frau, wenn Sie von mir gehörj haben, dann wird man Ihnen auch gleich gesagt haben, daß ich ein Narr bin. Ich war früher Geheimdetektiv bei der Polizei, aber mit dieser zu arbeiten, ist wahrlich kein Vergnügen. Man holt ihnen die Kastanien aus dem Feuer, und sie fürchten sich oft noch, sie anzufassen! Das ist nicht nach meinem Geschmack, und da ich von meinen Eltern genug erbte, um sorgenfrei leben zu können, zog ich mich in's Privatleben zurück. Wenn arer irgendwo etwas Interessantes geschieht und es geschieht leider so wenig wirklich Interessantes auf dieser langweiligen Welt dann packt es mich und läßt mir keine Ruhe und raubt mir Schlaf und Appetit so lange, bis ich der Sache auf den Grund getommen bin. Das mag ja eine Narrheit sein für die Welt, für mich ist's eine Nothwendigkeit." Man hat mir in diesem Sinne von Ihnen erzählt, und ich setze darum alle Hoffnung auf Sie!" Ja mir kommt der Fall interessant vor. Wäre er da3 nicht, Sie könnten mir eine Million bieten, und ich würde keinen Finger rühren. So aber doch lassen Sie vorerst hören, ob Sie etwas Neues zu berichten haben Ich habe heute früh mit dem Richter gesprochen, der die Untersuchung leitet. Er ist zufällig mein Freund und versprach mir mit gutmüthigem Spottlächeln, meiner .Narrheit' keine Hindernie in den Weg zu legen, denn für Narrheit sieht er es ja an. daß ich mich überhaupt mit diesem .so einfachen, sonnenklaren Fall' beschäftigen will. Nun sprechen Sie. gnädige Frau." Bertha Fröhlich hielt den Blick fest auf Hempel gerichtet. Vor allem'muß ich Ihnen sagen. Herr Hempel. daß meine unglückliche Schwester' selbst in dem Glauben starb, daß mein Sohn der Thäter sei." Das dachte ich mir. Ihre Aussage war hinterhältig und unglaubwürdig! Man sieht sich die Leute doch an, die einen ermorden wollen vorausgesetzt, daß man noch Zeit hat dazu." Sie behauptet, daß er sie ,Tante' genannt und auch von .Onkel Ernst' gesprochen habe." Silas Hempel schlug sich vergnügt auf's Knie. Prachtvoll! Ich g's ja der Fall ist hochinteressant! Ein lückenloser Indizienbeweis, wie ihn kein Jurist sich schöner wünschen kann! Man muß rein verrückt sein, um da noch an Unschuld glauben zu können." .Bertha starrte ihr Gegenüber verwundert an. Sie sind ein seltsamer Mann, Herr.Hempel!" Nicht wahr? Aber das ist ein Glück, denn sonst würde ich mich ja auch, von Ehrfurcht überwältigt, beugen vor diesem Indizienbeweis. Fasfen Sie nur die Thatsachen zusammen: Ihre Schwester wird grausam ich möchte fast sagen lächerlich grausam ermordet. Mari raubt ihr und ihres Bruders Vermögen, läßt aber das dritte, das Ihrige, gnädige Frau, unangetastet zurück. Das Motiv muß also aus Habsucht und Rachsucht ge-
mljcht sein. Dann findet man den Brief eines Menschen, der zeitlebens als Thunicrgut gegolten hat, und der nun voll Haß und versteckter Drohung an seine Mutter schreibt. Der junge Mensch wird verhaftet und kann oder will keinerlei Auskunft geben, wo er zur kritischen Zeit gewesen ist. Und schließlich kommt zu diesen erdrückenden Verdachtsgründen noch die Aussage der Sterbenden, welche ihn positiv als Mörder bezeichnet." Dieser letzte Umstand ist nur meinem Bruder und mir bekannt!" Der Richter braucht ihn gar nicht! Ich sage Ihnen, gnädige Frau, es sind schon genug Leute um geringerer Verdachtsgründe willen gehängt worden." Herr Hempel!" Pardon. Ich wollte Sie nicht verletzen. Ich bin nur so ungeheuer vergnügt über den prachtvollen Fall!" Aber wenn die Verdachtsgründe so hoffnungslos sind, worauf gründen Sie dann Ihre Hoffnung, meinen Sohn zu retten?" Allein auf seine Unschuld. Die eben müssen wir erweisen." Haben Sie schon ist Ihnen schon eine Idee gekommen?" Ideen genug. Es fragt sich nur. welche die richtige ist! Hat es überHaupt einen Thäter gegeben, oder war das Ganze vielleicht nur fingirt?" Bertha fprang auf. Aber Herr Hempel! Meine arme Schwester ist doch daran gestorben!" Man kann stch die Hände ganz gut selber binden." sprach Silas Hempel langsam und nachdenklich wie zu sich selbst. Man kann sich auch die Kleider zerreißen und Stiche geben, auch die Schlüsselgeschichte ließe sich erklären. Es waren doch gewiß Duplikate zur Flurthür vorhanden. Nur der Stich im Rücken das wäre schwierig und unnatürlich. Schließlich hätten ja die Stiche in der Brust genügt! Nein dieser Stich spricht wirklich dagegen." Um Gottes willen!" rief Bertha, wohin verirren sich Ihre Gedanken? Was sollte denn meine arme Schwester dazu bewogen haben?" Dafür sind Gründe brombeerbillig. Sie kann im Wahnsinn gehandelt haben. Sie könnte spekulirt haben, sie könnte " Aber, lieber Herr Hempel. dafür lege ich beide Hände in's Feuer! Meine Schwester war geistig so klar, wie wir beide, dabei das lauterste Geschöpf, das es gibt, in Geldsachen von' peinlichster Genauigkeit. Nein, nein das ist unmöglich!" Man muß an alles denken, gnädige Frau. Für den Kriminalisten gibt es gar keine an sich unverdächtige Person!" lln? dck balten Sie meinen Sohn für unschuldig troß der schweren Verdachtsgründe, die gegen ihn sprechen?" Weil ich ihn für intelligent halte. Und ein intelligenter Mensch wird, wenn er etwas derartiges unternimmt, vor allem für ein Alibi forgen. Er wird dieses um jeden Preis zu beweisen suchen, so unwahrscheinlich es im Grunde auch klingen mag. Einen Raubmord zu begehen und dann einfach die Auskunft zu verweigern, wo man um die kritische Zeit war, ist einfach blödsinnig. Dieser Schluß hat mich zuerst dazu geführt, Ihren Sohn für unschuldig zu halten. Der. zweite Grund " Sie haben noch einen?" Jawohl. Es ist der Umstand, daß es ihm gelang, eine angesehene, wohlbezahlte Stellung zu erringen. Ich habe mich erkundigt. Seine Chefs stnd sehr zufrieden mit ihm. Er kam ohne Geld, aber mit vorzüglichen Zeugnissen aus Chicago nach Hamburg. Dort stellte er sich dem Senior des Großhandlungshauses vor. Der Korrespondent in der Triester Filiale war eben gestorben. Man brauchte unbedingt einen Menschen, der möglichst viele Sprachen beherrscht und eine genaue Kenntniß des amerikanischen und australischen Marktes besaß. Diese Bedingungen konnte Herr Fröhlich vollauf erfüllen,. ja er besaß sogar werthvolle persönliche Verbindungen in Amerika. Man war also geneigt, ihn anzustellen, wenn er eine Kaution erlegte. Damals schrieb er an Sie. gnädige Frau." Ach. hätte ich ihm das Geld nur geschickt! Aber es waren schon ähnliche Fälle vorgekommen, und wir glaubten, daß es stets nur Vorwände waren. Jetzt freilich denke ich öfter, vielleicht hat er wirklich nur Unglück gehabt!". So war es auch. Es ist nicht so leicht, festen Fuß zu fassen, wie man gemeinhin annimmt. Indessen gelang es dem jungen Mann nach mancherlei Verhandlungen doch, die Stelle ohne Kaution zu bekommen. Seine Chefs stellen ihm das beste Zeugniß aus und bedauern sehr, ihn verloren zu haben.' Nun frage ich micfy: Ist es denkbar, daß jemand, dem es endlich nach langen Irrfahrten gelungen ist. eine gute Stille zu bekommen, er hatte ein Gehalt von viertausend Gulden jährlich diese auf solche Weise auf's Spiel setzt? Als er hungerte und fror, blieb er rechtschaffen, und nun er ein sorgenfreies Leben vor sich sah, sollte er plötzlich zum Mörder werden? Ja. wenn er es damals vor drei Monaten gethan hätte! Aber jetzt? . Nein auch das wäre blödsinnig und ich halte, wie gesagt, den jungen Mann für intelligent!" . . Das ist er. - Aber er ist auch gut. alauben Sie mir'S, Herr.Hempel. Sein
Herz war stets weich und gut. Wenn er damals jenen Brief schrieb, mag es in der Verbitterung, in momentaner Aufwallung geschehen sein. Wir haben uns sehr viel darüber gekränkt, aber auch er muß sich gekränkt gefühlt haben durch unser Mißtrauen!" Gewiß. Der Fall steht also so: Entweder wir finden den wirklichen Thäter oder es hat eben doch keinen gegeben." Das letztere halte ich für ganz ausgeschlossen." Dann denken Sie nach. Fällt Ihnen gar nichts ein. was uns aus eine Spur führen könnte? Der Thäter immer vorausgesetzt, daß er existirt muß die Verhältnisse genau gekannt aben. Er muß mit bestimmter Abficht die Rolle Ihres Sohnes gespielt haben. Besitzen Sie noch andere Verwandte?" Niemand." Ihr Herr Bruder ist ledig?" Ja. Er war bis vor Kurzem verlobt, doch löste seine Braut kurz nach dem Verbrechen die Verlobung auf. offenbar in Rücksicht darauf, daß er sein Vermögen verlor. Sie ist an luxuriöse Verhältnisse gewöhnt und " Wer ist sie? Kennen Sie sie?" Gewiß. Sie heißt Helene v. Monferrat, lebt in Budapest, hat große Güter in Ungarn und ist die Wittwe eines französischen Edelmannes." Standen Sie gut mit ihr?" 1 Wir Schwestern nicht besonders, denn sie war uns stets unsympathisch. Mein Bruder freilich liebte sie außerordentlich und ihr Verlust trifft ihn schwer." Sie selbst scheint doch mit ihm nicht gerade gemüthvoll umgegangen zu sin, da sie die Verlobung aus pekuniären Gründen löste!" Gewiß nicht!" Silas Hempel nahm abermals eine Prise. Sehr viel käme, darauf an, wenn wir erfahren könnten, wo Ihr Sohn sich in der kritischen Zeit aufhielt," sagte er. Ich wette, es steckt eine Liebesgeschichte dahinter. Hinter allem Großen und Lächerlichen auf Erden, das geschieht, steckt meist ein Frauenzimmer. Offenbar will er die Betreffende schonen. Sie ' ausfindig machen, hieße uns einen wichtigen Faden in die Hand geben." Darüber kann ich gar nichts sagen. Ich habe Robert, viele Jahre nicht gesehen, und in seinen Briefen erwähnte er derartiges nie." (Fortsetzung folgt.) , . m Eine geradezu grausenerregendc Fahrt im 400 Kg. schweren Auto unternimmt allabendlich im ZirkusBusch in Berlin .die Artistin Mauricia d: Tier. In rasendem Tempo fährt sie mit dem Automobil die 12 M. lange steile Abfahrtsbahn hinab, durchmißt dann. 18 M. mit dem Gefährt in der Luft, ehe sie auf eine zweite schiefe Ebene kommt, die das Fahrzeug wiederum auf ein anderes Terrain überleitet, wo sein? Fahrgeschwindigkeit dann allmählich gehemmt wird.' liebrigens muß die Ärtistin eine ganz genaue Diät einhalten, um das für die Todesfahrt" einmal zugrunde gelegte Körpergewicht beizubehalten. Da seilte doch der Verein gegen Thierquälerei" einschreiten. Als ein hübscher Erfolg darf der unlängst vom Washingtoner geselligliterarischen Verein veranstaltete Lcs-sing-Abend" bezeichnet werden. Seit den Tagen der deutschen Dramatischen Gesellschaft" ist wohl von Amateuren nichts Besseres geleistet worden, als die Aufführung der letzten zwei Akte von Lessing's Minna von BarnHelm". Fräulein Anita Schade spielte die dankbare Titelrolle mit solcher Natürlichkeit, daß es eine Lusi war. ihr zuzuschauen. Herr Johannes Miersch überraschte seine Zuhörer durch die fein durchdachte Wiederaabe des Tellheim". 'Herr Chas. Arnold lieferte in der Rolle des Wachtmeist:rs Werner" einen neuen Beweis seiner Vielseitigkeit, Fräulein Minna Meyers war im Aussahen eine allerliebste, im Spiel eine treffliche Franziska". die Herren Richard Ware und E. Garabedian wurden ihren respektiven Rollen des Just" und des Feldjägersdurchaus-gerecht, und Herr v. Wim?ffen als Graf von Bruchsall" war der vornehme und doch joviale Onkel, wie er im Lessing steht. Herr Frank Chandy, der bekannte Uebersetzer con Göthe's Faust", hatte die Freundlichkeit, der Vorstellung, welche im Hause der Präsidentin wie üblich stattfand, eine kurze Auseinndersktzung des Lustspieles vorauszuschicken, und sei hier gesagt, daß dieses weniger der amerikanischen", sondern der deutschen Mitglieder halber geschah, denn erstere hatten in den letzten Wochen unter der Leitung des Fräulein Schade mehrere Zusammenkünfte veranstaltet, speziell zu dem Zwecke. Lessing's Minna von Barnhelm" nicht nur mit vertheilten Rollen zu lesen, sondern auch zu stu diren. Frau Lois Cory Thompson war die Sängerin des Abends und bewies sie feinen Takt, indem sie ausschließlich Lieder von W. A. Mozart vortrug. Merkwürdiger Kinderfegen. Eine Schreinersfrau in München gebar am Tage Mariä Empfängniß" 1901 Zwillinge. 1903 ein Mädchen und 1905 wieder Zwillinge. ,
Allerlei für'S HauS. FrifchesFle ischaufzubew a h r en. Ein ganz vorzügliches Konservirungssalz kann mau sich selbst herstellen, indem ' man acht Theile Kochsalz, einen Theil Kalisalpeter und einen Thiil Salicysäure pulveristrt und gut durcheinander mengt. Das zu konservirende Fleisch. Fische etc. wird mit diesem Pulver gut eingericben, in trockene Leinwand gewickelt und an einem kühlen, lustigen Orte . aufgehängt. Vor der . Verwendung wird es einigemale mit kaltem Wasser abgewaschen. Palmenpflege. Ruhe ist den Palmen besonders Bedürfniß, d. h., sie können es nicht vertragen, wenn man sie zu häufig auf einen anderen Platz bringt. Die Ueberwinterung geschieht in Räumen, die nie unter 12 Grad Reaumur haben, auch muß man den Palmen stets in gleichmäßiger Feuchtigkeit halten, da ein Austrocknen der Erde sie zugrunde richtet. Sehr erwünscht ist die Zuführung abgestandenen Wassers mit einer Brause über die Blätter. Um das Ansetzen von K e s s e l st e i n im Theekessel zu verhindern, lege man ein Stückchen Marmor in denselben. Dieses zieht die sich niederschlagenden Kalktheile an, die es allmählich vollkommen bedecken. Darum ist es nöthig, den Marmor von Zeit zu Zeit herauszunehmen und zu säubern. F l e ck e n t i nk t u r. Man lasse sie beim Drogisten nach folgender Vorschrift anfertigen: 30 Theile geschnittene Seifenwurzel kocht man mit 1000 Theilen Wasser bei mäßigem Feuer so lange, bis das Ganze bis zur Hälfte eingekocht ist, filtrirt alsdann die Flüssigkeit durch Filtrirpapier, setzt ihr noch 30 Theile Salmiakgeist zu und bewahrt die Mischung in gut verkorkten Flaschen auf. Die zu entfernenden Flecke werden stark angefeuchtet und mittels einer Bürste mit warmem Wasser ausgebürstet. . Schuppen auf dem Kopie. Das beste und das unschädlichste Mittel ist das gut zerrührte Gelbe von einem Ei, womit man den Kopf gehörig einreibt und nachher mit warmem Wasser nachwäscht. Das Haar wird dadurch weich, die Kopfhaut rein und frei von Schuppen. Dieses Mittel wirkt in jeder Beziehung wohlthätig. Reinigenvon T eppichen. Das einfachste und beste Mittel zum Reinigen von Zimmerteppichen ist rohes Sauerkraui. Es muß natürlich durch Ausdrücken mit der Hand von der zu vielen Feuchtigkeit befreit wrden. Man streut das Kraut über den ganzen Teppich und kehrt es mit einem Besen tüchtig durcheinander. Besser noch ist's, man reibt mit einer Handvoll Kraut stückweise den Teppich ab. Dabei muß öfters neues Kraut genommen werden. So entfernt man den Schmutz und damit kommen airch die frischen Farben wieder. ' Manche Stoffe bekommen trotz forgfältigsten Spülens beim Trocknen gelbe Streifen. Ein einfaches und sicheres Verfahren dagegen ist, den Stoff vor dem Aufhängen kurze ZeH in lauwarmes Salzwasser zu legen. -Farbenflecke in Wäsche. Um rothe Flecke, die durch Abfärben in der Wäsche entstanden, zu entfernen, nimmt man das bekannte Fleckwasser, gießt davon eine Kleinigkeit auf einen Teller, taucht die befleckte-n Seiten darin ein, reibt dieselben zwischen den Fingern ein wenig durch und übergießt sie mit Essig. Der Erfolg bleibt nicht aus. Das Fleckwasser ist käuflich, kann auch folgendermaßen selbst hergestellt werden: Für 5 Cents Chlorkalk, für ebenso viel Pottasche wird in einen irdenen Topf gethan und mit kochendem Wasser Übergossen. Nach vielleicht einer Stunde fülle man das nun fertige Fleckwasser in Flaschen und verkorke dieselben gut; man achte aber darauf, daß der gebildete Satz im Topfe zurückbleibt. Marmorplatten .halten sich gut und verlieren ihre frische Farbe nicht, wenn man sie nur mit heißem Wasser ohne Zusatz von Seife (diese schadet der Farbe) reinigt und darauf achtet, daß keine Flüssigkeit in dieselbe eintrocknet. Haben sich bereits Flecken von Wein, 5lasfce, Bier und zdergleichen gebildet, so reinige man mit verdünntem Salmiakgeist, sehr verdünnter Salzsäure, Eau de.Javelle. Ochsengalle. oder man nehme eine Quantität frischgelöschten Kalk, rühre' ihn zu einer breiartigen Konsistenz mit Wasser an, trage den Brei mit einem Pinsel gleichmäßig auf die Flecken und lasse den Anstrich 23 Tage ruhig stehen, bevor man ihn abwäscht. Sollten die Flecken nach einmaliger Anwendung noch nicht verschwunden sein, fo wiederhole man das Verfahren. Wendet man Eau de Javelle an, so gieße man vorsichtig auf jeden Flecken 1 2 Tropfen und fpüle dann mit Wasser nach. Auch ein Gemisch von gleichen Theilen Alkohol und Terpentin sott im Stande sein, Wein-und Bierflecken auf Marmor zu vertreiben. Fett und Oelflecken in Marmorplatten könnte man durch Auflegen eines nicht zu feuchten Breies, oder, ausgebrannter Magnesia und . cereinigtem Benzin zu tilgen suchen. Be? veralteten Flecken wäre das Verfahren nöthigenfalls zu wiederholen. Bei hellen Marmorplatten ist das Aufpoliren (durch den Fachmann) gewöhnlich nicht zu-umge-hen.
