Indiana Tribüne, Volume 29, Number 120, Indianapolis, Marion County, 13 January 1906 — Page 5
Jndiana Tribüne, 13 Januar WOG
Kognak.
Humoreske von Franz Wichmann. Donnerwetter, nimmt denn das gar kein Ende!" Verzweifelt starrte Paul Heidezae? auf die zwei Dienstmänner. die, beide Arme voll Flaschen, fragend -in dem eleganten Ealo. herumölickten. Wohin damit, Herr?" Ja, wohin damit! Wo eben Platz ist. Meinetwegen auf den. schreibtisch, unter's Sofa, in den Kleiderschrank. Wie viel von dem Teufels zeug ist denn noch unten?" 2ln die hundert Flaschen können noch im Wagen sein." Allmächtiger Gott!" Der junge Mann warf sich wie vernichtet auf das braune Damastsofa und fuhr sich mit den Händen durch das dichte braun: Haar. Es war entsetzlich, wie ein Krämerladen sah seine Wohnung aus. Und wie sollte er diese Waare wieder loswerden. Er tonnte doch nicht damit hausiren gehen! Zu allen Teufeln hätte er diese Elsa Diavelli, die doch schließlich an allem schuld war, wünschen mögen. Ohne die unglaublichen Launen und Ansprüche der koketten Tänzerin wäre er jetzt ncch schuldensrci 'dagesessen und hätte die Hand der reichen Lilly Lorbert erringen können. Es war wirklich zum Verrücttwerden! Eben keuchten die Tienstmänn:? wieder schwer die Treppe herauf. 'Jetzt haben wir allesbis auf sechs Flaschen," bemerkte der eine. Behalten Sie sie selbst in Gottes Namen und lassen Sie sich das Trinkgeld schmecken." Schönen Dank, Herr Heidegger!" grinsten die beiden Blusenmänner und verließen freudig das Zimmer. Icy möchte die ganze Weli damit vergiften," murmelte Paul, und diese unschuldigen Seelen haben noch die reinste Freude an dem verwünschten Koanak! Mein Gott, jetzt kommt auch noch Jemand." unterbrach er sich erschreckt und eilte an die Thür. . Guten Tag, Paul, muß doch einmal sehen, wie es Dir geht. Du bist ja seit einiger Zeit völlig verschwunton." Der junge Male? stand bereits aus der Schwelle und warf einen erstaunten Blick in das mit Flaschen überfüllte Zimmer. Aber was ist denn das? Hier sieb: es ja aus wie in einer Weinhandlung!" O, Hans, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde doch setz Dichich will Dir die anze entsetzliche Geschichte erzählen. Daß die unselige lPQssion für die hübsche Elsa mich Unsummen gekostet hat, weißt Du ja schon." Nun, Du hast ihr doch beizeiten den Laufpaß gegeben." Leider nein. Erst als ich Lilly kenvitn lernte, und da war es schon zu spät." I Aber Du hast ja Aussicht, sagt man, die reiche, schöne Wittwe zu erobern." Nur, wenn sie nicht erfährt, wie es um mich steht. Von einer ruinirten Existenz wird sie nichts wissen wollen. Und das bin ich thatsächlich. Die Gläubiger drängen mich zum Offenbarungseid, und wenn das öffentlich bekannt wird, ist alles verloren." Aber Dein Onkel hat Dir doch noch immer geholfen." Er will ja nichts mehr von mir wissen. Alle meine Briefe läßt er unbeantwortet und giebt keinen Pfennig mehr her. Aber ich mußte um jeden Preis Geld haben, um das Schlimmste abzuwenden, und wandte mich an die Wucherer. Das Refultat sind oG0 Flaschen Kognak!" Tu willst mir wohl einen Bären aufbinden." Höre nur! In meinem Leben möchte ich solch einen Passionsweg nicht noch einmal gehen. Von einem diskreten Vermittler wendete ich mich an den anderen. Jeder schröpfte mich um eine hohe Einschreibgebühr, und am Schluß hieß es immer: Leider nichts zu machen." Endlich fand ich noch einen gewissen Jsaak Silbermann, der ein Einsehen hatte. Ich unterschrieb einen Wechsel auf. 6000 Mark, den ich einlösen wollte, sobald meine Heirath geglückt und der Onkel versöhnt wäre. Der Agent verlangte nur 300 Mark Provision, wandte sich an einen Kommissionär, der wieder an einen anderen Agenten, von denen sich jeder beiläufig nur 100 Mark Spesen berechnete, und der letzte fand schließlieh einen Industriellen, der bereit war, das Geld herzugeben. Aber die Freude, iie ich empfand, ward bald zur bitteren Pille. Der rettende Engel von einem geheimnißvollen Geldmann, den ich übrigens gar nicht zu Gesicht bekam, ließ mir durch sein Sprachroh?, Herrn Silbermann, verkünden, daß Baargeld heutzutage sehr schwer zu bekommen sei und er unmöglich mehr als 2000 Mark flüssig machen könne. Für das übrige " Mußtest Du Kognak nehmen." rief Hans mit ironischem Lachen. So ist es. Für 3500 Mark Nognak St. Didi, 500 Flaschen zu sieben Mark das Stück, die ich ja jederzeit vortheilhaft wieder verkaufen könne." Und darauf gingst Du ein?" Was sollte ich machen! Frag' einen ermen Sünder, ob er liebn gleich ganz gehängt sein will oder vorläufig nur Ich Zog das letztere vor. Die 2000 Mark baar genügten ja schließ-
lich für den Augenblick, um mich vor dem Offcnbarungseide zu retten. Nun aber stehe ich wieder vor dem absoluten Nichts, und der Rest meines Rekchthums ist dieser schreckliche Kognak, den Herr Silbermann mir ohne Weiteres in's-Haus schicken ließ." Aber Mensch, das ist doch kein Gruild zum Verzweifeln. Wenn ich ein solches Kapital in Spiritus mein nennte, wäre Anna Schongauer längst mein! Der Alte hat ja Moneten genug, aber eben darum will er von einem armen Künstler nichts wissen." Dann wirft Du wohl verzichten müssen." Niemals. Anna liebt mich wahrhaft und läßt so wenig von mir wie ich von ihr. Und schließlich ist ja das Verlangen des Alten nichts als eine verrückte' Schrulle." Was verlangt er denn?" Daß ich irgend etwas Vernünftiges, wie er-es nennt, anfange, ein Geschüft, oder Gott weiß was, womit man Geld verdienen könne. Die Pinselei, behauptet er, sei kein Beruf, der etwas einbringe." 'Paul Heidegger, der wahrend des Gespräches an das geöffnete Fenster getreten war und auf die Straße hinabgeblickt hatte, fuhr mit einem Schrei des Entsetzens zurück, als habe er ein Gespenst gesehen. Himmelherrgott, mein Onkel," flüsterte er tödtlich erschrocken. -Der Unglücksmensch ist in der Stadt und steuert gerade auf meine Wohnung los! Nun kann es gut werden. Wenn er das Kognaklager sieht, von dem Wechsel und meinen Schulden erfahrt, ist alles verloren und jede Versöhnung ausgeschlossen. Hans, Dich hat ein guter Engel mir zugeführt. Du mußt mich retten!" Ich? Aber um Gottes willen, wie " Das wirst Du schon sehen. Mir kommt ein Gedanke, gehe nur auf alles ein, was ich sage, der fürchterliche Onkel kommt schon die Stiege herauf, er kennt Dich ja nicht und muß mir glauben, wenn es auch noch so toll ist, was Du hörst." Lieber, guter Hans, ich bitte Dich, nur dies eine Mal hilf mir aus dieser schrecklichen Situation der Kognak muß Dir gehören." Mir? Aber um Gottes willen " Still, da ist er schon!" Ein lautes, polterndes Klopsen ertönte an der Thür und Paul rief zaghaft: Herein!" Im Eingang des Zimmers erschien die kleine, dicke Gestalt eines graubäriigen Herrn mit gutmüthigem Gesicht und stark gerötheter Nase, der verzweiseit an seiner goldenen, von der Kälte beschlagenen Brille rückte. Er erkannte offenbar nichts als das ringsum aufgestapelte Heer von Flaschen, und als er jetzt den ihm unbekannten Maler bemerkte, fagte er in leichter Verlegenheit: Verzeihen Sie, ich bin wohl nicht recht, hier ist ja eine Flaschenhandlung." Nicht doch. Onkel, lieber Onkel," rief Paul, rasch vortretend, es ist thatsächlich meine Wohnung und nur aus Zufall in diesem seltsamen Zustand, ich werde Dir gleich erklären, aber zuerst sei herzlich willkommen, und bitte, nimm Platz " Wie, auf den Flaschen " Pardon, ich mache gleich Platz." Paul räumte eilfertig .einen Stuhl i ab, auf den der dicke OnkÄ schwerfällig niedersiel. Vom Treppensteigen j noch außer Athem, begann er in kurz hervorgestoßenen Sätzen: Bin heute von Mopsendors hereingefahren wollte mal selbst nachsehen wie es eigentlich mit Dir steht werde aus dem thörichten Geschwätz und den anonymen Briefen nicht mehr klug. Wenn ich aber störe, weil Du nicht allein bist " O. bitte, bitte, es ist ja mein bester Freund. Hans Erlacher, der Eigenthür.er dieses Kognaks." Was, Kognak ist das alles?" fuhr der alte Herr auf. Aber um's Himmels willen, wie kommt denn diese Niederlage in Deine Wohnung?" Paul wischte sich ein paar dicke Schweißtropfen von der Stirn. O. nur eine Gefälligkeit, ein Freundschaftsdienst," stotterte er und sah mit beweglich flehenden Blicken verstohlen auf den Maler. Allerdings." bestätigte dieser, Paul war so liebenswürdig, mir " Ja. denke Dir, Onkel, das Pech, das Unglück! Mein Freund hat nämlich eine große Kognakhandlung das heißt er wollte sie erst eröffnen, bier in der Stadt, hatte schon einen Laden gemiethet und wartete auf die Ankunft seiner Vorräthe, und da brannte gestern das Haus nieder." Ja, ja, das ganze Haus, sammt dem Laden, sogar die Keller," fiel der Maler ein. Heute Morgen aber," fuhr Paul fort, komm! die erste große Sendung an, 500 Flaschen Hans kann so schnell nirgends einen Platz für dieselben finden und bittet mich in seiner Noth, nur für kurze Zeit ihm meine Wohnung zur Verfügung zu stellen. Natürlich konnte ich nicht anders, lieber Onkel das siehst Du ja ein " Gewiß, gewiß, ich finde es sogar recht fchön von Dir, dem Freunde so aus. der Verlegenheit zu helfen. Sie sind gewiß selbst der Fabrikant Ihres Kognaks, Herr Erlacher?" Nicht doch." log Hans, sich schnell in seine Rolle findend, -großes französisches Geschäft, alte, bewährte Firma bin nur der Vertreter."
Ah so, Sie wurden mit einer Fifiale am hiesigen, Platze betraut?" Das heißt, nur für den Engrosbetrieb; mit Kleinhandel habe ich nichts zu thun, im Einzelnen wird nichts abgegeben." So so " Der alte Herr nahm eine der zu seinen Fußen stehenden Flaschen und betrachtete sie aufmerksam. Kognak interessirt mich, bin Liebhaber davon, vielleicht, daß ich auch einmal von Ihnen beziehe; aber höre mal, Paul, ich bin noch nüchtern, gleich aus der Bahn hierher gekommen, spüre höllischen Hunger und ö)urst. wenn Du vielleicht ein kleines Frühstück " Gewiß, Onkel, werde alles sofort besorgen. Hans kann Dir unterdessen Gesellschaft leisten " . Ich habe leider keine Zeit mehr." rief dieser erschreckt, gehe gleich mit Dir, muß mich ja sofort nach einem Laden oder wenigstens nach einem Lagerraum umsehen." Bitte, machen Sie meinetwegen keine Umstände." Also einstweilen adieu, Onkel, mach' es Dir nur bequem, ich komme so schnell als möglich wieder."' Als die beiden gegangen waren, legte Christian Heidegger den Mantel beiseite, zog die Uederschuhe ab und ließ sich behaglich im Sofa, nieder. Aber sein Blick fiel immer wieder auf die vor ihm w?e schmucke Soldat? in Reih und Glied aufmarschierten Flaschen. Er nahm die nächste und studirte mit Wohlgefallen die in feiner Goldschrift ausgeführte Etikette: Marke spezial. Kognak St. Didi. Filou & Co. Grande Champagne 1854. Ein halbes Jahrhundert alt! Herrgott, mußte das ein delikates Tropfen sein! Wenn man so etwas in Mopsendorf auch haben könnte! Er ergriff eine der Flaschen und liebäugelte mit der goldbraunen Flüssigkeit. Fünfhundert Flaschen würde man es merken, wenn eine fehlte? Die Versuchung war zu groß, er widerstand nicht mehr, zog sein Taschenmesser mit dem Pfropfenzieher und öffnete. Ah, duftete das köstlich! Hastig schenkte er das kleine Spitzglas voll und schlürfte es hinunter. Herrlich, herrlich, wie Feuer lief es ihm durch die Adern. Er mußte noch einmal probieren. Das zweite Glas verschwand und ein drittes folgte. Ein angenehmer, wohliger Zustand, eine halbe Betäubung bemächtigte sich seiner und dämpfte den Schrecken, mit dem er wahrnahm, wie weit er die Flasche schon geleert. Vertuschen ließ sich sein Frevel nicht znehr, höchstens wenn er ja, das Hing er mußte das Fehlende durch Wasser ersetzen und die Flasche wieder sorgsam verkorken. ' Schwankend erhob er sich, um nach dem Tische mit der Karaffe zu gehen. Doch erschrocken blieb er stehend Äuf j der Treppe ließen sich Schritte vernehmen, ein fester und ein leichterer. Kein Zweifel, Paul und fein Freund kamen zurück! Verfluchte Geschichte, unmöglich konnte er seine Schwäche eingestehen und sich vor Paul blamiren! Blitzschnell ließ er die Flasche - in feiner' weiten Hinteren Rocktafche verschwlnden. Herein!" rief er, da der Neffe so galant war, an seiner eigenen Wohnung zu klopfen, um den Onkel nicht zu stören. Doch nein was war das? Dort auf der Schwelle standen ' ja Fremde, ein älterer, jigerer Herr mit strengem, bartlosem Gesicht und eine junge, zierliche Dame mit braunen Augen und blonden Haaren, in elegantester Kleidung, und die beiden starrten ihn betroffen an. Verzeihen Sie. wohnt hier nicht ein Herr Heidegger?" Gewiß, ich selbst das heißt, Hie suchen wahrscheinlich meinen Neffen " Ah, Sie sind " Christian Heidegger, Gutsbesitzer aus Mopsendorf." Sehr erfreut, mein Name ist Bernhard Schongauer, hier meine, Tochter Anna." Der Onkel hatte sich erhoben und verbeugte sich, fo gut es seine eigenthümlich schwer gewordenen Füße gestatteten. Wenn Sie meinen Neffen " stotterte er. Nicht ihn ich suche einen Herrn Erlacher. den ich unbedingt sprechen, muß. Er soll vor einer Stunde hierher gegangen sein." Ah so, den Kognakhändler meinen Sie?" . Was, Kognakhändler?" rief Herr Schongauer erstaunt, und Anna riß verwundert die hübschen Augen auf. Das muß ein Irrthum sein, der Herr " . Aber Sie sehen doch hier das Lager," 'Wahrhaftig, diese Flaschen, ich begreife wirklich nicht " Freilich, wenn Sie . vielleicht noch nicht wissen, daß gestern sein zu eröffnendes Geschäftslokal abgebrannt ist und mein Neffe die Gefälligkeit hatte, einstweilen " Sein zu eröffnendes Geschäft?" Papa, mir kommt ein Gedanke," rief Anna freudig, wenn Hans Deine Mahnunq beherzigt und etwas anderes angefangen hätte!" Du glaubst doch nicht, daß er am Ende eine Ueberraschung beabsich tigt Gewiß hat er das, wie wäre eö sonst möglich "
Aber sonderbar, einen 'Kognakhandel " O, er ist ein Kenner, ich sage Ihnen, ein vorzüglicher, Tropfen," rief Onkel Heidegger vorschnell. Nun, schließlich ist ja gleich, mit was man 'Geschäfte macht, wenn man nur ehrlich arbeitet und verdient " O, Herr Erlacher ist ein sehr angenehmer, feiner Herr," meinte Heidegger. Ach, nicht wahr, das sage ich auch," rief Anna begeistert. Ich muß ihn wirklich verkannt haben," gab Schongauer etwas kleinlaut zu, aber wenn es so ist, dann bin ich ja ganz umsonst mit meiner Tochter gekommen." y Nicht umsonst, Papa! Wenn Hans Dir den Willen gethan hat. so siehst tlu, mit lieb er mich hat, uno U3U mußr unseren Herzenswunsch erfüllen." Nun, nun, es ließe sich ja jetzt vielleicht darüber reden," wich der Vedrängte aus und wandte sich an Heidegger. Wie ich von meiner Tochter höre, beabsichtigt ja Ihr Neffe auch zu heirathen " Wirklich?" fragte der Onkel erfreut. Ja, wissen Sie denn das nicht? Er soll sich doch um eine der besten und reichsten Partien der Stadt bemühen, um die schöne, junge Wittwe Lilln Lorbert." Donnerwetter, so hat der Tkufelsjunge doch die Wahrheit geschrieben und ich aber da kommt er ja endlich selbst wieder und " Hans, Hans, da ist er!" jubelte Anna und eilte auf den gleichzeitig eintretenden Geliebten zu. Der Maler fuhr entsetzt zurück, da er seinen Verfolger erblickte. Ich ich wollte nur " stotterte er und suchte sich wieder nach der Thür zurückzuziehen. ..Wolltest nach dem Kognak sehen, nicht wahr?" Nach meinem Kognak ja, gewiß, das heißt, ich Paul war so liebenswürdig. mich zur Theilnahme an dem kleinen Frühstück einzuladen, und ließ mich nicht fort " Annas Vater war auf ihn zugetreten und betrachtete ihn mit offenbarem Wohlgefallen. So ist es also wirklich wahr, daß Sie ein Geschäft eröffnen wollten' und daß dieser Kognak Paul stieß den Freund heimlich von der Seite an. Um Gottes willen, verrathe mich jetzt nicht!" flüsterte er. Ja. ja, er gehört mir." fiel Hans rasch ejn, das Feuer ich " er stockte und verwirrte sich. Ich habe bereits von Ihrem Unglück gehört," sagte Herr Schongauer, der die Erregung des jungen Mannes begreiflich fand, mit. ungewohnter Milde, und ich bedauere es aufrichtig. Aber lassen Sie sich dadurch nicht entmuthigen. Pech im Anfang bedeutet Glück am Ende." Ach, für mich gibt es ja nur ein Glück." rief der Maler, sich plötzlich in einer, Anwandlung von Galgenhumor tln Herz fassend: Anna!" Wenn Sie meine Tochter wirklich so gern haben, daß Sie dieser Liebe Ihre künstlerifchen Spielereien zum Opfer bringen konnten, so habe ich Ihnen allerdings unrecht gethan und ich wäre nicht abgeneigt, einem künftigen tüchtigen Geschäftsmann " Herr Schongauer, Sie wollten " Eigentlich wollte ich ganz etwas anderes. Da ich Sie in Ihrer Wohnung nicht fand, verfolgte ich Ihre Spur hierher, und meine Tochter mußte mich begleiten, um Ihnen in meiner Gegenwart für immer Lebewohl zu sagen. Ich konnte ein Verhältniß ohne jede solide Grundlage nicht dulden, aber jetzt " Jetzt, Papa, darfst Du nichi mehr nein" sagen!" Meinetwegen denn, so habt Euren Willen und. verlobt Euch. Gern, Herr Erlacher, werde ich Sie mit Rath und That unterstützen, um Ihr Geschäft in flotten Ganz zu bringen." Hans, Hans!" rief Anna und flog an den Hals des Malers. Meine liebe Anna, ja, jetzt wollen wir glücklich " Aber, um Gottes willen, was hast Du denn, Onkel?" rief Paul, der inzwischen den Tisch mit den mitgebrachten Delikatessen zn decken begonnen hatte, Du bist ja plötzlich ganz blaß aeworden und schwankst so eigenthümlich!" , Mir ist auch in der That nicht gut ich weiß nicht, ich muß etwas mir wird ganz schwindlig, wenn ich vielleicht in dein Schlafzimmer " Natürlich, lege Dich auf mein Bett, ich werde sogleich den Doktor holen Sie verzeihen " O, bitte, bitte, wir wollen weiter nicht stören," sagte Herr Schongauer, komm, Anna hoffentlich ist es nichts Schlimmes, ich wünsche das Beste" Wenn Sie gestatten, gehe ich auch mit," meinte der Maler, dem es bei seinem unerwarteten Glück angst und bange um's Herz war. ' Paul kann doch seinen Onkel nicht allein lassen, ich werde selber den Arzt rufen " Ja, ja, Sie haben recht," stimmte Herr Schongauer bei, gleich an alles denken, das verspricht einen guten Geschäftsmänn! " Hans bot Anna den Arm und d drei verließen das Äimmer.
V!acy kaum einer Ätertelstunde erschien bereits der Arzt und untersuchte den jammernden Patienten. Haben Sie vielleicht twas Unzuträglichs getrunken?" fragte er. " Heidegger konnte vor Stöhnen nicht antworten und der Neffe nahm für ihn das Wort: Gott bewahre, Herr Doktor. Die Flasche, fcie ich eben geholt, steht noch unangebrochen da er war ganz nüchtern." ' ' Au weh, au weh, es zerreißt mir den Bauch!" Sonderbar!" Der Arzt schüttelte den Kopf. Eigentlich sind das ganz die Symptome -iner leichten AlkoholVergiftung. Ich kann da einstweilen wirklich nichts machen, die Sache muß sich erst weiter entwickeln. Halten Sie sich vor allem recht ruhig. Am Nachmittag will ich wieder nachsehen." Nathlos blieb Paul am Lager des Kranken zurück. Wie ist Dir jetzt, Onkel?" Miserabel, miserabel schlecht. Von Vergiftung hat der Doktor gesprochen, mein Gott, wenn ich sterben müßte " Wer wird denn gleich das schlimmste denken. Der At ntiifc sich irren, Du hast ja gar keinen Alkohol" Doch, doch Himmel, wenn ich sterben muß mit den Gewissensbissen die Schande wenn es nach meinem Tode entdeckt wird ich ich " ,Aber, bester Onkel, ich glaube, Du sprichst im Fieber " Nein, nein, ich muß Dir alles gestehen Paul, ich, ich habe gestohlen " Gestohlen, Du, Onkel, das ist ja unmöglich, was kannst Du gestohlen haben?" Kognak!" ächzte. Heidegger, und wies auf seinen an der Wand hängenden Rock da, in der hinteren Tasehe, die Flasche er war zu gut ich ich habe zu viel " Paul mußte bei der komischen Verzweiflung des Onkels laut auflachen. Was, Du .hast meinen, meines Freundes Kognak probirt?" Ja, ja, Du kannst, lachen, hast ein reines Gewissen, aber ich. ich weiß wohl ich habe Dir unrecht gethan wegen der Tänzerin, und da Deine in Aussicht siehende Verlobung wahr ist ich will gewiß alles wieder gut machen und wenn Du noch kleine Schulden hast " - Allerdings, lieber Onkel, von früher noch " Gut. ich zahle alles, verfüge über meine Kasse, nur versprich mir eins!" Was Du willst. Onkel, ich " Verrathe mich nicht, ich müßte mich ja ZU Tode schämen vor Deinem Freunde, nimm es auf Dich!" Ah, ich soll sagen, daß ich den Kognak annektirt und getrunken? Wenn es weiter nichts ist, von Herzen gern,' und jetzt soll meiner Verlobung mit Lilly nichts mehr im Wege stehen. Wenn ich das geahnt, hätten wir sei nen Doktor gebraucht, ich hole Dir eine bessere Medizin, Onkel, eine Flasche Selters, einen Hering oder eine saure Gurke Dich werde ich bald kurirt haben!" Und kaum das Lachen unterdrückend, eilte er in das Wohnzimmer hinaus. Da öffnete sich geheimnißvoll und behutsam die Thür nach dem Flur. Auf der Schwelle stand der Maler und spähte vorsichtig herein. Pst, ist er fort. Dein Onkel?" Paul begriff, daß es irgend eine wichtige Mittheilung galt, und schob Hans durch die Thür auf den Gang zurück. Der Onkel liegt zu Bette, Dein Kognak hat ihm den schönsten Kater verursacht." Was, er hat " Lachend 'berichtete Paul das Geständniß des alten Herrn. Aber nach meiner Mittheilung wirst Du nicht lachen," meinte der Maler.. Was ist geschehen?" ' Ich habe beichten müssen, alleZ!" Um Gottes willen. Du hast mich verrathen?" Nur meinem Schwiegerpapa gegenüber. Es blieb nichts anderes übrig. Denke Dir, als ich den Doktor besorgt, verlangte er mein ausgebranntes Geschäftslokal zu sehen, und ich wußte in der ganzen Stadt keine frische Brandstätte. So beichtete ich denn,' und die Anwesenheit Annas trug dazu bei, daß er gute Miene zum bösen Spiel machen mußte. So ist es denn bei - unserer Verlobung geblieben." Gott sei Dank! Jetzt soll auch die meine der Deinen bald folgen. Der Onkel hat sich durch seine Schwäche dem Alkohol gegenüber in meine Hand gegeben und alle meine Schulden , zu zahlen versprochen. Nur darf er die Wahrheit nicht erfahren, wenigstens bis ich geheiräthet nicht." Jener nickte verständnißinnig und versicherte: Das Versprechen habe ich meinem Schwiegerpapa schon abgenommen. falls er Deinem Onkel wieder begegnenfollte." . Hurrah, Hans, Du hast mich-ge-rettet und verdienst deshalb eine angemessene Belohnung; ich schenke Dir alles, den ganzen Kognak!" Mir, den Kognak?" -Du mußt die Komödie zu, Ende spielen und mir die schrecklichen Flaschen so bald als möglich aus- dem Hause schaffen. Aber nimm Dir an Onkel Christian ein warnendes Beispiel und trinke nicht zu viel davon!"
Der dänische Reichstag. Bis zur Schreckensnacht des Jahilö 1884, als die Christiansborg als schauerliche Brandfackel gen Himmel lohte, hatte der dänische Reichstag seinen Sitz in jenem noch immer als ei greifende Ruine aufragenden, gewaltigen Schloß. Gegenwärtig tagen die Väter des Volkes in einem auf der Bredgade gelegenen Palais, auf dessen Hof sich ein hohes Thor für Wagen und eine niedrige Thür für Fußgänger erschließen. Durch eine schmale Pforte, die sich nach der darüber prangenden Inschrift fünfzehn Minuten vor Beginn der Sitzungen aufthut, um sich fünfzehn Minuten nach ihrem Schluß wieder zu schließen, gelangen die Zuhörer zu dem im Eckflügel des Palais gelegenen Sitzungssaal. Der Andrang ist hier immer ganz äußerer-, deutlich, und das Verlangen, in diese
helllgen Hallen zu gelangen, ist um so leidenschaftlicher, als dies bei de; äußerst beschränkten Räumlichkeiten nur ganz wenigen vergönnt sein kann. Unterhalb der auf acht dorischen Säulen ruhend'en Zuhörer- und Journalistenloge, in gleichem . FußbodenNiveau mit dem Sitzungssaal liegt die etwa vierzig Personen fassende reser-, virte Loge, zur Rechten und Linken von noch kleineren Logen, für Mitglicder des Ministeriums u. s. roi begrenzt. Im Hintergrunde erhebt sich die Königsloge und die beiderseitigen kleinen Logen für Diplomaten und Mitglic der des Hofes. Die Zeiten, als Männer wie Grsf Holstein. Ledreborg und Berg den Dcbatten Leben und Farbe gaben, sind dahin; aber doch weist auch der jetzig? Reichstag viele interessante Physiognomien auf. Von den Ministern, die durch eine schmale, weißlackirte Pforlc zur Rechten einzutreten pflegen, - gilt natürlich das Hauptinteresse dem Ministerpräsidenten Christensen. Die Hände auf dem Rücken, das Haupt mit dem grau melirten, wolligen Haar rtwas vorgebeugt, naht er festen, -lang-' lamen Schrittes und schreitet o dcdächtig zu seinem Platz. Er tritt hier u einer Gruppe heran, bietet dort einem Bekannten freundschaftlich die Hand und läßt seine klugen Blicke in die Runde schweifen, während sein sympathisches, glatt rasirtes Gesicht das gewohnte nachdenkliche, etwas ze?streute Lächeln zeigt. Der äußerlich an seinen ehemaligen Beruf als Schullehrcr erinnernde Präsident, Kriegsund Marineminister macht den Eindruck eines tüchtigen und licbenswür digen Mannes. Wenn er spricht, geschieht es so leise und so schnell, datz die entfernter sitzenden Deputaten ihr Plätze verlassen und näher kommen müssen. Unter sachtem Hin- und Herwiegen des Körpers, den Kopf ctws zur Seite geneigt, pflegt er dabei sich ganz an seine Aufzeichnungen zu holten. Die Minister haben die 'beiden ersten Sitzreihen rechts vom Präsidenten inne. Neben Christensen die anstokratische Erscheinung des Ministers des Aeußercn, Grafen Raben, der Bcsitzer von acht Rittergütern sein - soll. In olympischer Ruhe thront neben diefern der Schöpfer des Prügelgesetzet!, Justizminister Alberti, ein sehr umfangreicher Herr, dem die Glatze tief in den Nacken hinabsteigt. Er bejaht durch eine schweigende Kopsbeweguna eine ihm von seinem College, dem Trafikminister Högsbro, vorgelegte Frage. Dieser anscheinend sehr ncrvöse Hur pflegt zumeist ruhelos den Saal mit hastigen Schritten zu durchmessen oder, von einem plötzlichen Gcdanken ergriffen, sich aus den Büchnreihen einen Band auszuwählen, und sich, das Haupt in beide Hände gestützt, in ihn zu vertiefen. Auf der vorderen Sitzreihe des Finanzministers Lassen energisches und kluges Gesicht, der Mnister des Innern Berg, eine als Eigenthümer von 17 Provinzblättern sehr einflußreiche Persönlicbkeit,' uno der populäre LandwirthsHaftZminisier, . Bauernhofbesitzer Ole Hansen, der zu einer ihm vom Cultusminister gemachten Bemerkung fast unmcrklich den Kopf schüttelt. Von den Mitgliedern des Reichstages fällt die hohe Gestalt des. Führcrs der Demokraten. BoLgbjärg. crnj, der mit seinem, wallenden Siegfriedbart, seinen .raschen, lebhaften Bewegungen in ausgesprochenem G?gensatz steht zu seinem unversöhnlichen Gegner Alberti, ferner die vollendete Diplomaten - Erscheinung von Lars Dineseit, Etatsrath N. Andersen, der sich aus einfachsten Verhältnissen zum Kommandeur des Dannebroq" und zu großem Vermögen emporgeschwun-, gen, und Zahle, der sich mit sieben anderen von der Regierungspartei lesgesagt hat. Die Verhandlungen werden von dem ehemaligen Schullehrer Thomsen geleitet., Mit majestätischer Miene wacht er von seinem erhöhten Sitz herab über den Gang der Verhandluugen. Die Redner sprechen .von ihren Plätzen aus. Ein -korpulenter Reichstagsdiener wird nicht müde, ihnen gravitattsch ein Glas vondem Wasser zu kredenzen, das dem in einer der Fensternischen angebrachten Hahn- gleich frisch entrauscht. Obgleich die Worte der Redner zumeist nur halbverstanden an die , Ohren der Zuhörer klingen liegt auf deren .Gesichtern doch eine grenzenlose Theilnahme.
