Indiana Tribüne, Volume 29, Number 116, Indianapolis, Marion County, 9 January 1906 — Page 6
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Der Zamilientag. Humoreske von Ludroig Kroger, 1. Herr Friedrich Wilhelm Stresemann hatte ein Menschenalter lang feinen Lebensberuf mit Erfolg auf das Schiller'sche Wort gestellt: Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen!" Prosaischer ausgedrückt: er hatte dreißig Jahre lang in der ehrenwerthen Stadt Perleberg ein schwungHaftes Fabrikationsgeschät in Stiefelwichse betrieben und war nach dessen Verkauf, dem Zuge der Zeit, des Herzens und seiner angetrauten Gattin folqend, nach Berlin übergesiedelt, wo
er den Rest seiner Tage als SechserRentier" zu beschließen gedachte. Da dlese wenig ausreibende Beschäftigung ihm reichlich freie Zeit ließ, konnte er sich mit zunehmender ,Vorliebe seinen beiden Lieblingsbeschäftigungen widmen: der Seidenraupenzucht und der Heraldik. Besonder der letzteren. Er besaß etne kleine Bibliothek von Wappenbüchern und dergleichen, wußte die Wappen von allen bekannten deutschen Adelsgeschlechtern auswendig und hatte eine Menge Nachforschungen darauf verwandt, den Stammbaum seiner eigenen Familie auszuarbeiten. Diese famllttnaeschichtüchen Nei gungen hatten es auch bewirkt, daß Herr Stresemann sich eines Sonntags Nachmittags im Januar trotz seiner Antipathie gegen das Theater er war meh: für Zoologischer Garten oder Neichshallen mit Frau und Tochter das neue Lustspiel Der Familientag" angesehen hatte, dessen Sujet für ihn ganz besonders geschaffen schien. Zwar hatte ihn das Stück, das Frida direkt himmlisch" fand, nur mäßig befriedigt, weil man Plätze sehr weit hinten gehabt hatte und er mcht mehr gut hörte. Aber es hatte zum Mindesten einen großen Gedanken in ihm aufkeimen lassen, der jetzt derAusfuhrung entgegenreifte: er, als Se nior" seines Hauses wollte zur Stärkung des Famlllengefühls" ebenfalls einen Familientag" veranstalten, zu dem die engere Verwandtschaft cingeladen werden sollte. Und so geschah's! Als geeignetster Taq für dieses seltene Fest wurde der Ostersonntag in Aussicht genommen, da die diversen Kinder um diese Zeit Ferien hatten. Uebngens wohnten fast alle Verwandtcn, die in Frage kamen, in Berlin, so daß man Logierbesuch nicht zu befürchten hatte. Die Berliner Aanaten des Hauses sagten auch vollzählia ihr Erscheinen zu. Otto wurde zu Onkel Adolf geschickt, einem unverheiratheten alteren Bruder der Frau Stresemann, der als Verstcherungsbeamter in Schöneberg wirkte und nach einer unverbürgten Sage einmal ein großer Don Juan gewesen sein sollte. Frida, übermittelte die Einladung der verwittweten Tante Earoline Huschke, die mit ihren vier Töchtern Emilie, Hedwig. Grete, Liescken draußen in Moabit woh?.te. wo die Miethe am billigsten war. Zu dem Vetter Waldemar endlich, der Oberinspektor bei der Großen Berliner Straßenbahn und als solcher sozusagen eine Respektsperson war. begab sich Herr stresemann persönlich, um ihm die Einladung für ihn, seine Frau und das einzige Söhnchen Ludwig zu überoringen. Alle nahmen an, und da die vorläufige Zählung ergab daß man zu Dreizehn bei Tisch wäre, so wurde Schanden halber , wie der Hausherr sich respektlos ausdrückte, noch der Theologie - Eandidat Herr Willibald Fahlbuscb mit einer Einladung beehrt, der im selben Hause eine Treppe höher zu Miethe wohnte und dem etwas begriffsschweren 5knaben Otto eine Zeitlang Nachhilfestunden gegeben hatte. Herr Stresemann, der ein erklärter Freigeist und Zlirchenfeind war, sah zwar diesen angehenden Gottesgelahrten sehr ur'rn, aber seine Gattin protegirte ihn desto mehr, und Frida pflegte verdächtig zu erröthen, wenn sie ihm auf der Treppe begegnete, was häufiger geschah, als unbedingt nötfng gewesen wäre. 2. Der Ostersonntag war da, und kurz nach 12 Uhr begann die Auffahrt der Theilnehmer des Familientages, die sich theils per Straßenbahn, theils per Omnibus in der Linienstraße einfanden: nur Onkel Adolf, der an- Hämorrhoiden litt und deshalb viel gehen mußte, machte die Nordpolezpedltlon aus Schoneberg nach Berlin N. Zu Fuß. Das Festmahl, das von der korpulenten Minna mit mehr Gemächlichkeit als Grazie servirt wurde, fand reichlichen Zuspruch, und die etwas gallig veranlagte Frau Oberinspektor äußerte nachycr ihrem Gemahl gegen über die Vermuthung, daß speziell bei HuschkeZ mindestens schon die ganze Eharwoche hindurch auf diesen Tag hm gefastet worden fern müsse. Das Geklapper der Teller, Gläser und Redewerkzeuge erreichte schließlich eine solche Höhe, daß der Hausherr dreimal !m Crescendo an sein Gla, schlagen mußte, bis er Gehör fand und die allgemeine Stille ihm erlaubte, tx nt Ansprache vom Stapel zu lassen. die zah unterbrochen wurde. .Eine Maus!- kreischte plötzlich e! nes der jungen Mädchen entsetzt aus, und unter allgemeiner zayer Panik ret tete sich der weibliche Theil der Gesell schaft schleunigst auf Sopha und Stühle. Aber eine Inspektion unter
dem Tisch ergab sehr bald, deß der kleine Ludwig der Störenfried gewesen war,' der die allseitige Andacht mit Max und Moritz - Tücke dazu benutzt hatte, unter das Tischtuch zu kriechen und seine Cousine Grete tüchtig in' Bein zu zwicken. Durch diesen kleinen Zwischenfall war Herrn Stresemanns wohlvurbereitete Festrede so jäh zerrissen, daß tt den verlorenen Faden nicht gleich wieder fand, und da es nun einmal mit der Aufmerksamkeit der Gesellschaft vorbei war, erfaßte Onkel Adolf schnell die Situation und rief laut über die Tafel hin: Und in diesem Sinne, meine Herrschaften, wollen auch wir unS zusammenschließen und das Banner der Familie hoch halten, auf welchem
geschrieben steht: Hoch das ganze Haus Stresemann bis in die fernsten Gcschlechter. Es lebe hoch , nochmals hoch und zum dritten Mal hoch!" Alles stimmte ein. stieß an und umarmte sich, und der Nachtisch Schneebälle mit Himbeersauce und zuletzt Ostereier aus Zucker und Chocolade wurde in sehr gehobener Stimmung verzehrt. Nur in Herrn Stresemann's Busen saß noch wie ein Stachel der Schmerz über seine schnöde versetzte Rede, und erst als die drei älteren Herren in der Wohnstube bei Cigarren und Gilka saßen der Candidat war als Nichtraucher bei den Damen a blieben ' verflog auch dieser Aerger allmählich aus den bläulichen Fittichen der Tabakswolken. 3. Inzwischen hatte Minna den dam pfenden Kaffee nebst einer hoch aufgcthürmten Schüssel Osterfladen ausgetragen, die dank der liebevollen MitWirkung der Familie Huschke in kurzer Zelt verschwunden waren. f d w c r c v t ST . Als enoiicy oas oenooroi. in )estatt von Heringssalat und warmer. Würstchen erschien, fehlten plötzlich Frida und der Candidat und waren trotz allen Rufens nicht aufzufinden. Erst nach einer ganzen Weile, während deren Onkel Adolf, reichlich Gelegenheit gehabt Hatte, seine Befähigung für zweideutige Bemerkungen nachzuweisen, horte man die Entreethur gehen, und als Herr Stresemann auf den Flur hinausstürzte, überraschte er seine Tochter am Halse des künftigen Predigers, von dem sie sich eben mit einem raschen Kuß vor der Ruckkehr zur Gesellschaft verabschieden zu Tvollen schien. Herr! schrie der wuthende Vater den bestürzten Liebhaber an. Wie können Sie sich unterstehen in mei nem Hause und und Du," fuhr er gleichzeitig auf die erglühende Frida los. wo habt Ihr so lange gesteckt, wie?" 'Frida begann naturlich zu heulen. Wir waren nur 'n bischen spazieren auf der Straße," schluchzte sie, und dann Na, und dann? Was denn: und dann?" drang der Hausherr mit drohend geschwellter Stirnader auf sie ein. Und dann auf der Treppe eben haben wir uns verlobt," platzte das geängstigt? Mädchen unter neuen Thränenergüssen heraus. Das war zu viel für den Familiensenior, der sich so unerwartet plötzlich zum Schwiegervater avancirt sah. Unfähig, ein Wort zu sagen, packte er die unglückliche Braut am Arm. stieß sie durch die kleine Thür ihrer Schlafstube, die er eigenhändig mit solcher Euergie zweimal kinter ihr abschloß als sollte sie nun für Lebenszeit in diese Zelle verbannt sein. Denselben Moment hatte Frau Stresemann benutzt, den todesblassen Candidaten in ihr gegenüberliegendes Schlafzimmer zu retten, um ihn dem Verserkerzorn ihres Gatten fllr's erste zu entziehen. Dann unternahm sie es in Gemeinschaft mit Onkel Adolf, den Tobenden in der Wohnstube allmählich zu beschwichtigen. Der Candidat sei aus guter Familie, ein linderloser Onkel in Lübeck habe ihn zum Erben bestimmt, seine Aussichten auf ein einträgliches Pastorat seien bei dem herrschenden Theologenmangel die besten kurz, es sei im Grunde gar nichts gegen die Partie einzuwenden. Und wiewohl Herrn Stresemanns Kirchenfeindlichkeit sich heftig gegen den ihm aufgenöthigten Schwiegersohn sträubte er wolle nun mal nicht so 'ne Mucker" in der Familie, erklärte er hartnäckig , so war er der doppelten Beredsamkeit seiner Gattin und ihres Bruders auf die Lände doch nicht gewachsen, und nach Verlauf einer stunde lonme tfno aus lyrem ner ließ und der Candidat aus seiner Pein vollen Ungewißheit befreit werden. Dann wurde die Verlobung gefeiert. Als man kiz vor Mitternacht sich trennte, erwies sich em Theil der Familie 5iusckke als nicht mehr transport fähig. Lieschen war nicht mehr wach zu kriegen und blieb schließlich für die Nacht auf dem Stresemann'schen Sopha liegen. Die anderen Schwestern nebst der höchlichst angeheiterten Mama bugsirte Onkel Adolf noch bis zum Oranienburger Thor, wo er sie in dem nach Moabit fahrenden Nachtomnibus verstaute. Dann machte er sich durch die nächtlich belebte Friedrichstraße auf den Heimweg... Also endete der Familientag der Familie Stresemann. Aus Jtälien.Dieser Fluß ist der Rubikon," sagte der Führer. Was? Dieses kleine Wässerlein?" sagte enttäuscht der Amerikaner, und da macht man so eine Reklame sür Cäsars Uebergang?"
Gewonnen.
Novellette von Zvran; Wichmann. Ein Treffer aus der Lotterie der Sanitätskolonne war auf den armen Maler Rolf Eder gefallen. Zum Krösus machte ihn das freilich noch nicht. Der ganze Gewinn betrug nur 500 Mark. Aber seiner Einbildung erschien es als ungeheure Summe. Noch in jungen Jahren war er unter dem ewigen Kampf mit Noth und Elend gealtert und müde geworden. Nur kurze Zeit hatte er, wenn auch kleine, doch hübsche Erfolge errungen, die zu guten Hoffnungen berechtigten. Das war damals gewesen, als er für Lore Mariens strebte und schaffte. Jede Stunde, dle sie ihm fchenkte, vegeisterte ihn auf's Neue, und sie zu beüben, war sein einziaes Äiel. Aber die Erwartungen, die Lore's Verwandte auf seme pekuniären Erfolge aesekt batten. erfüllten sich -nicht. Der unselige Tag kam, da die Geliebte sich von ihm trennen Mußte, um einem reichen, älteren Manne, dem Privatier Victor aumann, rn die isye zu folgen. Das brach seine Kraft. Rolf war keine starke Natur, die der Schmerz anspornt und über sich selbst hinaushebt; als Träumer und Phantast gehörte er zu denen, die ihm erliegen. Er konnte, der Geliebten weder fluchen noch zürnen. War sie doch nur dem Zwange eines hartherzigen Oheims, ihres Vormundes, gewichen. So blieb -sie nach wie vor sein Ideal, und dem thränenseligen Jammer, mit dem er ihr nachweinte, entsprangen seine matten, süßlich - sentimentalen Zlloer. Eine neue .eit kam und schritt ehern über den am Boden sich krümmenden Wurm hinweg. Die moderne Richtung mit ihrer harten LebensWahrheit versetzte seinem Schaffen den Todesstoß. Er verstand sie nicht und konnte sick nickt in üe bineindenken. Abseits am Wege stehend, ward er vergessen und begehrte traurig fort unter der Menge jener, die eine verlorene Existenz mit dem klingenden Namen Künstler" decken. Nur eine Sehnsucht lebte noch in ihm, die nie, selbst damals nicht. als er in Lorens Liebe das Paradies gefunden, sich erfüllt hatte. Das Geld zu einer Reise nach dem Süden war nie zusammenzubringen aewesen. und nun hielt es es plötzlich in Händen! Eine fieberhaft unnaturliche Lebenslust erwachte in seiner Seele, einTröpflein des alten lelchtimmgen Kunstierblutes reate sich noch einmal in seinen Adern. Statt seine Schulden zu bezahlen und den Rest des unerwarteten Reichthums zu sparen, stand sein Entschluß auf der Stelle fest. Nur fort nach dem Süden, gleichviel, ob er je wiederkam. Schwelgen, genießen wollte er, bis der letzte Pfennig verbraucht war. Darüber hinaus dachte er nicht. Am nächsten Abend schon saß er tm Nachtfchnellzug, der ihn über den Gotthard an die sonnigen Gestade des Lago Maaaiore brinaen sollte. Die ersten Tage vergingen wie im Rausche. Schon lag die marmorne Mazestat des Doms von Mailand hinter ihm, und m dem bunten Schmutz, dem betäubenden Larm von Genua sah er die Geheimnisse italienischer Schönheit sich enthüllen. Aber hier, zum ersten Male begann er auch mit stillem Bangen sein Geld zu zählen. Nur erst genippt hatte er von dem köstlichen Becher und schon sah er aus seinen Grund. An der Schwelle des Paradieses umkehren müssen war härteres Loos als gleich Zn die Hölle geworfen zu werden. Die Hölle fuhr es ihm durch den Kopf. Der Zufall hatte ihn einmal gewinnen lassen. Sollte das nicht ein Fingerzeig sein! Dort hinter den dichtgeballten, aschfahlen Nebelwolken, die ihm das Meer verhüllten, lag ja das Reich des Teufels, die Spielhölle von Monte Carlo. In wenigenStunden konnte er dort sein. Warum sollte er nicht wie Faust sich dem Bösen verschreiben, um weiter zu genießen! Mit den zweihundert Francs, die er noch besaß, wollte er das Glück schon zwingen. , Die Versuchung krallte sich in seinem Innern fest. Er brachte sie nicht mehr los. Am Nachmittag traf er in .Monaco ein und ließ sich in einem nahe dem Strande von Condamme gelegenen Hotel ein Zimmer geben. Während er auf den Kaffee wartete, durchblätterte er das Fremdenbuch. Plötzlich zuckte er wie von einem Geschoß getrofsen zusammen, alle Farbe wich aus seinem Gesicht, starr hafteten seine Augen auf einem der eingetragenen Namen. Haben der Herr Bekannte gefunden?" sagte näher tretend der Deutsch sprechende Oberkellner, der seine Ueberraschung bemerkt hatte. Rolf vermochte den Namen nicht auszusprechen, aber sein zitternder Finger wies auf die Stelle. Ah FryI Laumann? Sie war noch vor einer halben Stunde hier und ist wahrscheinlich in's. Kasino geaanaen." , Der Maler vermochte sich kaum zu fassen. Sie war hier, Lore. unter einem Dache mit Ihm! Sein erster Gedanke war, das Hotel auf derStelle zu verlassen. Doch ein befremdender Umstand hielt ihn noch zurück. Sie allein?- stieß er hastig hervor. Der Mann ist ja todt!" Todt!" Es klang wie ein jubelnder Freudenschrei. - Der Oberkellner sah den Fremde
erstaun! an. Ja so Sie wissen nicht, es war im Frühjahr, bei einem Automobilrennen in Nizza, wo er verunglückte. Sie wohnten schon länger hier, in einer Villa, wenige Häuser von uns, kamen aber stets in's Hotel zum Essen." Und Frau Laumann ist hier geblieben?" Vorläufig ja." Dieses vorläufig" tönte wie ein himmlischer Posaunenchor' in Rolf's Ohren. Er - er allein wußte ja was nachher kommen mußte. Nun war sie reich und frei! Weit öffnete Eden die goldenen Thore vor seinen trunkenen Blicken. Er mochte nichts mehr fragen, nichts mehr hören. Alles andere nur von ihren Lippen! In der nächsten Minute schon machte er sich auf dem Weg zum Kasino. Ter anfängliche Regen hatte nachgelassen, die Wolken zogen auf, und hin und wieder leuchtete durch die zerrissenen grauen Nebelfetzen, die gespenstig die Tete du chien umwogten, ein Stück tiefblauen Himmels. Mit breiten, grünen Wellenrücken, von weißem Schaum gekrönt, rollte das Meer schwer und langsam an das Ufer, aber der Maler hatte heute keinen Blick für die großartige Schönheit der Natur. Vor seinen Augen gaukelte nur das Bild der reizenden Wittwe. Allerlei Fragen, die seine erregte Phantasie mit bunten Gedanken zu beantworten suchte, knüpften sich daran. Warum hatte sie ihm nicht geschrieben, warum ihm den Tod ihres Mannes nicht angezeigt? Freilich sie wußte seine Adresse nicht, auch mochte der Brief ihn nicht gefunden haben. Vielleicht war sie gar leidend und dehnte darum ihren Aufenthalt im warmen Süden
noch aus. Oder sie wollte das Ende des Trauerjahres nur abwarten, um ihn dann persönlich in München zu überraschen. Was für Augen würde sie machen, wenn er ihr zuvorgekommen! Kaum konnte er das nahende Wiedersehen erwarten. Das Kasino in seiner ganzen reichen architektonischen Pracht lag vor ihm. Er löste eine Eintrittskarte und begab sich in das Innere, um das Lesezimmer, die Gesellschaftsräume, aufzusuchen. Dort mußte er Lore am ersten finden. Aber er irrte sich in den Eingängen und sah sich plötzlich in dem vordersten großen, mit üppiger Pracht ausgestatteten Spielsaal. Das verwirrende Treiben blendete ihn. Magisch zog es ihn zAi einem der Tische, auf dem die schicksalsschwere Kugel rollte. Warum sollte er nicht zuvor sein Glück versuchen? Der Gedanke, so ganz als armer Teufel, mit den letzten paar Francs in der Tafche vor die reiche Wittwe hinzutreten, hatte etwas Veschämendes für ihn. Seine Hand fuhr Zn die Tasche, in der er die einzelnen 5 Francs-Stücke trug. 5öher wollte er einstweilen nicht setzen. Aber ehe er die Hand ausstrecken, den Einsatz hinlegen konnte, blieb er plötzlich wie vom Blitze gerührt stehen. Seine Augen hasteten unverwandt auf einer hohen Frauengestalt am un teren Ende des dichtumdrär.gten Tisches. Die Sonne war durchgebrochen und fiel durch eines der hohen Fenster mit scharfem Glanzlicht auf das reiche goldblonde Haar, das unter dem schwarzen Sammethut . hervorquoll. Ein Mantel von dunkler Seide floß weich um die schlanken Formen der hohen Gestalt. Lore!" flüsterte er in grenzenlosem Erstaunen vor sich hin. Da stand sie, so schön wie nur je das Idealbild der Verlorenen in seinen Träumen erschienen war und doch eine andere. Sie hatte weder seinen halberstickten Ausruf gehört, noch ihn bemerkt. Sein verändertes Aussehen, der sein blasses. schmales Gesicht umrahmende Vollbart, den er früher nicht trug. 'hätten ihn doch erkennen lassen. Aber das war der Grund mcht, sie sah und hörte überhaupt nichts von ihrer Umgebung. Krampfhaft umschloß ihre weiße Rechte einen Haufen Goldstücke, der vor ihr auf dem grünen Tuche lag. Rolf Eder dachte nicht mehr daran, sein Geld zu setzen. Er hatte, nur einen Gedanken. Sie spielte! Warum? Schmerzend zermarterte die Frage, auf die er keine Antwort finden konnte, sein Hirn. Sie. die reiche Wittwe, die jeder Lebenssorge ledig war, spielte. noch ehe das Trauerjahr zu Ende. Um des Spieles willen war sie in Monte Carlo geblieben! Eiskalt lief es ihm über den Rücken bei dem Blicke, den, er plötzlich in die dunkle Tiefe einer Menschenseele that, auf deren Grund er nur den blauen Himmel zu sehen gewähnt hatte. Wie auf das Haupt der Medusa mußte er immerfort hinüberstarren. Der Anblick versteinerte ihn. Eben fiel die Kugel klappernd in das rothe Fach, die Croupiers streckten ihre langen Rechen aus und scharrten auch Frau Laumann's Einsatz zu sich herüber. ' Ihr Auge folgte den verschwindenden Goldstücken mit einem Ausdruck, als hinge ihr Herzblut oa ran. Dann schien ein grimmigerTrotz der Leidenschaft sie zu packen. Ihre feinen weißen Finger krallten sich spinnenartia um den Rest des vor ihr liegenden Geldes und schoben ihn auf Schwarz. Das war haßlich ent würdigend häßlich! Und wieder hingen ihre Blicke starr. mit irrem Glänze an der blitzschnell kreisenden kleinen Elfenbeinkugel. Ihr Gang verlangsamte sich, sie senkte sich
wie ermüdend' auf Roth, sprang Plötzlich wieder empor, rollte noch einmal herum und Noir!" riefen die Croupiers mit ihrer tonlosen matten Stimme. Rolf Eder war es gewesen, als sinke er immer tiefer in das eiskalte Wasser hinab, das all seine Träume verschlungen hatte. Jetzt bei dem Tigerblick der Habgier, mit dem Frau Lore ihren Gewinn einzog, bei dem dämonischen, Aufleuchten ihrer dunklen Augen, erschauderte er vom Wirbel bis zur Sohle. In dumpfem Bannen harrte er noch einen Augenblick. Jetzt hatte sie es erreicht jetzt mußte sie abbrechen jetzt die Erlösung kommen. Sie kam nicht. Im nächsten Augenblick schob die schöne Dame ihren ganzen Gewinn auf Schwarz zurück. Sie ist unermüdlich " hörte Rolf neben sich flüstern. Hat es auch nöthig." Die? Ich denke,' sie ist steinreich." Eine halbe Million hat sie besessen." 'Und nahezu verspielt?" Seit ihr Gatte todt ist. Früher durfte sie nicht." ..Jetzt wird sie bald 'alles verloren haben." Rolf Eder wankte wie ein Trunkener, ohne beobachtet zu werden, aus dem Saale. Draußen, als ihn die frische Seeluft umwehte, athmete er tief, wie befreit, auf: Gerettet!" Er griff in die Tasche. Ja, da fehlte nichts, er hatte noch alles beisammen. Und das mußte genügen. Wie eine Vision stand es vor seiner Seele, das große Bild, das er malen
wollte. das ihn soeben wie eine Offenbarung überkommen. Eine neue Kunst, die ihn mit neuem Leben erfüllen lollte! Und wahrend er vom Tempel des goldenen Kalbes floh, suchte er im Geiste fce Farben, mit denen er den Dämon Gold" malen wollte. Ein grimmiger Haß gegen seine bisherigen Ideale verlieh ihm endlich die Kraft, die ihm der Schmerz nicht hatte gewähren können. Nun wußte er ja alles! Das verlockende Weib da drinnen hatte die schöne Seele nie besessen, die er in sie hinein geträumt, gelogen. Nackt und bloß, in ihrer ganzen furchtbaren Nüchternheit stand sie vor ihm. Nicht der harte Sinn des Oheims, die eigene Habgier hatte sie in die Arme des reichen Mannes aetrieben. Mit dem, was der Gatte ihr hinterlassen, mit ihrer Liebe hätte sie den armen Maler zu einem König auf Erden machen können. Es genügte ihr nicht sie wollte mehr, mehr, und an den, dem ihr Herz der köstliche Edelstein beuchte, dachte sie nicht. Was für ein verträumter Schönheitsnarr war er gewesen! Der Schleier, der seine Augen so lange bedeckt, zerriß urplötzlich, und er sah die Welt im kalten scharferr Lichte der Wahrheit. So wollte er sie' malen. In's Hotel zurückgekehrt, packte er seine Sachen wieder zusammen, trug einen falschen Namen in's Fremdenbuch ein und reiste mit dem nächsten Zuge nach Genua zurück. Ohne sich noch irgendwo aufzuhalten, fuhr er von dort aus aeradenWegs nach München. Er mußte an die Arbeit. Der neue Rolf Eder hatte Glück. Man kannte den alten in ihm nicht wieder. Sein Dämon Gold-, dos große Bild aus den Spielsälen in Monte Carlo, ward auf der nächsten Ausstellung allgemein bewundert und gut verkauft. Der einmal errungene Erfolg blieb ihm treu, und von den äußeren Lebenssorgen befreit, von frischer Daseinsfreude erfüllt, schuf er rasch und sicher ein modernes Bild nach dem andern. In des Malers Bekanntenkreisen hatten sich allerlei dunkle Gerüchte über seine räthselhafte Wandlung verbreitet. Aber man mochte den Zurückhaltenden, in sich Verschlossenen und ganz seiner Arbeit Lebenden nicht fragen. Eines Tages aber versuchte es doch ein von Neugier Geplagter und meinte: Du bist ja letztes Jahr in Monte Carlo gewesen.' Hast wohl viel geWonnen?" Das glaub' ich," antwortete der Künstler mit vielsagendem seltsamem Lächeln. Den höchsten Treffer, den einer machen kann! Ich habe mich selber wieder gewonnen!" Gewalt. Emilie sagte ganz süß und lieb zu ihrem Verehrer: Sie sind mir immer ein so treuer Freund gewesen, so daß ich es für meine Pflicht halte, Ihnen eine Mittheilung zu machen: ich werde" sie erröthete tief ich werde mich verheirathen". Warten Sie einen Augenblick," rief er erregt, ehe Sie weiter sprechen; hören Sie mich an, ich musz s Ihnen jetzt sagen, denn später hade ich nicht Recht dazu: ich liebe Si, ich bete Sie an; ich habe Sie geliebt seit wir Kinder waren. Ich weiß nicht, wie ich leben werde, wenn Sie das Weib eines. Andern sind. Aber wenigstens sollen Sie wissen, daß ich Sie seit Jahren geliebt, und wenn Sie den Wind über mein fernes Grab werden heulen hören, dann Ach werde nicht elegisch, Henry", sagte sie leise, ich. heirathe ja Dich!" Da wurde er ohnmächtig und während, sie sich zärtlich Über ihn beugte, murmelte sie: Ich mußte das thun, um ihn zum Entschluß zu bringen."
