Indiana Tribüne, Volume 29, Number 116, Indianapolis, Marion County, 9 January 1906 — Page 5
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,t , ,, u Der 8ZMz öes cfüifiiios Lß i Zß 44 44 jMf : . : 4 .zz. 4 4 uf der Höhe von Beschiktasch am Bosporus liegt der Yildizkiolf, der Palast, in dem Sul tan Abdul Hamid wohnt und den er fast niemals verläßt. In dem Park stehen Tuende von größeren und kleineren Gebäuden, welche für den Haushalt des Sultans, für die Frauen bestimmt sind. Eine ganze Anzahl von Häusern bewohnt der Sultan selbst. Seit seinem Regierungsantritt nach der von ihm veranlaßten gewaltsamen Entthronung seines Bruders Murad schläft der Sultan niemals zwei Nächte hintereinander in demselben Bett oder in demselben Hause. Er wechselt Nacht für Nacht, und zwar bleibt es bis eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen Geheimniß, wo er zu nächtigen gedenkt. Tann erst bekommt der Adjutant und durch diesen der erste Palastbeamte die Nachricht, wo der Beherrscher der Gläubigen seine Nachtruhe halten wird. Wehe demjenigen, der das Gebeimniß verräth! Es steht Todesstrafe auf dem Bruch des Schweigens über die Stelle, wo der mächtige und doch so arme Sultan sein Haupt zu kärglichem und von Angst und Sorgen oft unterbrochenen Schlummer niederlegt. Abdul Hamid hat eine krankhafte Furcht vor Attentaten oder Verschwörungen, durch welche er selbst entthront werden könnte. Er fürchtet den abgesetzten Bruder, der unten am Bosporus in einem Palast, bewacht von hundert Späheraugen, ,das Tasein eines Gefangenen führt; er fürchtet den Sohn dieses Bruders. Salah-Eddin, er fürchtet feine höchsten Beamten und Paschas, wie die V'bannung der derdientesten Männer oft deutlich gezeigt hat; er fürchtet Feuer und Blitz, denn eine Zigeunerin soll ihm in frühester Jugend gewahrsagt haben, daß er durch Feuer das Leben verlieren werde kurz, er ist. einer der unglücklichsten Menschen. In einem der kleinen Paläste des Yildizkiosk wohnte im Juli 1887 der arabische Scheich Abul Huda, der Günstling des Sultans, der den meisien Einfluß auf den bedauernswerihen Beherrscher der Gläubigen hatte. Abul Huda besaß ' alle Vorzüge des arabischen Geistes. Er war ein Mann von unerschöpflichem Witz, von großer Redegewandtheit, ein frommer Mohammedaner, der nicht nur den Koran, sondern auch alle Dichter des Islams auswendig konnte.'und der es vortrefflich verstand, den Sultan zu unterhalien und zu zerstreuen. Weder der Croßwesir noch der erste, ihm im Range gleichstehende Priester, der Scheich-ül-Jslam, konnten sich eines gleichen Einflusses auf den Sultan rühmen, als dieser Mann. Ueberall. wo Günsilingswirthschaft herrscht, haben die Günstlinge männlichen oder weiblichen Geschlechts auch großen Einfluß in der Politik. Im Jahre 1837 führten nun in Konstant:nopel die Botschafte? zweier Mächte einen gewaltigen Kampf miteinander: &7 Vertreter Englands. Sir William White. und der französische Botschafier, Graf Montebello. England hatte Egypten besetzt und die dort herrschenden Unruhen niedergeschlagen; aber nun war es an der Zeit, daß England, gemäß seinem gegebenen Versprechen, Egypten wieder verließ und es an den Sultan zurückgab. Die Engländer dachten aber nicht daran, dies zu thun. -Sie betrachteten Egypten bereits als ihr Eigenthum. Frankreich anderseits, als größte Mittelmeermacht, konnte die Herrschaft der Engländer in Egypten nicht ohne schwere Besorzniß sich befestigen sehen. Tie Engländer suchten den Sultan zu einem Abkommen zu drangen, nach welchem Egypten auf unbestimmte Zeit, das heißt in Wirklichkeit für immer, in der Gewalt der Engländer bleiben sollte. Frankreich dagegen drang darauf, daß England seine Truppen zurückziehe und das Land wieder dem 5lr;eöite und der Oberherrschaft des Sultans überlasse. Dem Grafen Montebello war es jedoch gelungen, sich die Beihilfe Abul Hudas zu erwerben oder vielmehr zu erkaufen, und so lange der gewandte Araber der Günstling des Sultans blieb, hintertrieb er mit Erfolz das geplante eng-lisch-türkische Abkommen wegen Eayptens, und alle Anstrengungen des englischen Botschafters blieben erfolglos. Scheich Abul Huda führte in dem ihm dom Cultan überlassenen Marmorpalast ein verhältnißmätzig ein faches Leben. Seine Dienerschaft bestand nur aus wenigen Personen. Em Armenier, Namens Agop, ein aalglatter, schlauer Bursche, hatte das wichtige Amt des Thürhüters inne. Essen und Trinken, selbst die Kleidung, bezog die Familie des Günstlings vom Sultan. Di: Speisen wurden aus der Küche fertig herübergebracht, und Pferd und Wagen aus dem Marstall standen dem Günstling jederzeit zur Ver-
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uns Zilnoer, fu? die Prinzen und Prinzessinnen dcs kaiserlichen Hauseö. für die Dienerschaft und Günstlinae
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Erzählung aus Konstantinoprl von Vinco Zone v 5.5 : .; 4" fügung. Auch im Harem, in dem die drei Frauen des'. Scheichs lebten, brauchte man daher wenig Dienerschaft. Dort herrschte als Hauptfrau di: Araerin Harim (Wonne). Wenn aber in ihrer Jugend Harim vielleicht die Wonne des Sch:ia)s gewesen war. so :ra? dies doch jetzt keineswegs mehr der 0cü, und für ihre Dienerschaft bil c 1 1 oeie vn ,uyzormge. leisenoe frrau eme wahre Plage. Die Mitfrauen konnten s?cf i5r.-? slMPnFiisss, firrsth.rfirt ns-cr f httM VkVytp V V V . Aschub, die zwanzigjährige Sklavin, die beste Dienerin des Hauses, befand )d) in einer i.chrealichen Lage. Sie verstand sich auf die Künste der Toileite, konnte selbst nach fränkischem (europäischem) Muster Haarfrisuren herstellen, wie keine andere, aber sie wußte ihrer zornigen Herrin nichts recht zu machen, und oft blieb es nicht bei tadelnden Worten, sondern die Jinger der wüthenden Herrin kamen in die unangenehmste Berührung mit Aschubs zarten Wangen. Niemand ging das näher, als dem Thürsieher Agop. der die junge Sklavin liebte.' Aber diese Liebe mußte er verbergen, denn wenn Harim entdeckt hätte, daß Aschub mit Männern aus der anderen Abtheilung des Hauses Beziehungen unterhielt, hätte sie das arme Mädchen wahrscheinlich sofort verkauft. Agop war ein freier Mann und hätte ja Aschub kaufen können, aber wehe ihm, wenn er ein derartiges Ansinnen an Harim gestellt hätte! Sie hätte ohne Zweifel eine Summe von ihm verlangt, die für ihn gänzlich unerschwinglich war. So schwieg er und wartete einen günstigen Zeitpunkt ab. sich die Geliebte für seinen eigenen Harem zu sichern. Konstantinopel, in dem sich Europa und Asien gewissermaßen die Hände reichen, ist eine eigenthümliche Stadt. Man findet die modernsten europäischen Einrichtungen neben altasiatischem Verfall. Zu ersteren gehörte in der Zeit, von der wir sprechen, die Feuerwehr, welche ein ungarischer Edelmann aus dem Geschlechte der Grafen Szechenyi in Stärke von zwei Bataillonen eingerichtet und vortrefflich eingeübt hatte. Szechenyi-Pascha leitete diese Feuerwehr selbst. Am 4. Juni 1887 brach in der Nähe des Iildizkiosk Feuer aus,.und Szechenyi wollte dem Sultan einmal die Schnelligkeit und Tüchtigkeit seiner Feuerwehr zeigen. Er ließ sie in voller Stärke ausrücken und führte sie am Dildizkiosk vorüber. Der Sultan hörte das Rasseln der Wagen, das Tuten der Feuerhörner, das Pferdegestampfe, die Kommandorufe, das Schreien und Pfeifen, und war in seiner argwöhnisch-melancholischen Gemüthsstimmung überzeugt, es sei eine Verschwörung ausgebrochen, die beabsichtige, ihn vom Throne zu stoßen und ihn zu ermorden. Er gerieth in eine fürchterliche Aufregung, und als man ihm meldete, daß nur die Feuerwehr diesen Lärm verursache, verwandelten sich seine Furcht in Zorn. Er warf kostbare Vasen an die Wand, zertrummerte Stühle und warf fogar ten Rest eines Stuhles dem eben bei ilm eintretenden Abul Huda an den Kopf. Dieser kannte solche Anfälle schon und flüchtete sich eiligst aus dem Machtbereich des kaiserlichen Zornes in sein Haus, wo er seinen Verdruß gegen Harim Luft machte, die wiederum ihren Zorn auf die unglückliche Aschub entlud. Sie mißhandelte sie auf die grausamste Weise und schwor ihr zu, daß sie sie am nächsten Tage verkaufen würde, damit sie in einem anderen Hause Gehorsam und Bescheidenheit lerne. Aschub meldete den Beschluß der Herrin natürlich sofort dem Geliebten, und Agop begab sich in heller Verzweiflung zu seinem Landsmann, dem armenischen Geldwechsler Keutfcheoglu in Pera, und beschwor ihn, Aschub zu kaufen und dann ihm selbst die Möglichkeit zu gewähren, Aschub von ihm zurückkaufen zu können. Agop besaß einige Ersparnisse, die aber noch nicht ausreichten. Dein ersten ZMl des Vorschlages, nämlich Aschubzu kaufen, stimmte Keutscheoglu zu. Aus den zweiten Theil des Vorschlages, Kreditgewährung oder allmälige Abschlagszahlungen für Aschub. ging der Geldwechsler aber nicht ein, denn wenn die Armenier untereinander auch sehr zusammenhalien, so hört doch in Geldsachen bei ihnen in erster Linie alle Gemüthlichseit auf. Verzweifelt ging 2lgop von Keutscheoglu weg und lief in düsterster Stimmung durch die Straßen. Sein schlier armenischer Kopf arbeitete aber ununterbrochen, er suchte nach einem Mittel. Aschub zu erlangen. Als Agop zufällig den Blick erhob, fah er sich vor dem Hause, welches das Mappen des englischen Reiches über der Thür hatte. Es war die großbritannische Votschaft. Und piö'hlich, als wäre der Blitz vor ihm niedergefahren, stand er stillt denn ein Gedanke fuhr
idm durch den Kopf, ein schlauer, ein
einträglicher Gedanke. Wenn der sich ausführen ließ, tonnte er Aschub gewinnen und noch mehr dazu. Der erste Dragoman der englischen Lotschaft meldete an demselben Abend seinem Ehef. Sir William White, daß ihn ein Armenier in einer höchst wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünsche. , Wer ist der Mann?" fragte der Botschafter. Er verweigert jede Auskunft über seinen Namen und seine Person. Er behauptet, er sei im höchsten Grade gefährdet. wenn jemand wisse, daß er hier fei. Aber er sei in der Lage, der englischen Regierung einen sehr großen Dienst zu erweisen." Nach einigem Ueberlegen entschloß sich der Botschafter, den Mann vorzulassen und ihn in Gegenwart des Dragomans, der gleichzeitig als Dolmetscher zu fungiren hatte, auszufragen. Agop. erschien und blieb nach einer Verbeugung an der Thür stehen. Was hast Tu mir mitzutheilen?" fragte der Botschafter. Ich bin Armenier," antwortete Agop. des Wortes und der Schrift kundig. Ich babe in den Zeitungen gelesen, daß Abul Huda ein Feind der Engländer ist, und daß diese vieles darum geben würden? ihn aus seiner Stellung zu verdrängen." Die Zeitungen schreiben mancherlei, was nicht wahr ist," versetzte der Botschafter vorsichtig. Ich habe eine Stellung im Vildizpalast," fuhr Agop fort, welche es mir ermöglicht, vieles zu erfahren.' was andere Leute nicht wien. Abul Huda, der Günstling des Kalifen, ist ein Freund des französischen Botschafters. Grafen Montebello." Du erzählst uns nichts Neues. Freund. Ein Geheimniß ist das nicht." Ihr habt Mißtrauen gegen mick, Herr," sagte Agop, und da Ihr mich nicht kennt, und ich nicht in ''der Lage bin. Euch zu sagen, wer ich bin. so ist dieses Mißtrauen gerechtfertigt. Ich Will daher ohne Umschweife sprechen. Ich werde dafür sorgen, daß Abul Huda aus Konstantinopel verbannt wird." Du versprichst vjes, Freund. Aber ich zweifle, daß Du Dein Versprechen halten kannst." Die Thatsachen werden es heiratsen! In fünf Tagen, vielleicht noch früher, ist Abul Huda verbannt, Grc Montebello hat keinen Freund mehr, und dem Einfluß Englands : stehen keine Hindernisse mehr im Wege." Gut," entgegnete der Botschafter. Was willst Du dafür .haben, daß Du uns Deine Dienste anbietest?" Nicht einen Pfennig, bevor mein Plan gelungen ist. Dann überlasse ich es Euch, mir die Summe zu zahlen, die Ihr für angemessen haltet. Allerdings, ich erwarte eine bedeutende Belohnung, denn der Dienst, den ich dem englischen Reiche erweise, ist sehr groß." Wenn Du Dein Versprechen erfüllst, und wir Dir gar nichts oder doch nur eine geringe Summe zahlen was wirst Du dann thun?" Dann mache ich die Sache wieder rückgängig. Es kostet mich nur wenige Worte, um den Scheich Abul Huda wieder zum Günstling des Sultans zu machen." Wer bist Du, daß Du die Günsilinge des Sultans nach Belieben absetzen und wieder zu Gnaden bringen kannst?" fragte der Botschafter spötttsch. Ich bin ein Wurm, ein Diener, für Abul Huda und für den Kalifen weniger als der Staub unter ihren Füßen. Aber wer Verhältnisse geschickt auszunutzen weiß, ist doch der Herr des Augenblicks." Sehr gut gesagt. Höre also. Wenn Du Dein Versprechen erfüllst, sollst Du eine Belohnung erhalten, mit der Du zufrieden sein kannst." Wollt Ihr mir darauf Eure Hand geben, Herr? Ich habe gehört, daß die Engländer ehrliche Männer sind, .und wenn sie ihre Hand auf ein Versprechen geben, sei dies so gut. wie ein Schwur." Da hast Du recht gehört. Hier hast Du meine Hand. Aber noch eins, Bursche: keine Gewaltthätigkeiten! Ich erkläre Dir ausdrücklich, daß ich nichts wissen will von irgendwelchen verbrecherischen Dingen: Ich untersage Dir also jede Gewaltthätigkeit." Agop erhob abwehrend seine Hände. O Herr," sagte er, Gift und Dolch. Mord und Gewalt sind die Hilfsmittel der Narren; ein Armenier läßt sich nicht darauf ein. Es gibt eine Waffe. die mächtiger ist, als Gift und Dolch. Das ist die List, und nur mit List will ich meinen Plan in's Werk setzen." So geh!" . Agop verbeugte sich. Ich bitte, da mir niemand nachgeschickt wird. Meine Person muh Gehelmnlß bleiben, bis ich mein Versprechen erfüllt habe Dann verließ er schnell das Zimmer und das Haus. Der armenische Geldwechsler Keutschcoglu war doch einigermaßen überrascht. als spat am Abend noch Agop zu ihm kam und sagte: Kaufe morgen Aschub jedenfalls von Harim. In wenigen Tagen werde ich Dir das Geld zurückzahlen. . Aber denke daran, daß ich nur ein armer Teufel und kein Pascha bin. Uebertheuere mich nicht!" -Es tjt gut, versetzte Keutscbeoglu, Du sollst mit mir zufrieden sein. Ich bin Dein Landsmann und Freund." Äls vigop ncy entfernt hatte, mur-
melte Keutfcheoglu vor sich bin: -Er
ist verliebt, und alle Verliebten sind 'darren und schlechte Geschäftsleute. Ich werde Aschub kaufen und bei dem Verkauf emen guten Proslt machen, denn Agop wird zahlen, was ick verlange. Er hat irgend ein Geschäft in Auöstcht, bei dem er viel Geld verdient. Er soll davon einen ordentuchen Theil an mich abgeben." Sultan Abdul Hamid gehört zu den fleißigsten Monarchen der Welt und ist schon in frühester Morgenstunde thätig. An diesem Morgen war die Liste der Leute,, die den Sultan persönlich sprechen wollten, besonders groß. Es verleyren mit dem Sultan persönlich nur wenige türkische Personen, eigentlich nur die Großwürdenträger, der Großvezier und der Sch?ich-ül-Jslam, der Minister des Hauses und des Aeußeren. Stets aber ist der Sultan in dringenden Fällen für die Botschafter der fremden Mächte zu sprechen. In diesem Falle ist ein Ärauch einaefübrt. der dem Sultan Zeit gewährt, seine Antworten reiflich zu überdenken. Obgleich der Sultan nämlich fertig französisch spricht, bedient er sich bei den Empfängen der Botschafter nur der türkischen Sprache. Zu der Audienz erscheinen daher die Botschafter mit ihren Dolmetschern, ebenso hat der Sultan einen Dolmetscher bei sich. Ter Botschafter hält seine Nede in französische? Sprache; sein Dolmetscher übersetzt sie in's Türkische, und der Tolmctscher des Sultans theilt dann diesem die Frage nochmals mit. Der Sultan hört also jede Frage, die an ihn gestellt wird, zweimal, und hat in der Zwischenzeit Muße genug, um sich auf eine Antwort vorzubereiten. Heute empfing Sultan Abdul Hamid ausnahmsweise noch eine andere, Person, nämlich den unglücklichen Kommandanten der Feuerwehr von Konsiantinopel, den Grafen Szechenyi, der den Sultan bitten wollte, die im ersten Zorn befohlene Auflösung der Feuerwehr zurückzunehmen. Ein türkischer Beamter hätte es nicht gewagt, dem Sultan, dem er am Tage vorher einen so furchtbaren Schreck eingejagt hatte, unter die Augen zu treten. Aber Graf Szechenyi war Ungar und wußte, daß der Sultan ihn anders behandeln würde als einen seiner Unterthanen. Mit finsterem Gesicht empfing der Sultan den Feuerwehrkommandanten; aber er wurde freundlicher, als Graf Szechenyi in geschickter Weise erwähnte, wie alle Welt erstaunt darüber sein werde, wenn der Beherrscher der Gläubigen eine Truppe vernichten wolle, welche nicht nur die Anerkennunz ganz Europas sich errungen habe, sondern auch zu jeder Zeit bis auf den letzten Mann bereit sei, ihr Leben und ihre Gesundheit für den Sultan einzufctzen. Gerade 'an der Feuerwehr habe dieser eine ihm trcu ergebene Leibgarde, die im Augenblick der Gefahr ihm vielleicht mehr Schutz gewähren könne, als jede andere Truppe. Ter Sultan wurde nachdenklich und erklärte endlich, die Feuerwehr solle bestehen bleiben: aber er behalte sich das Kommando über dieselbe selbst vor, und sie dürse niemals ausrücken, ohne erst seine Erlaubniß eingeholt zu haben. Diese eigenthümliche Verfügung des Sultans ist bis heute in Kraft geblieben, und die Feuerwehr ist infolgedessen selbst bei gefährlichen Bränden nicht im Stande, vor Ablauf von anderthalb Stunden zur Stelle zu sein; denn da es ''n Konsiantinopel weder Stadttelegramme noch Telephon gibt, so muß ein reitender Bote immer erst vom Sultan die schriftliche Erlaubniß zum Ausrücken holen. Als Graf Szechenyi das Empfangszimmer verlassen hatte, trat der englische Botschafter bei Abdul Hamid ein. Er führte eine sehr energische Sprache und drang darauf, daß die Türkei endlich einen Vertrag mit England betreffs der weiteren Verwaltung Egdptens abschließe. Hätte der Sultan nicht politische Rücksichten nehmen müssen, so hätte er höchst wahrscheinlich dem englischen' Botschafter mit großem Vergnügen ebenfalls einen Stuhl an den $opf geworfen, wie feinem Gunstling Abul Huda. So aber mußte er wohl oder übel seinen Zorn mäßigen. Während nun der Sultan seine Audienzen ertheilte, wurde in dem kleinen Marmorpalast, welchen Abul Huda bewohnte, ebenfalls eifrig, verhandelt. Harim-Hanum unterhandelte hier mit dem Geldwechsler Keutscheoglu, der erDienen war. um Aschub ZU kaufen. Harim war eine Araberin und infolgedessen listig, aber doch dem Armenier nicht gewachsen. Dieser hatte sofort bemerkt, daß Aschub von den letzten Mißhandlungen eine Wunde auf der linken Wange davongetragen hatte. und behauptete, diese Wunde würde eine Narbe hinterlassen, welche die Schönheit der jungen Sklavin derartig beeinträchtige, daß sie nicht mehr die Hälfte des früheren Werthes habe. Harim war sehr entrüstet und erklärte. dann : zolle sie lieber Aschub gar nicht verkaufen. Aber Aschub wußte ihren Zorn auf Neue zu erregen. Als sie den Kaffee hereinbrachte, den Harim. türkischem Brauche gemäß, dem Geldwechsler vorsetzen ließ, benahm sie sich so ungeschickt, daß sie ihrer Gebieterin eine Tasse des heißen Getränks über die Hand goß, und nun war die schwer gereizte Harim entschlossen, die ungeschickte Sklavin um jeden Preis zu ver-
kaufen. Natürlich kam man am ernru Tage zu keinem Abschluß der Verhandlung, denn die Geldsumme, welche Harim für Aschub forderte, und die. welche, Keutscheoglu geben wollte, lagen außerordentlich weit auseinander; außerdem ist es in der Türkei nicht üblich, ein Geschäft schon in der ersten Verhandlung abzuschließen. Tenn die Eile ist vom Satan," sagt der Moslim. Keutscheoglu empfahl sich daher mit dem Versprechen, am nachsten Tage wieder zu kommen. In der nächsten Nacht hatte der Cultan einen sehr schlechten Schlaf. Nicht weniger als zwölfm'al erwachte er und glaubte, es 'drohe ihm Gefahr. Sein Nervensystem war durch die Auf regungen der letzten Tage derartig zerrüttet, daß er es nicht gewagt hatte, sich zu entkleiden und in ein Bett zu legen. Er schlief vollkommen angekleidet auf einem Diwan und hatte in' den Taschen zwei geladene Nevolver; gegen Morgen fuhr er plötzlich schlaftrunken auf und gab zwei Schüsse auf den Diener ab, der in das Zimmer trat, um das Kohlenbecken mit glühenden Kohlen in die kaminartige Vertiefung der Wand zu setzen. Zum Glück trafen die Schüsse nicht. Aber der Diener wurde sofort weggejagt. Der nächste Tag verlief wieder unter allerlei Aerger für den Beherrscher der Gläubiaen. Graf Montebello. der französische Botschafter, hatte eine Audienz. in welcher er ebenfalls einen sehr lebhaften und energischen Ton anschlug, und im Namen'der französischen Republik die endliche Entscheidung in der egyptischen Angelegenheit und vor allem eine Ablehnung der englischen Forderung erbat. Am Nachmittag machte der Sultan dann einen Besuch bei seinem Günstling Abul Huda, um sich von diesem etwas aufheitern zu
fassen. Das türkische Gastrecht kennt keine Standesunterschiede. Auch der Kalif wird ebenso bewirthet, wie der gewöhnliche Sterbliche, nämlich mit Kaffee und Eigaretten. Ter Kaffee wurde von dem Scheich selbst vor den Augen des Sultans zubereitet, dann goß er ihn in eine Blechkanne, in der der Trank sich setzen und etwas abkühlen sollte, und schließlich füllte er die kleinen Porzellanschalen, aus denen der Kassee getrunken wird. Der Sultan beobach tete ihn dabei scharf. Erst mußte Abul Huda zwei Tassen trinken, dann erst durfte er die dritte Agop reichen, damit dieser sie dem Sultan anbiete, dnn bei der großen Furcht, die der Sultan vor einer Vergiftung hat, müssen alle Speisen und Getränke, die er zu sich nimmt, von Vcrtrauenspersonen vor seinen Augen gekostet werden. Der Sultan ergriff die kleine Schale mit dem dunkelbraunen Trank, roch vorsichtig daran und führte sie dann an die Lippen, um sie mit einem Zug zu leeren. Aber im nächsten Augenblick spie er heftig-aus und blickte mit Bestllrzung in die leere Schale, auf deren Boden sich ein eigenthümlicher rothbrauner Satz zeigte. Der Kaffee hatte abscheulich geschmeckt. Mit einem Zornesschrei sprang der Sultan, der überzeugt war, daß ein Giftmord gegen ihn versucht würd?7 auf seinen Günstling los und schlug ihn mit der Faust in das Gesicht. Sohn eines Hundes! Mörder!" schrie er. Und zu seinem Adjutanten wendet: Hole Soldaten und den Leibarzt! Niemand verläßt dieses Zimmer!" Der Sultan zog den Revolver, den er stets bet sich trug und spannte den Hahn. Es war ein Glück, daß Abul Huda, der sich mit dem Gepcht zu Voden geworfen hatte, unbeweglich dalag; sonst hätte der Sultan ihn im ersten Zorn sicher erschossen. In wenigen Minuten waren Soldaten und Palastbediente zur Stelle, und die anwesenden Personen. Abul Huda. Agop und noch ein Diener wurden auf's Genaueste durchsucht. Man fand aber nichis Verdächtiges bei ihnen. Der Kaffee, der in der Kanne sich befand, schmeckte wie gewöhnlich, auch war in der Kanne der rothe Satz nicht vorhan den, den der Sultan in seiner Schale gefunden hatte. Abdul Hamid befahl, den Scheich mit feinen beiden Dienern zu verhaften, nahm die Schale mit sich und ging nach feinem Palast. Dort trank er auf Rath seines Arztes eifrig Milch, um die Wirkung des Giftes ab Zuschwachen, wahrend ein franzosischer Gelehrter, welcher es verstand, die Dinge in ihre Bestandtheile zu zerlegen, und den die Franken einen Ehemiker nennen, die Untersuchung des Kaffeerestes vornahm. Der Gelehrte erklärte alZbald, daß der Bodensatz in der Schale einen unschädlichen, allerdings sehr schlecht schmeckenden Stoff enthalte, nämlich übermangansaures Kali, dessen nadelförmige Kristalle als Desinfektionsmittel überall verkauft und in Auflösung bekanntlich vielfach zum Mundremign und zum Zahneputzen benutzt werden. Der Gelehrte meinte, dieser Stoff sei jedenfalls durch einen Zufall, eine Fahrlässigkeit in die Schale des Sultans gekommen. Er bekam darauf den Auftraa. in Gegenwart des Sultans den Scheich und seine beiden Diener zu untersuchen, ob etwa einer vcn ihnen solchen Stoff bei sich habe, oder ob etwas derartiges an ihren Kleidern wahrzunehmen sei. Aber die nun sogleich vorgenommene Untersuchung blieb ohne Resultat. Agop hatte die kleine Quantität übnmangansauren Kalis , in einem bohlen Ringe verborgen gehabt, aus dem er sie in dem Äu?enbliZ in die
Schale fallen ließ, als er diese von sei--nem Herrn empfing. Agop und der Diener wurden aus der Haft entlassen. Abul Huda .abc? nach Mersina verbannt (thatsächlich),weil der Sultan überzeugt war, daß der fremde Stoff entweder durch Unachtsamkeit des Gastgebers in die Schale gerathen sei, oder daß ihn dieser absichtlich hineingethan habe, um seinen Herrn und Gebieter zu erschrecken. Noch an demselben Tag.', verließ' der in Ungnade gefallene, bishe? allmächtige Günstling als ein Gcfangener Konstantinopel und trat die Neije nach Mersina an, wo er jahrclang in Haft gehalten wurde. Harim verkaufte vor der Abreise Aschub an den schlauen Keutscheoglu sehr bittig. denn sie brauchte jctzt Geld, da der g:stürzte Günstling alles, was er tkn Gnad:nbe?eigungcn des Sultans verdankte, in dem von ihm bisher bewohnten Palast zurücklassen mußte. Auch Agop erhielt als Thürhüter seinen Abschied. Drei Tage später wurde der Vertrag zwischen England und der Türkei betreffs Egyptens abgeschlossen. Ter Widerstand des französischen Botschafters, Grafen Montebello, fand keine Unterstützung mehr in der Umgebung des Sultans, und dieser war bei der neuen Aufregung, in die ihn der Zorn über den ungetreuen Günstling verseht hatte, den Drohungen des englischen Botschafters zugänglich. An dem Tage, an welchem der Vertrag unterschrlelcn wurde, kaufte Agop von Keutscheoglu Aschub zurück und heirathete sie. Dann ging er nach seiner armenischen Heimath, um dort als reicher Mann Geschäfte zu betreiben; er hatte sich angeblich in Konsiantinopel große Geldsummen erspart. Keutscheoglu glaubte, ein sehr gutes Geschäft gemacht zu haben, da er bei dem Verkauf Aschubs an Agop das Doppelte von dem erhielt, was er selbst für die junge Sklavin bezahlt hatte; und er wäre wahrscheinlich vor Aerger krank geworden, wenn er gewußt hätte, wie viel mehr ihm Agop hätte bezahlen können, nachdem dieser von dem englischen Botschafter 'feine Belohnung
für die Veseitiguig Abul Hudas erhalten hatte. So werden in der Türkei politische und Privatgeschäfte gemacht. Noch immer lebt Sultan Abdul Hamid in Angst und Sorge vor Attentaten und Verschwörungen, und trotzdem er jetzt länger als dreißig Jahre auf dem Throne sitzt, fühlt er sich doch nicht einen Augenblick darauf sicher. , Strapazen dculschcr Nncgcr. Uelcr die Strapazen, welche die s deutschen Soldaten bei derBekämpfung des Aufstandes der Eingeborenen in Teutsch-Südwestasrika zu ertragen haben, gibt ein Brief,- den ein junge? Krieger an seine in Gelsenkirchen. Westfalen, lekende Mutter richtete, einergreifendes Bild. Der Vriesschrcibcr halte an der Jagd auf den Vandensührcr Andreas theilgenommen. Er schildert zunächst die monatelangen Strapazen im KomasHochland und in Keijup, wo die Suchc ' nach Andreas vergebens gewesen war. Dann wurde." so führt der junge Soldat wörtlich aus, die Kompagnie getheilt, und nur unser, Hauptmann mit 23-Mpnn waren noch zusammen; nun ging unsere Leidenszeit los. Zurück nach Windhnk wollten und durften wir nicht. War auch zu weit. Proviant seh? wenig. Pferde starben jeden Tag, und bald lief die Hälfte zu Fuß. Unser Hauptmann meinte immer, wir würden auf andere Truppen stoßen, aber nichts war zu sehen und zu hören. Die Leute wurden krank und schlapp. Wir hatten uns in der Wildniß verirrt, haben dann drei Tage ohne Wasser Qtlebt. Wir mußten am dritten Tag einen Esel schlachten, um das Blut zu trinken und das Fleisch zu essen. Alk brüteten finster vor sich hin. wie Was' fer zu bekommen sei. Endlich am vier " ten Tag morgens kamen wir an einen Wassertümpel; aber das hättest Dn sehen sollen, Thier und Menschen, alles lag und krank und trank, bis dr. trockene Körper bis an den Hals voll war. Jetzt erst zählten wir; es fehlten drei Mann; wir wieder zurück mu Wasser; zwei fanden wir; die sind in's Lazareth später gekommen allblödsinnig; einer hatte sich selbst erschössen. Nun, so was kommt hier cft vor. In den Bergen haben sich zwci verirrt, haben sich die Pulsadern ocöffnet und ihr eigenes Älui getrunken und sind gestorben. Das sind so Trauerbilder, von denen ich Dir nock: viel erzählen könnte, von denen aber die Welt nicht viel gewahr wird." Nach langem Umherirren erreicht die kleine Cchaar eine Station nahe bei Swakopmund. Ueber den Endmarsch heißt es: Krank und mager. wie Gerippe sahen wir aus. Fün Mann hatten sich den Gaumen verbrannt. weil sie ihren eigenen Urin getrunken hatten. Auf der Station blieben wir drei Taae. Nun kam d Major von Windhuk und fragte nach Freiwilligen, die wieder mit zurückmarsck'ren wollten, hinter Andreas her. Nur ocr Hauptmann und acht Mann ka- , men in's Lazaretb. und die nd?r??? ' gingen alle wieder mit. Wir bekamen neue Kleidung und frische' Pserde. dann ging es wieder zurück in's Geiiroe. Endück Katten wir hn An
dreas fest."
