Indiana Tribüne, Volume 29, Number 110, Indianapolis, Marion County, 2 January 1906 — Page 7

.s Jndiana Tribüne, L Januar I96

1

Die Sustfahrt in See. i Von Willy Wetar. Der Dampfer Neptun" unternimmt heute Mchmittag drei Uhr eine Lustfahrt in See. Abfahrt von der Landungsbrückc gegenüber dem Hotel .Am Meere". Mit allem Bedacht las Frau Rentiere Stuhlmann diese Ankündigung, welche soeben in der Veranda deZ Restaurants angezweckt worden war. Als ' r c rw ri v

ne an oer ÄNlegeneue voruoergmg, wurde dieselbe Kunde mit kräftigen Kreidezeichen an die schwarze Tafel angemalt, und schließlich klingelte der Ausrufer die wundersame LustfahrtMär auch noch in allen Straßen des Badeortes aus. Eine Lustfahrt in See, das war eigentlich schon lange die Sehnsucht der Frau Rentiere gewesen, und sie hatte sich im Geist bereits die Schilderung zurecht gelegt, die sie nach ihrer Rückkehr in ihrem in einem Städtchen an der Töllense tagenden Kaffeekränzchen von ihren Abenteuern geben wollte. Denn ihre dortigen Freundinnen kannten die See lediglich vom Hörensagen, und wenn sie die Farben etwas dick, auftrug, so mußten sie sich das schon gefallen lassen, denn d;3 Gegentheil vermochte ihr niemand zu beweisen. Aber vorerst war eine Schwierigkeit zu überwinden: es galt, den Wi derstand zu brechen, den ihr Mann der projektirten Seefahrt wahrscheinlich entgegensetzen würde. Denn der war ein ausgesprochener Gegner aller Wasserpolitik, er verabscheute geradezu die innere Anwendung des Wassers, ja . auch zum Nehmen der üblichen Seebäder war er nicht zu bewegen, er schützte da Herzklopfen vor, obgleich der , Arzt immer und immer wieder constatirt hatte, daß die Aktivität dieses Herzens nicht das mindeste zu wünschen übrig lasse. Also da mußte diplomatisch vorgegangen werden! Der Neptun" wird heute Nachmittag zu einer Lustfahrt in See siechen," eröffn ite Frau Stuhlmnn die Redeschlacht. Ihr Mann brummte etwas Unverständliches zum Zeichen dafür, haß er auf dieses Thema nicht zu reagiren gedenke. Aber seine redegewaltige Frau ließ nicht locker: An einer solchen Lustfahrt müßten wir doch eigentlich auch einmal tyeilnehmen," brachte sie das Gespräch wieder in Fluß. Ich denke gar nicht daran, meinen Körper einem solchen Dampfer-Klap-Perkasten auch nur fünf Minuten anzuvertrauen," lehnte der Rentier auf das bestimmteste ab. Frau Stuhlmann sah ohne weiteres ein ,dah sie auf diese Weise nicht zum Ziele gelangen würde, und so griff sie 1 ?rc ViTfTrc ?Enss an tnrn siHfp- ' 7 wfcv. (j VVV Q 4 VtiiV V4VW währten Trck, der noch selten versagt hatte. Es handlt sich natürlich gar nicht darum, etwa meine Neugierde zu befriedigen," mente sie leichthin, aber ich habe doch der, moralischen Effekt im Au,1? Wtt Trfv t f?nffpf f rnmrfort PV- " Q'l v V VVMttJ zielen würde, nenn ich eine recht vackende Schilderung einer längeren Seefahrt gebet konnte namentlich mit Rücksicht aif Frau Apotheker Niedermayer..." hier machte sie eine Kunstpause, um die Wirkung abzuwarten, welche dser Name auf ihren Mann ausüben würde. Und die blieb denn auch nicht aus, denn diesen Niedermayer vermochte der Rentier um so weniger auszustehen, als er die Keckheit gehabt hatte, bei den letzten Gemeinderathswahlen gegen ihn, den alten ureingesessenen Patrizier, zu candidiren. Das war doch eine grobe Anmaßung von einem solchen, wer weiß aus welcher unmögZitm Gegend zugelaufenen Menschen, eshalb wirkte der bloße Name Niedermayer auf den Rentner ebenso wie ein rothes Tuch auf einen Stier. Ja." seufzte er. diesem Niedermayer gönnte ich schon eine tüchtige Lektion. Und wenn Du meinst, daß es auf den Mann abfärben wird, wenn Du seiner Frau die Autorität im Kaffeekränzchen entziehst, da könn test Du vielleicht allein . . Frau Stuhlmann griff diesen Gedanken sofort auf. Abfärben?" fragte sie höhnisch. Bloß abfärben? Nein, Berehrtester, das ist ein viel zu milder Ausdruck. Grün, blau und gelb wird sich der Apothekerfritze ärgern, wenn ihm seine Frau berichten wird, welchen Eindruck ich mit meinem Vortrage erzielt habe. Deshalb ! Z nehme ich Deinen Vorschlag, allein zu fahren, mit Vergnügen an. Ich habe keine Bange vor dieser Schüssel voll Wasser, die man Ostsee nennt, und werde an Bord eine tadellose Rolle t spielen. Also kurz vor drei Uhr l kannst Du mich bis zum Neptun" n begleiten." Nachdem also die Frau Rentiere v dergestalt die Erlaubniß ihres GeQ strengen zur Theilnahme an der Lusttt fahrt erhalten hatte, zog sie sich in ihre ü Gemächer zurück, um sich eine der Wichtigkeit' fcr Aktion entsprechende d Toilette zusammen zu stellen. Das d that sie denn auch mit so erstaunlichem C Geschick, daß ihr Mann, als sie sich in A vollem Glänze präsentirte, verwundert w ausrief: Alle Wetter, Du hast Dich ja xi in -einen fabelhaften Wichs geworfen, g) Du wirst auf dem Schiffe Furore madt chen und selbst der Ostsee Bewunje dnung abnöthigen.- Herr Stuhlmann, der sonst für überflüssige Geld-

ausgaoen räum zu yaden war, zog gerührt fein Portemonnaie und spendete sechs Emchen für Fahrgeld und Wegzehrung. Hieraus geleitete er seine Theure an Bord des Neptun", wo ihr die übrigen Fahrgäste ohne Widersvruch den Ehrensitz am Bua einräumtcn. Nochmals das dumpfe Geheul der Dampfpfeife, die Maschine begann zu stampfen, und der Neptun" glitt stolz der Hafenausfahrt zu. Zahlreiche Taschentücher wurden in Bewegung gesetzt, und Herr Stuhlmann behielt den lichtgrünen Hut seiner Frau so lange in Sicht, wie dies immer möglich war. Zuerst ging es auf dem Neptun" recht vergnüglich zu. Es wurden Betanntschaften angeknüpft zwischen Leuten, die sich in ihrem Leben noch nicht gesehen hatten, der Betrieb in der Restaurations - Kabine war ein äußerst flotter, und ein musikbegeisterter Jüngling machte sich eben daran, einen zweiten Sang an Aegir" zu componiren, als der Neptun" in scharfer Curve die letzte Spitze der Mole nahm. Sowie die erste kräftige Woge des Meeres an den Neptun" prallte, schien ein leises Zittern den Körper erbeben zu machen. Und als sich an die erste Welle die zweite und dritte reihte, als bald von rechts, bald von links, bald von vorn, bald von hinten Berge von Wellen sich aufthürmten, begann das Schiff erheblich zu stampfen und zu schlingern, so daß der musikalische junge Mann in aller Hast das Componiren einstellte. Auch im Restaurant wurde es merkwürdig leer. Xtx eine legte das mit Krabben belegte Weißbrot, in das er kaum einen Bissen gethan hatte, das ihm sonst aber als Delikatesse erschienen war, mit hastiger Gebärde auf den Teller zurück, der Zweite ließ den Schnitt Bier, den er sich eben frisch bestellt hatte, unberührt auf dem Büffet stehen, und dem Dritten schien das Schlückchen Cognak, das er seinem Magen eben zufügen wollte, im Halse kleben zu bleiben. Ach, entschuldigen Sie," der Aegir-Componist wollte an Frau Stuhlmann vorbei den Eingang zur Kajüte gewinnen, kriegte aber nicht rechtzeitig das Gelenke" heraus, so daß er der Dame einen so wuchtigen Tritt auf ihren linken Fuß versetzte, daß ihn ein lautes Au" über die Wirkung frlnes Attentates nicht im Zwei fel ließ. Tausendmal um Pardon," entschuldigte sich der Nachbar der Rentiere, der aufgestanden war, um das Wellen-Schauspiel recht auf sich wir-, ken zu lassen. Als er sich wieder in feinen Feldsessel setzen wollte, versäumte er jedoch den Anschluß und nahm gewuchtig auf dem Schoße der Frau Rentiere Platz. Herrjeses, eiherrjeses, knähdige Frau," stammelte ein Bewohner der großen Seestadt Leipzig, weil er das Gleichgewicht verlor und mit beiden Armen Frau Stuhlmann auf das innigsie umhalste. Um das Unglück voll zu machen, setzte auch noch ein böiger Nordwest ein, der das Werk der Wellen auf das gründlichste vollendete. Einer der ersten Windstöße verfing sich in dem aufgespannten Sonnenschirm der Frau Stuhlmann, einem hochmodernen Exemplare, der ihr mit elementarer Gewalt aus der Hand gewuchtet wurde. In kühnem Bogen sauste der Schirm über Bord, noch einen letz ten Blick sandte die Arme nach dem Grabe ihrer Habe" und sah, wje der Schirm den gischtsprühenden Kamm einer Woge frönte und dann !n einer unheimlich tiefen Wellenschlucht verschwand. Hilfe, Hilfe." stöhnte zudem die gequälte Frau, gebt mir Baldrianstropfen,' ich kriege Magenschmerzen." Wat die olle Schraube kreischt." meinte der Steward ärgerlich. Krischan, nimm den Büschel un lauf hin." Und Krischan, der Schiffjunge, bewaffnete sich mit dem Schisfsreini-gungs-Jnstrument und kam gerade noch zurecht, um den neuesten Hut der alten Schraube" mit einem kräftigen Schlage an Bord festzuhalten, sonst wäre dieser dem Sonnenschirme un? weigerlich nachgefolgt. Und nun traten die Magenschmerzen unter allen Symptomen der Seeirankheit derart in die Erscheinung, daß Frau Stuhlmann von sechs Seemannsfäusten gepackt und einem Bündel Kleidungsstücke gleich in die Kabine transportirt werden mußte. Als man sie dort ans ein Polster gelegt hatte, überfiel sie das graue Elend, das sie fiebergleich rüttelte und schüttelte. Nach zwei Stunden erreichte der Neptun" wieder den schützenden Hafen. Herr Stuhlmann hatte schon, als der Dampfer in Sicht kam, vergeblich nach dem Hut seiner Frau ausgeschaut. Als die übrigen schwankenden Gestalten über die Landungsbrücke taumelten, ahnte er unwillkürlich, daß die Sache nicht so glatt abgegangen war. Er bekam eö aber reinweg mit de? Angst, als er das Häuflein Unglück an Land gelangen sah, das er als seine Frau heil und ge fund an Bord geschickt hatte. Die muß ich ja sofort zuSpind ler schicken," murmelte er entsetzt. Von dem Verlauf dieser Lust"fahrt in See der Frau Rentiere StuhNnann hat aber heutigen Tages weder daö Kaffeekränzchen noch Frau Apotheker Niedermayer auch nur ein Sterbenswörtlein erfahren.

Ehrgeiz. Skizze von E.Wellner. Rechtsanwalt Richard Bruckner hatte sich vorgenommen, in den diesjährigen Ferien einen Plan auszuführen, den er seit Jahren in Kopf und Herzen mit sich herumgetragen; er wollte seinen alten Freund und Studienqenossen Franz Werner besuchen. Dieser lebte abseits auf der kleinen Scholle Landes, die ihm als einziges Erbtheil geblieben war, in einer entlegenen märkischen Ecke, wo das Leben nur noch in sehr kleinen Wellchen hinbrandete. Während er in den Zug stieg, überlegte sich Bruckner, wie seltsam verschieden doch das Leben mit ihnen beiden umgesprungen war. Ihm selbst hatte es Ehren und Geld gebracht, ohne doch seines Herzens innigsten Ehrgeiz zu befriedigen. Denn dieser Ehrgeiz hatte 'seit seiner Sekundanerzeit darin bestanden, dlß er literarische Lorbeeren ernten wollte, nicht nur juristifche. Und nun? Nun trug er den Brief eines Verlegers mit sich in der Tasche herum, der ihm schwer wie Blei zu sein schien. Jahr und Tag hatte Bruckner an einem Roman gearbeitet und als er fertig damit war, hatte ihn das Gefühl gelungenen Schaffens mit Freude und Stolz erfüllt. Der Verleger hatte ihm den Roman wieder zurückgesandt und , dazu geschrieben, ganz offenbar zeige das Buch starkes schriftstellerisches Talent, feine Menschenkenntniß, eleganten Stil, aber es fehle die Spannung! Wenn er eine spannende Handlung in den Roman bringen könne, so würde es ein Meisterwerk sein. Bruckner lachte bitter auf. als er sich wieder und wieder den Wortlaut de Schreibens vergegenwärtigte. Er hatte ja gerade gemeint, Spannung in Hülle und Fülle in sein Werk hineingebracht zu haben. Er hatte sich also geirrt das Wichtigste, das Beste, das Unentbehrlichste zu einem Roman hatte er nicht schaffen können. Wie mochte es inzwischen Franz Werner ergangen sein?" fragte er sich. Die Briefe, welche sie bisher miteinander gewechselt, hatten zwar ihre herzliche Jugendfreundschaft am Welken gehindert, aber dies genügte doch nicht, um gegenseitig ein klares Bild ihres äußeren und inneren Lebens zu geben. Bruckner freute sich von Herzen, den lieben, alten Freund wiederzusehen. Er wußte, dieser war auf einem Bein gelähmt und auch sonst von sehr zarter Gesundheit. Aber innerlich war er wohl derselbe geblieben, der alte, versonnene Träumer und Schwärmer. Zweimal mußte Bruckner den Zug wechseln, bis er auf 'dem weltverlorenen Fleckchen ankam, wo auch die letzte Sekundärbahn ihr Ende K?reichte, und wo ihn ein einfacher, kleiner Jagdwagen erwartete. Eine Stunde fpäter fuhr er bei dem kleinen Häuschen vor, das mit einem Garten, mit einigen Morgen Feld und Wiesen das ganze Besitzthum Werners bildete. Der Freund humpelte, aus dem blühenden Garten kommend, ihm entgegen. Ja, das war noch das alte, liebe Gesicht mit den mächtigen strahlenden Augen, wenn auch die Jahre das Haar schon ein wenig mit Reif bestreut und in die regelmäßigen Züge Linien gezeichnet hatten, die von Schmerzen und Einsamkeit sprachen. Richard!" rief Franz. Lieber, alter Junge! Was für eine Freude!" Gerührt umarmte ihn Bruckner und ging sogleich mit ihm in den Garten, wo in einer schattigen Laube ein kalter Trunk bereit stand. Nach dem ersten Hin und Her des Gesprächs sagte Bruckner: Was für eine wüste, öde Gegend ist es aber, in der Du hier steckst! 'Sand und Kiefern und wieder Sand und Kiefern! Das ist ja die reine Verbannung!" Franz lächelte. E- war noch ganz das frühere schöne, stille ACchsln. Es ist nicht so schlimm, wie es scheint," versetzte er. Hinten bei den Wiesen habe ich einen See es sind sogar Fische darin. Und im Uebrigen habe ich ja von jeher die Ldndeinsamkeit geliebt. Außerdem ja, ich kann es Dir ja gleich sagen, hätte ich vielleicht das Buch, das mein Lebenswerk ist, nirgendswo anders schreiben können, als hier in Tanndorf." " Das Buch?" fragte Richard verwundert. Welches Buch?" Ja. erinnerst Du Dich nicht mehr, daß wir alle beide als Studenten von den Früchten der Feder zu träumen pflegten? Ich will Dir morgen meinen Roman vorlesen. Du kannst mir Dein Urtheil darüber sagen Als Bruckner an diesem Abend zu Bett ging, fühlte er eine Art von Mitleid mit seinem Freund in sich aufsteigen. Das würde eine nette Art von Roman sein, der in diesem öden Dörfchen entstanden war! Er machte sich auf einige bodenlos langweilige Stunden gefaßt, die ihm am nächsten Morgen durch das' Vorlesen des Romans beschieden waren. Der Brief seines Verlegers fiel ihm wieder ein. Spannung und Handlung wollten die Menschen haben! Jawohl, es war höchst wahrscheinlich, daß der arme Franz über diese verfügen könnte! Der kleine See, auf den die beiden Freunde am nächsten Vormittag hinausführen, lag wundervoll glatt und poetisch inmitten der kiefernes Waldung. Franz ruderte nach einer überhängenden Weide, unter der er stundenlang zu liegen pflegte. Daö Boot

touroe . an ven Äaum fejtgemacyl; Franz zog sein Manuscript aus der Tasche und begann vorzulesen. Schon nach der ersten Minute merkte Richard auf und nach einer Viertelstunde war er so im Banne des Dichters. dak er. weit voraeneiat. aieria aus rne Fortsetzung wartete und erst m die Wirklichkeit zurückkehrte, als Franz zu Ende gelesen. Werners Stimme war zuletzt sehr schwach geworden, und mit einem tiefen Seufzer legte er die Blätter beiseite, als er meinte: ' Es fehlen noch ein, oder zwei Kapitel. Und wer weiß, wann ich die schreiben werde. Mit meiner Gesundheit geht es ja leider Gottes so schlecht, daß ich manchmal fürchte, ich werde nicht einmal 'den. Schluß schreiben können, bevor man mich drüben auf dem Dorfkirchhof einscharrt. Aber jetzt sage mir, wie findest Du den Roman?" ' Wie ich ihn finde?" brach Richard los. Es ist ganz einfach ein Meisterwerk!" Aber, Richard!" Er ist wundervoll! Ich weiß, was ich rede! Wenn dieser Roman herauskommt, wird er ein Ereigniß sein! Mensch, wo hast Du daS alles herbekommen?" Franz lächelte glückselig. Wie mich das freut!" fagte er leise. Nein, wie mich das freut!" Richard blieb für den Nest des Tages einsilbig. Ein tiefer Stachel hatte sich in sein Herz gesenkt und bohrte und bohrte dort giftig herum. iSein eigener gekränkter Ehrgeiz bäumte sich auf und noch ein anderes Gefühl, dessen er sich schämte, verzehrte ihn: es war Neid, bitterer Neid! In 'diesem Winter ließ sich Richard wenig in der Gesellschaft sehen. Man munkelte davon, daß der talentvolle Bruckner mit der Abfaffing einer literarischen Arbeit beschäftigt sei. Und man hatte recht. iJm Frühjahr erregte ein Roman, der allerdings unter einem Pseudonym erschienen war, ungemeines Aufsehen, als 'dessen Verfasser aber alsbald Richard Bruckner bekannt wurde. Der Roman war ein Ereigniß. Man überschüttete den Autor mit Ehren aller Art. Richard Bruckner war mit einem Schlage die Berühmtheit des Tages geworden. Die so lang gehegten ehrgeizigen Träume seines Lebens waren erfüllt. Er wurde gefeiert, wie er es sich so viele Jahre lang vergeblich gewünfcht, und er hätte das reinste Glück genießen können, wenn nicht eine Kleinigkeit ihn daran gehindert hätte: der Roman war gestohlen. Selbstverständlich ahnte das Niemand. Nur fern im äußersten Winkel der Mark saß ein einsamer kranker Mann, der eines Tages eine bewundernde Kritik über das neue Buch las und sich dieses Buch kommen ließ. Als Franz Werner diesen Roman gelesen hatte, saß er lange regungslos still. Seine bleichen Lippen murmelten nur mehrmals denselben Satz: Und das war mein Freund!" Er wehrte sich nicht gegen den entsetzlichen Schlag, der ihn getroffen; er hätte vielleicht den falschen Freund entlarven können, aber er war von jeher 'eine zarte,- kampfunfähige Natur gewesen. Und es trat etwas ganz anderes ein er starb an der erhaltenen Wunde. Oder vielmehr er ließ sich sterben. Wozu sollte er denn noch leben? Die Arbeit, die so lange seine geringe Spannkraft erhalten, war nun werthlos geworden, ein anderer hatte die Früchte geraubt, die er so viele Jahre mühsam gehegt und gepflegt. Als Richard Bruckner wenige Monate fpäter von dem alten Diener, der Franz niemals verlassen, eine kurze Todesnachricht erhielt, schlug ihm der Schreck wie ein Geier die Krallen in's Herz. Er setzte sich augenblicklich auf die Bahn und fuhr nach Tanndorf. Der alte Diener empfing ihn ohne ein Wort der Erklärung oder des Vorwurfs, obgleich er allein vielleicht von allen. Menschen auf der Welt ahnte, was vorgefallen war. Richard aber fand auf dem Schreibtisch des todten Freundes dessen Manuscript und daneben seinen" erfolgreichen Roman. Damit war ihm des Räthsels Lösung gegeben: der Freund war an gebrochenem Herzen gestorben. . Niemals wieder gesundete Richard Bruckner von diesem Schlage; die Reue saß in seinem Herzen und verzehrte fein Mark. Und das einzige Buch, das er jemals wieder schrieb, war ein stilles, leidvolles Werk, so traurig und so voll Melancholie, daß es dem Publikum nicht gefiel. Seine Buße fand erst ein Ende mit seinem Leben.

Ablenkung. Sagen Sie mir nur, wie es der Herr Leberle anstellt, daß seine Frau nie mit ihm streitet?" Sehr einfach! Er gibt ihr fortwährend Gelegenheit, über andere zu scbimvfen!" RichtigeBeurtyeilung. Wittwe: Hier, lieber Mann, schenke ich Ihnen einen Rock. Er ist noch von meinem seligenManne." Bettler: Das sieht man auch sofort." Wittwe: Wieso denn?" Bettler: Na, der glänzt ja vor lauter Seligkeit." D a r u m. . . . Sergeant Müller! Bei der heutigen Attacke hätten Sie ja förmlich allein die ganz feindliche Colonne über den Haufen ge rannt! Sagen Sie mir, waS smd Sie in Civil? Zu Befehl: Chauf-itütl

Vom Auslande.

Im westfälischen Städtchen Hamborn kam die Behörde dahinter, daß ein dortiger Gemüsehändler, der einen schwunghaften Handel mit Schweizerkäse betrieb und wegen seiner vorzüglichen Waare von der ganzen Umgebung aufgesucht wurde, den Käse sowie das zum Verkauf kommende Gemüfe in gemeiner Weise verunreinigt. Weiter wurde erwiesen, daß zahlreiche verendete Hühner zum Verkauf gelangten und auch andere ekelerregende Sachen dem Publikum als Speise verabreicht wurden. Die Duisburger Strafkammer verurtheilte den Ehemann zu zehn Monaten Gefängniß. Die Ehefrau kam mit 20 Mark Geldstrafe davon. Das zweite Millionenloos der französischen Preßlotterie fiel zwei Arbeitern in Lille zu, die es gemeinsam spielten. Der eine ist Maler und war gerade seit acht Tagen ohne Arbeit; er ist verheirathet und hat fünf Kinder kann also die halbe Million recht gut brauchen. Der zweite glückliche Gewinner ist Kupferschmied und in seinen Mußestunden dramatischer Autor. Er dichtet Puppenspiele, zu denen er selbst die Marionetten fabrizirt. Seine Stücke werden an Volksthümlichen Stätten oft und mit Erfolg gegeben. Beide Gewinner haben ihr Glück mit Ruhe vernommen, ihren Verwandten aber sogleich namhafte Summen gespendet. VoreinemJahre wurden einer reichen Schweizerin Namens Grecchi aus ihrer Villa in Lugano alle ihre Juwelen im Werthe von vielen Tausenden gestohlen, ohne daß es der Polizei gelang, eine Spur derSchmuckfachen zu finden. Vor einigen Tagen fanden nun Arbeiter, die das Dach eines leeren Hauses ausbesserten, eine schwere versiegelte Kiste, die an den dortigen Polizeivorstand adressirt war. Als man die Kiste öffnete, fand man alle gestohlenen Juwelen darin und ein von weiblicher Hand geschriebenes Briefchen folgenden Inhalts: AIs ich die Juwelen stahl, hatte ich nicht die Absicht, mich zu bereichern; ich wollte mich nur an Frau Grecchi rächen, die ich hasse. Ich hoffe, daß mir dies gelungen ist." Eine merkwürdige Geschichte wird aus Karnak bei Luxor in Oberägypten berichtet. Ein Einwohner hoffte, auf dem Stück Land, auf dem sein Haus stand, Reichthümer zu finden, und fing an, nach den vermeintlichen Schätzen zu graben. Er entdeckte eine alte Thür, öffnete sie und trat ein; da er nicht zurückkam, folgte ihm feine Frau. Aber auch sie kam nicht zurück. Der Sohn und die Tochter, die nach dem Verbleib der Eltern forschten, kehrten gleichfalls nicht wieder, und schließlich hatte noch ein Eingeborener, der ihnen folgte, dasselbe Schicksal. Die Behörden wurden von dem Vorfall benachrichtigt und es ergab sich bei der Untersuchung, daß die fünf Unglücklichen durch ein giftiges Gas erstickt waren, das der Grube, in die die alte Thür führte, in reichlicher Menge entströmte. Ein russisches Blatt veröffentlichte dieser Tage nachstehendes Telegramm des Chefs der Post im fernen Osten, Herrn Dewjakowski, an den Chef, der Hauptverwaltung der Posten und Telegraphen. In Jrkutsk stauen sich auf dem Bahnhof noch immer Postsendungen an und infolgedessen werden Werthpakete gestohlen. Vor einigen Tagen wurden zwei Postillone verhaftet, die den Umstand, daß die Stücke nicht genau gezählt werden konnten, dazu benutzten, mehrere Pakete zu stehlen. Abgesehen von 15 Werthpaketen fand man in der Wohnung der Postillone eine Menge Goldsachen und Lombardquittungen über verpfändete Werthsachen. Infolge des Veamtenmangels müssen die Postwaggons mit einem einzigen übermüdeten Beamten abgefertigt werden.' Das Resultat zahlreiche Diebstähle. Kürzlich wurden in Atschmsk 79,000 Rubel gestohlen, während an der aus Ssamara eingetroffenen Geldsendung 25.000 Rubel fehlten. Diebstahlsversuche kommen fast täglich vor. Der größte Bibliothekumzug in Europa wird der Umzug der Berliner königlichen Bibliothek sein, der aber erst nach einigen Jahren stattfinden kann. Bis dahin wird den Record in dieser Hinsicht der für en nächsten Sommer geplante Umzug der königlichen Bibliothek in Kopenhagen setzen. Diese umfaßt 600,000 Bände, von denen eine Regallänge von 40,000 Fuß für die ausländische Abtheilu?:g in Anspruch genommen wird, die dänische Abtheilung umfaßt 9000 und die Sammlung der Handschriften, Paläotypen und Musikalien 4000 Fuß, dazu kommen noch Zeitungen, Karten, Illustrationen u. s.'w. Von Interesse dabei ist vielleicht die Art, wie dieser Umzug in das Werk ' gesetzt werden soll. Man wird einem Weg von 800 Fuß Länge zwischen den beiden Bibliotheksgebäuden errichten. Dann erhält das alte Gebäude für jede Etage einen Altan auf den Hof hinauf Durch diese vier Altane wird ein Elevator angelegt, der einen Wagen und einen Mann befördern kann. Jede Wagenlast wird zur Beförderung eine Stunde beanspruchen, und der'Zanze Umzug soll in fünfzig Tagen mit einem Kostenaufwand von 35,000 Kronen m's Werk aesekt werden.

Blamlrte Gcitter. Die Geister von verstorbenen Personen werden hervorzitirt und bewegen sich frei umher und eventuell zwischen dem Publikum", so war es an den Anschlagsäulen in Berlin zu lesen. Wer dieses magischen Schauspiels theilhastig werden wollte, durfte sich zur Gciste?s6ance nach dem Hotel dc Rome begeben und her nach einer materiellen Erleichterung von ein bis drei Mark der Dinge harren, die da kommen sollen. Tie Berliner sind skeptisch, indeß die Geisterjoiree sah kin vollbesetztes Haus. Doch nun zu den Geistern. Der Abend begann mit kinem Vortrag, der wohl allen AntnfrtSn. rt!ftrfirtfl Sitwfof &s& tnX

iibkiiviii Vji i ii i lu 1 1 VUUIH VlllV UIU' sich darum als Training auf den kommenden Hokuspokus sehr nützlich erwies. Die moderne Salonmagie ist eben, wie der Vortragende Dr. Ada Epstein immer wieder versicherte, serr swer für die Künstler mit die slekte Deutsch". Dann genoß man einige Kunststückchen, bei denen man sich tödtlich gelangweilt hätte, wenn nicht ab und zu aus dem Zuhörerkreis -die Darbietungen durch Zurufe gewürzt worden wären. Endlich nach zwei Stunden erschienen die Geister Verstorbener, ein lichtscheues Gesinde!, das durchaus nur den stockfinsteren Saal vertrug. Der Raum war rabenpechschwarz. Wind fing an zu sausen windig war ja die ganze Sache und dann begann ein Geheul der wehenden Luft, ein Aechzen und Stöhnen das darauf schließen läßt, daß es den Geistern recht miserabel im Jenseits gehen muß. ' Der ' Wind wurde heftiger, wehte über die Zuhörer, denen bis auf die Kahlköpse die Haare zu . Berge standen. Im Hintergrunde, grauenvoll erschienen leise leuchtende, fratzenhafte Gesichter mit unbestimmten Konturen. Ab und zu erloschen sie ein wenig. Da, o Pech, vorzeitig erstrahlt auf Veranlassung eines Spaßvogels das elektrische Licht. Die Geister stehen entlarvt da: Pappfiguren mit Leuchtfärbe bemalt. Allgemeines Ah! Ter einzige, der jetzt noch geisterhaft schlotternd dasteht, ist der Einberuferselbst. Herzliches Gelächter lohnt die gelungene" Vorführung. Dieser versöhnende Abschluß hielt wohl manchen nh. seinen Obolus zurückzuverlangen. Faule Eier für die göttliche" Sarah. An den Empfang, welcher ihr in Quebec, Kanada, zu Theil ward, wird die französische Tragodin Sarah Bernhardt wohl zeitlebens denken. Nach der Vorstellung umlagerten ungefähr 200 Männer den Bühneneingang. Der Schauspieler Cax, welcher zuerst das Gebäude verließ, wurde mit eine? Salve von faulen Eiern begrüßt. Der göttlichen" Sarah erging es, als sie ihren Schlitten bestieg, nicht besser, doch verfehlten die auf sie gerichteten Wurfgeschosse zum Glück ihr Ziel. Weniger gut, als sie, kamen jedoch die meisten' Mitglieder der Gesellschaft weg. denn sie boten, als die Schlitten dem Bahnhof zusausten, sämmtlick einen jämmerlichen Anblick und ihre Toiletten waren ruinirt. Ter Angriff war die Folge eines hier veröffentlichten Interviews, in welchem sich Sarah verächtlich über Kanada und die Kanadier geäußert hatte. Wußte sich zu helfen. Im Common Pleas-Gericht in Baltimore, Md., erschien dieser Tage ein Pärchen, um sich eine Heiraths-Liccnz zu holen. Alles ging glatt von Statten, doch als der Clerk frug, wie die Frau ihren Namen buchstabire, da hörte alle Gemüthlichkeit auf. Ter Mann konnte es nicht, und die Frau noch weniger. Ter Clerk wollte das ' Buch zumachen und das Paar abweiftn. als die Braut einen glücklichen Gedanken hatte. Sie knöpfte einige Knöpfe an ihrem Kamisol auf. bog sich mit einem verschämten Lächeln über den Tisch und wies den in ihr Hemd gestickten Namen dem erstaunten Clerk. der damit die Hösung fand und die Licenz ausfüllen -konnte. Das Paar zog glücklich von dannen. ' Für denTod des Sohnes erhielt dieser Tage in New York eine Frau Mary Keegan in ihrer Schadenersatzklage gegen die KohlenHändler Vurns Bros, von einer Jury die Summe von $4000 zugesprochen. Ter Sohn der Klägerin war als Fuhrmann bei dc? Firma angestellt und hatte eine Ladung Kohlen abzuliefern. Er schraubte den Wagen in die Höhe, als die Maschinerie in Unordnung gerieth. und während er di? Sache, in Ordnung bringen wollte, rutschte der Oberthcil des Wagens und stürzte auf dcn Fuhrmann, ihm fast den Kopf vom Rumpfe trennend. Ter Anwalt der Klägerin behauptete, daß der Waen alt und baufällig war, weshalb die Firma ihn nicht mehr hätte benutzen sollen. Ein sonderbarer Krankh c i i f a 1 1 wird aus Sioux Falls, S. D., gemeldet. Ein angesehener Geschäftsmann Namens George Crooks wurde in der Nacht von Krämpfcn befallen, das Gesicht verzerrte sich wie beim Starrkrampf und neun Stunden lang lag der Körper in Zuckungen, ohne daß die Aerzte das geringste thun konnten. Plötzlich hörten die Krämpfe. von selbst auf und rasch erholie sich der Mann wieder. Ten dortigen Doktoren ist aber ein solcher Fall noch nicht vor-