Indiana Tribüne, Volume 29, Number 99, Indianapolis, Marion County, 18 December 1905 — Page 3

:r-;rrtt?n Jndiana Tibüne, 18. Dezember 1903.

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Intime Ansichten , Im Senat über die gewaltigen Ausgaben für den Kanal.

Ein alter Bürger Milwaukees gerichtlich ehrenvoll entlassen. Bankett der Commercial Association in Chicago.

Kanalschwierigkeiten. Washington, 17. Dez. Die DringlichkeitSbewilligung für den PanamaKanal hat im Senat keineswegs eine so glatte Erledigung gefunden, wie angenommen worden war, falls die Administration sich dazu verstehen soll, te, die gewünschten Einzelnheiten über die geplan!eVerwendungder geforderten Gelder zu geben. Die Voranschläge find in ihren Einzelheiten zur Zufrie denheit der Majorität deS KomiteS für Bewilligungen geliefert worden, aber die Bill hat eine so erwünschte Gelegen heit zur Ventilirungder lang aufge stapelten Opposition gegen den Präst deuten anläßlich verschiedener Fragen, welche die 'Eigenliebe deS Senats be rühren, an die Hand gegeben, daß viele Senatoren sich von dem Thema gar nicht trennen können. Namentlich hat Senator Tillman sich befleißigt, im Centrum der Bühne zu figuriren und den Senat mit seinen mehr oder weniger harmlosen kritischen Bemerkungen zu regaliren. Gestern gab er davon eine tüchtige Portion. Sein Thema war die Imperialistische Tendenz" der Administration, oder wie tz eS kräftigst ausdrückte, die Usurpirung unconftitutioneller Functionen seitens der Executive. Der Senator von Süd Carolina dementirte feine Thesen an der Panamattanal.Politik Zünd der San DomingoPolitii des Präsidenten. Seitdem die Vereinigten Staaten von der Vorsehung mit den Philippinen beglückt wurden, sagte er, sei man auf ber schiefen .Ebene des Imperialismus stets tiefer . gerutscht, bis manschließ. lich weit ab von den alten RegierungS Prinzipien in ein riesiges Loch gerathen sei. Neue Doctrinen, Imperialismus und KaiserlSmuS", hätten die altbergebrachten Grundsätze verdrängt. Präfi dent Roosevelt sei ein brillanter, fähi ger nnd patriotischer Mann, der nur daS Beste im Auge habe; aber wenn er einmal Etwas für richtig und wün fchenSwerth erkannt, so seien ihm alle Wege recht, daS Ziel zu erreichen, und er zeige eine absolute Gleichgültigkeit gegen die Gesetze und die Verfassung; er trete dieselben unter die Füße in sei nem Bestreben, daS Beste des Volkes nach seinem eigenen Willen zu fördern. Viel neeS Material hatte Senator Tillman nicht zur Hand, aber er nutzte altes Stroh in seiner characteriftischeu Manier kräftig aus, indem er seinen oratorischen Dreschflegel tönend darauf niedersansen ließ. Er begann mit der vielbesprochenen Panamä'Revolution, ging dann zu der Panama'Verwaltung über, und erging sich schließlich in vortrefflicher Kritik über die San Domingo.Affaire. Die Panamä'Revolution sei vom Kongreß stillschweigend gebilligt worden, meinte er, da man dem Präsidenten das Geld sür den Kanalbau trotz der begleitenden Umstände bewilligt habe; nichtödefto. weniger habe der Präsident keine Befugnis gehabt, die Schritte zu thun, welche den Kongreß moralisch zwangen, weiter mit ihm zu gehen. Millionär Pfifter kein Dieb. M i l w a u k e e, Wlöc., 17. Dez. Was zedes Kind in Mllwaukee und im Staate Wisconsin wußte, daß Charles F. Pfifter. der reichste Mann in Bier Athen, sich nicht dazu herbeilassen würde, $14,000 zu stehlen, wurde vorgestern von Richter Arazee im Munizipalge richt bestätigt. Pfifter wurde freige sprocheu, indem der Richter d;m Antrag seines Anwalts stattgab, die Anklage gegen ihn abzuweisen. Psifter war der Führer des Spooner Flügels der republikanischen Partei in Wisconsin. Vor der Grand Jury in Mllwaukee, die von dem gegnerischen Flügel der Partei controlllrt wurde, wurde gegen ihn die Beschuldigung er hoben, daß er als Vertrauensperson $14,000 untersch'agen habe. Die Wisconsin Renderlng Company sollte ihm $25,000 anvertraut haben, um sich einen günstigen Contract mit' dem Stadtrath zu sichern, und Pfifter, sollte ,nur über $11,000 abgerechnet haben. ,

. Daß Pfifter, der der Hauptactionär der Straßenbahnen in Milwaukee ist, eine große Gerberei und ein prächtiges Hotel befitzt, das Geld für fich verwandt hatte, glaubten selbst die Mitglieder der Grand Jury kaum. Offenbar sollte der Versuch gemacht werden, festzustellen, ob das Geld in Beamtentaschen ge flössen sei. Nach zweitägigen Debatten der Anwälte entschied der Richter, daß Pfifter freizusprechen sei. ' Unternehmungsgeist. Chicago, 17. Dez. Ungefähr 500 Mitglieder der Chicago'Commercial Association nahmen gestern Abend

im Sherman House an dem Jahres' bankett der Association theil. Präsi. dent John G. Shedd wies in seiner Ansprache mit Stolz darauf hin, daß innerhalb eines Jahres die Mitglieder. zahl von 90 auf 1000 gestiegen ist. Der Ehrengast des Abends, A. W. Compton, einer der Gründer der Association, die aus der ShipperS Association hervorgegangen ist, erklärte in seiner Rede, daß die Association . die Durchführung der städtischen Gesetze zum Schutz von Leben und Eigenthum und die Erweiterung von Handel und Gewerbe Chicago? anstrebe. Die öffentlich? Meinung, wenn stark genug und in der rechten Richtung geltend ge macht, werde die Durchführung der städtischen Gesetze erzwingen. Wenn die öffentliche Meinung in dieser Rich. tung organisirt worden wäre, dann würden die Spalten der Tagespresse nicht mit Schilderungen beklagenSwer ther Zustände in der Stadt gefüllt fein. Dreyer freigelassen. Chicago. Jll., 17. Dez. ES verlautete schon gerüchtweise, daß der frühere Bankier E. S. Dreyer, dessen Bank im Jahre 1896 verkrachte und der nach langem, bis vor das Bundes Obergericht getragenen Kampfe vor etwa drei Jahren endlich die ihm auf erlegte Zuchthausstrafe antrat, probe weife entlassen werden sollte. Er ist schon jetzt von der staatlichen Begnadi gungSbehörde vorbehaltlich guter Füh rung aus dem Zuchthause in Joliet entlassen worden, wird also daS Christ fest im Kreise seiner Angehörigen feiern können. Die Anklage, deren Dreyer schuldig befunden wurde, lautete dahin, daß er in seiner Eigenschaft als Schatzmeister der Weftseite-Parkbehörde dieser gehö rige Gelder $31(j,000 unrecht, mäßiger Weise einbehalte. Dreyer hatte das Geld in seinem ei genen Namen bei der National Bank of Illinois hinterlegt, und als diese am 1. Juni 1897 unter Massenper walterschaft gestellt wurde, forderte die Parkbehörde ihr Geld von Dreyer, der nicht im Stande war, der Forderung nachzukommen. Der Massenverwalter der National Bank of Illinois hat inzwischen neun Zehntel jenes Betrages zurückerstattet, und Dreyer hat fich aus dem Zusam menbruch seines Vermögens noch ge nug gerettet, um den Rest seiner Schuld abzutragen, so daß die Westpark Behörde keinen Schaden erleiden wird. Welche Pläne Dreyer für die Zukunft geschmiedet hat, ist noch nicht bekannt, vorläufig wird er fich seiner Angabe gemäß in aller Zurückgezogenheit und Stille von den seelischen und körper lichen Leiden zu erholen suchen, welche ihm die letzten Jahren gebracht haben. Frecher Spitzbube. 1 Buffalo, N. Y., 17. Dez. Dem Priester Chtä H. Colton wurde ein goldenes Kreuz das mit Edelsteinen besetzt war, während der Einweihung der St. NlcholaS Kirche abgeschnitten. Von dem Diebe, der jedenfalls .ein sehr geriebener Gauner war, hat die Polizei keine Spur. B a h n r a u b. North Yahnna, Wash., 17. Dez. ES heißt, daß bei dem Raube auf der Northern Pacific kein großer Schaden angerichtet wurde. Die mci gen Werthpapiere waren solche, die von Unbekannten nicht umgesetzt werden können.

Großfeuer. 980,000 Schaden.

D alias, Jll., 17. Dez. Zwei der wichtigsten Geschäftsblocks in dieser Stadt find heute abgebrannt. Der Schaden wird auf $30,000 geschätzt. Angeblich wurde der Brand durch die Explosion eines OelofenS verursacht. ES ist nur wenig Versicherung vor Handen. Keine Aussperrung für Setzer. New York, 17. Dez. Bezüglich deS am 1. Januar drohenden schweren Kampfes zwischen den dem TypographeN'Verbande angehörigen Angestell ten der AccidenzDruckereien, welche den Achtstundentag verlangen, und ihren Arbeitgebern, haben die letzteren gestern ein Schriftstück veröffentlicht, in dem sie einerseits die Gründe auseinander, setzen, warum sie die Reduzirung der Stundenzahl nicht bewilligen können, und andererseits, was sie in Zukunft zu thun gedenken. Sie behaupten, daß sie aus diesem Kampfe als Sieger hervorgehen würden, weil die seit einiger Zeit eingerichteten Schulen zur Erler nung des Maschinensetzens ihnen ein genügendes Material von Arbeitern an die Hand geben würden, um die Stel len der Ausständigen zu besetzen. Fer ner geben sie an, daß die Monats schriften fich bereits auf drei oder vier Monate mit vorrüthigem Satz versehen hätten, sodaß diese nicht durch den Streik in Mitleidenschaft gezogen.'. Die Abficht der Arbeitgeber besteht darin, offene Geschäfte einzuführen, in denen Unlonleute neben Nicht.Union leuten arbeiten sollen. Die jetzige Ar beitszelt von neun Stunden und die vorgeschriebenen Unionlöhne sollen bei behalten werden. Die Vorbereitungen für den Kampf find in dem Bureau der Typothetae, wie der Name der ArbeitgeberVereini gung lautet, im vollen Gange. ES hieß dort, daß die Mehrzahl der Schü ler der Maschinensetzschule, No. 417 BroomeStraße, ehemalige Maschinenschrelberinnen find, die fich schnell in die neue Arbeit hineingefunden hätten. Sie hätten mehr Anmeldungen gehabt, als sie brauchten, obwohl Lehrgeld der langt würde. Die deutsche Setzer.Union No. 7 hat mit diesem Streik nichts zu thun, ebenso sind auch die englischen Zeltun gen nicht hiervon betroffen. EinwanderungSverhält nisse. N e w I o r k, 17. Dez. Stephan Petrovich und seine Frau Stephanie, die vor einigen Monaten nach Amerika kamen, wurden gestern BundeSkom migär ShielS unter der Anklage vor geführt, ein 15jährigeS Mädchen, No menS Elitza Katona, für unsittliche Zwecke aus Ungarn nach Amerika ge bracht hatte. Das Mädchen, das nicht im Entfern testen hübsch, aber recht dumm ist, da eS nicht einmal die Muttersprache lesen und schreiben kann, erzählte dem Kom. missür eine haarsträubende Schauer mär. Schon mit elf Jahren will Elitza, die nie einen Vater kannte", von ihrer ül teren Schwester in Budapest an einen Husarenleutnant verkauft worden sein. Mit lhm lebte sie angeblich mehrere Monate in der Kaserne. Dann lauste" sie, wie sie behauptet, ein Graf Hadik ChoraduS, mit dem sie auf fein Schloß zog, und dieser gab sie schließlich als Geschenk zu Weihnachten letzten Jahres als Geschenk an einen Brron de LeSpt ab. Bei diesem Baron will sie Petro dich und Frau kennen gelernt haben. Sie behauptet nun, daß, . als sie mit den PetrovichZ nach Amerika kam, diese sie veranlaßten, sich von Neuem einem Leben der Schande in die Arme zu werfen. ' Bei der Vernehmung ergab aber nun das Zeugenverhör, daß Petrovich und Frau als arbeitsame Leute bekannt seien und daß dieselben ihr Möglichstes versucht hätten, daS Mädchen von der Straße fern zu halten. Kommissär ShieldS gestattete dem Ehepaar, ohne auch nur Bürgschaft stellen zu müssen. nach Hause gehen zu dürfen. Elttza bwaeaen wurde von EinwanderungS beamten in Obhut genommen und wird nach gründlicher Untersuchung des Falles wahrscheinlich deportirt wer den. Oddfellow Der Unterschlagung angeklagt. M a n S f i e l d, O., 17. Dez. Das UntersuchungS'ttomite der hiesigen OddfellowLoge beschuldigt das langj. Mitglied Hubert C. Bell $8000 unter schlagen zu haben. Gerichtliche Schritte sind eingeleitet.

Der Zonnenbruder. Skizze von Elfe Meerstedt. Je gesegneter die Gegend, desto reichlier die Sonnenbrüder, jene Aermsien der Armen, von denen es heißt: .Sie säen nicht, sie ernten nicht, und unser himmlischer Vater ernähret sie

doch"; die an Hecken und Zäunen Ik en und da beheimathet sind, wo unheres Herrgotts Sonne hinbringt, die ov ihres zweifelhaften Aussehens von den Hunden angebellt werden und höchsteigenhändig von den Gendarmen das Ehrengeleit von Grenze zu Grenze erhalten Sonnenbrüder kann man nirgends brauchen. Und nun war es rassirt, daß in dem Dorfe, in dem Veit Timmermann Gemeindevorstand war, Veit Timmermann, der so auf das Wohl seiner Gemeinde bedacht war, dcch ln demselben Dorfe solch einem Sonnenbruder twaö Menschliches passirt war. Nun lag es der Gemeinde ob, den Fremdling unter die Erde zu bringen. Veit Timmermann hätte-sich ohrfeigen können, darum, aber schließlich konnte er nichts dafür, daß der Vagabund just in seinem Dorfe sterben mußte. Er für sein Theil hatte noch obendrein Schaden davon, denn welchen Ort hatte sich der Alte zum Sterben ausgesucht? Just Veit Timmermanns prachtvolles Monatsrosenbeet, das er stets eigenhändig pflegte. Quer über's Beet weg hatte der Alte gelegen, mit dem Gesicht in den Rosen; es war unerhört, aber doch eine alte Sache, daß, je ärmer der Mensch, er um so anspruchsvoller ist. Das dümmste und fatalste aber bei der Geschichte war, Wilhelm, Veit Timmermanns Knecht, hatte in bierseliger Laune den Alten selbigen Tages im Chausseegraben " aufgelesen und auf seinem Wagen ein Stück Weges bis vor's Dorf mitgenommen; infolgedess.en. konnte Veit Timmermann ein gewisses Schuldbewußtsein nicht los werden. - Fritz Steffens hatte schon seit dielen Jahren die Chausseen gemessen. Er sah allmählich verwittert aus, wie die grauen Meilensteine am Wege, die einst so hohe, kraftvolle Gestalt war gebeugt gleich den alten Weiden am Straßenrand, die der Sturm ein Menschenleben lang geschüttelt hat. Grau, wie der Staub der Straße, lag es auf den ehemals blonden Locken, und trübe, wie spinnwebenbezogene Fensterscheiden, blickten die vor Jahren so kecken, klaren Blauaugen. . Eswar Fritz Steffens nicht gut ge gangen im Leben. Ein Blitzstrahl hatte sein Vaterhaus eingeäschert und ihn in Stunden zum armen Mannegemacht. Er hatte ein Liebchen gehabt das war ihm untreu geworden. Und den Reichen, um deswillen sie ihm die Treue brach, hatte er in einem Anfalle von Schmerz und rasender Eifersucht fast zum Krüppel geschlagen. Zwei Jahre hatte er .Zeit, hinter vergitterten Fenstern über sein verpfuschtes, verlorenes Leben nachzudenken und dann fing er ein neues Leben an als Sonnenbruder. Anfangs trieb ihn die Scham von Ort zu Ort, der Schmerz um Verlorenes, der Wunsch zu vergessen. Später wurde ihm das Vagabundenleben zur Gewohnheit. Es trieb ihn auch nicht mehr, möglichst weit weg zu kommen von seiner Heimath. Es wäre ' ihm gleichgiltig gewesen, bekannte Gesichter zu sehen. Fritz Steffens war stumpf geworden. Der Mensch in ihm war gestorben, das rein Thierische der Natur trieb ihn zu essen, zu trinken, zu schlafen. Sein Geist war verfallen, der Körper ging dem Verfall entgegen. So fand ihn Veit Timmermanns Knecht, und nahm ihn, wie schon ge-. sagt, ein Stück Weges auf seinem Wagen mit. Kurz bevor sie in's Dörf kamen, hiek er den Alten absteigen. und Fritz humpelte langsam dieStraße entlang weiter. Fuß vor Fuß setzte er, Leute, die Niemand erwartet, kommen stets zu rechter Zeit, und Fritz fühlte sich noch obendrein krank und elend. , Die Wagenfahrt auf holpriger Landstraße hatte seinen siechen Körper gerüttelt und geschüttelt, die Kniee zitterten ihm, und ein Schwindelanfall ließ ihn nach einem Halt tasten. Just einen morschen, bedenklich sich zurSeite neigenden Wegweiser bekam Fritz zu packen. Schwer, lehnte er sich dagegen. Aber nicht einmal derWegweiser wollte dem Heimathlosen Stützpunkt sein, ein Knacken, ein Splittern, das morsche Holz brach zusammen, den Alten mit sich zu Boden reißend. Hart traf die Tafel, die den Ortsnamen anzeigte, Fritzens Stirn. Der Schlag, der Fall brachten den Alten wieder zu sich. Schwerfällig versuchte er sich aufzurichten. Und als er mit zitternden Händen den Wegweiser von sich abzuheben suchte, fiel sein Blick auf die Tafel: Hartmannsdorf 1,3 Kilometer. Wie ein Lebenselizir durchströmte es den Alten. Blinzelnd, als blende ihn das Sonnenlicht, blickte er minutenlang auf die Tafel. Dann strich er leise mit der Hand darüber, eine scheue, zage 'Liebkosung für die Heimath, die ihm fast ein halbes Menschenleben lang keine gewesen war. Der. irr-. t c a tYffl - f it Cjüjcin ii no oas sauer, ne ruyren oeioe das Herz. . - Auf dev Landstraße klingt von der Ferne daS Rollen eines Wagens. Da erhebt sich Fritz schwer, mühsam. Er humpelt nach einem Busche am Grabenrand, der ihn den Blicken Neugieriaer verbirgt. Der Grabenrand war seit Jahren sein Domizil, dort will er ine stille Gedenkfeier halten. Mit se-

sailuen anven, wie in cer nirnjc, sitzt er da. Alles was vor ihm liegt, ist Heimath, Heimatherde. HeimathHimmel, er athmet Heimathluft. Die Uh., die drüben über den Feldern mit dünnem Stimmchen den Feierabend ansaat. ist die Ubr der eimatbkircheUnd dort, quer über die Wiesen, mit den vielen Abendlichtnelken, mit den phantastisch geformten Nebelschwaden, " dort über die Wiesen ist er mit Lena oft gegangen, wenn sie vom benachbarten Dorfe vom Tanze heimkehrten. Zehn Schritte vorauf war sie ihm immer. Ihre kleinen, tanzlustigen Füße mochten nimmer ruhen. Wie der Wirbelwind tanzte sie über die thau- , feuchten Wiesen in die Nebelschwaden hinein, die sich hinter ihr schlössen, bic sie umwogten wie Schleier. Lena war ein Sprühteufelchen gewesen, voll k'ndlicher Ausgelassenheit. Fritz hatte auch immer gemeint, sie habe ein Kinderherz, aber darin hatte er sich wohl geirrt. Denn als er arm geworden war, tanzte sie vo: dem anderen her über die nächtlichen Wiesen, neckte sie den anderen und küßte ihn, wie es ihr gerade durch den Kopf fuhr. Und der andere ließ es sich mit breitem behäbigen Lächeln gefallen; er lächelte auch immer, wenn er Fritz sah, und spielte mit der schweren goldenen Uhrkette. Sie waren nie '.gut Freund gewesen, die beiden, weil sie sich beide um Lena bemüht hatten. Und als dann Veit Timmermann und Lena Hochzeit machten, als der stattliche Brautzug von der Kirche nach der Schenke zog, hatte Fritz am Wege gestanden. Er war halb wahnsinnig vor Eifersucht, er wollte sehen, ob x!ena nicht das G?wissen schlug, ob sie nicht einen Blick für ihn hatte, der ihm sagte, daß sie ihn liebte, daß sie den andern des Geldes wegen freite. Fritz wäre zufrieden gewesen und hätte sich in das Unabänderliche gefügt. Aber Lena hatte über ihn hinweggesehen, und ihrMann hatte laut gelacht. Die Hochzeitsgäste hatten daraufhin Fritz so merkwürdig angeschaut, und Fritz schämte sich. Er fühlte sich gelästert, entehrt. Da. hatte er den ' beiden aufgelauert, als sie Abends vom Hochzeitstanze nach Hause ohen wollten. Meuchlings aus dem Hinterhalte heraus hatte er sie überfallen und Veit übel zugerichtet, so sagte Veit aus, und auch Lena und die Herren vom Gericht waren empört ob soviel Rohheit. Der Rohheit wegen bekam Kritz auch hauptsächlich die zwei Jahre Zuchthaus. Lena und Veit gingen befriedigt aus der VerHandlung nach Hause. Strafe muß sein. Wie kann man es wagen, stieb liche Menschen, die einem nichts zuleide gethan haben, zu überfallen? Veit Timmermann wurde dann später Gemeindevorstand und Fritz Sonnenbruder, so nimmt die Gerechtigkeit ihren Lauf; jedem nach Verdienst und Würde. Fritz Steffms strebt dem Dorfe zu.' Die Heimathluft umweht ihn nicht mehr lind. Der alte Haß, das alte Leid sind erwacht. Gespenstisch wogen die Nebel um ihn her. Es ist, als umklammerten sie den siechen Körper des Alten und rauben ihm den Athem. Fritz keucht und schleppt sich weiter vorwärts. Er will die Stelle wenigstens noch sehen, wo sein Hof gestanden hat. Im Dorfe schläft alles. Nur ein Hund empfängt ihn kläffend. Er kennt diese Begrüßung zur Genüge. Hunde und Gendarmen sind die einzigen, die sich um einen Sonnenbruder kümmern. . Am andern Morgen hatte man, wie schon gesagt, Fritz quer über Veit Timmermanns Monatsrosenbeet liegend, todt aufgefunden. Wie er in der hellen Mondnacht in des GemeindevorstandLGarten gekommen, ob er der noch immer stattlichen Frau Lena geflucht, ob er drohend die Hand gegen Veit Timmermanns Haus erhoben hat, oder ob ihn der Duft der Rosen angezogen hatte, die Lena früher zum

kV r nrrt ,fnrfS. .Ofi 4 CUiij V vilt uu jyiiinv a wiyt trug wer konnte es wissen? Veit Timmermann meinte, der Alte habe wohl stehlen wollen. Wiedererkannt hatte er seinen einstigen Nebenbuhler nicht, und Papiere fand man nicht bei Fritz. Nur Frau Lena, die die Neugier getrieben hatte, den Todten zu sehen, war erschreckt zusammen-. gefahren und hatte einen leisen Schrei ausgestoßen, als ihr Blick auf den Ringfinger der Linken des Todten fiel, dort war auf der welken Haut ein flammendes Herz eintätowirt. Die Dorfbewohner, die mit dabei standen und den Schrei hörten, wunderten sichund schauten neugierig nach dem Eesicht Frau Lenas. Mitgefühl von der mit den Jahren recht hochmüthig gewordenen Frau war man nicht gewohnt. Aber Lena hatte sich schon gewandt und schritt schnell dem Hause zu. Sie konnte wohl .keine Todten sehen. Zwei Tage später begrub man Fritz in einer Kirchhofsecke, wer der Todte war, hatte man Nickt in Erfah rung bringen können, ein alter Vagabund, ein Sonnenbruder. Und es war gut für Fritz Steffens, daß man ihn nicht erkannt hatte, so brauchte er sich doch wenigstens nicht in seiner Kirchhofsecke noch über's Grab hinaus zu schämen. Und in dem Unkraut, das bald darauf den Hügel überwucherte, la mitunter eine einsame, brütrothe Rose. ' Der alte Küster, dem da auffiel, schüttelte verwundert den Kopf; die Rose konnte natürlich niemand anders als ein Kind dorthin gelegt haben, und er freute sich über die ' Kindesseele, die dem Einsamen den Liebesdienst erwies.

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