Indiana Tribüne, Volume 29, Number 84, Indianapolis, Marion County, 30 November 1905 — Page 7

Jndiawa Tribüne, 30 November 1905.

7

DicAothhattsett

Nomen aus der WlaxJ Von iU. C. Möller feVSAVVVVSAAAAAAAVVVNAAS? (Fortsetzung.) Harrn v. Rothhausen durfte die Behrenbergs begleiten. Leider aber nahmen der Graf und die Gräfin ihr Töchtcrchcn in die Mitte, angeblich der Nachtluft wegen. Die vorsichtige Mutter wollte ihm die Möglichkeit benehmen, dem Kinde von Neuem den Kopf zu verdrehen. Peter! Herr Inspektor Peter!" hielt der Kommerzienrath den Alten zurück, der sich nun auch zurückziehen wollte, bringe mir doch noch eine Flasche Celters mir ist zu heiß, um schon zu Bette zu gehen. Wir können ja noch Teine Holzkisten durchsehen, wenn wenn Du zufällig noch nüchtern sein solltest." Heinz, der schon in der Thür stand er hatte sich bereits von dem Vater verabschiedet kehrte noch einmal um: Du fühlst Dich doch ganz wohl, Papa?" fragte er besorgt. Ei versteht sich, mein guter Junge; wer sollte sich nach so guten Weinen nicht wohl befinden!" Mir kam nur vor," meinte Heinz, als Peter gegangen war, als ob Du heute doch wohl ein bischen gar zu viel" Dummbart." rief der Alte gemüthlich, Ihr Jungen könnt eben nichts vertragen! Mach nur. daß Du m die Federn kommst! Und schlafe wohl! Träume meinetwegen von den Lorbeeren Deiner .Armuth!' " Kaum eine Viertelstunde später wurde gellend eine Glocke gezogen. Ein Angstschrei schallte durch das 'stille Haus Peter rief um Hilfe sein Herr sei ohnmächtig geworden. Und während ein. Diener zu dem nächsten Arzte eilte, stürzte man in das Arbeitszimmer des Kommerzienraths. Da lag der große starke Mann, ganz wie ihn damals Irene aufgefunden hatte. Eine urkräftige Eiche war vom Blitze gefällt worden. Bewußtlos hingestreckt, so fand man ihn vor dem zierlichen Schreibpulte seiner verstorbenen Gattin, an dem er seit ihrem Tode zu arbeiten pflegte. Eine kleine, seitwärts angebrachte Schublade, ein Geheimnißfach, das wohl nur der Zufall heute erschlossen hatte, stand weit geöffnet, und auf dem Tischchen lag aufgeklappt eine blaue, Sammetmappe. - Die krampfhaft geballte Hand des Ohnmächtigen umschloß ein zerknittertes. halb vergilbtes Dokument. Eharlotte. Peter und Heinz waren herbeigeeilt, und mit vereinten Kräften hob man den schweren Körper auf einen Divan. Diesmal aber nützte weder Digitalis noch sonst ein Mittel der Kommerzienrath verschied in den Armen seines Sohnes, noch bevor der Arzt zur Stelle war. Vater, mein guter Vater!" rief Heinz Bergmann immer wieder, als könnte er den starr Daliegenden aus seinem Schlummer wecken. Und sein leerer, starrer Blick fiel auf die Mappe, die da auf dem Tischchen lag. In diesem Augenblick dämmerte ihm dunkel eine Erinnerung auf, die ihn viele, viele Jahre zurückführte. Eine blaue Mappe war es," murmelte er, die man beim Tode der Mutter vergeblich suchte." Niemand hatte darauf geachtet, daß Charlotte das zerknitterte, halb zerissene Dokument in ihre Tasche steckt! IV. 9. K a v i t e l. arry hatte bis in den Mittag hinein geschlafen. War er doch mitten in der Nacht, nachdem er kaum die Augen geschlossen hatte, an die. Leiche seines Onkels gerufen worden. An nichts hatte er gerade gestern Abend weniger gedacht, als an solch' einen plötzlichen Eingriff des Schicksals. Noch halb verschlafen, glaubte er anfangs, den Boten falsch verstanden zu haben. Aber das bestürzte Gesicht des Mannes sagte ihm bald, wie es stehe. Mit gemischten Empfindungen trat er an das Lager, das man dem Todten bereitet hatte. Zuerst, als er den starken Mann, der da in der Vollkraft seiner Jahre jählings hingesunken war, starr und steif vor sich liegen sah das sonst so freundliche, von innerstem Behagen überstrahlte Gesicht nun schmerzlich verzogen, die ehrlichen, treuen Augen geschlossen da packte den schneidigen Offizier doch etwas wie schmerzliche Ergriffenheit. War doch der Onkel allezeit nachsichtig und gut zu" ihm gewesen! Ter Mensch denkt in solchen Augenblicken unglaublich schnell. Wie im Fluge zieht, wenn auch nur schattenhaft, eine ganz2 Reihe von Bildern an dem inneren Auze vorüber. Auch Harry entsann sich in diesen flüchtigen Sekunden mancher frohen, ja glücklichen Stunde, die er allein der Großherzigkeit, der Güte seines Onkels zu verdanken hatte. Und nun lag er kalt und regungslos vor ihm niemals würde er ihm wieder etwas zu danken haben! Dann aber stieg leise wie ein zehrender Schmerz, der Groll in ihm. auf, bitterer, gifterfüllter Groll. Er-Harry v. Nothhausen, wäre jetzt

sT,

S5

ein Millionär ohne diesen spät geborenen Heinz, der ihm alles geraubt, der ihn um Gegenwart und Zukunft bestöhlen hatte! Natürlich jener hatte nichts zu thun, als seinen Vater zu betrauern, ihm war das Bett gemacht, er konnte ruhigen- Muthes der Leiche folgen, mit welcher Harrys einziger, sein letzter Halt in le Gruft gebettet wurde. Was was um alle Welt sollte jetzt aus ihm, aus dem eleganten Offizier werden? Er war nicht nur mittellos cr hatte Schulden! Schon seit einer Woche hatte er tagtäglich vorgehabt, wieder einmal vor den Onkel hinzutreten und einen Extrazuschuß von ihm zu erbitten. Gewiß, der alte Herr hätte ihm wieder eine kräftige Standrede gehalten, aber schließttch hätte er doch hergegeben, was im Augenblick nothwendig 'war. Mit seiner Schuldenlast war er jetzt aber auf die winzigen Ersparnisse der Mutter anqewiesen. Denn aus dem großen Schiffbruch war nur ganz wenig gerettet worden, und dies wenige hatte Harry längst verbraucht verwettet und verspielt. Nur ein glücklicher Nenntag konnte ihm. wenigstens für den Augenblick, Ruhe schaffen. Wenn er aber nicht gewann? Er konnte doch nicht von Heinz erbitten, was ihm der Onkel bisher gegeben hatte? Und von Neuem stieg in ihm die furchtbare Ahnung auf. daß er diesem Heinz einmal etwas anthun würde. Da pochte es leise an der Thür in kurzen nervösen Schlägen. Das blasse Gesicht seiner Mutter erschien. Bist Tu allein?" fragte sie. noch ehe sie eintrat. Tann fielen sie sich stumm in die Arm?. Das natürliche Gefühl siegte: sie empfanden unausgesprochen die Kämpfe unds Leiden, die isntceg rungen und Demüthigungen der Vergangenheit sie überschauten beide die Hoffnungslosigkeit, der Zukunft. Aber nur einen Augenblick währte das alles, dann riß sich Charlotte energisch los und sank keuchend auf einen Stuhl. Harry." begann sie endlich mit sieberuft erregter und doch ängstlich gedämpfter Stimme, Harry fasse Dich ich habe Dir etwas Ungeheuerliches mitzutheilen!" Der Sohn lächelte ungläubig; dieser hysterischen Frau mochte leicht etwas ungeheuerlich crscfcinen. Was konnte das auch sein? Ein Selbstmord war ausgeZchlossen und todt wirklich todt war der Onkel auch was konnte sie ihm also melden wollen? ..Erinnerst Du Dich der blauen Sammctmappc. nach der man damals ganz Notbbausen durchsuchte, weil Irene sterbend verlangt hatte, man solle sie ihr Zn's Grab legen?" Nun. was ist's mit der Mappe?" fragte Harry ungeduldig. Gestern lag sie göffnet auf dem Pulte des Sterbenden. Er muß sie s.anz zufällig gefunden haben. Und in der Hand hielt er ein Dokument, welches ihm offenbar den Herzschlag zugezogen hat!" Aber Mutter," wandte Harry ein. Sie hörte ihn kaum. Hastig zog sie etwas aus der Tasche und hielt es ihm hin. Da, sieh selbst, Harry lies doch!" eiferte sie, als sie ihn noch immer zögern sah. Es war ein kleines Blatt gelben, groben Papiers, von dem eine Ecke fehlte. Der Hauptinhalt war aufgedruckt in verschnörkelten Buchstaben stand oben: Taufschein." Da war die Rede von einem Knaben, der im März 1870 auf die Namen Heinrich Franz Peter Rehberg getauft worden war. Wo das geschehen, war nicht ersichtlich, denn gerade die untere, linke Ecke war weggerissen. Harry schüttelte den Kopf. Was geht das uns an. Mutter? Das ist. aller Wahrscheinlichkeit nach. ein Pathenkind des verstorbenen Onkels. Ich begreife Dich nicht " Du begreifst nicht, Harry?" schrie Charlotte, sich wie eine Wahnsinnige geberdend. Irene hat nie ein Kind gehabt! Sie hat ein fremdes angenommen. um uns um das" Erbe zu betrügen! Gewiß hat sie ihn auch betrogen den Verstorbenen! Heute Nacht kam er darauf, und da rührte ihn der Schlag!" Du erfindest Romane, Mutter." versetzte Harry schon fast unmuthig. Aber," fuhr Charlotte eindringlich fort, so erinnere Dich doch, wie oft man sich dariiöer gewundert hat, daß Heinz seinen. Eltern so gar nicht ähnlich sieht! Denke doch an die sonderbaren Umstände bei seiner Geburt, von denen ich Dir später wiederhol', gesprochen habe. .Erinnere Dich auch, wie gleichgiltig Heinz seiner Mutter stets war." Harry stutzte einen Augenblick, dann sagte er energisch abwehrend: Lächerlich! Alles lächerlich! Selbst wenn Deine ganz abenteuerliche Kombination richtig wäre kann jenes fremde Kind nickit in aller Form Rechten adopUrt sein?" Kurzsichtiger! blinder!" schalt die Baronin. Eine Adoption war doch nur mit Heinrichs Wissen und Willen möglich. Und wenn er !rum wußte, hätte ihn dann bei der Entdeckung des Taufscheines der Schlag gerührt?" Nun verstummte Harry. der eben im Begriff gewesen war. sich zum Ausgehen den Säbel umzuschnallen. Unwillkürlich faßte er die Waffe, fester. Wenn es doch möglich wäre. Liesen Heinz zu verdrängen. Wenn die Mutter Recht hätte. Dann wäre ja Er der Erbe und Heinz ein Bettler! Dann könnte man ja auch an Hilda denken!

Mutter." rief er aufjauchzend, sobald das Begräbniß vorüber ist. reise ich nach Meran. Die Mittel dazu mußt Du mir schassen." O das ist nicht schwer." meinte die Baronin, nur sei vorsichtig, mein Sohn, man kann schließlich doch nicht wissen, wie solche Sache ausgeht. Und bis dahin muß man sich eben ruhig verhalten. Der Junae thut sehr großmüthig, cr will meine Pension erhöhen Deinetwegen sagt er." Ich will seine Pension nicht," schrie Harry. lieber zwei Kugeln, für mich und ihn!" Und sein zornfunkelnder Blick zeigte nur zu deutlich, daß dies keine leere Drohung sei. Erschrocken starrte Ckarlotte ihren Sohn an. Wohin würde ihn seine Leidenschaft noch führen? O In der Villa des Kommerzienraths hatte eine pomphafte Leichenfeier stattgefunden. Aus allen Kreisen, in denen der Verstorbene Verkehr gehabt hatte, waren Vertreter erschienen; auch ein' Ministerialbeamter hatte sich im Namen seines Chefs etngefunden. Ter Geistliche wies bei Einsegnung der Leiche auf die großen Verdienste des Verstorbenen hin. Heute Abend sollte die Ueberführung nach Rothhausen stattfinden. So lange der Bruch moch nicht direkt ausgesprochen war, hielt es Harry für nöthig, seinem Vetter zur Seite zu stehen. So begleitete er den jungen Mann auf der traurigen Fahrt. Heinz wurde überall feierlich begrüßt; man erkannte ihn willig als den Nachfolger seines Vaters an. Er aber war fast verwirrt durch seine neue Würde; im Grunde hatten ja alle die Leute, die ihm jetzt so ehrerbietig entgegentraten, wenig oder gar nichts mit ihm zu thun. ' Die Fabrik war längst in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, ein tüchtiger, aus der Schule des Kommerzienraths hcrvorgegangener Direktor leitete sie, und Heinz, dessen ganzer Studiengang ihn weit abgeführt hatte von dem Gebiete seines Vaters, würde kaum noch Berührungspunkte finden mit all' jenen technischen Arbeiten. Uebrigens dachte er noch gar. nicht an

die Zukunft. Tiefe Trauer, tiefer, aus J richtiger Schmerz bedruckte ihn. Nur ein einziges, erleichterndes Moment tauchte von Zeit zu Zeit auf: er würde sehr bald Hilda hierher als Schloßherrin führen dürfen. Das war der Lichtgedanke, der ihn den Augenblick leichter tragen ließ. Neben dem jungen Erben schritt Harry, düster grollend, und an der eigentlichn Trauerfeier innerlich unbetheiliat. Ja. Harry war mit seinen Gedanken ganz wo anders. Er lauerte darauf, die streng bewachte Hilda zu svrechen; .Sehrenbergs hatten die Leiche ir)i;l freundes nach Roihhausen begleitet. Unmittelbar nach der würdigen, aber einfachen Trauerfeier gelang es ihm, im Park der tief erschütterten Komtesse zu begegnen. Bleiben Sie standhaft, Hilda," flüstcrte er, lassen Sie sich nicht etwa an den .Erben' verkaufen es kann noch alles anders werden!" Das junge Mädchen prallte zurück; sie war noch bei dem Todten. Harrys schroffe Worte bewirkten das Gegentheil. Lassen Sie das doch jetzt, Harry," wies sie ihn ab und versuchte, von ihm loszukommen. Es ist Gefahr im Verzüge," zischelte er und mit aller Feierlichkeit, deren er fähig war, fuhr er fort: Gelobe, Hilda, daß Du meiner eingedenk bist, daß Du warten willst " Das werde ich, wenn mein Herz mich dazu treibt," entgegnete sie fest. Er knirschte vor Zorn;, 'er bedachte gar nicht, daß sein leidenschaftliches Wesen sie abschreckte.' Haben sie Dich schon umgarnt?" sprühte er hervor. Laß Dich doch nicht fangen. Mädchen!" Sie zog sich neuerdings von ihm zurück. Er aber wollte seine Absicht durchsetzen. Deine Eltern wollen also nur einen reichen Schwiegersohn? Gut denn, so will ich Heinz sein Erbe abjagen, er wird sich noch den Hals brechen!" Hilda war wie mit kaltem Wasser übergössen, völlig entnllchtert von der Rohheit seiner Worte. Mit einer Entschiedenheit. die selbst ihn verstummen machte, mit einem Ernst, den er nie an ihr gekannt, wies sie ihn zurecht er konnte kein Wort der Erwiderung finden. . Schäme Dich. Harry." .schloß sie. Wenn das Teine Anschauung von der Ausnahmestellung ist. auf die Du immer so stolz bist, wahrlich, so will ich lieber auf den ' Vorzug verzichten, will sein wie Hunderttausende, die nicht denken wie Du!" Sie ließ ihn stehen, völlig verblüfft. sie sah sich gar nicht um nach ihm. Die brutale Frage des Besitzes, wie Harry sie stellte, stieß ihren romantischen Sinn ab. Sie suchte ihre Mutter auf. Die Beisetzung war erfolgt. Am nächsten Morgen war es das Erste, was Heinz unternahm, seinen Vetter zu sich zu bitten. Er hatte die ernsthafte Absicht. einen Versöhnungsversuch zu machen. Ich weiß, daß Du einst hier Herr zu sein glaubtest." begann er. Das Schicksal hat e anders gefügt, mein lieber Harry, und Du bist Mann genug, Dich darein zu fügen. Vielleicht würde ich Dir ein Uebereinkommen in Bezug auf Rothhausen vorschlagen, in-

dessen meine Mutter wünschte, daß ich gerade hier wohne und lebe. Willst Du aber den rechten Flügel, wo einst Deine Eltern wohnten, zu Deiner Verfügung, so steht dem nichts im Wege. Ein Anerbieten, Deine Existenz betreffend, habe ich Deiner Mutter bereits gemacht. Tu wirst die näheren Einzelheiten bei meinem Rechtsanwalt vorfinden." Und Heinz streckte dem Vetter mit brüderlicher Herzlichkeit seine beiden Hände entgegen. Harry trat kalt zurück. Er hatte in diesem Augenblick, eine bestimmte Ahnung, daß dieser junge Mann nicht sein Verwandter sei. Er zeigte auch nicht eine Spur von Ähnlichkeit mit seiner Familie weder in seiner Erscheinung, noch in seinem .Wesen und Gehaben. Diese stille Schwärmerei im Blick, dieses warme Hervorbrechen der Empfindung, diese überspannte Gesinnung, dies brünette südliche Gesicht nein, das war ein Fremder, ein Eindringling! Mit fast verletzender Härte stieß er Heinz' Hand zurück. ..Ich danke Dir." sagte er, ein Rothhausen nimmt kein Almosen an." Noch einen Versuch unternahm Heinz. Du kannst ja irgend eine Stellung bei mir annehmen," sagte er. Was fällt Dir ein." versetzte hochmüthig Harry. In welche? Position Dir gegenüber könnte ich mich wohl befinden sollen! Ich habe nun einmal das Gefühl, ein Vertriebener zu sein, und wenn Tu natürlich daran auch ohne Schuld bist, so muß ich Deine Großmuth doch zurückweisen." Mit schmerzlicher Bestürzung hörte ihm Heinz zu. Es hatte nie ein herz liches Verhältniß 'zwischen dem Vetter und ihm bestanden. Jener hatte sich immer hochmüthig gegen ihn erwiesen, hatte ihn den Aristokraten fühlen lassen. Schließlich war ja auch eine jährelange Trennung zwischen beide getreten. und Heinz hatte sich nicht mehr um ihn gekümmert. Erst die neuerdings entflammende Eifersucht wegen Hilda führte sie wieder zusammen. Ein anderer vielleicht hätte gerade den jetzigen Anlaß benützt, um nun gänzlich mit dem unbequemen, rücksichtslosen Nebenbuhler sich auseinander zu sehen, aber Heinz' Großmuth siegte. Was er dem Vetter vorschlug, war herzlich und ehrlich gemeint; er hatte die beste Absicht. jenen für sich zu gewinnen. Nun er sich so schroff abgewiesen sah. erwachte auch in ihm gerechter Zorn und er sagte: 'Wie Du willst, Harry. Wenn Tu etwas wünschest, so wende Dich an meinen Anwalt. Wir sind fertig miteinander." Wer weiß!" zischte Harry höhnisch und wandte sich zum Gehen. Heinz verstand nicht, wie diese Drohung gemeint war; er zuckte die Achseln. Ter Bruch war vollendet. Harry aber sagte sich: ..Nun habe ich meine Schiffe verbrannt. Eine freundliche Verständigung mit Heinz ist nun für immer unmöglich. Und deshalb muß ich siezen." Auch Charlotte hatte eigentlich keinen Wirkungskreis mehr hier, wenn sie auch noch bei Heinz wohnte. Schon seiner Mutter wegen mußte Harry Klarheit schaffen. So war es denn ein Kampf um die Existenz und um Hilda. Baronin Charlotte hingegen hatte sich inzwischen anders besonnen. Wer weiß," sagt: sie sich, wie alles abläuft! Am besten ist es, vorläufig mit Heinz nicht zu brechen." Washätte sie auch im Augenblick beginnen sollen, hilflos, mittellos, wie sie war? Sie mußte sich der äußersten Vorsicht befleißigen. Als .sie daher gleich nach ihrm Sohne in das Zimmer des jungen Erben trat, zeigte sie äußerlich tiese Theilnähme. Mit schmerzlich , verzogener Miene begrüßte sie ihren Neffen und schloft ihn in die Anne. Nicht wahr, mein lieber Heinz," b:gann sie. Du grollst dem arncn Hsrry nicht? Mi? schien, als sei er eben etwas errezt von Dir gegangen." Nicht nur etwas erregt, meine gute Tante," antwortete Heinz, sondern völlig mit mir entzweit. Er hat meine Bruderhand schroff zurückgewiesen, und von miiicb ist alles zu End? zt?ischen uns." Diesmal war die Bestürzung Charlottens nicht geheuchelt; ein aufrichtiger Schreck durchfuhr sie. Sie versuchte einzulenken, aber Heinz fiel ihr in's Wort: Für Dich, liebe Tante, sieöt mein Haus, mein Herz nach wie vor offen! Bist Du doch nun einmal die einzig: Schwester meines Vaters; aber Harry erisiirt nicht mehr für mich." Mern-Öcü," schluchzte Charlotte, was soll aus uns werden?" Es fiel ihr schwer auf's Herz, daß sie selbst es gewesen war. die diesen Brum herbeigeführt, daß aller WahrscheinliÄkci! nach ihre Einflüsterungen solck'e Wirkung auf Harn? ausgeübt hatten. Und wenn nun der Schlag mißglückte, wenn Harry in Man nichts erreichen konnte was dann?

(Fortsetzung folgt.) Jiu-Jitsu in Pari. Der Pariser Polizeipräfekt Lepine fjat beschlossen, zunächst sechs Polizei-Jn-spettoren im Jiu-Jitsu unterrichten zu lassen. Die Inspektoren sollen die japanische Kampfmethode dann den Polizisten beibringen, die sich damit gegen nächtliche Ueberfälle in Pariser Straßen schützen sollen. )

Nachtfahrt.

Skizze von Otto Seim. In der Mitte des geräumigen Hofes der Irrenanstalt stand seit längerer Zeit unbeweglich ein Manir ein Krüppel dem beide Arme fehlten. Gehört dieser Bedauernswerthe auch zu den Insassen der ' Anstalt?" Mit unterdrückter Stimme richtete ich diese Worte an den Direktor des Hauses. Er sieht doch recht gutmüthig aus." Und doch darf man ihm keineswegs trauen. Wenn es nicht feine körperliche Jnfirmität wäre, die ihn außerstände setzt zu schaden, so würden wir ihm die Bewegungsfreiheit innerhalb der Anstaltshöfe nicht zugestehen. Wie die meisten Irren hat er lichte Augenblicke, wird aber dann plötzlich von Wuthanfällen ergriffen. Eines können Sie ab: stets bei ihm beobachten: eine Mdverzerrung, wie wenn er einem uttsichtbaren Feinde mit den Zähnen zreibe gehen wollte. Doch da kommt ix selbst. Wahrscheinlich wird er Ihnen wieder das alte Klagelied von seiner unberechtigten Internirung im Irrenhause vortragen." Langsam hatte sich der Krüppel, der wohl ahnen mochte, daß wir uns von ihm unterhielten, genähert.' Er hatte mein instinktives Zurückweichen wohl gemerkt. Sie brauchen keine Furcht zu haben. Irre meiner Art können, wie Sie sehen, ja kaum gefährlich werden. Leute, die man aber fürchten muß, sind die Irrenärzte, deren Ja oder Nein für die Jnternirung des Kranken maßgebend ist, und, sehen Sie. man hat mich z. B. hierher gebracht, ohne daß ich weiß, warum." Ohne eine Aufforderung abzuwarten, fuhr er fort: Hören Sie meine Lebensgeschichte. Als junger Mann kannte ich nicht die Augenblicke vorübergehender Liebe, die das Herz stählen. Ich habe eigentlich nur eine Liebe gehabt, und diese nahm mein ganzes Herz gefangen. Wie soll ich Ihnen das Glück schildern, das ich wahrend mehrere? Jahre genoß! Aber eines Tages fand ich die Wohnung leer. Nicht der geringste Gegenstand war zurückgelassen worden, aus dem ich auf den Verbleib meiner Kläre hätte schlhßen können. Vergebens betraute ich Detektives mit der Auffindung der Verschwundenen, vergebens suchte ich selbst in allen Vierteln Berlins, eine Spur der Vermißten zu finden. Alles, was ich schließlich in Erfahrung bringen konnte, war, daß sie mit einem unbekannten Manne das Weite gesucht hatte. Ich glaubte meine Vernunft zu verlieren, und hätte mein Unglück hinausschreien mögen. , Die Gleichgültigkeit der Leute in den Straßen brachte mich zur Verzweiflung ich konnte es nicht fassen, daß die Welt ihren gleichmäßigen Gang weitergehen konnte. Niemand kümmerte sich um mich. Die Zeit verfloß und brachte meiner Herzenswunde Heilung so glaubte ich. Ein Jahr später befand ich mich aus einer Geschäftsreise in Süddeutschland, als mir ein Freund" es gibt immer solche sogenannten, gefälligen Freunde, die ähnliche Enthüllimgen machen mittheilte, daß meine frühere Frau sich mit uns in derselben Stadt befand. Ein Keulenschlag hätte auf mich nicht eine andere Wirkung ausüben können 'als dieses brutale Aufreißen der langsam vernarbten Wunde. Wo?" fragte ich athemlos. Sie war in demselben Hotel, das ich bewohnte. Vor etwa einer Stunde habe ich sie auf der Treppe getroffen. Sie war in Begleitung irgend eines Dunkelmannes, dem die Ehrlichkeit nicht höchste Tugend zu sein schien." Ich ließ ihn nicht fortfahren. Die Wuth erstickte mich fast. In welchem Hotel bist du abgestiegen?" Dort unten. Ein paar Schritte von hier. Aber du wirst das Pärchen wohl schwerlich noch antreffen. Ich hörte nämlich, wie sie einen Wagen zu dem Berliner Nachtschnellzug bestellten. Sie dürften jetzt bereits den Bahnhof erreicht haben und in einer halben Stunde". . . Ich hörte seine letzte Worte nicht mehr und sprang in eine vorüberfahrende Droschke. Was während der recht langen Fahrt, die aber von dem Kutscher in Erwartung eines guten Trinkgeldes schnell ausgeführt wurde, in meinem Innern vorging, kann ich nicht mehr sagen. Nach der Ankunft auf dem Bahnhof hatte ich gerade noch Zeit, mein Billet zu lösen und eine Coupö zu ereichen, als sich auch schon der Zug in Bewegung setzte. Schwer athmend ließ ich mich auf die Kissen fallen. Als ich mich ein wenig gesammelt hatte und wieder klar denken konnte, überzeugte mich ein Blick, daß ich in dem Wagenabtheil allein war. Der Zug raste mit voller Geschwindigkeit durch die Nacht. Wir hatten die Stadt bereits weiter hinter uns. Wie ein altes,' schwaches Gebäude, das dem ersten größeren Sturme zum Opfer fällt, warmer Glaube an meine Heilung, an das endgültige Vergessen, an die entschwundene Liebe der Treulosen zusammengebrochen. Allein der Gedanke, denselben Zug mit der Frau, die ich einst so wahnsinnig liebte und

die jetzt einem anderen gehörte, theilen zu müssen, machte mich rasend. Nur die Aussicht, bei der Ankunft des

Schnellzuges ln Berlin lhr entgegentreten zu können, gab mir, eine wilde Freude. I Eine Stunde mochte ich meinen Gedanken nachgehangen haben, als plötzlich meine Blicke auf eine Glasscheibe fielen, die das Hinaussehen ins Nebenaotheil ermöglichte. Ein wilder, thierischer Schrei, das blutdürstige Frohlocken der Bestie, die endlich dem lang gejagten Wilde gegenübersteht, entrang sich meiner keuchenden Brust. Da! . Da saßen sie, die ich suchte! In den Armen des Mannes war die. Frau meine Frau eingeschlafen. Er rauchte eine Cigarre und blickte zerstreut durchs Fenster. Habe ich euch jetzt wieder! Verworfene!" Das Getöse des dahinrasenden Zuges übertönte meine Wortezmein Blick, mein Gesicht mußten aber furchtbar sein. Erschreckt kauerte sich das Paar in einer anderen Ecke des Abtheils nie- -der. Tausend Pläne, wie ich es anstellen konnte, daß mir meine Beute nicht entging, durchkreuzten mein Hirn. Die lange Fahrt bis Berlin in diesem Zustande höchster Erregung noch ertragen zu können, erschien mir unmöglich. In nervöser Hast zog ich die Uhr. Erst eine Stunde Fahrt hinter uns! Aber was! Es gab ja noch einen Ausweg. Ich konnte ja auf dem Trittbrett des Wagens ins Nebenabtheil gelangen, und dann wehe ihnen! An Muth und Kraft gebrach es mir wahrlich nicht. Zeit war nicht zu verlieren. Schon auf der nächsten Haltestation, einer größeren Stadt, hätten sie im Gedränge entweichen können. Die Freude der nun' bald gesättigten Rache verdoppelten meine Kräfte und meine Energie. In fieberhafter Eile öffnete ich das Coupöfenster. Undurchdringlich schwarz, grausig lag die Nacht vor mir. Ein scharfer Luftzug peitschte mein Gesicht. Dicht vor meinen Augen gaben die Funken, die die Lokomotive auswarf, ein Feuerwerk, für dessen stets wechselnde Schönheit auf dem tiefschwarzcn Nachthintergründe ich aber in diesem Augenblicke kein Empfinden hatte. An der Coupthür mit den Händen tastend, hatte ich bereits den äußeren Drücker erreicht, als plötzlich ein durchdringender Pfiff die Nachtluft zerriß. Instinktiv hob ich die Hände. Da durchzuckte mich ein jäher Schmerz, ein schreckliches Gefühl, als wenn mir zu gleicher Zeit beide Hände, zerschmettert, die Arme gebrochen und aus den Schultern gerissen wurden. Halbtodt sank ich auf das Polster zurück. Später habe ich dann erfahren, was passirt war. Als ich instinktiv beim Ertönen des Pfiffs die Hände hob und zurückgewichen war, hatte der Zug gerade eine Tunneleinfahrt erreicht und meine Arme hatten mit Eilzugsgeschwindigkekt auf die scharfe Steinwand am Eingang des Tunnels geschlagen. ' ' Ein nicht zu beschreibendesSchmerzgefühl riß mich aus meiner Ohnmacht. Meine zerschmetterten Arme glichen blutigen Klumpen. Vergeblich waren also meine Anstrengungen .gewesen, vergeblich mein wildes Sehnen, an dem Zerstörer meines Glücks Rache zu nehmen! Ich hatte plötzlich Furcht vor dem Tode; ich ,wollte der Treulosen meinen Anblick nicht ersparen und sei es auch brechenden Auges einen Theil der Vergeltung üben. Mit übermenschlicher Anstrengung versuchte ich meinen Kopf in die Nähe der Nothbremse zu bringen, um diese mit den Zähnen zu erfassen. Bei jeder Bewegung entrang sich mir ein Schrei. Ein dutzendmal hatte ich. auf dem Polstersitz knieend, die Bremse fast erreicht, und jedesmal wurde ich durch die Schleuderbewegungen des Wagens zu Boden geworfen. Das Schmerzgefühl war langsam verschwunden, hatte aber einer großen Schwäche Platz gemacht. Kalter Schweiß trat auf meine Stirn, die Wagenlampe, die Bremse, die blutbefleckten Polster tanzten vor meinen Augen dann wurde es tiefe Nacht. . In einem Krankenhause kam ich wieder zu mir. Um mich am Leben zu erhalten, hatten mir beide Arme amputirt werden müssen. . . Ich wurde der Krüppel, den Sie hier vor sich sehen.". . . Aber die Schuldigen?!". . . Er begann zu weinen. Erst Uit, dann machte er einige Male eine Grimasse, als wenn er etwas mit dem Munde erreichen wollte, die Augen traten ihm aus den Höhlen, und, wilde Schreie ausstoßend, warf er sich seinem vermeintlichen Feinde entgegen. Warter liefen hinzu und schleppten ihn fort Eine Geschichte, deren schreckliche Scenen wohl geeignet erscheinen, jemand um den Verstand zu bringen" so wandte ich mich erschüttert zu dem Direktor. Ja,' das wohl! Fragt sich nur, ob sie wahr ist. Wer will denn die ErZahlung eines Irren controlliren? Ist es Wirklichkeit? Halluzination? Ein böser Traum? Eines ist erwiesen: Man hat ihn verstümmelt in einem Eisenbahnabtheil gefunden. Was aber das Kapitel von seiner Frau und deren Liebhaber anbetrifft, so hat man nie eine Spur der Schuldigen ' ent, deckt. Sicher ist allein, daß er unheil-barist.