Indiana Tribüne, Volume 29, Number 76, Indianapolis, Marion County, 21 November 1905 — Page 5
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Jndiana Tribüne, 21. November 1905
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: Aus zwel Manövern z i 5 5 a O o Novellctte UOH j Ö. Öitfwentr o o ; c : :$ eneral z. D. Freiherr von Osten. Excellenz, ist - in .glänzender Stimmung. Das ist jedesmal - der Fall, wenn sem Sohn. ctz jugendliche I'ajor, aus der benachbarten Garnison zum Besuch des Vaters herüberkommt. Der General lebt seit seiner Verabschiedung in einer kleinen, mitteldeutschen Residenz, und sein Sohn ist seit Kurzem Kommandeur eines Jnsanterie-VataiLons. Ein Stündchen Bahnfahrt nur trennt die beiden. Heute nun stattet der Major dem alten Herrn gewissermaßen einen Abschiedsbesuch ab. In wenigen Tagen rückt das Bataillon zum Regimentsexerzieren aus, daran schließt sich das Manöver. Das bedeutet immerhin eine Trennung von fünf Wochen. Na, Junge," so spricht der General, nachdem der Kaffee getrunken ist und die Herren bei einer guten Cigarre zusammensitzen, nun wollen wir 'mal auf der Karte Eure verschiedenen Quartiere aufsuchen Dort hab' ich sie schon bereitgelegt." Vater und Sohn neigen sich über die Generalstabskarte, und der Major umgrenzt mit seinem Stift das Manövergelände und unterstreicht die verschiedenen Ortschaften, die besonders in Betracht kommen. Hier, in Kreuzburg, werden wir fast vierzehn Tage in Quartier liegen. Ist Dir das Städtchen vielleicht bekannt, Papa?" Der General sireicht sich, wehmüthig lächelnd, über die Stirn und erwidert: Gewiß, mein Junge. Sogar aus einem Manöver. Als junger Leutnant hab' ich selbst einmal längere Zeit dort im Quartier gelegen. Es ist ein sehr trauliches, Städtchen, damals wenigstens war's so. Inzwischen mag sich vieles dort verändert haben. Hm, hm, also in Kreuzburg!" Der alte Herr macht eine Pause und fährt dann fort: Es knüpft sich für mich eine hm eine Erinnerung an den Ort. Keine angenehme,' trotzdem ich damals fo sehr glücklich: Stunden dort verlebt habe. Ob sie wohl noch ja so Tu weißt ja nichts von ihr. Ich will Dir's erzählen, Junge. Am Ende, lebt sie doch dort. Ich war m Haus ihrer Eltern einquartirt. Guter, alter Adel, aber in sehr bescheidenen Verhältnisen. Nur reich an Kindern. Sie war oie älteste Tochter, dann kribbelte und ' krabbelte es von Geschwistern. Wie Werthers Lotte auf dem bekannten ,Bild erschien sie mir. wenn sie zwischen ihnen schaltete und waltete. Ein reizendes Geschöpf, frisch, klug, natürlich, herzensgut und in voller Jugendblüthe.' Ein fröhlich' Treiben herrschte in dem Haus bei aller Einfachheit ' der Lebenshaltung.' Kein Wunder, daß ich bald lichterlob brannte. Ich hatte bis dahin noch nie geliebt, ich verlor alle Besinnung, hatte nur den einen heißen Wunsch, dieses Mädchen, zu meiner Frau zu machen. Wir hatten beide nichts. ' Was ich eigentlich glaubte, hoffte, ich weiß es selbst nicht. Aber ich fühlte, daß das holde Geschöpf mir auch gut war. Beim Abschied es , gelang mir, kurze Zeit mit ihr im (feien allein zu sein sprach ich ihr von meiner Liebe, die nie verlöschen würde, verhieß ihr Nachricht, ein Wiedersehen, sobald als möglich. Ich umarmte sie und küßte die frischen Lippen, ehe sie nur ein Wort erwidern konnte. Aber ihr Blick hatte mir ge antwortet. Da hörten wir Rufe. Ihre Brüder kamen, herbei, um zum Een zu bitten wir waren nicht wieder allein. Ein fester Händedruck beim Abschied mochte ihr zur Bekräftigung meiner Worte dienen. Als,, wir mit klingendem Spiel zum Städtchen hinausmarschirten, an ihrem , Wohnhaus vorbei, da stand Jutta an einem Giebelfenster und nickte mir einen letzten Gruß zu " Und wie ging's weiter. Papa? Hat sie Dir nicht Treue gehalten?" Sie? Ach. Junge, ich ich allein bin der Schuldige. Nicht, daß meine Liebe so schnell geschwunden wäre, wie sie gekommen, nein. Ich sehnte mich namenlos nach dem lieben Mädchen; ich träumte von ihr, ich schrieb in Eedanken Brief auf Brief an sie. Aber fern von ihr kam mir die Unmöglichkeit einer . Verbindung zum Bewußtsein. Ich hatte nichts; ich konnte im besten Fall in fünfzehn Jahren ohne Kaution heirathen. Ich sah unter bitteren Schmerzen ein, daß ich mich' übereilt hatte, daß ich verzichten mußte. Aber ch konnte mich nicht entschließen, ihr das zu schreiben. Ich hätte sie vielleicht auch in eine peinliche Lage, gcbracht ihren Eltern gegenüber. So schrieb ich nicht, halb aus Rücksicht, halb aus Schwäche. Ich überließ der 'Reit die Aufklärung. Und das war erbärmlich! Hätt' ich offen an Jutta geschrieben oder an ihren Vater, dann hätt' ich mir nichts vorzuwerfen gedabt. als meine jugendliche Unbesonnenheit. So empfind' ich meine Handlunasweise heute noch als Schuld. Ja. gerade in den letzten Jahren, seit Deine gute Mutter von uns gegangen ist. seit ich nicht mehr aktiv bin. kehrten meine , L r . et Gedanken recyt yausig in jene Zen zu rück. Ich hab' nie wieder von Jutta etwas gehört, hatte auch nicht recht den
Muth zu Nachforschungen. Nun trifft sich's, daß Du nach Kreuzburg kommst.
Erich. Vielleicht kannst Tu etwas von ihr erfahren." Ihr Familienname. Papa?" Holfern. Jutta von Holfern. Sollte sie auch nicht mehr in Kreuzburg leben, sie kann ftck ia verheiratbet baben. Tit kann auch langst zu den booten gehören, jedenfalls leben noch Menschen genug dort, die über die Schicksale der Holfern'schen Kinder Auskunft geben können." Sicher. Papa." Und es wär' ja doch möglich sollte sie selbst noch in der alten Heimath zu finden sein, dann geh' zu ihr und bitte sie um Verzeihung für Deinen alten Papa. Willst Du. mein Junge?" Aber naturlich, Papa, gern. Wir wollen indeß lieber hoffen, daß sie an der Seite eines anderen Mannes ihr Lebensglück gefunden hat." Das wäre freilich am besten, Erich. Nun aber genug von der Vergangenheit. Ich möchte hm Erich, da wir 'mal bei Liebcsgeschichten angelangt sind ich möchte Dich 'mal was fragen." ' Bitte. Papa, nur zu. Ich ahne schon, wo Du hinaus willst." Um so besser! Ist ja auch nicht allzu schwierig. Sag', willst Du nicht endlich daran denken, mir eine Schwi:gertochter zuzuführen? Du bist nun bald siebenunddreißig, bist Major, brauchst nicht auf Geld zu fehen. hast freie Wahl unter den Töchtern des Landes. Und im Prinzip bist Du nicht gegen die Ehe. Also " Du hast ganz recht. Papa. Früher hatt' ich nur faktisch keine Zeit weißt ja. mein einziger Gedanke galt dem Dienst, dem Vorwärtskommen. Streber na ja ich war Streber, deshalb kein richtiger Gesellschaftsmensch, kein Tamenherr. Und nun ja nun hätt' ich wohl Zeit und Lust, an's Heirathen zu denken. Es fehlt nur die Hauptsache, die richtige Frau. Eine Frau, die mir gefällt. Ich bin wohl nun schon zuhält zum Heirathen." Unsinn, zu alt! Ein Mann wie Du! Donnerwetter noch 'mal! An jedem Finger zehn, wenn Du nur willst! Sag' 'mal.' hast Du denn eigentlich schon 'mal geliebt, schon 'mal das Gefühl gehabt: die oder keine?" Der Major schweigt eine Weile, dann hebt er an: Eine Gewissensfrage also. Papa. Ich will sie ganz offen beantworten: Ja. ich hab' solches Mädchen nicht kennen gelernt, das heißt, nicht mit ihr gesprochen. Aber, ich hab' sie gesehen, beobachtet, täglich, fünf Wochen lang. Damals, als ich mit dem gebrochenen Fuß in Wiesbaden in dem Sanatorium lag. Da wohnte sie im Nebenhaus mit einer alten Dame, die zur Kur dort war. Sie war wohl die Gesellschafterin. Ich lag viel im Garten sie faß neben der Gelähmten jenseits des Zauns. Da lernt' ich sie kennen. Die Blätter meiner Laube gestatteten mir manchen Durchblick. Ich konnte beobachten, wie sie mit unendlicher Geduld die zahllosen Wünsche der Leidenden erfüllte; ich hörte ihre liebe, klare Stimme; ich lauschte ihrem Vorlesen und ihrem treffenden Urtheil über das Gelesene. Ich bildete mir ein, und das thu' ich heute noch, sie durch und durch zu kennen. Nicht nur ihr Aeußeres, ihre schlanke, feine Figur, das schmale Antlitz, die vollen, dunklen Haare, nein, ihre schöne Seele! An's Lager gebannt, wie ich war. bot sich mir keine Gelegenheit, ihr persönlich näher zu tretend Ich studirte die Kurliste. Da stand: GeHeimräthin v. Neck mit Begleitung aus Berlin. Das war alles. Und eines Tages waren die Damen abgereist. Und mein Traum war zu Ende. Ein sehr thörichter Traum, nicht wahr. Papa? Aber es ist sonderbar. So oft ich seitdem. seit drei Jahren also, mich bemüht habe, eine Frau zu finden, vielleicht auch 'mal ein wärmeres Gefühl für ein weibliches Wesen in mir aufkeimen wollte, immer schob sich das Bild jenes Mädchens dazwischen. Und ich sagte mn: es geht nicht. Ich hab sogar einen Versuch gemacht, mich nach ihr zu erkundigen. Es ist mir nicht gelungen, etwas zu erfahren. Die verwittwete Geheimräthin Reck in Berlin ist gestorben. Von einer Gesellschafterin auf den Vornamen ,Anni' wußte mein Gewährsmann nichts." Schade. - lieber Junge, schade! Wenngleich Dich vielleicht die nähere Bekanntschaft enttäuscht hätte. Hoffentlich wirst Du die Erinnerung allmälig wieder los. Mußt Dir ein bis -chen Mühe geben. Erich. Ich hab' wirklich nur noch einen Wunsch für mein Alter: Dich glücklich zu sehen an der Seite einer lieben Frau, und vielleicht einen Enkel auf meinen Knieen zu wieaen. So. nun ist's aber hohe Zeit jut den Klub. Du begleitest mich doch, Erich?" Gern. Papa, wenn ich auch nur ein halbes Stündchen bleiben kann. Ich muß heute mit einem früheren Zug zurück Du weißt, in diesen letzten Tagen vor dem Ausrücken gibt's noch, eine Menge zu thun." . Mit klingendem Spiel ist das Bataillon in Kreuzburg eingerückt. Ossiziere und Mannschaften haben ihre Quartiere bezogen. Major Freiherr v. Osten ist sehr zufrieden mit seinem Unterkommen. Das ganze Obergeschoß einer herrschaftlichen Villa, deren Be wohner verreist sind, steht ihm zur Ver fügung. Die Wirthschafterin thut alles fü, seine und des Burschen Ver-
pslegung; tm Aojutant tst ganz in oer Nähe einquartirt. seine Pferde stehen in einem Stall, d:r den höchsten Anforderungen entspricht. Am zweiten Morgen nach der Ankirnst es ist Sonntag tritt die Wirthschafterin. ein altes, einfaches Fräulein, bei dem Major ein. um sich zu erkundigen, ob er nichts vermißt. Nachdem er seine volle Zufriedenheit zu erkennen gegeben hat, fragt er: Sind Sie sehr bekannt hier im Städtchen; ich meine, leben Sie schon lange hier?" Ich bin hier geboren, Herr Major, und bin all' meine Tage nicht groß berausaekommen aus Kreuzbura." . O. dann können Sie mir gewiß Auskunft geben, ob noch Glieder einer Familie v. Holfern hier zu finden sind." Freilich kann ich das, Herr Major. Da drüben sehen Sie das große Haus mit den Kastanien zu beiden Seiten der Freitreppe, das ist das Holfern'sche. Es wird nur noch von einem alten Fräulein bewohnt, von Fräulein Jutta v. Holfern. Die anderen Ge-
schwister es waren eine Menge Kmder sind alle auswärts, kommen aber jedes Jahr 'mal hier bei der ältesten Schwester zusammen." Die Dame lebt also in sorgenfreien Verhältnissen? Ich glaubte " Ganz recht, die Familie wclr keinesWegs begütert. Aber Fräulein Jutta hat von einer Pathin geerbt. Das hat ihr jeder von Herzen gegönnt, die hat keinen Feind in der ganzen Stadt, Herr Major, das können Sie mir glauben. Ein so prächtiges Wesen! Wo's was zu helfen gibt, da ist sie allemal zu haben. Herr Major kennen die Familie?" Ich nicht, aber mein Vater. Ich werde der Dame heute gleich meine Aufwartung machen." Zur'Visitensiunde schreitet der Major in voller Gala über die Straße und schellt am Holfern'schen Haus an. Der öffnenden ältlichen Dienerin übergibt er seine Karte und bald darauf befindet er -sich in einem mit Möbeln aus längstvergangener Zeit eingerichteten Zimmer, in dem viele Blumen blühen und zu dem Licht und Sonne freien Zutritt haben. Er braucht nicht lange zu warten, bis sich die Thür öffnet und eine alte Dame eintritt, schlicht gekleidet, ein Spitzenhäubchen auf den von weißen Fäden durchzogenen dunklen Scheiteln, die freundlichen braunen Augen prüfend auf ihn gerichtet. Mein gnädiges Fräulein, ich bitte fehr um Entschuldigung, daß ich als Fremder es wage, in Ihre Häuslichkeit einzudringen." O. meine Thür steht jedem offen. Herr v. Osten. Und Ihr Name ist mir nicht fremd. Hab' ich auch keine Ahnung, was Sie zu mir führt, so heiß' ich Sie doch um Ihres Namens willen herzlich willkommen!" Wirklich, gnädiges Fräulein? Das ist mehr, als ich zu hoffen wagte. Ich komme im Auftrage meines Vaters, der vor vielen Jahren bei Ihren Eltern im Quartier gelegen hat. Er hat mich gebeten, mich hie: nach Ihnen, mein gnädiges Fräulein, zu erkundigen und und es wird mir Nicht ganz leicht, Ihnen seinen hm seinen Wunsch vorzutragen." Reden Sie ohne Scheu, 'Herr Major." Nun denn, mein Vater fühlt sich schuldig, Ihnen gegenüber.' ' Und diese Schuld drückt ihn jetzt im Alter, wo die Erinnerung an die Vergangenheit wohl lebendiger in ihm ist als zur Zeit voller Thätigkeit, mehr als je. Er kann es sich nicht verzeihen, daß er Daß er mir damals von Liebe geredet hat und von Wiedersehen. Und daß er sem Wort mcht gehalten bat. Die alte Dame lächelt milde. Aber ich bitte Sie, das ist ja so lange her. Und das ist auch nicht so schlimm. ' Es war eine Uebereuung, weiter nichts. Vereinigung war ausgeschlossen; das ist ihm, fern von mir, wohl bald zum Bewußtsein gekommen Und er fand keinen Weg zu einer Verständigung. Gelitten hab' ich freilich unter der EsttTäuschung, unter dem vergeblichen Warten. Die Jugend ist ja so thöricht. sie hofft und hofft. Auch ich hab', ge hofft. Aber gezürnt hab' ich Ihrem Vater nicht, dazu hatt' ich ihn viel zu lieb." Und Sie sind einsam geblieben die ser Liebe wegkn?" ' Die alte Dame lächelt und spricht: Nein, Herr Major, nein. Ich bin keine sentimentale Natur, war es niemals. Ich hätt' sehr gern geheirathet, schon um Kinder zu haben. Ach Gott, was hab' ich das kleine Volk so lieb! Doch es hat mich keiner gewollt. Ein armes, adliges Fraulem und acht Ge schwister. da besinnen sich die Männer schon! Aber vertrauert hab' ich mein Leben nicht. Ich war die Aelteste und Mutter war zart, da hab' ich die Bru der und Schwestern alle mit großge zogen. Und als sie versorgt und zum Theil verheirathet waren, zwei Schwe stern haben Stellungen bei Hof da kam das Glück zu mir, gerade als der Vater starb und ich oxt geliebte Hei math hätte verlassen müssen. Eine Pathin, die. sich bei Lebzeiten nicht von einem Heller trennen konnte, hinterließ mir ihr beträchtliches Vermögen. Ich hatt' sie 'mal in einer schweren Krank heit gepflegt. Nun konnt' ich im Elternhaus weiterleben; es bildet den Mittelpunkt für meine Geschwister und ihre Kinder. Nun hätt' ich sogar noch beiratben können. Es war förmlich komisch, daß sich plötzlich zwei Freier einstellten. Aber ich war schon fünfundvierzig, ich dachte'' nicht daran.
eine Selbstständigkeit aufzugeben. Ich kann seit dieser Erbschaft auch md nen Neffen und Nichten die Sorgen mit ebnen, das ist ein schönes Gefühl. Sie hangen sehr an Tante Jutta; fas! immer hab' ich ein junges Wesen bei mir zur Erholung, zur Hilfe, zur Ge sellschaft. 'Augenblicklich die Tochter einer verwittweten Schwester, ein liebes Geschöpf. Sie sieht mir bei iq hab' doch auch sechs Mann Einquartirung." Mannschaften? Warum haben Si; sich nicht einen Offizier ausgebeten 1 Das ist doch angenehmer." Gewiß. Herr Major; aber mein Freude ist's nun 'mal, es' den armen Teufeln recht behaglich zu machen." Wie gut Sie sind, gnädiges Fräulein! Ich bewundere Sie! Und ich darf also meinem Vater schreiben, daß Sie ihm nichts nachtragen. Das wird ihn sehr glücklich machen." Sie müssen mir auch noch viel von ihm erzählen, Herr Major. Und von Ihrer Frau Mutter. Ihren Geschwistern " Meine Mutter ist seit vier Jahren todt. Ich fand sie nicht mehr, als ich aus China heimkehrte. Und Geschwister hab' ich nie besessen." Aber hoffentlich sind Sie verheirathet?" Auch nicht, gnädiges Fräulein, hartgesottener Junggeselle!" Nun. was nicht ist, kann werden! Nur nicht die rechte Zeit verpassen, sonst-" Tante Jutta, ich suche Dich schon die ganze Zeit im Garten. Sollen die Leute nicht Salat zum Braten ach, entschuldige, ich wußte nicht, daß Du Besuch hast " Herr Major o. Osten, der mir Größe von seinem Vater bringt meine Nichte, Anni v. Röder " Der Major ist aufgesprungen, nimmt die Hacken zusammen und macht eine tiefe Verbeugung. Sein Herz klopft stürmisch es saust in seinen Schläfen. Gewaltsam zwingt er sich zur Ruhe und spricht in leichtem Ton: O. da kann ich eine Vadebekanntschast erneuern." Wieso?" Das junge Mädchen schaut ihn ganz unbefangen an. Ich erinnere mich nicht." ..Bekanntschaft ist auch nicht ganz richtig. Ich habe Sie. mein gnädiges Fräulein, aber fünf Wochen lang fast täglich gesehen, in Wiesbaden; Sie waren mit einer gelähmten Dame dort. Ich lag mit einem gebrochenen Fuß viel im Garten eines Sanatoriums, neben ihrer Wohnung, und da hab' ich Sie vorlesen hören und habe Ihre endlose Geduld bewundert." Ach. das war. als Du mit der Geheimräthin Reck dort warst, Anni. Das ist ja ein gelungene's Zusammentreffen. Die Welt ist wirklich klein! Ja so. Kind, der Salat. Freilich sollen die Leute, welchen haben; ich dachte, ich hätte der Hanna schon Bescheid gesagt heute Morgen." Das junge Mädchen verschwinde! mit freundlichem Gruß, und der Major erhebt sich, um Abschied zu nehmen. Ich darf aber doch wiederkommen. Fräulein v. .Helfern, nicht wahr? llnl wenn Sie gestatten, laß' ich die Musik 'mal in Ihrem Garten spielen am nächsten Ruhetag, und ich lade mich wahrend des Ständchens bei Ihnen zum Frühstück ein. Sie sehen, ich bin dreist."
Sie machen mir damit eine große Freude; da hat die Anni doch auch ein Vergnügen. Das arme Dmg ist eigen!lich immer an Krankenbetten gewesen. Meine Schwester hat noch zwei Tochter zu Hause, und die Anni kann abkommen und hat einen großen Thätigkeitsdrana. So wird sie überall gerufen, wo Noth an den Mann geht. Mem Liebling ist sie seit ihrer Kmdheit. Nun darf ich Sie aber nicht länger halten, Herr v. Osten; das Altei findet so leicht mit Schwätzen kein Ende. Grüßen Sie also Ihren Herrn Vater von mir und es sei längst alles vergeben und veraessen. Und wie ge sagt, gezürnt hab' ich ihm überhaupt nicht. Ihm verdank' ich's ja doch, daß ich weiß, wie es ist, wenn man liebt und geliebt wird. Das ist auch was werth. So hell wie damals in jenen Manövertagen hat die Sonne später niemals pieder geschienen. So was darf man fchon gestehen als alte Jungfer, nicht wahr? Auf Wiedersehen, lieber Major!" Der Major küßt der alten Dame ehrfurchtsvoll die Hand zum Abschied. . Lieber Papa! Bin eben bei Fräulein Jutta v. Holfern gewesen. Sie ifi frisch und gesund, eine reizende alte Dame. Sie zürnt Dir Nicht ein bis chen. lebt zufrieden in ihrem elterlichen Haus, in guten Verhältnissen, feit sie eine Pathln beerbt hat. Wenn Du wirklich einst unrecht an ihr gehandelt. Ueber Papa, so kann ich's vielleicht wie der gut machen an ihrer Lieblingsnichte, die augenblicklich bei ihr ist, und die denk' Dir, Papa identisch ist mit jener Anni aus Wiesbaden! Ach. Dein alter Junge ist fo glücklich, Papa, über dieses Zusammentreffen! Halt' nur den Daumen! Es steht fesser bei mir als je: die oder keine! Dein treue: Sohn." . f Mit klingendem Spiel verläßt da Bataillon nach vierzehn Tagen das Städtchen. Der jugendliche Major hebt sich im Sattel und grüßt mit dem Degen, als er an der Spitze seiner Truppe am Holfern'schen Haus vorüberreitet. Unter Thränen lächelnd winkt ihm Anni v. Röder zu. Sie weiß, er wird, wiederkommen, gleich
nach dem Manöver, und dann soll das alte Haus ein fröhliches Verlobungsfest fehen. Jutta v. Holfcrn hat den Arm um das junge Mädchen gelegt. Aber ihre Augen ruhen nicht auf dem militärifchen Schauspiel sie blicken über die Straße hinweg in die Ferne und in die Vergangenheit.
Die vkrschwnnÄcnc Kassette. Auf einer größeren Reise durch Europa kam ein Kaufmann aus St. Petersburg im Jahre 1824 auch nach Warschau. Ein Empfehlungsschreiben, das er an den Besitzer einer großen Lederhandlunz hatte, verschaffte ihm hier diz liebenswürdigste Aufnahme, und während seines Verweilens in der Stadt war sein Wirth auf's Eifrigste bemüht, ihm den Aufenthalt in seinem Hause so angenehm wie möglich zu machen. Wie im Fluge waren dem Petersburger Kaufmann die Tage vergangen, und als er am letzten Morgen mit seinen freundlichen Wirthen am Frühstückstische saß. bemerkte er, daß er noch einen geschäftlichen Besuch in der Nachbarstadt Radimin zu machen habe. Ich habe jedoch eine kleine Kassette mit sehr werthvollem Inhalte bei mir." sagte er, und ich halte es für gefährlich, sie mitzunehmen. Wäre sie mein Eigenthum, so würde ich nicht so ängstlich sein; sie ist mir indessen von einem Freunde mit der Bitte anvertraut worden, sie einem Juwelenhändler in Krakau zu überbringen. Sie enthält Dia'manten . und andere Kostbarkeiten. Würden Sie mir vielleicht den Gefallen thun, sie mir aufzubewahren?" Sofort ging der Wirth auf diesen Wunsch ein, und der Kaufmann machte sich auf seinen Weg, von dem er erst Abends zurückkehrte. In herzlichen Worten dankte er seinen Gastfreunden für alles Gute, das sie ihm erwiesen, und erbat sich schließlich die Kassette zurück. Mit gut geheucheltem Erstaunen sah ihn der Lederhändler an. Was für eine Kassette? Ich erinnere mich keiner Kassette. Du vielleicht?" wandte er sich an seine Frau. Nein," erwiderte diese, ich weiß von keiner Kassette. Wie sah Sie-denn aus?" Vielleicht haben Sie sie in Ihrem Zimmer stehen lassen," meinte der Lederhändler. Aber als der Kaufmann dabei blieb, daß er sie seinem Wirthe persönlich übergeben habe, und als er dessen Frau bat, sich doch der näheren Umstände zu erinnern, da sie doch dabei gewesen wäre, betheuerten beide, absolut nichts von dieser Kassette zu wissen, wurden dann dem Fremden gegenüber sehr kühl und gaben ihm deutlich zu verstehen, daß er sich in einer krankhaften Täuschung befinden müsse. Als schließlich der Lederhändler mit einer bezeichnenden Geste nach seiner Stirn deutete, erinnerte sich der Aermste, daß er hier in einer fremden Stadt war. und plötzlich erkannte er die Gefahr, in der er sich befand. Voller Schreck eilte er nach der Polizei und erzählte hier, was ihm widerfahren. Aufmerksam hörte ihm der Beamte zu und bemerkte sodann: Eine so werthvolle Kassette haben Sie Jemand, den Sie erst wenige Tage kennen, ohne Gegenwart von Zeugen und ohne sich eine Quittung darüber ausstellen zu lassen, übergeben?" Er hat mich so liebenswürdig auf genommen. Ein Mann in seiner Stellung " Können Sie beweisen, daß die Kas sette Ihnen gehört?" Höchstens durch den Schlüssel. Sie ist verschlossen, und ich habe den Schlüssel. Hier ist er." Mit diesen Worten zeigte er einen kleinen Schlüssel, den er aus seiner inneren Rocktasche hervoraeholt hatte. . Ein paar Minuten dachte der Beamte nach und erwiderte dann: Das einzige, was ich für Sie thun kann, soll geschehen. Der Großfürst Konstantin, der Gouverneur von Polen, ist ein strenger, aber gerechter Herr, und wenn er. Ihre Geschichte glaubt, so wird er Ihnen auch helfen. Ich will Sie zu ihm fuhren. Bald darauf befand sich der Kaufmann im Zimmer des Großfürsten, der Mit großem Interesse seine Geschichte anhörte. Als der Kaufmann zu Ende war. überlegte der Großfürst kurze Zeit und klingelte sodann. Em Beamter erschien. Lassen Sie den Lederhändler M. holen." befahl er. Das war rasch geschehen, und ohne lange Vorrede sagte der Großfürst zu ihm: Setzen Sie sich hier an den Schreibtisch und schreiben Sie. was ich Ihnen, diktiren werde." Der Mann setzte sich und nahm die Feder zur Hand. Der Großfürst diktirte: Liebe Frau! Alles ist entdeckt " Nein," rief der Lederhändler, indem er vom Stuhle aufsprang, das schreibe ich nicht." Dann sind Sie schuldig," erwiderte der Großfürst. Böses ahnend, setzte sich der Angeschuldigte wieder und schrieb, was ihm diktirt wurde: Liebe Frau! Alles ist entdeckt. Schicke mir durch Ueberbringer dieses die Kaffette." Auf Befehl des Großfürsten setzte'er seinen Namen unter das Schreiben, und ein Bote machte sich damit auf den Weg. Die Zrau war gerade mit ihrer Toi-
leite beschäftigt, uno als ste oen Arie? las, wurde sie todtenbleich und zitterte an allen Gliedern. Tann öffnete sie ein geheimes Fach in ihrem Toilettentisch, nahm die Kassette daraus und übergab sie dem Boten, der sie dem Großfürsten überbrachte. Dieser übergab sie dem Petersburger Kaufmann und hieß ihn, sie zu öffnen. Nachdem das geschehen, fragte er, ob Vnmm1irfst ty(eYihfnrhrt nrAttr
. tfcv taTW 7 Vtl4V4l VVVUIU'VII wären. Das war der Fall, denn die Kassette war nicht geöffnet worden. Abermals klingelte der Großfürst, und als jetzt eine Ordonnanz erschien, rief er dieser zu. indem er auf den Lederhändler zeigte: Fort mit ihm nach Sibirien! Er soll sein Haus nicht wieder betreten Ein verhängnilZvollcr Billardfloß. Eine förmliche Kette von Unglücksfällen hatte kürzlich das Ausspringen eines Billardballes zur Folge, das dem berühmten Kunstbillardspieler Reichart in Paris begegnete. Bei einer Partie in feinem eigenen Hause traf er seinen Spielball mit so heftigem Stoße, daß dieser zum nahen-offenstehenden Fenster hinausflog. Der schwere Elfenbeinball durchschlug beim Niederfallen das Glasdach einer Veranda des Nachbarhauses und zertrümmerte eine kostbare Vase. Das Getöse und Klirren der Scherben erschreckte eine mächtige Angorakatze, die friedlich in einem Körbchen schlummerte, so sehr, daß sie mit einem mächtigen Satze aufsprang und dabei eine hohe brennende Standlampe umriß. Der Petroleumbehälter der Lampe explodirte, und das Feuer ergriff die schweren Seidenvorhänge, die im Nu in Flammen aufgingen. Bald hatten auch die im Zimmer befindlichen Möbel Feuer gefangen. Deifen weitere Ausbreitung verhinderte jedoch glücklicherweise die sofort anrückende Feuerwehr. Die berichteten Vorfälle aber waren noch nicht die schlimmsten Folgen dieses Unglücksstoßes. Die Besitzerin des Hauses, wohinein der Ball gefallen war, eine ältere, sehr nervenkranke Dame, deren Nichte mit dem Urheber des Unglücksstoßes, mit Reichart. verlobt war, verfiel durch den Schreck und die Aufregung, den das Getöse und das Feuer, sowie die Löscharbeiten verursachten, in eine schwere Nervenkrise und starb kurze Zeit nachher infolge der Erregung, wie die Aerzte erklärten. Daraufhin löste die Nichte das Verlöbniß .mit dem Mörder ihrer Tante" entrüstet auf. Und schließlich verklagten sämmtliche Erben den Billardkünstler auf Ersetzung des durch den Unglücksball angerichteten Maierialschadens. der von Sachverständigen auf nicht weniger als 8500 Francs veranschlagt wurde. ' Theorie und Praxis. . Der berühmte französische Volksredner Graf Mirabeau, der in der französischen Revolution eine so bedeutende Rolle spielte, hatte der denkwürdigen Sitzung beigewohnt, in welcher fast der ganze Adel zu Gunsten des Volkes auf seine Privilegien verzichtet hatte. Jeder soll künftig den anderen nur mit Vürger" anreden. Er läßt sich von seinem Diener ein Bad Herrichten und beginnt Während dessen seinem unzertrennlichen Freunde, dem Advokaten Duveyrier. das denkwürdige Ereigniß genau zu schildern. Während seiner Erzählung taucht er von Zeit zu Zeit die Hand in das Wasser. um zu sehen, ob es warm genug ist. verlangt wärmeres Wasser und fährt dann in seinem Berichte mit seinem gewöhnlichen Eifer fort. . Ja, mein Freund, von heute ab gibt es also keine Prinzen mehr, keine Herzöge, keine Marquis, keine trafen, nicht einmal mehr Barone oder Chevaliers. Von heute ab gibt es nichts weiter als französische Bürger. Alle sind gleich." Da unterbricht er sich wieder und ruft dem Diener zu: Aber Marcel, jetzt ist das Bad ja viel zu warm!" Entschuldigen Sie, Bürger Mirabeau," sagte der Diener, ich glaubte " Was. Halunke, erlaubst Du Dir!" rief da der Gleichheitsschwärmer, pcte den Diener beim Ohr und tauchte ihn mit dem Kopf in das heiße Wasser, um dann in drohendem Tone fortzufahren: Merke Dir, mein Junge, für Dich bleibe ich stets der Herr Graf!" . Verdliciitig? Licdcns:vr!igl:eit. Einen aufmerksameren Schwiegersöhn wie den meinigen können Sie sich gar nicht vorstellen! Als ich neulich abreisen wollte, war gerade der letzte Zug abgegangen . . . Was glauben Sie. daß er. gethan hat? . . . Einen Extrazug hat er mir genommen t Unter den Schätzen de? Pa p st e s befindet sich ein Ei. das er'einmal zur Osterzeit als Geschenk von einer vornehmen Engländerin erhielt. Die Eischale ist aus Elfenbein angefertigt und an der Innenseite mit weib;m Atlas gefüttert. Das Dotter aber besteht aus einer goldenen Hülse, die einen großen Rubin in einer Fassung von Diamanten enthält. Der Werth des Ganzen fall $10,000 übersteigen. , Modern. Sie kommen mir sehr bekannt vor, mein Herr! Sind Sie nicht der dritte ??ann meiner zweiten Frau?"
