Indiana Tribüne, Volume 29, Number 70, Indianapolis, Marion County, 14 November 1905 — Page 7
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0-00-000C900000'P O & s Die brenncndc Frage Ä H H Hnm'oristiscker Roman A von 5JtJulf tj5n T a i N a eil 00"0 O C 0--OO-O"'O C'C (Fortsetzung.) Ich glaube, diese. Karte wird Sie doch interessiren sagte Zschakatorniay lächelnd. Ilona kennt sie schon. Wir werden wohl übermorgen mit Herrn Vanderbilt allein nach Algier fahren müssen. Franzi nahm wüthend die Karte aus der Hand des Alten und las: Dominik Graf Lasche! von Hostrowetz, Herr zu Hostrowetz. Citlm, Podlipnitz in Böhmen, zu Welzeneck, Püchs und Lindeck in Kärnten, k. und k. wirklicher Kämmerer und Geheimer Rath und Rittmeister a. D., gibt Nachricht von seiner Verlobung mit der hochgeborenen ReichsgräfinMaria Jmmaculata Piccolomini, Tochter des hochgeborenen Ton Silvio Pius Piccolo mini, Reichsgrafen von Piccolomini, römischen Fürsten von Porto d'Anzio, Marquis von Avelino, Granden von Spanien 1. Klasse, Ehrenritter des souveränen Malteserordens, und der hochgeborenen Reichsgräfin Therese von Piccolomini. römischen Fürstin von Porto ' nzio, Marquise von Avelino, ge!,. Gräfin Laschet von Hostrowetz. Die Vermählung findet statt zu Welzeneck am " Es flimmerteFranzi vor den Augen. Er steckte die Karte in die Brusttasche seines Frackes. In diesem Augenblicke begann auch das Orchester wieder. Lasches glaubte zu bemer-ken, daß Herr von Deng mit höhnischem Lächeln zu ihm hinaufblickte und sich dann erst als letzter niedersetzte. Er wäre am liebsten über die Brüstung hinunter in das Parkett gesprungen, ihn vor dem Fürsten und der Fürstin und dem gesammten Theater zu ohrfeigen. Als die Vorstellung zu Ende war, reichte Ritter von Zschakatorniay abermals seiner Tochter den Arm. beide gingen, als wäre Franzi gar nicht anwebend. KinnnS. Franzi schäumte vor Wuth, aber er beherrschte sich und schritt stumm hinter ihnen her. Ich bin müde," sagte Ilona, als man auf der Terrasse vor dem Kasino angekommen war. Bitte, Papa, laß das Souper auf mein Zimmer bringen Sie neigte ein wenig den Kopf zum Abschied. Franzi verbeugte sich stumm. Er hätte rasen mögen. Als er sich am andern Morgen bei Ilona melden ließ, wurde ihm die Mittheilung, das gnädige Fräulein sei nicht zu sprechen. Wüthend fragte Laschek nach dem alten Zschakatorniay. Herr von Zschakatorniay lassen bitten," war die Antwort. Ritter von Zschakatorniay stand in der Mitte des Zimmers, die Rechte auf einen Tisch gestützt. Er lud Franzi nicht zum Sitzen ein. Ich muß Ihnen die für mich peinliche Mittheilung machen, Herr Graf," sagte er, daß meine Tochter sich davon überzeugt hat, daß . . . daß ihre Verlobung mit Ihnen, Herr Graf, doch eine Uebereilung war." Das heißt, daß sie die Verlobung als aufgehoben betrachtet?" Ganz recht. Ich bedaure, Herr Graf" Weiter kam Ritter von Zschakatorniay nicht. Laschek drehte sich wüthend um, ging hinaus und schlug dröhnend bit Thür hinter sich zu. Mechanisch, ohne zu wissen, was er that, schritt er dem Spielsaale zu. Erst als er sich vor dem grünen Tische befand, erinnerte er sich, daß seine ganze Baarschaft in zehn Franken bestand. Er erhob sich wieder von dem Sessel und ging hinaus. Von Vanderbilt oder einem andern Bekannten zu leihen, war schwer. Darum rasch, ehe die AufHebung der Verlobung bekannt wird. Eine' halbe Stunde später hatte er in der Hinterstube eines kleinen Juwelenladens ein Papier unterschrieben, zufolge dessen er dem Besitzer des Ladens dreitausend Franken schuldete.! Mit tausend Franken in der Tasche kehrte er in den Speisesaal zurück. Hundert Franken steckte er in die rechte Brusttasche, die übrigen neunhundert in die linke. ' I Als die neunhundert verspielt wattn, zog er die Uhr. Es traf sich ausgezeichnet. Man konnte gerade noch vorher frühstücken. Er ging in's Cafe de Varis. aß mit vortrefflichem Appetit ein Filet und trank eine Flasche Burgunder. Dann ging er nach dem Bahnhöfe und löste sich ein Billet erster Klasse. Graf Tominik war gerade für ein paar Tage nach Hostrowetz gekommen, UM Anordnungen für die zukünftige Wohnungseinrichtung zu treffen, lx ging in seinem Arbeitszimmer überlegend auf und ab, als der Diener ihm die Karte seines Neffen auf der bekannten japanischen Tablette in sein Arbeitszimmer hereinbrachte. , Ich lasse den Herrn Grafen bitten," sagte er mit einem seltsam . vergnügt klingenden Tone. Franzi trat mit einem zu seinem sonstigen Ausdrucke in grellem Widerspruche stehenden Schwermuth auf dem Gesichte ein. Guten Tag, Onkel." . Nun? Was verschafft mir das.
Vergnügen?" fragte Domwik, der sich inzwischen vcr seinen Schreibtisch gesetzt hatte. Du kommst wohl, mir zu meiner Verlobung zu gratulircn?" Zu Deiner Verlobung?" rief Franzi mit aut geheucheltem Erstaunen. Das ist das erste Wort, das ich höre!" So?" fragte der Onkel ungläubig. Ich hatt: Dir allerdings keine Mittheilung gemacht, Du warst ja, sozusagen. ohne Adieu abgereist, und - ich dachte, meine Angelegenheiten interessirten Dich nickt, aber Deinem Schwiegervater, der seiner Zeit so freundlich war, mich von der Verlobung seiner Tochter in Kenntniß zu setzen, habe ich eine Karte g:schickt. Hat er Dir nichts davon gesagt?" So gratulire ich Dir t-erzlich, lieber Onkel!" sagte Franzi. indem er den Onkel zu umarmen versuchte. Dieser aber wehrte die Umarmung ab und erwiderte ziemlich kühl: Ich danke." Wer ist denn die Glückliche?" fragte Franzi in vortrefflich gespielter Freudenerrcgung weiter. , Ah das weißt Du also auch nicht? Mutzi Piccolomini." Ich qratulire doppelt, lieber Onkel!" rief Franzi. Wer hätte das gedacht?" Nicht wahr?" sagte der Onlel ironisch. Franzis Gesicht nahm wieder den früheren Ausdruck der Melancholie an. Siehst Tu. Onkel, so wechseln die Schicksale. Ich..." Was?" Nun. da Du selbst liebst, wirst Du die ganze Größe meines Opfers erst recht zu würdigen verstehen." Ich verftebe Dich überhaupt nicht." sagte Graf Tominik. Opfer? Wa für ein Opfer?" Deine Worte sind nicht vergebens gewesen." erwiderte Franzi. Ich habe mir's überlegt, daß Tu von Deinem Standpunkte aus recht hast. Ich habe Dir das Ovfer. um das Du mich aebeten t)atf gedracht und meine Verlobung rückgängiq gemacht!" Er seufzte tief. Was Tu sagst! Ei. das thut mir leid " Was thut Tir leid? Tu mißverstehst mich jedenfalls. Ich nehme Tein Anerbieten von fünfzigtausend Gulden , jährlicher Rente an." ' Fünfzigtausend? Fünfundzwanzig hatte ich gesagt." Dreißig, liebe? Onkel, also lassen wir es bei dreißig. Ach Gott, es ist mir schwer genug geworden. Ein Herrliches Geschövf. diese Ilona. Und sie liebt mich, wie. ich sie liebe. Ich weiß nicht, wie sie's überstehen wird. Ich kann gar nicht dran denken." So sehr liebt sie Dich?" fragte der Onkel mit einem pfiffigen Ausdruck im Gesichte, von dem Franzi nicht wußte, was er von ihm galten souie. .Ja." Nun, dann, ist ja -alles gut!" rief Graf Tominik. Fahre mit dem nachsten Zuge nur wieder zurück " Wie?!" -So rasch wie möglich!" Was soll tos heißen?" .Auch ich hatc mir's überlegt." Was überlegt?" Jetzt, da ich selbst -weiß, was Liebe heißt, wie Tu canz richtig saates: " Nun?" Will ich um alles in der Welt nicht die Ursache zur Trennung zweier Liebenden sein! Nein, um alles in der Welt nicht!" Du spaßest. Onlel!" Nein, ganz und gar nicht. Reise rasch zurück und laß alles beim alten. Ich gebe Tir meinen Segen!" Tas ist unmöglich!" rief Franzi blaß werdend. Warum denn unmöglich? Und mein Geld brauchst Du ja. gottlob, auch nicht mehr. Ilona hat eine Million Mitgift " Jetzt hör doch endlich auf mit diesen Scherzen. Onkel." , , Ich fchze durchaus nicht. Die Sache liegt ja auch jetzt ganz anders." erwiderte Graf Tominik ruhig. Siehst Du, als Du noch der zukünftige Majoratsherr warst, mein einziger Erbe, konnte es mir natürlich nicht gleiÄgiltig sein, was für Enkel einmal Hostrowetz in Besitz nehmen würden. Aber jetzt " Er lächelte. Du solltest Dich schämen, in Deinem Alter!" knirschte Franzi wüthend. Der Alte lehnte sich in seinem Stuhle zurück. Ah . . . pfeift der Wind aus dem Loche?" Dir zuliebe habe ich, die Verlobung rückgängig gemacht." rief Franzi. der alle Besinnung verloren hatte. Jetzt. unter diesen tastänten teils: Du denken können, daß um so weniger etwas daran zu ändern ist!" Das thut mir. wie gesagt, leid." sagte Graf Dominik kalt. Aber es ist zu spät. Du hättest Dich etwas früher besinnen sollen." So muß ich mir eine Kug:l durch den Kopf schießen!" Das ist durchaus nicht nöthig. Ich werde natürlich den Sohn meines Bruders. wenn er auch ein Lump ist " . Onkel!". Ein Lump ist." wiederholte der Alte mit unerschütterlicher Ruhe, nicht ganz fallen lassen vorausgesetzt, daß er sich danach benimmt." Du " Ich lasse Dir vollkommen die Wahl, was Du ergreisen willst. Willst Du Landwirthschaft studiren, gut. Willst Du wieder in's Heer eintreten, ich werde Dir die Wegeazu öffnen. Aber , arbeiten mußt Du, darin bin ich unerSittlich. Willst Du das. so sollst Du i i!
eine Unterstützung von . . . nun, sagen wir von sechstausend Gulden jährlich von mir haben. Notabene solange Du j Dich danach benimmst. Aber glaube m'."ji, daß ich Dir irgend welche Schulden bezahle. Für den Fall nämlich., daß sich jemand finden sollte. Dir auch unter den .veränderten Umständen' etwas zu leihen. Also was willst Du thun?" Das weiß ich nicht," sagte Franzi, der an's Fenster getreten war und hinaus auf die elende Hostrowetzer Land, siraße sah, auf der sich die Gänse herumtummelten. Nun, so überlege Dir's. Fahre meinetwegen nach Kärnten und überlege Dir's." Der Alte schloß den Schreibtischkasten auf und nahm eine Banknote heraus. ' Hier sind tausend Gulden. Als Vorschuß." "Franzi drehte sich um, ging nach dem Schreibtische und nahm denSchein von der mit grünem Tuch überzogenen Platte, auf die ihn der Alte gelegt hatte. Gut. Du wirst von mir hören." Recht so. Und ich hosfe, etwas Vernünftiges." Adieu." ..Adieu." Franzi ging hinaus und fuhr mit dem nächsten Zuge nach Wien.
19. Kapitel. xt verschiedenen Medikamente, die der Vezirksarzt Doktor Johann Eyß dem Grafen Silvio verschrieben hatte, wollten leider ebenso wenig helfen wie die EntZiehung von Fleisch und der tägliche Genuß von Wassersuppen. Der ohnehin nicht allzu rundliche alte Herr magerte zusehends ab. Doktor Johann Eyß kam erst wöchentlich zweimal, dann einen Tag um den anderen, behorchte Herz und Lungen und befühlte den Puls, sein Gesicht U?.lt sich in immer ernstere Falten, seine Aussprüche wurden immer geheimnißvoller, es war zweifellos: mit dem armen Grafen ging es bergab. Dem Unglücke hatte er getrotzt, dem Glücke gegenüber schien seine Natur widerstandslos. Die Sorge um Essen und zuletzt -um die Wohnung hatte ihn aufrecht erhalten, jetzt, da die Sorgen entschwunden waren, entschwanden ihm auch die gewissermaßen überflüssig gewordenen Kräfte. Beim eginn dieser räthselhaften Krankheit ihres. Gatten war Gräfin Therese noch zu sehr durch Gedanken an anderes abgelenkt, als daß sie diese eine Sorge in ihrer ganzen Schwere hätte fühlen können. Die Sorge um Jsa und um Mutzi beschäftigten ihr mütterliches Herz. Ueber Jsa zwar beruhigte sie sich allmälig. Denn Jsa .schien wirklich in dem Berufe, den sie sich erwählt hatte, glücklich zu sein. Die Gesellschaft hatte sich in die nicht mehr aus der Welt zu schaffendeThatsache gefügt, man sprach nickt mebr von Jsa. Jsas Briefe waren voll Zärtlichkeit und voll Selbstbewußtsein. .Sorge um dies Kind war unnöthia. Aber Mutzi ... Ihre Verlobung bedeutete freilich eine Rettung der Familie. Doch war sie selbst auch glücklich? Diese Frage quälte die Gräfin. Konnte das eine glückliche Zukunft sein an der Seite des alten Mannes? Der alte Mann, Seine Excellenz Graf Dominik Laschek. wurde allerdings täglich jünger. Und Mutzi sagte selbst, sie liebe den Onkel, sie würde niemals einen jungen Mann geheirathet haben, sie sei glücklich. Das war' der Mutter ein Trost. Dann wieder nahmen die mannigfachen Arbeiten und Vorbereitungen szur Hochzeit ihre Gedanken in Anfpruch. Handwerker aller Art zogen in das Schloß ein. Täglich mußte man in die Stadt fahren, Einkäufe zu machen. Einmal den Grafen Dominik zu: Bahn begleiten, einmal ihn von der Bahn abholen. Denn der vergnügte Bräutigam fuhr zwischen Wien und Welzeneck unablässig hin und her. Abgesandte großer Wiener Lieferanten gingen im Schlosse aus und ein. Dann die Hochzeit selbst. Diese Hochzeit, welche die Gräfin wieder trauriger denn je gestimmt hatte. Es war eine kleine stille Hochzeit geWesen trotz allen Glanzes. Eine Hochzeit, zu der außer. den Trauzeugen nur Graf Königsacker und Gräfin Rindsmaul als Verwandte des Hauses Piccolomini eingeladen worden waren. Das alte Schloß Welzeneck war von einem Wiener Tapezirer geschmückt worden, der Garten, der Hof, Treppen und Flure von dem böhmischen Obergärtner Lascheks. Die seltensten Gewachse, ein ganzer Wald von Palmen und Vaumfarnen standen um den Altar, an dessen Stufen das Brautpaar kniete, unzählige Lichter brannten auf silbernen Kandelabern; der Bischof selbst traute das Paar. Vor dem Schlosse wurden Böllerschüsse abgefeuert, und die Feuerwehr von Sonns, berg stand mit Matthias Schwendiner, ihrem Hauptmann, in Parade vor demselben als Ehrenwache. Es war ein sonniger Herbsttag. Thekla, Mutzi, und Pussi waren die einzigen, die an den Frühling erinnerten. Sonst waren nur alte Leute da. Königsacker im weißen Mantel der Deutschen Herren. Gräfin Laura Rindsmaul mit der breiten blauen Ordensschärpe über dem schwarzen Sammetkleide. Drei alte Herrenhausmitglieder, Excellenzen mit Ordenssternen
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auf der Brust, waren die Trauzeugen des Bräutigams. Gräfin Ungnad hatte sicher auf eine Einladung gerech-1 net, da in ihrem Hause die Verlobung , proklamirt worden war. Sie hatte sich schon das Festkleid in Wien bestellt, aber die Einladung war ausgeblieben. Gräfin Tagoli war zur Verrätherin geworden. Als die Oberhofmeisterin die Verlobung Lascheks mit Mutzi ersahren, hatje sie sich beeilt, ihrer alten Freundin, der Rindsmaul, die Ursache von Jsabellas Ablehnung einzugestehen. und Gräfin Laura hatte natürlich den Brief der Tagoli der Gräfin Therese vorgelesen. Während der Trauung war auch Graf Silvio sichtbar; bleich, abgemagert, das Kreuz des Malteserordens am Halse, gestützt auf den Arm des Bczirksarztes Doktor Johann Eyß. war er in die Kapelle getreten. Der Bischof hatte eine lange, salbungsvolle Rede gehalten, die das Alter verHerrlichte und die geschichtliche Bedeutung der Familien des Bräutigams und der Braut. Hatte ja doch schon ein Wenzel Laschek siegreich gegen pt Hussiten gekämpft und ein "anderer Dominik sich als Feldhauptmann unter Octavio Piccolomini bewährt und war darum in den Grafenstand erhoben worden. Befreundet waren die Lascheks. und die Piecylominis schon seit Jahrhunderten und verschwägert seit fast einem Jahrhundert. Immer waren die Lascheks und die Piccolominis treue Anhänger des Kaisers gewesen bis hinauf zu Aeneas Silvius Piccolomini, dem GeHeimsekretär Friedrichs des Dritten, der nachmals als Pius den päpstlichen Stuhl bestiegen hatte. Thekla hatte gern auf 'all ihre vornehmen Ahnen verzichtet, wenn nur ein paar junge Leute dagewesen wären, vor alldem Hermann Kriegstein. Sie erfuhr heute zum erstenmal aus dem Munde des Kirchenfürsien, wie erlaucht ihre Familie war, und die Hoffnung auf eine Verbindung mit dem Geliebten entschwand ihr, wenn sie auf die strengen Mienen und die Ordens sterne der Herren am Altare blickte. Daß Jsa fehlte, war der dunkelste Schatten dieser Hochzeit gewesen. Nun hatte das jungvermählje Paar Welzeneck verlassen, Gräfin Therese und Thekla und Pussi hatten beim Abschiede bitterlich geweint, nur Mutzi war als junge Gräfin Laschek die alte unbefangen Fröhliche gewesen. Im Schlosse war es doppelt still nach all den Aufregungen. Und nun sah Gräfin Therese mit Entsetzen den schrecklichen Verfall ihres Gatten. Der Graf sprach fast gat nicht mehr, sondern lächelte nur. Ein freundliches, aber fchwermüthiges und geistesabwesendes Lächeln. Als ob er diejenigen, di er dabei anblickte, gar nicht sehe, gar nicht kenne, als -ob er in Gedanken ganz anderswo weile, als ob er über irgend etwas nachsinne, das mit seiner nächsten Umgebung in gar keinem Zusammenhange stehe. Eine Zeitlang war er täglich Stunden bindurch in dem Obstgarten spazie-, ren gegangen, den des Grafen Lasche! Obergärtner in einen Ziergarten verwandelt hatte, und in dem die prächtigen, fast kopfgroßen Chrysanthemumblüthen und die blühenden Margueritenbüsche und. Marechal Niel-Bäume bereits zu welken begannen. Seit kurzem aber hatte er diese Wanderungen zwischen den Beeten eingestellt, er stand zwar noch ebenso früh auf wie bisher, aber er setzte sich nach dem Frühstück in einen Lehnstuhl am offenen Fenster seines Zimmers und blickte träumerisch in die Ferne. In diesem Lehnstuhle blieb er auch den Tag über mit Ausnähme der kleinen Zwischenpausen, die ihn zum Mittagsessen und Abendbrote nach dem 'gemeinsamen Speisezimmer führten, in dem er am Familientische die vorgeschriebene' Wassersuppe zu sich nahm. Nach dem Genusse eines solchen Süppchens wartete er geduldig, bis die Gräfin Therese, Thekla und Pussi den Braten und die Nachspeisen verzehrt hatten, die auf diesem jetzt immer gut besetzten Tische prangten, und ging erst, wenn die Familie die Mahlzeit beendet hatte, von Thekla geführt, wieder hinauf in fein Zimmer, in dem Lehnstuhle weiter zu dämmern. Dann und wann beredete ihn Thekla, auch außerhalb dieser' Stunden einmal hinunterzukommen und sich etwas vorspielen zu lassen. Eines Morgens aber stand er überHaupt nicht auf. Erschrocken fragte ihn Gräfin Therese was ihm fehle. Er lächelte und erwiderte.er sei müde und wolle noch etwas schlafen. Dann schloß er die Augen wieder und schlummerte bis gegen Mittag, verlangte, als er erwacht war, das ihm neuerdings von Doktor Eyß verordnete Pulver zu nehmen, aß seine Aepfelsuppe und schlief bald .darauf wieder. Weinend befahl die Gräfin dem Kutscher, sofort nach der Stadt zu fahren und den Bezirksarzt zu holen. Doktor Eyß kam. verschrieb eine neue Medizin und beantwortete alle Fragen der untröstlichen Gräfin mit Hm. hm." .Seit jenem Tage verbrachte der Graf sein Leben nur noch im Bett trotz aller Medikamente des Doktors. Gräfin Therese und Thekla saßen Tag und Nacht abwechselnd bei dem Kranken. Da sagte eines Abends plötzlich Graf Silvio zu Gräfin Therese, die er stumm aus dem Lehnstuhle am Jenster an sein Bett gewinkt hatte, mit schwacher Stimme: ,Jch möchte Jsa sehen." (Fortsetzung folgt.) '
Ein eigen artiger Vorfall ereignete sich dieser Tage bei ; einer Hochzeitsfeier in der Colonie '. Sand berg bei Salzbrunn in Schlesien. Kurz vor der Fahrt zum Standesamt entfernte sich der Bräutigam mit dem Bemerken, daß er zuvor den Barbier aufsuchen wolle, und kehrte nicht wieder zurück. Alle Nachforschungen nach seinem Verbleib sind bis jetzt erfolglos geblieben. Bereits vor Jahresfrist hat der Verschwundene eine Ehe eingehen wollen Damals brachte er sich kurz vor der Trauung mittels seines Taschenmessers einen tiefen Schnitt am Hälfe bei, so daß er schwer verletzt das 5trankenhaus aufsuchen mußte. Was den jungen Mann in beiden Fällen zu einer solchen Handlungsweise veranlaßt hat, ist vorläufig noch in Dunkel gehüllt. JnBerlinwurde dieser Tage die Bekrönung" des RolandStandbildes am Märkischen Provinzialmuseum vollzogen. Dem Kopf wurde nach dem Vorbild des Brandenburger Rolands der Donnerbart" eingepflanzt, ein Kraut, dem der Aberglaube die besondere Kraft zuschrieb, die Stadt 'vor allerlei Unheil zu bewahren. Geheimrath Friede! hat dieses Kraut selbst seit Jahren gezogen und es jetzt 'für den Berliner Roland hergegeben. Da die. Pflanzen aber nicht ausreichten, so stellte der Kiesgrubcnbesitzer Körner, der ebenfalls Donnerkraut" hat, das noch fehlende zur Verfügung. Geheimrath Friede! war mit einigen Herren der Bauleitung zur Stelle, um der Pflanzung beizuwohnen, die ein Gärtner Namens Brandenburg" ausführte. Der bisher Hauptfachlich an der deutschen Ostseeküste gefundene Bernstein scheint Concurrenz bekommen zu sollen. Auf der Insel , Haiti im Staate San Domingo wurde ' nämlich in einer Gegend, die 1800Fuß hoch am Gipfel einer unter dem Namen Palo Quemado bekannten Erhebung in 30 Meilen Entfernung von der Küste liegt, Bernstein gefunden, zu dessen Gewinnung sich bereits eine Gesellschaft gebildet hat. Der Bernstein ist in einem mürben, in kleinen Stücken dorfindlichen Sandstein enthalten. Uederdies wird der Bernstein auch noch in freien Stücken im Boden und im Sandsteingeröll gefunden, und zwar zumeist in Form ovaler Stücke in Größe Don 12 Zoll bis zur Größe einer Mannshand, manchmal mehr rund, manchmal mehr plattgedrückt, mit einer braunen Kruste bedeckt, ziemlich ähnlich dem ostpreußischen Bernstein und geologischen Harzen überhaupt mit Schattirungen von Gelb bis zu tiefem Braun. Vorsieben Jahren wohnte in Venedig im Palaste Maffet eine glückliche Familie, bestehend aus den Eheleuten Viglianetti und ihren drei Kindern, zwei Söhnen im Alter von neun und zwölf Jahren und einer Tochter von 14 Jahren. Eines Tages waren die Knaben vom Vater zur Strafe für irgend ein Vergehen auf mehrere Tage in ein Zimmer eingesperrt worden. , Auf noch nicht aufgeklärte Weise gelang es aber hen beiden Wildfängen, Nachts aus ihrem Gefängniß zu entfliehen, und seit jener Zeit sind alle Bemühungen, sie wieder aufzufinden, vergeblich geblieben. Der unglückliche Vater wandte sich unter anderem an den Erzbischof von Venedig. den jetzigen Papst, welcher einen Aufruf in allen Kirchen des venetianischen Festlandes verkünden ließ, aber alles vergebens. Man nahm schließlich an, daß die Knaben beim Uebersetzen über die Lagune verunglückt seien. Die Mutter starb bald darauf aus Gram um den Verlust ihrer. Söhne, und auch die Tochter erkrankte und starb, so daß von der noch vor kurzem glücklichen Familie allein der von Gewissensbissen üöer seine Strenge geplagte Vater übrig blieb. Jetzt nacb sieben Jahren sind die beiden Verschollenen von der Militärcommission wieder aufgefunden worden, und zwar als Bauernknechte in der Provinz Treviso, und der Vater ist von Venedig abgereist, um seine Söhne wieder zurückzuholen. Ueber d i e unerwartete Unterbrechung einer Trauung wird aus 'Zwickau in Sachsen berichtet: Als kürzlich sich ein Brautpaar mit seinen Angehörigen am Altar der PaulusKirche versammelt hatte, bereits ein Thcil des Trauungsliedes gesungen worden war und der Geistliche sich anschickte, die heilige Handlung zu vollziehen, sank plötzlich der Bräutigam an der Seite feiner Braut ohnmächtig zusammen. Ein tieserschütterndes Wehgeschrei der Braut und aller mit anwcsenden Freunde und Verwandten erfüllte die Kirche und die Orgel und der Gesang mußten verstummen. Zufälligerweise befanden sich unter den Anwesenden frühere Soldaten, die in solcher Lage Rath wußten; sie öffneten sofort die Oberkleider des Vräutigams und wandten die beim Militär üblichen Maßregeln an. Nach und nach erholte sich der Bräutigam, mußte aber noch in den Wagen getragen werden. Der herbeigerufene Arzt stellte fest, daß die Ohnmacht, lediglich durch zu enge Halsbekleidung herbeigeführt worden fei. Nachmittags 2 Uhr vollzog Pfarrer Walther die früh so jäh und so schmerzlich unterbrochene Trauung 'm Hause, bei der der Bräutigam wieder völlig wohl war. Welchen Eindruck dieses Ereigniß am Vormittag auf .die beiden unmittelbar darauf folgenden Trauungen gehubt haben muß.
' laßt sich woyl leicht denken. . . .
Von Helena. Mont., wirb' gemeldet, daß in der Geschichte der Viehzucht von Montana noch nie so viele Schafe und Lämmer -nach den östlichen Märkten - verschifft wurden, wie dieses Jahr. Die Zahl hat ein Fort Venton Commissionshändler auf 856,000 berechnet, davon gingen allein 162.000 Stück in die Viehhöfe zu Süd St. Paul. In den Städten entlang dem Mississippi werden, Nachrichten aus Minnesota zufolge, die großen Sägewerke' eines nach dem andern geschlössen, und so hat auch unlängst die Laird & Norton Sägemühle in Winona für immer den Betrieb eingestellt. Der Holzhof und die Hobelmühle bleiben zwar bestehen, jedoch muß das gesägte Bauholz und Bretter aus weiten Entfernungen bezogen werden. Noch vor 25 Jahren hielt man die riesigen Nadelholzwälder Xin Wisconsin und Minnesota für unerschöpflich, sie hätten hundert Jahre ausreichen müssen, wenn nicht die geldgierige Raubwirthschaft die herrlichen Waldungen in kaum einem Menschenalter vernichtet hätte. Ein merkwürdiger Begnadigungsfall ist im Staate New Aork zu verzeichnen. Der Gouverneur Higgins hat den Charles Bassett, einen jungen Mann aus Vrooklyn, der wegen Einbruchs zu acht JahrenZuchtHaus verurtheilt war. aber seineStrafzeit kaum angetreten hatte, aus dem Grunde begnadigt, damit er wegen eines noch größeren Verbrechens zur Rechenschaft gezogen und an die Behörden von Connecticut ausgeliefert werden kann. Kurze Zeit vor dem von Bassett begangenen Einbruch wurde nämlich der greise Farmer Thomas Lockwood in Westbury in Connecticut in seinem Heim beraubt und in barbarischer Weise ermordet. Zwei von den Thätern wurden bald nachher verhaftet und legten ein Geständniß ab, worin sie Bassett als ihren Mitschuldigen bezeichneten. 'Die Behörden von Connecticut baten darauf um New Forker Begnadigung und Auslieferung Bassett's. damit er der Bestrafung für das schwere Verbrechen nicht entrinne, wenn er auch der Strafe für das kleine - entgehe. Wenn aber nun Bassett der Vetheiligung an dem Morde nicht überführt wird, so bleibt er gänzlich straflos auch wegen des ihm bewiesenen Einbruchs. ' ' Daßauchmitdeninvielen Städten eingeführten Wahlmaschinen Betrug geübt werden kann, will man in Newark, N. I., durch eine Untersuchung festgestellt haben. Die Untersuchung wurde von John McLeod auf Veranlassung des Chefclerks in der Office des Stadtclerks, Martin Broß jr., angestellt. McLeod betrat die Bude, zog den Haupthebel nack der Rechten, hiermit die Maschine für die Aufnähme der Stimme herrichtend. Mit der linken Hand drehte er dann den Zeiger des republikanischen Tickets genügend, um die individuellen Zeiger über die Namen der verschiedenenCandidaten zu werfen, aber nicht weit genug, um die Glocke anschlagen zu lassen, womit angezeigt sein würde, daß eine Stimme registrirt wurde. Dann zog er den Haupthebel wieder zurück, wodurch der Vorhang geöffnet wurde, aber ohne daß die Glocke ertönte. Mit dem Herüberwerfen des Haupthebels wurde alsdann eine zweite .Stimme registrirt. Das einzige Mittel, einen Stimmgeber zu verhindern, dies Manöv'er auszuführen, ist der Anzeiger außen an der Maschine, welcher die Zahl der abgegebenen, Stimmen markiri. Ein Vergleich dieser Zahl mit der Anzahl registrirter Stimmgeber in dem Buch der Wahlbehörde, welche bereits gestimmt haben, würde die Differenz zeigen. Wo natürlich eine Verschwörung Zwischen dem Stimmgeber und denen, welche die Maschine am Wahltage beaufsichtigen, ezistirt, ist ein solcher Betrug dennoch möglich. Nachdem er auf der Suche nach seinem Lieb den weiten Weg von Californien nach New Fork zurückgelegt, theils auf Schustersrappen, theils als blinder Passagier auf Fracht- und Kohlenzügen, versuchte kürzlich der 24 Jahre alte Italiener Alfred Decardo durch einen Sprung von derWilliamsburger Brücke seinem Herzeleid ein Ende ZU machen. Das derzweffelte Vorhaben des Daseinsmüden wurde indeß von einem Blaurock noch rechtzeitig bemerkt und vereitelt, doch konnte der junge Italiener nur mit Mühe dabon abgebalien weroen. sich m o,'e Tiefe zu stürzen. Decardo wurde später dem Polizeirichter vorgeführt, der ihn einstweilen zur Untersuchung seines Geisteszustandes nach dem Flat-bush-Hospital sandte. Decardo erzählte dem Richter, daß er Mitte Aug'ust die Nachricht von der schweren Erkrankung seiner Braut erhalten und sich dann sofort auf den Weg nach New Fork gemacht habe. Da er nur geringe Geldmittel besessen, so habe er sich kein Eisenbahn-Villet kaufen können und sei deshalb zumeist zu Fuß gewandert, bis er schließlich erschöpft und marode sein Reiseziel erreichte. Dann erst habe er bemerkt, daß er unterwegs die Adresse des Mädchens. Josephine Ferraro mit Namen, verloren habe, und durch 'alles das sei er Völlig entmuthigt worden. In dieser Gemüthsstimmung habe er den Entschlutz scfaßt, Abschied von der Welt M nehmen, zumal er überzeugt sei,' daß sein Lieb auch schon in kühler Erde ruhe.
