Indiana Tribüne, Volume 29, Number 68, Indianapolis, Marion County, 11 November 1905 — Page 7

Jndiana Tribüne, 11 November 1O3.

j

Q--Q--Q-Q-Q--0--k

l Die brcnncnde Frage ö 0 Humoristischer Roman 9 A von l&alf von inatx (Fortsetzung.) Als Nannte gegen Mittag von ihrem Spaziergange nach Hause kam, hörte sie schon von ferne ihren Vater laut singen. Als sie dann verwundert über diese abermalige Wandlung den Baron nach dem Grunde seiner Freude .fragte, sagte dieser 'mit glänzenden Klugen: Der Victor ist doch' der gescheiteste Mensch, den ich kenne. Da könnt Ihr sagen, was Ihr wollt, ich habe mich heute wieder davon überzeugt." Bestürzt ging,Nannie in ihr Zimmer. 16. a p i t c I. n der Villa Ungnad herrschte eine ungewöhnliche Aufregung. Graf und Gräfin Ungnad gaben ein Diner. Das gräfliche Ehepaar bewohnte schon seit langer Zeit sein großes Schloß MitterTruxen in' Oberkärnten nicht mehr, da die Gräfin behauptete, dort Gespenster gesehen zu haben, sondern eine Villa, die mit ihren weißgetünchten glatten Mauern einem Pappkasten nicht unähnlich war und die für die zwei dicken Leute und die aus zwölf Köpfen besiehende Dienerschaft nur nothdürftig Raum besaß. Eine große vergoldete Grafenkrone auf dem First der Villa und vier vor der Einfahrt wie Schildwachen aufgepflanzte Pappelbäume machren das kleine Häuschen, das in einem lächerlichen Gegensatze zu den massiven Erscheinungen seiner Besitzer stand, schon von Weitem kenntlich. , Das Diner, welches der Graf und seine Gemahlin gaben, war zu Ehren des nun schon seit vier Wochen in der Stadt anwesenden Grafen Dominik Lasches, der morgen nach Wien zurück reiste, um vom Kaiser in Audienz empfangen zu werden und sich bei ihm für die eben erfolgte Ernennung zum Wirklichen Geheimen Rath mit dem Prädikate Excellenz zu bedanken. Das Fest sollte einen ausschließlich aristoIrdischen Charakter tragen, deshalb war auch keine von den minderen" Familien eingeladen. Nur Laschek, die Familie Piccolomini, deren Aussöhnung mit dem alten Grafen die Ungnads natürlich erfahren hatten, Gräfin Rindsmaul und Graf Königsacker und als einziger nicht zur Gesellschaft Gehöriger der Bezirksarzt Doktor Johann Eyß. Dieser nicht als Mensch, sondern als Arzt. Denn die Gräfin Ungnad hielt viel auf den Arzt, der ihr im Vertrauen schon oft seine Meinung über des Grafen Bewunderung der Kurpfuscher und Naturärzte gesagt hatte. Ja. sie hatte es durchgesetzt, daß Doktor Eyß trotz dieser Naturheilmethodenbewunderung ihres Gatten als Arzt Zutritt in die Villa Ungnad besaß, damit er den ausschweifenden Kuren ihres Gatten wenn nöthig zur rechten Zeit ein heilsames Gegenmittel geben könne. Gräfin Ungnad empfing die Gäste mit doppelt überschwenglicher LiebensWürdigkeit, da sie in Bezug auf sie ein doppelt schlechtes Gewissen hatte. Erstens, weil sie es ja gewesen war, die dem Grafen Dominik seiner Zeit so gehässig über die im Schlosse Welzeneck unter der Protektion" der Gräfin Therese Piccolomini stattgefundene Verlobung Franzis mit der schönen Ilona geschrieben, und zweitens, weil auch sie wiederum durch einen Brief an. die Oberhofmeisterin Gräfin Tagoli die Ernennung Jsas zur Hofdame unmöglich gemacht hatte. Zu der letzten Intrigue war sie nicht nur durch das renitente Benehmen Jsas. sondern auch durch die gute Rindsmaul veranlaßt worden, der sie die Anspielung auf die großen Füße zwar längst vergeben hatte, der sie es aber nicht gönnen wollte, bei irgend jemandem Vorsehung zu spielen, nachdem man ihre Dienste zurückgewiesen. Frau von Rabenaus Direktionszimmer lag neben dem sogenannten Sprcchzimmer der Anstalt und war von diesem nur durch eine nachträglich in einen früheren großen dreifensterigen Raum hineingezogene Bretterwand getrennt. Durch diese mit Tapete beklebte Bretterwand vernahm die wißbegierige Frau von Rabenau jedes Wort, das im Sprechzimmer gesprochen wikrde, unsichtbar, gewissermaßen wie in einem Beichtstuhle. Manches Familiengcheimniß, dessen Kenntniß sie klug auszunützen verstand, war so zu ihren Ohren gedrungen, von dem Gespräche Jsas mit Eugen Eibenthal war ihr nicht nur kein Wort verloren gegangen., sondern sie hatte es auch wörtlich der Gräfin Ungnad. deren Gunst und Protektion ihr am Herzen lag. mitgetheilt. Gräfin Ungnad hatte sofort an die Gräfin Tagoli geschrieben und ihr die Geschichte von der heimlichen nächtlichen Flucht Jsas erzählt mit dem Bemerken, daß sie es für ihre Pflicht halte, die Oberhofmeisterin davor zu bewahren, eine Kompromittirte" Ihrer Kaiserlichen Hoheit vorzustellen. Gräfin Tagoli hatte diesen Brief der Gräfin Unanad schon erhalten, ehe sie die Gräfin Laura und Jsa empfing, aber sie hatte nicht den Muth, sie abzuweisen, so sandte sie die kurze Mitthei-

Qi

&

lung ohne weitere Erklärung in's Hotels Nur d?n vielen Beziehungen der alten Stiftsdame, die sich übrigens durch die Abweisung der Erzherzogin so gekränkt fübtte. daß sie. von der Gräfin Tagoli auch weiter leine Erklärung erbat, hatte Jsa es zu danken, daß sie nunmehr in Wien abermals als Lehrerin eine Stelle gefunden. Die Gräfin Rind,;maul war nicht eher aus Wien abgereist, bis sie Jsa selbst in diese Anstalt deren Zöglinge fast ausschließlich der Aristokratie angehörten (eine, wenn auch nur kleine Beruhiguyg der Gräfin Laura), gebracht hatte. - Weder Gräfin Nindsmaul. noch Graf Königsacker, noch Gräfin The'rese Piccolomini ahnten diesen Zusam menhang der Dinge, sonst würden sie jedenfalls die Einladung nicbt angenommen haben. Ungnads sowohl wie Gräfin Rindsmaul und Graf Königsacker waren auf's Höchste überrascht, daß mit der Gräfin . Therese und den Kindern Thekla, Mutzi und Pussi auch der Chef der Familie. Gras Silvio Piccolomini. erschien. Seit Jahren hatte man den Grasen nur selten und immer nur in gewisser Entfernung und in einem mehr oder weniger fragwürdigen Jagdkostüm gesehen.' Heute erschien er in Civil, in schwarzem Gehrock, mit einer mächtigen schwarzen Halsbinde und taubengrauen Handschuhen. Nur das wettere geprüfte Jagdhütchen, das auf dem grauen Haupte saß. erinnerte an die Aeit der wilden aaden und der Verlyewtgung des Schlosses aus der Luke des Hungerthurmes. Ja, der Graf legte sogar eine vorweltliche (öalanterie an den Tag. wie weiland Ritte? Bayard. der Ritter ohne Furcht und Tadel, er' half seiner Gattin aus dem Wagen und küßte den Gräfinnen Ungnad und Nindsmaul die Hände. Na," sagte Königsacker zu Silvio, den er im ersten Augenblicke überhaupt nicht erkannte, nächstens wird der Himmel einstürzen oder der verrückte Kriegstein wird wirklich mit seiner Flugmaschine aussteigen, wenn Tu alter Braieljäger unter die Leut' gehst." Graf Silvio lachte nicht bei dieser Ansprache, sondern blickte ernst vor sich hin und sagte: Alles hat seine Zeit." Das Diner war ebenso opulent wie langweilig. In dem engen Speisezimmer, in dem man sich kaum rühren konnte, stand hinter jedem Stuhle ein Diener in großer Livree. Das Zimmer selbst glich ein wenig dem Sprechzimmer der Frau von Rabenau, auch in ihm hingen Kaiserbilder in Oeldruck an den Wänden. Nur die Lakaien, das prächtige Silber und das alte Porzellan verriethen, in was für einem Hause man war. Graf Ungnad wollte keinen Champagner trinken, er behauptete, ein wenig Fieber zu haben, es hätte nicht viel gefehlt und er wäre vom Tische aufgestanden und hätte das Thermometer geholt, es sich zur Bestätigung dieser Vermuthuni unter die Achselhöhle zu klemmen. Aber seine Gemahlin hielt ihn mit einem strengen Blicke zurück, und Doktor Eyß redete ihm zu, bis er schließlich doch trank. Graf Piccolomini nippte nur dann und wann ein wenig an seinem Glase, immer an dem selben, das bis zu Ende der Mahlzeit nicht leer wurde. Man stieß auf das Wohl des Grafen Dominik und auf seinen neuen Titel an. Warum er eigentlich nicht Minister geworden sei, fragte Ungnad. Ach, meine Herrschaften," erwiderte vergnügt die neue Excellenz," ich werde mich doch nicht als Beamter ärgern, ich gedenke noch ein paar Jahre in Frieden zu leben. Hab' ich recht?" Sehr recht." bestätigte man. Merkwürdig." wandte sich Dominik an die .Gräfin Rindsmaul, daß ich. als ich in Wien war. Sie. Gräfin, nicht gesehen habe. Ich wohnte doch auch im Matschackerhof. Ich hatte eine Konferenz mit meinem Neffen, nachträglich erfuhr ich erst, daß Sie Thür an Thür mit mir gewohnt haitcn." Ja, merkwürdig." sagte Gräfin Rindsmaul, indem sie auf Gräfin Therese schauke. die ernst auf ihren Teller niederblickte. Beide Damen dachten an die ferne Jsa. Auch die beiden Ungnads. die von der Stellung Jsas in Wien wußten. sahen einander an. Mein Neffe." fuhr Graf Dominik gutgelaunt fort, ist jetzt, wie ich glaube, mit seiner Braut und dem Schwiegerpapa in spe in Ostende cde? in Monte Carlo." Gräfin Rmdsuiaul und Graf Königsacker wechselten einen Blick der Verwunderung darüber, daß Laschek so ruhig von dieser Verlobung sprach, der Verlobung seines zukünftigen Majoratsnachfolgers. Graf Ungnad ließ vor Erstaunen ein auf die dicke silberne Gabel gespießtes Stück Rehbraten, has .er schon zwischen den Zähnen hatte, wieder auf den Teller hinabsinken. Franzi hat also Deinen Segen?" meckerte der bereits ein wenig angehe? terte Komtur laut lachend. Bist Du auch schon bei der Umwerthung alle? Werthe angelangt wie fcej: gute Kriegstein?" ' Der Kriegstein ist gar nicht so dumm." antwortete Laschek. ohne die Frage zu beantworten. Wir. die wir mit Maschinen zu thun haben und etwas von Mechanik verstehen, wissen, daß das Jlugproblem gelöst werden

kann. Ob"Kriegsiein der Mann dazu ist. das ist eine andre Frage. Unmöglich ist nichts heutzutage. Jedenfalls will ich mir den Erfinder nächstens einmal etwaL genauer ansehen und seine Pläne prüfen." Ich habe neulich seinen Agenten bei Eibenthal getroffen," sagte Ungnad, der Mann hat auf mich einen guten Eindruck gemacht. Ich habe mich mit

ibm über die Methode des Naturarztes Gössel in Dresden unterhalten und über schwedische Heilgymnastik. Der Mann hat Kenntnisse." Und wie ich höre," meckerte Königsacker. soll ihn Kriegstein zum Schwiegersohn auserseheu haben. Aber die Nannie. na . . . die Verlobungen liegen in der Luft.Gräfin Therese zuckte zusammen. Ein dummes Gerede." sagte die Rindsmaul, das von' der Verlobung Nannies." Verlobungen liegen in der Luft." wiederholte Excellenz Graf Dominik und goß ein Glas Champagner hinunter. Ja, es muß wohl so sein. Lieb wäre mir's gewesen, wenn die Verlobung des Grafen Franz Laschek. des Sohnes meines jüngeren Bruders, nicht in der Luft von Welzeneck. gerade von Welzeneck gelegen hätte. Das soll kein Vorwurf sein, liebe Kousine Therese. Du hast ja die Leute empfangen müssen, der Wagen war gebrochen, da3 Unwetter und so weiter und so weiter. Und im Stalle konnte man sie nicht übernachten lassen, obwohl der Stall besser gewesen wäre. Doch, was ich sagen wollte " Er sah im Kreise herum. Ich wollte sagen, wir sitzen hier o gemüthlich beisammen und haben .'inander so lieb, so heißt es wohl ungefähr und so ist es. Verlobungen liegen in der Luft. Das war ein gutes Wort von Dir, alter Kumpan." Graf Laschek erhob sich und klopfte an sein Glas. Meine Herrschaften,' ich bitte mit mir anzustoßen auf das Wohl der Gräfin " Der alte joviale Herr machte eine Kunstpause und weidete sich daran, wie die Gräfinnen Ungnad und Rindsmau! und die Grafen Königsacker un,d Unanad sich einander anschielten. Airs das Wohl der Gräfin Marie- Piccolomini, meiner lieben Braut!" Es war, als hätte der Blitz mitten in den damastgedeckten Tisch geschlagen, der Komtur stellte das Weinglas, das er in der Hand gehalten hatte, mit so heftigem Stoße auf den Tisch, daß es in Scherben ging und der rothe Traubensaft über das Tischtuch rann. Sittsam erröthend blickte Mutzi auf ihren Teller. 17. Kapitel.' ie dicke Lederhose, die Maithias Schwendtner trug, hatte glücklicherweise die Ladung Vogeldunst, die Graf S:lv:o auf den für den Grafen Laschek Einlaß begehrenden Wirth vom rothen Ochsen abgefeuert hatte, nicht allzu tief durch dessen selbst lederharte eigene Haut dringen lassen. Der Schmerz war das Schlimmste an den Wunden, welche die gräfliche Flinte angerichtet hatte. In kurzer Zeit konnte Schwendtner wieder von seinem Krankenlager aufstehen und im Hause herumhantiren. Er stand gerade hinter dem Schenktische der Gaststube und goß aus einer großen Flasche eine grünliche Flüssigkeit in eine andre ähnliche Flasche, hielt die beiden Flaschen gegen das Licht, um zu sehen, ob jede von ihnen gerade zur Hälfte gefüllt sei (die andre Hälfte sollte mit Wasser nachgefüllt werden), als plötzlich draußen im Garten ein Schrei ertönte und das Klirren eines Glases. Schwendtner stellte die Flaschen hin und ging in den Flur hinaus, um zu sehen, was die Lisi, die draußen aus dem Sitzgarten" (dem Gärtchen mit den sechs kleinen Roßkastanienbäumen) ein paar Weingläser hereinzuholen hatte, wieder einmal für Unglück angerichtet habe. Er wollte eben zur Hausthür hinaustreten, da prallte er gegen die herhinstürzende Kellnerin an. , Was ist denn geschehen?" Der narrische Graf is draußen!" rief die Lisi athemlos. Wos?" Ter narrische Graf vom Welzenecker Schloß, der Ihnen ang'schossen Hot!" . .Hat er a Büchsn bei sich?" fragte Schwendtner rasch. Dös woß i net." Na wart." sagte Schwendtner, verschloß das Hausthor und ging in sein Schlafzimmer, wo er die an seinem Bette lehnende Flinte in die Hand nahm. . Mittlerweile war bereits das ganze Haus zusammengelaufen und hatte sich mit dem Wirthe in dem Schlafzimmer versammelt, durch dessen vergitterte Fenster man in den Garten hinaussehen konnte. Frau Schwendtner, die Magd Mali und die beiden Knechte. Alles lauschte stumm. Endlich hörte man, wie draußen an die Hausthür geklopft wurde. Es hat geklopft." sagte Sepp. Daß Du still bist." zischte Schwendtner wüthend, ihm mit der geballtet! Faust drohend. Sepp hielt sich mit der dicken rothen Hand den Mund zu. ' Endlich faßte Schwendtner Muth und trat vorsichtig gebückt an's Fenster. . Drauße:: vor der Thür stand Graf Silvio in schwarzem Anzüge mit einem Spazierstocke in der Hand. Schwendtner trat rasch zur Seite.

iT

&

Alles blieb still. Nach einer Weile klopfte der Graf zum zweitenmal.' Sag, daß i nit 3' Haus bin," flüsierte der Virth der Lisi zu. I trau mi nit," erwiderte Lisi in dem gleichen gedämpften Tone. ' Na Du," sagte die Wirthin, ' die mehr Kourage als die andern hatte, laut, hast Du nit a a Flint'n? Frag ihn doch selber, wos er will! So a Bettelgraf, der auf d' Leut schießt! Do sein mir ollemol z' Haus! I schütt ihm a hoaßes Wasser auf sein damischen Schädl!" 1 Holt 's Maul!" entgegnete ihr der Wirth. Der is jetzt der Freund vom Herrn Grafen Laschek!" Draußen klopfte es zum drittenmal, und die heisere Stimme des Grafen

ertönte durch die Stille: Ist denn der Herr Schwendtner nicht zu Hause? Bitte, öffnen Sie doch! Ich bin's. der Graf Piccolomini!" Mach nicht auf!" rief die Wirthin. Hörst ' Du? Ter thuat nur so freundli!" Holt die Goschen, sag i!" rief der Wirth. I woaß. was i zu thun hob!" Gjc trat, die Flinte in der Hand, an das Fenster und rief durch das Gitter hinaus: Was wölln Se, Herr Graf, von mir?" Sämmtliche Anwesende stellten sich geduckt hinter ihren Herrn. Ich komme als guter Freund," sagte der Graf mit milder Stimme und lüftete den Hut. Es kann mich nicht wundern, daß Sie mir nicht öffnen wollen. Bleiben Sie meinethalben nur drin. Ich bin gekommen, um Ihnen Abbitte zu leisten." Mit gesenktem Haupte stand der Graf da. wie einst Heinrich vor dem Thore Canossas. Es war sehr sündhaft." fuhr er in salbungsvollem Tone fort, sehr sündhaft von mir, auf einen Menschen zu schießen, auf einen wehrlosen, friedfertigen Menschen. . Lieber Herr Schwendtner, ich möchte Sie bitten, mir zu verzeihen und dies als ein kleines Andenken von mir anzunehmen." Er reichte Schwendtner ein in ein Papier gewickeltes Ding durch's Fenster, das dieser hastig ergriff und damit in's Innere des Zimmers verschwand. Schwendtner wickelte das . Papier auf, es war ein Georasthaler darin, den der Graf bisher an seiner Uhrkette getragen hatte. So a Schmutzian!" sagte die Wirthin. Verlang doch a Schmerzensgeld, mit an Tholer wirst Di do nit abspeisen lassen." I dank schön!" rief der Wirth wieder durch's Fenstergitter hinaus. Aber .i hob von den Schmerzen gar viel z' leiden g'hobt und den Doktor zahlen müssen. Wann der Herr Graf das Unrecht einsehen, freut's mi aber i müßt' unva Schmerzensgeld bitten." Wieviel verlangen Sie?" fragte der Graf sanft. Verlang, was D' willst, er kunnt's eh net zahle," raunte die Wirthin. Fufz'g Guld'n werd'n wohl nit z'viel sein," sagte Schwendtner. Ich werde Ihnen das Geld heute noch schicken," antwortete der Graf, ich habe keines bei mir." Ein allgemeines Gekicher hinter dem Fenster folgte diesen Worten. Also, Herr Schwendtner," fuhr ,oer Graf fort. Sie verzeihen mir. Ja? Reichen Sie mir doch die Hand." Schwendtner reichte ihm die Rechte durch's Fenster hinaus. Der Graf ergriff sie zitternd. Wir sind alle Sünder," fagte er, beten Sie für mich und denken Sie auch an das Heil Ihrer Seele. Leben Sie wohl, Herr Schwendtner." Jetzt erst setzte er den Hut auf, ging langsam durch den Garten und die Landstraße hinunter, von den Blicken sämmtlicher Bewohner des Gasthofes zum rothen Ochsen begleitet. Für Matthias Schwendtner. der doch vorsichtshalber die Thür nun erst wieder öffnete, war es sicher, daß der Graf vollends übergeschnappt war. Auf die fünfzig Gulden rechnete weder er noch feine Frau., Um so erstaunter war er, als Abends der Gärtner von Schloß Welzeneck richtig die verlangte Summe Schmerzensgeld brachte. Von dem Gärtner erfuhr Schwendtner auch die Verlobung der Komtesse Mutzi mit dem Grafen Dominif. Der Gärtner wurde wie ein großer Herr bewirthet, und Schwendtner besann sich rechtzeitig, daß er. sich geirrt und nicht fünfzig, sondern hundertundfünfzig Gulden zu verlangen hätte. Schon am nächsten Morgen waren die weiteren hundert Guldeu in Schwendtners Händen, der die schöne Banknote schmunzelnd in seinen eisernen Schrank schloß. Unter den Bauern Sonnbergs herrschte seit diesem Tage ein allgemeines Bedauern darüber, daß man nicht auch so klug gewesen war, den Grafen Silvio vor der Hunaerthurmluke zu einem Schrotschusse gereizt zu haben, noch betrübter war man darüber, daß der Graf nicht mehr auf die Jagd ging; wie viele fchöne Schmerzensgelder hätte man zu erwarten gehabt! Mehr , aber als alle Welt war des Grafen eigene Familie durch dessen vWlicbe Umwandluna Lberrasckt. . (Fortietzung folgt.) ' Sekanntnractiung des Bürgermeisters von Bretzelbe'g. Wegen Reinigung des Gefängnis-s bleibt dieses bis auf weiteres geschlosseit v

Europäische Nachrichten.

Sessen-Sarmlladt. Darmstadt. Dieser Tage feierte Peter Hartmarrn sein 25jähriges Jubiläum, während welcher Zeit derselbe ununterbrochen im Dienste der Firma Gebrüder Röder Hierselbst steht. Bin gen. Auf dem Nahequai überfuhr ein Aütomobil das 5 Jahre alte Söhnchen des bei der Gassabrik beschäftigten Arbeiters Rappold. Das Kind wurde tödtlich verletzt. Eine Anzahl Viehhändler, die sich des ViehMarktes wegen auf dem Nahequai aufKielten, nahmen den Führer des Automobils fest und überlieferten ihn der Polizei. Gießen. Vor Kurzem erschoß sich der Braumeister Grallert von der hiesigen Aktienbrauerei. Das Motiv der That ist unbekannt. Heppenheim. Kürzlich erhängte sich aus dem Speicher feines Meisters der bei Schneider Gremm in Arbeit stehende, von auswärts stammende Schneidergeselle Willich. Das Motiv ist unbekannt. Mainz. Hier ist der 20jährigeKüfer Dietrich unter eigenartigen Umständen verunglückt. Bei dem Abladen eines 30 Centner schweren. Weinsasses wurde Dietrich von dem Ablaßseil gepackt und mit solcher Gewalt um das Faß geschleudert, daß nach kurzer Zeit der Tod eintrat. O f f e n b a ch. Der Uhrmacher Hegemann gerieth, als er seinen Hund im Main baden wollte, in eine tiefe Stelle und ertrank. Frovinz Wrandenvurg. Berlin. Der Seehandlungsrath Petri von hier ist an den Folgen eines Wagensturzes in Pontresina gestorben. Vom Baugerüst abgestürzt ist der 30jährige Arbeiter August Mann aus der Grunewaldstraße. Mmrn war auf dem Mittelgrundstück der Firma Hertzag in der Breitestraße beim Abbrechen eines' Baugerüstes beschäftigt, 'rutschte während der Arbeit von einem Brett 'ab und stürzte aus der zweiten Etage in die Tiefe hinab. Mit gebrochenen Unterschenkeln wurde der Arbeiter vom Platze getragen. Durch seine Tabakspfeife um das Leben gekommen ist der frühere Tischlermeister Heinrich Brandes aus der Mulackstraße No.5. Der 82 Jahre alte Mann lebte im Ruhestande und wohnte als Junggeselle für sich allein. Letztens lag er nur mit Jacke und Unterhose bekleidet auf seinem schadhaften Sofa. Als er sich nun seine lange Pfeife ansteckte, entzündete sich durch einen unglücklichen Zufall Werg,- das aus einem Loch im Sofabezug heraussah. Bevor der alte, gelähmte Mann sich aufraffen konnte, war er am Unterleibe schwer verbrannt. Die Feuerwehr, die von'Hausgenossen gerufen wurde, brachte ihn nach dem Hedwigskrankenhause, dort starb er bald darauf. Die im 70. Jahre stehende Wittwe Bertha Riedel. Mulackstr. 38. wollte in der Gipsstraße den Fahrdämm überschreiten, sie wurde hierbei von einem Radfahrer umgefahren und zu Boden gerissen. Das Vorderrad ging der Greisin über den Hals hinweg, sodaß der Wirbel gebrochen wurde. Die Verunglückte wurde nach einem Krankenhause gebracht. Dem 44 Jahre alten Metalldrücker Hermann Gimperlein aus der Bellealliancestraße 56, der mit feiner Frau in 19jähriger glücklicher Ehe gelebt hatte, war die Frau nach längerem Leiden gestorben. Aus der Ehe waren zwei Söhne hervorgegangen, Gimperlein fürchtete jetzt auch für seinen jüngstzn Sohn, der nicht ganz gesund ist, umsomehr, als auch sein eigener Vater geistiger Umnachtung verfallen war. G?m und Sorge drückten ihn so nieder, daß er seinem Leben ein Ende zu machen beschloß. Letztens ging er statt in die Gießerei nach dem Thomaskirchhvf in Rizdorf und trank am Grabe 'seiner Frau Lysol. Friedhofsarbeiter fanden ihn als Leiche neben dem Grabhügel liegen. Eine'junge Selbstmörderin, welche sich kürzlich in Nieder-Schöne-weide vergiftete, ist nunmehr recognoscirt worden. Es ist dies die 22jährige Margarethe Berg,deren Eltern hier in' der Schönleinstraße wohnen. Friedrichs ha gen. Der Arbeiter Nitsche und seine Frau waren zu einem Vereinsvergnügen gegangen; ihre Kinder, ein vier- und ein fünfjähriges Mädchen, hatten sie vorher zu Bett gebracht. Als die Mädchen mitten in der Nacht erwachten und sahen, daß die Eltern nicht im Zimmer waren, stiegen beide, ängstlich geworden, aus dem Bett und erkletterten die Fenstcr. Hausbewohner hörten ihr Weinen und Rufen und eilten, die Mutter zu holen. Leider zu spät, die Kinder stürzten beide, aus dem dritten Stockwerk auf den gepflasterten Hof hinab, wo sie mit zerschmetterten Gliedern liegen blieben. Als die Eltern ankamen, fanden sie ihre Kinder mit dem Tode ringend. R r x d o r f. Der 30 Jahre alte Maurer Gustav. Trinks in der Knesebeckstraße Hierselbst trank selten, kam aber stets auf Selbstmordgedanken, wenn er einen Raus ch hatte. In einem solchen Zustande versuchte er binnen V2 Jahren dreimal sich ' das Leben p nehmen. Einmal wollte er aus oem Fenster springen, dann nahm er Gift, und endlich schnitt er sich die Pulsadern auf. Jedesmal wurde er gerettet, weil seine Frau' noch rechtzei-

tig dazukam. Diesmal aber erreichte er doch noch das hartnäckig verfolgte Ziel. Als er letztens angetrunken nach Hause gekommen war, begab er sich bald nach dem Boden und erhängte sich L einem Balken.

Spandau. Das Opfer einer Verwechselung ist der 25jährige Zimmermann LLdtke von hier geworden, der auf der Straße erstochen wurde. Die beiden der That verdächtigen Männer. Arbeiter Enent und Zumhalte, die sich in Untersuchungshaft befinden, hatten vorher in einem Tanzlokal Streit mit einem anderenManne, dem sie später auflauerten. In der nächtlichen Dunkelheit überfielen sie nun den vollkommen unbetheiligten LLdtke und stachen ihn nieder. Frovinz Hstpreugen. Königsberg. Letztens hatte sich die 75jährige Wittwe Karoline Kaiser, Hinterroßgarten No. 5 wohn haft, vor das Roßgärter Thor begeben, um sich in der frischen Luft zu erholen. Sie setzte sich dicht neben dem Wallgraben auf einen mitgebrachten Feldstuhl. Dort muß sie. von einem Schwindelanfall betroffen, in das Wasser gestürzt und ertrunken sein. Ihre Leiche wurde später gefunden und in .das Schauhaus gebracht. Ein Selbstmord ist ausgeschlossen. Eydtkuhnen. Eisenbahngüterbodenvorarbeiter Friedrich Petrat erhielt das Allgemeine Ehrenzeichen. ' G o l d a p. Dem pensionirten Eisenbahnlademeister Karl Leidekat ist das Kreuz des Allgemeinen Ehrenzeichens verliehen worden. L o y e. Der Schiffer Tullmin von hier segelte mit einer Kahnladung Heu von hier nach Schwarzort. Auf dem halben Wege sprang der Kahn leck und ging unter. Tullmin konnte nur mit großer Mühe sein etwa fünfjähriges Söhnchen, das in der vorderen Kajüte schlief, retten. Auf seine wie die Hilferufe seiner Frau wurde er von einem in der Nähe segelnden Reisekahn aufgenommen. Tullmin erleidet großen Schaden, da die Ladung etwa 170 Centner betrug, P e r k u n i s ch k e n. Vor einiger Zeit wollte der Besitzer Hohndorf mit seinem einspännigen Fuhrwerke nach Jnsterburg kommen, um Einkäufe zu dem Begräbniß seiner Schwiegermutter zu besorgen. Kurz vor Seßlaken kam beim zu scharfen Fahren auf der dort abfallenden Chaussee der Wagen dem Pferde zu sehr auf die Hinterfesseln, das Thier wurde unruhig, der Wagen schleuderte gegen einen Prellstein und die Insassen flogen tzeraus. Während die beiden Töchter mit leichteren Verletzungen davonkamen, fiel Hohndorf so unglücklich gegen einen Stein, daß er einen Schädelbruch erlitt, an dessen Folgen er nach kurzer Zeit verstarb. P i e r a g i e n e n. Bei dem hiesigen Besitzer Janert hatte der 66jährige Hirt Heinrich einen Bullen mehrmals mit einer Hark: geschlagen. Dadurch wurde der Bulle in Wuth versetzt und wandte sich gegen Heinrich, der von dem Thier auf die Hörner genommen und mehrmals in die Luft geschleudert wurde. Der treue Hund des Hirten,- der an einem Strick festgebunden war, zerriß den letzteren während dieses Vorganges und sprang sofort seinem Herrn zur Hilfe und zerfleischte dem Thier die Fesseln. Als das wüthende Thier immer noch nicht von seinem Opfer abließ, sprang der Hund dem Bullen an die Nase, diese vollständig zerfleischend. Nun endlich ließ der Stier' von dem Hirten ab, der sich mühsam in die benachbarte Scheune schleppte. Janert ließ sofort einen Arzt kommen, der'drei Rippenbrüche, eine Beschädigung der Wirbelsäule, einen Armbruch und eine schwere Verletzung des Gesäßes constatirte. Provinz Westpreußen. D a n z i g. Prediger Duncker, der seit nahezu 28 Jahren an der evangelischlutherischen Gemeinde thätig ist, hat sich durch längeres Siechthum genöthigt gesehen, sein Amt niederzulcgen. F l a t o w. Verliehen wurde dem ersten Pfarrer und Ortsschulinspektor, Superintenden Bodenberg der Rothe Adlerorden IV. Klasse. G u l l b i e n. Der Fleischermeister Richter von hier fuhr spät vom Wochenmarkte in Dt.-Eylau mit einem Einspänner nach Hause. Unterwegs ist er wahrscheinlich eingeschlafen und das Pferd gerieth vom richtigen Wege ab. Später fanden ihn Arbeiter in unmittelbarer Nähe des Gutes HerzogsWalde unter dem umgestürzten Wagen als Leiche. Halbstadt. Äon einem größeren Schadenfeuer wurde letztens unser Ort heimgesucht. Das Feuer entstand in dem Gasthofbesitzer Wall gehörigen Stalle und äscherte denselben vollständig ein. Auch die in der Nähe befindliche Scheune wurde von demFeuer ergriffen und brannte zur Hälfte nieder. Der starke Wind übertrug das Feuer auf das gegenüberliegende Grundstück des Besitzers Lange, dem sämmtliche Gebäude mit dem ganzen Inventar abbrannten. Marienburg. Das Schneidetnreister Wesnersche Ehepaar wollte die goldene Hochzeit feiern; die Vorbereitungen dazu waren bereits getroffen. Wesner starb jedoch plötzlich; er wurde an seinem Hochzeitstage beer-

iat;