Indiana Tribüne, Volume 29, Number 65, Indianapolis, Marion County, 8 November 1905 — Page 7
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z Die brennende Frage ? 0 p Hnmoristiscker Noman ö von 0lf von ainady (Fortsetzung.) Ter Herr Graf," fuhrSchwendtner grinsend fort, r)at g'sagt. er wird jeden, der ohne seine Erlaubniß in's Schloß hinein will, niederschießen wie einen tollen Hund. Wie einen tollen Hund," wiederholte er mit sichtlichem Behagen. Da wird der Graf wohl recht haden, wenn er Euch nicht hinein läßt." sagte der Graf barsch. Da Er so gut Bescheid weiß, so wird er mit mir in's Schloß fahren. Hat Er mich verstan den?" Jawohl, Graf Gnaden." Der Kammerdiener meldete, daß angespannt sei. Schwendtner schwang sich auf den Bock neben den Kutschen Als der Wagen langsam die Höhe bor dem Schlosse hinauffuhr, drehte sich Schwendtner um. Dort ist er, Graf Gnaden!" Wer?" , Der Herr Graf Piccolommi." Wo?" Dort." Schwendtner deutete nach dem Hungerthur-me. Graf Lasche! stand im Wagen auf. Wo denn? Ich sehe niemanden." Tort in der Luke unter dem TürUn.". So Und das, was in der Sonne glänzt, ist der Lauf von seiner Büchs'n." Von was?" Von seiner Büchs'n," wiederholte Schwendtner grinsend. Hm." Der Alte setzte .sich wieder, aber er blickte unverwandt nach dem glitzernden Gegenstande, den Schwendtner ihm gewiesen hatte. Plötzlich wurde das Glitzern stärker und ein donnerndes Halt!" tönte aus der Luke herunter. Unwillkürlich zog der Kutscher an den Zügeln, die Pferde standen. Steig Er herunter. Schwendtner," befahl der Graf. Schwendtner gehorchte. ;el) Er hinauf und sag Er dem Grafen, ich wäre da und wünschte ihn zu sprechen." .Zu Befehl, Graf Gnaden." Schwendtner ging den Hügel hinauf, bis ein abermaliges Halt!" ihn stehen machte. Herr Graf, der Herr Graf Lasche! laßt Ihnen sagen, daß 'r da is und mit Ihnen red'n möcht'." Was will er?" dröhnte dieStimme von oben. Schwendtner hielt beide Hände als Schallrohr an den Mund: Herr Graf, der Herr Graf Lasche! laßt Ihnen sagen, daß 'r da is und mit Ihnen red'n möcht'." Das hagere Gesicht des Grafen mit der Adlernase schoß plötzlich aus dem Halbdunkel zwischen den Weinblättern hervor. Marsch fort oder ich schieß'!" Aber der Herr Graf Laschek " Zurück, oder " Aber der Herr Graf Laschek " schrie Schwendtner, indem er sich ein wenig drehte und nach dem Wagen deutete. . Oben blitzte es auf. Ein Knall, ein Schrei. Schwendtner griff heulend nach rückwärts und rannte stöhnend den Hügel hinunter nach dem Wagen. Der alte Laschek war kreidebleich geworden. Schwendtner kletterte in den Wagen hinein. Umkehren!" rief der Graf dem Kutscher zu. dieser hieb auf die Pfttde tln, daß sie im Galopp den Hang hinabrasten. In aller Stille wurde der Derwundete Schwendtner vor seinem Hause abgesetzt. Daß Du mir kein Wort redest." befahl ihm Laschek. Schwendtner nickte stumm. Ich schick' Dir gleich den Arzt." In Karriere fuhr Graf Laschek in die Stadt zurück. 14. Kapitel. n dem Zimmer, in dem Harand v. Welzeneck mn der Manoolme über dem Bösendorfer Flügel hing, saß Gräfin Therese mit Thekla und Mutzi. Die Gräfin hatte verweinte Augen, sie war ganz und gar gebrochen. Was hatte sie auch nicht in diesen letzten Wochen alles über sich ergehen lassen müssen? Das' hatte sie ja schon seit Jahren gewußt, daß die Familie von den Zinsen ihres kleinen Vermögens nicht leben konnte. Und daß diese Zinsen von Jahr zu Jahr geringer wurden aus dem einfachen Grunde, weil zu dem Vermögen nicht nur nichts zukam, sondern von Jahr zu Jahr etwas weggenommen werden mußte. Aber immer hatte sie die Hoffnung aufrecht erhalten, daß eine reiche Heirath Jsas die Familie vor dem Ausammenbruche bewahren werde. Leider kam in diesem Punkte ja nur Jsa in Betracht; denn Thekla, das wußte die Gräfin, liebte den jungen Kriegsiein, und Mutzi war noch zu jung. In kurzer Zeit war ihr diese 'Hoffnung zweimal hintereinander jäh zunicht: gemacht worden. Schon die Verlobung Franz Lascheks mit Ilona war ein harter Schlag gewesen, die Abweisung Eugen Eibenthals aber hatte sie um so tiefer aus allen Himmeln herabgestürzt, je sicherer sie sich
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bereits in diesen Himmeln', die ihr die Vermählung der Tochter mit dem Millionärssohn öffnen sollte, gefühlt hatte. Und nun kam zu all dem Jammer die beinah an Wahnsinn grenzende Handlungsweise ihres Mannes. Ganz ernst hatte sie die Wohnungskündigung des alten Grafen Laschek ja doch nie genommen, trotzdem der Graf ihr auf ihren Brief nicht geantwortet, den Brief, den sie ihm nach jener kurzen und bündigen Kündigung geschrieben hatte. Denn obgleich sie den Starrsinn des Alte., kannte, hielt sie es doch nicht für möglich, daß er sie dem Elende preisgeben werde. Und ein Auszug aus dem Schk sse bedeutete das Elend. Nun. nach der entsetzlichen That ihres Mannes war. das wußte sie. jeder Gedanke an ein Bleiben verschwunden Warum hatte sie auch nicht ihren Mann von diese? That abgehalten? Ach Gott. als ob sie es gekonnt, wenn sie es auch gewollt hätte! Und" sie hatte ja obendrein keine Ahnung davon gehabt, daß Graf Lascbek selbst kommen wollte. Ach, es war schrecklich, schrecklich! Auch wenn Schwendtner, der angeschosseneSchwendtnermcht selbst klagte, und das würde er vielleicht nicht, weil er in Bezug auf unrechtmäßiges Schi:ßen ein böses Gewissen hatte, so würde sicherlich nun der alte Laschek jede derwandtschaftliche Rücksicht fallen lassen. Ich weiß nicht, was geschehen soll," sagte die Gräfin jammernd. Wir werden arbeiten," tröstete Tbekla. Mama. Tu stickst ja so wunderschön, und ich kann malen. Und wenn Jsaura ihr Brot verdient, warum soll ick es nicht können?" Ach. die Jsa!" erwiderte Gräfin Therese seufzend. Red mir nicht von der armen Jsa! Mein Gott, auch das noch! Ein Kind in der Welt, das man nicht beschützen kann! Die arme Jsa! Ach, meine Kinder,' ich bin an allem schuld. Ihr habt eine schlechte Mutter!" ' Thekla schlang zärtlich ihren Arm um die weinende gebrochene Frau. Mama, das darfst Tu nicht sagen Wir haben die beste Mutter! Es war nicht schön von Jsa, daß sie Dich verlassen konnte." Und was habt ihr. ihr. die ihr bei mir geblieben seid?" fragte die Gräfin mit Thränen in den Augen. Dich.- Mama." Ja. Mama, wir haben Dich so riesig gern," bestätigte Mutzi. Ach, Kinder." seufzte die Gräfin gerührt, seid doch vernünftig. Es ist ja so schön, wenn n?an geliebt wird. Eure Liebe, meine- guten Kinder, macht mich glücklich, aber leben können wir nicht von der Liebe, und der Onkel wird uns alle verderben!" Gibt es denn gar kein Mittel, ihn zu versöhnen?" Ach, ich hätte auch nie geglaubt, daß er wegen der Verlobung, für die ich ja doch nichts kann, uns wirklich aus unserm Heim jagen würde; er hätte es gewiß auch nicht gethan, aber nun nein, nun gibt es kein Mittel. Ich wenigstens weiß keines." Weißt Tu. Mama." rief Mutzi. ..ich fürchte mich nicht. Ich gehe selbst zu dem alten Onkel, ich werde ihn zur Rede stellen. Ich fürchte mich nicht." Du?" ' . Ach. Mutzi. rede- doch nicht so dumm." entgegnete Thekla. Ich rede gar nicht dumm." sagte Mutzi. Wir müssen ja morgen so wie so in die Stadt. Du 'weißt, warum. Da suche ich, Onkel Laschek auf. Er ist sicherlich nicht gleich wieder abgereist, sondern noch in der Stadt. Dich. Mama, würde er nicht empfangen, und Thekla kann nicht reden, sie hat keine Kourage. Aber ich werd' ihm schon die Meinung sagen!" Die Gräfin sah erstaunt auf die iünqste Tochter, die für gewöhnlich nichts als Dummheiten im Kopfe hatte. Aber in dieser Dummheit stak vielleicht doch ein wenig Klugheit. Wenn ich nur wüßte, nach wem Tu eigentlich gerathen bist. Als ich so jung war wie Du. hätt' ich mir mein Lebtag so etwas nicht zugetraut." Ja. wir leben in einer neuen Zeit, wie Onkel Kriegstein sagt." lachte Mutzi. In einer Zeit der Umwerthung aller Werthe. Und Onkel Kriegstein muß es doch wissen. Da werd' ich halt eben wohl von der neuen Zeit etwas abbekommen haben. Ich bin umgewerthet" Am andern Morgen in aller Frühe fuhr wirklich Mutzi-Katzi. ein ledernes Täschchen um die jugendlich-spitzen Schultern gehängt, nach der Stadt. Sie lachte vergnügt in den sonnigen Tag him in. knackte von Zeit zu Zeit eine Haselnuß, die sie aus der Tiefe der Tasche ihres Kleides holte, mit den Zähnen auf und warf den Kutscher vor ihr auf dem Bocke und das Stubenmädchen, die nedei ihm saß, mit den Schalen. Vor dem Lascbelschen Palais hielt der Wagen. Mutzi befahl dem Kutscher und dem Mädchen, hier zu warten, bis sie wieder herunterkomme. Ter alte Graf Laschek ging grimmig pfeifend in seinem Schlafzimmer auf und ab, als der Tiener eintrat und meldete, daß den Herrn Grafen eine Dame zu sprechen wünsche. Eine Dame?" Zu Befehl. Herr Graf" Ja, Sapristi, wie heißt sie denn?" Das will sie mir nicht sagen. Herr Graf." Der Alte lachte, wüthend. Wahrscheinlich eine von den Besucherinnen des Palais während der Anwesenheit
des Neffen, die sich einbildete, 'er 'sei fein Neffe! 'Na warte, die soll sich wundern, wie gründlich sich der Graf Laschek verwandelt hat! Führe sie in den kleinen Ecksalon!" Der Diener verschwand. Graf Laschek ging langsam durch die Zimmerflucht nach dem anderen Ende des Stockwerkes. Die junge Dame verzog bei seinem Eintritte in den Salon keine Miene. Was verschafft mir das' Vergnügen?" fragte der Graf. Ich bin die Gräfin Piccolommi," erwiderte die junge Dame. Mutzi Piccolommi." Der Graf trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Aber er , faßte sich sogleich. Ah ... den Namen muß ich schon gehört haben." Ich bitte. Graf Laschek." sagte Mutzi keck, lassen Sie die Scherze." utun a entgegnete der Gras, ten kenne Ihre werthe Familie, gründlich sogar. Leider zu. gut." Bitte, Onkel, sagen Sie ,Du' zu mir, ich bin keine .Puppe." Warum Puppe?" Wir sagen auch, wenn wir noch mit Puppen spielen: ,Wie befinden Sie sich? Wie geht es Ihrer werthen Familie'?" Warum sagen Sie denn dann .Sie' zu mir?" entgegnete der Graf zornig. Weil ah, das ist ganz egal." Nun." schrie der Graf, was will das Mädel? Was? Was soll die Komödie? Hat Deine Mama Dich geschickt, um mich zu rühren? Da hätte sie jemand anderen schicken sollen, als so ein naseweises Ding! Deine Mama na, genug Deine Mama hat Unglück na, genug, Tu bist ein junges Ding, aber eine Attacke auf mein gutes Herz durch Dich meine selige Frau war Deine Taufpathin, das hab' ich nie vergessen darum hab' ich Euch alle unterstützt alle die Zumuthungen stillschweigend hingenommen! ' Ich kann mit Dir reden. Tu siehst nicht dumm aus. Mein Schloß war Euer Schloß Ihr habt darin gewirthschaftet, Herrgott, wie gewirthschaftet! Und nun schießt Dein Vater nach meinen Leuten! Ich könnte ihm die Polizei, ja. die Polizei auf den Hals schicken! Ich hab Geduld gehabt wie ein Engel, aber jetzt ist's genug! Sag Deiner Muter. das nützt alles nichts mehr! Und daß sie Dich, so ein Kind, so ein armes Kind hierher schickt, das schlägt dem Faß den Boden aus! Grad wie bei den gemeinen Leuten! Ganz so! Wenn sie einen rühren wollen, wenn der Mann arbeitsscheu ist und die Leute Geld brauchen, dann halten sie einem die schreienden Kinder hin. die armen unschuldigen Kinder!" Ich danke!" sagte Mutzi ironisch, indem sie die Augen zusammenkniff und den Onkel anblickte. Gar nichts zu danken!" sagte der Alte grob. Du kannst Dich bei Deiner Mama bedanken!" Mutzi warf den Kopf ein wenig zurück, ihr Blick wurde noch um ein paar Grade stolzer und' geringschätzender. .Ich bitte! Meine Mama ist eine Dame! Ich lasse meine Mama mit keiner gemeinen Person vergleichen! Ich verbitte mir das!" .Ah -" So eine Keckheit war dem Alten doch noch nicht vorgekommen! Aber bei alledem war die kleine Pathe seiner seligen Frau, die junge Tochter seiner Kousine. die er das letzte Mal gesehen hatte, als sie noch kurze Kleider trug, hübsch! Und die stolze Miene machte das schmale, vor Zorn sich röther färbende Gesicht noch hübscher. Es that dem Alten beinah leid, sie so angefahren zu haben. Meine Mama." fuhr Mutzi in dem gleichen Tone fort, hat, mich auch durchaus nicht geschickt. Sie weint Tag und Nacht. Sie fürchtet sich vor Dir. Aber ich fürchte mich nicht. Vor Dir nicht und vor Niemandem in der Welt. Ich hab" allein beschlossen, zu Dir zu gehen und Dir die Meinung zu sagen." So bist Du allein hier?" fragte der Graf verwundert. Nicht allein. Ich bin mit dem Stubenmädchen in die Stadt gefahren. Ich habe verschiedene Besorgungen zu machen." Ah, also man geht zur Schneiderin und denkt,' nebenbei auch mit dem alten Onlel fertig zu werden. Ich bin keine Schneiderin " Ich gehe nicht zur Schneiderin, ich gehe in's Versatzamt." Ter Alte war starr. Was? Versatzamt?" Nun ja." sagte Mutzi, die Achsel zuckend, die Mama kann doch nicht in's Versatzamt, und die Thekla fchämt sich." . . . Dem Alten gruselte es. Da hat sie recht," sagte er ernst. Weißt Dv. was ein Versatzamt ist?" Gewiß, man bekommt dort Geld für Sachen." Der Alte war außer sich. Eine Verwandte von ihm, die mit einer solchen Kenntniß, einer solchen Ruhe vom Verfaknmit strickt?
Was hast Du für Sachen Versatzamt?" für'ö Schmuck." Kann ich ihn sehen?" Warum willst Du ihn sehen?" Weil weil ich sehen will, ob es sich lohnt " Ob es sich lohnt oder nicht, wir müssen Geld haben." So zeig mir doch den Schmuck." Wozu?"
So mach keine Geschichtm und zeig ihn mir." Mutzi öffnete das Ledertäschchen und holte ein paar Armbänder heraus, drei Broschen und eine Agraffe. Ist das alles?" fragte der Graf. Ja. Das andre hat Mama schon verkauft." Mein Gott, mein Gott!" rief der alte Laschek. Und das alles ist Wahrheit?; Für so heruntergekommen hatte er die Familie Piccolommi denn doch nicht gehalten. Warum fragst Du mich?" sagte Mutzi. Da. Mutzi." erwiderte der Alte und gab ihr die Schmucksachen, trag das der Mama zurück. Das darf nicht sein. Das geht nicht. Daß Dir die Mama so etwas erlauben konnte! . Mit dem Stubenmädchen in. die Stadt! Mit dem Stubenmädchen in's Versatzamt! 3o eme (-Hände! Was lollen Ote eure von mir denken?" Mutzi schloß das Täschchen -wieder und fing plötzlich an zu weinen. , Um Gottes willen, weine nicht." sagte der Alte gerührt. Nein, so bin ich nicht. Gott sei Dank, daß Du zu mir gekommen bist. Das war eine gute Idee. Weine nicht." Er strich Mutzi so sanft, wie es seinen in solcher Zärtlichkeit ungeübten Händen möglich war, über Haar und Wangen. Ein eigenthümliches Gefühl durchrieselte ihn bei dieser ungewohnten Thätigkeit. Aber wenn ich der Mama kein Geld bringe " sagte Mutzi. Ich werde selbst nach Welzeneck fahren." Das geht ja doch nicht. Papa schießt Dich. Er hat's geschworen." Der Graf besann sich eine Weile. Daß Graf Silvio wirklich verrückt geworden war, war ihm seit gestern zur Gewißheit geworden. Um so weniger konnte er die bedauernswerthe Familie ohne Unterstützung lassen. In Gottes Namen sollte sie auf Welzeneck wohnen bleiben. Wenn der Graf diese seine Meinungsänderung erfuhr, würde er wohl das Schießen bleiben lassen. Wir fahren zusammen." sagte er endlich. Auf Dich wird der Papa doch wohl nicht schießen. Jetzt mach' ich's so wie Deine Mama. Jetzt halte ich das Kind hin." Ich bin ja gar nicht Dein Kind." lachte Mutzi. Ich adoptire Dich für heute." Ich bin's zufrieden." Und jetzt ruh Dich aus. Geh, sag dem Stubenmädchen, daß sie nach Haus fahren soll. Du kämst mit mir nach." Gut. Das will ich!" Mutzi sprang hinaus. . Zwei Stunden später säßen Graf Dominik Laschek und Mutzi auf dem Vordersitze eines hochräderigen offenen Wagens nebeneinander, ein Diener mit stolz über der Brust gekreuzten Armen hinter ihnen.. Der alte Graf kutschirte selbst. Vergnügt trabten die Braunen die Landstraße nach Welzeneck dahin. Ich hätte gar nicht gedacht, daß Du so fesch kutschiren kannst," sagte Mutzi lächelnd. So? Warum?" fragte der Graf geschmeichelt. Ich hab' immer gedacht, Du wärst so alt. Aber Du bist gar nicht alt. Der Franzi hat immer gesagt .der alte Onkel.' ." feor Ja." Der Franzi! Sprich mir nicht von dem, wenn Du mich bei guter Laune erhalten willst." Ich glaube, Du kannst überhaupt gar nicht in schlechter Laune sein," lachte Mutzi. Wer sagt Dir denn das?" Dein Gesicht." Mein Gesicht?" Ja. Du thust nur manchmal so. Du verstellst Dich." Ah, sieh einmal an! So gut kennst Äu mick?" Ja, das weiß ich, weil " Nun? Weil?" Jch bin auch immer guter Laune." Und deshalb?" Deshalb hab' ich Dich gleich den ersten Augenblick erkannt, wie ich Dich gesehen hab'." Sie . lachte schelmisch vor sich hin. Warum lachst Du?" Weil wir zwei beide passen zu einander." ' So?" Der Graf klatschte lustig mit der Peitsche. Ich glaube, ich kenne Dich auch." Nun, wie denn?" Du bist eine kleine Schmeichelkatze." Weil ich gesagt habe, daß Du fesch kutschirst? Nein, das ist keine Schmeichelei. Das ist Wahrheit." Hm. hm." Sie schwiegen beide eine Weile. Ter ganze Zorn des Alten war geschmolzen, er dachte nicht mehr an Franzi, nicht mehr an das gestrige Erlebniß, nicht mehr an den Aerger. den ihm die Ernennung des Barons Karst zum Minister bereitet; die angenehme Gegenwart hatte die Erinnerung an all die Unannehmlichkeiten ausgelöscht. Der Sonnenschein, die grüne Natur ringsum waren ihm lange nicht so schön vorgekommen, von der hübschen Nichte an seiner Seite schien ein eigenthümlich wohliges Gefühl jugendlicher Kraft,, jugendlichen Leichtmuthes auf ihn überzugehen. Der Wagen fuhr langsam bergan, der Diener stieg ab und ging hinter dem Wagen her. Da begann Mutzi wieder: Onkel!" Nun?"
Bist Du , wirklich so bös auf den Franzi?" - Ich hab' alle Ursache dazu." Wenn er die Ilona Zschakatorniay aber doch liebt?" Ah, larifari! Liebt! Mädel, mach mich nicht wild! Sonst wirst Du sehen, daß Du mich doch nicht kennst. Weil er mein einziger Erbe ist, meint er, er könnt' mit mir machen, was er will! Ich will's ihm aber anstreichen!" Puh," sagte Mutzi. indem sie das Gesicht verzog und so that' als ob sie sich vor des Alten Zorn fürchtete. Der Graf mußte lachen. Siehst Du. Onkel. Du lachst schon wieder! Ich glaub', ich kann Dich immer zum Lachen bringen, wann ich will!" Wenn Du mich an die Verlobungsgeschichte. an der Ihr schuld seid, erinnerst. gewiß nicht." , Erstens sind wir gar nicht ichulö daran, sondern das Gewitter. Die Leute kamen mitten in dem Gewitter. wir konnten sie doch nicht in den Stall stecken " Es wäre besser gewesen, Ihr hättet sie in den Stall gesteckt. Solches Gesindel gehört -nicht einmal in den Stall! Und zweitens?" . Und zweitens mußt Du doch lachen, wenn ich will!" Der Alte lachte wirklich. Siehst Du!" Der Alte lachte noch lauter, und Mutzi stimmte in sein Lachen ein. Ich werde Dich als Spaßmacherin engagiren," sagte endlich Laschek, wenn ich wieder nach Hostrowetz zurückfahre. Willst Du mitkommen?" Mutzi senkte den Kopf ein wenig und blinzelte schelmisch zu dem Onkel hinauf. Als Spaßmacherin? .Au contraire.' Dann mußt Du mein Spaßmacher sein." Teufelsmädel! Willst'Du Dich über Deinen Onkel lustig machen?" Wenn Du mich gut behandeln willst, komm' ich schon mit." Abgemacht!" rief der Graf. Das heißt, wenn's die Mama erlaubt," fagte Mutzi, den Onkel wieder von der Seite ansehend. Na, die wird's schon erlauben." Ich weiß nicht wenn der Papa und die Mama ausziehen müssen aus Welzeneck " Dummheiten," brummte der Alte. Davon ist ja gar keine Rede. Jetzt handelt es sich nur darum, daß wir beide nach Welzeneck hinein, kommen." Er deutete mit der Peitsche nach dem Schlosse, das hinter einer Biegung des Weges auftauchte. Ich glaube, das Thor ist noch immer geschlossen." Wart einmal!" rief Mntzi lachend, indem sie in die Tasche griff. Was willst Du thun?" Das wirst Du gleich sehen." Sie zog ihr Taschentuch hervor und schwenkte es'. Langsam fuhr jetzt der Wagen den Hügel hinan.. Halt!" donnerte plötzlich die Stimme des Grafen Silvio aus der Hungerthurmluke herunter. Ich bin's. Papa!" rief Mutzi. Onkel Laschek will uns nur besuchen." Wir brauchen seinen Besuch nicht!" tönte es krächzend aus der Luke herunter. Leg doch die dumme Flinte fort, Papa!" rief Mutzi. Siehst Du denn nicht die Friedensfahne in meiner Hand?" Ah so . . . also Einstellung der räuberischen Ueberfälle!" Jawohl!" schrie lachend Graf Laschek hinauf. Abbitte?" (Fortsetzung folgt.) ungetreuer P o o o t e. Einer Berliner Strafkammer wurde kürzlich der 29 Jahre alte Postbote Schröder vorgeführt. Schröder lebte sehr leichtsinnig und unterschlug, um seinen Passionen fröhnen zu können, auf einem Postamt etwa 200 Briefe. Der Gerichtshof verurtheilte ihn zu einem Jahr sechs Monaten Gefängniß und drei Jahren Ehrverlust. - . Drakonische O r d i n a n z. Der Stadtrath von Chillicothe, Mo., hat eine Ordinanz angenommen, welche nicht nur den Sonntagsschluß der Wirthschaften erreichen. ' sondern auch das Halten von Wirthschaften nahezu unmöglich machen wird. Danach müs-
sen Personen, welche eine Wirthschaft halten wollen, die Unterschriften einer Majorität der Grundeigenthumsbesitzer der Stadt und der Geschäftsleute in dem betreffenden Block" vorweisen, ehe ihnen die Lizens ertheilt wird. Außerdem müssen sie als Garantie für den strikten Sonntagsfchluß eine Bürgschaft von $1000 stellen, welche sofort verfällt, sobald der Wirth sich erweichen läßt, am Sonntag Durstige zu laben. oder falls er andere Bestimmungen des Gesetzes verletzt. Seitto Meinung. Sonntagsjäger: Ganze Völker sollen von der Jagd gelebt haben! Dann müßten die ja aus lauter Treibern bestanden haben!" Fatal. Ist es wahr, daß die neue ZündHölzchenfabrik total abgebrannt ist?" Jawohl bis auf die Zündhölzchen! Die wollten absolut nicht brennen!" Sroir. Du hättest ihm nicht glauben sollen! Einem Schauspieler muß man nie etwas glauben, die schwötn Sitmmfn lRnä Ynin fttfi VVVh -v v w.wv Das weih ich aus eigener Erfahrung!"
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In Verständniß des Vsnkee ' Doodle. Yankee Doodle went 'tot toTvn, Riding on a pony; He put a feather in his crown And called it macaroni." Dieses amerikanische Nationallied soll bekanntlich in einem der ersten Kämpfe der Aufständischen gegen die englischen Truppen von der englischen Musik nach einem, abgeschlagenen Angriff der Amerikaner diesen zum Hohn gespielt wo?- ' den sein. Dadurch wäre die Wuth der letzteren so entflammt worden, daß sie sofort Kehrt machten, sich, aus dieEngländer stürzten und" ihnen die erste Niederlage in dem Krieg beibrachten, der in der Folge zur Gründung der freien amerikanischen Republik führte.In diesen Versen wäre, wenn man, wie natürlich, Yankee Doodle als den Spottnamen der Engländer sür den eingeborenen Amerikaner nimmt, so ziemlich alles verständlich, bis auf das räthselhafte Macaroni; und doch liegt gerade darin der eigentliche Hohn der Verse. Macaroni ist nämlich hier nicht als Name für Nudeln zu verstchen, sondern war im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in England die gangbare Bezeichnung für alles, was modern, elegant, liigliost fashion war oder sein wollte; die Macaronis waren die Gigerln oder Dandys, und alles, was auf der Höhe der Zeit" sein wollte, nannte sich a la Macaroni. Es gab damals Renn - Macaronis, Macaroni - Tanzlehrer. Macaroni-' Gelehrte, ja sogar die Geistlichen trugen damals Haar und Bart a la Macaroni geschnitten. Als Leibgarde der Mode werden daher auch die Maca ronis in einer Apostrophe an die Mode" im Universal Magazine" vom Jahre 1772 verspottet; es heißt dort: Dein ist der Mann und das Weib; dein ist die Welt nicht zuletzt auch jene magere, schön gezierte, zweibeinige Bagatelle, jenes sanftgestchtige. sanftherzige Ding, mit einem großen Kopf und nichts darin, dein vielgeliebter Macaroni. Für dich tanzt er, kleidet er sich, äugelt er, humpelt er; für dich spreizt er sich auf den Zehen, lispelt wie eine Näherin, hüpft auf den Teppichen und geht im Paßgang den Damen nach; für dich giebt er seine Mannheit preis und ist das zwiegeschlechtige. verächtliche Wesen, als das wir ihn vor uns sehen." Der Name selbst soll von einem vornehmen Londoner Spielklub stam- . men. dessen hocharistokratische und exklusive Mitglieder aus nicht ganz 'durchsichtigem Grunde Macaronis genannt wurden; die obige Erweiterungder Bedeutung des Wortes scheint dann in ähnlicher Weise vor sich gegangen zu sein, wie heute gewisse, für den Gebrauch der feinsten Luxuskreise berechnete Gegenstände auf den Namen Jockey - Klub getauft werden. Jedenfalls läßt sich aus dieser Erklärung der Zorn der Amerikaner über den Spottvers verstehen, nach dem eine Feder auf dem Hut dem zjankee Doodle genügen sollte, um sich im Vollbesitz des Macaroni-Glücks zu fühlen. Barrussen. Während in Deutschland der Vollbart lange Zeit als eine Art Symbol der Demagogen" galt und als solcher verpönt war. ist in Rußland noch heute der vollbärtige, oft auch langes Haar tragende Bartrusse" der alleinige Träger des strenggläubigen, starr am Alten hangenden Russenthums. Im 17. Jahrhundert wurde noch mit dem Bann der russischen Kirche belegt, wer seine Haare nach ausländischer Weise trug oder seinen Bart schor. Unter dem Zaren Alexe! wurde ein Fürst Massalskij seines Amtes mtsetzt. weil er sein Haar der ausländischen Sitte gemäß gestutzt hatte. Der Patriarch der griechischen Kirche Joachim drohte nicht blos diejenigen, welche den Bart scheeren würden, zu verfluchen, fondern auch diejenigen, welche mit den Rasirten Umgang pflegen würden. Der Nachfolger Joachims, Adrian, hat gleich zu Anfang seiner Amtstbätigkeit in einer Encyklika gegen die Sitte des Bartscheerens geeifert; er zählt die Fürsten auf darunter Julian Apostata und Konstantin den Vilderstürmer . welche das Bartscheeren anöefohlen hätten; ohne Bart sehe man nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Hund oder ein Kater aus; nur wer mit den Katzen sich vermischen wolle, könne daran denken, seinen Bart zu scheeren; bei denKetzern kommees sogar vor, daß nicht blos Weltliche, sondern aus Geistliche sich den Bart und Schnurrbart scheerten und dann wie Affen aussähen. Als der Bojar Romodanowskij erfuhr, daß der russische Gesandte Golowin in Wien ohne Bart und in deutscher Tracht erschienen sei, sagte er, er könne es nicht glauben, daß Golowin toll geworden sei. In den ersten Jährendes 18. Jahrhunderts erst brachten die Reform-Ukase Peters des Großen,- welcbe die Bärte, und Kleidungen betrafen, in der besseren Gesellschaft eine Wandlung hervor. Noch heute wäre indeß ein Geistlicher ohne langwallendes Haar und langen Bart in Rußland nicht gut möglich; die an der Tradition hängenden Ruf sen bezeichnen sich selbst als Bartrussen" im Gegensatz zu den modernen Anschauungen huldigenden Westlern", den Sapadniki, die ja neuerdings die Oberhand gewonnen zu haben scheinen.
