Indiana Tribüne, Volume 29, Number 60, Indianapolis, Marion County, 2 November 1905 — Page 6
Jttdiana Tribüuc, 2. November 1905
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Dr. August Kö:ug'z amtar r die alte, zuverläßige fiur gegen Mals und cCungen cCeiden. (?r wärmt, beruhigt, erquickt, kurirt. Nur in Original Packet.o. PreU 25c, Warum nicht Ihr Heim anziehend machen, durch bin Gebrauch eines : : : : Garland Ofen ...und Range... Dieselben übertreffen alle andern in Schönheit, Dauerhaftigkeit, Heizkrafi und Sparsamkeit im Kohlenverbrauche. Sie werden mit Vergnügen gezeigt WI LUG'S ...Mödel'Havdlnng... Ul West Washington Straß, Grobe VuSmahl von ..GrallÄIL s und . TTnnninPTitPTi I lUUUlLUlUUlUUit 22 No. 449 Gft Washington Str. rn Hl Offl: 3333 . Senate AlteS Telephon Main 2525. Br. A. Sutcliffe, Wund -Arzt, Gtschlschts, Urin nnlÄecxnn Krankheiten. Offfce : 155 OS malti Str. Tel. 241 Cf:ttiira : t feil 10 rr sm. : s Mi iniu Dr. Carl Q. Winter Deutscher Nrzt. Sesndelt alle akute und SronisÄe Zkra, tzttt. lZevuttSyillse pqttUtt. Offtce: 14 Wett Ohio Ci. MR-t,dl oyua:l5Vadls,tz, 1011 ,. SVNNunve T ul 14 AZaH. nntag : B ach. 0 Ute t E39t)tnwa leddo t Jtt-lfljö . Ut L juttji. Km it.
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Europaische Nachrichten. VHeinproVinz. Barmen. Die ThurmseilKünstlerin Ervina, die auf. der Kas-
selsruhe stark besuchte Vorstellungen gab, stürzte bei ihrer Produktion vom hoch gespannten Seile herunter. Das darunter befindliche Schutznetz hielt der Wucht des F-alleZ nicht stand. Schwer verletzt mit gebrochenem Arme und Beine mußte die Bedauernswerthe zum HospUale geschafft werden. E l o e r f e l d. Durch Emathmung von Kohlengasen ist der Moneur Emil Fischer aus derWülfratherstraße zu Tode gekommen. Fischer war in Wiesdorf am Rhein m emer Fabrik mit der Einrichtung von Dampflsonrungen beschäftigt gewesen und hat dabei die aus dem Schornstein ausströmenden Kohlengase eingeathmet. Er verfiel, als er nach Sause kam, in Bewußtlosigkeit und ist daraus nicht wieder erwacht. Fraulauter n. Kürzlich drang der dem Trunke ergebene Bäcker Mühlenbacher mit einem Messer auf leine Frau ein; der einundzwanzigjährige Sohn eilte seiner Mutter zu Hülfe und schoß, als der Vater nun ihn Mit dem Messer bedrohte, aus einem Flobert nach dem Manne, der in's Herz getroffen todt zusammensank. Der Thater stellte sich selbst der Polizei. . Krefeld. Kurzlich verstarb hier der frühere langjährige Beigeordnete und Stadtverordnete Gerhard Vrockerhof im gerade vollendeten 87. Lebensjahre. Der Verstorbene war 30 fahre Stadtverordneter, 20 Jahre Beigeordneter im Ehrenamte. Vor 7 Jahren zog er sich von feiner sehr verdienstvollen öffentlichen Thätigkeit zurück. M ii l h e i in. Auf den iin nahen Heißen gelegenen Zechen ereigneten sich drei schwere Unglückssalle. Aus Zeche Rosenblumendelle wurde durch herabfallende Gesteinmassen der Bergmann Ernst. Schmalenbach getroffen und ihm die Wirbelsäule gebrochen. Auf Zeche Wiefdje" erlitt der Bergmann Theodor von Vorsellen durch herabfallende Gesteinmassen schwere innere Verletzungen; auf Zeche Roland" wurde der Bergmann Wilhelm unqbluth von hier von Herabsturzenden Gesteinmassen schwer am Kopf und an der Wirbelsäule verletzt. Alle drei Verunglückte wurden m die hiessgen Krankenhäuser überführt. Saarbrücken. In der entlegenen alten Metzerstraße wurde der Schlosser Stein aus St. Johann von dem Wirth und Monteur Koch durch drei Revolverschüsse verletzt. Koch handelte in Nothwehr. Er hatte mehrere unliebsame Gäste vor die Thür gesetzt, und als diese unter. Zuyllsenähme lebensgefährlicher Werkzeuge bei ihm wieder einzudringen versuchten. feuerte er drei Schusse auf sie ad, von denen einer den unbetheiligten Zuschauer Stein in's Auge traf; die Verlekuna Stein's ist nicht todtllch. Rheindorj. Beim Baden im Rhein ertrank Hierselbst der 9 Jahre alte Schüler Jakob Frenger. Wer lau. In den Gruben oer hiesigen Gewerkschaft sind die Berg leute Leininger und Pfau verunglückt. Sie waren mit Sprengungen beschas tiat und wurden dabei vom Gestein er schlagen. Sie erhielten Verletzungen an Kops und Brust. Frovinz ßetfen'glxflxix. Kassel. Sein 25jähriges Amts jubiläum konnte der allen Besuchern des Herkules bekannte Oktogon- und Kaskaden-Aufseher Hermann Bätzing auf Wilhelmhohe begehen. Eiterhaqen. Dem Jagdpächter Bauer stieß ein schweres Unglück zu. Er war in den Wald gegangen, um auf Rehböcke zu pürschen. - Als er nun einen Rehbock abknicken wollte, entlud sich der Lauf seines Gewehres und der Schuß ging dem unglücklichen Mann unter dem Arm m den Korper und trat am Hals wieder aus. Bauer ist kurze Zeit nach der schrecklichen Verletzung gestorben. 'Frankfurt. Beim Spielen er trunken ist hier der 8jährige Schüler Heister. Der Junge ließ mit einigen Schulkameraden oberhalb der Ober mainbrücke einen Drachen fliegen, wobei der Drachen in's Wasser fiel. Heister wollte ihn wieder herausfischen, verlor aber dabei das Gleichgewicht und stürzte kopfüber in's Wasser. Die herbeigeeilten Fischer konnten den Jungen nur noch als Leiche herausziehen. Hersfeld. Die Ehefrau des Arbeiters Wilhelm Kühn, wohnhast in der Breitestraße, wollte eine in der Bruvergaffe wohnende Familie, bei der eins ihrer Kinder in Pflege ist, besuchen und verschiedene Gegenstände dorthin bringen. Infolge ungenugen der Kenntniß der örtlichen Verhältnisse in dem Hause stürzte sie vom Voden in einen unteren Raum, und zog sich hierbei so schwere Verletzungen zu, daß sie sterbend - nach dem hiesigen Landkrankenhause gebracht wurde, wo sie kurz nach der Einlieferung verschied. Langendiebach. Auf der nahe gelegenen Gewerkschaft Heldburg wurde Hauer Rüdiger und. der LehrHauer Wenzel durch Sprenggase überrascht. Wenzel war sofort todt. Rüdlger ist am Krankenhause gestorben . Niederaula. Vor ewiger Zer verunglückte der Briefträger I. Weis fenbach hier dadurch, daß er auf der steilen Straße bei dem Kalkofen von
einem Wagen abstürzte und sich eine
sfkwkr? leblrnericdulleruna zuzoa. Bald darauf ist er dieser Verletzung erlegen. rn i ? fi n h t n. Generalleutnant z. D. Rudolf v. Barby Hierselbst ksnnte den Tag begehen, an dem er vor 65 5kabren als Sekondeleutnant in das Garde - Regiment zu Fuß eintrat. Der General hat die Feldzüge 1864, 1866 und 1870 71 mitgemacht und ist noch bei bester Gesundheit. Mtkerdeittsche Staaten. A l t e n b u r g. Der Vorsitzende des Vorstandes .der Anwaltskammer im Bezirke des Gemeinschaftlichen Thüringischen Oberlandesgerichtes Jena. Geheimer Justizrath Otto Hase Hierselbst, ist durch, Verleihung des Rothen Adlerordens 3. Klasse ausgezeichnet worden. Bischofroda. Als hier die 75 Jahre alte Mutter des Landwirths Karl Baumbach damit beschäftigt war, die Pferde zu füttern, drehte sich ein sonst ruhiges Thier plötzlich um und biß der alten Frau die Nase vollständig ab. Gera. In semer Wohnung erhängt aufgefunden wurde der in der Berggasse wohnhaft gewesene . ledige Weber Feistel. 40 Jahre alt. Die Leiche war schon stark in Verwesung übergegangen. Der Grund des Selbstmordes ist unbekannt. Heiersdorf. Der 2iahnge Knabe des Zimmermanns Tauber betrat beim Spielen die Holzdecke eines schon längere Zeit außer Gebrauch gesetzten Pumpbrunnens. Plötzlich gab die morsche Planke nach, und vor den Augen semer Mutter stürzte das Kind in den gegen 17 Meter- tiefen Brunnenschacht. Erst nach vieler Mühe und unter eigener Lebensgefahr gelang es, den Leichnam des mzwlsehen ertrunkenen Kindes wieder herauszuschaben. Jena. Einer Benzmvergiftung ist das hier zu Besuch weilende änderthalbjährige Söhnchen des Bücherrevisors Schmidt aus Thorn zum Opfer gefallen. In einem unbewachten Augenbllck gerieth dem Kind eine Benzin-. flasche m die Hände, es trank daraus und starb nach kurzer Zeit. K o st r x tz. Vor kurzem ist hier Frau Amalie Tnnkler im Alter von 74 Jahren gestorben. Die Verstorbene hat an dem Krieg 187071 als freiwillige Krankenpflegerin theilgenommen und nach ihrer Ruckkehr aus Frankreich auch eine Zeit lang in dem in Greiz stationirten Lazarett gewirkt. Lohma. Letztens schlug der Blitz in das Haus des Gutsbesitzers Funker ein und todtete m der Wohn stube die gerade dort weilende Schwiegermutter des Besitzers. Em m der Stube noch befindliches Kind blieb unverletzt. Das Haus würde - durch den Blitzstrahl nur wenig beschädigt. R ü h e n. Mit einer Schußwunde im Kopf wurde der Anbauer Friedrich Hehle in seiner Scheune aufgefunden. Er ist bald darauf gestorben. SacHsen. Dresden. Dem Oberleutnant des 12. Feldartillerie - Regiments Bramsch ist für Errettung zweier Personen aus der Gefahr, infolge Durchgehens der Pferde zu verunglücken, die silberne Lebensrettungsmedaille verliehen worden. V r i e s n i tz. In der hiesigen Kirche vollzog Pfarrer R. Wolf von der Markuskirche in Stadt Ehemnitz die feierliche. Einsegnung seiner eigenen, in Ehemnitz wohnenden hochbetagten Eltern an deren goldenem Hochzeitstage, Kantor emer. F. Wolf, 75 Jahre alt, und dessen 69jährigen Gattin. Unter den zahlreichen Hochzeitsgästen befanden sich 19 Enkel und 6 Kinder der Eingesegneten. Ehemnitz. Dem Maschinisten Ulhsch und dem Maurer Felber. bei der hiesigen Aktienspinnerei thätig, wurde die Friedrich August - Medaille in Bronze verliehen. Außerdem erhielten das Ehrenzeichen für Treue in der Arbeit Schmiedemeister Fichtner und Schraubenschneider Klötzer, beide in der Maschinenfabrik des Ulbricht beschäftigt, und der in hiesiger Gasanstatt in Arbeit stehende Schlosser Barth. Döbeln. Das goldene Ehejubikaum beging der Hausmeister Johann Gottfr. Bober mit seiner Gattin. Großzschocher. Ein brllagenswerther Unglücksfall ereignete sich in der Kunstmühle Zickmantel & Schmidt. Daselbst gerieth der 41 Jahre alte Arbeiter Leopold Franz Mucke.. hier Knauthainer Straße' 41 wohnhaft mit dem linken Fuße in eine sogenannte Transportschnecke, wobei dem' Manne der Fuß bis oberhalb des Knöchels im wahren Sinne des Wortes abgerissen wurde. . Leipzig. Am Rothenstemer Felsen ist ein Handwerksbursche, der Schuhmacher Paul Henßel von hier, abgestürzt. Er fiel auf den Bahndämm, wo er in schwerverletztem Zustände von einem Streckenwärter aufgefunden und später nach den LandesHeilanstalten in Jena - transportirt wurde. Neugersdörf. Vom Eisenbahnzuge überfahren ließ sich auf der StreÄe Zittau - Eibau der 60jährige Maler August Hölzel von hier. Hölzel, der schon einige Male in der Landes - Irrenanstalt zu Großschweidtnitz Aufnahme gefunden hatte, dürfte die That in einem Anfalle von Geistesge- . störtheit verübt haben.
ZZrei ZZcgegnnngen.
Von B. Nittmeqer. Dr. Erich Lmdner ist noch Junggeselle trotz seiner fünfunddreißig Jahre und einer glänzenden Praxis und trotz seine: Neigung zum Familienleben. Er bedauert es lebhaft, daß er keine zrau hat, aber er weiß nicht, wie er zu einer kommen soll. Er weiß es wahrhaftig nicht, und das macht ihn bisweilen förmlich unwirsch. Nicht daß es ihm an Gelegenheit zu Damenekanntschaften" oefehlt hätte, wie es in Heirathsgesuchen so schon ausgedrückt zu werden pflegt. Im Gegentheil, man riß sich ja um ihn in seinem Kreise. Er hätte jeden Abend in einer anderen töchtergesegneten Familie den Liebenswürdigen spielen, hätte ' im Winter tanzen und schlittschuhlaufen, im Sommer Tennis fpielen und radein können an freundlichen Aufforderungen dazu fehlte es wahrlich nicht. Aber Dr. Erich Lindner hatte zu solchen Amüsements keine Zeit und keine Lust. Unter all den jungen Dämchen hätte er wohl kaum seinJdeal gefunden: das schlichte ernsthafte Wefen, das bereit gewesen wäre, auf diese Vergnügen klaglos zu verzichten, um an feiner Seite ein Leben voll AufOpferung für die leidende Menschheit zu führen. Denn daß seine Frau thatkräftigen Antheil nehmen mußte an dem, was die Hauptsache in seinem Dasein war, an seinem schweren und doch so herrlichen Beruf, das stand bei ihm fest. Und das sich das nicht vertragen würde mit lebhafter Geselligkeit, mit den Zerstreu'mgen, wie sie gerade dem Theil der jungen Damenwett, mit dem ihn seine soziale Stellung in Verbindung bringt, Bedürfniß ist, das scheint ihm gleichfalls sicher. Das ist seine Ansicht, und so würde er wohl niemals zu einer Frau kommen, sondern sich mit der alten. Dörte begnügen müssen, die- schon seiner verstorbenen Mutter gedient hatte, die seinen Haushalt im Stande hielt und Süppchen für seine ärmsten Patienten kochte, aber schreiend dämlich, wenn's galt, bei irgend einer kleinen Operation Handreichungen zu thun. Für ihren" Doktor sorgt sie allerdings musterhaft in leiblicher Beziehung, trotzdem sehnt sich Dr. Erich Lindner aber doch oft nach einer jungen Gefährtin, einer verständnißvollen Gehilfin, einer Seele, mit der er alles theilen könnte. Auch eb:n jetzt, als er durch den weiten Park schreitet, rasch, wie einer, der nicht viel Zeit hat, überdenkt er die wichtige Frage mit leisem Seufzen. Kinder laufen ihm vor die Füße und stören seine Betrachtungen. In seiner Näh: ertönt lautes Weinen zwei elegant gekleidete Jungen bearbeiten ein ärmlich aussehendes kleines Mädchen, das aus Versehen in den zum Spiel gczogencnKreis getreten ist, mit den Fausten und schimpfen dabei ars Leibeskräften. Ehe Dr. Lindner die Sachlage recht erfaßt hat, eilt ein junges Mädchen in schlichtem. Anzug herbei, gibt jedem der Buben einen kräftigen Stoß und beugt sich dann liebevoll zu der kleinen Proletarierin nieder, ihr tröstend zusprechend. Die Helferin ist offenbar Kinderfräulein, denn zwei weißgekleidete entzückende Vüppchen mit wallenden blonden Haaren laufen ihr nach und das größere ruft: Fräulein, lassen sie doch das schmutzige Ding laufen und erzählen Sie uns die Geschichte weiter. Es ist ja nur ein Bcttelmädchen.Pfui, Elfe, schän dich! Wie kannst du so häßlich re.n? Als ob das Kleid den Menschen machte! Wer weiß, ob das arme Ding nicht ein viel besseres Kind ist als du." Dr. Lmdner hörte die empörten Worie des jungen Mädchens und lächelte zufrieden vor sich hin. Das geschieht alles mit q viel natürlicher' Anmuth, so voll Güte, daß das hübsche Bild den Arzt noch lange begleitet. Und als er das kleine Erlebniß fast vergessen hat. da forgt ein Zufall, daß es ihm wieder in Erinnerung kommt. An einem Sonntagmorgen, als die Glocken zum Frühgottesdienst läuten, hat Dr. Lindner schon vor seiner Sprechstunde einen dringenden Besuch zu machen, in einem Haus gerade gegenüber der Lutherkirche. Als er aus seinem Coupe springt, fällt sein Blick auf eine alte Frau in seltsamer, einer längst vergangenen Mode anaehöriger Kleidung. Sie humpelt an einem Stock, in der anderen Hand hält sie das Gesangbuch und eine Tase es wird ihr sicherlich schwer, sich bei dem heftigen Wind fortzubewegen. Am Portal der Kirche steht sie hilflos, ängstlich die paar Stufen messend. Das Gesangbuch entfällt ihrer Hand, als sie ihren langen Rock aufnehmen will. Ein paar Gassen buben stehen grinsend dabei und weiden sich an der Verlegenheit der komischen alten Frau. Aber schon ist Hilfe nahe. Ein weibliches Wesen mit einem Körbchen am Arm tritt zu der Alten, hebt ihr das Buch auf, führt sie sorgsam die paar Stufen hinan und öffnet die Kirchenthür, sie so lange haltend, bis die unbehilfliche Verson eingetreten ist. Dann geht sie ihres Weges weiter, dem Arzt, der immer noch neben seinem Wagen steht, einen Augenblick Ihr Antlitz voll zuwendend. Der zuckt erstaunt zusammen es ist das junge Mädchen, das sich vor Wochen im Park des mißhandelten Kmdes angenommen hatte.
Dr. Erich Lindner geht in der nächsten Zeit auffallend oft durch den Park, wenn seine Zeit es irgend gestattet, und ebenso oft macht er sich in der Nähe der Lutherkirche zu schaffen. Doch er hat kein Glück. Nicht einmal wieder trifft er seine junge Bekannte.
an die er fortwährend denken muß. Es macht ihn ganz ärgerlich, daß er die Erinnerung nicht los werden kann und den Wunsch nach einem Wiedersehen. Jedesmal, wenn er vergeblich den Park durchquert und alle Kinderfräuleins aufmerksam gemustert hat, suhlt er eine neue Enttäuschung. Zuletzt zwingt er sich gewaltsam, den Park zu meiden und gar nicht mehr an das Mädchen zu denken. Es ist ja auch zu lächerlich! Gewiß hätte ihn eine dritte Begegnung aus allen Himmeln gerissen. Vielleicht hätte er die hübsch: Kleine an der Seite eines verliebten Jünglings getroffen. Hundertmal hatte er fchon solche Fräuleins beobachtet, wie sie mit glühenden Wangen der Unterhaltung eines So!daten lauschend, kaum Acht hatten aus ihre Pflegebefohlenen. Dr. Lindner hat keine allzuhohe Meinung von der weiblichen Tugend. Zuviel Oberflächlichkeit und Leichtsinn sind ihm schon in seinem Leben, in seiner Praxis entgegengetreten. Da ist er zum Zweifler geworden, und es reizt ihn, daß ihm die zierliche Gestalt des ihm doch ganz fremden Mädchens immer vor Augen schwebt. Die Mittagssprechstunde ist auch heute, wie freilich in der Regel, stark besucht. Im Wartezimmer sind alle Stühle besetzt von harrenden Panenten. Streng der Reihe nach tritt einer nach dem andern in das Sprechzimmer ein. Eine ärmlich aussehende Frau mit einem- leise wimmernden Kind auf dem Arm blickt oft nach der an der Wand hangenden Uhr und seufzt, wenn wieder fünf Minuten herum sind. Ich muß um drei wieder am Waschen sem, sonst gibt's Krach mit der gnädigen Frau. Sie hat mir nur ungern eine Stunde Urlaub gegeben ach Gott, und es dauert so lange!" So klagt sie einem neben ihr sitzenden Arbeiter, der den Arm in der Binde trägt. Wieder öffnet sich dieThür: W ist an der Reihe. bitte schnell." Das dunkle Auge des Arztes überfliegt die Wartenden. Ein junges Mädchen tritt vor und spricht schüchtern: Ach, bitte. Herr Doktor, wenn Sie statt meiner die Frau dort erst nehmen wollten ich kann warten, ich habe Zeit." Doktor Lindner steht einen Augenblick ganz fassungslos: das ist sie ja, die er so lange vergeblich gesucht hat! Aber, jetzt heißt's sich zusammennehmen... Schön, wie Sie wollen". Er winkt der Frau mit dem Kind, und dann schließt stck die Thür. Die Eonsultation dauert nicht lange. Diesmal begleitet der Arzt die Frau mit dem Kind in's Wartezimmer und spricht freundlich zu dem jungen Mädchen: Da sie keine Eile haben, bitte ich Sie, sich bis zuletzt zu gedulden. Es handelt sich höchstens noch -um eine Viertelstunde." Gern, Herr Doktor." Suse Hartmann versteht zwar den Wunsch des Arztes nicht, aber das kommt ja nicht in Betracht. Wenn sie nur überhaupt ihren Zweck erreicht! Endlich ist der letzte Patient entlassen, und Dr. Lindner fordert das Mädchen zum Eintreten auf. Womit kann ich Ihnen dienen Sie sehen gar nicht aus, ls ob Sie ärztlichen Rath brauchten?" Um mich handelt es sich nicht, Herr Doktor, sondern um ein armes gelähmtes Mädchen in unserem Hinterhause. Das bedauernswerthe Geschöpf leidet so furchtbar, -und die Mutter ist todt, der Vater ein Trinker. Er ist nicht zu bewegen, einen Arzt zu holen. Ich bm in Stellung im Vorderhaus beim Regierungsrath Schnell, und ich kann's nicht mehr mit ansehen, wie sich die Anna quält. Möglicherweise könnten ihr doch die Schmerzen etwas . gelindert werden. Wenn Sie die große Güte hätten, err Doktor, 'mal nach der Armen zu sehen. Selbstverständlich, liebes Fräulein. Ich muß doch meinem Ruf Ehre machen als Kleineleutedoktor". Aber nun möcht ich erst wissen, wie es zugeht, daß Sie so viel Zeit haben, da sie doch in Stellung sind. Sie äußerten vorhin, Sie hätten keine Eile." O, sonst wohl, aber heute nicht. Heute ist mein Ausgehtag. Ich hätte bis zum Abend gewartet, wenn's nöthig gewesen , wäre. Freilich. für die Anna freut's mich, daß es nicht so lange dauert. Sie ist immer glücklich, wenn ich ein paar Stunden bei ihr sitze an meinen freien Nachmittagen." Das ist aber sehr lieb von Ihnen, Ihre Erholungszeit einer Kranken zu opfern." O, von Opfer ist da keine Rede. Es ist ja gerade Erholung, etwas thun, was man mag, nicht, was man muß. Bei der Anna bin ich Mensch, nicht Fräulein". Obgleich, ich will ja nicht klagen. ES geht mir ganz gut bei meiner Herrschaft. Wie's einem eben gehen kann ohne Familienanschluß". Aber das hab' ich ja gewußt, als ich die Stelle annahm, daß ich nicht zur Familie gerechnet werden würde" Es klingt so resignirt, wie 'sie das sagt, daß dem Arzt ganz sonderbar um's Herz wird. Wie konnten Sie aber eine solche Stelle annehmen. Kind, wie konnten Ihre Eltern das zugeben?" Ich habe keine Eltern mehr. Und mein Vormund meinte, ein armes Mädchen dürfe nicht wähle-
risch sein. Es sei Zeit, daß ich ihm
von der Tasche käme es ist ein entfernter Verwandter. ?ch hab' nach Vaters Tod in seinem Haus gelebt und mich zur Stütze ausgebildet. Große Ansprüche kann ich nicht machen ohne höhere Bildung". Was verstehen Sie unter höherer Bildung?" Nun, fremde Sprachen fertig sprechen, Musik treiben, malen, oder wenn man das Lehrerinnen - Examen gemacht hat. Mein Vater hätte wohl dafür gesorgt, er ließ mich die Tochterschule besuchen es war sein höchster Wunsch, seine Kinder etwas Tüchtiges lernen zu lassen. Als ich vierzehn Jahre alt war, starb er. . Da war's aus mit dem Lernen und mit den Plänen, meine Brüder kamen in die Lehre, ich nun ich wurde eben Fräulein". Nun will ich aber Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen, Herr Doktor. Vielen Dank, daß Sie meine Bitte erfüllen wollen." Das ist selbstverständlich. Die Adresse?" Stemstraße achtundzwanzig, Hin terhaus, drei Treppen, Maurer Hammer". Schön. Ich werde morgen gleich oder, noch besser, Fräulein ja, Ihren Namen wußt ich doch nun auch gern Suse Hartmann. Also, Fräulein Hartmann, am besien ist's, ich komme gleich mit. Wir nehmen den Weg durch den Park und an der Lutherkirche vorüber Aber das ist doch em großer Umweg Schaden nichts. Im Gegentheil. Es handelt sich ja nicht um einen akuten Fall, und es ist heute so herrliches Wetter. Sie haben ja Zeit und ich nun ich nehme Mir welche. Sie sollen nicht ihren ganzen freien Nachmittaq am Krankenbett sitzen. Das kann ich als Arzt nicht zugeben. Und Sie dürfen unbesorgt mit mir gehen, Kind, wir sind ja schon alte Bekannte." Und dann schreitet Susanne Hart mann an des Arztes Seite durch den Park im eifrigen Gespräch, und nachdem sie lange die verschlungenen Wege durchkreuzt haben, führt Dr. Lindner seine Begleiterin am Kinderspielplatz vorüber, und da erzählt er ihr die erste Geschichte und an der Lutherkirche die zweite, und Suse hört mit gesenktem Köpfchen und glühenden Wangen zu, und als die zwei Menschen am Hause Steinstraße achtundzwanzig angekommen sind, da hat das Fräulein ohne Familienanschluß" eine Heimaih gefunden, und Dr. Erich Lindner segnet die dritte Begegnung. Nun ist die schwierige Frage,, wie er zu einer Frau kommen soll, endgültig gelöst. O m m Brautwervung in Nord und Süd. Daß ein junger Mann, der einMädchen gern hat. der Geliebten nachläuft. kommt wohl überall vor. Nirgends aber ist es so unerläßlich nothwendig. wie bei den Lappen. Ist dort ein Jüngling der Einsamkeit müde, so besucht er die Eltern des Mädchens, vonem er wünscht, daß es seine Einsamkeit theilen soll, und macht sie mit seiner Absicht bekannt. Die Antwort lautet: Wenn auch du unserer Tochter gefällst, so haben wir gegen eine Verbindung nichts einzuwenden. Es werde entschieden wie an dem Tage, da Lulea vom Thal sich im Laufe umwandte und das 5)auvt vor Lavv-Alten beuate." Alsdann theilen sie der Tochter mit, daß ein Freier um ihre Hand er-schienen-ist. Bisweilen kennt sie ihn, oft ist er ihr gänzlich fremd. Es wird nun ein Gastmahl veranstaltet, bei dem die jungen Leute einander gegenübersitzen und sich miteinander unterhatten dürfen. Nach der Mahlzeit begeben sich alle ins Freie, wo die Jagd auf die Braut stattfindet. Es wird eine Entfernung von etwa tausend Yard für den Wettlauf abgesteckt und die Umworbene erhält einenVorsprung von etwa dreihundert Jard. Dadurch ist ihr, falls sie nicht ungewöhnlich schlecht zu Fuß ist. die Möglichkeit gegeben, dem Bewerber, der ihr nicht gefällt, davonzulaufen. Denn wenn sie das Ziel vor ihm erreicht, so bleibt sie frei, und der Bewerber darf sie nie wieder belästigen. Hat der Freier ihr aber gefallen oder ist er wohl schon seit längerer Zeit ihr guter Freund, so wird sie es so einzurichten wissen, daß sie vor dem Ziele von ihm gehascht wird. Handelt es sich bei den Lappen im' Wesentlichen um einen Scheinkampf, dessen Ausgang das umworbene Mädchen nach Gutdünken einrichten kann, so liegt die Sache bei den Karen in Hinterindien ernster. Hier ist der Vrautfang nicht auf die Füße, sondern auf die Stimme gestellt. Der Kare wirbt durch Gesang, und ebenso antwortet sein Mädchen. Ist er im Stande, beim Trillern zu weinen, so hat er Aussicht, erhört zu werden; macht er aber ein heiteres Gesicht, so ist daS Mädchen für ihn verloren. In der Regel wird es ihm indessen nicht schwer fallen, Thränen zu vergießen. Denn die Karen singen, daß es Steine erweichen und Menschen rasend machen kann. Empfind! lch. Sarahleben, g'rad hat mer gesagt der Hersch, dieser Gauner, daß ich bin ebbes e guter,.e ehrlicher Mensch; so e' Gemeinheit. was!?" Wie haißt Gemeinheit?" Nu, will er ja doch nur sagen damit, daß ich bin e' dummer Kerl!"
