Indiana Tribüne, Volume 29, Number 58, Indianapolis, Marion County, 31 October 1905 — Page 7
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--43 ---0--0""""C -----Q--G"" p Dir brennende Frage
y y Humoristischer Noman von lolf t?0n Cainndj IO-HH) o-0CH-0i0-Ö (Fortsetzung.) Also mit dem Schauspieler ist Ke Jsa fort," sagte der verdutzte Varon gedehnt. Das ist allerdings" Ja. haben Sie denn das nicht gewußt?" Woher sollt' ich denn das wissen. Tas ist doch das erste Wort, das ich hör?. Mit dem Komödianten, die Jsa " Na, so doch nicht, wie Sie denken." sagte die Gräfin entrüstet. Ja, wie denn?" fragte der Baron auf's Neue verwundert. Lesen Sie nur weiter." Sie setzten sich beide wieder auf die Holzscheibe nebeneinander, nur durch einen der rothen Striche getrennt, an dessen Ende Paris, 3600 Kilom." geschrieben stand. Der Baron hielt den Brief mit der Rechten, die Gräfin die andre Seite mit der Linken, und der Varon las: Der Pflichtenkreis des Weibes ein andrer, größerer geworden ist. Es ist eines Mädchens unwürdig, die Hände in den Schooß zu legen und auf den Mann zu warten, der sie heirathen und versorgen will. Sie hat die Pflicht, selbst für ihre Existenz zu sorgen." Der Baron hob begeistert die Linke in die Höhe und wollte etwas sagen, aber die Gräsin zwang ihn durch einen Blick, fortzufahren. Doppelt unwürdig ist es, denen zur Last zu fallen, die Mühe genug haben, den Schein eines Lebens zu wahren, das zu führen sie nach den ihnen vererbten Anschauungen für nöthig hatten. Lange genug habe ich mich solch einer Unwürdigkeit schuldig gemacht. Von heute an will ich mir mein Leben selbst verdienen. Habt Vieltausend Dank für alles Gute, das Ihr an mir gethan, aber versucht nicht, mich' zu bewegen, daß ich wieder zu Euch zurückkomme. Ich weine bittere, Thränen bei dem Gedanken, daß Ihr mich für undankbar und schlecht halten könntet. Du mein lieb Mutterl " Die Gräfin zog das Taschentuch hervor und trocknete sich die Augen. Es ist alles vorher überlegt und berabredet worden. Ich hab's heimlich thun müssen, weil Ihr mir doch niemals Eure Erlaubniß gegeben hättet und weil ich's doch thun mußte. Seid nicht böse auf die guten Menschen, die mir zu meinem Glücke verholfen haben; denn mein Glück, so will ich zu Gott hoffen, wird es sein. Fräulein Waldau hat mich in das Institut gebracht, in dem sie selbe? früher Hilfslehrerin war. Sie getraut sich nicht zu Euch zurück und hat eine andre Stelle angenommen. Ich habe, gottlob, so viel gelernt, dort Lehrerin sein zu können. Die Vorsteherin Frau von Nabenau will mich so lange behalten, wie ich selbst bei ihr bleiben mag.' Verzeiht mir, und wenn Ihr mir verziehen habt, liebe Mutter, dann schreibt mir. daß ich Euch besuchen darf. Tausend Küsse Dir und den Schwestern und Pusst und Papa von Eurer I s a." Nun. was sagen Sie dazu?" rief die Gräfin wieder jammernd. Also nicht mit dem Komödianten," sagte der Varon, als ob er zu sich selbst spräche. Es wäre auch unmöglich geWesen. Denn die Jsa hat Kern." Und ich bleib' dabei," fuhr die Gräfin plötzlich zornig werdend fort, daß es doch nur wegen dem Franz! Laschek ist, weil er sich mit dem Lumpenmädel von dem Holzgauner verlobt hat. Daß mir das in meinem Hause hat passtren müssen!" Und wieder weicher werdend: Sagen Sie, Anton, was soll ich thun?" Der Jsa schreiben, daß sie ein braves Kind ist und recht hat," erwiderte der Baron feierlich. Was?" Ja, daß sie recht hat," wiederholte der Baron in dem gleichen Tone. Mir, meine Freundin, werden Sie es wohl glauben müssen, daß ich an Ihrem Schicksale und an dem Schicksale Ihrer Kinder Antheil nehme wie an dem meiner eigenen Frau und meiner eigenen Kinder. Und gerade deshalb sage ich noch einmal, sie hat -recht. Sie hat es erkannt, was ich Ihnen so oft gesagt habe. Und sie hat in dieser Erkenntniß gehandelt. Sie -hat etwas von meinem Geiste Von dem Geiste derer, die den Geist der neuen Zeit, in der wir leben, erkannt haben. Den Geist der Zeit, die eine Zeit der Arbeit, der Umwerthung aller Werthe ist. Wissen Sie. was hier steht?" Er deutete nach den mit rother Farbe auf die Scheibe gemalten Worten und Ziffern: Paris. 3600 Kilometer." In dieser Richtung geht es nach Paris! 3600 Kilometer beträgt die Luftlinie. Drei Tage braucht man jetzt, um von hier Zus bis an den Punkt zu gelangen, den diese Worte bezeichnen, künftighin werden drei Stunden genügen! Sehen Sie, Therese, das ist die neue Zeit! Und in solcher Zeit darf eine Komtesse getrost Lehrerin werden, wenn sie den Mann nicht findet, der ihr ebenbürtig ist. Recht zu verstehen, ebenbürtig im Sinne dieser neuen Zeit." Der Varon verbeugte sich vor der -Gräfin, als habe er vor einer Gesell-
schaft von Luftschifffahrtsautoritäten einen Vortrag gehalten, nach dem man ihm Beifall klatschte. Schreiben Sie ihr. daß Sie ihr' längst verziehen haben, und daß sie Sie recht bald besuchen möge. Ich bitte, mich's wissen zu lassen, wenn sie kommt. Er überreichte der Gräfin den Brief, den diese resignirt zusammenfaltete und in die Tasche steckte. Da war sie schön bei ihrem alten Jugendfreunde angekommen. Sie hätte sich's eigentlich denken können. Aber sie hatte doch ihr Herz ausschütten müssen. Ihrem Manne gegenüber war das ja unm'öglick. Und am Ende hatte Kriegsiein wirklich recht. Mit Gewalt konnte man die Jsa doch nicht zurückhol:. Selbst ihr Mann würde das nicht thun trotz seines Geschreis über die befleckte Ehre seines Namens. Vielleicht war wirklich etwas daran an dem Gerede von der neuen Zeit." Und an dem von der Umwerthung aller Werthe." Früher waren die armen Komtessen in Stifte gegangen, vielleicht wurde es jetzt wirklich Sitte, daß sie sich ihr Geld verdienten. Und den Eltern, denen solche Mädchen auf diese Weise das Leben erleichterten, konnte es ja im Grunde genommen doch recht sein. Gräfin Therese seufzte, als sie in diesem raschen Gedankengange bei ihren Finanzen angelangt war. Kriegstein hatte unterdessen das blaue Fähnchen mit den gekreuzten weißen Strichen gehißt, was vorläufig bedeutete, daß der Kutscher, der zugleich Diener war. die Instrumente abholen solle. Trüben flatterte sogleich dasselbe blaue Fähnchen im Westwinde und ein Bursch in Drillichhoscn und einer roth und weiß gestreiften Jacke kam. Wissen Sie. licbe Freundin," sagte der Baron. . seien Sie froh, daß es nichts mit dem Komödianten war, wie ich erst dacht?. Wir wollen nun in aller Ruhe Kaffee trinken, denn nach gethaner Arbeit ist gut ruhen, und dann fahren Sie nach Hause und antWorten der guten Jsa. Und grüßen Sie sie recht herzlich von mir." Der Ton und die Ausdrucksweise und das ganze Benehmen des Barons hatte sich mit cinemmal geändert, und die gute Gräfin fühlte sich ordentlich erleichtert, als sie mit ihm den Bergabhang hinunter kletterte. Beinah zärtlich machte er sie auf jede BaumWurzel aufmerksam und reichte ihr sorglich die Hand an den allzu steilen Stellen, und sie 'stützte sich fest auf die Rechte des Jugendfreundes. Als sie aber am Fuße des Berges die Landstraße kreuzten, blitzte es plötzlich in den schwarzen Augen ihres Begleiters auf, sein Gesicht verwandelte sich wie von einem Zauberschlaze. und in dem gleichen gespreizten Tone von vorhin rief er: 'h. Victor! Das ist ja famos. daß Sie kommen! Mein Gott, was haben Sie denn da?" Auf der Landstraße stand ein großer breitschulteriger Herr mit einem verwilderten mächtigen dunkelbraunen Vollbarte, der an den Rändern ein wenig in's Nöthliche spielte, stechenden grauen Augen und einer der Farbe jener Vartr'änder etwas gleichenden Nasenspie. Er hatte eine gelbgrü'ne halbkugelförmige Sammetmütze auf dem Kopfe, eine gelbgrüne Joppe, gelbgrüne Kniehosen und ebensolche Strümpfe und gelbe Schuhe an und trug quer über der Schulter ein wunderliches Durcheinander von schwarzem stahlzlänzendem vetbogenem Gestänge. in der Rechten aber ein wie der Rand eines Steinpilzes nach allen Richtungen des Windes schief gebogenes Rad. das unbedingt einmal mit einem Zwillingsbruder zusammen zu einem Zweirade 'gehört haben mußte. Es war Victor Väumcher. von dem Baron kurzwcg Victor genannt. Na. das können Sie sich doch wohl denken. Varon," erwiderte Herr Bäumcher. der Flugmaschinenagcnt und Agitator. daß ick, wenn ich mal komme, nur auf en Stahlrosse komme. Aber Ihr Vizinalweg da hat mir's angethan. So 'ner Sorte bin ich noch nich vorjestellt worden. Na. un da haben Sie die Bescherung." Er warf lachend die klirrenden Reste seiner zertrümmerten Maschine auf die Erde. O weh. gefallen sind Sie?" Na. .oas denn sonst? Und so'n Racker von Rad kamt auch gleich seinen Hang, sich in seine ursprünglichen Atome aufzulösen, nich unterdrücken!" Das ist ja schrecklich!" rief der 2a ron. Ach trat! Tas is mir janz pimpe! Ich wer's der Fabrik schon anstreichen! Die scheint auch zu meinen, daß man einem geschenkten Gaule nich in's Maul sehen soll. Ich habe nämlich in meinen Mußestunden eine Fahrradhumorcske jeschrieben, Tu lieber Gott, warum soll man sich nich auch mal als Dichter fühlen, un habe das Rad. das in der Jeschichte bei eine? famosen Wettfahrt Liebesjeschichte natürlich inbeZriffen nich zerbricht, während die andern zum Teibel jehen. aus der Fabrik .Jazelle' sein lassen, dafür hat sie mir das Rad als Jezenleistung geschickt, das is heute so Mode, ich kenne wenigstens drei Fahrradhumoreskendichter, die's ebenso jemacht haben, un nu muß natürlich jrade mir' das Malheur mit der ,Jazelle' Passiren. Der .Ersatz Jazelle' soll aber fallsicherer auffallen, darauf jeb' ich Ihnen Brief und Siegel!" Es ist wenigstens ein Glück. Victor, daß Sie selber heil geblieben sind." Na und ob! Ich bringe einen ganzen Sack voll guter Nachrichten." .Von 5errn Wiener?"
Jawoll auch! Aber noch mehr!" Nun?" rief der Baron erregt. Von Seiner Excellenz!" Von welcher Excellenz?" Graf Wurmstein." .Er ist gewonnen?" rief Kriegsiein freudig. Jewonnen!" Sie sind ein Prachtkerl. Victor!" Bin ich auch! Aber Durst hab' ich auch'." , Selbstverständlich." sagte der kleine am ganzen Körper zappelnde aufaeregte Erfinder. Liebe Therese. Sie entschuldigen, wenn ich Sie meine? Frau und meinem Sohne überlasse. Sie sehen, dringende Geschäfte warten auf mich. Geschäfte von der allerhöchsten Wichtigkeit!" Her? Väumcher hob die Uebcrbleiosei seines Vehikels auf und man ging in's Haus, wo sich der Baron sofort mit seinem Agenten in sein Arbeitszimme? zurückzog, nach welchem er bald darauf zwei Flaschen Rheinwein bringen ließ.. Wo ist denn eigentlich Thekla?" fragte die Gräfin nach einer Weile, als die Baronin ihr die zweite Tasse. Kaffee einschenkte. Ach Du liebe Zeit, die hätt' ich ja beinah selber ganz vergeben!" rief die Baronin. Ja, die hat doch mit Her mann Äch und Anton holen wollen. Na, verlaufen können sie sich ja nicht haben, vielleicht sind sie im Schatten durch den Wald um den Kegel herum, auf der andern Seite hinauf. Sie werden schon kommen." Gräfin Therese kümmerte sich nicht weiter darum und fand auch durchaus nichts- Erörternswerthes dabei, daß Hermann erst gerade wieder erschienen, als die Pferde bereits eingeschirrt wurden und sie im Begriff war, heimzufahren; sie hatte d:n Kopf mit Gcdanken an Jsa allzuvoll, als daß noch etwas andres in ihm Platz gehabt hätte. -Unterdessen hatte Victor die beiden Flaschen Wein ausgetrunken und sich vom Varon einen Vorschuß" geben lassen und der Baron hatte ihm den Vorschlag gemacht, mit der Gräfin Piccolomini wenigstens bis nack Sonnbcrg zurückzufahren, womit Victor einverstanden war. Auch, die gute Gräfin hatte nichts gegen den Gast einzuwenden, so wird: denn das ehemalige Zweirad auf dem
Bocke untergebracht. Victor setzte sich neben Mutzi auf den Rücksitz der Chaise und man fuhr unter Rütteln und Schwanken langsam die holperige Straße dahin. Die Gräfin war ganz in Gedanken versunken. Des Barons entschiedene Billigung der Handlungsweise Jsas hatte in ihr nunmehr den endziltigen Entschluß reifen lassen, noch heute Abend den verzeihenden Brief an die Tochter zu senden und sie zu bitten, die Eltern recht bald zu besuchen. Sie sah im Geiste Jsa sich in die Arme fliegen' und konnte nicht genug bekommen von den Ausmalungen dieses Wiedersehcns. Auch Komtesse Thekla war schweigsam und blickte traumverloren vor sich hin. Ueber ihrem schmalen hübschen Gesichte lag ein Abglanz stilUn inneren Glückes. So blieb denn dem redebedürftizen Victor nichts andres übrig, als sich mit Mutzi-Katzi zu unterhalten, was er auch in der ausgiebigsten Weise that. Mutzi, die sich auf dem Schlosse oben schrecklich gelangweilt hatte, kicherte und lachte von Kriegsiein bis nach Sonnberg, und Victor erzählte so wunderbare Abenteuer und Fahrten aus seinem reichbewegtcn Leben, daß Mutzi am liebsten beim Gasthofe zum Ochfen mit Herrn Väumcher ausgestiegen wäre. Wenn Sie nun aber keinen Wagen bekommen?" fragte sie besorgt den iör zum Abschiede die Hand drückenden Fahrtgenossen. Ach war," lachte Väumcher. das is mir janz pimpe! Dann jehe ich zu Fuße ' Und Mutzi-Katzi lachte mit und winkte Victor noch so lange aus dem Wienfenstcr, bis die kniestrümpfigc moosfarbige Gestalt zwischen den Kastanienbäumen des Schwendtner'schcn Gartens verschwand. Aus den geöffneten Fenstern des gräflich Sildio'schen Pribatgemaches. in dem bereits Licht brannte, drang ein lautes Fluchen den Ankommenden entgegen. Bestürzt eilte Therese zu ihrem Gatten hinauf. Hohe, schmutzbedeckte Stulpenstiefel an den Füßen, einen, federgcschmückten Lodenhut auf dem Kopfe, das Gewehr in der Linken, stand Graf Silvio schimpfend vor seinem Schreibtisch und schlug mit der geballten Faust auf ein Blatt Papier. Um Himmels willen, was hast Du denn?" fragte bestürzt die Gräfin. Der Gräf hob das Papier in die Hohe und fuchtelte mit ihm in der Luft herum.' Was ich habe? Eine Infamie ist so etwas! Eine Schurkerei!" Was denn? Was denn? So sprich doch, so rede doch!" Mir, dem Fürsten von Porto d'Anzio! Ha! Dieser Jndusirieritter! Dieser Kattunwaarenhändler! Dieser Zuckerbäcker! Der Geier soll ihn holen!" schrie der Graf. Aber Silvio!" jammerte die Gräfin. ' Noch dazu gedruckt!" schrie der Graf, und zerknitterte das Papier in seiner Hand. Da! Da lies! Eine nette Sippschaft, Deine -Verwandten!" Er warf ihr das zusammengeballte Blatt vor die ttnk.. ,
Die Gräfin'hob es aus und strich es glatt. Es war der Brief, den Graf Döminik Laschek seiner Schreiberin dlltirt hatte. In blauen, unangenehm deutlichen Typen standen auf dem gerippten halben Großquartbogen die wenigen Worte: Mein werther Herr Vetter! Ich habe Schloß Welzeneck zu andern Gelegenheiten nothwendig als zu Verlobungen und thue Dir deshalb kund und zu wissen, daß. Du am Ersten nächsten Monates, bis zu welchem Datum ich die bisher schuldige Miethe erwarte, ausziehen mußt. Graf Dominik Laschek." Ich hab's gewußt, ich Hab's gewußt!" jammerte die Gräfin. O Gott, was soll nun aus uns werden?" Aus uns werden?" schrie der Graf. Glaubst Tu. ich lasse mich von so einem reichen Krämer in's Bockshorn jagen? Natürlich, das könnte ihm Passen! Nachdem ich ihm so und so viele Jahre' sein verfallenes Gerümpel da in Stand gehalten habe!" Ja, was willst Du denn thun?" Er soll es mir selber sagen!" Er hob drohend das Gewehr in die Höhe. Wer sich untersteht, bis auf Schußweite vor das Schloß zu kommen, ohne daß ich ihm die Erlaubniß gebe, den schieße . ich nieder , wie einen tollen Hund! Ich will doch sehen, wer mir befehlen kann, auszuziehen. Lebendig wenigstens gehe ich nicht! Daß Du's weißt. .Therese! Wer drin ist im Schloß, bleibt drin, und wer draußen ist, bleibt draußen! Ob er Laschek, Jsa oder sonst wie heißt! Hast Du's verstanden?" Du wirst uns alle noch zu Grunde richten," jammerte die Gräfin. Tas lasse meine Sorge fein," sagte der Graf, indem er das Gewehr über die Schulter hing. Wer meinem Befehle sich widersetzt, wird niedergeschossen. Wer drin ist. bleibt drin, und wer draußen ist, bleibt draußen!" Er ging hinaus und schlug die Thüre hinter sich zu.
7. K a p i t e l. M cht Tage waren vergangen, seit v nes Onkels erhalten hatte, die Antwort auf die Verlobungsanzeige, die Ritter Zschakatorniay jenem gesendet. N . Acht Tage, während deren Franzi dem ergrimmten Alten keine Zeile auf das inhaltsschwere Telegramm erwidert hatte. Den Onkel mochte der Schlag vor Wuth und Ungeduld treffen! Um so besser, dachte der junge Graf. Jedenfalls wird er um so weicher werden, je länger wir ihn warten lassen! Wirklich ein famoser Spaß! Ein Spaß., würdig des Grafen Franzi Laschek, ein wahrer Meisterstreich! Er hatte es gewußt: da gar nichts mehr wirken wollte, dies Mittel war unfehlbar, eine Verwundung des, Drachen mit der neunzackigen Krone, der in der Seele des scheinbar die Standesvorurtheile so ganz und gar verachtenden alten Herrn schlummerte, mußte Waffenstillstand, Kapitulation, Ergebung zur Folge, haben. Franzi, der in einem dunkelrothen Morgenanzuge, rothe Saffianschuhe an den Füßen, in seinem sogenannten Toilettenzimmer, eine Cigarette rauchend, in einem Fauteuil lehnte, lächelte bei dem Gedanken trotz des Wuthanfalles, den er vor wenigen Minuten gegen seinen Kammerdiener gehabt hatte. Er reckte sich in dem behaglichen Gefühle dieses seines Sieges und blies eine dicke Rauchwolke von sich. '. Ja, er war ein genialer Kerl! Allerlei Streiche vergangener Tage, in denen Geld und Weiber die Hauptrollen spielten, zogen an seinem Geiste vorüber, jene denkwürdige Nacht im Jockeyklub, in der er hunderttausend Gulden verspielte, die der Alte zahlen mußte, die ähnliche Affäre im Pester Nationalkasino, feine Abenteuer in Paris mit seinem Busenfreunde, dem Exkönige Milan von Serbien Er lachte laut auf bei dem Gedanken an das Großkreuz des Takowoordens, das er von eben diesem Freunde als Abschlagszahlung für eine Spielschuld erhalten hatte. Das schöne Kreuz das cr was er für einen gcLiz 'besonderen Witz hielt immer bei den allerunpassendsten Gelegenheiten angelegt hatte, so zum Beispiel einmal bei einer Ruderregatta, was ihm später freundlichst untersagt worden war . .' . Und wie der Onkel endlich wüthend geworden war und ihn, den einzigen Erben aller seiner Reichthümer, den einzigen Neffen, ihn den Sohn einer geborenen Prinzessin von Bisenburg, mit einer mehr als kärglichen Apanag: hierher in die Landeshauptstadt gesetzt hatte, damit er verrückte Idee! Landwirthschaft .studire." ein Studium. das in der Anschaffung einer Segelyacht bestanden hatte, mit der er den Wörther See unsicher machte, haha, als Schrecken aller Ehemänner der Kurorte an dessen Ufern. Und dann die immer zunehmende Geldklemme, die ihn, gottlob, endlich auf den unvergleichlichen Gedanken dieser Verlobung gebracht hatte! (Fortsetzung folgt.) ' Es gibt Menschen, die so hoch siehen. daß sie den -Sonnenaufgang der Wahrheit um vieles früher sehen als andere.
Europaische Nachrichten. 'Frovtnz i&xcttxbtnbuvQ. Berlin. Mit der Leitung der hiesigen Bibliothek wurde der bekannte Theologie - Professor Dr. Adolf Harnack vorläufig beauftragt, der dem Kuratorium schon seit Jahren angehört. Der bisherige Generaldirektor wirkliche geheime Ober - Regierungsrath Dr. Wilmanns ist unter Hinweis auf sein hohes Alter um seinen Abschied eingekommen. Auf einem in voller Fahrt befindlichen Straßenbahnwagen versuchte der Handlungsgehilfe Rosewich aus der Alexandrinenstraße in der Köpenicker Straße aufzuspringen. Er glitt jedoch vom Trittbrett ab und stürzte auf das Straßenpflaster. Rosewich erlitt einen Schädelbruch sowie eine schwere Gehirnerschütterung und mußte in hoffnungslosem Zustande nach dem Krankenhause Bethanien überführt werden. Am Luisenufer ist das dreijährige Töchterchen Walli des Jnstrumentenmachers Hermann Liebelt, das sich in Begleitung des Vaters befand, aus einer Drofchke gestürzt und überfahren worden. Dem unglücklichen Mädchen ging das Hinterrad über die Brust, die gänzlich eingedrückt wurde, so daß der Tod auf der Stelle eintrat. In Wolfrathshausen bei München überschlug sich bei der Fahrt über den Wolfrathshausener Berg ein Automobil, das von seinem Besitzer, Geheimen Medizinalrath Professor Dr. Bumm von hier, gesteuert wurde. Geheimrath Bumm erlitt anscheinend schwere Verletzungen und wurde in das KrankenHaus Wolfrathshausen gebracht. Sein Neffe sowie der Chauffeur blieben unverletzt. Geheimrath Bumm ist Professor der Gynäkologie an der hiesigen Universität. In der Siegesallee erschoß sich der 41 Jahre alte, aus Vayern gebürtige Kellner Franz Kraus. Wahrscheinlich hängt sein Selbstmord irgendwie mit einem, schweren Leiden zusammen. Die 36 Jahre alte FraudesGrünkramhändlers Schoh, SchönHäuser Allee 158, lebte in letzter Zeit mit ihrem Manne in Unfrieden. Nach vorhergegangenem Streit unternahm Frau Scholz kürzlich einen SelbstMordversuch. Im Keller trank die Lebensmüde ein Fläschchen Lysol aus. Sie wurde in bedenklichem Zustande nach dem Krankenhause Am Friedrichshain gebracht. Von einem Eisenbahnzuge .überfahren und getödtet wurde der 52 Jahre alte Eisenbahnwächter August Laßmann aus der Fennstraße No. 31. Potsdam. Dieser Tage ist hier der Inspektor der Spree- und HavelDampfschiffahrtsgesellschaft Stern", Karl Bauer, eine in den weitesten Kreisen bekannte und beliebte Persönlichkeit. plötzlich gestorben. Er war etwa 40 Jahre lang im Dienste der hieffaen Personen - Dampfschiffahrt thätig. Charlottenburg. Kürzlich fiel der 26jährige Maschinenheizer Friedrich Mangelsdorf von hier. Sophie - Charlottenstraße 24. während der Fahrt von der Maschine eines Personenzuges, als dieser soeben Slldende passirt hatte. Mit schweren Schädelverletzungen wurde der Verunglückte bis zur nächsten Station und von dort in einem Krankenwagen nach dem Kreiskrankenhause zu Großlichterfelde gebracht. E r k n e r. Im seichten Wasser ertrunken ist der 32jährige Arbeiter Paul Paeschke, der bei den Baggerarbeiten in der Spree hier beschäftigt war. Grunewald (Kolonie). Vom Straßenbahnwagen abgestürzt und gestorben ist hier der Friseur Kowaldt aus der Humboldtstraße. Kowaldt bemitzte einen nach Hundekehle fahrenden Straßenbahnwagen und stand auf der Hinterplatform. In der Königsallee, in der Nähe des Königssees, wurde der Friseur.plötzlich von Lungenbluten befallen und stürzte, bevor noch Jemand den Schwankenden zu halten vermochte, auf das StraßenPflaster hinab, wobei , Kowaldt eine schwere Kopfverletzung erlitt. Das Lungenbluten verstärkte sich, so daß ein Transport des Verunglückten zunächst unmöglich war, und der Friseur verstarb schon nach wenigen Augenblicken vor Eintreffen des sofort hinzugerufenen Arztes. . R i x d o r f. Betrunken gemacht und' mißhandelt wurde der 22jährigc Bauwächter Bruno Riebel. Mehrere junge Leute hatten Riebel in ein Lokal in der Kaiser Friedrichstraße eingeladen und freigehalten. Hierauf lockten die Burschen den Wächter nach der Straße und fielen plötzlich über- den Ahnungslosen her. Die rohen Gesellen richteten Riebel derartig zu, daß er bewußtlos zusammenbrach. Er mußte schließlich nach dem Krankenhause in- der Cannerstraße gebracht werden. Die Attentäter entkamen leider im Dunkel. Weißensee. Dieser Tage ist der hiesige Amtsvorsteher H..Feldtmann, der vor 2 Jahren sein 25jähriges Jubiläum gefeiert hatte, im 68. Lebensjahre gestorben. Frovinz Hstpreußen. Königsberg. Bei eine? Kahnfahrt auf dem Pregel ist bei einem Zusammenstoß des Kahns mit einem Dampfer der Knabe Ernst Bartsch bei Cosse ertrunken. Professor Dr. Karl Benrath, der Kirchenhistoriker
unserer Universität, vollendete kürzlich das 60. Lebensjahr. Benrath wirkt seit 1876 als akademischer Lehrer. Czutellen. Dieser Tage ist das Wohngebäude des Besitzers Karl Michaelis niedergebrannt. Groß - Goldbacb Erhängt hat sich hier der über 60 Jahre alte . Böttchermeister Graff. Der Beweg gründ zu der That durfte in den unglücklichen Familienverhältnissen des Graff zusuchen sein. Heillgenbeil. Hier wurde dieser Tage in der Jarft ein todter Mann mit vielen, anscheinend durch Messerstiche verursachten Wunden aufgefunden. Wie festgestellt wurde, handelt es sich um den 28jährigen Schneidergesellen Schwedland aus Königsberg. Die Sezirung der Leiche hat nichts ergeben, was auf ein Verbrechen schließen läßt; es dürfte also nur ein Uglücksfall oder Selbstmord vorliegen. Schwedland hinterläßt eine Wittwe mit zwei kleinen Kindern. L ö tz e n. Ertrunken, ist hier die 18jährige Bertha Duddeck. Sie war am 28. Mai ds. Is. aus dem Mädchenerziehungshaus in Angerburg entwichen irn seitdem polizeilich gesucht worden. Seit einiger Zeit hielt sie sich am hiesigen Orte auf. Als der Pottzeisergeant Wiese zur Verhaftung der Duddeck schreiten wollte und sie, weil sie sich angeblich umziehen wollte, nach ihrer Wohnung in der Königsberger- -Straße begleitet hatte, suchte sie zu entkommen und lief am , diesseitigen Ufer des Kanals entlang, von dem Polizeisergeanten energisch verfolgt. Da sie sah, daß ein Entrinnen nicht mehr möglich war, sprang sie in den Kanal. Parnehmen. Hier wurde durch den Blitz ein großer Pferdestall in Asche 'gelegt. Das Feuer griff auch auf den Getreidespeicher, in dem 2000 Scheffel Roggen und gegen 400 Fuder Klee lagerten, über. S e n s b u r g. Todt aufgefunden wurde der Arbeiter Andreas Schimmelpfennig auf dem Judenmarkt; er blutete aus einer tiefen Kopfwunde. Auf welche Weise der Mann verunglückt ist, konnte mit Bestimmtheit nicht festgestellt werden. Wahrscheinlich ist er in der Dunkelheit von einem Wagen todtgefahren worden. Tilsit. Verliehen wurde dem Professor Krüger am hiesigen Realgymnasium der Rothe Adlerorden vierter Klasse und dem pensionirten Gerichtsvollzieher Singelmann das Allgemeine Ehrenzeichen. Frovinz Westpreußen. D an zig. L. Gieldzinski. dessen Kunstsammlung der Kaiser besichtigte, ist der Kronenorden 2. Klasse (am blauen Bande um den Hals zu tragen) verliehen worden Deutsch-Eylau. Vor einiger Zeit feierte unsere Stadt ihr 600jähriges Stadtjubiläum. Sie hatte aus diesem Anlaß den Besuch vieler hoher Vertreter der Staats- und städtischen Behörden erhalten und sich auf's Festlichsie geschmückt. Zapfenstreich und Fackclzug hatten die Festlichkeiten eingeleitet. An der offiziellen Feier nabmen der Regierungspräsident von Jagow und Oberbürgermeister Ehlers von Danzig theil. Elbing. Aus dem Fenster gestürzt ist das vierjährige Töchterchen Klara des Arbeiters Grunenberg. Das Kind hatte mit seiner achtjährigen Schwester im Beisein der Mutter gespielt. Kaum hatte die Mutter auf einen Augenblick das Zimmer verlassen, so schwang sich das kleine Mädchen im Uebermuth auf die Fensterbrüstung und stürzte auch sofort aus dem dritten Stockwerk in den Hof hinab. Der Arzt stellte einen schweren Schädelbruch und andere Verletzungen fest. G r a u d e n z. Der 17 Jahre alte Primaner Fritz Schinz, Sohn des Eisenbahnassistenten Schinz, ist beim Baden in der Weichsel ertrunken. Landeck. Letztens verunglückte die Mutter des Besitzers Otto Liesack bei der Dreschmaschine und erlitt einen Schädelbruch. Nach kurzer Zeit starb sie. Nichtsfelde. Die Tischlerei des Schneidemühlen - Etablissements von Jos. Liedtke - Nichtsfelde ist durch Feuer zerstört worden: Ober-Nessau. Ihre goldene Hochzeit feierten bei vollster körperlicher und geistiaer Frische die Besitzer Heinrich Bartel'schen Eheleute. S ch l o ch a u. Beim Abnehmen der) Roggengarben in der Scheune fiel die 17jährige Tochter der Ackerbürgerwittwe Günther von hier vom Oberfach auf die Tenne und dabei auf eine Lindstange, deren Spitze dem Mädchen durch den Leib drang. T h o r n. Kürzlich erschoß sich der Unteroffizier Semisch von der 3. Kompagnie des Fußartillerie - Regiments No. 15. Das Motiv der That ist nicht bekannt. W i l l a n o w o. Durch Blitzschlag wurde das Wohnhaus des Eigenthümers Jakob Bach eingeäschert. Sämmtliches Mobiliar ist mitverbrannt. Das Wohnhaus war nur sehr gering, das Mobiliar gar nicht ver-sichert.-Frovinz 'AoftnmernI Stettin. Der 6jährige Sohn des Arbeiters Ladwig. wohnhaft Große Oderstraße 13, stürzte' beim Spielen in der Nähe der Hansabrücke ;n die Oder und ertrank.
