Indiana Tribüne, Volume 29, Number 50, Indianapolis, Marion County, 21 October 1905 — Page 7
Jndkana Tribüne, L1. Oktober RS03.
Getilgte Schuld
IN o m a n VZN Johann et Sm'mer (Fortsetzung.) m vorletzten Tage dieser Frist war ich durch den Strandforst' gewandert; über mir rauschten die Wipfel, neben mir die Wogen; ein eigenthümlichcs Singen und Klingen erfüllte di? Luft. Ich gelangte an eine kleine Bucht, wo der zu Tag tretende Felsen steilere Böschungen bildete. Der Platz war wunderbar malerisch, und ich war müde geworden. Ueber die Strzndhöhe stieg ich hinab zu einer Gruppe uiächtigemalter Luchen, dort wollte ich mich lagern. Da erblickte ich unter einem der Bäume ein Bündel, erstaunt trat ich nähe? und fand einige sorgfältig zusammengelegte Kleidungsstücke, einen schmalen Ranzen, darüber gelegt einen Hut. Ich fing an, den Fund zu untersuchen; unter dem Hute lag ein Brief w offenem Umschlag, bereits etwas feucht und moderiq geworden, obwohl der Hut ihn wenigstens vor Regen und Wind geschützt hatte. Ich las. und was ich las, machte einen merkwürdigen Eindruck auf mich. Noch heute weiß ich mich so ziemlich des Wortlautes zu erinnern. .Liebe Menschen.' so begann das seltsame Schreiben, .ich will nichts mehr zu thun haben mit Euch. Es find zu viele schlechte Kerle in der Welt und für einen armen Teufel bleibt sein Platz. Ja, meine lieben Menschen, Gutes hab' ich nichls gehabt. Getreten und geschlagen bin ich worden von Klein auf. weil ich krank war und schwach, und jetzt will man mir nicht einmal ehrliche Arbeit geben und ehrliches Brot. Meine arme Mutter habt Ihr auch in's Grab gebracht, obwohl Einer da ist, der uns helfen müßte. Aber Gott verzeih' es ihm. was er an uns gethan. Ade liebe Menschen, plagi jetzt Andere, ich geh' zu Muttern.' In dem Ranzen fand ich die PaPiere des Unglücklichen, der zweifellos hier den Tod gesucht hatte. Ich setzi? mich auf den Rasen und dachte über den Armen und dessen Schicksal nach. Ein neuer Gedanke stieg dabei in mir auf. .Laß den Anderen für dich todt sein, und lebe Du,' so raunte und flüsterte es in mir. Und dieser Gedanke gewann den Sieg. 'Ich beschwerte die Kleidungsstücke des Unglücklichen mit Erdklumpen und Steinen, und schleuderte sie in das Wasser. Dann ging ich mit eiligen Schritten davon die Hand auf den Papieren in der Tasche, die mich zu einem anderen Menschen machen sollten. Von dem Selbstmorde des armen Menschen er hieß Pailer hatte zweifellos noch Niemand Kenntniß; aus den Papieren durfte ich entnehmen, daß Niemand sich um ihn kümmern würde, ich konnte mich daher seh? leicht für bn Gottlieb Wilhelm Paile? ausgeben, und Katte nu? zu vermeiden, mit Leuten zusammenzutreffen, welche den Premierleutnant v. Liebenstein , kannten. Das war schließlich nicht so schwer; in einem fremden Lande, in einer Stellung, welche mich mit den bisherigen Kreisen nicht in Berührung brachte, konnte ich vor der Entdeckung ziemlich sicher sein. Ueberdies war ja der Brief an .meinen Obersten bereits auf dem Wege, in welchem ich mittheilte, daß ich mit dem Leben abgeschlössen hätte. Der Herr v. Liebenstein war todt und G. W. Pailer dasür lebendig. Etwas Geld besaß ich noch, welches hinreichte, um noch einige Wochen bescheiden leben zu können. Ich ging nach England, da ich der englischen Sprache vollkommen mächtig war und glaubte, dort eher eine Beschäftigung zu finden, als in dem mit verlorenen Existenzen überfüllten Amerika. Arbeiten mußte und vor Allem wollte ich ja. In der That war mir das Glück günstig, ich fand eine Stelle bei Mr. Snydcrs. in aeen Hause ich die letzten Jahre verbrachte. Wären nicht zufällig ganz seltsame Umstände eingetreten, würde man wohl nie erfahren haben, wer der Korrespondent Pailer einstmals gewesen war. Wieder war es eine Frauenhand, welche meinem Leben eine andere Wendunz gab. Miß Snyders brachte es dahin, daß ich. wider meinen Willen , nach Teutschland kommen mußte, und die leidige Erbschaftsgefchichte lenlte die Aufmerksamkeit auf meinen Namen. Meine Weigerung, die Erbschaft anzunehmen, wird jetzt wohl begreiflich erscheinen; ebenso auch, daß ich für den Todten, dessen Namen ich mir angeeignet hatte, ohne Murren büßte. In Ihre Hände, Herr Oberst, lege ich nun die Entscheidung, ob ich weiter leben darf oder nicht." Herr v. Tillfuß hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört. Die Dame, welche so verhängnißvoll in Ihr Leben eingriff. war meine Nichte Elfe?" fragte er jetzt. Liebenstein bejahte durch ein Neigen des Kopfes. Sü wurden von ihr erkannt?" Jawohl. Herr Oberst, an jenem Abend, an welchem der Kasernenbrand ausbrach, hatten wir uns gesprochen." So! Hm!" Der Oberst dachte eine Weile nach, dann fing er wieder an:.
Ihre Erzählung klingt seltsam, doch ich zweifle nicht an der Wahrheit derselben, überdies wird sich ja kontrolliren lassen, sb Alles so stimmt. Sie haben meine Entscheidung angerufen; gut! Tann versprechen Sie mir auch, diese abzuwarten und vorher keinen Schritt zu thun; Sie verstehen wohl, was ich meine. Jetzt kann ich Ihnen ja auch sacken, daß Sie in dem Berdacht stand-n. Urheber des Brandes zu sein. Doch dies ist jetzt Nebensache. Eine verzwickte Geschichte ist es doch. So ganz glatt werden Sie nicht durchkommen. mein Lieber! Die Polizei wird auch sich einmischen wollen. Falschmeldunz. Mißbrauch fremder Papiere und so weiter! Daran hatten Sie wohl nicht gedacht? Na, vorläufig lassen Sie stch darob keine grauen Haare wachsen; es ist ja noch der König da, und in einem so ungewöhnlichen Falle Utb die Gnade Seiner Majestät schon über die Schwierigkeiten k?irlweghelfeii. Selbstverständlich werde ich sofort über Sie berichten." In diesem Augenblick brachte der Bursche einen Brief. Wer hat ihn abgegeben?" fragte der Oberst, nachdem er die Schriftzüge der Adresse geprüft hatte. Her? Leutnant v. Glockthurn; er wartet draußen." . Der Herr Leutnant möge eintreten! .Seit wan.r sind Sie Postbote geworden?" Mi! dieser Frage wurde v. Glockthurn begrüßt. Ganz zufällig, Herr Oberst! Auf meinem Ritt kam ich an der Villa vorüber " Natürlich!" schaltete Herr v. Tillfuß ein. Und da wollte ich mich nur kurz nach dem Befinden der Damen erkundizen. Ich fand große Aufregung; darnach zu fragen, ließ man mir keine Zeit. Miß Mabel schrieb schnell ein paar Zeilen auf ein Billett und beschwor mich, zu eilen! Man warf mich förmlich zum Hause hinaus!" Es betrifft Sie!" Mit diesen Worten reichte der Oberst das Billett Herrn v. Liebenstein. Es war von Maoel geschrieben. Mr. Pailer droht eine große Gefahr, ich beschwöre Sie, Herr Oberst, ihn in Schutz zu nehmen." Na, hören Sie 'mal. Pailer; Ihretwegen also habe ich meinen Fuchs halb zu Schanden gehetzt!" sagte der Leutn'ant. Herr v. Tillfuß lächelte. Dafür dürfen Sie auf Ihre ritterliche Großmuth stolz sein. Ich stelle Ihnen hier Herrn v. Liebenstein vor, ehemals Pre mierleutnant im X. Dragonerregiment; wünsche aber, daß vorläufig nicht von der Metamorphose gesprochen wird. Sie besitzen ja eine geräumige Wohnung und werden wohl die Freundlichkeit haben, den Herrn Kameraden einstweilen bei sich aufzunehmen. Vielleicht können Sie ihm auch mit Ihrer Civilgarderobe aushelsen." Leutnant Glockthurn hatte bald den Obersten, bald den Ulanen angesehen, erst nach einer Weile fand er die total verloren gewesene Fassung wieder. Herr v. Liebenstein! Freut mich. Herr Kcmerad." Er sing an. dem Anderen die Hand zu schütteln. Natür-. lich mit Vergnügen. Herr Kamerad! Wirklich mit großem Vergnügen!" Somit auf Wiedersehen, meine Herren! Oberst v. Tillfuß hatte den Baron Prettau im Hotel aufgesucht. Ich muß Sie sprechen, meiner Nichte wegen. Ich hörte, daß Sie heute bei uns waren und eine Unterredung mit Elfe hatten. Sie waren mit ihr verlobt?" Jawohl, Herr Oberst." Kannten Sie auch einen Herrn v. Liebenstein?" Allerdings, wir waren eine Zeitlang so?,2r befreundet!" Sie sind derselbe, welcher mit Herrn v. Liebenstein die Affaire hatte?" Der bin ich, leider!" Ich bitte, Herr Baron, mir die Sache zu erzählen." Es ist sehr peinlich für mich " Ich begreife dies vollkommen; cs handelt stch aber um Wichtiges. Berzeihen Sie also, wenn ich auf meiner Bitte bestehe." So sei es denn!" Aus dem Munde des Barons erfuhr Herr v. Tillfuß die Bestätigung dessen, was ihm Liebenstein mitgetheilt hatte. Ich muß gestehen," schloß , Prettau, daß ich später den ganzen Vorfall tief beklagt habe. Es trieb mich von einem Ort zum anderen, nirgends fand ich Ruhe, überall hin verfolgte mich der Gedanke, ein Unrecht begangen zu haben. das nicht mehr gut zu machen sei. Heute erst habe ich aus dem Munde des Fräuleins v. Steinberg erfahren, , daß Liebenstein noch leben soll. Wenn dies Wahrheit ist, dann kann ich wieder froh werden." Liebens-ein ist hie? Es ist ein: merkwürdige Geschichte, e? diente im Regiment? unte? fremdem Namen." So war er es also doch! Ich sah heute Vormittag einen Mann in Ihr Haus gehen; die große Ähnlichkeit fiel mir auf. Ich fragte, wie er heiße, man nannte ihn Pailer " Ja, der ist es. Er hat mir jetzt c,e beichtet. Und nun muß ich eine ernste Frage an Sie richten. Herr Baron! Es ist' kein Zweifel. Liebenstein hat nicht ganz korrekt gehandelt, daß er sein Wort nicht einlöste. Sie , hätten das Recht, zu verlangen, daß er es thue. Beharren Sie aufZhrem Schein?" (Schluß folg.)
Das Fräulein.
Novellette von E. S. Es ist ein Räthsel! Sie geht in's Haus, und sie, verschwindet. Entweder in einer Versenkung oder auf natürlichem Wege. Lauschend steht er an der Korridorthür, die Stirn kraus, Miene nicht allzu geistreich. Nichts rührt sich im Treppenhaus. Ein Gedanke: Vielleicht geht sie hinten in die Papierfabrik, obschon sie nicht nach Fabrikluft aussieht. Er eilt an ein Hoffenster nichts zu erspähen! Leo Tönning ist ein großer Nimrod vor dem Herrn und hat schon manche Spur ausgestöbert. Auch deine Spur wird sich finden lassen." lächelt er zuversichtlich, der Lore ein Stück Zucker durch das Gitter schiebend. Da kommt sie endlich. Glorios leuchtet das röthlich-blonde Haar um die weißen Schläfen. Gemmcnprofil. Köstlich geschwungene Brauen von dunkler Farbe geben ihr einen aparten Reiz. Mit stockendemHerzschlag steht er an der Korridorthür, von wo aus man den Hof überblickt, als er im Vorbeirasen von seiner Schwägerin, der Frau 'Bankier Tönning, an den fliegenden Rockschößen festgehalten wird.. Mein Gott, dich suche ich überall, du mußt mir beistehen, Leo, der Junge ist nicht zu bändigen, seit mein Mann auf Reisen ist. Bespritzt die Mädchen mit Tinte und zereißt ihnen die Bücher du mußt deine Autorität zeigen." Halb geschoben gelangt er in's Kinderzimmer und steht wie angewurzelt, keines Wortes fähig, er, der sonst so Gewandte. Da ist seine schöne Unbekannte. Noch in Hut und Handschuhen ringt sie mit dem wilden Harry. Ringt effektiv, während sie fest seine Gelenke umspannt und ihn in die Knie zwingt. Ich bewältige ihn schon, gnädige Frau", lächelt sie der Mutter zu. Und dann sagt sie in weichem Tonfall: Nun bist du wieder mein guter Harry und versprichst, es nie wieder zu thun." . Komm, Leo, die Kinder sind schrecklich," seufzt die nervöse Mutter. Fräulein wird Mühe haben, sie in Ordnung zu bringen, und ich hoffe, daß du ihr behilflich bist. Uebrigens" sie stellt vor mein Schwager Leo Fräulein liebes Fräulein, ich vergesse Ihren Namen immer." Von Plothen", lautet die höfliche Entgegnung. Tolle Sache," murmelt Leo, sich auf seinen Lieblingssitz, das Fensterbrett über der Centralheizung, schwingend. Bin im Begriff, das Haus in die Luft zu sprengen, um ihre Spur zu finden und zwei Thüren weiter ringt sie mit meinem Neffen. Also Edelwild"; schmunzelt er stillvergnügt. Wenn's wird, dann wird's feudal!" Natürlich interessirt er sich jetzt auffallend für das Kinderzimmer. Seine Absicht, die Sache alltäglich einzuleiten, scheitert an ihrer Unnahbarkeit. Erst als er sich die straffe Haltung des Kavaliers zu geben weiß, wird sie um eine Note freundlicher, ihr Lächeln ist sogar schelmisch. Aber trotz des lustigen Geplauders mit den Kindern, trotz ihres nzeichen, intimen Tons bleibt sie exclusiv bis in die Fingerspitzen. Unbewußt sühlen die Kinder den Zauber ihrer Persönlichkeit, sie passen sick dem stolzen, freien Ton an. Auch Leo spürt eine Wandlung. Alles, was dreist und banal an ihm ist, bleibt draußen, sobald er hier eintritt. Doch jeder Versuch, seinem Ziel welchem? unklar näher zu kommen, mißglückt. Bettelstolz," denkt er manchmal wüthend, die Armuth blickt aus den gestopften Handschuhen heraus." Aber schon eine Minute später deklamirt er wehmüthig: .Das Mädel wird schöner mit jeden Tag. Man weiß nicht, was noch werden mag!" In einer ' schlaflosen Nacht hat er einen Trick gefunden. Hände weg!" commandirte er, in's Kinderzimmer tretend. Onkel Leo will euch was Schönes zeigen." Zum Fräulein gewendet: Ich betreibe den Import australischer Erzeugnisse, hauptsächlich Brillanten, die in Deutschland geschliffen werden." Mit spitzen Fingern entfaltet er ein seidenes Blättchen, und ein Meer von Glanz breitet sich auf der Tischplatte aus. Üeberwältigender Reichthum! Brilkanten von verschiedener Form und Leuchtkraft. Der kostbarste Stein ist dieser Opal," erläutert er, der von Erdbeerrosa in's Amethystblaue spielt und gerade wegen dieses Ombres so selten ist." Und im stillen fügt er hinzu: Es kommt dir Stunde, da ich mir mit diefem Opal von dir. du schönes Weib, eine Gunst erbettle." Da legt sich eine weiße Hand über seine Brillanten. Hinter ihm steht lachend die Schwägerin in einer entzückenden Frühjahrstoilette. Menn du den Unterricht unterbrechen und deine Schätze zeigen darfst, so darf ich auch mein Bijou zeigen. Soeben von meinem Mann aus Paris erhalten." Spricht'S und nimmt aus dem zierlichen Lederkosfer ein Hütchen, Form Diadem, . Theerosen, Goldspitze. Modell aus dem Atelier Virot, 80 Frank. Habt ihr so etwas Schönes schon gesehen? Fräulein, Sie- haben ein so feines, griechisches Köpfchen. Darf ich an Ihnen mal Probiren, wie der Hut wirkt?" Das schön Mädchen wird roth unter den vielen bewundernden Blicken. Hätte Lenbach Sie so gesehen " flüstert Leo hingerissen, gehen Sie doch einmal zum Spiegel." .Nein!"
klingt es fast beleidig: zurück. Nell, deine Vokabeln." Gleich darauf schwirrt die Gesellschaft auseinander, denn der Besuch ei ner Tante ist gemeldet worden. Ganz still ist es nun im Kinderzimmer, und das allein Zurückbleibende Fräulein ertappt sich bei einem unrechten Gedanken. Sie lauscht. In der Ferne hört man Stimmengewirr. Ob sie es wagt? Ganz schnell! Er ist doch zu schön, zu extravagant, und sie muß verführerifch darin aussehen. Ganz schnell! Sie lauscht. Nichts. Mit bebenden Fingern öffnet sie das Köfferchen lauscht abermals. Nichts. Nur das Seidenpapier rafchelt. zwischen ihren Händen. Das Pariser Hütchen tief in daS flimmernde Haar gedrückt, sich selbst beglückt im Spiegel zulächelnd, ist sie gar nicht mehr die stolze Thea sie ist ein süßes, schönes Weib. Das fühlt er auch, der sich aus Zehenspitzen hereinschleicht. Nur ein Weib," jubelt es in ihm, das für einen Modellhut von der Virot seine Götter opfert. Cosi sau tutre." Sie betrachtend, erwacht in ihm der Genußmensch. Sein Arm streift ihre Schulter, und als sie erschreckt den Hut herunterreißt, schleudert er ihn leicht sinnig in einen Winkel. Viel schönere Dinge will ich Ihnen zu Füßen legen, Thea; Ihr Leben soll fortan wünschlos sein, wenn Sie mir ein wenig Huld beweisen." Und er schmeichelt: Sie sind jung und blendend schön! Warum in Armuth verblühen? Als Ihr Freund will ich Sie unendlich reich machen und Sie im Siegeszuge durch die Welt führen. Vertrauen Sie sich meinem Schutz." 1 Der Blick, der ihn streift, ist Null Grad. Gefrierpunkt. Reichen Sie mir den Hut und geben Sie mir Ihr Ehrenwort, zu schweigen. Im übrigen aber," fährt sie mit klassischer Ruhe fort, lehne ich Ihre Freundschaft dankend ab, ebenso Ihren Schutz und" sich straff aufrichtend Ihr Geld!" Dann setzt sie mit preziöser Ironie hinzu: Die Offerte ist zweifellos glänzend, nur Thea von Plothen nicht die richtige Adressatin." Die hereinstürmenden Kinder überheben ihn der Antwort. Doppelt schwer schleppt er. Liebesqual und moralischer Jammer! Daß die dreiste Attacke mit einem Rückzug enden mußte! Alle Stadien der Selbstverachtung durcheilend, kommt er zu dem Schluß: Das Weib macht mich willenlos." Planlos bummelnd trifft er in einem Kreise Bekannter seine Schwägerin, die ihm zuraunt: Lieber . Leo, mein Fräulein hat gekündigt. Denke dir, jetzt! Vor meiner Karlsbader Reise." Warum?" stottert er heiser. Angeblich wegen Krankheit der Mutter. Leo, die Kleine ist stolz, aber arm. Ihr ist es gewiß um die Zuläge, und sie mag nicht bitten. Vermittle du die Sache! Laß durchblic?en, daß ich 10 bis 20 Mark zulege. Nur finde einen Modus, sie festzuhalten. Leo! Mach's diplomatisch." Liebe und schauderhafte Blamage im Herzen, nimmt er einen letzten großartigen Anlauf. So etwas wie Ehrenrettung," redet er sich ein Paß in's gelobte Land!" Mein gnädiges Fräulein" Hätten Sie mir noch etwas zu sagen?" O. diefe Kälte hat etwas Faszinirendes! Sie erfüllt ihn mit Cäsarenmuth. Ein Wort der Aufklärung", fleht er. Sie macht eine abwehrende Handbewegung, während sie Ziffern auf ein Blatt kritzelt. Gnädiges Fräulein, ich bin ein schlechter Redner. Ich besitze nicht Ihre glänzende Präzision und werde leicht mißverstanden. Ein Mißverständniß muß auch zwischen uns obwalten." Ein Blick voll Staunens. Wenn Sie mich abwiesen, warum geschah es in so brüsker Form?" Innig: Oder konnten Sie glauben, Thea" leise daß unedle Motive" ... Ein großer, freier Blick wird zwischen ihnen gewechselt, und dann fährt er begeistert fort: Seit ich Sie liebe. Thea, kenne ich nur einen Ehrgeiz: diesen kostbaren Edelstein, den mich der Zufall finden ließ, in Gold zu fassen und der Welt zu zeigen als mein" als mein Weib!" Nicht wie ein heißhungriger stürzt er sich über die dargebotene Hand. Als ein Gentleman haucht er nur einen Kuß darauf, und als sie die Finger zurückzieht, vibrirt ein Freudenschrei auf ihren Lippen. Da funkelt der seltene Opal, der schönste in der Sammlung. , Und nun zu den Kindern. Ursell, Nell, Harry, Fräulein von Plothen geht von euch sort, weil ihr nicht folgsam seid, und kommt zum Onkel, der immer brav und folgsam ist, und gibt ihm Unterricht in Aesthetik und Psychologie. Und wenn " er eine gute Zensur bekommt Nummer 1 a" Dann wird Fräulein Onkel Äos Frau!" ruft die vorlaute Nell dazwischen. Die .Frau Schwägerin muß alle Selbstbeherrschung zusammennehmen, um auch in dieser Situation die liebenswürdige Frau" zu bleiben. Als sie aber Leo einen Augenblick allein hat, flüstert sie ihm etwas spitz zu: .Dir kann man ja öfter einen diplomatischenAuftrag geben. meinLiebeii"
Für die Küche. Fleischroll'en. 1 Psund sch'6nes, zartes Ochsenfleisch wird in große dünne Scheiben geschnitten, auf jedes Stück eine dünne Scheibe Speck- und eine Scheibe rohen Schinken gelegt, dieses fest zusammengerollt und mit Faden zugebunden. Man würzt das Fleisch mit etwas Pfeffer, läßt es in heißer Butter braun werden, giebt 1 Tasse sauren Rahm dazu und schmort die Rollen, fest zugedeckt, eine Stunde. Sodann wird das Fleisch herausgenommen und die Fäden abgelöst, wobei die Rollen ihre Form behalten müssen. Die Sauce läßt man nochmals durchkochen und gießt sie über das Fleisch. Spinat mit Sahne. Der Spinat wird verlesen, in kochendem Wasser abgewellt, ausgekühlt, gut ausgedrückt und fein gehackt. Unterdessen zerläßt man ein gutes Stück Butter in einer Kasserole, giebt den Spinat hinein, rührt ihn fünf Minuten gut durch, fügt einige Löffel süße Sahne dazu, sowie nach Geschmack Pfeffer, Salz, etwas geriebene Muskatnuß, eine Messerspitze Zucker und ein wenig gehackte Citronenschale, läßt alles zusammen noch zehn Minuten durchdünsten, wobei tüchtig gerührt werden muß, schmeckt ab und richte! den Spinat mit in Butter gerösteten Semmelscheiben und Setzeiern an. Tauben, gebrate n und gefüllt. Die Tauben werden gerupft, ausgenommen, gereinigt, mit Salz und etwas Pfeffer eingerieben und mit folgender Farce gefüllt: eine Kalbniere oder einige Hammelnieren werden mit der Leber, den Herzen und erwas Speck fein gewiegt, dann mischt man 2 Eigelb, etwas in Milch ge weichte und ausgedrückte Semmelkrume, sowie etwas Salz und Pfeffer dazu, rührt alles gut durcheinander, macht die Brusthaut los, füllt auch die gut gereinigten Kröpfe, näht sie zu und brät sie in reichlicher Butter unter fleißigem Begießen eine halbe Stund? in der gut geheizten Röhre. Ab und zu gießt man einen Löffel Wasser- zu. damit die Sauce nicht zu braun wird. Sehr häufig giebt man die Fülle auch in den Bauch, näht ihn zu und umwickelt die 'Tauben mit Speck. Eine gewöhnlich? Fülle besteht aus etwas zu Schaum gerührter Butter, in welche man je nach der Zahl ber Tauben 1 2 Eier, Salz, grüne Petersilie, etwas Muskatnuß und in Milch geweichte und ausgedrsickte Semmelkrume giebt und gut verrührt. Man giebt die Tauben gewöhnlich mit Salat und Compot zu Tisch. Risotto - Suppe. Ein halbes Pfund Reis wäscht man und trocknet ihn mit einer Serviette. Dann hackt man eine kleine Zwiebel, schwitzt sie in 3 Unzen Butter, giebt den Reis hinein und röstet ihn unter fleißigem Rühren;. dann gießt man 3,4 Quarts Fleischbrühe an, kocht den Reis weich, daß er aufquillt, aber vollständig ganz bleibt, rührt vorsichtig 3 Unzen Parmesankäse darunter, läßt ihn einige Minuten zugedeckt stehen und reicht das Risotto zur klaren Bouillon. Kalbsbraten - Auflauf. Man schneidet in der Schale gekochte und abgezogene Kartoffeln in Scheiben, hackt Ueberreste eines Kalbsbratens und etwas rohen Schinken ziemlich klein, reibt Parmesankäse ' hinzu und mischt es untereinander. Die Hälfte dieser Masse füllt man in eine Form und übergießt sie mit folgender Sauce: In Butter gebräunte, kleingefchnittene Zwiebel, Salz, faure Sahne und übrig gebliebene Kalbsbratensauce. Dann wird der Rest der Masse eingefüllt, mit Paniermehl bestreut und mit zerpflückter Butter belegt. Dreiviertel Stunden in mäßiger Hitze zu backen. Das Ganze wird dann in der Form auf den Tisch gebracht und daraus vorgelegt. Hammelbratenü.Ia.Biller o i. Die Brust wird hergerichtet vom Fleischer, dann mit einer Kasserole mit gesalzenem Wasser aufgesetzt. Zuerst bringt man das Fleisch schnell zum Kochen, dann läßt man es langsam gar sieden. Wenn herausgenommen und fast abgekühlt, preßt man es unter starkes Gewicht. Es wird nun in Stücke geschnitten, die 2 4 Zoll groß sind. Diese werden in eine aus Butter und Mehl bereitete, mit der Hammelbrühe aufgefüllte dicke Sauce eingetaucht, dann in Semmelkrumen gewälzt, nachher in Ei und wieder in Krumen umgedreht und schließlich aus rauchheißem Fett herausgebacken. Jrgend eine gute 'pikante Sauce wird dazu gereicht. Citronenspeife.. Fünf bis sechs Eidotter werden mit 4 Unzen Zucker gehörig gerührt, dazu kommt die abgeriebene Schale einer und der Saft von zwei Citronen, etwas Weißwein und i2 Unze in Wasser gut gelöste weiße Gelatine. Zuletzt wird der festgeschlagene Schnee der sechs Eier darunter gerührt, und die Masse in eine Glasschale gegossen. Schwarze JohannisbeerMarmelade. Man streift die Beeren ab, zerdrückt sie und treibt sie durch die Fruchtpresse, oder drückt auf irgend eine andere Weise den Saft aus. Auf ein Pfund Gast nimmt man ein Pfund feinsten gestoßenen Zucker, rührt die Masse 23 Stunden lang fortwährend nach einer Richtung, bis sie' ganz dick geworden ist. Dann legt man die Marmelade in Fruchtgläler, deckt sie bis zum nächsten Tage leicht zu und verbindet sie mit Perga-mentpapier.'
Die japanische R e g, erung beabsichtigt, wie es heißt, die Ausfuhr von Vogelbälgen aus Japan zu verbieten. Die Zollbehörden sollen angewiesen werden, solche Sendungen nicht mehr durchzulassen. Durch daS gewissenlose Morden der , nützlichen Vögel ist eine solche Menge Schädlinge in Japan aufgekommen, daß man für den Ackerbau fürchtet; besonders die Reisfelder wimmeln von Ungeziefer. Man hofft, daß die Vögel, wenn man sie in Ruhe läßt, sich wieder besser vermehren und jene Feinde der Landwirthschaft vertilgen werden. Der Ertrag, den die Vogelbälge bringen, fällt nicht in's Gewicht gegen denSchaden. den die Landwirthschaft erleidet. In jen Ortschaften Mohol, Obecse und Peterrev des Vacser Komitates in Ungarn wurde seit längerem bemerkt, daß zahlreiche Männer an einer eigenthümlichen Krankheit starben. Sie magerten entsetzlich ab und verschieden nach einem halbm Jahre. Die Gendarmerie entdeckte nun durch einenZufall, daß eine Bande von Frauen sich vereinigt hatte, um ihre Männer, deren sie überdrüssig waren. oder die sie beerben wollten, zu vergiften. Das Gift lieferte eine Frau Miriczky, bei der bei einer borgenommenen Haussuchung neun verschiedene Gifte inFlaschen und große Mengen Arsenik vorgefunden wurden. Bisher wurden 14 Frauen verhaftet, deren Männer an Vergiftung starben. Die Verhafteten Frauen sind alle geständig. Da die Verbrechen auf Jahre zurückreichen, sind noch zahlreiche VerHaftungen zu erwarten. A u f e i n e merkwürdige Zeitungsreklme ist die Londoner Times" verfallen. Sie hat einen Bücherclub eröffnet, aus dem jeder, der sich für zwölf Monate die Times" zu halten verpflichtet, so viele Bücher entnehmen kann, als er wünscht. Die Times", liefert selbst solche Bücher, die rein wissenschaftlich sind, und schafft sie sofort an, wenn sie verlangt werden. Dadurch wird sich derVücherclub derTimes" von den gewöhnlichen Leihbüchereien unterscheiden. Der Abnehmer der Times" Hai keine Leihgebühr zu zahlen. Er hat jedoch noch einen anderen Vortheil. Sollte ihm ein Werk so gefallen, daß er es dauernd besitzen möchte, so kann er das betressende Buch von dem Bücherclub der Times" für ungefähr die Hälfte des Buchpreises beziehen. Trotzdem diese Einrichtung erst seit kurzer Zeit bestht, ist die Zahl der Bezieher angeblich so groß gewesen, daß der Verwaltungs-' stab der Bücherei bereits verdoppelt werden mußte. Eine neue V e r s u chs st a -tion für drahtlose Telegraphie beab-. sichtigt der auf diesem Gebiete rühmliehst bekannte Professor Braun demnächst in Cuzhaven zu errichten. Es ist ihm gelungen, eine Vervollkommnung der drahtlosen Telegraphie in der Weise zu erzielen, daß die elektrischen Wellen sich von der Geberstation aus nicht mehr nach allen Seiten hin verbreiten, sondern daß sie sich nur nach einer bestimmten Richtung fortbewegen. Die Telefunken - Gesellschaft, die die vereinigten Systeme Braun Slaby Arco verwerthet, will diese neue Braun'sche Erfindung praktisch erproben, doch ist dazu' die Herstellung von drei als Stationen einzurichtenden Thürmen erforderlich, die in der Strandgegend von Cuzhaven zur Erbauung kommen sollen. Bekanntlich wurden die überhaupt ersten praktischen Versuche mit der damals noch stark angezweifelten drahtlosen Telegraphie ebenfalls vom dortigen Strande aus unter Benutzung des Leuchtthurmes . und der Kugelbake vorgenommen EineaufregendeSzene spielte sich dieser Tage auf der Nordsee ab. wo die Besatzung des deutschen Dampfers Matin" nur mit großer Mühe gerettet werden konnte. ' Es tobte ein furchtbarer Sturm, als die englische Bark Riversdale" plötzlich die Nothzeichen des genannten Dampfers sah. Die Bark ging so nahe sie konnte heran, ohne jedoch mehr als einige Winke mit dem deutschen Kapitän austauschen zu können. Nachdem man so sechs Stunden lang gefahren war, bemerkte der Kapitän des engliscken Bootes, daß anBord des Matin" eine große Aufregung herrschte, und. gleich, darauf wurde es ihm klar, daß der Dampfer mit großer Geschwindiakeit unterging. Sofort wurde ein Boot hinübergeschickt. und nach einiqerMühe gelang es, zwölf Mann der Besatzung zu retten. Ein Knabe war auf den Mast des Dampfers geklettert und befand sich dort in solcher Angst, daß man ihn nicht bewegen konnte, herunterzukommen. Auch der Kapitän erklärte, das Schiff nicht verlassen zu wollen, so lange der Knabe an Berd bleibe. Man brachte die Anderen in Sicherheit, und dann ruderte die brave englischeMannschaft mit aller Hast zuruck; es war ein Rennen mit demTode. denn man konnte nicht hoffen, den sinsenden Dampfer noch wieder rechtzeitig zu erreichen. Gerade in dem Augenblick, als das deutsche Schiff in den Wellen zu verschwinden begann, legte das Boot an. Inzwischen war es dem Kapitän gelungen, den Knaben von dem Mast herunterzubringen; sie wurden Beide in das Boot aufgenommen, das gerade noch dem Strudel enikommen konnte, der sich über dem versunkenen Dampfer bildete.
