Indiana Tribüne, Volume 29, Number 48, Indianapolis, Marion County, 19 October 1905 — Page 5

o

V Jndiana Tribüne, T9 Oktober 1905 S

Jugend.

Eine Etrandgeschichte von E. Fischer-Mark-grast. Er kam quer über die Dünen. Seine Füße versanken fast in dem losen, weißen,.im Sonnenlicht wie Silber schimmernden Sande, und als er die blaue, schaumgekrönte Unendlichkeit des Meeres vor sich sah, da warf er sich zur Erde, mitten hinein in das graugrüne, messerscharfe Riedgras, daß es ihn wie eine seine, leuchtende Wolke umsiäubte; er verbarg de Kopf in der Höhlung des Armes, daß sich die weiße Strandmütze in den Nacken schob, und so lag er lange Zeit unbeweglich. Eine unendliche Zeit, zwanzig lanöe," unermeßbar: Jahre war es her, seit er zum letzten Male abschiednehmend hier gesessen, ein halbwüchsiger, schmächtiger Junge mit schmalenWanRen und abwesenden Augen, die bestänbig nach innen zu sehen schienen. Es hatte ihn 'hinausgetrieben, seit er so kurz hintereinander die Eltern verloren, in die Welt wollte er, lernen, streben, ihnen zeigen, daß etwas in ihm steckte, den guten Freunden und Bekannten, den Lehrern mit ihrer unsehlbaren Weisheit, die ihn so oft einen Taugenichts gescholten, weil er in der Schule nur langsam vorwärts kam und in seinen Freistunden, statt in die Bücher zu sehen, hinter der Drehbank hockte, oder mit seinem Skizzenbuch von Ort zu Ort gezogen war, um zu zeichnen; immer nur Linien mit wenig Schattirungen, aber die alten, spitzgiebeligen Häuser des Städtchens wo er die Schule besucht, die Kirche mit dem massigen, viereckigen Thurm und den rundbogigen Schallöchern daran, standen da, als lebten sie. Dann war eine heiße, arbeitsvolle Zeit für ihn gekommen. Er hatte ein 'Technikum besucht und als Schlosser praktisch gearbeitet; dann glückte ihm eine Erfindung, und der Besitzer einer kleinen Fabrik, für den er schon jährelang thätig gewesen, machte ihn zu seinem Compagnon, um sich seine iTrast .zu' erhalten. 'Das Geschäft ging in die Höhe untet seiner Mitarbeit; es war ein schwerc, ruheloses Jagen nach Erfolg und Gewinn. Er hatte nicht rechts noch links geblickt, nur vorwärts, immer vorwärts. Er hatte kein Weib genommen, ihm war nicht Zeit geblieben zum Lieben und zum Freien, er hatte fein Leben nicht genossen, hatte es auch nicht bedauert, er war völlig aufgegangen in dem athemraubenden, ruhelosen Jndiehöhehasten. Nur im Sommer, wenn das Grün dex. Bäume den dichtesten Schatten spendete, wenn der Blüthenduft schwer in den Lüften hing, dann kam es über ihn die Sehnsucht nach dem Meeres tSo nahm er sich .endlich vor, das Begehren seines Herzens durch einen Besuch in der Heimath zu stillen. Die Nacht hindurch war er gereist und durchgeschüttelt und verwacht im Hotel angekommen, aber kaum hatte er sich die Zeit gegönnt, den Anzug zu wechseln und etwas zu sich zu nehmen. Durch die Straßen des Heimath ortchens war er geeilt, das sich inzwischen zu einem stark besuchten Badeort ausgewachsen hatte, in dem Niemand ihn kannte, und hatte sich durch die neuentstandenen Anlagen dem Strande zugewandt. Ein nüchternes, enttäuschtes Gefühl war m thm, eine grenzenlose Leere; der Kopf war ihm schwer, und es fror ihn, und er hatte sich doch so gesehnt?" Wonach? . Wußte er es jetzt noch? Verstand er sich noch selbst? Und da, als er die vorletzte Düne erstiegen, als die weite, blauglänzende Fläche vor ihm lag, da war es über ihn gekommen und hatte ihn in den Staub geworfen. Nicht die Heimath war es, nach der ihn verlangt, nicht das Meer, dessen Erhabenheit auch heute noch wie ehedem seine Seele wie mit Schwingen emporhob, die Erinnerungen an seine Kinderzeit, seine geminhandelte, zer iretene, .unausgekosicte Jugend waren es, die er gesucht hatte. . Er hatte wie in einem Wahn, wie in eine graue, undurchdringliche Wolke gehüllt dahingelebt, jetzt war er erwacht, aber es war ein nüchternes, häßliches Erwachen voll bitterer, nie cutzumachender Neue. Von fernher schickte ein Dampfer den Ruf semes Heulers; er hob den Kopf und saß, die Mütze wieder in die Stirn Ziehend, mit einem Ruck aufrech in dem weichen Sande, und Plötzlich fuhr er sich mit dem Handrücken über die Augen und wischte aus dem dun kelblonden, spitz zulaufenden Vollbar etwas Glitzerndes hinweg. Dann erhob er sich, klopfte denSand von dem hellen Sommeranzug und hing den Riemen des. Fernglases, das er neben sich hingeworfen, über die Schulter. Er erkletterte die nächste Düne, und die hellen Augen in dem starkgerötheten Gesicht blickten unbeweglich in die Weite vor sich; dann gmg er zum Strande hinab und wanderte densel ben entlang. . Ab und zu entnahm er das Glas dem Behälter und sah nach den Msckerbooten aus 'deren weiß Segel fern am Horizont wie Möven schwingen über dem Wasser schwebten. Wo der Boden beginnt anzusteigen und ein dichtes Gehölz einen Theil des feuchten Sandes in Schatten hüllt, kamen ihm zwei Damen entgegen: eine kleine, rundliche, offenbar eine mnae

Frau und ewe mittelgroße, icymnie.

Er .musterte die beiden hübschen Gestalten und ein Laut der Ueberrachuna entfloh seinem Munde. Und wie von einem inneren Impuls getrieöen, war er auf eine der Damen zugereten und reichte ihr die Hand entgeeen. .Gretel. ist's möglich?" Die mittelgroße, schlanke und dennoch volle Gestalt wich erschrocken zurück. Einen Moment bog sich der feine Kopf mit dem tiefgesteckten, hellbraunen Haar hochmuthig tn den Nacken. Doch als s sein noch immer in Heller Freude erstrahlendes Gcsicht bemerkte, schien ihr eine Erinnerung zu kommen, ein suchenderAusdruck trat in ihre Augen, und dann wich sie einen Schritt zurück, während eine zarte Rothe iyr in die Mengen stieg. Hard, Eberhard." Er hatte ihre Fmaer zwischen die seinen genommen und drückte sie in der arbeitsgewohnien Hand, daß sie schmerzten, dann standen sie beide stumm, in hilfloser Verlegenheit, und keiner wußte, wo er beginnen sollte. Da leate sich die junge Frau, die so lange, augenzwinckcrnd, seitlich gestanden. ins Mittel: Ich muß zurück. Fräulein Odoard. mein Bubi wartet. Auf Wiedersehen," und ehe noch die andere ein Wort erwidern konnte, war sie schon ein gutes Stück dem Orte zuaceilt. Der Ingenieur drehte das Guckglas zusammen und schob es in das Etui, indessen seine A:iaen auf ihrem schmalen, blassen Gesicht hafteten, alle Limtn in Gedanken nachzeichnend, jeden Reiz desselben gleichsam in sich hineintrinkend. Dann athmete er schwer und rückte die Mütze fester ins Gesicht, wie ein Mann, der zu etwas entschlossen ist: Vielleicht gehen wir ein Stückchen zusammen?" und er deutete die Richtung, den Strand .hinaus, an. Und dann mußte er lächeln über seine UnbehUflichkeit, und der Bann war gebrochen, darf ich Sie auf Ihrem Spaziergange begleiten? Sie hatte ihre Augen mit scharfem Blick auf seinen Zügen ruhen lassen. Als sie sem Lächeln bemerkte, bog sie den Kopf in den Nacken, während ihr feines Gesicht, auf dem bisher noch immer 'die Nöthe der Erregung gehaftet, sich langsam wieder mit der früheren Blässe überzog. Sie wandte sich zum Gehen mit tu nem verräterischen Zucken um , die Mundwinkel. Es thut mir leid. Herr Steinbach. Eberhard." setzte sie hinzu, als sie seinem erstaunt fragenden Blick begegnete, aber ich muß zum zweiten Frühstück zurück sem. Er hielt sich dicht an lyrer fcene: Und wo haben Sie ein Heim gefunden. Gretel. nach dem Tode Ihrer Eltern?" Ich bin nach Berlin übergesiedelt." erwiderte sie. Sie sprach jetzt ganz ruhig,. nur an dem Zittern des weißen i v-n n t.r . !isplyeniragens iaq mau, van ic tig athmete. Ich habe dort ein Atelier für feine Damenschneiderei errichtet." . Und haben Sie Erfolg gehabt? fragte er theilnehmend. O ja, dank' Ihnen. Zuerst habe ich schwer arbeiten und ringen müssen, aber das war mir eine Lust. Meine Kindheit, meine Jugend war ja. wie Sie wissen, wenn auch nicht gerade sorglos, doch so heiter und sonnig, da kommt der Trieb zum Arbeiten cm selbst, zudem habe ich mir auch in der härtesten Zelt stets eme stunde des Ausruhens,'des Genießens, gelassen." Sie plauderte weiter, etwas hastig. als wollte sie ein tieferes Eingehen der hindern, während er, in Gedanken verloren. neben ihr herschritt. Ihre letzten Worte hatten ihn berührt wie ein elektrischer Schlag. Sie war nur ein Weib, und dennoch. hatte sie es verstanden, sich neben der Arbeit auch die Freude zu sichern sich' Erinnerungen zu schaffen. Ja, und fo kam es denn, daß ich Zchnellerals ich gedacht, bekannt wurde," vollendete sie. Ich spekulirte auf die Eitelkeit der Menschen und im Uebrigen, Sie wissen ja, daß. ich ener qisch bin." Er hatte.iin seine unerfreulichen Eedanken vertieft, nur halb zugehört; bei ihren letztenWorten wachte er auf. Ja, dafür kenne ich Sie, platzte er hervor. Sie fuhr herum, eine zornige Falte zwischen den Augenbrauen: Wie mtU nen Sie das?" fragte sie scharf. Er blickte sie aus dem Augenwinkel an, augenscheinlich erfreut, sie gereizt und damit aus der bisher beobachtenden Reserve herausgelöst zu haben: Nun, ich dächte," meinte er behaglich. ich habe untrügliche Beweise dafür. und halb scherzend, halb unbewußt fuhr er mit der Linken über die Wange. Jetzt war sie aber ernstlich böse, ihre Augen sprühten, alles an ihr war bendig. Sie hatten Mich auf den Tod beleidigt. Sie waren immer so empfindlich, erwiderte er prompt. , Sie waren ein eingebildeter Mensch." Und Sie die Prinzessin auf der Erbse." lachte er. . Ist denn das noch,, keine Beleidigung, wenn" . sie verstummte errotbend. , . . , Wenn lch dir eine Liebeserklärung mache, und . ... Und wenn du hinzusetzest, aber hei rathen kann ich dich nicht, du hast kein Geld!" Ihre Augen flammten, - ihre Wangen brannten, fast unvermerk waren sie wieder bei dem Du" engelangt. .......

'Allerdings, ich war 10 vumm," gav

er zu, aber du!" inquirirte er weiter. was thatest du!" I oh ich" stammelte sie; ie war jetzt wirklich verlegen. Du gabst mir eme Ohrfeige," vollendete er nachdrücklich. So dick war mein Gesicht am nächsten Tage," er bezeichnete das Maaß als großen Bogen um seinen Kopf. Margarete war still geworden. Ich war' 14 Jahre damals," meinte sie dann kleinlaut. Allerdings, du warst immer sehr emperamentvoll." aab er strafend zurück. Gretel." sagte er dann bittend und neigte das hübsche, männliche Geicht unter ihren breltkrampigen Hut, ist's 'nicht unrecht die alte, gute Freundschaft zu vergessen um fo kindifx..- o" i:y.o" UjCl .QUUUtClCll Sie zoa das Tuch und fuhr damit über Stirn und Augen. Wir wollen ein wenig schneller gehen, sagte sie kurz. Er schwieg einen Augenblick betrofen. Wissen Sie noch." fing er dann an, wie wir einmal Prinzessin auf der Erbse spielen wollten?" Den Spitznamen hatten Sie mir gegeben." Leider, aber er paßte so wundervoll, alle nannten Sie so." Mein Bruder Heinz sollte die Decken zurecht machen," schwenkte sie ab. Ja, und well er keine Erbse fand . . Nahm er einen tüchtigen Kiefelstein." Und du drücktest dich furchtbar." Jammervoll." Und nachher verprügelten wir ihn beide." Sie vergaö für einen Augenblick ihre Reserve und lachte von ganzem Herzen. Er wandte den Kopf und horchte. Ihm war plötzlich fo wohlig ums Herz. Schon während er neben ihr . r jr. 1 1 tn. .3 . r ouqlliicqrlil, qauz es xgin gcjcyicuui, als weitete und weitete es sich und sprengte eiserne Bande, die erdrückend darum gelegen. Und nun er ihr Lachen immer hörte, dies tiefe, herzliche Lachen, das , ihn merkwürdigerweise immer an die Hausglocke daheim gemahnte, da war es ihm, als schrumpfte die öde, graue Fläche mehr und mehr zusammen, die xftrC trennte von jenen fernen Zeiten, als könnte er wieder anknüpfen an die glucklichen Tage. . als hielte er das, was er hier gesucht seine Jugend. Vor einem villenartizen Häuschen blieb sie stehen und reichle ihm die Hand: Hier biN'ich augenblicklich zu Hause, leben Sie wohl!" -' Er hielt ihre Finger krampfhaft fest: Wann seh' ich dich?" . , Sie versuchte sich loszuringen: Heute Nachmittag im Kurhausconcert" sagte sie dann unwillig und er regt und schritt eilig den Gartensteg hinaus' ' ,; ? " ' Er drückte sorgsam die Güterpforte hinter ihr zu, und noch geraume Zeit stand er so mit leuchtenden Augen, als die Hausthüre schon lange hinter ihr in s Schloß gefallen war. Die Stunden und Tage verrannen. Aus dem einmaligen Beisammensein der beiden Jugendfreunde war. ein steter Verkehr, ein Fliehen und Sichverbergen von ihrer Seite, ein Suchen und eindringliches Werben von der seinen geworden. In Eberhard war die alte Kinderliebe zu neuen Flammen emporgelo dert und brannte verzehrender, ungestumer. ie kurzer die Spanne Zeit des Genießens, die ihm geblieben, je länger die Dauer, jener trostlosen, nimmerruhenden, gehetzten Arbeitsjahre, die hinter ihm lagen. Sie sahen sich fast täglich: im Kon ert, bei Wagenpartien, selbst auf einer Reunion des Kurhauses tanzten sie die Polonaise und die Quadrille zusammen,' und er zog mit einer unwillkürlichen Regung der Eifersucht jählings ihren Arm an sich, daß sie betroffen, aufblickte, als er fah, wie die Augen des gefährlichen, langen Garveleutnants auf der Gestalt neben ihm in dem ausgesucht einfachen, ele ganten Kleide von farbiger Chineseide ruhten, der die Jahre so wenig hatten anhaben können. Schon oft hatte er versucht zu spre chen, aber sie verschanzte sich hinter der Schranke ruhiger, kühler Freundschaft, die eme Erklärung unmöglich machte.. Es war ein schwuler, erstickend heißer Nachmittag. Die Sonne schien trübe, und das Blau des Sommer Himmels war in einem feinen Dunst untergegangen. Margarethe lehnte müde in ihrem Sirandkorbe. Der Jugendfreund saß ihr zur Seite auf dem mit Segeltuch bezogenen Klappstuhl, die weiße crn" l. . je .rjtt c? 1- " iutuge nuu iuucu ijciyoücn, oic ande zwischen den Knieen gefaltet, und blickte stumm vor sich in den flimmernw 1 ' den, orennenoen ano. : Sagen Sie, Gretel," fragte - er dann so Plötzlich, daß sie aus einem leichten Hindämmern ' aufschreckte. warum machen Sie es mir so schwer? Warum lasjen &t mich Ihnen nicht gestehen, daß ich &t lb habe?" Sie hatte sich steif in die Höhe, gereckt; mit zornig blickenden Augen, jede Muskel gespannt, hob sie die Hand: Hören Sie aus,' Eberyard, nicht wei ter, ich kann das nicht hören."- -Schon so lange hatte sie diesen Mo ment gefürchtet. Aber warum denn nicht?" fragte er erregt. Ist Ihnen eines ehrlichen

Mannes 'Liebe denn so gar nichts werth?"

Sie wissen es, Sie haben mich auf den Tod beleidigt." Et lachte laut und aerent.' Und von solcher vergessenen Kinderthorheit wollen Sie heute unser Lebensglück abhängig machen?" Er war außer ich. Das ist kleinlich, das ist". . . Nein", sagte sie laut und hart, ,ds ist nicht kleinlich. Mein Gefühl als Weib iann nicht darüber hinweg. Ich bin selbständig geworden durch eigene Kraft, durch mein eigenes Ringen. Soll ich das alles aufgeben, um meineoen tang den Gedanken Mit mir herumzutragen, daß mein Mann vielleicht glauben könnte, ich hätte ihn w ri eines lseioes wegen genommen -Er schüttelte, ruhiger geworden, den Kopf: Aber Gretel, ist das dein Ern t? &aa ". bat er dann, hast du mich denn nicht ein wenig lieb? So wie damals in unseren seligen, thörichten Jugexdtagen, wo wir so manches Mal Hand in Hand hier unten am Strande saßen?". . . Sie wand rathlos die Hände zusammen, die Augen mit trostlosem Blick in die Ferne gerichtet: Ich habe Sie lieb , sagte sie dann und wurde plötzlich dunkelroth, das sollen Sie wissen, noch viel mehr als früher." Q-ie war aufgesprungen und wehrte ihm in angstvoller Hast, als er sie, in überschwenglichem Glück in die Arme ziehen wollte. Nicht, lassen Sie mich, ich kann nicht die Ihre werden, nie, ich kann nicht", stich sie hervor. - Gretel". es klang so angstvoll, so verzweifelte Sie hatte sich umgewendet. Bitte. lassen Sie mich gehen," bat sie laut und entschieden, ich werde nie Ihre Frau, ich kann über das Geschehene V I . Aä I. mazr ymweg kommen. Ist das Ihr letztes Wort?" Mein letztes." Sie wandte sich hastig, um nicht zu sehen, wie er dastand, mit den hängenden Armen, den .erloschenen Augen, und wandte sich den Anlagen zu. Margarethe saß rn ihrem Zimmer. sah in die triefenden Gewässer hinaus, die. vom Winde gepeitscht, an ihre Scheiden schlugen, und horte auf das immer ferner verhallende Rollen des abziehenden Gewitters. Da klopfte es, und in dem Rahmen der Thür erschien die freundliche Pensionsvorstehenn mit blassem Gench! und besorgter Miene: Denken Sie, liebes Fräulein, eben war Fischer Peter unten in der Küche, um die Fische für morgen zu bringen. Er erzählte, der' Herr Steinbach wäre vorhin an den Strand gekommen und hätte sich ein Segelboot von ihm gemiethet. Peters hat ihm abgeredet, weil es nach Gewitter aussah, aber der Herr Steinbach wollte nicht hören und ist trotzdem hilic;üsgefahren. Er soll sehr zornig unh aufgeregt gewesen sein. Und jetzt ist 'er fort, das Boot ist nirgends zu erblicken. Um Gott, Fräulein, was ist Ihnen, sind Sie krank?" Margarethe hatte vor ihr gestanden mit aschfahlem Gesicht und keuchender Brust; im nächsten Moment war sie an der alten Dame vorüber'geflogen, und als diese n's Fenster eilte, sah sie, wie schon die Gitterpforte hinter der schlanken Gestalt in's Schloß fiel. Mit jagenden Schritten, durch die vom Sturm gepeitschten Kleider, die sich ihr. um die Füße wickelten, am Vorwärtskommen gehemmt, die Hände schützend über die Augen gehalten, um sie vor den schlagenden Wassermassen. zu schützen, eilte sie dem Strande zu. . Vergessen war das unüberlegte Wort, das trennend zwischen ihnen gestanden, über das der Stolz de. selbstständigen, - .ringenden Weibes nicht glaubte hinwegkommen zu können; jetzt war sein, Leben in Gefahr, und sie dachte immer nur das eine, daß sie sterben müßte, wenn er dahinging mit dem Schmerz um . sie im Herzen, ohne daß sie ihm noch ein gutes Wort gesagt. Dort unten gewahrte sie ein Häuflein Menschen, einige Fischer und ein halbes Dutzend Badegäste, die das seltene Schauspiel eines um sein Leben ringenden Menschen in das -Unwetter hinausgetrieben hatte. ' Der eine Fischer hatte den Tubus an das Auge gesetzt und schützte mit ausgestrecktem Arm das Glas vor den rinnenden Tropfen: Dor hinnen is he", sagte er, he rudert; will's Gott, so künimt he ran!" . Ein lebhaftes Für und Wider erhob sich. Niemand achtete auf Margarethe. Auf einem zum Trocknen umgestürzten. Kahn war sie hingesunken. Die Augen geschlossen, die Fäuste auf die Ohren gepreßt, über die die triefenden Haare herniederingen, so saß sie da. Sie wollte Nichts schen, nichts hören, nicht Zeuge seines letzten Todesschreies sein, und dennoch konnte sie es nicht über sich gewinnen, ihre Schritte heimwärts zu lenken. ; .Endlich, nach geraumer Weile, ließ sie' die Hände sinken und hob den Blick, einen Freudenschrei in der Kehle erstickend ganz nahe sah sie das Boot inmitten der strudelnden Wasser. . Er ruderte schwer, um durch die Brandung zukommen. ' Der alte Fischer hatte das Fernrohr in die Tasche gesteckt und trat mit dem Gefährten .in's Wasser, um., das Schiffchen durch den sprühenden Schaum aus 's feste Land zu ziehen. ' Und sie stand da, nicht achtend ''der Nässe ihrer Kleider, die sich ib kühl

und schwer um die Glieder legten, des

Sturmes..der ihr die Nadeln aus dem Haar löste und es schwer um ihre Schulter schlagen machte; Mlt brennenden Augen verfolgte sie jede Vewegung seiner Hand, jeden Ruderschlag. Jetzt konnte sie sein Gesicht erkennen. Dann faßten die Fischer den Steven des Bootes, und gleich darauf stieß es knirschend auf den Sand. - Mit verschwimmendem Blick, vor Aufregung und Kälte bebend, sah Margarethe ihn heraussprrngen, und da hing sie an seinem Halse. Zitternd, wortlos barg sie den Kopf an seiner Brust, und er hielt sie an sich gepreßt, immer fester und fester umschlossen sie seine Arme. Da hob Margarethe den Kopf. Wie sagtest du?" fragte sie. Ach Nichts," erwiderte er ausweichend, komm nach Hause, schnell, du wirst mir sonst krank." Aber sie hatte es doch gehört. Du meine Jugend!" hatte er gesagt. Der Fehler. Eine Kontoraeschichte von Franz Ziller. Es stimmte wieder mal nicht. Seit drei Wochen wühlte Herr Amandus Müller, doppelter" Buchhalter der Exportfirma E. Th. John, in sämmtlichen Kontobüchern herum, die der ehrwürdige Franziskanerpater Luca Pacioli di Borgo in seinem System der doppelten Buchführung der Handelswelt geschenkt hat. Alle Möglichleiten hatte Herr Müller schon berücksichtigt, alle verdächtigen Buchungsposi:n schon nachgeprüft, zum schocksten Male schon das Eonto-Eorrent nachaddirt, durchcollationirt, controllirt, so daß jeder Posten mit einem schwarzen, blauen und rothen Haken dekorirt war, und noch immer blieb der Fehler versteckt. Ganze eine Mark und zehn deutsche Reichspfennig zu viel im Eredit! Wenigstens behauptete dies der das Journal führende Prokurist, während Herr Müller es auf sein Seelenheil nehmen wollte, daß der Fehler nicht bei ihm, im Eonto-Eorrent stecke. Mein freundlicher Leser, der in die Mysterien der doppelten Buchhaltung weniger eingeweiht sein sollte als unser Herr Müller, wird es sonderbar" finden, d5ß man sich wegen eines Fehlers von 1 Mark 10 Pfennig in den dickleibigen Handlungsbüchern der Firma E. Th. John, in denen mit Millionenziffern herumgeworfen ' wird, drei Wochen lang herumplagt und im Begriff steht, sein Seelenhen aufs Spiel zu setzen; aber ihm dies in Kürze verständlich zu machen, dürfte Nlcht minder schwer fallen als ihm zu begreifen zu machen, daß ein solcher Fehler durchaus nicht sofort aufgefun den werden kann. Ist doch in seinen Augen häufig die Buchführung nur ein Abschreiben von Zahlen .von dem einen in das andere Buch und das Ab schreiben eine ganz mechanische Arbeit, die ieder, der lesen und schreiben und ein bißchen rechnen gelernt hat. leisten kann; höchstens, daß noch links von rechts Soll von Haben zu unterscheiden ist, was bisher auch noch jederMnsch in der Welt gelernt hat. Wer aber selbst einmal an einem Bu cherabschluß gearbeitet hat, der wird wissen, daß ebenso leicht wie abschrei ben, ebenso schwer richtig abschreiben ist, und daß rechts von links unterschel den noch viel schwerer ist. Denn weil's ebenso schwer ist, hat der fromme Pater Luca die doppelte Buchführung erdacht, die es unbarmherzig anzeigt. wenn auch nur der kleinste Fehler in den Buchern steckt. Ausgerechnet eine Mark zehn Pfennig!" stöhnte Herr Müller zum so und sovielten Male. War denn gar kein Posten von einer Mark zehn Pfennig da? So versteckt wie diesmal war der Fehler noch nie. Das sind bestimmt zwei Additionsfehler", warf Herr Mertens ein, der spanische Eorrespondent. der das Pult zur Linken des Herrn Müller regierte. Er war mit Meinungen und guten Rathschlägen nie verlegen, hütete sich aber wohl, thatkräftig in die Buchfühdunq einzugreifen. Sie sind sehr schlau", erwiderte Herr Müller zu seiner Rechten etwas patzig, noch öfter als dreimal rauf und runter kann ich doch nicht addiren, Sie können darauf Gift nehmen, daß die Addition stimmt. Wenn Sie mir die Hälfte abneh men, gerne", spottete der Eorrespondent. Er wußte, daß Herr Müller kaum eme Flasche Cognac wetten, ge schweige denn Gift nehmen würde. Denn seit Jahren, seit Herr Müller sich dem edlen' Berufe der Buchhalter zugewandt hatte, horte man bei zeoem Abschluß dte stereotype Redensart: Noch nie war der. Fehler so versteckt wie diesmal." Doch, einmal vor Iahren hatte es auf den ersten Ruck gestimmt, aber leider, wie sich durch Zu fall bald herausstellte, nur durch Com pensation zweier Fehler, so daß daS Suchen erst recht losgmg. Die Discussion hatte ihr Ende genommen, und das elgenthumllche.Con torgeräusch war wieder eingetreten. Es ist eine Msame Mischung von allerlei akustischen Phänomenen, und es gehört eine jahrelange Praxis dazu, um sich dagegen, abzustumpfen. .. Das Knistern von Papier, .Schreibfedergekritzel, ewige Umblättern in dicken Büchern, dazu das eintönige Ticken der Uhr, gelegentlich eine kurze Frage, in der Ferne das Vorbeisüusen der elekirischen Bahnen, von alledem hört der

Contorist nichts me)r. Herr Müller collationirte verzweifelt, Herr Mertens

vollendete einen drei Seiten langen spanischen Drohbrief an Sanchez Vinda in Toledo, indem er nach Drohungen mit dem Staatsanwalt und anderen Aeußerungen des Zartgefühls mit einem Fußkußlschloß (Q. 15. S. r., der Ihre Füße küßt," wie es der spanische Geichaftsstil einer Dame, g: genüber einmal verlangt), und der Prokurist sann über einem Stoß Pa, Piere über einen schwierigen Fall nach er hatte nämlich Privatdinge im Kops. In dieser summenden Ruhe machte es gewöhnlich gar keinen Eindruck, wenn Herr E. Th. John gelegentlich einmal aus dem nebenan liegenden Privatcontor erschien; man hörte es schon fast dem Ruck an der Thürklinke an, welchem seiner Pultknechte", wie Herr Müller sie nannte, der Besuch galt. Aber der Ruck, den die Klinke eben hatte aushalten müssen, blieb auch r" - c r n " . sur oie seiNsuniigilen )yren unver ständlich. Nur eins war allen klar: es drohte Sturm. Tiefer beugten sich die Kopfe über die Arbeit, aber nur ein Augenblick, dann fuhr alles entsetzt m dle Hohe der Sturm brach IoS! Der Spediteur aus Madrid schreibt. er hat kein Avis für die Kiste .438. 3um Donnerwetter die Kiste für Levy Hermanos! Dazu lasse ich die Leute jahrelang bearbeiten, mache Spesen über Spesen, und jetzt, wo wir sie endlich zu einer größeren Order heranbekommen haben, diese Bummelei in der Spedition. Morgen ist letzter Liefernngstermin. Bei Levy heißt's vor allem: pünktlichst bedienen. Der Esel, der Spediteur, hätte auch depeschiren können. Herr Mertens, sofort ein Telegramm an den Spediteur und an Levy einen Brief hinterher. Fräulein Bremer soll sogleich kommen." Fräulein Bremer war die Stenotypi stin; seit zwölf Jahren schrieb sie die Briefe 'für den Chef; sie war die ein zige, di: d:m wildesten Wörtergestolper, in dem sich der tobendeChef überschlug, so viel Sinn entnehmen konnte, um daraus einen Brief zu seiner Zufriedenheit zusammenzuflicken; der Chef nannte das diktiren". Fräulein Bremer kam. O Mond, verstecke dein Gesicht." Herr John f M l A srZ. A, "Z mC. i Jte V A V viunix vciu yuuct uu vti kindlichen Redensarten wurde geleert, Entschuldigungen über Entschuldigungen die höchsten Ziele der Menschheit wurden berührt. Bald waren alle. Wogen wieder geglättet, Herr Müller collationirie weiter, und Herr Mertens drechselte einen neuen, schön stilisirten, spanischen Brief. Der Depeschenbote kam. Ein Telegramm von dem Vertreter aus Madrid. Levy Hermanos dreihunderttausend" und dahinter ein Wort aus einem Telegraphencode, diesem Hilfsiittel der Kaufleute, mit dem sie aus fünf 9ftnThrr ?!ns in piner verabrede ten Sprache machen. Hier hatte das PTVn! flf tTtrf tntl vvviivvit tun bVDV Aityttiiuiiii 4it dem Namen einer Favorit-Stute vom letzten Rennen und bedeutete in Concurs gerathen. Unterbilan". . . oder: allgemein verständlich: Pleite". Wieder ein unqualifizirbarer Ruck an der Thür und Herr John er-, schien auf der Bildfläche. Sofort ein dringendes Telegramm an den Spediteur in Madrid: Kiste 433 nicht aus- -liefern, mir zurücksenden." Herr Mül-. ler, wieviel sind uns Levy Hermanos schuldig?" 335 Mark 45 Pfennig", antwortete Herr Müller prompt; er hatte das verlangte Conto im Nu aufgeschlagen. Herr John überflog es. Was ist denn das für ein haarsträubender Unsinn . wieso stehen denn hier 55 Portospesen' im Credit? Herr Müller, wo man hinsieht findet man Fehler. Ich wäre ein reicher Mann, wenn ich das Geld hätte, das ich durch die Fehler in meinem Bureau verloren habe." Die sonst bei solchen Anlässen üblichen weiteren Erörterungen blieben heute aus, denn Fräulein Bremer wartete im Privatcontor mit frisch gespitztem Bleistift auf das Diktat eines zweiten Briefes an Levy Hermanos, in dem nun aber keine Verbindlichkeiten und Entfchuldigungen mehr Platz hatten. Herr Müller war währenddessen vor Freude ganz närrisch geworden. Da war ja sein Fehler, 55 im Credit statt im Debet verbucht, das gibt ein Saldo, ein Zuviel von 1.10 Mark. Und das hatten er so oft übersehen, und von den Hunderten von Kunden, oeren Conto richtig w, mußte gerade Levy in Concurs gehen, auf dessen Conto der so lange vergeblich gcsuchte Fehler war. Und der Chef war der Tüchtigte. Wunderlich launenhafte Schrulle . diese doppelte Buchführung! Avancement. . Na, wie geht's Dir denn jetzt, was machst Du alleweil?" O, mir geht's recht gut ich bin zum ersten Hausknecht avancirt und hab' jetzt nur die bezechten feineren Gäste hinauszuwerfen!" Plänkelei. Mann: Das Schlimme an Herrn Meyer ist, daß er zu viel redet! Frau: Das ist merkwürdig, wenn er mich besucht, spricht er kein Wort. Mann: Oh, er ist viel zu höflich, um Dich zu unterbrechen. - Gemüthliche Präsident: Also in Anbetracht der erwähnten Umstände mußten wir Sie zu 14 Tagen Gefängniß verurtheilen; sind Sie da-, mit, einverstanden? Angeklagter: Je', darum keine Feindschaft niäD! ,