Indiana Tribüne, Volume 29, Number 40, Indianapolis, Marion County, 10 October 1905 — Page 7
Jndlana Tribune, 10. Oktober 1903.
Getilgte Schuld A 'Roman X I von X X Johannes Smmcr X 0KH-O0H-OK5-i
(Fortsetzung.) Mr. Snyders hatt: seit sicherlich dreißig Jahren selbst in den Augenblicken" größten Aergers keinen Fluch mehr ausgesioßen. jetzt aber war 'die Versuchung so groß, dlß er ihr fast erlegen Ware. Doch bezwäng er sich noch, aber zornig blickten seine Augen, und böse Falten furchten seine Stirne, als er sagte: Gehen Sie. Mr. Pailer. ich will Sie nicht längn zurückhalten." Als der junge Mann draußen war, brach der Sturin los. Ein Narr! Ein vollständiger Narr!" rief Mr. Snyders und lief in dem Gemache auf und ab. Dann blieb er vor seiner Tochter stehen. Nun. Miß Snyders. wer hat sich verbürgt, daß ich ZU meinem Gelde komme? Ein seltsamer Gentleman, fürwahr!" Es ist seltsam, in der That. Jedocy mag er gute Gründe haben " Es gibt keine Gründe, um 40,000 Pfund wegzuwerfen." schrie Mr. Snyders. Psötzlich blieb er stehen,, sah einWeile starr zu Boden und lachte dann kurz auf. Ich habe ihm Unrecht gethan. Ich bin ein Narr, daß ich glaubte. . was er da faselte. Ich wette meinen Kopf, daß dieser Mr. Pailer in. den nächsten achtundvierzig Stunden verschwunden fein wird, um nach Deutschland zu gehen nnd sich das Geld zu holen. Er fürchtete nur, daß ich ein Sicherstellung verlangen würde, un! darum machte er die Flunkerei." Meinst Du?" fragte Miß Snyders. Jch bin sicher, daß es so ist." erwiderte im Tone vollster Ueberzeugung der Handelsherr. Dann bürge ich Dir. daß er seine Schuld bezahlen soll. Erinnere Dich, daß Tu mir zehn Prozent Provision versprachst erwiderte lächelnö Miß Snyders. indem sie sich erhob und dem Vater die Hand zum Abschied reichte. Bei Gott, sie ist, im Stande, die Sache zu machen," dachte der Vater,. , als Miß Snyders ihn verlassen hatte, ' ich wünschte, daß ich einen Sohn hätte von ihrer Art; sie weiß, was ein Penny werth ist." Und milder gestimmt durch das Bewußtsein, daß er eine Tochter besitze, welche Geld zu machen" nicht verschmähe, ging Mr. Snyders wieder an die Arbeit. 7. Kapitel. iß Snyders war nach Ö,L Teutschland abgereist; darüber war Mr. Pailer froh; und dieser war nicht abgereist, was Mr. Snyders einigermaßen in Erstaunen versetzte. Er hatte so sicher erwartet, daß sein Korrespondent und Schuldner eines Tages verschwunden sein würde, daß ihn dessen regelmäßiges Erscheinen im Komvtoir beinahe zu ärgern anfing. Endlich erschien eines Morgens Haunold und meldete, daß sich Mr. Pailer entschuldigen lasse, er könne nicht im Geschäfte erscheinen. Mit einer lebhaften Befriedigung nahm Mr. Snyders die Nachricht entgegen. Ich habe es vorausgesehen, ja ich wußte es, daß es so kommen werde." Mit diesen Worten hatte er Haunold unierbrochen, der darüber ein so verblüfftes Gcsicht zeigte, daß der Ehef beinahe lachen mußte. Wundert Sie das? Nun. ein bischen Scharfblick darf man dem alten Snyders noch .immer zutrauen." Ich bitte um Verzeihung. Mr. Snyders. es ist allerdings erstaunlich, daß ich weiß nicht, wie ich das verstehen foll Mr. Pailer hat stö erkältet." Jetzt lachte der Chef herzlich. O. erkältet! Und Sie glauben dies?" Haunold bewahrte einen unerschütterlichen Ernst und eine respektvolle Haltung; was er aber in diesem Auqenblicke dachte, war nicht im Geringstcn schmeichelhaft für Mr. Snyders. Allerdings glaube ich dies, da Mr. Pailer nur auf meinen bestimmten Wunsch zu Hause und zwar in meinem Hause blieb." Er ist noch hier, und in Ihrem Hause? Ja, weshalb denn?" . Mr. Pailer hat gestern Nacht einen Ertrinkenden auö d:m Flune gezogen, und ein kaltes Bad in dieser Jahreszeit könnte immerhin schlimme Folgen haben." Jemand aus dem Flusse gezogen? Hm! Das hat er Ihnen wohl erzählt?" Ich habe es gesehen, da ich zugegen war." Hm! So, so!" Mr. Snyders rieb sich das Kinn, seine gute Laune war mit einem Schlage verflogen, wie Aprilsonnenschein. Ich finde es sonderbar, daß meine Leute Nachts herumstreifen und sich Erkältungen zuziehen, indem sie Ertrinkende aus dem Wasser holen, um dann eine Ausrede zu haben für das Fernbleiben aus dem Geschäfte. Sie scheinen mir auch für die Gesundheit dieses jungen Mannes mehr besorgt zu sein, als für meine Interessen.. Ich wünsche nicht wieder solche Dinge zu hören, Mr. Haunold!" Mit dieser Standrede wurde Haunold entlassen, der jedoch tie scharfen Vorwürfe sich nicht allzu sehr zu Her-
zen nahm, er kannte ja genugsam die Eigenheiten seines Chefs. Allerdings fand er diesmal dessen Benehmen etwas gar zu absonderlich. Am meisten verdroß ihn vielleicht, daß Mr. Snyders so gar keine Neugierde nach dem Hergange der Sache gezeigt hatte, welche in den Augen Haunolds fcor.schon darum ungeheuer interessant war, weil er Zuschauer gewesen, oder deutlicher gesagt, weil es überhaupt das erste Abenteuer war, in dem er eine Rolle spielte. Haunold war Mitglied eines Klubs, in dem er regelmäßig zweimal in der Woche sich einfand, um einige Partien Schach mit einem alten Freunde zu spielen. Dieser Partner war nun erkrankt, und da Haunold weder seinen Gewohnheiten untreu werden, noch mit d:m Nächstbesten spielen wollte, si hatte er Pailer bewogen, ihn zu begleiten. Es war Mitternacht vorüber, als sie den Klub verließen. Ihr Weg führte sie an dem Fluß vorüber, und eben näberten sie sick einer Brücke, als von dieser plötzlich ein duntlcr Korper sich loslöste und klatschend auf der Fläch: des Wassers aufschlug. Ehe noch Haunold sich des ganzen Vorgangcs völlig bewußt wurde, hatte Pailer sich seiner Oberkleider entledigt, war über eine Laufplanke auf ein Kohlenschiff, das am Ufer lag. geeilt und von da in die Fluthen gesprungen. Haunold sah, daß Pailer den Ertrinkenden faßte' und mit ihm dem Ufer zuschwamm. Als Haunold hinzukam, stand Jener schon auf der Steintreppe des Quais und zog den Geretteten herauf. Indessen waren noch einige Leute herbeigekommen, auch ein Konstabler fand sich ein, und mit dessen Hilft brachte man den Verunglückten herauf auf den Straßendamm. - Der Gerettete hatte inzwischen das Bewußtsein wieder erlangt und richtete sich auf. Der Schein einer Straßenlaterne fiel jetzt roll auf fein Gesicht. Dieser Herr hat Sie gerettet," sagte der Konstabler. auf Pailer deutend. Ich bedaure, mein Herr, daß Sie sich meinethalben Mühe machten; ich denke, Sie hätten sie sich besser erspart." sprach der Fremde. In diesem Augenblick stieß Haunolö einen Schrei aus, und als Pailer sich umsah, bemerkte er, daß Jener blaß war und mit verstörter Miene den Geretteten anblickte. Sie kennen ihn?" fragte verwundert Pailer, bekam jedoch keine AntWort, da Haunold sich jetzt an den Konstabler wandte: Ich werde diesen Herrn nach Hause bringen, hoffentliö haben Sie keine Einwendung dagegen." Gewiß nicht," erwiderte höflich der Polizist, der froh war, mit der Sache nichts weiter zu thun zu haben. Es thut mir leid. Mr. Haunold. daß ich Ihnen' nochmals begegnen mußte, aber es ist wahrhaftig nicht meine Schuld." bemerkte jetzt der Fremde, und Pailer glaubte etwas wie Spott aus den Worten herauszuhören. Darüber wollen wir morgen sprcchen. Evans." erwiderte ziemlich rauh Haunold. und nun vorwärts, ich habe nicht Lust, mich auch zu erkälten." ' Das Alles war so rasch vor sich gegangen, daß Pailer erst, als er im Wagen saß. über das Gehörte nachdenken konnte, wobei freilich nichts Anderes herauskam, als die zweifelhafte Thatfache, daß Haunold und der Mann, den er Evans genannt hatte, sich kennen mußten. Die Fahrt verlief in vollständigem Scbweigen. keiner der Drei sprach ein Wort, und erst als das Eab vor Haunolds Hause hielt, erklärte dieser in kurzer bestimmter Weise, er verlange, daß Pailer die Nacht bei ihm zubringe. Die Haushälterin wurde geweckt und mußte rasch die Betten in den Gastzimmern herrichten, während Haunold selbst einen Grog braute, ohne ein Wort zu sprechen, und mit einerMiene, welche den Anderen auch Schweigen auferlegte. Dann wurden sie einfach zu Bette geschickt, und Pailer mußte sich damit bescheiden, daß er vielleicht am nächsten Morgen Aufklärungen über die sonderbare Geschichte erhalten werde. Er schlief übrigens vortrefflich und kam etwas spät hinab in das Speisezimmer, wo er Haunold traf, der sein Frühstück schon beendet hatte und offenbar nur auf ihn wartete. Verzeihen .Sie, casj ich mich verspätete; ich bin jedoch bereit, Sie sofort zu begleiten, damit wir nicht zu spät auf das Bureau kommen," bega...: Pailer. Frühstücken Sie nur ruhig, ich wünsche, daß Sie zu'Jhrer Erbolung daheimbleiben, ich werde im Geschäfte Sie entschuldigen." O, ich fühle mich frisch und mun ter, mir hat die Sache nichts geschadet. Wie geht es aber unserem Findling? Es scheint, daß auch er eines gesunden Schlafes sich erfreut." Sie erweisen mir einen Dienst, wenn Sie hier bleiben, um des Anderen willen. Ich werde Sie darum bitten, Acht zu haben, daß ich ihn noch treffe, wenn ich Abends aus dem Gesckiäfte beimkehre." 'Ah, ich verstehe, ich soll Wache halten, damit nicht etwa Mr. Evans einen Kopfsprung da hinaus mache," und er deutete dabei auf das Fenster. Nun. er hätte dies ja schon während der Nacht ausführen können " Die Fenster seines Zimmers sind zufällig vergittert, noch von früher her." ' . Tann ist allerdings keine Gefahr, so lange er in jenem Zimmer bleibt, ich setze voraus, dah auch keine ae-
,ladene Pistole an Se? Wand hängt. Für alle Fälle will ich ihn aber sofort aufsuchen und bei seinem Bette wachen, bis er die Augen aufschlägt." . Ich werde Ihnen dankbar dafür sein," erwiderte ernsthaft Haunold, und nahm Hut und Stock, welche schon bereit lagen. Seinem Versprechen gemäß stieg Pailer wieder . die Treppe hinauf, öffnetc behutsam die Thüre des Zinimers, in welchem der Gerettete sich befand, und trat ein 'Der Mann lag noch im Leite, das Besicht der Wand zugekehrt, und Pailer setzte sich daher auf einen Stuhl nebe?-, dem Fenster, um zu wartcn, wie sich ' die Sache nun weiter gestalten würde. Es währte nicht lange, so drehte der Schläfer sich um, schlug die Augen auf und richtete einen verwunderten Blick auf PntT.!". Guten Morgen, mein Herr!" sagt: Pailer. Sie sind wohl er',Iaunt, mich hier zu sehen? Nun, ich wollt? mich nur erkundigen, wie Sie sich befänden. Fühlen Sie sich kräftig genug, da5 Veti zu verlassen und mit mir zu frühstücken?" Kräftig?" Evans sprang mit gleichen Füßen a:i5 dem Bette und reckte seine Arme, die wohlausgebildete Muskeln zeigten. Ich möchte am liebsten diese Welt in Trümmer schlagen!" Und er führte mit der Faust einen Hieo durch die Luft. Im nächsten Augen blicke klang seine Stimme wieder ganz apithiscki. Doch was nützt das? Frühstücken? Pun ja, warum nicht. Soll man sich von seinem Magen auch noch quälen lassen?" Er fing an. sich anzukleiden, während er dies sprach, mehr vor sich hin murrend, als zu Pailer, welcher ihm lächelnd zusah. Ich denke, das Frühstück wird Ihnen wohlbckommen. und damit wird auch Ihre Stimmung sich erheitern." Der Andere stand jetzt vor dem Waschbecken, wandte sich plötzlich um und fragte kurz: Was zum Geier Hai Sie bewogen, mich aus dem Wasser zu holen?" Verzeihen Sie. daß ich nicht vorher cnfragte. ob es Ihnen angenehm sei. ?s ist leider mejn Fehler, daß ich manchmal unbedacht handle. Wahrscheinlich nahm ich an, daß Sie zufallig auSgezlitien seien." Der Svott in diesen Worten brachte Evans n.zt aus .seiner Ruhe; vollkommen ernsthaft erwiderte er: Ich wünschte diesem Leben ein End: zu machen, jetzt könnte Alles vorüber sein, und nun " Pailer unterbrach ihn: Ist nicht Alles vorüber, sondern nur ein: Thorheit. Ich denke, Sie werden sich mit dem Leben wieder befreunden." Evans zog seinen Kopf aus dem Waschbecken, und pustete. Es ist leicht zu sagen: Du mußt leben. Um das .Wie' kümmert man sich ja nicht." Ich weiß nicht, welche Gründe Sie zu der gestrigen That veranlaßten; was immer es auch sei, kein Grund ist stark genug, um eine Feigheit zu rechtfertigen." Der Andere lachte höhnisch auf. Villige Weisheit, die in Moralbüchern sich findet." Nun wurde Pailer ernst. Die Ihnen Jemand in Erinnerung. bringt, der genau weiß, daß es oft mehr Muth erfordert, zu leben' als. den kleinen Schritt in's Grab zu thun." Ah! Sie haben auch Erfahrungen gemacht?" r Vielleicht! Nun aber würden Sie mich verbinden. Mr. Evans, wenn Sie sich beeilen wollten; ich bin hungrig." Offen gestanden, ich auch." Beide lachten. Evans beendete rasch das Ankleiden, und dann gingen sie hinab in das Speisezimmer, um sich mit vergnügten Mienen zu Tische zu setzen. Seit dem grauen Alterthume haben schlichte einfache Leute und große Philosophen Zeugniß für die Wahrheit des Satzes abgelegt, daß der Magen, dieses am meisten thierische Organ, eine allgewaltig: Herrschaft übt, daß er stärker ist. als alle Weisheit der Vernunst und alle Leidenschaftlichkeit des Gefühles. Es war daher gar nichts Wunderbares darin, daß derselbe Mann, welcher das Leben von sick hatte werfen wollen, jetzt dennoch mit lebhaftem Appetit aß und in dem Maße, als er fatt wurde, auch wieder anders zu denken begann. Pailer.- der mit nicht geringerem Appetit das Frühmahl verzehrte, errieth , diesen Wechsel der Stimmung aus der allmäligen Vcränderung in den Mienen des seiner ObHut Anvertrauten, und war nun überj zeugt, daß sein Wächteramt ihm keine Sorge bereiten werde. Er glaubte nun auch Mr. Evans verständigen zu müssen. daß er sich bis zur Heimkehr Haunolds sozusagen als Gefangener zu betrachten, habe. ' Mr. Haunold war so besorgt um unsere Gesundheit, daß ichihm versprechen mußte, dies Haus nickt zu verlassen, bis er. sich von unserem Wohlbefinden' überzeugt habe. Ich mußte auch für Sie mein Wort geben, hoffentlich haben Sie dagegen nichts einzuwenden." Ah, wirklich! Nun, dann müssen wir zusehen, wie wir den Tag verbringen, ohne von der Langeweile getödtet zu werden. Daran scheint mein theurer Oheim nicht gedacht zu haben." Wie? Mr. Haunold ist Ihr Oheim?'.
Hat er Ihnen dies nicht gesagt? Ich bin seiner Schwester Sohn; allerdings standen meine . Eltern ebensowenig in seiner Gunst wie ich. Zu begreifen ist dies wohl; wir haben ihn ein hübsches Stück Geld gekostet. Ach, was waren meine Eltern für leichtherzige, frohsinnige Menschen! Sorglos und darum auch sorgenlos, trotz aller Noth. Sie waren vergnügt, auch wenn nicht ein Heller im Hause war; wurde es zu schlimm, dann ging meine Mutter mit mir zu Haunold; der schalt und jammerte, aber er half schließlich doch. Mein Vater war weder faul noch unbegabt, er hatte nur kein Glück. Seine Aquarelle fanden Beifall bei Kennern, sie zeugen auch von einem tüchtigen Können, und mancher berühmt Gewordene hat nichts Besseres geleistet. Aber er kam nicht in Nuf, daran lag es. Haunold zürnte meinem Vater auch am meisten darob, daß er mich nicht einen nahrhafteren Beruf zu ergreifen zwang, sondern gestattete, gleichfalls der Kunst mich zuzuwenden." Sie sind auch Maler, Mr. Esas?" Ja. und. ich wäre eigentlich berechtigt, zu hoffen, daß mir zu Theil würde, was meinem Vater versagt blieb: Erfolg und Lohn. Ich habe Anerkennung gefunden und Haunolds Kasse brauche ich nicht mehr in Anfpruch zu nehmen." Pailer schüttelte den Kopf. Dennoch wollten Sie " Können wir immer selbst begreifen, was in uns vorgeht? Ist's nicht manchmal so, als ob zwei Wesen in uns wären; ein vernünftiges, das erschreckt und hilflos zusieht, wie das andere ungebcrdig rast und nicht zu bändigen ist? Dieses andere hat uns ganz in seiner Gewalt, es zwingt uns zu Handlungen, gegen die sich vergeblich die Vernunft sträubt. Das sind die Augenblicke großer Revolutionen, in welchen das Hirn (jährt, und das Blut siedet, wo es, nur von einem Zufalle abhängt, von irgend einem unberechenbaren, unserem Willen entzogenen Etwas, ob die vernichtende Katastrophe eintritt oder nicht." (Fortsetzung folgt.)
Nal, SNjäliriger Snft in Sibirien ist der Schweizer Marc Scchaud als Flüchtling jctzt in seine Hcimath zu rückgekehrt. Sechaud steht jetzt im 53. Lebensjahre. Seine Mutter lebte frü--her als Wirthschaften im Hause des polnifchcn Obcrstm Jinskn in Bit cholaz (Vessarabien). Als jungcr Mensch beaab er sich auf die Reise, nm seine Mutter aufzusuchen, und diese Reife wurde für ihn zum Ver-. hängniß. Als er im Hause des Ober sten anlangte, war dieser gerade wc gen politischer Umtriebe verhaftet worden, auch seine Mutter fand er nicht mehr vor. Nur ein paar Diener waren noch da. die im Begriff waren zu fliehen. Da wurden auch diese festgenommen und mit ihnen ohne zu wissen warum auch Sechaud. Nach einer oberflächlichen Gerichts "rerliandlmig wurde Sechaud nach Si Innen deportirt. Eine unendliche Reihe von Leiden hatte er dort durch5.un:achen. Nach achtundzwanzig' jähriger Haft gelang es schließlich Sechaud, mit einem Kameraden zu fliehen und Wladiwostok zu erreichen, von wo. er sich nach der Schweiz be gab. Niemand erkannte ihn in der Heimath wieder: als seine Geschichte in einem kleinen Schweizer Lokal blatt veröffentlicht wurde, las den Bericht eine jüngere Schwester So chauds. die auf dwsc Weise den Weg zu ihrem Bruder fand. Sechaud ist durch die mannigfachen Leiden überaus rasch gealtert und sieht wie eir 70jähriger. aus. Er ist nicht melp imstande, sein Brot zu verdienen und wird wahrscheinlich die öffentliche Wohlthätigkeit in Anspruch nehmen müssen. Ter Tiüiter des Preutzcnlicdcö. ' Fünfzig Jahre sind vergangen, seitdem Bernhard Thiersch, der Dichter des Preußeuliedes ' Ich bin ein Preuße", in Bonn das Zeitliche segnete. Aus diesem Anlaß wird in einer der anmuthigen Gegenden Thüringens, unweit der alten thllringischen Königsburg Burgscheidungen in dem Dörfchen Kirschscheidungen die Errichtung eines würdigen Denksteins des aus einer Vauernfamilie staminenden Dichters vorgenommen. B:rnhard Thiersch. geboren am 26. April 1793 zu Kirckscheidungen a. U., war preußische? Gymnasiallehrer in Gumbinnen, Lyck, Halberstadt und Gymna sialdirektor in Dortmund. Seinen Ruhm verdankt er einem einzigen Liede, eben jenem Preußenliedc. das neben dem ..Heil Dir im Siegerkranz" zur preußischen Nationalhr.mne gzworden ist. Das Preußenlied entstand zum 3. August 1830 (Königs Ge, burtstag) unter den Nachklängen der Juli-Revolution (darauf bezicht sick der Vers Ihr Glück ist Trua. . di? Freiheit Schem") für dZ, WeVUW Harmonie in Halberstadk. Das Lied wurde zuerst als Solo gesungen nai der Melodie Wo Muth und Kraft Zu deutschen Seelen flammen", später wurde die Melodie componiert, und zwar von H. A. Neithardt, dem Schöpfer des Berliner Domchors, und in dieser Melodie ist das Prei'ßenlied ZUM Volkslied geworden. TuL
K Fischfang mit Hilfe eines Drachen.
Die Eingeborenen der deutschen Karolineninseln Oelai und Lamutrik, die sehr geschickte Fischer und Seefahrer find, wenden zum Fange eines Fisches. der durch sein langes, schnabekähnliches und mit Zähnen bewaffnetes Maul und durch sein überaus kräftiges Schnellen aus dem Wasser sehr gefährlich ist, ein sinnreiches, bisher unbekanntes Verfahren an. Sie verfertigen aus den Rippen der Kokosblätter einen kleinen rundlichen Drachen, der statt mit Papier mit einem großen Blatte des Brotfruchtbaumes gedeckt isi. Diesen Drachen bringen sie von ihrem Canoe aus über dem Wasser zum Steigen, von ihm führt eineLeine zum Fischer, eine zweite mit dem Köder Zn's Meer. Der Fischer hat es, wenn der Drache steht, in der Gewalt, einen beliebig großen Abstand zwischen sich und dem Köder zu schaffen und sich so immer außerhalb der gefährlichen Nähe des Fisches zu halten. Er olt die Fangleine erst ein. wenn der Fisch angebissen hat. Oi Redensart: , Einem einheizen. Herzog Karl von Württemberg war bekanntlich sehr erfinderisch und in .der Wahl seiner Mittel durchaus nicht wählerisch, wenn es aalt, sich Soldaten zu verschaffen. Eines von diesen, das einer gewissen Eigenartigkeit nicht entbehrt, war folgendes. Wenn reisende Handwerksburschen ins Land kamen, die stch zu Soldaten zu eignen schienen, so mußten sie dem Herzog vorgeführt werden. Gefielen ste ihm, so fragte er sie, ob sie Dienst nehmen wollten. Verweigerten sie den Eintritt in's Heer, so wurden sie in's Gefängniß geführt. Dort erhielten sie wenig zu essen und noch weniger zu trinken. Dagegen heizte man ihnen mitten im heißesten Sommer in so unheimlichem Grade ein, daß sie hald anderen Sinnes wurden und ihre Bereitwilligkeit zum Eintritt in ein Regiment melden ließen. Es ist höchst wahrscheinlich, daß die schwäbische Redensart Einem einheizen" in jener Maßregel ihren Ursprung hat, zumal da sie auch heute noch in dem Sinne gebraucht wird, Jemand durch Drohung oder überHaupt durch Zwang zu etwas zu bewegen, das er freiwillig nicht thun will. Warum tragen die Männer einen Schnurrvart? Dieses Räthsel konnte naturgemäß nur durch eine Umfrage gelöst werden, und der Gaulois" hat sich der Mühe unterzogen, eine solche zu veranstalten. Er hat bei hundert Männern folgende Ergebnisse erhalten: Sechs wollten sich den Schnurrbart stehen lassen, um das Rasieren zu vermeiden; drei wollten sich nicht erkälten; einer wollte feine Zähne durch -den Schnurrbart verdecken, einer feine allzu hervorragende Nase; drei meinten, der Schnurrbart wäre gut für die Athmung; drei haben ihn, weil ihn ein berühmter Mann auch hat; sieben halten ihn für nöthig für die Gesundheit; siebzehn meinten, der Grund ginge Niemand etwas an; nur zwei erklärten, sie hätten den Schnurrbart ihren Frauen zuliebe, während die übrigen 57 zugaben, daß sie den Schnurrbart stehen ließen, weil sie dann' beim schönen Geschlecht mehr Erfolg hätten. Ein tätowirter König. Jean Baptiste Jules Bernadotte, der unter dem Namen Karl der Vierzehnte König von Schweden und Norwegen war, lag auf den Tod krank und sollte einen Aderlaß bekommen. Er weigerte sich indessen standhaft, trotz der entschiedensten Vorstellungen seitens der Aerzte, die sich davon eine gute Wirkung versprachen. Nach seinem Tode fand man auf dem einen Arme des Königs die Worte: Ubevtö, Egalitd, Frateraitö" tätowirt. Bernadotte hatte sich diese in den hochöewegten Zeiten der französischen Revolution eingraben lassen und wohl Scheu getragen, sie während seines Lcbens irgend Jemandem zu zeigen. Das Pianifsimo als Verrüther. Zwei bejahrte Frankfurter TheaterBesucherinnen trafen sich zu regelmäßiger Unterhaltung in der sogenann tcn Eulenloge (Eck - Parterrelöge nächst, der Bühne). Sie hatten sich immer so viel zu erzählen, wozu die Zwischenakte nicht ausreichten. An einem Abend nun folgte einem Forte der Ouvertüre, in der die Pauken und alle Instrumente losgelassen waren, plötzlich ein zartes Pianifsimo. Ds klang aus der Eulenloge, im ganzen Hause vernehmbar, auf einmal eine schrille Stimme hinein: Unser Mahd kcht se uiit Zwiwwel!" Zürich. An der medizinischen Fakultät unserer Hochschule haben die Herren Hans Huber von Wassenstadt und C.Ernst Heß von Wald und Frau Chaja Rubinstein-Drabkin von Mohilew, an der mathematisch-naturwissen-schaftlichenSektion der philosophischen Fakultät die Herren Ernst Vlumer von Schwanden und Paul Zürcher von Aarau die Doktorwürde erworben. Flecke an weißen Ballt a i l le n, die von der Hand des Tänzers entstanden sind, kann man verdecken, indem man den Stoff ausspannt und die fleckigen Stellen , mit reiner weißer Kreide , mehrere Male leicht überfährt. ' '
Vom ?manoe.
Fast ein Jahrhundert hatdie Mutter eines - berühmten Mannes vollendet. Frau Sarah Rumley, wahrscheinlich die älteste Person in Süd-Jndiana, feierte kürzlich in ihrem Heim bei Lanesville, Harrifon County, den achtundneunzigsten Geburtstag. Sie ist die Mutter des verstorbenen Generals Walter Q. Gresham, der unter Clevelands zweiter Administration Staatssekretär war und im Amte starb. Frau Rumley lebt noch in dem Hause, das sie als junge Gattin 1823 bezogen hatte. Eine geborene Tavis, war sie aus Springfield, Ky., gebürtig, aber mit zwölf Jahren nach Harison County gekommen. Bald nach der Hochzeit wurde ihr erster Gatte bei der Verhaftung eines Strolches getödtet. Von ihren fünf Kindern hat sie jetzt ihre 75jährige Tochter, eine alte Jungfrau, bei sich. Die Gesundheit der Greistn läßt hossen, daß sie das Jahrhundert vollenden werde. Nach fünfundzwanzig Jahren, während derer man nie etwas von ihm hörte, istDr. Samuel Snyder nach Lexington, Ky., zurückgekehrt, und damit wurde eine geheimnißvolle. Affäre aufgeklärt, die im Jahre 1884 die Polizei beschäftigte. Dr. Snyder heirathete damals Frau Sue Lyne und kam mit seiner Gattin nach Louisville, wo sie in einem Kosthause Quartier nahmen. Am nächsten Tage begab sich Frau Snyder fort, um eine befreundete Familie zu besuchen, und als sie zutückkam, war ihr Mann verschwunden. Die Polizei wurde in Kenntniß gesetzt, die Zeitungen berichteten den Fall, man muthmaßte ein Verbrechen, und Alles wurde angestrengt, um Snyder zu finden, allein vergeblich. Schließlich fchlief die Sache ein. Vor drei Jahren starb Frau Snyder, ohne je etwas von ihrem Gatten vernommen zu Habens Jetzt ist derselbe auf einmal wieder aufgetaucht, ein weißhaariger Mann von fünfundsiebenzig Jahren, der in Owasso in Michigan eine lukrative ärztliche Praxis hat. Ueber den Grund seines Verfchwindens will er keine Angaben machen. Mit fünfmonatlicher Verspätung und stark beschädigt traf dieser Tage der Fruchtdampser Cumbal" von der Grace - Linie in New Jork ein und wurde sofort behufs Vornahme der nothwendigen Reparaturen nach dem Erie - Bastn in Brooklyn gebracht. Es war am 4. December l. I., an einem schönen Sonntag - Nachmittag, als der Dampfer auf einen Felsen in der Magellan - Straße auflies, wo er vier Monate liegen blieb, ehe Hilse eintraf. Die ganze Bugseite des Schisfes war demolirt und war im Hafen von Buenos Ayres temporär ausgebessert worden. Kaum war das Schiff jedoch zehn Tage unterwegs, als sich dasselbe abermals mit Wasser zu füllen begann. Im Hafen von Punta Arenas wurde der Schaden wiederum ausgebessert, um die Heimreise fortsetzen zu können. Doch verließ auch die Mehrzahl derMatrosen das Schiff, und Kapitän Varry. dessen Gattin sich ebenfalls an Bord befand, mußte eine neue Bemannung des Dampfers beschaffen. Den größten Theil des Weges nach New Fork mußte die Cumbal" mit der Stern - Seite nach vorne fahren, da die Bug-Seite so demolirt war, daß sie Wind ' und Wogen nicht widerstehen konnte. Auf einer Farm unweit Baltimore, wohnt ein greises deutsches Ehepaar unter Verhältnissen, welche lebhaft an die Zeiten der Nomaden erinnern. Das Paar ist der 70 Jahre alte Georg Rausch und seine zwei Jahre ältere Gattin. . Beide stammen aus Bayern und kamen als junge Leute nach Amerika, woselbst sie sich in Kansas niederließen. Sie brachten es jedoch trotz eifrigem Streben im Westen auf keinen grünen Zweig, und alt und elend langten sie letzten April nach lange? beschwerlicher Wanderung mit einem Karren, welcher ihre ganzen Habseligkeiten enthielt, an. Sie waren zuerst gezwungen, an die Mildthätigkeit ihrer Mitmenschen zu appelliren, und Hr. Stratton. der Eigenthümer der Farm, verschaffte dem alten Mann für den Sommer Arbeit. Anstatt sich nun nach einem anständigen Quartier umzusehen.- haben die beiden alten Leute während des ganzen Sommers bei Sturm und Wind unter ihrem aus dem Westen hergebrachten Wagen campirt. Die Nächte brachten sie auf zwei Strohsäcken zu, und erst kürzlich wurde ihnen von einem Gönner ein Strohsack geschenkt. Dem greisen Ehepaar wurden während des ganzen Sommers von allen Seiten Lebensmittel und andere nützliche Gegenstände zugesandt, so daß dasselbe den Lohn des alten Mannes nicht anzugreifen brauchte und jetzt zwischen $40 und $50 zusammengespart hat. Da selbstverständlich das Ehepaar im Winter nicht im Freien campiren kann. so wurde ihm empfohlen, sich nach einer Wohnung in der Stadt umzusehen. Allein die Beiden ziehen es vor, noch so lange im Freien zu wohnen, wie es ihnen die Witterung er laubt. Dann wird dem alten Manne durch einen Bekannten in einer Ta öaks-Fabrik Arbeit als Stripp verschafft, und wenn das Frühjahr abermals anbricht und die beiden Leute .noch am Leben sind, wollen sie wiederum hinausziehen, um ihr Noma denleben von Neuem aufzunehmen.
