Indiana Tribüne, Volume 29, Number 39, Indianapolis, Marion County, 9 October 1905 — Page 7

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Getilgte Schuld

'JSl o m a n von Johannes Ein! er A )0-0-0-0-0-0-C

(Fortsetzung.) Ich danke im Namen meiner LandZleute für diese Schmeichelei, muß aber wahrheitsgemäß bekennen, daß manchmal ter Gesang mehr eigenartig als schön klingt." Ich lese viele deutsche Bücher, weil ich will die Sprache gut lernen." Sie wies auf den Tisch, der seitwärts stand. Sehen Sie dort. Mr. Pailer." Er stand auf und fand in der That verschiedene Zeitschriften und prächtig gebundene Wcher, meist Dichtungen und Reisewcrke. Ich will jetzt nach Teutschland reisen und dort viel das Volt singen hören," fuhr sie fort. Zuerst will ich gehen an den Nhein. Sie kennen gut den Rhein, nicht wahr?" - Ich war nur einmal dort und nicht auf lange Zeit," gab er zur Antwort. Es schien, als wolle er das Gespräch ablenken, denn er fügte rasch hinzu: Sie sprechen ja vorzüglich TMtsch. Miß Snyders,' ich beglückwünsche Sie dazu." Dies Lob erfreute sie sichtlich, denn sie lächelte ihm zu, fing aber doch wieder an,, sich der ihr mehr geläufigen Muttersprache zu bedienen. Sie glauben also, daß ich die deutschen Lieder gut verstehen werde? Ich meine nicht die, welche man in Konzerten hört, sondern jene, die das Volk singt." Gewiß, und wenn auch nicht beim ersten Male, so doch bei der zweiten ode? dritten Wiederholung; übrigens wird es den Leuten ein Vergnügen bereiten, sich Ihnen verständlich zu machen." Ich wünsche aber auch, das deutsche Land gründlich zu studiren; ich will es ganz genau kennen. Darum hab: ich gedacht, Ihnen einen Vorschlag zu machen. Sie sollen mir sagen, was ich vor der Reise lernen muß, um Alles zu verstehen, und dann wünsche ich, daß Sie uns begleiten. Wollen Sie das?" Pailer sah verwundert auf, dann furchte sich seine Stirne, und in zwar höflichem, aber sehr kühlem Tone erwiderte er: So weit ich es vermag, will ich Ihnen gerne Rath ertheilen hinsichtlich der Lektüre; zu einem Reisemarschall aber fehlen mir die nöthigen Eigenschaften." Sie schien ihn zuerst nicht gleich zu verstehen, als sie aber begriffen hatte, was er meine, sagte sie lebhaft:- D, Sie müssen nicht denken, daß Sie ein Diener sein sollen; ich wünsche, daß Sie mich begleiten als Freund." Er verneigte sich dankend: Sie erweisen mir eine Ehre, die ich wohl zu schätzen weiß, aber ich bitte Sie herzlich, diesen Gedanken fallen zu lassen, ich kann Ihre liebenswürdige Einladung nicht annehmen." Miß Snyders fah ihn forschend an; zuerst schien es, als wolle sie zornig werden, dann aber lächelte sie vor sich hin und nickte. - Sie wollen jetzt nicht, Mr. Pailer, gut! Ich werde nicht mehr davon reden. Sie werden aber doch nicht ablehnen, wenn ich Sie bitte, an meinem Fllnfuhr-Thee Theil zu nehmen? Ich wünsche, Sie Miß Lucy vorzustellen, meiner Freundin, welche mit mir reisen wird Diese Einladung konnte er nicht ausschlagen. ohne unhöflich zu erscheinen, und so folgte er denn Miß Snyders durch eine Reihe mitx fürstlichem Prunk ausgestatteter Gemächer in .den Thcesalon, in welchem bereits eine kleine Gesellschaft versammelt war; vier junge Damen und ein baumlanger, derbknochiger Offizier, Kapitän Fergus, der Bruder Miß Lucys. Pailer wurde sofort ganz von Miß Lucy in Beschlag genommen, einer kleinen. ungemeiir lebhaften Dame, welche zungenfertig und spitzfindig wie ein Rechtsanwalt ein förmliches Kreuzverhör anstellte, was ihn ungemein belustigte. Hier in der helleren Beleuchtung des Theesalons konnte er nun auch Miß Snyders genauer betrachten, die mit Anmuth ihres hausfraulichen Amtes waltete. Er war, vielleicht ohne daß er sich dessen recht bewußt war, mit einer gewissen Voreingenommenheit hierhergekommen und prüfte somit ziemlich strenge die äußere Erscheinung der jungen Dame, von welcher Haunold in einem Tone gesprochen hatte, als Sie sie eine Art' Sphinx, die Jeden verderbe, der sich ihr nähere. Daß Miß Snyders ihre Freundinnen an Schönheit überrage, mußte er sich zugestehen, obwohl die anderen Mädchen auch jugendfrischen Reiz besaßen. Bei diesen par aber gerade die knospenhaftc jugendliche Anmuth die Hauptsache, während Miß Snyders etwas Herbes und Reifes zeigte. Deutete dies auf einen in sich fertigen willensstarken Charakter, oder 'kam es daher, daß sie sich ihrer Schönhtii zu sehr bewußt war? Diese Frage zuckte flüchtig durch sein Gehirn, doch grübelte er nicht weiter nach eine? Antwort. Das schien ihm jedoch gewiß, daß das Wesen dieses Mädchens jedenfalls ein Räthsel berge, das nicht leicht zu lösen wäre. Die Anderen hatten Alle einen aus V -

geprägten Charakterzug, Miß Lucy war lebendig wie ein Springquell, etwas vorlaut und neckisch. Miß Ellen war still und träumerisch, Miß Mary von einer stets heiteren Laune und Miß Kate sah ernsthaft darein, sprach so ruhig bestimmt über Alles, als wär: sie eine Professorin der Weltweisheit. Diese Grundzüge ihres Äesens zeigten die Damen stets. Bei Miß Snyders aber konnt: ein aufmerksamer Beobachter einen steten Wechsel finden, sie erschien einmal von einer würdevollen ernsten Ruhe, die ihr etwas Majesiätisches verlieh, und bald darauf war sie von einer naiven kindlichen Fröhlichkeit erfüllt, als hätte man eine übermüthige Pcnsionsschülerin vor sich, die nur an tolle Streiche -denkt. Damit wechselte auch der ganze Ausdruck ihrer Schönheit; das Gesicht blieb zwar dasselbe und erschien doch immer als ein. anderes. Pailer fand, daß man die junge Dame bewundern müsse, wenn .sie schweige, und in Gefahr sei. den Verstand zu verlieren, wenn sie spreche. Ein junger Mann aber, der im Stande ist, solche Reflexionen anzustellen, während er mit dieser bewundernswerthen, gefährlichen Dame spricht, ist gegen die Gefahr gefeit. Pailer blieb so unbefangen und ruhig, als wäre er in Gesellschaft ehrwürdiger Mütter, und nicht im Salon eines jungen .Mädchens. um dessen Gunst sich Hunderte von Männern bewarben, deren Jeder ein gewisses Recht hatte, auf den Korrcspondenten hochmüthig herabzusehen. Zu diesen rechnete sich auch Kapitän Fergus, der mit wachsendem MißbeHagen sah. wie seine Schwester und Miß Snyders mit sichtlichem Vergnügen dem Eeplauder des Gastes zuhörten, während er selbst bei seinen Damen nur eine getheilte Aufmerksamkeit fand. Aergerlich entschloß er sich endlich, das Gespräch des Anderen zu stören, indem er an Miß .Snyders die Frage richtete, ob sie auch auf den Favorithengst Macdonald wetten würde. In den nächsten Tagen sollte nämlich das Frühjahrs-Meeting stattfinden, und Kapitän Fergus galt in seinen Kreisen als ein Eingeweihter, da er seine freie Zeit und deren -hatte er genug meist auf dem Turfplatze verbrachte. Gewiß. Sie haben ja geschworen, daß Macdonald Alle schlagen werde," erwiderte Miß Snyders lächelnd, und ich hoffe, daß Sie auch diesmal Recht behalten." Wenn ich sage, Macdonald gewinnt, so wird er-gewinnen." Dennoch möchte ich empfehlen, diesmal Ihre Sympathien Kincsem zuzuwenden," bemerkte Pailer. Erstaunt iah ihn Miß Snyders an. völlig fassungslos aber der Kapitän. Zuerst brachte er nur einige unverständliche L-aute hervor, dann erst stieß er heraus: Unsinn! Das verstehen Sie nicht!" Miß Snyders zog die Augenbrauen empor, eine solche unhöfliche Sprache in ihrem Salon war etwas Unerhörtes; sie begriff einfach den Kapitän nicht. Auch Pailer schien etwas befremdet, zuckte aber nur mit den Achseln und sagte ruhig: Am Renntaqe wird es sich ja zeigen, wer Recht behält." Diese ruhige Art der Abwehr brachte ihm die Genugthuung, daß Miß Snyders erklärte:, Ich werde auf Kincsem wetten, auf Ihre Verantwortung hin." Nur nicht auf meine Rechnung, wenn ich bitten darf, mein Konto ist ohnehin genug belastet," entg'egnete er, und MißSnyders lachte darüber hell auf; sie hatte die Anspielung verstanden, welche den Anderen freilich unklar blieb. Die Theesiunde war vorüber, die Gesellschaft ging auseinander, nur Miß Lucy blieb bei ihrer Freundin zurück. Findest Du nicht, daß er sich wie ein Jllkommener Gentleman benoimen hat?" fragte Miß Snyders. Gewiß, man merkt es gar nicht. daß er nur ein Kommis ist." war die Antwort. Ach. ich wünschte, daß Andere auch so wären, man würde sich dann oft besser unterhalten." Pailer schritt indessen vergnügt dem Hause Haunolds zu, sein Gang war elastisch, und stolz trug er den Kopf. Während aber die Damen von ihm sprachen. d?chte er nicht mehr an sie; es waren andere Bilder, die ihn beschäftigten. Haunold bemerkte natürlich sofort, daß sein Gast in gehobener Stimmung sich befinde, und schien gerade nicht sehr erbaut davon zu sein. ' Sie sind wohl seh? freundlich empfangen worden?" begann er das Gesprach, nachdem sie im Speisezimmer Platz genommen hatten. Mit ungewöhnlicher Liebenswürdigkeit," bestätigte Pailer. ..ich habe mich vortrefflich unterhalten." Miß Snyders scheint also starken Eindruck auf Sie gemacht zu haben?" Die Dame ist in der That von einer ungewöhnlichen und eigenartigen Schönheit," erwiderte Pailer unbefangen, übrigens stellte sich heraus, daß wir bereits ein Abenteuer miteinander erlebt hatten." Ah. wirklich?" Haunold sah mit Spannung seinen Gast , an, der nun kurz zu berichten begann und dann mit den Worten schloß: Wir lachten herzlich über den Zufall, der uns wieder zusammenführte." Zufall? Hm, ich glaube, W Snyders hat diesen Zufall arrangirt..Wie wäre dies möglich? Und welche

Absicht hätte sie dabei geleitet?" fragte Pailer erstaunt. Das vermag ich Ihnen genau zu sagen. Sie wissen ja doch, daß alle Angestellten des Hauses alljährlich eine Photographie abgeben müssen. Es ist dies eine Maßregel, deren Zweck leicht zu errathen ist. Sollte einer derselben einen Diebstahl oder eine Unterschlagüng begehen, so kann er mit Hilfe diefer Photographie um fo leichter verfolgt werden. Diese Photographien sind nun gesammelt in einem Buche, welches der Chef in Verwahrung hat, und wahrscheinlich hat Miß Snyders in demselben auch Ihr Bild gefunden und Sie darnach erkannt." Gut. ich will diese Möglichkeit zugeben. Dann aber müßte ich annehmen, daß Miß Snyders ein besonderes Cesallen an meiner Person fand." Ich wünsche, daß Sie nicht eitel genug seien, um thörichten Hoffnungen sich hinzugeben," erwiderte sehr ernst Haunold. Fürchten Sie nichts; ich werde keine Thorheit begehen. Ich habe ja den liebenswürdigen Antrag abgelehnt, Miß SnyderS' Reisemarschall zu werden." Wie Sie sollten sie auf ihrer Reise begleiten?" Deshalb wurde ich ja berufen. Nun aber sagen Sie mir aufrichtig, was Ihre Warnungen vor dieser jungen Dame zu bedeuten haben. Sie scheinen dieselle für eine Art Sphinr zu halten, die Jedem Verderben bringt, der sich ihr nähert." Man erzählt, daß ihretwegen schon drei oder vier Duelle stattfanden " Das wäre doch nicht ihre Schald!" ..Und ein junger Mann auS angefehener Familie soll sich erschossen haben ihretwegen. Das Schlimme aber dabei ist, daß man sagt, alle diejenigen, die als ihre Opfer fielen, hätten ein gewisses Recht gehabt, sich als Günst linge der Dame zu betrachten." Man sagt, man erzählt! Was beweist dies? Die mißgünstige Welt ist nur zu geneigt, Schlimmes Jemandem nachzusagen, der irgendwie vor Anderen hervorragt. Miß .Snyders ist wahrhaftig schön genug, um Neid und Verleumdung herauszufordern und heißblütige Menschen, zu tollem Streichen zu verleiten. Darf man aber deshalb einen Vorwurf gegen sie erheben?" Haunold zuckte die Achseln. Ich hielt es für meine Pflicht, Sie zu warnen," erwiderte er kühl, und nun wollen wir von anderen Dingen sprechen." Die natürliche Folge dieser Warnung war, daß sich Pailers Gedanken auf dem Heimwege weit mehr mit Miß Snyders beschäftigten, als einige Stunden vorher. Es schmeichelt jedem Mann, und mag er noch so wenig eitel sein, wenn er entdeckt, daß ein Weib an ihm, Gefallen findet, und gefährliche" Frauen üben einen doppelten Reiz aus. Als Pailer das Licht verlöschte und sich auf sein einfaches Lager streckte, da sagte er halblaut vor sich hinSchade!" Dann zog er die Decke hoch und schlief ein, mit dem festen Vorsatz, von den Erlebnissen des Abends nicht zu träumen und sie zu vergessen. G. Kapitel.

m Bureau der Firma Snyders raschelten die Fedtrn über das Papier. Auch Pailer schrieb, aber wie es schien, verdrossen. Seit dem Besuche bei Miß Snyders war es mit seiner Arbeitsfreudigkeit nicht mehr weit her. ' Ein Diener trat ein und überreichte Haunold einen Pack Briefschaften, gleichzeitig legte er einen Brief vor Pai-' ler bin. Mit einem mißbilligenden Blick schaute Haunold auf den jungen Mann; er liebte es nicht, daß seine Leute im Geschäfte Privatbriefe empfingen. Paile? hätte das wissen und mindestens die Rücksicht nehmen sollen, den Brief einzustecken, der junge Mann aber öffnete hastig den Umschlag und las, wobei seine Mienen eine gewisse Ucberraschung ausdrückten. Tann reichte er das Blatt Haunold hin. Vielleicht wird dies mich in Ihren Au?.en entschuldigen," sagte er lächelnd. . Haunold erstarrte förmlich, als sein Blick die Zeilen überflog, welche lauteten: Mein Herr! Ihr Rath war vortrefflich, und ich danke Ihnen dafür. Der Buchmacher zahlte mir 200 Guineen auf Kincsem aus. Kapitän Fergus war sehr zornig, der Arme hat viel verloren und ich habe ihn dazu noch ausgelacht. Auch Miß Lucy, die ebenfalls Ihrem Rathe folgte, läßt Ihnen ihren Dank melden." Und darunter ttanD gro'g und deutlich der Namenszug Miß Snyders'. Ohne ein Wort zu sprechen gab Haunold das Blatt zurück und 'ging köpfschüttelnd an seinen Platz. Er war sehr mißlaunig und verwünschte im Stillen den Einfall des Chefs, diesen Pailer ihm auf den Hals zu schicken. Der junge Mann brachte Unruhe in seine Abtheilung, fügte sich auch nicht so recht in die strenge Zucht, welche in diesem Saale herrschen sollte, und jetzt kamen auch noch solche Geschichten vor. Haunold war entschlossen, bei der nächsten Gelegenheit zu bitten, den Störenfried zu entfernen. Es war verzeihlich, daß Pailer einige Genugthuung empfand, als er von dem Siege Kincsems las. Welch' grimmigen Aerger über dieses unerwartete Ereizniß Kapitän Fergus hegte, das konnte er.sick freilich nicht vorstellen.

Daß er eine hübsche runde Summe in den Wetten .verloren hatte, würde den Kapitän nicht so erregt haben, als der Umstand, daß sein Ansehen als unfehlbarer Turfaugur in Miß Snyders' Auen gründlich zerstört war, und ein armseliger Kommis, der nicht einmal klubfähig" war, sich als besserer Prophet erwiesen hatte. Die Wuth brachte auch das Wunder zu Stande, daß Kapitän Fergus einmal wirklich etwas dachte; nämlich sich die Frage stellte, woher denn eigentlich dieser Pailer überhaupt Kenntniß von den Chancen der Rennpferde haben konnte. Merkwürdigerweise war dies Niemand aufgefallen, als Pailer in jener Theestunde Kincsem als Favorit nannte. Freilich wußte der Kapitän jetzt auch keine Antwort zu geben, und es war ein schlechter Selbsttrost, wenn er von einem Zufall sprach. Dafür schwur er. den jungen Menschen für die Unverschämtheit, entweder klüger oder glücklicher gewesen zu sein als er. bei der nächsten Gelegenheit gründlich zu züchtigen. Davon ahnte Pailer, der heute emsiger als sonst seine Korrespondenzen erledigte, ebensowenig, wie von einem Vorgange, der sich zur '.Stunde in dem Zimmer des Chefs abspielte. Es kam selten genug vor, daß Miß Snyders ihren Vater in dem GeschäftsHause aufsuchte, und dann handelte es sich nur darum, aus irgend einem ungewöhnlichen Anlasse eine gemeinsame Fahrt zu machen. Mr. Snyders war daher mit Recht erstaunt, da seine Tochter als Zweck ihres Erscheinens bezeichnete, daß sie ihm eine wunderbare Mittheilung zu machen habe. In der That, es war etwas Seltsames, was 'ihm die Tochter jetzt aus einem deutschen Familienblatte in letzter Zeit las sie ja solche, um sich in der deutschen Sprache zu üben vorlas. Ein Erbe gesucht!" so lautete die Spitzmarle der Notiz, und dann hieß es weiter: ..Im Anzeigentheile veröffentlicht das Landgericht Demmin die Aufforderung an einen gewissen Gotthold Wilhelm Pailer. gebürtig aus Hagenmacker, der seit drei Jahren verschollen und angeblich ausgewandert ist, daß er sich melden möge, um eine Erbschaft anzutreten, welche ihm laut Testament eines entfernten Verwandten zufiel. Es handelt sich um ein beträchtliches Vermögen, das auf 800.000 Mark geschätzt wird. Vielleicht kommen diese Zeilen dem Glücklichen selbst oder Jemand, der seinen Aufenthalt kennt, zu Gesicht und Gotthold Wilhelm Pailer kehrt wieder in die Heimath zurück, und zwar froheren Herzens, als er dieselbe verließ." Unter den Anzeigen befand sich dann der landgerichtliche Aufruf, welcher im trockenen Amtsstile besagten Gotthold Wilhelm Pailer aufforderte, binnen Jahr und Tag sich zu melden und ferner verkündete, daß Justizrath Hendriks einstweilen als Kurator bestellt sei. ' Snyders holte aus einem Fache des Pultes ein Buch hervor, in welchem von sämmtlichen Angestellten die genauen Lebcnsdaten. ganz so wie in den Protokollen eines Polizeiamtes, enthalten waren, und verglich die Angaben des Buches mit jenen des gerichtlichen Aufrufes.Es stimmt; kein Zweifel, daß es sich um unseren Mr. Pailer handelt! Was hier steht," er wies auf das Buch ist genau nach den Papieren aufgezeichnet, die er vorzeigte. Hm! Wird ihn wohl freuen, wenn er es tx fährt." Dann aber sah Snyders etwas mißtrauisch seine Tochter an und bemerkte: Die Sache hatte aber für uns keine besond?re Eile, und es w"äre nicht nöthig gewesen, deshalb selbst zu kommen." Miß Snyders lächelte ganz unbefangen. O doch. Mr. Pailer schulde! Dir ja, wie ich hörte, eine Summe von mehr als 18.000 Pfund. Ist's nicht so? Nun kirrn er doch bezahlen." Niemals noch war Mr. Snyders so stolz auf seine Tochter gewesen, wie in diesem Augenblicke; er hatte sie oft genuz überschwänglich bewundern und preisen hören, es hatte ihm bisweilen geschmeichelt, meist aber vielleicht machte es die Gewohnheit ihn nicht sonderlich berührt. Was aber jetzt Miß Snyders gesagt hatte, das griff ihm an's Herz. Eine solche Antwort hatte er nicht erwartet, niemals; und nun erst füllte zr so recht, daß sie seine Tochter war. Mit einem liebevollen Blick nickte er ihr zu. Ich wünschte, alle Väter hätten solche Kinder. Gewöhnlich denken junge Mädchen nur daran, wie sie das Geld ihrer Eltern ausgeben können, aber nicht, ihnen Elches wieder in's Haus zu bringen. Nun, es soll Dein Schade nicht sein, ich werde zehn Prozent als Provision auf Dein Konto gutschreiben lassen." Willst Tu nicht Mr. Pailer verständigen von dem Glücksfalle? . Ich glaube nicht daß er diese Zeitung schon gelesen hat, sie kam erst heute Morgen an." Snyders hatte schon den Mund zu dem Sprachrohr geneigt, als er sich bcsann und den Kopf schüttelte. Im Grunde ist es nicht passend, daß wir uns um seine Angelegenheiten bekümmern." Jemand Freudiges zu verkiinden, ist immer passend," war die Antwort. Ich möchte wissen, was Pailer thun wird. Wahrscheinlich wird er mein Haus verlassen. Leute, wie er, dünken sich schon ungeheuer reich, wenn sie eine

solche Summe ih? eigen nennen und pflegen dann die Lords zu spielen. Uebrigens werde ich ja sehen, wie er seine Schuld regulirt. Es wäre vielleicht gut, bevor er etwas von der Sache erfährt, ein genaues Abkommen zu treffen." Ich denke, es ist nicht nöthig, ihm Mißtrauen zu zeigen. Er wird seine Verpflichtungen erfüllen ich bürge für ihn." Du? Hm!" Argwöhnisch sah Snyders seine Tochter an. Du hegst viel Vertrauen zu diesem jungen Mann, den Du erst einmal gesehen hast. Oder kanntest Du ihn schon früher?" Man kann unter Umständen auch nach einer einmaligen Begegnung einen Menschen beurtheilen. Mr. Pailer zeigte sich als vollkommener Gentleman, er hat mir ja auch den guten Rath wegen Kincsem gegeben." Jum, deshalb würde ich gerade nicht auf seinen guten Charakter schwören; aber so seid ihr, mit solchen Dingen kann man euch Mädchen bethören. Mag es denn sein, ich will ihn rufen." Durch das Sprachrohr erging die Weisung an Mr. Haunold, den Korrespondenten in das Bureau des Chefs zu senden, und wenige Minuten später trat Mr. Pailer über die Schwelle. Er schien etwas erstaunt zu sein, Miß Snyders hier zu finden und begrüßte sie mit zurückhaltender Höflichkeit. Ich habe Ihnen eine Mittheilung zu machen." begann er Chef, ich hoffe, daß sie eine angenehme ist. Vorerst bitte ich. mir noch einige Fragen zu beantworten." Mr. Snyders ließ sich noch einmal die Lebensdaten Pailers mittheilen, und verglich sie mit jenen der Aufforderung. Es stimmt Alles," sagte er dann und reichte dem jungen Manne die Zeitung. Lesen Sie dies. Miß Snyders hat die Notiz gefunden und mich darauf aufmerksam gemacht." Pailer verneigte dankend den Kopf gegen die junge Dame, las flüchtig den Aufruf des Landgerichtes durch, faltete das Blatt dann wieder zusammen, und sagte mit ruhiger Gleichgiltigkeit nur: Ich danke Ihnen, Mr. Snyders." Neugierig hatten die Blicke der' Beiden auf ihm geruht, sie hatten erwartet, er werde doch irgendwie eine freudige Bewegung verrathen, und seine Gelassenheit verblüffte sie daher. Wir beglückwünschen Sie, Mr. Pailer," sagte de? Chef mit etwas unsicherer Stimme; er wußte im Augen--blicke nichts anderes zu sagen. Ihre Theilnahme erfreut mich sehr, indessen diese Erbschaft ich werde sie nicht antreten." Miß Snyders stieß ein halblautes ,.O!" hervor und ihr Vater lehnte sich in seinen Stuhl zurück, um besser diesen sonderbaren Menschen messen zu können, welcher 800.000 Mark nicht annehmen wollte. Sie weisen diese Erbschaft zurück?" Ja, ich habe meine Gründe dazu." Hm!' Das ist seltsam! Ich habe noch nie gehört, daß Jemand etwas Aehnliches gethan hätte." Verzeihen Sie, Mr. Snyders. wenn ich meine Handlungsweise nicht erklären kann; es sind wichtige Gründe, die mich dazu bestimmen." Haben Sie bedacht, daß ich ein gewisses Recht hätte, .Erklärungen zu verlangen? In meinen Büchern ist Ihr Konto mit mehr als 18.000 Pfund belastet; jetzt böte sich Ihnen die Möglichkeit, die Schuld zu tilgen, und Sie wollen nicht?" Seien Sie versichert, daß ich lebhaft wünsche, mein Konto zu ebnen, und ich würde Alles thun,' um dies zu erreichen. Doch auf diesem Wege kann ich es nicht." Kann ich nicht! Das heißt: Sie wollen nicht." Nun denn, ich will nicht." (Fortsetzung folgt.)

Die The luug Sachalins. Für die Geschichte der russisch-japa nischen Fricdmsvcrhandlungm dürfte es wisscnswerth sein, daß der Gedanke einer Theilung Sachalins zwischen Japan und Rußland, der schließlich den Frieden ermöglichte, zuerst in einer russischen Zeitung, jedoch aus deutscher Feder angeregt wurde. Als am 10. Juni beide Mächte einwillige ten, den Vorschlag Roosevelts zu Friedensverhandlungm anzunehmen, erklärte die gesammte japanische Vres sc die Einverleibung Sachalins als unabänderliche Fricdcnsbedingung, und ebenso einstimmig erklärte die russische Presse diese als unbedingt unannehmbar. Am 3. Juli besetzten die Japaner die Insel. Da brachte, kurz ,vor dem Eintreffen der Fricdensb'oIollmächtigtcn in Portsmoutl?, der in Moskau erscheinende Rnßki Li stok am 14. (27.) Juli in einer Besprcchung 'der Friedenszugeitändnisse von Richard Graf v. Pfeil den c danken, auf Sachalin das Verhältniß wiederherzustellen, wie es. vor 1875 Bestand, somit die nördliche Hälfte der Cisel für Nußland, die südliche für Japan. Graf Pfeil machte in diesem, wohl als Versuchsballon gemachten Vorschlag zwar auf die strategische Gefahr für Nußland aufmerksam, wenn Sachalin im Mitbesitz der Ja paner sei. Doch gelangte auf diese Weise die Möglichkeit dieser Art von Lösung in ' die Presse und wurde schließlich nach managen SäMerlgrei ten ausschlaggebend ut die Mcoen it

Verhandlungen. .

Englisches Loblied auf deutsche Biergärten.

Ein Loblied auf die deutschen Biergärten, das auch für viele unserer Amerikaner eine lehrreiche Lektüre wäre, singt ein Mitarbeiter des Londoner Ddft) Chronicle", der in 'Hamburg die deutsche Art, mit Frau und Kind beim Glase Bier angenehmer Militärmusik zu lauschen, mit großer Begeisterung kennen gelernt hat. Nachdem er verschiedene Typen der Gartenbesuche? und den martialischen Militärkapellmeister geschildert hat. schreibt der Engländer weiter: Es scheint fast Ehrensache zu sein, daß jeder seine Sprößlinge mitbringt und mit der Mama an seinerSeite wie in einem Nest zwischen ihnen sitzt. Jedes kleine Mädchen hat einen flachsfarbigen Zopf, und jeder kleine Junge hat dicke Waden. Wie es auch immer in anderen Städten sein mag, Hambürg scheint jedenfalls wenig Beranlassung zu haben, sich über die Degeneration seiner Kinder zu beklagen... Dann sind natürlich auch eine Anzahl thörichter junger Leute da mit sehr hohen Kragen und merkwürdig geformten teutonischen Strohhüten und mit Schlipsen von schreienden Farben, wie sie in London am Sonntag in Mile End Road getragen werden, und kichernde Mädchen in buntfarbigen Blusen. . . Eine dunkle Wolke ist von Süden heraufgezogen und hat die Sterne verdunkelt. Nlöklick kommt ein Krack 1- f - " WJ wwwwwww W V -y f der alle Bemübunaen der Kavelle übertönt, und es kommen Blitze, heller als die Lichter des Gartens, und es fallen einige Regentropfen. Das Publikum ist nicht sonderlich beunruhigt. Die Musik spielt weiter, und die Zuhörer ziehen sich mit ihren Gläsern langsam in die gedeckte Veranda zurück, die. den Garten an zwei Seiten umgibt. Ich selbst begebe mich zu der kleinen Landungsbrücke, an der ein kleiner, weißer Dampfer wartet, um mich über die dunklen Wasser der Alsier dahinzutragen, wo die Lichter der Stadt wie eine Schaar von Glühwürmern leuchten. Während wir so durch die Nacht fahren, wundere ich mich darüber, weshalb man diese Dinge in Deutschland so viel besser arrangirt. Da ist zunächst der Kostenpunkt. Nachdem man in London lange Zeit in der schwefeligen Dunkelheit der. Untergrundbahn verbracht hat, muß man 1 Schilling Eintrittsgeld zahlen. Hier bringt mich ein kleiner Dampfer für 10 Pfennige in zehn Minuten aus dem Mittelpunkt der Stadt über ein glattes Wasser an Ort und Stelle. Dann hat man die auch bei Tage schönen Gärten mit ihrer Aussicht über die Elbe und die Alster für 3 Pence und für die Kinder für V2 Pence. Man kann der schönsten Musik lauschen (nicht einer idiotischen Auswahl aus idiotischen musikalischen Komödien). Die besten Militärkapellen spielen sie. und da kann man sitzen mit Frau und Kind beim besten Bier, unter den angenehmsten Bedingungen der Welt, umgeben von Bäumen und Blumen und von der kühlen Sommernacht. Warum können wir nicht in London ebenso gesegnet sein? Wäre es nicht besser, wenn unsere englischen Eheleute, umgeben vonFrau und Kindern, unter so angenehmen Verhältnissen leichtes Bier tränken, als daß sie sich mit billigen Spiritussen in einer Kneipe verrückt trinken, während die weiblichen Familienmitglieder zu Hause beten, sie möchten wenigstens noch etwas von dem Wochenlohn in der Tasche haben, wenn sie in den frühen Morgenstunden nach Hause kommen? Weshalb können wir denn nicht solche segensreichen Biergärten in London haben? Verbietet es das Kli'ma? Auch in Hamburg hat man Regen und Gewitter. Ist etwa ein geheimnißvoller Unterschied imGeschmack des Engländers und des Deutschen vorhanden? Ich glaube nicht... Der Hamburger ist überdies ganz und gar ein Engländer. Man braucht ihn nur anzusehen, um das zu wissen. Man braucht bloß in der Mode der Haartracht und der Kleider etwas zu ändern; besonders in der Kleidertracht; denn der Deutsche ist überall sicherlich der am geschmacklosesten Gekleidete in der Gesellschaft. Der Deutsche ist aber auch ein männlicher, starker, gesunder Schlag, nach der besten Art des Engländers. Das ist etwas, was man nicht vergessen darf in diesen Tagen sensationeller Kriegsgerüchte. ' Er ist im Ganzen ein durchaus guter Kerl, etwas selbsteingenommen und eingebildet, das ist wahr aber ein guter Freund und ein gefährlicher Feind".. Aschersleben. Als die 16jährige Anna Hoff in der Papierwaarenfabrik von H. C. Bestehorn mit dem Putzen einer stillstehenden BuchdruckerMaschine beschäftigt war, fetzte der Maschinenmeister diese in Bewegung, ehe das Mädchen, das einen Zuruf überhört haben soll, sich zurückgezogen hatte. Die Maschine erfaßte das Mädchen, das eine schwere Verletzung deZ Schädels erlitt. ' Hinter den Coulissen. Haben Sie gehört, der Heldentenor will sich schon wieder van der kleinen Naiven, die er kürzlich heirathete, scheiden lassen?- Aber ich bitte Sie, das wurde schon bei der Verlobung besprochen."

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