Indiana Tribüne, Volume 29, Number 39, Indianapolis, Marion County, 9 October 1905 — Page 6

Indiana Tribüne, 9. Oktober 1903

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Haffe Novelle von J Die trifft sie Den S - -Sf AwAvrö 'eili, es ging doch nicht. Er J8 konnte nicht stiuschen mit seiner inneren Unruhe, dieser aufstachelnden, prickelnden Unzeduld, blt ihn im Cciste überall anderZ sein liefe, nur nicht ei seiner Lektürc. Und so ein Roman auch so eine unq?sckicktc Nachahmung des Monte Christo." so ein echtes, naives Dilettantenstück. Von einer Frau natürlich. Ja. diese schriftftellernden Frauen! Und die Frauen überhaupt! Die alten und die jungen, und die junzen erst recht . . . Und Helene von Virk erst, diese Gespielin aus nebelhaft fernen Jahren, die sich aus einem unausstehlichen Backfisch in eine unnahbar stolze, vollendete Dame verwandelt hatte mit einer ablehnenden Kälte, mit einem strafenden, rächenden Uebersehen seiner Person und seines Perbens schon mehr verletzend . . . Hans von Lemcke warf den dickleibigen Nomanband auf dcn eleganten Diplomatenschreibtisch und erhob sich, unzufrieden mit sich und der Welt. Was hatte er ihr denn Großes gethan? Großes? Du lieber Himmel, die Eitelkeit des Backfisches hatte er einmal verletzt, und das große, schöne Mädchen trug ihm den Groll aus Jahren nach, da sie noch ein unzurechnungsfähiges Kind gewesen war ... Der Assessor ließ sich wieder in dcn Sessel vor dem Arbeitstisch fallen und grübelte nach. Wie lange war es her? Er war ein junger Student gewesen damals und in den ersten Sommerferien nach Hause gekomn:en. zum Besuche seiner Eltern, seiner Geschwister . . . Und zur Verhimmclung seiner Junaenlieöe, der blühenden, seine Huldigungen gutmüthiz duldenden Frau von Birk, der Gutsnachbarin seiner Eltern und Mutter des langen, mageren Backfisches Lenchcn von Birk . . . Gleich am Tage seiner Ankunft auf dem väterlichen Gute hatte er sich aufgemacht, der harmlos angebeteten Frau sich in seiner neuen, männliche Reife bezeugenden Würde als Zögling der Alma mater vorzustellen. Und da mußte er, ehe er noch in das Herrenhaus gelangte, diesem Backfisch in die Hände laufen, der eink so rosige, himmlische Freude über das Wiedersehen zeigte, so ungenirt und aufdringlich sich ihm anschloß, daß er ihn nur mit Aufbietunz seiner ganzen männlichen Würde und unverhohlener Grobheit von sich abzuschütteln vermochte. Helene von Birk hatte ihn, der sich in der Kinderzeit" bei frohen Spielen des kleinen Mädchens zuweilen angenommen und dadurch ihre unauslöschliche Dankbarkeit gewonnen hatte, sicher schon von ferne kommen sehen. Sie saß naschend auf den unteren Zweigen eines mit Früchten übersäten Kirschbaumes. paßte den Moment ab. in dem der Ahnungslose dicht unter dem Baume vorübergehen mußte, und war mit kühnem Sprunge und lautem Jubelrufe unten. Hurra, Hans!" Plumps! stand sie vor ihm, mit leuchtenden Augen, zerzaustem Blondhaar, schwarzgefärbtem Munde, die Taschen v)ll von den süßen Früchten, die schwarzen klebrigen Hände dem Verblüfften zum jubelnden Willkommen entgegenstreckend und .zuthunlich sich an seinen Arm hängend, unter fatalster Mißachtung und Mißhandlung seines neuen grauen Sommeranzuges, den er so lange geschont hatte, um sich gerade-in ihm dem Gegenstand seiner heißen Verehrung zu präsentiren. Aber Lenchen!" mahnte er, zog die schwarzen Fäustchen aus der gefährlichen Nähe des empfindlichen Tuchsioffes und suchte sich der lästigen Vertraulichkeit zu entziehen. Was?" sagte sie lachend. Du fürchtest wohl, daß ich abfärbe? Unsinn! Willst Du haben?" Sie hielt ihm die freie Hand mit Kirschen hin. Ree ? Denn nicht. Tu, willst Du selber welche pflücken? Komm, wir wollen sehen, wer zuerst hinaufkommt. Hihi, Hans nein, das geht nicht! Mit dem Grauen da- Staatskledage haha. Aber hübsch bist Du geworden. Hans, und groß. Und die blaue Mütze steht Dir! Staat, sag' ich. Wenn Dich so die Lady sehen könnte!" (Die Lady" war die ältere, eben erst an einen Engländer verheirathete Schwesier Lenchens.) Jetzt würde sie auch ' mehr Respekt vor Dir haben und nicht so dumm schwätzen von Dir " Von mir?" fragte Hans zweifelnd und zugleich unangenehm berührt. ' Natürlich. Hans. Aber das kümmert Dich nicht, die Lady war immer abscheulich ..." So, was hat sie denn von mir gesagt?" forschte er interessirt. Ach, zu dumm!" ' Was denn?" Ter dumme Vengel sckneidet unserer Mutter die Kur. sagte .sie. Tu solltest lieber mit Deinem Mottenkopf über den Büchern sitzen, und was sie so 7! st noch für Bosheiten herauskehrte. Na. fyirJ. darüber kannst Du lochen. Die.

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weißt Du, die! Die ist mir gar nicht maßgebend, und Dir auch nicht. Die hatte selbst den Kopf voll Motten. Und getrieben hat sie's schon nicht mehr schön; wahrhaftig nicht. Kennst Du den Englishman, den si: sich erobert hat? Nee? Schad' auch nichts. Aber siehst Tu. der hat sie angeschmachtet, und den hat sie leiden mögen, und dabei hat sie kokettirt ui jeh! Mit dem Baron von Oldenkamp, bei dem der steife Englishman zu Besuch war, mit Fritz Wittberg, dem einäugigen Rittmeiste? a. D., mit Deinem Bruder "sogar, der doch verheirathet war " Nee, Lenchen, das glaub' ich doch nicht . . ." Thu. was Du willst. Hans. Aber es ist gewißlich wahr. Natürlich hat sie blos so gethan, um den Mister Fairbrother denk, der Mensch heißt mit Vornamen genau so wie der alte Indianer - Räuber -Geschichten-Erzähler: James Fenymorc zum Lachen, was? also blos, um den eifersüchtig zu machen. Als sie den hatte schnipp! waren ihr die anderen nichts als als so nebelhaft,, so gleichgiltig, weißt Du, wie Eurem alten Fischer Kietz die armen Rothaugen, wenn er in seinem Netz die Dickköpfe von Schleien krabbeln sieht. Und meinst Du, daß sie blos an Dir auszusetzen hatte? Jawoll, was erst an mir! Morgens, Mittags, Abends, Tag und Nacht, Sommer und Winter knietschte sie an mir herum Haha, ich hab' mir blos nichts daraus gemacht, gelacht hab' ich und blos ein cjanz bischen geweint, als die Hochzeit war und sie von uns ging. Da war sie ganz nett, ordentlich rührend, Hans, und hat mich in den Arm genommen und geküßt so hübsch und hat geweint, viel mehr als ich! Tenk Dir blos! Du. wie lange bleibst Du nun hier? Sechs Wochm. zehn Wochen ?" Ja, das weiß ich noch nicht," erwiderte er etwas wichtigthuend. Viel-

leicht mache tch noch eine Reise " Eine Rene?" wiederholte sie stauncnd. Hm, ja. Nach Tirol oder der Schweiz. Man muß doch ein bischen was sehen jetzt . . Ach, das war zu schon, sagte sie schwärmerisch und fügte unschuldig fragend hinzu: .Willst Du mich nicht mitnehmen?" Er sah mitleidig auf sie herab. Was Tu Dir denkst!" Ach ja. Hans, bitte!" Sie ließ den Arm los und hängte sich stürmisch an seinen Hals. Abc? Madchcn!" webrte er entietzt ab, denkst Du nicht an Deine schwarzen Klauen " Sie ließ die Arme sinken und stand enttäuscht und betreten. Er schämte sich seiner Grobheit nicht und fuhr herrisch fort: So ein Ding von vierzehn Jahren und reisen! Und mit einem Manne! Deine Schwester hatte ganz recht, wenn sie an Dir herummäkelte. So ein VorWitz und so em Fraulem Unverstand wie Du . . . Siehst Du, was Du angestiftet' hast -?" ' Er zsg ganz unceremoniell das Jakkett aus und wies, grollend auf das angerichtete Unheil, das in Gestalt von zehn . fingerlangen Flecken auf dem grauen Stoffe sich abzeichnete. Er zog cm Taschentuch und rieb unter fortwährendem, bösem Knurren. Hans ,M sagte sie bittend. Ach was. geh!" Verzeih!" flüsterte sie. . Geh." wiederholte er barsch und rieb weiter. Sie ließ den Struwwelkopf hängen, ihre Augen schwammen plötzlich in Thränen. ''Mit dem Rücken der Hand wischte sie die perlenden Tropfen sortj preßte die schmalen Lippen aufeinander und funkelte ihn feindselig an. Also ich soll gehen?" fragte sie. Hast Du mich nicht so verstanden?" - Ich soll gehen?" Er fuhr ungeduldig auf. Na, so 'ne Fragerei! Geh' doch! Ich mag Dich nicht mehr, ich mag überhaupt die Backfische nicht " Sie griff in die Tasche und schleuderte ihm eine Handvoll Kirschen zornig gerade in's Gesicht. Dann stürmte sie davon, schluchzend, das erblaßte sZinderantlitz von Thränen überströmt. Er schüttelte sich wie em Pudel, rief der Davoneilenden boshafte Liebesnamen nach und rieb weiter ... Ein Jahrzehnt, ein ganzes, langes, war verrauscht seitdem. War er in den weiteren Jahren seiner Studienzeit nach Hause gekommen, so hatte er kein Bedürfniß empfunden, den Backfisch zu suchen, und der Backfisch hatte es seinerseits einzurichten gewußt, daß ihre Wege sich niemals kreuzten. Von einem Zimmer aus, hinter einer Gardine verborgen, hatte sie ihm wohl nachgesehen, halb träumerisch, halb im alten, trotzig genährten Groll . . . Und dann war sie zur. blühenden Jungfrau herangewachsen, die ihr Empfinden zu meistern verstand und den Genossen von einst durch Schranken des geselligen Ceremoniells von sich fern hielt . . . Sie wurde gefeiert und umworben, zeigte sich aber für keinen zugänglich und wies alle Anträge ab. Sie schloß sich innig an die Mutter an, besuchte die in glücklicher Ehe lebende Schwester, wurde auch dort umschwärmt und blieb im Innersten unberührt wie vorher . . . Eben als Hans von Lemcke zum Assessor avanzirt war. brachten die Umstände ein Wiedersehen der Nachbarslinder mit sich. Ter alte Herr von Lemcke lebte mit seiner Gattin aus Gesundheitsrücksich-

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icn uno um seinem ttunuimn nacygehen zu können, meist in Italien. Das Gut leitete indessen der älteste Sohn, der aber auch mehr die Neigungen, des Vaters theilte und auf dem Gute sich nicht recht heimisch fühlte. Als dann der Vater ernstlich zu kränkeln begann, benutzte der Gutsherr Dierk von Lemcke diesen Anlaß, um wegen Uebergabe des Gutes an den jüngeren Bruder mit diesem und dem Vater in Verhandlung zu treten, und selbst ebenfalls in die schöne elterliche Villa bei Neapel überzusiedeln. Der Assessor hatte die Veamtenlaufbahn eingeschlagen, um sich zu bethätigen: da die Familie zu den reichsten Holsteins gehörte, war er auf ein Verdienen nicht angewiesen, und da ihn auch nicht eine gerade unüberwindliche Neigung an seinen Beruf fesfette,? war er mit dem Vorschlag seines Bruders seinerseits bqld einverstanden. Die Familie traf in der Reichshauptstadt, in der Hans lebte, zusammen, die Formalitäten fanden ihre Erledigung, und die Brüder fuhren zusammen nach der Heimath, um nun dort alles für die endgiltige Uebergabe des Gutes vorzubereiten. Des Assessors erster Besuch galt wieder der Nachbarin Frau von Birk, für die eine geläuterte Verehrung in ihm stetig lebendig geblieben war. Die Gutsherrin war für einige Tage abwesend, an iyrer Stelle empfing inn die Tochter. Herr von Lemcke blieb an der Schwelle wie gebannt stehen. He lene ?" stieß er fragend, in maßloser Ueberraschung hervor. Sie schnitt ihm die Vertraulichkeit sofort eisig ab. Ich habe gehört, Herr von Lemcke. daß Sie in die Heimath zurückkehren." Er verbeugte sich steif. Wir sehen Ihren Herrn Bruder und feine liebenswürdige Gemahlin ungern ziehen " Ich werde Ihr Kompliment meinem Bruder gehorsamst melden.meine Gn'adige. Die von ihm und meiner Schwägerin mir für Ihre Frau Mama aufgetragenen Grüße werden Sie wohl freundlichst übermitteln?" Sehr gern, Herr von Lemcke." Noch ein paar konventionelle RedeWendungen, dann ging der Assessor bestürzt und gedrückt. Er war wie von Sinnen. Hatte er denn früher keine Augen im Kopfe gehabt, war er mit Blindheit geschlagen gewesen, daß er diese wunderbare Schönheit des Mädchens nicht erkannt hatte? So hatte sie doch im Grunde immer ausgesehen, jugendlich unreif und eckig damals, aber in den Grundzüge'n ganz fo eigenartig, so rein, treu, stolz und weich und zum Herzen greisend wie jetzt ... Der Assessor verließ seinen Sitz wieder und ging auf dem dicken Smyrnateppich lautlos auf und nieder. Er hatte den Dienst quittirt. Was er in Berlin noch zu thun hatte die Verpackung der bänderreichen Bibliothek und der Kunstgegenstände seines luxuriösen Chambre garni hielt ihn in der Residenz nur noch wenige Tage. Ihren Ablauf sehnte er herbei und fürchtete er zugleich. Helene ... Der Name umschloß alles marternde Denken, Hoffen und Fürchten des ruhelos Wandernden . . . Die Uebersiedlung des Assessors von Lemcke , von der Hauptstadt nach dem Familiengute wurde mit einem Feste gefeiert, das zugleich als Abschiedsfest für die bisherige Herrschaft gelten sollte. Da Helene von Birk mit der scheidenden jungen Gutsherrin eng befreundet gewesen war, überraschte es die Mutter, daß sie zögern konnte, der selbstverständlicb auch an sie ergangeneu Einladung zur Theilnahme an der Doppelfeier Folge zu leisten. Aber es bedürfte der ganzen autoritativen rnüt terlichen. Ueberredung, ehe das junge Mädchen, das den Darlegungen der Mutter stumm zulauschte. ihre Einwilligung gab, auch in ihrem Namen der befreundeten Familie zuzusagen. Frau von Birk sah groß und forschend auf ihr Kind und errieth mit dem hellsehenden Frauentakt schnell, worin vielleicht allein das Zögern der Tochter begründet sein konnte. Sie sprach ihre Gedanken darüber nicht aus, aber ein stilles Bedauern kam über sie in der Befürchtung, daß sie recht habe und Helene einem Manne sich abgeneigt fühle, den die ältere Frau schätzen gelernt und auf den sie eine geheime, lieben Wünfchen entsprungene Hoffnung gerichtet hatte. Helene war ernst, als sie mit der Mutter dem Nachbargute zufuhr, und sie blieb es selbst dann, als die junge Frau Dierk von Lemcke sich im Laufe des Abends ihrer bemächtigte und sie der auch von ihr bemerkten kühlen Stimmung zu entziehen suchte. Thut es Dir wirklich so wehe, daß wir gehen müssen?" fragte sie die Freundin zärtlich. Ja. Anna," erwiderte die Gefragte mit aufrichtiger Wärme. Ich kann mir noch gar nicht vorstellen, wie es ohne Euch hier weiter werden soll." Aber Lene, Kind. Du hast doch noch andere Freundinnen, die Dir so gut sind, wie ich es war und immer bleiben werde. Und dann ist doch auch Hans jetzt da, der immer viel mehr zu Euch gehalten hat, als mein Dierk. Laß also das Köpfen nicht zu sehr hängen, sondern trag's hoch, lach' und freu' Dich mit uns . . . Komm, willst Du mir die Bowle brauen helfen? Sonst macht das immer Dierk und versteht es auch wohl besser, als Du und ich zu-

sammen. Aber der sitzt da bei Oldenkamp, und wen der einmal in den Fingern hat, der kommt sobald nicht wieder los. Weißt Du, was sie sprechen? ,Rübenernte' hörte ich vorhin, und da ist Oldenkamp Autorität, da dozirt er mit einem Feuer, daß ihm sogar die sonst immer dampfende Cigarre auseht. 'Wahrhaftig, jetzt steuert Hans da auch noch hin, nein, das geht nicht, wenigstens er muß helfen ich werde ihn rufen, ehe es zu spät ist " Sie wollte sich schnell entfernen. Bitte nein," wehrte Helene. Nein? Aber Kind, Du hast doch gegen den Hans, nichts? Na, wie Du befiehlst. Dann müssen wir's allein schaffen. Aber ich verlass' mich auf Dich." Wollen wir nicht meine Mama zur Hilfe rufen?" 0 nein, der Gehilfe paßt mir nicht!" protestirte Frau von Lemcke mit komischem Ernst und setzte varodirend hinzu: BieleKöche verderben den Brei, und zweie weniger als drei Helene lächelte flüchtig. Und dann gingen sie Arm in Arm. - Die Bowle gelang, aber sie war nach dem Geschmack des Barons von Oldenkamp gebraut und darum für die Damen etwas zu schwer gerathen. Helene zog sich nach dem ersten Glase unauffällig zurück, um noch etwas im Garten zu promeniren. Die Abendlandschaft lag im glitzernden Mondenlicht, am fahlblauen Himmel funkelte ein Meer von Sternen. Die Luft war mild und würzig. Die Blüthen an den Rosenspalieren dufteten, der Ruf eines Pirols klang stimmungsvoll aus dem Parke herüber. Hans von Lemcke folgte dem jungen Mädchen auf dem Fuße. Er hatte sie den Abend kaum einen Augenblick aus den Augen gelassen und ihre Entfernung sogleich bemerkt. Entschlossen wollte er die Entscheidung ohne Berzögerung herbeiführen. Helene erschrak, als sie. an einem kleinen Teiche stehend und sinnend die stille, den Sternenhimmel widerspiegelnde Wasserfläche betrachtend, feste Schritte sich nähern und bald die klangvolle Stimme des Assessors an ihr Ohr schlagen hörte. Er war an ihre Seite getreten und sagte einfach: Ich wollte Sie um die Erlaubniß bitten. Fräulein von Birk, mich Ihnen anschließen zu dürfen." . Darf ich wissen, ob Sie darauf Werth legen?" fragte sie kühl, Mein gnädiges Fräulein, es muß in der That ein bedauerliches Mißverstehen zwischen uns getreten sein, wenn Sie dem Manne, dem Sie als Kind doch freundlich gesinnt waren, eine solche Frage vorlegen können." Wollen Sie nicht in Betracht ziehen, daß ich ein Kind lange nicht mehr bin?" Fräulein von Birk, nicht diese Ablehnung! Was sieht zwischen uns?" .Ich bedauere, Herr Assessor, daß meinem Gedächtniß entfallen ist, was Sie etwa als zwischen uns stehend anzunehmen scheinen. Haben Sie nicht schon öfter beobachtet, daß Kinderfreundschaften unwiederbringlich verloren gehen, 'wenn auch vielleicht nichts sie ermatten oder erlöschen läßt, als die alles nivellirende Zeit?" Es kann nicht sein, daß Sie aufrichtig sind! Sie können nicht zu den flachen Alltagsgeschöpfen gehören, die spurlos aus ihrem Gemüthe tilgen oder verlieren, was sie einst bewegt hat. Sie können das nicht. Sie nicht! Und Sie können sich auch nicht verstellen, nicht so. verstellen, daß man Ihnen glauben müßte. Ich bitte Sie um alles, Fräulein von Birk, sagen Sie mir ehrlich und offen, was Sie gegen mich eingenommen hat, was mich selbst um die Gunst des nur oberflächlichen Wohlwollens gebracht zu haben scheint. Sie weichen mir aus " Ich wüßte nicht." Sie wappnen sich gegen mich, ist eine Begegnung nicht zu vermeiden, mit einer kalten Förmlichkeit, die mich betroffen macht." Sie belieben zu scherzen, Herr Assessor. Ich bin Ihnen meines. Erinnerns nie wichtig genug erschienen, als daß Sie meinem Verhalten eine Bedeutung beigelegt hätten, die für das Ihrige als Richtschnur hätte gelten können." ,. Mein gnädiges Fräulein, ich habe mich eines Fehls gegen Sie schuldig gemacht, den ich tief und aufrichtig bereue." Beschwichtigen Sie Ihr Gewissen, Herr Assessor. Ich habe keinen Fehl an Ihnen entdeckt, jedenfalls keine Verletzung durch Sie empfunden und wenn ich Sie damit von jeder Verschuldung freispreche, werden Sie sich selbst nicht länger anklagen wollen. Ich wiederhole Ihnen: Ihre Gewissensbedrängung ist nichts als eine fiktive. Haben die Herren drinnen sich zum Solo zurückgezogen?" ' Eine Antwort auf diese Frage roer den Sie nicht erwarten, auch nicht, daß ich mich durch eine solche verzeihen Sie triviale Wendung abweisen lasse. Lassen Sie uns den Weg fortsetzen und gönnen Sie mir, eine ferne Zeit in Ihr Gedächtniß zu rufen, in der ein warmherziges Kind sich mir vor anderen anschloß und mir ein goldenes Herz offenbarte, das ich in seiner köstlichen Tiefe unwillkürlich bewunderte, wenn ich auch damals noch nicht im Stande war, es bewußt zu erkennen und zu schätzen ..." Sie gingen langsam weiter. Helene widerstrebend, er eine Weile selbstvergessen im Aufb7att:rn der Erinnerung.

Jst Ihnen die Märchenzeit der ersten Kindheit so ganz entschwunden? Denken Sie nicht mehr des Bienenschuppcns, in dem ein kleines, noch unsicher watschelndes Mädchen und ein langaufgeschossener, großmüthig' zu dem Kinde sich berablassender Bub: bei einem Gewitter Schutz suchten? wo die Kleine fromm und gläubig die Hände faltete und den lieben Gott bat. das Poltern und Feuerschießen doch aufhören zu lassen, sie wolle auch immer brav und gut sein? Denken Sie nicht mehr des Beerensuchens in Feld und Wald, bei dem das kleine, unrerständige Mädchen vor jeder Spinne angstvoll zurückwich und vor der züngelnden Kreuzotter froh und bewundernd aufkreischte, bis der Begleiter sie aus der Nähe des häßlichen Reptils fortzog? Und entsinnen Sie sich nicht mehr, wie der lange Junge das -kleine Mädchen auf tollen Winterfahrten mit in seinen Schlitten nahm und in den Armen hielt, damit ihm ja kein Unfall zustoßen solle? Und nicht, wie das Mädchen dem großen Freunde dankbar war und als höchstes Glück zu empfinden schien, wenn es die Gaben, die reichlich in ihre kleinen Hände gelegt wurden, mit ihm theilen konnte? . . ." Helene webrte sich aeqen eine sie heiß ourcyriejelnde Rührung und untervracy den Sprecher schroff. Sie werden sentimental, Herr von Lemcke. Aber wenn Sie es wissen wollen: ich habe längst aus meinem Gedächtniß gestrichen, was Sie sich da überflüssig bewahrt haben und was mich aus Ihren Reden anmuthet, wie ein Klang aus ferner, fremder Welt. Es ist gestorben in mir und nicht mehr zum Leben zu wecken. Lassen Sie's begraben sein!" Es ist nicht wahr, was Sie da sagen!" entgegnete er hastig. Sie blieb wie angewurzelt stehen und warf den Kopf stolz zurück. Wollen Sie mich der Lüge zeiben?" Bei Goit. ich thue es!" beharrte er tief erregt. So trennen sich unsere Wege " Nein, Helene, nicht eher, als bis Sie mich zu Ende gehört haben " Herr von Lemcke ?" Die Jugend lebt in Ihnen wie in, mir, und ein einziges Bild ist es. das all die anderen verdrängt, das Ihr Empfinden beeinflußt und dem Himmel sei's geklagt! vergiftet hat " Sie phantasiren!" Ich hatte keine Ahnung damals, daß ich mir mit meiner JungenüberHebung Ihren sonnigen Kinderhimme! trüben, ja das Band, das uns 'umschlang, für immer zerreißen könnte. Ich verstand nicht einmal, daß vielleicht ein Mehr als das Gefühl kindlicher Kameradschaft Sie mir entgegenjubeln ließ, ich war befangen in knabenhaft thörichter Einbildung und blind für die lebenswarme, köstliche Wirklichkeit. Die unklare, zum Nachgeben, redende Stimmung, die durch Ihren Zorn, Ihre Thränen in mir geweckt wurde, konnte nicht aufkommen gegen die verletzte Eitelkeit des großen Unverstandes " Sie verstehen zu beschönigen, Herr Assessor," unterbrach sie plötzlich in heftiger Aufwallung. Eine Wunde haben Sie damals dem treuen, unbefangcnen Kinde geschlagen, die nie verharscht ist und an der ich zu verbluten fürchtete, bis das herangewachsene Mädchen überwinden und vergessen lernte." Sie haben nicht vergessen " Nein, und ich werde es nicht. Soll ich mich noch einmal fortstoßen lassen mit dem grausamen: .Geh'!?" . Verzeih!" Das hab' ich auch gebeten!" Ja ich weiß ," bestätigte er leise. Und Sie haben mich herzlos abgewiesen und verhöhnt." Ich wollte, . ich könnte es leugnen ." Und jetzt jetzt ist die Vergeltung da! Ach! Nach der ich gelechzt habe in den endlos langen Jahren des Kampfes mit dem schwankenden, th'örichten Herzen . . . Gehen Sie, Herr von Lemcke, gehen Sie!" Er athmete schwer. Ihr letztes Wort, Helene?" fragte er weich und zitternd. Sie wandte' sich ab und suchte zu fliehen. Er faßte ihre Hand und hielt sie. Helene, ich kann nicht leben ohne Dich ich liebe Dich ja namenlos!" Sie schluchzte Plötzlich qualvoll auf. Ich ich hasse Sie!" stieß sie halberstickt hervor und ließ doch den blonden Kopf wie hilflos an die Schulter des gehaßten Mannes sinken. Helene!" jubelte er auf un umschlang sie mit beiden Armen, über alles Geliebte o, ich danke Dir! .Ich hasse Sie!' Wir haben Dich beide nicht gekannt. Du Dich selbst nicht. Ja. hasse mich weiter mit Deinem treuen, goldreinen Herzen, ich werde Dich anbeten mein Lebenlang!" Er küßte sie, und sie duldete es wehr los.Nanu!" tönte plötzlich der tiefe Baß des Barons von Oldenkamp in unmittelbarer Nähe. Steiht dat so- mit Ju?" Ter Baron liebte es, in Augenblicken der Ueberraschung oder Erregung sich des Plattdeutschen zu bedienen. Ein heiteres Lachen Anna von Lemckcs folgte, und die junge Frau löste sich vom Arm ihres Gatten, um glücklich auf die überraschte und' fast fassunaslose Braut zuzueilen. .

Ich weiß nicht, wie wie es gekommen ist " flüsterte das Mädchen in tiefster Verwirrung. Tie Schwägerin liebkoste sie siürmisch. O Du Mädel ob ich's nicht geahnt hätte! So 'ne Feindschaft hat immer ihren großen Haken! Aber Gott sei Dank, daß es nun so aekommen ist? Dierk. Mann, hol doch snell Mama von Birk her'. . . Hans cher Assessor meinen Glückwunsch! Tu dummer Mensch, daß Tu das nicht länast gemerkt hast. Ich habe dem Frieden schon lange nicht getraut. Na. Mädel. Thränen im Glück machen hübsch, aber nu ist's genug. Mama von Birk. mit Ihrem alten Schwärmer ist's nichts mehr, er will das Kind hier ha-ben!"

Zi: spielten clinc agc mit, nämlich sechs Tamen. die am 20. August zum Tellspiel nach Altdorf gekommen waren und in Reihe sechs Sperrsitzstühle zu 8 Mark besetzt hielten. Sie hatten die überall angebrachte Vorschrift: Man wird gebeten, die Hüte abzunehmen", nicht beachtet. Den ersten Akt hatten die hinter den Damen sitzenden Zuschauer nicht mit ihrem Hut ab!" unterbrechen wollen. Nach dem Aiktschluß aber ersuchte, wie Wir in den Aargauer Nachrichten lesen, ein Herr die Hutträgerinnen, sich der Vorschrift zu fügen; er stieß jedoch auf kaltlächelnde Ablehnung. Da wandte er sich an ein Mitglied des Tellspielausschusses, das die Damen es waren Französinnen höflich in französischer Sprache bat, ihre Hüte abzulegen. Auch der Herr vom Ausschuß begegnete nur indigirtem Achselzucken. Selbst die Drohung mit der Polizei brachte den weiblichen Starrsinn nicht zum Wanken. Athemlose Spannung: alles isieht nach den Damen. Da erscheint, als schon der Vorhang aufgezogen ist, ein Landjäger im Saale und macht den Damen begreiflich, daß die Hüte nicht geduldet werden. Die Damen nehmen keine Notiz von ihm. Die Darsteller auf der Vühne, der alte Attinghausen und der Junker Rudenz, verwandeln sich ihrerseits in Zuschauer. Die Szene ist ins Publikum verlegt, die Hauptrolle liegt in den Händen des weißbärtigen Polizisten. Dieser steht, etwas verwirrt durch die allgemeine Aaifmerksamkcit, zuerst unschlüssig da, sieht aber, durch Zurufe aus dem Publikum ermuntert, dann ein, daß hier gehandelt werden muß; er greift daher die Spannung der Zuschauer hat ihren Höhepunkt erreicht nach dem Hut der zunächst sitzenden Dame und versucht, ihn ihr abzunehmen. In diesem Augenblick, bricht das -Publikum in tosenden Beifall aus. Aus Hunderten von Kehlen wird Bravo gerufen, Hunderte -von Händen klatschen Beifall. Die sechs Damen erheben sich von den Sitzen und verlassen,, begleitet von dem ironischen Beifall des ganzen Hauses, ihre Plätze und das Gebäude. Jetzt erst kann das Spiel beginnen. (Gin (ßhrcnmann. ... Wovon lebt der Mann eigentlich?" O'. der lebt sehr schön von seinem Ehrenwort!" Oas MannenAuto. Man erneuert das Seewasser in der Wanne nach Belieben und genießt dabei die Freuden der Lokomotion. Züge ersten Ranges Schnelle Zeit! Zu bequemen Stunden ! 14 12 6 6 Züge zwischen Indianapolis und Cincinnati. Züge zwischen JndianapollS und Dayton. Züge zwijchen Indianapolis und Toledo und Detroit. Züge zwischen Indianapolis und Decatur, Illinois. 4 Züge zwischen Indianapolis und Springsield, Illinois. Darlor Waggons an allen Tage? und Schlaf waggonS an alle Nacht-Züge. Indianapolis Office : Union Bahnhof und 8 Nord Illinois St. - R. P. Algeo, D. P. A. IM ERIE & VESTERN R. R, ....Fahrzeit der Züge.. btahrt nknn loledo. hieag, und vttchigan Errreß 7.1 tlQJB koledo. Detroit d huago Ltm 11.10 t ichigaa kUy, Vwncie u.LafaZzetteEpl.l' 7JM U0.U tSjltch Vomtagl. t ankieno

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