Indiana Tribüne, Volume 29, Number 36, Indianapolis, Marion County, 4 October 1905 — Page 6
Jndiana Tribüne, 4. Oktober 1905
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ä vo.i A uisc Weftlrich $ t00-KK-00-0-0KKK-ö V i j om Dach der langgestreckten 51 Kantine auf hohem Ufer wimmerte ein Glöckchen: Feierabend. Sogleich ver stummte das Kettengerassel ans dem Naßbagger, der unten auf dem vom Mendroth rosig gefärbten Wasser des Nordosiseekanals lag.' Die Ziegelarbeiter, die am Ufer Steine verstauten, verließen ihre halbbeladenen Schuten, die Erdarbeiter auf den Kanalböschungen zogen di: abgestraften Röcke an und nahmen ihre Schiebkarren. Inder bretternen Neparaturwerkstätte auf dem höchsten Punkt des Ufers hörte das Schwungrad auf zu sausen, die Treib riemen standen, die Thorflügel flogen auf, und die rußigen Männer, die vom Amboß und der Drehbank kamen, die gerötheten Ziegelarbeiter, die mit weißlichem Schlamm bedeckte BedienungsMannschaft des Baggers zogen schweren Schrittes alle dem gleichen Ziel zu, dem Dorf. Einen Büchsenschuß von der Kantine entfernt lag's auf halbkreisförmiger Lichtung, auf drei Seiten umgeben von hohem .Buchenwald, mit der vierten hinunterschauend auf den werdenden Kanal. Ein Dörfchen, wie aus einem Spielwaarenladen aufgebaut. Bor drei Jahren hatte keins dieser grauen Häuschen hier gestanden, und nach drei Jahren würde wahrscheinlich keins mehr hier stehen, und die Menschen, die als Gemeinde zusammenhausten, würden auseinandergeflattert sein in alle Theile des deutschen Landes, in alle Theile der Welt. Denn es war ein Zufallsdorf, eine Zufallsgemeinde, die die Arbeitsgelegenheit zusammengelockt hatte wie eine Schaar Vögel, die winters sich um einen Futterplatz sammeln. Ist das Futter aufgezehrt, ziehen sie weiter, neuen Gelegenheiten, neuen Hoffnungen nach. Diesem Zufallscharakter trug die Anlage Rechenschaft. Winzige Wellblechhäuschen für eine, höchstens zwei Familien waren einfach auf den Erdboden gesetzt, jedes umgeben von einem Gärtchen, in dem leuchtende Herbstblumen, blühten. Hier wohnten die verheiratheten Arbeiter, die Aufseher. Beamten, Ingenieure, während die ledigen Burschen in einem weitläufigen Barackenbu eine Viertelstunde weiter untergebracht waren. E gab eine Post und ein Schulhaus. Es gab reizende, kleine Villen mit Veranden. Weiße Vorhänge schimmerten hinter fast allen Fenstern. Und Frauen standen vor den Thüren und am Brunnen, Frauen mit blonden und pechschwarzen Haaren. Schaaren von Kindern spielten auf den Straßen, schlanke, schwarzäugige Polenkinder und stämmige, flachsköpfige Holsteiner. Der Werkmeister des Reparaturschuppens hatte als letzter den Maschinenraum verlassen. Er prüfte die Präsenzliste, schloß die Thore. Dann, statt sich dem schwarzen Zug der Heimwimmelnden anzuschließen, wandte er sich seitswärts und betrachtete bedachtig zwei schadhafte Dampfkessel, die hoch oben auf der Böschung lagen, in ihrem feurigen Roth zwei wunderlich leuchtende Tupfen in der diskreten Herbstfärbung der norddeutschen Landschaft. - Die Besichtigung war keine Nothwendigkeit. Aber Mathias Vollrat ging seinen Weg gern allein. Er war ein kräftiger Vierziger mit kurzem, dunklem Vollbart und großen, braunen Augen, die er langsam zwischen den Lidern bewegte, ein wortkarger. düsterer Gesell, den man selten lachen sah, und mit dem keiner vertraut wurde. Aber unter denen, die sich am Kanal zusammenfanden, hatten viele eine Vergangenheit, strebten unterzutauchen in der Menschenfluth wie in einem reinigenden Wasser, wollten vergessen, was gewesen war, und selbst vergessen werden von der Welt. Da war's wie ein stillschweigendes Einverständniß. nicht zu forschen, nicht zu fragen. Sogar den Namen des Kameraden sprach man selten aus. Man rief ihn nach seiner Herkunft Berliner od:r Köniasberger oder bei seinem Vornamen Ede, Lude, Karlchen. Vollrat, der von semer Heimath nicht sprach, hießen sie. einfach den Werkmeister. Und Niemand war ihm gram, und Niemand war ihm gut. Höchstens ein warmherziaeS Dirnchen .schaute ihn einmal voll Mitleid an. Er aber merkte es nicht, denn er mied 'die Weiber noch sorgfältige: als die Männer. Der Weg zum Dorf war nun menschenleer. Mathias Vollrat richtete seixttn Blick von den Dampfkcnc'n au 5 -das blanke Wasser des Kanals, auf das Dorf Königsförde am andern 'User des Kanals und drüber weg auf 'das wellige Land. Der Westhimmel brannte in feuriger Lohe. Er schloß die Auaen wie in peinvolle? Erinnerang, und langsam ging auch er den Weg zum Tors. Aus den Schornsteinen der kleinen 'Häuschen stieg der Herdrauch in ge raden Säulen in die unbewegte Luft. giiiz über seinem eigenen Häuschen ,siand keine solche Säule. 6s leuchteten 'auch keine weißen Vorhänge hinter den Jenstern. Er war der einzige JungGeselle im Ort.
Finster schrttt er ourch Ote Gruppe spielender Kinder vor seiner Thür. Da hielt Schulmeisters Lene ihn an. eine Zehnjährige, sinnig wie ein Frauchen. .Herr Werkmeister, es ist Jemand da gewesen."
Mathias Vollrat hob langem seine dunklen Augen. ..Wer?" .Sie hat uns gefragt, wo der Werkmeiste? wohnt, nicht wahr, Grete?" Ja." fiel ein anderes caochen ein, und üinnerk meint, es wär die gleiche, die heute Morgen bei Sehestät gewesen ist und iedem Arbeiter in's Gesicht gesehen hat. Da 'vor Ihrem Fenster hat . c i V ie qestanoen uno ganz tanze in ou (Dtube gestarrt." .Nun und?" Er sah so verdrossen und grimmig drein, daß die Kinder kleinlaut wurden. Ja, dann ist sie weite? gegangen." Der Werkmeister zuckte die Achseln. vielleicht halte er kaum zugehört, ging zwischen den spärlichen Astern seines Gartens durch und öffnete seine Hausthür. Von den zwei Stuben des Hauschens bewohnte er nur eine. Ihre Einnchtung war von militärischer Em fachheit un) militärischer Sauberkeit Eine eiserne Bettstelle, ein Tisch, zwei Stühle, eine Kommode. Dem Fenster gegenüber, am Fußende des Bettes, hingen die Photographien von zwei alten Leuten, nach der Aehnlichkeit zu schließen die Eltern des Bewohner. Ein halbes Duhend Bücher stand auf der Kommode, auf dem Tisch in einem Wasserglas ein kunstloser Strauß. Kein Teppich. lern Vorhang. Mathias Vollrat ging zuerst m die Küche, wusch sich ausgiebig, vertauschte sein Arbeitszeug mit einem dunklen Rock. Dann nahm er eine Flasche Bier, Brot, Wurst aus dem Schrank und begann zu Abend zu essen, denn er ging nur Mittags in die Kantine. Indem seine Blicke ziellos wanderten, erschaute er dem Küchenfenster gegenüber die älteste Tochter des Schullehrers, die blonde Ev, zwischen den Eeorginenbüschen ihres Gartens, neben ihr den Sohn des Gastwirths in Konigsförde. Er hatte den Arm um sie gelegt, sie drehte ihm lachend ihr junges. frohes Gesicht zu. Etwas weiter zurück stand glückstrahlend die Schulmelsterrn. Auf dem Hintergrund der dunklen Busche, umrahmt von den flammend rothen Blüthen, war's ein reizendes Bild, recht geschaffen, traurige Herzen froh zu machen. Aber der Werkmeister starrte daraus hin, als wäre es ein Greuel, was er sähe. Sein Gesicht 'wurde fahl, er biß die Unterlippe, und die Reste semes Mahls vergessend, stand er aus und ging in seine Stube hinüber. Ihr Fenster sah auf die Straße. Er nahm ein Buch, setzte sich an den Tisch. Aber er las so wenig, daß er es nicht einmal merkte, wie der letzte Tagesschimmer draußen erlosch und die -ersten Sterne zu dem vorhanalosen Fenster hereinzwinkerten. Während er die Äugen niat von den Blattern hob, wanderte sein Geist Monate, Jahre zurück, durchlebte noch einmal das Gluck, die Qual seines Lebens, alles, was zu vergessen er hlerhergek.ommen war, und was doch ein Klang, em Lichtresle?, ein Zufallswort, ein Anblick wie der eben immer aus s Neue m ihm ausweckte und aufwecken wurde, solange da.s Blut in seinen Adern warm blieb. Draußen war es jetzt völlig Nacht. Die Lichter in den Häusern erloschen 'allmälig. Nur die Sterne leuchteten am Himmel wie kleine Flammen; nur fern, von der Kantine drangen noch ein unbestimmtes Murmeln und Brausen durch die tiefe Stille. Da klang leise die Thür, ein Luftzug strich herein. Der Werkmeister hob den Kopf. Und in plötzlichem Entsetzen stand er auf, die Hand auf die Tischplatte stützend, den Kopf vorgebeugt. Im Rahmen der Thür stand eine Gestalt, schattenhaft schwarz gegen den Himmel mit. seinen funkelnden Sternen. aber das Haupt, das unbedeckt war. flimmerte goldig hell wie ein blasser Mond durch die Dunkelheit. Mathias Vollrat stand und starrte. .Guten Abend grüßte die Gestalt leise. Beim Klang der Stimme fuhr der Werkmeister . aus seiner Erstarrung. Er riß die Schachtel Schweden aus der Tasche, rieb ein Holzchen m Brand, und rasch vortretend leuchtete er der Eingetretenen m s Gesicht. Das Hölzchen fiel, kaum aufgeflammt, zu Boden, und die Hand des Mannes schlug schwer auf den Tisch .Du!" Ja. Hinrich, ich hab Dir endlich ausgefunoen. Was willst 2)u?" Eine kurze Pause entstand. Die Frau auf der Schwelle zögerte. Ich möcht dableiben." sagte sie end l!ch. Bei mir?" .Bin ich nich Dein Frau, Hinrich?' Rein." Doch, Hinrich. Ich bin ein flechte Frau gewesen das is so. Aber Dem Frau bin ich darum immers." Der Werkmeister hatte stch gefaßt Er schlug den Fensterladen zu und zündete die erze aus dem Leuchter an. Schließ die Thür," befahl er rauh. Die Frau gehorchte. Stumm abwartend stand sie dann. Das matte Flackerlicht der Kerze zeigte eine schlanke Gestalt in sehr einfacher Tracht, unter goldflimmerndem Haar ein NinderaestÄt. rübrend iuna. mit
einem merkwürdig sücn, tyoricyien Zug um die Lippen Mit düsterem Blick betrachtete der Mann sie. . ' Du weißt wohl nirgends hin?" -Sie schüttelte den Kopf. Nein, Hinrich, ich hab kein Menschen auf der Welt, zu dem ich gehen kann blos Dich." Er lachte hart und höhnisch auf. Mein Haus ist kein Taubenschlag, will ich Dir sagen, in den man ein- und ausfliegt nach Belieben. Wer einmal draußen ist. bleibt draußen." Sie antwortete nicht. Verstehst Du mich?". fragte er zornia. Aber sie rührte sich nicht. Blos die Hand, die das kleine Bündelchen mit ihrer Habe hielt, sank schlaff herab. Ihre Lippen zuckten, und sie hob die Lider nicht. Ich weiß, daß Du falsch auf mir bist, Hinrich." So? So? Weißt Du's und hast doch die Kourage ja, Kourage! Donnerschlag! Wenn man einem Kerl das angethan bat, was Du mir gethan hast! Hast Du nicht Deiner Mutter gesagt, als Du von mir wegliefst zu ihr und dem feinen Kaufmann, den sie sich zum Schwiegersohn wünschte hast Du nicht gesagt, Meile, Du fürchtetest Dich vor mir? Vor meiner Ungeschliffenheit? Wo nimmst Du denn 'jetzt die Dreistigkeit her. daß Du zu mir kommst, zu mir! He?" Ich gehör doch zu Dir. Hinrich."
sagte die Frau leise. In Dein Haus is mein Heimath." Deine Heimath, antwortete der Werkmeister hart, ist bei dem feinen Herrn, dem Du nachgelaufen bist. Du schlechtes Weib, und der Dich jetzt aus der Straße gelassen hat." Zum erstenmal hob Meile die Lider. Ein lichtes Roth stieg in ihr Gesicht. Ich bin Wllm Lorensen nicht nachge laufen und er hat mich nich auf der Straße gelassen. Ich bin dumm geWesen stecht meinetwegen aber das is nich wahr. Wenn das 'wär. Hinrich, denn wär ich nich hier oben bei Dir, denn wär ich unten in'n Kanal. So, lügen auch noch?" höhnte er. Aber was wundere ich mich? Hast Du nicht auch vor Gottes Altar geschworen, Du hättest mich lieb?" Meise hob abwehrend die Hand. Nee, Hinrich, nee. Vor Gottes Altar hab ich man blos gesworen. daß ich Dein Frau werden will nich. daß ich Dir lieb hätt. Un ich hatt Dir damals auch gar nich lieb." Nicht einmal am Hochzeitstag? Mit einem Sprung flog der Werkmeiste? auf die Frau zu, packte mit derdem Griff ihre Schulter. Seme gewöhnlich gleichgiltig blickenden Augen flammten wild. Hör Du! Ich bin em glucklicher Mensch gewesen. Du hast mich um Ruh und Glück gebracht. Deine Schlechtigkeit hat mich aus meiner Vaterstadt, aus meiner Stellung gerne ben. Unter falschem Namen verstecke ich mich hier, weil ich keinem Bekannten mehr in's Gesicht sehen mag. aus Scham em Mann, dem die Frau zu einem ändern läuft! Wenn Du jetzt gekommen bist, mich zu reizen Hute Dich! Es konnte mir einfallen, daß es eine gute That wäre. Dein falsches Gesicht herauszufeilen aus der Welt, Deinen Lügenmund stumm zu machen, daß er keinen mehr betrügt!" Sie zitterte unter seinem Griff. Aber sie versuchte nicht, sich zu wehren. Wenn Du mir umbringen willst, Hinrich." sagte sie ergeben, denn muß das ja seinen Willen haben. So möcht ich auch nich mehr leben. Und ich hab gedacht, vielleicht hört er mir doch an." Er ließ sie los. Nein. Um solch ein schlechtes Geschöpf will ich mir mein Gewissen nicht fleckig machen. Nimm Dem Bündel und geh dahin zurück, woher Du gekommen bist." Sie taumelte, da er sie losließ, und hielt sich an der Wand. Ich bin müde, Hinrich... Ich hab Dir zu lang suchen müssen. Ein duschen mutzt mir schon bleiben lassen. Dabei nahm sie langsam einen 'der Stuhle, setzte sich., und er hatte nicht den Muth, ihr gewaltsam zu wehren. Der Anblick all der Lieblichkeit.. die sein gewesen war. machte ihn schwach. Und vielleicht hörst Du mir doch an," fuhr Meike, in ihrer bedächtigen Ruhe fort, wen daß ich so lang mar schirt bin, um Dir das zu sagen. Un vielleicht, wenn Du mir gehört hast,' bist Du nich mehr gans so falsch aus Mir. Hixnch.Was kannst Du mir denn sagen? Du mußt sehr dumm sem, Meile, wenn Du hoffst, daß ich Dir nur ein Wort glauben wurde. Es is wahr," gestand Meike zu. ich bin nich sehr klug. Abers. Hinrich. jung war ich auch man noch. Un denn war da mem Mutter Deine Mutter geht mich nichts an. Die hab ich Nicht gehelrathet. Nee. Hinrich. Aber ich muß dock beim Anfang anfangen. Mein Mutter wollt ja hoch mit mir hinaus, weil daß mein Vater doch Schifsskaptän gewesen war. Un wenn wir nach sein Tod auch fat kein Geld hatten, ste kauft mir doch mmerlos feine Kleiders, und von Arbeiten.sagt sie nichts, wohl aber von Männer und von Heirathen un das gefiel mich denn gans gut. Ich bin ja nich sehr klug. Hinrich. das weißt. Wie wir denn von Flensburg nach Altona gezogen waren, da hatt Mutter Dir kennen gelernt und brach: Dich in's Haus. Ich war ein düschen bang vor
Ntr, nxil datz Du wirklich kein Marnt
sur dumme Teerns bist, Hinrich. Aber Mutter hatte sich das in den Kops gejeljt. Wenn ich Dir mcht nehmen wollt, sagt sie, denn so müßt ich bei ein Herrschaft dienen gehen. Große Teerns. die ihr Glück von sich stießen, wollt sie nich durchfuttern. So nahm ich Dir -" Er hatte abgekehrt gestanden. Jetzt wandte er sich heftig um. ..Halt den Mund! Wozu erzählst Du mir das? Ich weiß es ja, alles weiß ich." Vite, Hinrich. Wenn Tu auch ein ganz Theil klüger bist als ich. Du kinst doch man blos wissen, wie Dir gävesen ist. als wir Mann und Frau waren. Wie mir zu Sinn war. das weißt nicht." Er lachte wieder. Schlecht, kann ich mir denken bei so einem plumpen Kerl." Nicht nur slecht. Hmrich. Manchmal aans slecht. ia manchmal soaar sehr gut. Aber hinter das Gute bin ich erst nachher gekommen. Ich war doch man dumm und bang vor Dir und Tu hast mir das auch nich ein büschcn leicht gemacht." Ich hab Dich wohl gar schlecht behandelt, was?" . Ich weij nich. Hinrich." Lügnerin! Was hast Du Dir gewünscht, daß ich Dir nicht gegeben hätte? Die Sterne hätte ich Dir vom Himmel geholt. Ich war ja vernarrt in Deine blonde Fratze. Zum Kinderspott hast Du mich gemacht. Ah. Pfui!" Denn hast Du das nich recht verstanden, Hinrich. Das war immer wie so ein Wand zwischen uns beiden. Ich connt nich ruber und Du auch Nich. Un denn sagte Wilm Lorensen zu Mutter, daß er mir auch gern geheuathet haben wurde. Un weil Mutter sah, daß daS mit uns beiden man slecht gingun Wilm Lorenftn auch mehr Geld hatte als Du. da hätt Mutter mir lieber als Lorensen sein Frau gese hen." Laß Deine Mutter aus dem Spiel. Tu. Du Hast's gewollt." Kann sein, daß ich s ein Zeitlang gewollt hab. Wilm Lorensen konnt gut snaken. und bang war ich gar nich vor ihn. Tu aber wurdst alle Tage ein gräsigeren Bubaff. Wie das denn so gans voll mit Tem Nucken würd Ich hab Dich gehauen, nicht? Die linke Backe da! Und hab Dich genannt, was Du bist." Da ging ich zu Mutter zurück." Zu Wilm Lorensen gingst Du." ..Nee, man blos zu Mutter. Ab Wilm Lorensen kam jeden Tag ur snakt und snakt immer feiner." Bis Du ihm glaubtest. . Nee, Hinrich. das war wunderbar. Ich war ja bannig falsch auf Dich geWesen, als ich aus Dein Haus weg ging, das kannst wohl denken. Aber je länger ich Wilm Lorensen snaken hört, um so weniger falsch würd ich auf Dich. Ich kann das nich so sagen, aber mit einmal wußt ich, daß ich mir lieber von Dir wollt slagen lassen, als Wilm Lorensen sein Snakerie anhören " Der Werkmeister hatte den Kopf ge-. hoben. Siehst Du denn nicht wenn das wahr wär, wenn nur ein Wort davon wahr wär Du wußtest den Weg zu mir Du wärst ja gekommen." Dazu war ich zu dumm, Hinrich. Jchmeint immer noch. Tu könntst auch zu mir kommen. Wegen den Slag. weißt. Ich mein das nu ja nich mehr. Ich weiß, ein Mann wie Du kann nie zu sein Frau kommen. Sie muß immer zu ihn kommen. Un ich bin ja nu auch da." Weil Du nirgends hin weißt." Weil ich nirgends hin weiß. Hinrich. Weil ich nirgends sein mag als bei Dir." Bei dem Mann, den Du nicht einmal bei der Hochzeit leiden mochtest! Da muß es Dir freilich verwünsch! schlecht gegangen sein." An den Morgen, wie Du verswunden warst. Hinrich, und kein Mensch hat gewußt wohin das is mir geWesen wie ein Schlag vor'n Kopf. Da hab ich gemerkt, daß nichts auf der Welt mir mehr freuen kann ohne Dich. Un in mein ersten Srecken hab ich geglaubt, Tu hättest Dir ein Leid angethan. Aber dann hab ich wohl begriffen: um ein flechte Frau thust Du so was nich, un hab gemeint, Du hast nach Amerika hinübergemacht. Da hab ich all: Schiffslisten gelesen. Aber Dein Namen hat in keiner ingestanden. Und ich konnt Wilm- Lorensen nich mehr vor Augen sehen un Mutter auch nich es war slecht, aber ich konnt un konnt nich. Un ich bin aus ihr Haus gegangen un hab ein Dienst angenommen bei cm Bremer Herrschaft. Un Tag un Nacht hab ich blos das eine gedacht, wie ich Dir wiedcrfind. Es war aber immer nichts. Bis vor vier Wochen ein Freund von Dir Mitleid mit mir gehabt hat und sagt was von Kanal un fremdem Namen. Da hab ich mein Herrschaft gekündigt und bin gewandert von Holtenau aus, Dorf 33 Torf hab ich abgesucht, alle Barallen. auf den Schiffen bin ich gewesen,- Ui den Schleusen. Wo aber Schlosser ge raucht wurden, da bin ich geblieben, ..ab jedem einzelnen in's Gesicht geschaut. Tu warst's immer nich. keine Spur von Dir. O. was war ich froh, als ich he'.'.t da an der Wand die Sil dervon Deinen Eltern wiedererkannt hab!" : Der Werkmeister trat an den Von all ihren Ned:7. hatt: c: lrJLili-j
nur eine ersanr. wt vervlun:e ton, j
machte ihn taub 'ür alles, was sie sonst sprach. In Dienst ! In Dienst wärst Du gewesen als ehrliche Magd in einem ehrbaren Haus? Nimm Dich in acht, was Du mir vorlügst. Ein Dienst läßt sich erkunden, beweisen." Da brauchst Dir gar nich um zu bemühen," sagte Meike gelassen. Ich habe dem Dienstbuch bei mir." Sie öffnete ihr Bundelchen. Der Werkmeister las das Zeugniß. Konsul Hermann Meier beschernigt, daß die Hausmaad, Marie Dreher vom Oktober an während ihrer ganzen Dienstzeit sich m seinem Hause ehrlich und tüchtig " Er ließ das Buch fallen. . Vom ersten Oktober an!" Das war drei Wochen nach ihrem Streit! Und seit dieser Zeit verdiente sie einsam in harter Arbeit ihr Brot, sie, die Beiwohnte, Eigenwillige, die seme.Phantaiie anders, ganz anders gesehen hatte. In der Thatsache' lag etwas, das alle seine Ueberzeugungen, seine ganze Lebensanschauung über den Haufen warf, sein Herz wild klopfen und sein Hirn sich drehen mackte. Er fand kein Wort. Stumm aina er an Meike vorüber aus der Thür, 'flüchtend vor dem Uebermaß seiner eigenen Empfindungen. Er rannte durch die stille Torfstraße. Oben auf der Böschung des Kanals lief er auf und nieder, unter dem sclswarzen Himmel mit seinen unheimlich großen Sternflammen. War, sein Weib wirklich treu und er ein Narr, daß er nicht geduldiger um sie geworben hatte? Oder bedeutete dieser Ueberfall doch nur die List einer Verlorenen, die ihn mit viel geübte: Liebeskunst betrog? Aber da war das Zeugniß, ein unverkennbarer Klang von Wahrheit in Meikes Worten. Nein, es war Wirklichkeit! DaS Weib, das er mit der ganzen Gluth seiner Neife liebte, dessen Verlust sein Leben beinah zerbrochen hatte, war in seinem Zimmer, seiner wartend, sein! Freilich, sie hatte ihm die ärgste Bcleidigung angethan, die eine Frau einem Mann anthun kann, war aus seinem Haus gegangen, das Bild eines andern im Herzen. Das blieb. Und sein knorriger Mannesstolz rang hart. ob er vergeben dürfe. Iuf einmal packte ihn der Gedanke, sie könne inzwischen fortgegangen sein, er werde sein Haus leer finden. Diese Vorstellung brach sein Widerstreben. Sie zum zweitenmal verlieren verlieren, nachdem er sie wiedergesehen hatte in ihrer köstlichen, schwerfälligen Thorheit, ihrer demüthigen, rührenden Weiblichkeit wahnsinnig würde es ihn machen. ' Er lief einen Wettlauf mit dem Schicksal, und die Luft war ihm knapp, und die Hand zitterte, als er die Thür seines Hauses aufriß. Meike war noch da. Sie hatte die Lampe, die er aus Bequemlichkeit im Sommer nicht brannte, mit Oel gefüllt, angezündet, hatte aus ihrem Bündelchen Garn und Nadeln vorgekramt, saß am Tisch und bewerte emsig an seinem Arbeitszeug aus. Er mußte sich gewaltsam fassen, so sehr hatte die Angst um ihren Verlust ihn verstört. Doch hielt er an sich. Der Kluge prüft. Zu bitter waren seine Erfahrungen gewesen. Ei. Du hast Dir's ja bequem gemacht," sagte er rauh. Sie nickte. Es gibt eine Menge Arbcit'bei Dich. Un ich hab nu arbeiten gelernt. Du sollst mit mir zufrieden sein." So glaubst Du wirklich, daß ich Dich behalten werde?" Du hast mir ja doch gern," sagte sie ruhig, den Faden aufziehend. Un Du brauchst ein, die Dir haushält." Ich muß Dir sagen," begann t und hielt ihre Hand fest. Besser macht so'n Jahr wie mein letztes einen Mann nicht. Und wer keinen Gesellen hat, dem wird leicht der Schnaps ein Gesell." In großem Schrecken weiteten sich ihre Kinderaugen. O Hinrich! Du" Ja, der solide, nüchterne Kerl, der ich war, bin ich nicht mehr. Ich sag Dir das. damit Äu Dich nicht hernach wunderst. Du hast ja'n Abscheu vor Säufer. Also überleg's. Noch ist's Zeit, Dein Bündel zu schnüren. Sie schüttelte den Kopf. Wenn ich das verschuldet hab, denn so werd ich das auch tragen müssen. Und vielleicht vielleicht besserst Du Dir wieder, Hinrich." Da trüg Dich nicht auf., UeberHaupt, wegwischen läßt sich das nicht. was zwischen uns gewesen ist. Wenn ich' Dich behalt so wie Du's gehabt hast, kriegst Du's nicht wieder. Eine wie Du .muß streng gehalten werden. Von den Sanftesten bin ich ohnehin keiner. Da wirst Du bald wieder was zu klagen haben." Nee, Hinrich, nee,"- versicherte sie eifrig. Ich beklag mich nicht mehr da kannst thun, was Tu willst. Uno," sie wurde roth, sie sprach leise, und ich geb auch nichts mehr da um. wenn Du mir slägst. Ich weiß jetzt, es gibt Slnnmeres. Noch Schlimmeres?" Wenn ich Dir nich hab." Willst Du's drauf ankommen lassen? Denn wollen wir . das gleich ausprobiren. Er hob die Hand Das, weil Du mir weggelaufen bist Sie duckt: sich, als seine Finger nicht eben hart ihre Wange berührten. Halb
angstvoll, halb glückselig strahlten ihre Augen ihn an. ..Nu schickst mir nich Mehr weg, Hinrich." Und das, weil Du mir zurückgekommen bist." Er hob sie in seinen Armen auf.
Ganz still lag das Dorf, nirgends ein Laut, nirgends ein Licht. Nur die Sterne flammten über dem Haus der Glücklichen. Nur die Nachtluft, die durch die Fugen strich, wußte von dem Sieg, den die große Königin der Welt. die Liebe, hier wiederum m den Herzen zweier armer, irrender Menschen feierte. " j Europäische Nachrichten. 'Fiheinprovrnz. Köln. Der Oberbürgermeister Becker, der, seit 1886 an der Spitze der rheinischen Metropole stehend, sich um die Stadt hochverdient gemacht ha: und allgemein als einer der hervorragendsten Verwaltungsbeamten der Monarchie geschätzt wird, beging seinen siebzigsten Geburtstag. Aachen. Die unlängst verstorbene Wittwe Eduard Waldhausen vermachte dem Luisenhospital und dem evangelischen Frauenvcrein je 50,000 Mark und dem evangelischen KmderHort 3000 Mark. Bacharach. Hier entstand aus unaufgeklärte Weise ein Großfeuer, welches siebzehn Häuser einäscherte. Menschenleben sind dabei nicht zu Schaden gekommen. Die enge Kra-nen-, Zoll- und Oberstraße erschwerten die wirksame Bekämpfung des Feuerherdes ungemein. Man nimmt an. daß Fahrendes Heu den Brand entzündet hat; das Feuer griff so überraschend um sich, weil die alten FachWerksbauten den Flammen reiche Nahrung boten. Die meisten der um Hab und Gut gekommenen v Leute waren nicht zu Hause. Zweiunddreißig Familien sind obdach- und besitzlos, die Häuser sowohl wie das Mobiliar waren zum TheL gar nicht, theils nu? sehr gering versichert, nur wenig Mobiliar ist gerettet, der Schaden beträgt an 600.000 Mark. Elberfeld. Todt aufgefunden wurde in der Küche seiner Mutter der Soldat Vormann vom 39. Infanterieregiment in Düsseldorf. Er hatte sich ohne Urlaub aus seiner Garnison entfernt und war angetrunken nach Hause qekommen. Der Tod ist durchaus s I strömen des Gases aus dem geöffneten Kamin herbeigeführt worden. Gerresheim. Vor kurzem wurde ein auf dem Packhof der Gerresheimer Glashütte beschäftigtes 18jähriges Mädchen Namens Gras übersahren und so schwer verletzt, daß es bald darauf starb. Koblenz. Der 57jährige Schlosser Philipp Stoffel aus Windesheim wurde durch den Scharfrichter Engelhardt aus Magdeburg mit der Guillotine enthauptet. Stoffel hatte in der Nacht zum 21. Juli 1904 durch Inbrandsetzung eines Hauses seinen schwachsinnigen Schwager umgebracht, nachdem er ihn zuvor mit Stricken an sein Bette gefesselt hatte. M ü l he i m. Kürzlich wurde auf dem hiesigen Bahnhofe der Hilfs? Weichensteller Josef Middecke, welcher im Begriff war, eine Weiche zu schmieren, von der Maschine eines Rangirzuges erfaßt und buchstäblich durchschnitten. Der Tod trat sofort ein. Traben. Hier stürzte der Weingroßhändler Spier in ein Faß mit Kupfervitriollösung. Der Tod trat sofort ein. Provinz Kcssett-'ZIassau. Kassel. Ihr 17öjähriges Bestehen feierte vor einiger Zeit, ganz in der Stille die Krieger'sche Hosbuchund Kunsthandlung dahier, welche feit mehr als 42 Jahren im Besitz des Hofbuchhändlers Theodor Kay ist, der dieser Tage seinen 70. Geburtstag beging. E s ch w e g e. Kürzlich verschitd im benachbarten Dünzebach der Pfarrer Karl Quentel. Durch einen allzu frühen Tod wurde er, noch im Anfange der Fünfziger stehend, aus seinem Amt abberufen. Am 19. Juni vorigen Jahres durfte er ein seltenes Jubiläum feiern. Es waren an diesem Tage 100 Jahre verflossen, seit das Pfarramt zu Niederdünzbach in ununterbrochener Folge von einem Gliede der Familie Quentel verwaltet wurde. Frankfurt. In seiner Wohnung, Taunusplatz 17, ist der frühere Vorsteher des hiesigen Stadtarchivs Dr. jur. Heinrich Buchka im Alter von 73 Jahren gestorben. Vuchka würd? hier geboren, sein Vater war der Besitzer der Kopfapotheke in der neuen Kräme. Das Bankhaus A. Mumm & Eo. beging das Fest seines hundertjährigen Bestehens.' Der Chef des Hauses erhielt aus diesem Anlaß den Rothen Adlerorden. Ferner konnte der Bankdiener Martin Köneke daä Jubi läum seiner 25jährien Thätigkeit bn der aenannten Firma feiern. Hana u. Jm Ältervon 79 Jahren ist der Chronist unserer Stadt, Uhrmache? Jean Jobst, eine bekannte Persönlichkeit, zur ewigen Ruhe eingegangen. Marburg. Vor Kurzem ertrank in einer hiesigen Badeanstalt beim Baden in der Lahn der Student der Rechte Wilhelm Naderhoff aus Bracke! . in Westfalen.
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