Indiana Tribüne, Volume 29, Number 35, Indianapolis, Marion County, 3 October 1905 — Page 5
V - K. Jndiana Tribüne, 3 Oktober 1905 5
Ablösung vor! j
t I rt!!ffrtt f jUVVIUllli WWU I AI. o. Zlgnclwmflrocm I ai bist wirklich zu gütig! Abe? ,ch danke für diese angenehme Aufgabe! Ich thu' es nicht!" .Gott. 'Dietlosf, wenn :ch Dich doch bitte." Unb wenn Du mich zehnmal bittest! Du hast Dich selbst in die Patsche gebracht und alle meine ErMahnungen in den Wind geschlagen, jetzt sieh zu, wie feu Dich allein herauswickclst." Das weiß ich wahrhaftig nicht Du wirst .Dich erinnern, mein lieber Altenkirch, daß ich Dir dringend abrieth.Dich mit der kleinen Person einzuladen. Du hättest es bei einigen Blumenkörben und einem leichten Flirt, meinetwegen auch bei einem Armband bewenden lassen können, aber, nein, da mußte es gleich eine Heirath sein." Cilly wies sich für die Sprache der Brillanten unempfänglich, schickte mir ein Schmuckstück schlankweg zurück. Sie ist eben durch und durch Dame." Erbittertes Lachen von der anderen Seite. Dame vom Theater!" .Immerhin! Du kennst sie eben nicht.- y Mn? und warum bleibst Du denn nicht bei der Stange ?" Weil ja weil inzwischen doch eine Abkühlung meinerseits eingetreten ist, und ich es nicht über mich gewinnen kann, den geliebten bunten Rock auszu ziehen, um der Gatte einer Bühnenkünstlerin zu werden." Daß die Abkühlung eintreten würde, war vorauszusehen. Die ist bei Deiner leichten Entflammbarkeit regelmäßig so sicher wie Amen in der Kirche, und ebenso wußtest Du von vornherein, daß Du als Offizier nicht eine Theaterprinzeß heirathen konntest." 3x, es ist ein Elend! Wenn Du wüßtest, wie schauderhaft mir der Gedanke ist, der Cilly mündlich oder schriftlich dfe Sache darzulegen und sie zu bitten, mir den Laufpaß zu geben! Ich setzte meine ganze Hoffnung auf Dich; Du hättest zu ihr gehen und ihr alles in Deiner ruhigen Art klar machen können, und nun-schlägst Du mir diesen Freundschaftsdienst ab." Der Oberleutnant v. Altenkirch saß ganz niedergeschlagen öa. Sein hübsches Lebemanngesicht trug einen tief bekümmerten Ausdruck. Der andere ging mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder. Auch er war Offizier und noch, dazu ein höchst korrekter, , der. die strengsten An sichten über Standespflichten besaß und sich nie einer Verfehlung gegen dieselden schuldig machte. Nie hatte er sich in brenzlichen Situationen befunden, wie der Freund und Jugendgefährte dies unausgesetzt that; eigentlich, seit er das Kadettenkorps verlassen, fortwährend darein steckte, und es nur erstaunlichem Glück und seiner besonders liebenswürdigen, im Dienst strammen Persönlichkeit verdankte, daß seine ausgelassenen Streiche ihm noch nicht moralisch. den Hals gebrochen hatten. Trotzdem hing Dietlosf mit größter Zuneigung an dem so anders Gearteten, und Altenkirch wiederum sah zu jenem auf, wie zu dem unerreichbaren Muster aller Tugenden, was ihn nicht abhielt, diesem Musterbild getreulich alle Thorheiten zu beichten, die er in so reichem Maße beging. 'Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als die Uniform auszuziehen und die Cilly zu heirathen," sagte er jetzt kleinlaut, aber mit einem Unterton von Trotz. Ich habe ihr, ehe sie auf ihre Gastspieltournee nach Amerika ging, versichert, daß tch es ganz ernst meme, und .Und sie hat Dich sofort festgehalUn." Na, eigentlich nein. Gelacht hat sie. Immerhin kann ich als anständiger Kerl nicht zurück, denn es liegt von ihrer Seite nicht der leiseste Grund vor. ihr mein Wort zu brechen. Das einatqe Hinderniß entsteht in mrr selbst seit ich Fräulein van Doorn' kennen lernte, die einfach das Ideal meiner Träume verkörpert. Aber ich kann der Cilly nicht weh thun, und wenn Du mir nicht hilfst und persönlich zu ihr aehst. um mit ihr zu 'Parlamentiren, dann hast Du mich eben auf dem Gewissen." Was machst Du aber auch immer so dumme Geschichten!" Das klang brummig, doch schon etwas einlenkend. Also Du willst?" Altenkirch hob hoffnungsfroh den Kopf und lächelte. Was bleibt mir denn übrig. Nur bitte ich Dich, mir reinen Wein einzuschenken. Ihr habt korrespondirt, während sie in Amerika war?" Ich habe wenigstens geschrieben, zuerst jeden dritten Tag, dann jede Woche und schließlich alle vierzehn Tage." Und sie?" Hat nur mit Ansichtspostkarten geantwortet. Willst Du sie lesen?" Nee, das genügt. Du hast sie natürlich schon seit ihrer Rückkehr besucht?" - . Das nun wieder nicht. Ich hab' mich nicht hingetraut, und sie ist auch erst seit ganz Kurzem wieder da." Adresse?" Altenkirch nannte dieselbe, und Die!.
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losf macnie 1,109 eine conz, während er bemerkte: - ' - - : - -12. Mir ist. so, was gräßlich!.. ; ; Trotz dieser Versicherung fuhr er'öm nächsten Tage nach der Mauerstraße, wo Fräulein Cäcilie Reinhardt, die bekannte Naide eines der ersten Berliner Tbeater. ihr Heim batte. Das Haus machte einen 'höchst anständigen Eindruck, da ließ sich gar nichts dagegen einwenden, und Tieiloff. der mit der Idee gekommen war. eine Art ZZgeunerwirthschaft zu sinden, staunte, als ihm ein sehr sauberes Zöfchen mit weißer Schürze und Häubchen die Wohnungsthür öffnete. Gnädige Frau- sind noch bei der Toilette, aber Fräulein Cilly lassen bitten." Tictlcff wußte nicht, von welcher gnädigen Frau die Rede sei, trat jedoch rasch, hochn'.iithige Nichtachtung in jede? Miene, in den kleinen Salon. Das war nun wirklich ein recht verwerflich:r Salon, voll üppigen Lurus so schien es dem Eintretenden wenigsiens mit lauschigen Ecken und leichtfertigen, toll herumstehenden MLbeln. .Wandschirmen, Blumen und allerlei Schnickschnack. Dazwischen ein
kleines Personchen m lose herabsließender Gewandung von grünlich und lila chillernder Panne, mit weiten Aermeln, aus denen rundlich: weiße Arme her--vorguckten. Braune Haare umbauschten lose in ganz verrückter Frisur Cilly Reinhardts rosiges Kindergesicht. Bitte, nehmen Sie doch Platz," sagte die june. weiche Stimme, die im Verein mit ihrer zierlichen Persönlichkeit der Naiven zum Weltruhm verhol fen hatte. Was verschafft mir das Vergnügen Ihres Besuchs?" - Sie wies leicht auf einen Sessel und ging selbst zu: gelliseidenen Causeuse, wobei ihre Schleppe wie eine sehr lebhaft schillernde Schlange hinter ihr her rieselte. Dietlosf saß steif und hölzern da, ganz düstere Ablehnung. Meine Gnädigste, ich komme im Auftrage meines Freundes Altenkirch, hub er an. ?c'a, und r franse sie lächelnd, als er eine bed?utunaZvolle Pause machte. Er. entledigt: sich jetzt ziemlich rücksichtslos seiner Aufgabe. Ohne zu stocken, redete er sich alles von der Seele herunter, nahm einen höchst moralischeu Standpunkt ein und glaubte, sie gründlich niedergedonnert zu haben. Mit einem Male begann sie zu lachen, ganz hell und klar, trillerte wie eine Lerche. Darf ich mir erlauben, nach dem Grunde Ihrer überraschenden Heiterkeit zu fragen. Gnädigsie?" Verzeihen Sie! Es kommt mrr so komisch vor, daß Sie sich so viel Müfc um einen solchen Scherz machen." Scherz? wiei,o? . . Ja. Sie meinen doch wohs nicht. daß ilb Altenkirchs Werbung ernst ge nommen hätte!" Nicht?" O nein. Kann man denn Altenkirch überhaupt ernst nehmen? Ich habe die ganze Angelegenheit als Faschingsulk aufgefaßt wir lernten uns nämlich im Fasching kennen das geht doch aus dem Ton all meiner Postkarten hervor. Altenkirch wird nicht beHäupten wollen, daß er je auch nur einen einzigen bräutlichen Liebesbrief von mir erhalten hätte." Erlauben Sie. ich finde es doch etwas stark, die Werbung eines preußischeu Leutnants als Jaschingsulk zu bezeichnen." Ach, wir wollen nicht große Worte machen. Es gibt ja Leutnants, die absolut ernst zu nehmen sind, das will ich nicht leugnen. Jedenfalls gehört Ihr Freund nicht dazu. Ich war übngenS fest entschlossen, die lächerliche Sache jetzt zu beenden, aber wir sind erst seit drei Tagen aus Amerika zu rück." . ' Wir?" Ja. Mutterchen und ich." Sie haben eine Mutter?" Sonst säße ich doch wohl nicht hier. Meinen Sie, ich sei vom Mond gefäl len?" Und leben mit ihr zusammen?" ' Sein Ton klang spöttisch zweifelnd. Pardon! aber es sieht hier in diesem Salon nicht nach der Anwesenheit einer soliden älteren Dame aus. Gott ja, freilich.- sogenannte Mütter haben ja wohl die meisten Bühnenkünstlerinnen bei sich." Cilly Reinhardt sprang empor und stand gerade aufgerichtet vor ihm. Gibt Ihnen der bloße Umstand, daß ich der Bühne angehöre, ein Recht. mit mir in diesem Ton zu reden? flammte sie auf. Weil ich ein lustiges Mädcl bin und .deshalb an lustigen Farben und Formen um mich her Gefallen finde, muß ich darum nothwendigerweise auch ein leichtfertiges sein? Sie kommen hierher, um mid bildlich ge prochen, zum Tempel hinaus zu werfen, wenn man dem Herzen Ihres Freundes diese wohlklingende Bezeichnung geben darf, und Sie thun das in einer Weise, die beleidiaend ist. Was denken Sie sich denn dabei? Meinem Sie, ich hätte nicht auch meinen Stolz und hielte nicht so viel auf mich wie ein Leutnant? Ich -habe vielleicht noch mehr Ursache, große Stucke aus mich zu Kalten, denn es aebört schon viel Schneid und Energie und innere An standigkeit dazu, um m der. KulissenWelt absolut Dame und allen Anfechtungen und Versuchungen gegenüber standhaft zu bleiben, von denen sich die sorgfältig eingelegten mnaen Madchen Ihrer Welt Lichts träumen.lasscnJch
habe mir meine Position mühsam erobert und nicht im entferntesten die Absicht, sie um des ersten besten jungen Mannes willen aufzugeben, dem es be liebt, mir einen Heirathsantrag zu machen, was mir. nebenbei gesagt, all: Augenblicke passirt." Dietlosf stand auf. Er hatte eigentlich nur einzelne Schlagworte von dem, was sie hervorsprudelte,. begriffen. fo fehr stand er unter dem Bann der weichen jungen Stimme, die seinem Ohr wie Musik klang. Ich danke Ihnen, Gnädigste." sagte er. Das. ist alles, was ich zu wissen wünschte." 1 uv.o oamil oursle liniere unrerredung wohl beendet sein!" gab sie temperamentroll zurück. Er verbeugte sich und ging dann geradeswegs zu Altenkirch, dem er das Resultat seiner Verhandlung mittheilte. Sieh mal an! Nicht ernst hat sie mich genommen?" bemerkte dieser gekränkt. Na, ganz egal! Immerhin bin ich ihr riesig dankbar." Er wollte in seiner Herzenserleichterung den Freund umarmen, doch dieser wehrte ihn unwirsch ab, denn Dietlosf wär ärgerlich auf ihn und auf sich selbst. Nach dem späten Diner im Kasino ertappte er sich darauf, daß er vor der Litfaßsäule stehen blieb und die Theaterzettel studirie. Er interessirte sich im Grunde gar nicht für die Bühne,
doch der Name Cilly Reinhardt sprang l ihm auf einem Programm in die Augen. Man gab in dem Theater, dem sie angehörte, ein älteres aufgewärmtes Lustspiel. Die Zeit der Premieren war noch nicht gekommen. Dietlosf bekam plötzlich Lust, das Persönchen auch einmal auf der Bühne zu sehen, aber er ging dagegen an. Wozu denn? Lieber machte er noch einen Spaziergang, ehe er heimkehrte, um sich an die militärwissenschaftliche Arbeit zu setzen, die ihn gerade beschäftigte. Der Septemberabend war mild und weich, im Thiergarten rieselten die Blätter sacht hernieder, alles schien zu beschaulich stiller Wanderung einzuladen. Trotzdem bog er nach wenigen Minuten wieder von der Charlottenburger Chaussee rechts ab, durchquerte den Königsplatz und eilte der inneren Stadt zu. Schließlich stand er zögernd vor dem Portal des Theaters, entschloß sich dann rasch, trat ein und nahm einen Parkettsitz. Er kam gerade recht zum zweiten Akte, hatte nick?t die blasse Ahnung, wovon das Stück handelte. . ,Auf der Bühne trotzte und lachte der schablonenhaft gezeichnete Lustspielbackfisch herum, nur daß die Schablone hier zur lieblichsten und lustigsten Jndlvldualltat gestempelt wurde. Alle Achtung! Cilly Reinhardt schien in der That die geborene Naive! .Kein Wunder, daß sie zum gefeierten Liebling des Publikums geworden war. Dietlosf konnte die Augen nicht von dem reizenden hin und ff4lNr. iaiivjah VimimSah ' sC rlv v uiyuiuni lututu. it saß gespannt da und folgte dem Gang der Handlung mit Interesse. Als das Backfrschlein am Ende unter die Haube kam und o:m auserwahlten Jungling zwischen Lachen -und 'Weinen in' die Arme flog, runzelte Dietloff unwillkürlich die Stirn, obgleich die Leute rings um ihn her vor Begeisterung tobten. Später zögerte er noch am Portal, indem er die Mütze tief in die Stirn drückte, wollte doch sehen, ob die kleine Reinhardt nicht vielleicht in Begleitung des auserwählten Jünglings das Theater' verließ, nahm dies eigentlich mit Bestimmtheit an. Aber nach zwanzig Minuten, als die Menschenmenge sich schon vollständig verlaufen hatte, kam sie mit der Zofe allein heraus und bestieg eine wartende Droschke. Wie sie an ihm vorüberging, grüßte er. Die Reinhardt sah zerstreut adf und dankte, ihn erkennend, steif. Ihm schlug das Gewissen. Er war doch wohl am Vormittag ihr gegenüber zu schroff aufgetreten. Oder gehörte die Maske der Ehrbarkeit, welche sie' zu tragen schien, nur-zu dem Rüstzeug raffinirtester Koketterie? Er hätte jetzt ganz gut heimgehen können, zog es jedoch vor, ein Restaurant aufzusuchen, in dem ein ihm bekannter Herrenkreis verkehrte, der genau in allen Kulissenangelegenbeiten Bescheid wußte, und wie er hie: erzählte, daß er im Theater gewesen, kam die Rede ganz von selbst auf die gefeierte Naive desselben. Er horchte auf. zanz unzuganglicy. peiuln: jedenfalls auf eine große Partie. Hält sich wohl nur aus diesem .Grunde tadellos. Lebt ' bei ihrer Mutter solide wie ine .höhere" Tochter. Kleiner geriebener Racker." All das schwirrte durcheinander. Dietloff fühlte, wie ihm das Gewissen noch stärker zu schlagen begann. Er mußte sich jedenfalls bei ihr entschuldigen. Tags darauf trat er wieder in der Mauerstraße an, diesmal in Helm und Waffenrock. Fräulein Reinhardt war noch seh? ungnädig, bedauerte zuerst und empfing ihn nur nach wiederholter drin' gender Bitte seinerseits. Dann brachte er. seine Entschuldigung vor,, ebenso trocken und sachlich wie gestern die Beschuldigung. Er legte ihr dar, daß er noch nie mit Bühnenkünstlerin'nen in Berührung gekommen sei und sich deshalb kein richtiges Bild von ihnen habe machen' können, wie sein Leben dem Dienst und der wissenschaftlichen Arbeit gehöre, endlich, wie die Bekanntschaften seines Freundes Altenkircb ifirn immer von vornherein
zum gerecyrencn zciniraurn, ja zu enrschiedener Mißbilligung Anlaß gegeben hätten. Dann schloß er den Mund, als schnappe er einen Apparat ab, nur seine hübschen hellen Augen enthielten eine Welt der Abbitie. Cilly begann schließlich zu lachen. Wiederum trillerte' sie wie eine Lerche. Er gefiel ihr, dieser ernste, trockene Mensch mit dem vertrauenerweckenden Gesicht, er gefiel ihr sehr. Und das Unerhörte begab sich: Dietloff nahm mit den Reinhardt'schen Damen gemüthlich den Thee, den die Tochter des Hauses bereitete und graziös servirte. Nun sagen Sie mir. Herr Leutnant. warum in aller Welt eigentlich ein Offizier keine Schauspielerin heirathen soll, daftrn dieselbe als Dame tadellos dasteht?" fragte sie plötzlich, wie das Gespräch zwischen den dreien munter dahinfloß. Weif die ftrau eine? V?nnn?s Sr des Königs Rock trägt, nicht der ösfent lichen Kritik ausgesetzt sein darf," gab er bestimmt zurück. Sie schwieg und sah zu Boden. Alles in allem war Dietloff mit diesem Besuch wohl zufrieden. Die Kleine hatte ihm verziehen, er hätte nicht wieder hinzugehen brauchen, aber von da an verspürte er eine gewisse Sehnsucht nach einer Wiederholung der gemüthlichen Theestundo und der munteren Plauderei, ja, gerade heraus gesagt,
nach dem Anblick des reizenden Geschöpf, obgleich er ihre häusliche Umgebung ebenso mißbilligte, wie ihre verrückte Frisur und die losen künstlerischeu Gewänder. Ein junges Mädchen war nach seiner Airsicht am nettesten mit glattem Haar und adretter en$lischer Kleidung. ' ' Nach einer Woche, während der er zweimal im Theater gewesen und seine Arbeiten hintangesetzt hatte, glaubte er nur anstandshalber einen zweiten Besuch in der Mauerstraße machen zu können. Die Damen waren nicht daheim. Oder wollten sie ihn nicht annehmen? Sein: grenzenlose Enttäuschung machte ihn mit einem Male vor sich selbst stutzig. Zu seiner Bestürzung merkte er plötzlich, daß er Feuer gefangen habe und mit einer Leidenschaftlichkeit in die kleine Schauspielerin verliebt sei, wie sie nur ein Asket und ties empfindender Mensch seines Schlages zu fassen vermochte. Förmlich betäubt ging er heim und verharrte mehrere Stunden 'm regungslosem Nachdenken. Was sollte, werden? Der Gedanke, den l!lbschied zu nehmen, um sie zu heirathen, schien ihm ebenso ausgeschlossen wie der. daß sie seinetwegen der Bühne und dem Ruhm entsagen werde. Obendrein wunte er nicht einmal, wie fi? über ihn dachte, hegte die düstere Bermuthung. daß die Damen vorhin nur tihib. Vorwand gebraucht hatten, um ihn nicht zu empfangen. Dieser Verdacht machte' ihn rasend. Er lief nun täglich längere Zeit in der Äauerstraße auf und nieder, und richtig begegneie er auch Fräulein Reinhardt, die von der Probe kam. , , .Diplomatische Umwege lagen ihm ganz fern. Er ging direkt auf den Kernpunkt los und zwar so ernst und erregt, als bandle es sich um Sein oder Nichtsein. Aber nein!" lächelte Cilly. Wir waren wirrlich nicht zu Hause. Wir lassen uns nie verleugnen. Ich mag gar nicht flunkern. Wollen Sie nicht jetzt mit mir hinaufkommen? Mama würde sich fehr freuen und ich auch:" Doch nun wollte er nicht, setzte sich heftig gegen den Zauber zur Wehr, den sie auf ihn ausübte, dankte und ging seines Weges, froh, daß er fest geblieben war. Froh? Nein, eigentlich war er das gar mcht, war im Gegentheil tief unglücklich, daß er sich die Gelegenheit hatte entgehen lassen. Dieser Zustand durfte nicht andauern. Er mußte dem ein rasches Ende machen, begab sich sofort zum Kommandeur und kam um mehrmonatlichen Urlaub ein, unter dem Vorwand, eine Orientreise machen zu wollen. Wie denn seine Sachen gepackt dastanden, glaubte er, sich einen letzten Abschiedsbesuch bei den Reinhardts gönnen zu dürfen. Diesmal wurde er ohne Weiteres eingelassen. Denken Sie. Mama hat Migräne und kann Sie nicht sehen!" rief Cilly ihm entgegen und strahlte über das ganze Gesicht. . Das bedauere ich um so mehr, als ich mich heute bei den Damen verabschieden möchte," stammelte er, zwischen großer Freude und Schrecken über diesen Zufall hin und her schwankend. Wieso denn verabschieden?" ' Ich gehe fünf bis sechs Monate nach dem Orient." Cilly sah ihn ernst an. Ihre Augen wurden sehr traurig. Nun, dann dann wünsche ich Ihnen glückliche Reise. Das ist ein recht plötzlicher Entschluß oder planten Sie es schon lange?" . Nein," gab er kurz zurück. Ich entschloß mich erst vor einigen Tagen dazu." Sie senkte den Kopf und blieb still. Und da er wußte selbst nachher nicht, wie ihn das 'hatte überkommen können da hielt er mit einem Male ihre beiden Hände in den seinen und sprach ihr von seiner großen, aussichtslosen Liebe, die doch zu nichts' führen werd:, weil es ja ganz ausgeschlossen sei, daß sk auch für ihn Neigung emdkinden könne
Wissen Sie das so genau?" fragte sie leise dazwischen. Ja, dasweiß ich, denn Sie, würden mir nie das Opfer Ihres Berufs bringen und der Bühne entsagen ja. Sie dürften es nicht einmal, denn Sie sind in Ihrer Eigenart eine kleine Künstlerin von Gottes Gnaden." Nein, das könnte ich freilich nicht," gab sie niedergeschlagen zu. Nun, sehen Sie, und ich' meinerseits darf auch nicht daran denken, die Armee zu verlassen, der ich mit Stolz und Freude angehöre. Es würde mir das Herz brechen. Und so muß ich also fort." Er preßte ihre Hände an seine Lippen. an seine Augen und verließ sie dann hastig, weil er fühlte, daß seine Ueberwindungskraft ihre Grenzen erreichte, doch er war innerlich vernichtet. Cilly ließ ihn gehen, machte nicht einmal den Versuch, ihn zurückzuhalten. Auch sie war tief unglücklich. Was sollte sie thun? s Sie konnte nicht auf ihren jungen Ruhm, auf die Stellung verzichten, die sie sich selbst geschaffen hatte aber sie liebte ihn. Dietloff ging am Tage vor seiner Abreise noch zu einer ihm verwandten Familie, um sich an dem Anblick der korrekten blonden Kousinen zu erheben, die ihm sonst in ihrer ordentlichen Nettiakeit ideale deutscher Mädchen gewejen waren. Diele ganze tüchnge Häuslichkeit hatte ihm stets als Muster vorgeschwebt, nach der er einst die eigene einzurichten , gedachte. Und nun emPfand er mit Staunen, wie er sich hier beim besten Willen nicht mehr behaglich fühlen konnte, wie ihm all das, was er früher bewunderte, mit einem Male steifeinen und hausbacken,, jeder Poesie entbehrend, erschien. Es ödete ihn geradezu am Er war ja wohl total verrückt, fuhr dann mit der Ueberzeugung zur Bahn, daß es die höchste Zeit für ihn gewesen, sich los zu reißen. Uebrigens hatte- er sich Im Kursbuch geirrt, kam um eine Stunde zu früh für den Wiener ExPreßzug, nahm freilich sein Billet und expedirte das Gepäck, spazierte dann aber noch ein wenig in den Straßen herum und blieb nachdenklich vor einem Blumenladen stehen. Wie schön sich diese Chrysanthemen in .Cillys kleinem Salon ausnehmen würden! Er wollte sie ihr doch noch als letzten Gruß senden, ging hinein, erstand einen Riesenstrauß, ließ sich Pa-
pier und Umschlag geben und saß eine Weile vor dem. kleinen Pult der Buchhalterin. um die Worte zu suchen, welche die Blumen begleiten sollten. Und da stand es mit einem Mal klar und deutlich auf dem Papier: Gnädiges Fräulein! Wollen und können Sie sich entschließen, meine Frau. ZU werden, so telegraphiren Sie mir nach Wien, Hotel Savoy. Ich warte dort Ihre Antwort ab und reiche, im Falle dieselbe bejahend ausfällt, sofort meinen Abschied ein. Man kann auch in einem bürgerlichenBeruf ein anstandigerKcrl bleiben und semAuskommen finden, ich um so eher, da ich, wenn auch nicht reich, doch mcht ohne Vermögen bin. 'Weisen Sie Mich ab, so setze ich umgehend die Reise fort. Mein Schicksal liegt in Ihrer Hand." Er gab ein fürstliches Trinkgeld, damit Blumen und Brief unverzüglich an ihre Adresse befördert würden, und sah dann an der Uhr, 'daß es jetzt Zeit sein durfte, den Zug zu nehmen. Nun war er aber doch in großer Unruhe, und in Wien galt seine erste Frage an den Portier des Hotels der erwarteten Depesche. Jawohl, es fand sich, daß ein Tele gramm an Herrn Oberleutnant Diet loff eingelaufen sei. Er riß dasselbe in tödtlicher Span nung auf, sobald er in seinem Zimmer allein blieb. Fräulein Reinhardt telegraphirte: Abschiedsgesuch nicht nöthig. Habe selbst schon meinen Bühnenkontrakt zum Frühjahr gelöst. Kehre zurück zu Deiner Cilly." ' So kam es. daß Dietloff seine Orientreise aufgab. Es blieb bei der Spritztour von Berlin nach Wien und zurück. Ein paar Tage danach erhielt Altenkirch die Anzeige der Verlobung des Freundes, wennschon derselbe nicht vor dem kommenden Fruhlmg veros fentlicht werden sollte. Ablösung ,vor!" sagte Altmkirch Mit humoristischem Augenblmzeln, als er dem anderen persönlich gratulirte. So weit hättest Du übrigens in der Freundschaft für mich nicht zu $et)en brauchen. Das kann ich ja gar nicht verlangen. Eben deshalb! Beim Begräbniß eines Mitgliedes der Pariser Roth schild-Familie stand ein Bettler vor der Thür und schluchzte bitterlich. Als seine Trauer sich gar nicht mäßigen wollte, trat ein Diener zu ihm und sagte: Es ist ja sehr schön, daß Sie so unseren Herrn betrauern. Wir hatten ihn doch auch gern, aber so weinen wir doch nicht. Sie sind sicherlich doch kein Verwandter von dem Verstorbenen?" Deshalb weine ich doch gerade so!" sprach dä noch einmal tief ausschluchzend der Bettler. &cait ZSzrneichelhan. Ein etwas genauer Sommerfrisch ler sucht seinen Wirth, einen Bauern, vom' vorigen Iahn wieder auf. Zu seinem Erstaunen wird ihm bedeutet, daß er dies Mal kein Logis bekommen könne. I hab Ihr Zimmer spricht der Bauer, zum Stall herricht'n lass'n. Mit oaner Zuchtsau komm i weiter als mit Ebana.
Die neuen Zionisten." Israel Zangwill, der als Führer der
Minorität nuf dem Zionistenkongresse:n Basel eine beiondere Rolle spielte. hat ein Manifest erlassen, m dem er darauf hinweist-daß die Bilduneg einer neuen Partei Nothwendigkeit wurde. Dieser neue Verband, der den Namen Jüdische territoriale Organisation führt, nimmt als solcher keine Stellung zu dem Zionismus ein. Es soll seinen Migliedern vie"nehr überlassen bleiben, je nach Belieben zu der großen Zionistischen Bewegung Stellung zu nehmen. Zangwill sagt, daß derneue Verband jedes Landgebiet in Betracht ziehe, vorausgesetzt, daß das Gebiet gut und erwerboar ist. Der Zweck des Verbandes ist. für diejenigen Juden, die in dem Lande, in dem sie sich äugenblicklich befinden, nicht bleiben wollen oder können, ein Gebiet auf autonomer Basis zu schaffen. Zur Erreichung dieses' Zieles -schlagt der neue Verband vor: 1) Alle Juden, die den oben genannten Zweck billigen, zu vereinigen: 2) mit Regierungen sowie mit öffent-" lichen und privaten Instituten in nakiere Beziehung zu treten; 3) finanzielle Institute, Arbeitsbureaus und andere Einrichtungen zu schassen, die für nothwendig erachtet werden. Zang will laßt sich des längeren über die Nothwendigkeit des neuen Verbandes aus. Er konstatirt, daß jährlich etwa 11.00.000 Juden den Landern den Rüjcken wenden, in denen sie Noth und Verfolguna zu ertragen hatten. Er weist dabei hauptsächlich auf Rußland hm. Die dortigen Bezirke sind überfüllt, und da in Rußland selbst die nothwendis eAusdehnung der angesammelten Volksmasse verhindert wird. bricht der Menschenstrom nach anderen Landern über die User, und zwar hauptsächlich nach den bereinigten Staaten und England, und in zweiter Linie nach Kanada, Argentinien und iSüdafrika. In allen Zufluchtsländern ist es. wie Zangwill nachweist, das Bestreben der Einwanderer, bei ihren Freunden zu bleiben, und dies führt seiner Ansicht nach zu der Errichtung der großen ungesunden Ghettos. Nach einiger Zeit sind auch diese Zufluchtsgebiete überfüllt, und der Emwanderung wird dann gesetzlich Einhalt geihan. Zangwill sagt: Ist es nichtunsere Pflicht, uns zu beeilen, ein eigenes Zufluchtsland zu finden, solange die Thore noch offen sind. Ist es für jüdische Arbeit 'md jüdisches Kapital möglich, dieses Zufluchtsland zu schaffen." ä) 1 c j c n 1 u u t w 1 u 11 ct a legung zu ersten evangelischen Kirch in ftiiften hat unter lebhafter Bethei ns. !.r.!.f! je. (VI V n l ligung der einheimischen Protestanten und. der Sommergäste stattgefunden. Einen sehr wohlhuenden Eindruck machte es. daß auch der katholische Stadtpfarrer von Füßen, Sauter, sich an der Grundsteinlegung betheiligte. SndiVidueUo Attfsassung. Richter: Sie haben den FranA Huber, als er mit' der Crescentia Moser den Tanzsaal betrat, roh zu Boden geschlagen?" S e p p : Ja, wi? soll i' denn dem Diandl sonst zeig'n, daß i's gern hab'?- , MenZg Vcld, wenig Mustk. Chef: Sie. Herr Meyer, viel Gehalt haben Ihre Briefe nicht' Meyer (anzüglich): Ich ja auch! nicht!" MnroIischeS epartemnä Wechsel, Crcditbriefc, Postanweisungen, auf alle Städte Europas, chiffsschetns von und nach Europa. Sltt und Verkauf auölAttÄZk scheu Geldes. No. 35 Süd Meridian Str. Merchants National Bank Em Mann vergräbt sein Geld; ein Dieb stahl es. Neun Zwanzig-Dollar Goldstücke an einem Tag, am anderen fort." Diese Ueberschrift erschien in den täglichen Zeitungen an einem Tag der vergangenen Woche und sie erzählen von einem Mann der sein Geld in Blechkannen in seinem Hof vergräbt. Er beabsichtigte ein Bank Conto zu eröffnen, aber versäumte dies zu thun. Diese starke Company hätte sein Conto U wiUkommnet in ihrem Spar Departement und würde ihm 3 Prozent Zinsen daran be zahlt haben, oder für fünf Dollar per Jahr hätte er ein Tresor in unserem Sicherhelts Gewölbe miethen können, wo unmöglich ein Dieb eindringen kann. TUE WM TRUST DAIIY, Äavital. ........... k1.X.000.00
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Ueberschuk... 275,000.00
