Indiana Tribüne, Volume 29, Number 34, Indianapolis, Marion County, 2 October 1905 — Page 3

Jndiana Tibüne, 2. Oktober 1905.

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Ueber die auslvärtigc Politik des deutschen Reiches in nächster Zukunft. Blutiger Kampf zwischen Teutschen und Czechen in Brünn. Tcnkmal für Kronprinz Rudolph. Temperenz-Bestreöungen in Deutschland. Arbciterschwierigkeitcn zu Colon. Wahlen in SchwedenFranzösische Kapitaleinlagen in Mico.

Teutschland. Spekulationen. Berlin, 1. Okt. Die dieZjöh. rigen JagduuZflüge des Kaisers wer den nicht nur dem Vergnügen und der Erholung sondern auch hohen politischen Zwecken dienen. In eingeweihten Kreisen spricht man alZ abgemachte Thatsache davon, daß der Kaiser eine große Zahl von Gästen um sich sammeln wird, mit denen er intimste Herrscherpflichten zu be sprechen beabsichtigt. : Soweit ist die Information der bürgt. DaZ Was und Warum ist das große Räthsel, dessenthalben sich viele kluge Köpse graue Haare wachsen lassen. Man räth hin und her ohne den Muth zu haben, Eureka zu rufen. Die Einen wollen wissen, der Kaiser habe vor, sich mit Herrschern der Bunde. ftaaten über RepressionZmittel gegen die rothe Gefahr zu berathen. Andere behaupten, eö handle sich um durch, greifende Armeereformen, und in dieser Beziehung will man erfahren haben, daß auf der Lifte der zu Ladenden fast ausnahmslos Offiziere stehen. Gin drittes Häuflein geht sogar bis in'5 Internationale mit seinem Räth fellösen. Allgemein ist man davon überzeugt, daß eS sich bei all dem nicht um leeres Geschwätz handelt, denn ein Gerücht, daS von so vielen Seiten kommt und von so vielen verläßlichen Seiten, ist wie der Rauch hinter dem die unvermeidliche Flamme sich ver birgt. ES mag in dieser Verbindung seine Bedeutung haben, daß im heurigen Jahre ein großer Theil der kaiserlichen Jagdplüne jetzt schon bekannt gegeben ist, während in früheren Jahren bis knapp vor Beginn der Touren gewar tet wurde. Zur Theilnahme an der Hofjagd im Blankenburger Reviere trifft der Kaiser am 27. October in Blankenburg ein und wird als Gast des Prinzen Albrecht von Preußen, des Regenten von Braunschweig, im dort! gen Schlosse Wohnung nehmen. Die Hofjagd in der Letzlinger Haide wird voraussichtlich in der ersten November Woche stattfinden. Aus diesem Anlasse gedenkt der Monarch mit feinem Ge - folge an einem noch nachher zu beftim menden Tage Mittags im Sonderzuge in NeU'HaldenSleben einzutreffen und sich mittels Automobils zu dem Treiben in der Oderförsterei Planten zu bege ben. Am darauf folgenden Tage wird in der Oberförstern Setzlingen eine zweite Jagd veranstaltet. Ueber die Jagdbesuche deS Kaisers in Oberschle sien sind definitive Bestimmungen noch nicht getroffen. Dreikaiser Zusammen x k u n f t. B erlin, 1. Okt. Gerüchtweise verlautet heute, daß im Spätherbst eine Dreikaiser.Zusammenkunft möglich ist. Wo sich der Zar, Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Joseph begegnen sollen. ist indeß noch vollständig in Reb.'l ge hüllt. Anläßlich des Gerüchts ergehen sich manche Blätter in Erinnerungen an den alten Dreikaiserbund, der in den 70er Jahren die ganze europäi sche. Politik beherrschte. Jedenfalls verspricht man sich von den offenkundi gen herzlichen Beziehungen zwischen dem Zaren und Kaiser Wilhelm das Beste für Deutschland's Stellung im Weltkonzert. Ueberhaupt find die Urtheile betreffs der auswärtigen Politik des Deutschen Reiches gegenwärtig auf einm sehr op timiftischen Ton gestimmt. So find die hiesigen Blätter auch einmüthig höchlichst befriedigt von der Erledigung der Marokko.Frage. Sie regiftriren eine Reihe wohlwollender Pariser Preß stimmen und führen aus, es fei gelun gen, ein freundliches Einvernehmen mi Frankreich und einen engeren Anschluß mit Rußland herbeizuführen, sowie die Versuche, Italien dem Dreibund ab spenfttz zu machen, abzuwehren, w e der Besuch des italienischen Ministers des Aeußern Tittoni beim Reichskanz ler Fürsten v. Bülou in BadenBaden

beweise. Italien's Festhalten am Dreibund gilt nunmehr als unerschüt terlich. Witte gleich einem gekrön ten Haupte geehrt. Berlin, 1. Okt. Die hiesige Rational'Zeitung hatte anläßlich der Rückkehr der russischen Staatsmannes Witte nach St. Petersburg Eugen Za. bel dorthin entsandt. Dieser telegra phirt nun dem Blatte. Herr Witte selbst habe ihm mitgetheilt, daß Kaiser Wilhelm bei seinem Empfang in Ro minten wörtlich folgendes sagte: Ich erweise Ihnen dieselben Ehren, wie einem gekrönten Haupt. Sie haben

Außerordentliches geleistet und ich gra ulire Rußland zu dem Besitz eines sol chen Mannes. Wenn die Monarchen Viele, solche treuen Diener hätten, dann würde man besser von der Monarchie denken." Witte ist des Lobes voll über feine herzliche Aufnahme beim deutschen Kaiser.Kundgebung für deutsch amerikan. HandelSver trag abgelehnt. Berlin, 1. Okt. Der deutsche HandeStag hat die Anregung deS Han delSvertragS-VereinS, welcher die Ab Haltung einer öffentlichen Kundgebung ür den Abschluß eines regelrechten Handelsvertrages zwischen Deutschland und den Ver. Staaten betrifft, abge ehnt. Als Grund der Weigerung wird angegeben, daß nach Ansicht des Handelstags eine übermäßige Agita ion nur verstimmend und schädlich wirken könne. Die Regierung sei außerdem über die Wünsche der deutschen HandelSwett völlig unterrichtet. Gegen Bierschwelgere i. Berlin, 1. Okt. Auf Beran. agung deS Allgemeinen Deutschen Anti.Alkoholiker.VereinS find seitens hochstehender medizinischer Autoritäten Versuche angestellt worden, die den Beweis erbrachten, daß ein überwie gend großer - Prozentsatz der an akutem AlkoholiSmuS leidenden Hospitalpa tienten die Krankheit infolge übermößi' gen Viergenusses bekämen. Bekannt lich hat der konservative Zweig der Vereinigung in konsequenter Weise dem Kampf gegen daS Bier den Rücken gekehrt und feine Waffen nur gegen Rum nd feine Abarten gewandt. Die Radikalen haben nach langem Streit nun den Sieg davongetragen. Ein Werk Siegfried W a g n e r's. Hamburg, 1. Okt. Am 13. Oktober findet im Stadttheater die Ur aufführung von Siegfried Wagner'S Bruder Luftig" statt. Mehrere Mufikkenner, die theilwelfen Lesungen deS Werkes beigewohnt ha ben, erklären, es sei äußerst minder werthig. Die Titelpartie fingt AloiS Penna rini, die weibliche Hauptrolle wird von Frau Fleischer.Edel dargestellt. Streik in elektrischen Werken. Berlin. 1. Okt. Heute fand eine Konferenz von Vertretern der Ar beiter der elektrischen Werke und der Arbeitgeber statt, die beinahe 5 Stun den dauerte. So viel man weiß, wurde keine Vereinbarung erreicht. Herr von Schultz, Präsident deS Schiedsgerichts bureau'S suchte vergeblich die Arbeit geber zu bestimmen, die Schließung der Werke zu verschieben, um die Zustünde nicht zu verschärfen. Die Streiker halten vollständige Ord nung und ihre Comites haben eigene Polizisten angestellt, um Unordnungen zu verhüten. China. Dampfer durchMine verunglückt. T s ch i f u, 1. Okt. Der Küsten dampfer Hfleho, welcher zwischen Shanghai und Tkentfin fuhr. Ließ am So.mtagmorgen 90 Meilen südlich vom Shantung Vorgebirge auf eine Mine und wurde vollständig zergört. Fünf zehn Personen ertranken.

Oefterreich'Nngarn.

Krawall. Brünn. 1. Okt. Nach einer Versammlung kam eS zwischen Deut chen und zechen zu einem biuttgen Zusammenstoße. Die Gemütber sind durch den Plan, eine echische Univerfi tät hier zu gründen.stark erhitzt. Trup. pen mußten emschrelten, aber bevor sie die Ordnung herstellen konnten, wur den 160 Personen verwundet, manche davon ernstlich. Mehrere Pollzelsta tonen wurden tbeilweise zertrümmert und Hunderte von Fensterscheiben gin gen in Scherben. a . . . ( iii i u i i u n u u in vif I x...1 u ü " Budapest. 1. Oct. Dle Oppo Nltonsparlelen nne oie &ojtaui"N ya . . . n . I ft.v i v t( 1 C I UCU UJIC JUlUlUllUlUUUUtil UU UtU XV. I rv4f. m.r ,..! VfcU UUCiU IU 4UUIS Bathyanyi'S, verschoben. Die Oppo fition will am Grabe Bathyanyi'S eine 1 I ?-manstration veranstalten. (Bathyanyi, Premierminister der 1 i aufständischen Ungarn wurde zum Tode verurtheilt und im Jahre 1849 hingerichtet.) Fackelzügeunterfagt. Budapest, 1. Okt. Der Prä ekt hat durch eine Oldre die Fackelzüge untersagt, welche die OppofitionSpar elm und die Sozialisten für den 3. Oktober angekündigt hatten. Denkmal fürKronprinZ Rudolph. Wien, 1. Okt. Mit Genehmi gung des kaiserlichen Hauses soll nun hier ein Denkmal für den verstorbenen österreichischen Kronprinzen Rudolph siuyiUrfsii lvliplllizct! ichkt werden. Der Schöpser de? err Monuments, Professor Reiche!. will ein Werk nach Vollendung desselben, W c4 aX4 VTO !4 V TO a (1 2 a Uti UU UHU iUU Utl OtlliUlUlUllH chenlen. daß es auf dem Ellerleinplatz - f. ..r.n.m n HernalS aufgestellt wird. Die Zu stimmung deS Kaisers wurde erst nach vierjährigen Versuchen erlangt Rußland. Zwanzig Personen er trunken. HelsinaforS. 1. Okt. Die schwedischen Dampfer Njord und Ro iy vyhii Muivt uuu wvu I bert kollidirten am Samstag Abend ' I nahe der Insel Hven im Sund. Der Robert" sank; 20 Personen find ertrunken. Kaiserliche Familie zu Hause. St. Petersburg,!. Okt. Die kaiserliche Familie, welche auf der Yacht Polar Star eine Erholung! fahrt in den finnischen Gewässern ge mithat, kehrte heute nach Peterhof zurück. . Kondratenko's Leiche. Odessa. 1. Okt. Die Leiche Generalmajor Kondratenko's, welcher im letzten Dezember in Vort Artbur getödtet wurde und allaemein als die Seele der Vertheidigung bezelchnet wird, kam heute auf einen Dampfer hier an. Zivil und Militärbehörden erwiesen der Leiche besondere Chrun leStädte auch die Armee in ano,qul, garnn ranze ge rt . I"1"' I a r 9 . . ...I .xite elcye wlro morgen mit emem , ftlMAlAA MA& ' Cyil.HfL.Au JLA w j vcöuib scorachi kNN in srtnvnrtr . O k, Alexander Newsky . Kloster beißefefet werden, ton hie nrÄßtrn fSn V V M lt M ULJ l Lll " v werden, wo die größten Helden Ruß landS ruhen. Panama. Schwierigkeiten mit Arbeitern. Colon, 1. Okt. Die Arbeiter von MartinZau..,sü, m sm pfer Versailles ankamen, weigerten fich . an and zu gehen, besonders aber fich impfen zu lassen, was die bestehenden Regeln vorschreiben. Schließlich ge lang eö, 5U0 an Land zu bringen und längs der ttanallinie zu vertheilen. Der Rett ist noch immer auf dem Schte und man befürchtet, daß Ge walt gebraucht werden muß, um fie an O V I zu onngen. Der französische Konsul erschien aus dem Dampfer und versuchte sein Bestes die Leute aufzuklären und zum Ver lassen des Sch ffeS zu bewegen. T-'XTI -f I JL , . in. m v. . m ueßliq uroen PounM an Bors genial, vte erklärten Gewalt orauqen zu wollen. Auch das war , .trijc m . i. . . . t . .. i iflcoiny.. un rouroe auq vte Po ltzet der analzone mobil gemacht und i, ? . trnik ...... . rt . vie ÄZloer,penntgen wurden ohne Un terjchted verknüppelt. Etwa 50 spran I ... t . m. nm rr . . . um in 5 maller. Der Kapitän ließ ein Boot hinab um fie aufzunehmen. v i r.t . . azuevlicy wurden alle an Land ge vracht. " '

Schweden.

Wahlen. S t o ck b o l m. 1. Oct. Die Wab len für die zweite Kammer deS RikS oags, welche im September stattfan den, find nun aescklossen. ES eraab fich während der Kamvaane. daß die tfrage ver Auflösung der Union mit 'corwegen eine verhältrnßmäßig neben sächliche Rolle spielte. Hauptfraaen waren die Erweiterung deS Wahlrechtes unv proportionale Vertretung. Die Wahlen ergaben eine Majorität gegen den letzteren Plan; da dieser von der ertten Kammer nachdrücklich befürwor tet wird, mag eö zu Differenzen kom MaM lnen. Die Sozialisten haben einige Sitze gewonnen. sTOu-im . TOrtft-?-- " i "t " i ttlU ' h Dtt. Botschafter fTftrrtlUS VI 1 AlRlun QYt.H nA 7, ä l MZk?.lt. f..:r.u i in. :n . a uu,yiüiuu uuuiicu wuuiz, i uu r: x. , i iia Französische Kapitals n lagen. Merico. 1. Okt. firamöfifÄeS Kapital wird fortwährend in hiesigen industriellen Unternehmungen angelegt; besonders in Zigaretten und Baum wollfabriken. Die hiesigen großen Banken werden durch französisches Ka pital kontrollirt. Japan. Handelskammern b e rathen. Tokio, 1. Okt. Eine gemein same Sitzung der Handelskammern des Landes wurde heute im Gebäude der SlSlammek formell er. Xwvt. ' . Die Versammlung war berufen worden um die Entwicklung von Han wrvwn.tw nu,iru m m neue er. bältnissen nach dem Kkleae zu be hültnliien nach dem Kriege zu rathen. Die Minister wurden eingeladen ihre Ansichten vor der Versammlung kund zu geben. ES waren 49 Handelskam mern vertreten. Schadenfeuer. Tokio. 1. Okt. In einem Ge baude mit Armeevorröthen zu Hiro rc:u!. tx ... t.nt nm a..v. shinia brach zu früher Morgenstunde Feuer aus, das großen Sachschaden anrichtete. Die Ursache des FeuerS ist unbekannt. Base-Sall. National Liga. Cincinnati, 1. Okt. ßrft Shi 1 1. A 20 0 0 0 0 1 0 0- 4 New York. ..00201001 01 Batterien Ewing und Schlei; Mc Gindity und VreSnahan Zweites Spiel. Cincinnati 3 0 01 New York 1 10 01 Batterien Overall und Street Wmfe und Clarke St. Louis, 1. Okt. c?rsts Suli . 00000002-2 rnrtiryitt t n n n t ( ( t , i mz..:. orCifmAM .x JUI4(il(ll UKtUlUil UHU wUtU ' ' i)r . mu,r. rw v I ZwciteS Spiel. I I . i fi ii. i i rrrrnrrr 1 Soq?oooooZb rooklyN 0005 0000 05 Batterien McFarland und Leahy Stricklett und Ritter. Chicago, 1. Okt. Erstes Spiel. Chicago 000000021 Philadelphia... 0 0020000 0 Batterien-Reulbach und O'Neill I laf .lu .aV CYY . . k usuoy uno lun,on Zweites Spiel. Chicago 00020004 Philadelphia. ..0 0000000 0 Batterien Luedgren und King Kane und Dooin. Süiffsnaüriüten. I New York: .Blücher von Hamburg Dover und Boulogne; Colum bia von Glasgow und Moville Oöcar II. von Copenhagen und Cbriülania. I . koutbampton: .Vbiladelvbia" von New Nork. Liverpool: .Sicilian" von Montrea I i . und Quebec; Tunistan" von . Montreal und Quebec. I Glasgow: Caledonia" von New Nork. QueenStown: Etrurka von Liver Pool nach New Nork. I Moville: Furnesfia- von Glasgow nach New York.

Ich höre und sehe allens.

Humoreske von St. Avenell. Mutti, ist es immer noch nicht vier Uhr?" fragte der sechsjährige Kurt ungeduldig. Der Müller wollte schon um Dreiviertel hier sein und fich meinen Geburtstagstisch in Ruhe ansehen. Bitte. Mutti, zieh schnell den Phonographen noch einmal auf und laß' ihn Lene, liebe Lene fingen, das Lied ge allt mir am besten!" Es klinqelte. Kurt flog nach der Entreethür, kam aber gleich mit sehr angem Gesicht zurück. M ist Frau Bagemühl, Martha hat fie in den Salon geführt. Ich habe gestern und heute wirklich kein bischen getobt, Muttichen!" Kurtchens Mutter ging mit etwas klopfendem Herzen m den Salon, denn der Besuch der Wirhm bedeutete gewöhnlich Aerger. Frau Bäckermeister Bagemühl, eine leine, kuaelrunde Frau, Ende der Fünfzig, mit hellblonder, gescheitelter Perücke und sehr regelmäßigen falschen Zähnen paßte sehr wenig, ' in dem mausgrauen Moyärkleld mit der getarkten Halsrusche und der uneleganen schwarzen Alpakaschürze, in den kunstsinnig eingerichteten Salon der Frau Berger. Bitte, nehmen Sie doch Platz, Frau Bagemühl," bat die junge Frau liebcnswürdig. - Eigentlich nicht gerne, Frau Berger, aus iyren nuiiinen neuern yaoe ich immer Angst, das Gemck zu brechen. Aber was ick sagen wollte, ist Ihr Mann schon :ns Theater?" Ja. mein Mann bat Probe, er hat wohl gestern Abend ein wenig lange geübt," sagte Frau Ella, aber sehen Sie, er . studirt jetzt den fliegenden Holländer und da . . ." Nee, deshalb komme ich nicht, unterbrach die Wirthin, obgleich das ewige Gennge mir auch oft ein Greuel ist, denn ick höre und sehe allens, aber das habe ick ja gewußt, daß Ihr Mann nicht zu seinem und meinem Vergnügen fingt, als ich ihm die Wohnung vermiethet habe." Schüchtern forschte die mnge Frau weiter: Hat Kurtchen wieder" . . . Pferdebahn über memem Bett gespielt," ergänzte die Alte. Ja, hat er nebenbei auch und Ihr Hund hat früh um 5 Uhr laut gebellt, aber davon rede ich erst gar nicht. Weil Sie so hübsch und so zung find, legte sich mein Oller schon immer ins Mittel für Sie. Er läßt ihnen ja auch Ihr Hamburger Feinbrot backen, .das macht auch nur Arbeit, und bringt nichts ein! Ja, ja. ick höre allens und sehe allens!" Frau Bergers Geduld kam etwas ins Wanken. Warum haben Sie sich also heraufbemüht, Frau Bagemühl?" Dat werde ick Ihnen gleich sagen! Die Wirthschaft mit Ihre Mädchens paßt mir nicht. Was zu viel ist, ist zu viel! Seitdem Ihre beiden hier immer mit himmelblaue und rosenrothe Waschkleider, Spitzenhäubchen und ausgeschnittne Lackschuhe mit hohe Hacken wie aufs Theater herumlaufen, wollen meine Christine und der Räthin ihre Minna auch hell gehen! Als ob die Mädchens .in dem Aufzug arbeiten und scheuern können!" Ich kenne es von Hamburg her nicht anders, und halte darauf, daß die Mädchen . . .Balten Sie. was S wouen. araerte fich die Wirthin, die nie einen an deren ausreden ließ Aber ick ick verbitte mir jeden Verkehr zwischen ihre Damens mit meiner Christine und der Frau Rath ihrer Minna Die Haare wollte fich Meine" gestern brennen, wie Ihre Martha, nächstens empfänat fie auch Herrenbesuch in der Küche, wie die Jda. Ist das auch in Hambura Sitte? Frau Berger fühlte, wie der Aerger fie packte und entgegnete sehr ve stimmt: Jda ist sechs Jahre bei mir und ist seit einem Monat mit einem Briefträoer verlobt, das weiß ich" So wissen Sie auch, daß er jeden Abend zum Besuch kommt und bis tief in die Nacht hinein bleibt?" Nein, er kommt durchaus nicht täg lich. sondern nur mit meinem Wissen und nur, wenn ich selbst zu Hause bin und geht auch stets vor 10 Uhr fort. Ich finde, durch allzu große Strenge zwlnat man die Leute nur zu Heim lichkeiten; mir ist es lieber, der Mann kommt mit meinem Wissen in die Küche, als das Mädchen steht heimlich mit ihm auf der Treppe! Und jetzt entschuldiaen Sie mich. Frau Bagemühl, mein Kurt hat Geburtstag, hat seine Freunde eingeladen und ich muß mich um die kleine Gesellschaft kümmern. Ich werde meine Mädchen bitten, nicht mehr mit Christine und Minna zu ver kehren" Frau Bagemühl stand so rasch auf, daß der Sessel umflog, und sagte spottisch? Bitten ist jut, sehr jut! Bitten Sie auch Ihren Hund, daß er Nachts rnch mehr bellt.' Zu Kurten seinem Geburtstag gratulire ich Ihnen auch und wünsche Ihnen, daß er manierlicher und gesitteter wird; als er die Masern hatte, war er noch am netiesten! Adjes auch!" Wie erlöst war Frau Ella, als endlich d Wirthin verschwunden war. ' Um den Eßtisch saßen vierzehn klei ne Knaben, jeder mit einem feingezoge nen Scheitel, jeder bis an den Hals in einer großen Serviette steckend, jeder in der Linken .einen Gußzwieback haltend und mit, der Rechten Schokolade löffelnd. Gesprochen wurde gar nicht.

Frau Ella war diese Ruhe etwas beängstigend. Leider blieb dieser Friede nicht. Hans Müller rief plötzlich über den Tisch: Du, Berger, deine Mama steht aber, gar nicht aus wie eine Frau, sondern wie ein Fräulein!"

Kurt hielt dies für eine Bele'digung, prang auf und gab dem Müller eine Ohrfeige. Dies schien das Signal zu em für eine allgemeine Keilerei. Bache von Schokolade flössen über das Tischuch, nur mit Muhe gelang es der energischen Martha einigermaßen Ruhe zu chaffen. Frau Berger zog letzt den neuen Phonographen auf das half. Gewiß eine Stunde lauschten die Kinder. Die Arie des Figaro und das Lied von der letzten Rose wurden bald abgesetzt, denn viel besser gefielen die Couplets von der kleinen Frau und dem kleinen Kohn und die Gassenhauer Lene, liebe Lene und Kille, kille Panow. Aber innrn wieder mußte Frau Ella eine Walze aufziehen, welche fie der ordinären Redensarten wegen zuerst nicht kaufen wollte. Dies war eine drastiscy ausgeführte Grunewaldscene, ber welcher ein Schlächtermeister fich gründlich mit seiner Frau zankte, ihr Prügel anbot, wofür fie sich mit den schönsten zoologischen Schimpfworten bedankte. Martha, welche bei dem Aus- und Einpacken der Walzen half, verstand es einzurichten, daß gerade diese Spektakelscene immer wieder, an die Reihe kam. Plötzlich aber wollte Hans Müller wildes Pferd spielen, Otto Schulze veranstaltete einen Jndianerkrieg, und andere Knaben rasten als Feuerwehr durch die Wohnung und der Rest gab eine Cirkusvorstellung. Frau Berger athmete erst auf, als es schlug und das wilde Heer nach Hause zog. Am liebsten hätte fie sich jetzt auf das Sofa gelegt, aber da fie sich mit ihrem Mann Um 8 Uhr bei Kempinski verabredet hatte, blieb keine Zeit mehr. Rasch zog fie fich eine mattblaue Bluse an. welche der schlanken. blonden Frau sehr gut stand. Martha, welche Hut und. Jacke brachte, bekam den Befehl. Kurt gleich zu Bett zu bringen und den Phonographen gut fort zu setzen. Als Frau Ella zu Kempinskl kam, fand fie ihren Mann in heiterster Stimmung mit ein paar Freunden bei einer Flasche Sekt. Prostt, Ella, mein Kind, unser Kurt soll leben," rief er vergnügt. Herr Berger, ein großer, brünetter sehr lebhafter Herr, bildete einen eigenartigen Gegensatz zu der sanften, zierlichen, blonden Frau, und man mußte es ganz natürlich finden, daß er fie stets mein Kind" nannte. Viel wurde getrunken und mehr noch gelacht und erst sehr spät kamen Bergers nach Hause. Sie waren kaum in ihre Wohnung eingetreten, als es heftig gegen die Entreethür klopfte. Berger öffnete selbst die Thür. Vor ihm stand die Wirthin mit einer Laterne, neben ihr derBäcker meiste? im bunten Schlafrock. Müde und änastlich guckten seine Wasserblauen Äugen über die große Hornbrille fort, während seine Frau erregt rief: Ick höre und sehe allens. und darum haben wir Ihnen aufgepaßt, denn selbst sollen Sie fich überzeugen, daß der Briefträger auch ohne ihr Wissen und Nachts im Hause ist. Und wie hat er mich beschimpft, der Briefträger, ja er und Ihre Mädchen nicht wahr Bagemühl?" Ja, Lenchen, aber ..." ' Widersprich mir nicht, Bagemühl, du hast es selbst gehört, wie der Mensch gerufen hat: Keile soll fie haben und wie die Jda geschrien hat. olles Kamel und oller Affe! Und er hat noch gesagt, von einer ungebildeten Person kann man nicht mehr verlangen. Aber selbst sagen werde ich'S Ihnen, daß ick so viel Bildung habe, wie Sie alle zusammen nicht." Ohne zu fragen eilte 'die Wirthin mit der Laterne durch das Eßzimmer. Kaum öffnete fie die Thür zum Hinterkorridor, da ertönte laut und deutlich der Gesang eine: Männerstimme an ihr Ohr: Lene, liebe Lene, 'sei doch wieder gut, ist ja gar nicht schene, biste so in Wuth!" Doch wer beschreibt ihre Enttäuschung, als fie in der Küche nur die beiden Mädchen fand und die Männerstimme ihr aus einem großen Blechtrichter entgegen dröhnte. Jda und Martha fuhren entsetzt in die Höhe, als Frau Bagemühl so plötzlich vor ihnen stand. Diese beruhigte fich erst vollständig, als die Mädchen betheuerten, daß fie den Phonographen nur zu ihrem eigenen Vergnügen aufgezogen hatten und daß weder das Lied-von der Lene noch das Schimpfen eine böse Absicht gewesen sei. Frau Ella gestand, fie habe ganz vergessen, die Bestellung der Wirthin den Mädchen auszurichten. Jetzt bat Herr Berger die Wirthsleute gemüthlich. ins Eßzimmer zu kommen und dort ein Glas Moselwein zu trinken. Er selbst zog jetzt eine Walze nach der anderen auf und hatte .sein Vergnügen an dem naiven Staunen seiner Gäste. Als der Phonograph mit blecherner Eintönigkeit das Liedchen sang: Trinke, Liebchen, trinke schnell, trinken macht die Augen hell", that Frau Bagemühl einen großen Schluck, drückte Herrn Berger kräftig die Hand und erklärte feierlichst: Ick höre und sehe zwar sonst' allens, aber diesmal habe ich mir ver ver vergalloperirt." -