Indiana Tribüne, Volume 28, Number 303, Indianapolis, Marion County, 14 August 1905 — Page 4

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Indiana Tribüne. Otiauljeatlcn von bet utra Cf. Indianapolis, Ind. KnrZ O. Thudinm Prastdeut. VeschSftSIoeal: 5Zo. 31 Süd Delaware Straße. TELEPHONE 269. Kiitered at the Pott Office of Indiintpoli tccond dtii matter.

Wahl in der A. F. of L. und die Turner. Gestern früh war in Chicago zum dritten Mal Wahltag in der dortigen American Federation of Labor. Die ersten Male hatte das korrupte Element in der Federation durch bezahlte Row dies, die mit Knüppeln und Revolvern in das Wahllokal drangen, mehrere der Mahlbeamten zu Krüppeln und den Delegaten Donelly halb todt schlugen, die Wahlkaften zertrümmerten und die Zettel zerrissen, die Wahl verhindert, weil allem Anscheine nach Präsident Dold, der Führer der anständigen Gewerkschaftler, die beste Chance hatte, den korrupten Candidaten zu besiegen. Polizeischutz konnte nicht in genügen der Weise erlangt werden, um die De legaten vor den Rohheite.i der RowdieZ zu schützen, wenn sie Sonntag (gestern) es wagen sollten, ihre Stimmen abzu geben. In seiner Noth wandte sich.Told an die Chicagoer Turnerschast. DaS Er. gebniß war, daß der BezirkZTurnwart von Chicago folgenden Aufruf erließ: Aktive Turner heraus! Der Präsident der Chicago Federa tion of Labor ersucht die aktiaen Tur ner von Chicago, am nächsten Sonntag, den 13. August, Morgens 9 Uhr, in der Nordseite Turnhalle, 257 Nord Clark Strafe, zu erscheinen, um die Delegaten der verschiedenen Gewerk schaften von Chicago, welche vor zwei Wochen durch bezahlte Todtschläger verhindert wurden, ihre Stimme abzu geben, zu beschützen. Jeder Turner,, der eö ehrlich mit den Arbeitern meint und das thun hoffentlich Alle trete pünktlich näch. sten Sonntag, 9 Uhr Morgens, in grauer Turnlleidung und mit Eisen stab auf dem Turnplatz der Chicago Tnrngemeinde an." Dies ist feit Beginn des Fuhrleute Streiks in Chicago das zweite Mal, daß von den Turnern verlangt wird, an Stelle von Gefetzeshütern zu fun giren. Wührend des Streiks wurde bekannt lich die Bewegung angeregt, daß die Chicagoer Turner dem Polizeichef, zur Unterdrückung von Ruhestörungen, zu denen die Polizeimacht anscheinend nicht auZceichte, mehrere hundert Aktive zur Verfügung stellen. Nun wurdendie aktiven Turner wie ner aufgefordert, Funktionen, die in den Pflichtkreis der Polizei gehören, zu usurpiren. Im ersteren Falle vereitelten die Chicagoer Turnbehörden den Plan, die Turner in der angeregten Meise zu mißbrauchen. Im zweitenIFalle aber liegt der offi cielle Aufruf deS Chicagoer TurnwartS vor. ES - wird sogar verlangt, daß die Turner in Tumkleidung und mit Eisenftäben bewaffnet antreten sollen. Wären die Turner, welche Mitglie der von Gewerkschaften find, durch die Führer der Gewerkschaften aufgefordert worden, bei der Wahl anwesend zu sein, um Gewaltthaten mit Gewalt zurückzu weisen, so wäre snichtS dagegen einzu wenden. Der Turnwart des Chicago Turnbe zirkS hat aber entschieden seine Befug nisse überschritten, als er in seiner amt lichen Eigenschaft die Chicagoer Mit gliedschaft deS Nordamerikanischen Tur nerbundeS als solche und mit den Atri buten derselben, wie Turnanzug zc. aufforderte, Funktionen der Polizei zu auszuüben. Obwohl die Federation of Labor eine große Körperschaft ist, so ist sie doch nur eine Privatorganisation, die ihre inneren Streitigkeiten selbst oder mit Beistand der Obrigkeit regeln muß. Wenn der Ruf um Beistand von der Obrigkeit an die Turner erlassen war den wäre, so wäre es Pflicht der Tur ner, wie jeden guten Bürgers, helfend einzugreifen. Dies war nicht der Fall. Ein Er suchen der Föderation an den Polizei chef um Stellung von Schutzmann schasten bei der Wahl wäre jedenfalls gewährt worden.

Der Verwalter der Nord Chicago Turnhalle war im Recht, als er unter! den obwaltenden Umständen den Ge brauch der Halle zur Abhaltung der Wahl verweigerte. Unsere deutschen Turner haben ihre Tapferkeit schon oft und glänzend bewiesen, als das Knownothingthum die Deutschamerikanervergewdltigen wollte. In solchen Fällen ist ihr Beistand ge rechtfertigt, bei Streitigkeiten von Jak tionen in einer Privatorganisation aber nicht. Anders wäre es, wenn der Versuch gemacht worden wäre, Bürger in ihrer Stimmenabgabe bei einer städtischen, staatlichen oder nationalen Wahl zu hindern und die Obrigkeit zu zaghast, parteiisch oder zu schwach wäre die Bürger in Ausübung ihrer Bürger rechte zu schützen. Wenn dann der Beistand der Turner helfen kann, soll ten und werden sie auch zur Stelle sein, wie sie das stets gethan haben. Der Chicago Zweig der American Föderation of Labor hat eine nach Tausenden zählende Mitgliedschaft. Der Präsident der Organisation, der Kandidat für Wiederwahl ist, und Vereitelung einer ehrlichen Wahl durch da? korrupte Element in der Mitglied schaft fürchtet, sollte doch unbedingt ge nügend handfeste Männer unter den Mitgliedern der Organisation finden können, die bereit und auch fähig sind, die Angriffe und Gewaltthaten der Korrupten derart abzuschlagen, daß dieselben ein sür allemal Ruhe geben. Sind aber die Korrupten in über wiegender Mehrheit, dann wäre eS ja ein Glück für die ehrlichen Gewerkschaft, ter, die schon so lange mißbraucht und ausgebeutet wurden, wenn die Föde ration zu Grunde geht. Aber eS ist eine unverschämte Zu muthung, daß sich die Turner als solche in die Bresche werfen sollen, um eine Organisation zu retten, die doch wieder unrettbar der Korruption zur Beute wird.

Unser Staatshaus sieht lange nicht mehr so majestätisch auS, seit Hanly drinnen wohnt. Als Rettungsengel betrachten die politischen russischen Sträflinge in Sachalin die Japaner trotz gelber Haut und Schlitzaugen. Mit dem Frieden fiehts faul aus. Der Russe will handeln, Japan aber besteht auf seiner Forderung und wird sie auch schließlich erhalten. Rußland ist trotz seiner Größe völlig marode und jetzt weniger als je ein furchtbarer Geg ner für die Japaner. Ein baldiger Friede ist jedenfalls billiger wie ein späterer bei dem noch Wladiwostock flöten geht. Exeurfion nach der Meeres küste. Donnerstag, 17. August, über die Pennsylvania Linien. $15.00 Rundfahrt, von Indianapolis nach Atlantic City, Cape May, Solly Beach, Anglesia. Avalen, Sea .Jsle City, Wild wood, Ocean City, New Jersey, Rehoboth, Delaware. Fahrkarten gültig für 12 Tage mit Aufenthalts-Bewilligung in Philadel phia. Für Einzelheiten. Fahrplan, Bedienung usw. wenve man sich an die Pennsylvania Ticket-Agenten oder schreibe an W. W. Richardfon, A. 0. P. A. Indianapolis. 815.00 Rundfahrt nach Atlantic City. 17. August über Pennsylvania Linien. Die Sommer - Exkursion nach Atlanttc City, Cape May und 7 anderer Seebäder findet am 17.' August statt. Ein Ausflug von 12 Tagen. Aufenthalts-Bewilligung in Philadelphia. Auskunft ertheilen alle Pennsylvania Ticket Agenten oder man schreibe an W. W. Richardfon, A. G. P. A., ' Indianapolis. Seeküste Excurston, 17. Aug. Niedriger Fahrpreis über alle Penn sylvania Linien nach Atlanta City, Cape May und acht anderen Nouten. Die jährliche Excursion nach der Seeküste über die Pennsylvania Linien findet am Donnerstag, den 17. August statt. Für diese Exkursion werden Fahrkarten nach neun der populärsten Seebader an der atlantischen Küste verkauft, einschließlich Atlantic City, Cape May, Anglesea, Avalon, Holly Beach, Ocean City, Sea JSle City, Wildwosd, alle an der Jersey Küste und Rehoboth, De laware. Die Rundfahrt von Indianapolis nach irgend einem der genannten Seebäder ist $15.00. Fahrkarten sind von allen Sta tionen der Pennsylvania Linien zu verhältnißmaßigen Preisen zu haben und find gültig für einen Aufenthalt von 12 Tagen. Excursions-Fahrkarten mit Aufenthalts Bewilligung in Philadelphia, nenn mit dem Agenten an der Broad Straße Station deponirt. Für nähere Einzelnheiten wende man sich an Ticket-Agenten der Pennsylvania Linien, oder schreibe an 22. W. Richardson, A. G. P. A., Indianapolis.

Die gestrige Leier des Deutschen Tages im Germania parf Durch drohendes Wetter und Donnergrollen beeinträchtigt aber nicht vereitelt. veutsches wort uud Deutsches Lied erschallen, Inhaltsreiche Ansprache des Festredners August 'Zode begeistert die Anwesenden.

Eine Widmung des Dem Wettermanne gebührt wenig Anerkennung für sein Verhalten am GalaTage deS hiesigen Deutsch. thumS. Ogleich eS nur wenig regnete, war das Wetter doch so dro hend, daß der Besuch stark darunter litt. Immerhin nahm das Fest den schönsten Verlaus, derweil eben die Deutschen gewohnt find, ihre Begeiste rung für eine gute Sache durch ein Bischen Regen nicht abschwächen zu lassen. Die diesjährige Feier des Deutschen TageS, dieses deutschen Gedenktages, der sich'hier wie in zahlreichen anderen Städten des Lande im Laufe der Jahre zu einem Volksfeste entwickelt hat, an dem Vertreter aller Klassen in begeisterter Weise thellnehmen, ver diente eS in der That, eine überaus glänzende zu werden. Hatten doch die an dieser Stelle.schon mehrfach benann ten Ausschüsse des Verbandes deutscher Vereine, die Vorstandsmitglieder der selben und alle Mitglieder sämmt licher VerbandZvereine mit Bezel sterung und Fleiß dahin gearbei tet und alle Vorbereitungen getrof fen, um die heurige' Feier des deutschen TageS zu einem durchschla genden Erfolge zu gestalten. Bereits von der Mittagsstunde an zogen Hunderte und Aberhunderte von Familien aus der Stadt hinaus nach dem schönen Germania Park, dem Fest platze, der in einfacher, aber eindruckS voller Weise durch Flaggen dekoriert war. Am Eingange deS Parks prangte das schwarz-wcißrothe Banner neben dem Sternenbanner, während überall zwischen den mächtigen Baumriesen, den Eichen, Buchen und Ahornbäumen in sinniger Weise Dekorationen ange ! bracht waren. Der Liederkranz eröffnete die offizielle Feier durch ein prächtiges Chorlied un ter Leitung des Dirigenten Riegner. Herr Friß Francke, Vorfitzender des Verbandes deutscher Vereine stellte darauf mit einigen einleitenden Wor ten Herrn Richter August Bode von Cincknnati als den Redner des Tages vor. Der Festredner und seine Rede. Herr Richter Bode wurde von der nach Tausenden zählenden Menschen menge herzlich begrüßt und begann dann mit weithin schallender Stimme wie folgt : Verehrte Landsleute ! Für Ihre freundliche Einladung diesen unsern deutsch amerikanischen Ehrentag in der schönen blühenden Schwefterftadt CincinnatiS mit Ihnen zu feiern, sage ich Ihnen meinen herz, lichen Dank, und ich spreche zugleich die Hoffnung aus, daß auch der heutige Tag dazu beitragen möge, das Gefühl der Gemeinsamkeit in unS zu stärken, unsere Selbstachtung zu erhöhen und die Bande, welche Abstammung, Spra che und deutsche Sitten um uns ge schlungen noch einiger und fester zu verknüpfen. Die wuchtige massenhafte Entfaltung des deutschen Elementes und fröhliche Feste, wie bei dem so herrlich durchge führten Turnfest zeigt, daß wir uns unserer Stellung im neuen Vaterlande wohl bewußt find, und sie zu behaupten und zu befestigen entschlossen sind. Wir rufen uns bei solcher Gelegen heit stolz und freudig in's Gedächtniß zurück, welche Verdienste sich die Deut schen in der Kulturarbeit der Vereinig ten Staaten erworben haben, wie groß unser Antheil an der freiheitlichen und wirthschaftlichen Entwicklung ist; wir deuten mit berechtigtem Stolz aus un sere DeutschAbstammung und betonen mit Ernst und Nachdruck, daß wir auch ferner mit Kopf, Herz und Hand an ! dem kulturellen Ausbau unseres gelieb ten Landes mitarbeiten wollen. Diese Feier hat ihren Ursprung nicht in deutschen Sonderinteressen, ist nicht der Ausdruck deutsch Partikularischen GesühlS, sondern sie entspringt dem

Dichters und Schriftstellers

Gefühle der Liebe nnd treueften Loyal! tät für unsere Republik. Denn welches Ereigniß liegt dieser Feier zu Grunde? Wie feiern nicht die Austreibung der Schlangen aus Irland durch St. Pa trick, wie der Jrländer, nicht die Er ftürmung der Vaftille in Paris, wie die Franzosen, auch nicht den auch für uns so folgenschweren und segensvollen Sieg von Sedan wir seiern keinen Tag, der von besonderer Wichtigkeit für ein anderes Land und wäre es auch un fer altes geliebtes Vaterland ist. Nein! wir feiern einen Tag, der für unser neues Vaterland von einschnei dender Wichtigkeit ist, der an Bedeutung höchstens dem Tage der Landung der Mayflower nachsteht, den Tag an dem vor bald 222 Jahren die erste organi' firte Truppe deutscher Kolonisten unser damals noch sehr ungastliches Ge stade betrat. Der gelehrte, freifinnige, energische Führer dieser Kolonisten Franz Daniel PastoriuS führte in seinem Wappen eine Devise, welche der Leitstern seiner Begleiter und der Millionen der nach folgenden deutschen Einwanderer ge worden ist. Linum, rinurn et textrinum Lein.lWein und Webeschrein, so lautet dieselbe, und waS schließt fie nicht alleS ein? Ist nicht der Lein oder das Flachs das Symbol des allersorgfültigsten Ackerbaues? Wenn der Wind leise über das Leinfeld streicht und die Himmel blauen Blüthen wie die Wellen des sanftbewegten Meeres auf und nieder wogen, so darf auch das schärfste Auge keine Spur vonUnkraut darin entdecken, i - Und wie der Weinstock, die edle Rebe die höchste Stufe des Gartenbaues sym bolisirte, so waren die wunderbar Herrlichen Produkte deS WebeftuhlS leicht das vorzüglichste Ereigniß der Industrie jener Zeit. Und so haben auch die Nachkommen dieser ersten Kolonisten in Ackerbau, Gartenkunst und Industrie stets in den vordersten Reihen gestanden. Der intelligente deutsche Landwirth verwandelte öde Strecken oder von Yankees aufgegebene Farmen durch Fleiß und rationelle Wirthschaft in fruchtbare Felder und entlockte ihnen so reiche Ernten, daß wir zur Korn kammer der Welt wurden. Der geschickte deutsche Handwerker, der wissenschaftlich gebildete deutsche Techniker bilden den Kern und daS Mark der amerikanischen Industrie, die wenn von beengenden Fesseln befreit, den Weltmarkt erobern-wird. Der deutsche Kaufmann hält mit feiner soliden, vorsichtigen Geschäfts. führung dem wagehalsigen Amerikaner die Waage, kurz überall finden wir den Deutschen auf diesen Gebieten im Vor dertreffen. Doch die Devise schließt mehr ein als den Weinstock! Wird nicht aus der Rebe Frucht der edle Wein gepreßt ! Und so ist doch wohl in diese Devise die gute GotteSgabe, der Wein der Freude, der Erfrischung, der Begeisterung mit eingeschlossen, der Trank, nach dessen Genusse, wie der Dichter unS versichert : Reden, wie mit Engelzungen, . Sprühen hohe Witzesfunken, Sind von hoher Gluth durchdrungen Und von Schönheit sind wir trunken. So liegt denn auch in der Devise, daß wir unS für alles Hohe, Schöne und Ideale begeistern, das Leben nicht nur nützlich, sondern auch schön und inhaltsreich zu machen suchen, und wie wir HauS und Gärtchcn mit Blumen schmücken, Musik und Gesang pflegen, aus echt deutsche Art ernste Arbeit mit heiterem Genuß verbinden, ernste Freude an unserem Dasein und GotteS schöne Welt haben, so daß wir aus voller Brust mit innigster Ueberzeugung aus rufen können: Wie ist doch die Erde so schön! Freilich, daS muß entweder an geboren sein oder gelernt werden, denn der Dichter hat Recht, wenn er weiter singt: ,

Herrn Nattermann. Denn es gleicht der'Wein dem Regen Der im Schmutze selbst zu Schmutz wird. Doch auf gutem Acker Segeu Bringt und Jedermann zu Nutz wird. Natürlich ist eö auch unsere Aufgabe, durch Rede und Beispiel dahin zu wir ken, daß solche, die nicht mit Verstand, Maß und Ziel trinken können, zu gu tem Acker umgewandelt werden, so daß ein ehrlicher Trunk ihnen Segen brin gen mag. So werthvoll seine Devise war, so werthvoll ist auch der Mahnruf, wenn er unS zuruft: Seliebte Reihe der Enkel Wo wir ein Muster des Rechten waren, Ahme unser Beispiel nach, Wo wir aber von dem so schmierigen Pfade abgewichen sind Vergieb uns Und mögen die Gefahren, die Andere liefen Dich vorsichtig machen. Gewiß war er uns ein Muster deS Rechten, als er und seine Mitbürger in Germantown am 18. April deS Iah reS 1633 als die Ersten und Muthigsten das fluchwürdige Institut der Sklaverei öffentlich verdammten; gewiß war er ein Muster des Rechten, als er mit sei. nen Begleitern religiöser und Wirth schaftlicher Bedrückung den Rücken kehrte und hier für religiöse und per sönliche Freiheit daS Wort erhob, und mit gerechtem Stolze dürfen wir beto nen, daß noch heute die Deutfch-Ame rikaner die Überzeugungstreuesten, eif rigften Kämpfer gegen jede Beschrän kung der religiösen, politischen, Wirth schaftlichen und persönlichen Freiheit find. Für AlleS, was in unserem neuen Vaterlande' an Freiheit zu finden ist, dafür haben die Deutsch.Amerika ner wacker mitgestritten. Auf dem Schlachtfelde haben fie ihre Liebe für Freiheit und Einigkeit mit kostbarem Blute tausendfach besiegelt, und bei der unblutigen, doch nicht we Niger wichtigen Mahlschlacht stehen sie stets mannhaft für vernünftige perfön liche Freiheit ein. Mit der persönlichen Freiheit, wie sie der AngloAmerikaner unS andichtet, hat eS freilich seinen Haken. Er Senkt, unter persönlicher Freiheit verstehe der Deutsche nur, daß er Sonntag und Werktag von früh bis spät ungehindert so viel Bier trinken könne, als ihm beliebt. Nun ist es ja wahr, daß die vielfältigen Versuche, den WirthschaftSbetrieb am Sonntage zu unterdrücken, auch wohl das ganze Geschäft in Acht und Bann zu erklären, am häufigsten die Veranlassung geben, unsere Stimme zu erheben. Aber unsere Opposition richtet sich nicht nur gegen solche Versuche, sondern ganz besonders gegen das ihnen zu Grunde liegende Princip, Sachen des persönlichen Geschmacks durch Gesetze controlllren zu wollen. Wenn wir fingen: Tages Arbeit AbendS Gäste Saure Wochen Frohe Feste, Geist und Körper kerngesund, Dann kommt man nicht auf den Hund Wie die Wassersimpel, so wollen wir keineswegs irgend Je manden das Recht nehmen. Wasser, nur Wasser und so viel Wasser zu trinken, als er will, obgleich es im Liede heißt: ' s DaS Vieh und zwar ein jedes Trinkt Wasser, wie der Stier, Dem Menschen wiedersteht es Im Gegensatz zum Thier. und obwohl wir wissen, daß gesetzlich gebotene Wassersimpelei ungesund für Geist undKörper, und für daö Gemein wohl von den schlimmsten Folgen ist, indem Unmäßigkeit im Trinken da durch befördert und die Zahl der Ver brechen vermehrt wird. Ein Oberrichter deS Temperenzfiaa tes Massachusetts sagte, eS sei ihm sehr fraglich, ob Prohibitionsgesetze mehr Heuchler oder mehr Trunkenbolde mache. Eine schöne Alternative. Deshalb opponiren wir der Prohi bition ganz besonders, wett sie Heuchler züchtet, .Trunkenheit besördert, daS mo

ralische Gesühl abstumpft, die Achtung vor dem Gesetze untergräbt und auch unter keinen Umständen erfolgreich durchgeführt werden kann, und well unsere Art zu leben die bessere, mo ralischere, ja die einzig richtige ist. Lenken wir den Schritt zur Schenke, Dann genießen wir Getränke Mit Verstand und Maß und Ziel Trinken viel doch nie zu viel Wie die Temperenzler. Daß die Bier und SonntagSsrage nicht daS Einzige ist, welches unsere Opposition herausfordert, und mit un serer Ansicht nach dem Rechte der per sönlichen Freiheit nicht harmonirt, ha ben unsere beschränkten Freunde jedes mal erfahren, wenn sie unsern deutschen Schulen einen Hieb versetzen wollten. Sie sollten nur einmal versuchen uns zu verbieten unsere deutschen Schulen und Kirchen zu erhalten, unsere Ge schäftZ und Vereins Angelegenheiten in deutscher Sprache zu sühren, fco eS uns beliebt, unsern Kindern deutsch zu lehren, mit ihnen deutsch zu reden ja fie sollten unS nur einmal verbieten unseren Frauen am Sonntag einen Kuß zu geben und sie würden schon auöfinden, wo Barthel den Most $olt. O nein! obwohl die Getrünkefrage immer von den Leuten, bei denen eine Schraube loS ist, in den Vordergrund gedrängt und dadurch so prominent ge macht wird, so ist sie doch lange nicht der Inbegriff unserer Idee der persön lichen Freiheit der Freiheit deS Harm losen Lebensgenusses, der sich innerhalb der Grenze deutscher Sitte und Ord nung hält, und keinem Menschen das Recht zugesteht, den persönlichen Ge schmack anderer gesetzlich zu reguliren und dadurch seine Lebensfreude zu stören, fein Dasein zu trüben, statt eS heiterer und schöner zu machen. Darin find wir nun Meister, und eS ist ein Theil unserer Aufgabe auch hierin dem im Werden begriffenen ame rikanischen VolkScharakter den deutschen Stempel aufzudrücken. Der Künstler würde sein Ideal der Vollkommenheit bei einer Person vergeblich suchen; er entwickelt sein Ideal aus den vollkommenen! Theilen verschiedener Personen. So giebt eS auch keine vollkommene. Nation; aber der Geschichtsschreiber weift ohne Schwierigkeit nach, daß die Mischung und Verschmelzung der guten Eigenschaften verschiedener Nationalitäten ein Segen für die ganze Menschheit wurden, die dadurch der Vollkommen heit näher gebracht wird. Eine solche Mischung und Verschmel zung streben auch wir an. Wir suchen der Vorzüge der angloamerikanischen Raffe, ihres praktischen Sinnes und Unternehmungsgeistes, ihrer kühnen Thatkraft, Energie und Hülfsbereit schaft, ihres klaren Blickes für die Ver hältnisse der Gegenwart, ihres RealiS muS, so weit er sich in berechtigten Schranken hält, theilhaft zu werden. Dafür geben wir ihnen unsern Fa miliensinn, Liebe zur 'Häuslichkeit, Fleiß, Sparsamkeit, Frugalität, Ord nungSliebe, Gedankentiefe, deutscher Idealismus, deutscheGemüthlichkeit unddeutsches Gemüth. Die jetzige Generation hat eS schon theilweise vergessen und solch ein Gedächtnißiag ist deshalb besonders gut, wieder daran zu erinnern wie tief unser Land dem Deutsch'Amerila ner zu Dank verpflichtet ist. Unsere guten Schulen, vom Kindergarten bis zur Universität, die Liebe für Musik und Gesang, Kunst und Natur, die trau liche Häuslichkeit, der heitere LebenSge nuß find durch seinen Einfluß hier theilweise heimisch geworden. Und dieser Einfluß wirkt noch immer fort, denn eS fand nicht eine einmalige Ausgleichung, sondern eS findet ein fortgesetzter Austausch statt von deut scher Art und Wesen für amerikanische Art und Wesen, und umgekehrt. Ich möchte die Resultate dieses ge genseitigen Einflusses mit der Frucht eines Baumes vergleichen, der mit fei. nen Wurzeln tief im deutschen Boden steckt, mit Zweigen, Laub und Blüthen hoch in die freie amerikanische Luft hin einragt, von beiden Elementen seine Nahrung ziehend, dann endlich hier seine köstliche Frucht zeitigt den echtett amerikanischen NationalCharalter der Zukunft. Wenn nun aber dieser in deutschem Boden wuizelnde Baum -im Stande sein soll die rechte Frucht hervorzubrln gen, so muß er fortfahren mit den Wurzeln aus deutschem Boden seine Nahrung zu ziehen. Und dieser deutsche Boden ist di, deutsche Sprache, der Quell und die Schatzkammer des warmen, tiefen öet schen Gemüths, jenes undefinirbaren.