Indiana Tribüne, Volume 28, Number 295, Indianapolis, Marion County, 4 August 1905 — Page 7

Jnbkana Ztibünc, August RO0S.

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z Der Rembrandt Y l o rn a n Y l Friedrich Zacobscn 5

P (Fortsetzung.) " Jawohl. Die Wartburg ist großattic,m sagte er tiefsinnig. .Das heißt, ich bin noch niemals dort gewesen, ich möchte sie wohl mal sehen, und die Gelegenkzeit ist verlockende" Sie wo2en ja biZ Basel," neckte Margot. Jch kann nämlich auch spioniren." Sogar noch weiter gab er vorsichtig tastend zur Antwort. Sie doch auch?" Maraot schien plötzlich müde zu werden. Sie gähnte ein bischen hinter der kleinen Han) und lehnte oen stopj in die Ecke. Natürlich, sie konnte ihn nicht von seinem Platze wegwcisen, aber sein Koffer lag drüben, und er war hier eigentlich nur zu Gast. Vielleicht hätte sie sich gerne bequem ausgestreckt, und nur die Segenwart des Mannes hinderte sie daran. Egon stand leise auf und begab sich hinüber in seine Abtheilung; die durchwachte Nacht machte sich auch bei ihm geltend, und er wollte ebenfalls einen kleinen Nicker halten. Wenn Eisenach herankam, dann war es noch immer an der Zeit, aus Margots Mienen herauszulösen, ob es ihr willkommen sei, mit ihm gemeinsam die Wartburg zu betrachten. Er setzte sich in eine Ecke und schloß die Augen. Das Ratata-Natata der Räder wirkte wie ein Wiegenlied, und er öffnete nur halb die Augen, wenn die einzelnen Stationen abgerufen wurden. Halle Corbetha Weimar Erfurt. Von Dietendorf hörte er nur noch die erste Silbe, und von Eotha überHaupt nichts mehr. Aber dann ging es ihm wie uns allen, wenn wir mit Willenskraft das Erwachen für einen bestimmten ZeitPunkt vorgenommen haben; er wurde unruhig und warf den Kopf in die Ecke. Ihm träumte, daß er sein Haupt an Margots Schulter lehnte, und daß sie ganz laut ein Ach!" hervorstieß. Es war aber nur die letzte Silbe von Eisenach, und nicht Margot hatte das gerufen, sondern der Schaffner. Der Zug hielt, Egon blickte sich schlaftrunken um und stürzte hinüber in die Abtheilung, wo Margot jetzt wahrscheinlich im Aufbruch begriffen war. Er konnte sie indessen nicht mehr entdecken, sondern auf ihrem Platz: faß ein altes scharfkantiges Fräulein, das vier Schachteln und drei Körbe um sich verstaut hatte und bereits an einer Butterbemme mummelte. Ihr gegenüber auf dem leeren Platze lag einsam die Marschall Niel und wurde von der Dame mit harten Blicken betrachtet. Egon nahm die Rose an sich und sagte noch ganz verwirrt: Entschuldigen Sie, meine Gnädigste, die Blume ist sehr werthvoll, sie gehört einer sie gehört meiner Frau!" Und das alte Fräulein entgegnete ironisch: Wirklich, mein Herr? Dann sind Sie ebenso vergessen worden wie diese Rose, denn die Dame ist bereits in Gotha ausgestiegen." Egon fühlte sich entschieden blamirt und schlich in seine Abtheilung zurück. Margot war also richtig durchgebrannt, sie hatte gefürchtet, daß er ihr in Eisenach seine Begleitung auföringen werde, und sie wollte offenbar nichts von ihm wissen. Und dennoch war Egon überzeugt, daß die Rose nicht ohne Absicht zurückgeblieben war. Ein Gegenstand, der verloren geht, liegt gewöhnlich auf dem Fußboden, er wird zertreten und schließlich hinausgekehrt, aber dieMarschall Nie! hatte sich auf dem Platze desjenigen vorgefunden, für den sie bestimmt war. Bei näherer Untersuchung fand sich sogar noch ein besonderes Zeichen; um den Stiel der Blume war ein langes schwarzes seidenweiches Frauenhaar geschlungen und sogar mit einer zierlichen Scb eife zusammengeknüpft es mußte ein Blinder sehen, daß hier kein Zufall obwaltete. Von Eisenach bis Frankfurt betrachtete Egon den duftenden Gruß und roch mit den Lippen so oft daran, daß die Blätter müde wurden und zu träumen begannen wie der Mund eines jungen Weib's, wenn das Morgenroth heraufdämmert. Dann barg er seinen Schatz in der Brieftasche und begab sich hinüber in den Restaurationswagen. Nach einem guten Mittagessen blieb Egon bei einer Flasche Chambertin sitzen und brachte damit seine Lebens geister so weit in Ordnung, daß die Gcdanken klar wuroen und dem Verstände gehorchten. Er war bis über die Ohren in Margot verliebt, er hatte seit jener Mondxcheinnacht im Postwagen ihr Bild in nem Herzen getragen, und es war ganz und gar ausgeschlossen, es war eine physische Unmöglichkeit, daß ein verworfenes Geschöpf, eine Verbrecherin und die Genossin von Verbrechern diesen mächtigen Einfluß auf ihn hätte ausüben können.

So sagte der Burgunder, welcher bekanntlich die Eigenschaft besitzt, den Kopf zu klären und jede Flucht der Erscheinung in die Füße zu bannen, so daß die Menschen sehr mit Unrecht von einem Burgunderrausch sprechen. In Basel, wo Egon 'leine erste Sta-i tion machte, schlief er zwanzig Stunden lang hintereinander und beschloß dann, schon am folgenden Morgen mit , dem Schnellzug über Luzern nach Lugano zu fahren. Als er im Kursbuch auf Luzern stieß, zuckte fein Herz zusammen, denn er entsann sich, daß Margots Rundreiseheft eben dahin wies, und der Rigi war entschieden noK schöner als die Wartburg. Aber dann stieg die VlumenauSsiellunz in Mailand vor Egons Reporterauge empor, und r sprach einen langen feierlichen Fluch über alle Ausstellungen der Welt. Schließlich kam ihm eine Zeitung zu Hilfe, die er zufällig im Hotel aufaabelte. Da wurde aus Mailand geschrieben, daß die Eröffnung der Ausstellung eingetretener Umstände halber um eine Woche verschoben sei; man bedaure unendlich.- aber Quatsch!" sagte der selige Egon und bestellte sich einen Schoppen Veltliner, wie kann man so ein Unmenschliches Glück bedauern!" Er nahm seine Füllfeder die war nun auch geweiht und schrieb auf der Rückseite der Weinkarte einen Brief an Doktor Uhl in Berlin folgenden Inhalts: Geehrter Herr Chef! Daß die Ausstellung um eine Woche verschoben ist. wird Ihnen im Interesse Ihres Reporters angenehm sein, denn ich erhalte dadurch Gelegenheit, die Lücken meiner Blumenkunde auszufüllen. Ich bin bereits beim Studium der Marchall Nielrose angelangt, von der ich selbst ein seltenes Exemplar erworben habe. Die Preise der umstehenden Weine werden Ihnen eine Bitte um weiteren Vorschuß begreiflich erscheinen lassen. Es empfiehlt sich, denselben postlagernd Luzern zu senden, wo es besonders schöne Rosen gibt. Luzern ist sehr theuer, noch theurer wird Ihnen sein Ihr ergebenster Westhof." Die Untersuchung gegen Unbekannt" wegen des Einbruchs bei Varon v. Geldern in Wannsee schlief nicht ganz und gar, aber sie wurde mit einer gewissen tastenden Unsicherheit geführt und kam eigentlich nicht über die Grenzen der Erwägungen hinaus. Das war ziemlich natürlich, wenn man sich die eigenthümliche Sachlage vergegenwärtigte. Abgesehen von großen Kapitalverbrechen gilt in der Kriminaljustiz das Wort: Wo kein Kläger, da auch kein Richter," und an einem Kläger fehlte es ganz und gar, da Niels Lund die Gewohnheiten seines Herrn nachahmte und jede Berühr rung mit der Polizei vermied, während Baron v. Geldern ein Betreiben der Angelegenheit schon aus dem einfachen Grunde unterließ, weil er ohne Kenntniß von dem Diebstahl irgendwo in der Welt umherschweifte; wofern er überhaupt wiederkam. Niels Lund sprach einmal diese Vermuthung aus, als er am Gartenzaun mit seinem einzigen Bekannten, dem Gärtner Piefke aus der Nachbarvilla, zusammentraf. Das ist eine snurrige Sache," sagte er. Erst sreibt mein Her?, daß er kommen will, und dann kümmt er nich. Wenn sie ihm blos nich den Hals abgesnitten haben." In Spanien nicht," meinte Piefke. Dort bringen sie einander nur aus Eifersucht um. und Tin alter Baron ist da nicht gefährlich. Aber hast Tu schon im Keller nachgesucht, Niels. vielleicht liegt er dort in einem Pökelfaß oder unter den Kartoffeln. So was passirt in Berlin alle Tage." Niels hütete sich, in den Keller zu sieigen. Es war ihm überhaupt im heimlich in der Villa geworden, besonders als man davon zu munkeln begann, daß in diesem Sommer die Gegend um Wannsee unsicher sei, und daß es eine Bande geben müsse, die mit Vorliebe den abwesenden Herrschaften Besuche abstatte. Bei Piefke waren sie auch in der letzten Nacht gewesen. Der Gärtner erzählte von einem schwarzen Kerl, den er auf dem, Grundstück gesehen und noch rechtzeitig verscheucht hätte, und er schilderte seine Heldenthat so lebhaft, daß Niels ihn zu sich einlud, und beide im Arbeitszimmer des Barons den ganzen Abend türkischen Tabak aus ihren Kutscherpfeifen rauchten. In Berlin selbst wurde übrigens thatsächlich recht munter eingebrochen, und aus gewissen Anzeichen der Arbeit" schöpfte man die Äermuthung. daß der Pulrerkopf und der Schmierfritze, diese beiden Meister der Zunft, ihre Hand dabei im Spiel haben könnten. Aber obwohl man schon des Rembrandt wegen eifrig auf die erwähnten Herren fahndete, so blieben doch alle Versuche, ihrer habhaft zu werden, erfolglos, und selbst bei einer großen Razzia siebte die Polizei nur kleines, verächtliches Lumpengesindel durch.' Diese Einbrüche, welche sich vorzugsweise auf verlassene und durch geschlossene Vorhänge kenntlich gemachte Familienwohnungen erstreckten, gaben Doktor Uhl Veranlassung, in seiner Zeitung vor dieser Unvorsichtigkeit zu warnen An demselben Abend Aitx

gab er in einer Sitzung der Hageftolze seine eiaent" Ansicht darüber ' '

Es kommt alles von dem Heirathen", sagte er. Wenn die Weiber mcyt vou)an0en waren, vann gäbe es keine Badereisen mit Kind und Kegel. Wir Junggesellen verreisen ja auch ge legentlich, aber wir stecken unsere Habe in den Nucksack und wir kehren mit dem Bewußtsein zurück, daß unser Bett inzwischen höchstens von der Wirthin be nutzt worden ist." ( Nach dieser Rede brach er auf und ging heim. Der Weg führte ihn durch eine einsame Straße, in welcher die gemeinsame Wohnung von Felix und Egon lag. Kopfschüttelnd blieb er vor dem Hause unter einer Laterne stehen. Das ist doch sonderbar," sagte er vor sich hin. Dieser Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Die Idee mit den unverhüllten Fenstern habe ich im Grunde genommen von meinem verblichenen Redakteur, er bewies schon dadurch seine Fähigkeit für die Laufbahn eines Kriminalisten. Und nun, da die beiden verreist sind, verhängen ste die Fenster ihrer Wohnung, als wenn das ein Mädchenpensionat wäre Höchst sonderbar! Es ist nur ein Glück, daß diese Laterne ihr Licht in den Scheiben spiegelt, denn auf diese Weise macht es den Eindruck, als ob die Etage beleuchtet wäre. Oder bin ich selbst ein bischen illuminirt?" Das Haus, in welchem die beidenReisenden ihr Heim ausgeschlagen hattat, stand wirklich scheinbar leer. Frau Müller saß tagsüber in der Markthalle, und Abends legte sie sich zeitig zu Bett, um ihren Rausch auszuschlafen. Ihr Gatte, der Bahnschaffner Müller, schlief, wenn er zufällig daheim war, erst recht, denn seine Pflichten als Hausmann machten ihm keine Sorgen. Der verkrachte Laden mit dem dazu gehörigen ersten Stock war noch immer zu vermiethen, und oben im zweiten Stock tanzten die Mäuse auf der kalten Pracht. Es waren aber etwas sonderbare Mäuse. Sie besaßen die Fähigkeit, an dem freihängenden Kronleuchter emporzuklettern, den Gashahn aufzudrehen und ein Streichholz daranzuhalten; sie hat-

ten hinreichend Kraft, um das rothe und das blaue Kanapee von seiner Hülle zu befreien, und sie waren hinreichend vorsichtig, um sogar die Vorhänge der Fenster herunterzulassen und den Einblick neugieriger Nachbarn zu verhüten. Ja, sie konnten trinken, rauchen und reden. In der Nacht, wo Doktor Uhl von den Vorzügen eines Junggesellenheims redete und Betrachtungen über den Unterschied zwischen Theorie und Praxis anstellte, ging es in der Wohnung von Egon und Felix besonders nett und gemüthlicher. Die beiden geöffneten Vorderzimmer waren nicht sehr hell, denn erstens brannte am Kronleuchter nur eine einzige Gasflamme, zweitens aber war die Luft von einem dicken, nicht übermäßig feinen Tabakrauch vollständig angefüllt. Das blaue Sofa stand in dem rothen Zimmer, und auf dem einen der beiden Prachtstücke lag der Schmierfritze ausgestreckt, während der Pulverkopf sich des anderen bemächtigt hatte. Der erstere trug Egons Schlafrock, wahrend der andere seine muskulösen Glieder in eine alte Litewka gehüllt hatte, die noch aus Felix' Leutnantszeit hersiammte. Sie rauchten beide auö den langen Pfeifen der Zimmereigenthümer und hatten zwischen sich eine Flasche Gilka sowie ein Packet A. V. Reuter" stehen. Ihre Stimmung war vorzüglich. Det ist doch eigentlich eine ausverschämte Frechheit," sagte der Schmierfritze. In die Zeitung schreiben sie von uns, und uf oer Polizei suchen sie uns; inzwischen sitzen wir hier janz jemüthlich in der Bleibe von einem Federfuchser und einem Greifer. Unö kann keener an die Wimpern klimpern." Es ist wirklich eine Unverschämtheit," brummte der andere. Nicht mal 'ne Kiste mit Glimmstengeln haben die schofeln Kerle zurückgelassen. Wenn daö so weitergeht, dann bau' ich ab." Der Schmierfritz lachte. Sei man jut, Aujust. Wenn ik dieft Kaschemme nich ausbaldowert hätte, könnten wir beide platt machen und wären längst verschütt. Was wollen wir denn heute bedibbern?" Es ist keine Nacht für Masematten Fritz. Ich habe daö mit Wannsee noch in den Knochen." Sie schwiegen beide eine Zeitlang. Hast Du Draht?" fragte der Jüngere nach einer Weile. Nein. Der letzte von meinen ,Mä mern' ist flöten gegangen." Schmierfritze betrachtete sehten Genossen mit einem argwöhnischen Blick. Wirklich. Aujust? DaS Frauenzimmer hat doch jut jeblecht! So wat kommt nich alle Tage." Thut es auch nicht; aber wie ich Dir sage, Du kannst meine Taschen umdrehen. es fallt kein Silberling heraus." - Kannst Du nich noch mal mit ihr anbandeln?" Der Pulverkopf rauchte pill vor sich hin, und sein interessantes Gesicht nahm einen nachdenklichen Ausdruck an. Sie ist fort," entgegnete er endlich. Ich glaube wenigstens, daß sie nichs mehr in Berlin ist." Und das Bild hat sie natürlich mitgenommen?" Ich denke doch. Wenn sie eS nicht in Berlin untergebracht haben sollte, dann wird eö wohl auf die Reise gegangen sein. Aber daö kann unö. ja

gleich bleiben. Wollen wir nicht dormen? Ich bin müde." Sie standen auf und richteten sich zur Nachtruhe, das heißt der eine zog seine Liitewka aus und der andere seinen Schlcfrock. Dann drehten sie das Gas ab und gingen hinüber. in die Schlaf-' stube, ganz wie es ordentlichen Bürgern geziemt. Daß man sein Bett selber machen muß, ist eigentlich unjeyonz." lagre cymiersriVe. ;jcg roeiu nur nich jenem, wie lange diese Aftermiethe dauern wird, sonst könnten wir uns ein Mädchen für alles anschaffen. Donnerwetter, so 'n elender Greife, schläft auf Daunen, und unsereins muß wer weiß wie oft bei Mutter Grün pennen." Er streckte sich auf das Lager rit einer unverschämten Ruhe, die das Gefühl vollkommener Sicherheit verrieth. Sein älterer Genosse saß noch eine Weile grübelnd auf dem Bettrand. Er lauschte hinunter in das leere Haus, ls w,nn er dem ??rieden nickit traue uno die Scyntte oer Pouzet auf den Stufen der Treppe erwarte; einmal griff er auch nach dem kurzen schweren Brecheisen, das unter der Bettstelle lag, und'richtete sich halb empor. Aber es war nur das Ehepaar Müller, welches sich unten im Keller zankte. Der Bahnschaffner mochte soeben nach Hause gekommen sein und hatte vielleicht die bessere Hälfte im Dusel vorgefunden. Dann wurde es stille, und der Berbrecher schlief gleichfalls ein. Er lag in dem Bette seines schlimmsten Feindes, und wenn der Traum ihm irgend etwas vorgaukelte, so waren das jedenfalls Pläne.jfür eine dunkle Zukunft, während Felix sich höchstens mit einer ebenso dunklen und verworrenen Begebenhcit beschäftigte, welche bereits der Vergangenheit angehörte, nämlich mit der Vorgeschichte des gestohlenen Rembrandt. Felix hatte Neulirchen mit dem Vorsatz betreten, allen körperlichen und geistigen Staub der Großstadt im Meere abzuspülen, die Buchenwälder des östlichen Holsteins zu durchstreifen und gelegentlich nun ja, natürlich ganz nebenbei das Schicksal zu fragen, ob es ihm die Fortsetzung eines Jugendtraumes bescheren werde. An den gestohlenen Rembrandt wollte er während seiner Sommerfrische gar nicht denken, aber der Zufall war heimtückisch genug, ihn gerade mit der Nase daraufzustoßen. Neukirchen erwies sich als ein Platz, den die Sommerfrischler erst seit etwa zwei Jahren entdeckt hatten, und der daher noch in den allerersten Windeln seiner zukünftigen Bedeutung lag. Von einem Strandhotel war noch nicht die Rede, und unter den fünfzehn bis zwanzig Fischerhütten war bis jetzt höchstens ein halbes Dutzend zur Aufnähme von Fremden hergerichtet. In dem kleinen Krug verwies man den Badegast sofort zu Mutter Nissen die daS schönste Logis habe, und bei der im verflossenen Jahr auch schon Jemand gewohnt hätte. Mutter Nissen bestätigte beides. Es war sogar eine feine junge Dame," sagte sie zu Felix, und sie wäre gewiß länger als die paar Tage geblieben, aber damals setzte gerade das schlechte Wetter ein." Felix konnte, wenn er wollte, die Ohren bewegen, und er that es. Eine junge Dame? So hm. Vielleicht war das meine Base. Wie. bnefc urnNT" Margarethe war es nicht, aber so ähnlich. Wir konnten den Namen nie behalten." Vielleicht Margott" Jawohl, ganz recht. Also das war die Vase von dem Herrn wie nett!" Nein," entgegnete Felix etwas verlegen,' meine Base heißt doch wohl anders. Aber vielleicht war es ihre Freundin. Sie wissen natürlich den Rufnamen?" Nee danach fragen wir hier nicht." Gut; zeigen Sie mir das Zimmer." Das war ein schlichter sauberer Raum. Im Alkoven stand ein schlohweißes Bett mit bunten Kattungardinen; ein leiser Duft von getrockneten Rosen und Lavendel durchzog das Gemach. Es steht seitdem leer," betheuerte Frau Nissen. Felix schnüffelte behaglich. Ja, ja. hier gefällt es mir, dieses Zimmer nehme ich ganz bestimmt. Darin muß sich 'Fräulein Margot auch wohl befunden haben." Gewiß, Herr; sie ging ja gar nicht heraus." Bis auf's Baden natürlich." (Fortsetzung folgt.)

stein zweites Port Ar thur. Die in der englischen und ame titanischen, theilweise auch in der deutschen Presse besprochene Nachricht von der Einrichtung einer Fortifikation" in Kiautschou ist geeignet, falsche Vorstellungen über die Absichten der Reichsregicrung zu nähren. Gemäß den Erklärungen des Staatssekretärs des deutschen Reichsmarineamtes in der Budgetkommission des letzten Winters besteht nur die Absicht, Kiautschou genügend zu befestigen, um es gegen rtS.in Handstreich von See her zu schützen. Ein Ausbau analog von Port Arthur ist weder jetzt noch in der Zukunft beabsichtigt. Auf 62 Meilen in der Sekunde wird die Geschwindigkeit einzelner auf die Erde gefallener Meteorite aescLaKt.

jencotcöcs Luge.

von ChärltS Folky. Obgleich es lange, lange her ist, daß ich sie zum letzten Male sah, erinnere ich mich noch genau an Jean und Genevieve, die beiden jungen Blinden. Damals war Jean Floville, der Sohn meiner Kousine, kaum acht bis zehn Jahre alt. Genevieve war zwei oder drei Jahre jünger. Die beiden waren Nachbarskinder. Das gleiche Unglück verband sie innig. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie im Schatten der großen Linde saßen, einer innig an den anderen geschmiegt. Jean war häßlich, aber er hatte ein durchgeistigtes Gesicht. Genevieve dagegen war außergewöhnlich hübsch. Der Anblick der beiden Blinden rührte mich tief und wird mir immer im Gedächtniß bleiben. Viele Jahre waren vergangen, als mich meine Kousine eines -Tages bat. mit ihr zu Hussant, einem berühmten Augenarzt zu gehen, da sie wußte, daß ich ihn persönlich kannte. Nur ich sollte mit Erlaubniß des Arztes der Untersuchung beiwohnen. Ich sollte Jeans Mutter dann alles genau berichten, denn sie meinte, daß der Arzt ihr selbst, fei es um ihr nicht zu viel Hoffnung zu machen oder eine zu große Enttäuschung zu bereiten, nicht die volle Wahrheit sagen würde. Uebrigens war ihre Befürchtung unnütz, denn Hussant war keine so rücksichtsvolle Natur. Am Tage der Untersuchung kam ich etwas verspätet zu Hussant. Meine Kousine und Genevieve warteten schon im Nebenzimmer. Man deutete mir durch eine Handbewegung an, daß Jean schon untersucht wurde. Ich betrachtete Genevieves Gestalt mit bewundernden Blicken. Sie hatte sich zu einer auffallenden Schönheit entwickelt. Die Thür öffnete sich, und Jean Floville trat vom Arzte geführt ein. Auch er war eine stattliche Erscheinung geworden, aber er war häßlich geblieben. Bleich, zitternd, ergriff er die Hand seiner Mutter und stieß bitter hervor: Ich wußt' es ja! Er kann mir nicht helfen. Ich werde nie das Tageslicht sehen!" Genevieve erbleichte und wandte sich ab. Madame de Floville brachte kein Wort über die Lippen, aber ihre Augen standen voll Thränen. Sie führte ihren Sohn zu Genevieve und die Beiden schlangen bewegt die Hände meinander. Der Arzt winkte mir, ich trat lautlos zu ihm. Für den jungen Mann ist nichts zu hoffen. Wie es mit ihr steht, weiß ich noch nicht. Sie dürfen dabei sein, aber geben Sie keinen Laut von sich. DaS würde die Patientin beunruhigen." Er ging, um Genevieve zu holen. Ich hörte Jeans angsterfüllte Stimme, die die Worte Lügen strafte: Hoffentlich hast Dü mehr Glück, Genevieve!" Ach. ich rechne nicht darauf!" gab sie ihm fast heiter zur Antwort und ließ sich leichtfüßig vom Arzte fortführen. ' Als die Thür sich hinter den Beiden geschlossen, fragte Genevieve, als hätte sie meine Gegenwart errathen: Sind wir allein. Herr Doktor?" Ja!" Sagen Sie mir bitte, gibt e3 nichts, gar nichts, was Jean wieder sehend machen kann?" Nichts!" Welch Jammer! ES Ware ein so amenloses Glück für ihn." Sie aber dürfen vielleicht auf Heilung hoffen!" Ach, ich bin schon an mein Gebrechen gewöhnt, ich fühle mich trotzdem glücklich." .Werden Sie nicht glücklicker sein, wenn Sie die Natur und sich selbst bewundern können?" Das etwas ungeschickte Kompliment ließ sie tief erröthen. ' Er suchte in seinen Instrumenten. Bei Ihrer aroßen Schönheit steht Ihnen die Zukunft offen: Reichthum, Liebe. Glück und Ehe. Lehnen Sie den Kopf bitte ein wenig zurück, damit ich besser sehen kann." Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Hat Madame floville Jhnm nicht gesagt, daß ich die Braut ihres Sohnes bin?" ,3, ja, sie sagte es!" gab er leichthin zur Antwort. Er schien gar nicht GenevieveS Aufregung zu bemerken, die feine Worte veranlaßt hatten. Soviel ich auf den ersten Blick beurtheilm kann, glaube ich, daß bei Ihnen ein operativer Eingriff möglich ist. Wenn diese Augen dem Licht geöffnet sind, werden sich Ihre Gefühle bald ändern und Jean de floville, so lieb er sie haben mag, wnd sicherlich . . ." Er wird mir immer das Liebste auf Erden sein!" unterbrach sie ihn bebend vor innerer Erregung. DummeS Geschwätz! Wen Sie sehen werden, daß Ihr Erwählter durchaus kein Adoniö ist und daß eS bundertmal schönere und elegantere Kavaliere gibt . . ." .Wenn das wäre, daß ich ihn jemals vergessen könnte, dann wäre es besser, viel besser, ich..." Ihr Gesicht wurde aschfahl. daS Wort erstarb ihr auf den Lippen. Der Arzt, der mit der Vorbereitung für die Operation beschäftigt war. ahnte nichts von dem tiefen Schmerz, der diese edle, reine Seele erschütterte. AIS er endlich die nöthigen Jnftrumente zurechtgelegt hatte, wandte er sich zu Genevieve. Sie sprang auf. MlS soll daS heißen," fragte er

barsch. Wollen Sie nicht sitzen bleiben? Sagte ich Ihnen nicht, daß ich Sie heilen kann?" Ja, ich weiß . . . aber ich habe Furcht, solch namenlose Furcht..." Scham hinderte sie den Satz zu vollenden, aber aus dem tiefen Schmerz, der auf ihrem Antlitz lag, las ich, was sie bewegte: Ich will Jean nicht weniger schön finden, ich will ihn nicht verlassen. Ich will ihn lieben!" Genevieve sagte zögernd: Ach ich habe Angst, Sie thun mir weh, Herr Doktor!" Wie kann man nur so furchtsam sein," gab Hussant ihr geringschätzigzur Antwort. Das hätten Sie sich vorher überlegen sollen. Meinen Sie denn, ich habe nicht mehr zu thun? Kommen Sie wieder, wenn Sie vernünftig geworden sind!" Sie lächelte über seinen Zorn und mit den Händen tastend suchte sie die Thür. Hussant gab ihr etwas unsanft die Thürklinke in die Hand und wandte . sich dann unwillig zu mir: Sagen Sie Madame de Floville, was vorgegangen. Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren." Und er klingelte, daß man einen anderen Patienten hereinführe. Als ich in das Wartezimmer eintrat, stand Genevieve neben Jean, der sie in sieberischer Hast ausfragte. Das Antlitz voll holder Liebe v:rklärt, fagte sie ihm mit ihrer süßen, frohen Stimme: Sagte ich es Dir nicht gleich, Jean, auch ich kann nicht geheilt werden." Das Gesicht des jungen Mannes überflog ein glückliches Lächeln. Madame de Floville heftete fragend ihre Augen auf mich. Ergriffen von dem, was ich gesehen hatte, fühlte ich mich nicht berufen, die großmüthige, heroische Lüge des Mädchcns zu verrathen. Ich fand nicht den Muth, selbst um der Wahrheit willen, mit einem Wort das ganze große Glück der Beiden zu zerstören. Ohne über das Unrecht, das ich leging, nachzudenken, nickte ich mein:: Kousine bestätigend zu. Und niemals hatte ich die geheime Mitwisserschaft an Gcnevieves Lüge zu bereuen.

jPie jnw in Japan. Ihre soziale Stellung in ältester Zeit uuS tu der Gegenwart. In dem vor Kurzem in London erschienenen Werk: The Awakening of Japan" läßt sich der Verfasser Oka-kura-Kakuzo über die Stellung der Frau im modernen Japan u. a. wie folgt aus: In Japan genoß die Frau schon immer int Achtung und Freiheit, wie sie sonst nirgends in den östlichen Ländern bestand. Wir hatten niemals ein Salisches Gesetz" (Ausschluß des weiblichen Geschlechts von der Thronfolge) und eine weibliche Gottheit (die Sonnengöttin) ist es. von der unser Mikado seinen Ursprung herleitet. Während einiger der glänzendsten Epochen unserer alten Geschichte standen wir unter der Herrschaft weiblicher Souveräne. Unsere Kaiserin Zingo führte persönlich eine siegreiche Armee nach Korea und Kaiserin Suiko war es, welche die feine Kultur unserer Na-ra-Periode einleitete. In unserer klassischen Literatur finden wir die Namen von mehr großen Schriftstellerinnen als Schriftstellern und ebenso auf physischem Gebiet konnten sich zur Zeit der Feudalherrschaft unsere Amazonen mit den tapfersten Kamakura-Rittern messen. Erst viel später, als die Lehre des' Konfucius größeren Einfluß auf UNsere, Sitten gewann, wurde die japanische Frau vom öffentlichen Leben ausgeschlossen und auf das beschränkt, was der chinesische Weise ihre Domäne nennt: den Haushalt. Dies verringerte aber nicht etwa unsere traditionelle Achtung vor dem Weibe. Noch bis nach der Restauration wurde die Kenntniß martialischer Uebungen wie Fechten und Jiujitsu als ein unentbehrlicher Faktor in der Erziehung einer Samu-rai-Tochter betrachtet, eine Anschauung, die noch heute in vielen alten Familien lebendig ist. Die Liebe hat in unserer alten Literatur niemals eine wichtige Rolle gespielt, und in den Rittergeschichten leiht der Samurai, stets bereit, Schwachen und Bedrängten beizusiehen, seinen Beistand ohne Ansehen des Geschlechts. Seit der Restauration haben wir nicht nur die Gleichheit der Geschlechter vor dem Gesetz anerkannt, wir haben uns auch die respektvolle Art des Wesiens gegen das Weib zu eigen gemacht.' Sie besitzt in der That alle Rechte ihrer europäischen Schwester, obwohl sie nicht eigentlich danach strebt, sie geltend zu machen. Denn fast alle unsere Frauen sehen das Haus, nicht die Gesellschaft als ihre eigenste Sphäre an. Im Osten wurde im Weibe stets in erster Linie die Mutter geehrt, und all die Huldigungen. die der christliche Ritter der Dame seines Herzens darbrachte, legte der Samurai der Mutter' zu Füßen. Nicht, daß das Weib bei uns weniger geehrt wurde, aber heiliger galt die Mutterschaft." K5txpaxttt Ernennung. Unter den Aerzten, denen jüngst in Preußen der Titel Sanitätsrath verliehen wurde, befand sich auch der praktische Arzt Dr. Kalker in Neuß, Rheinprvvinz. Leider stellte sich heraus, daß der Mann schon seit zwei Safiren verstorben war.