Indiana Tribüne, Volume 28, Number 28, Indianapolis, Marion County, 20 July 1905 — Page 7
Jttdlana Tribüne, 20. Juli ZOOS.
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44444 Der Vertrauensmann
ä llomsn von Paul Klurnenreicki i 4444 44 444444 (Fortsetzung.) Sie haben vielleicht wichtige Dinge in Erfahrung gebracht, die uns noch unbekannt sind," ermunterte er jenen. (5Iaub' ich nicht glaub' ich ganz und gar nicht. Aber, sehen Sie, mir hat da der Baumeister HarmZ Sie hatten ihn ja wohl auch vernommen? dieser Tage erzählt, wie er einen Weihnachtsabend in der Familie der Frau Houston verlebte. In ihrer Abwesenheit zwar, aber doch ganz in ihrem Sinne, und von ihrem Bruder und dessen Kindern ,in Szene gesetzt,' möcht' ich beinahe sagen. Nun, Sie werden den Zusammenhang vielleicht nicht vcrstehen dazu muß man Familienmensch sein, wie ich es bin. Aber mein Urtheil geht dahin: Wer solche Weihnachtsabende zu Stande bringt aus weiter Ferne sogar wer mit seinen Empfindungen so im Familienleben wurzelt, den halte ich keiner wirklich schlechten That für fähig! Wenn Sie dagegen dem Weber zu Leib gehen wollen und Sie brauchen mich oder d'e Bank dazu, Herr Rath das ist 'was anderes! Dafür sind wir zu haben. Ich hoffe, das ist klar!" Ter Richter schlug mit der flachen Hand auf das Aktenbündel, daß es klatschte. Und auf solch einen Idioten hatte man die Anklage stützen wollen! Der Vertreter der Germania" hielt zwar dem Richter keine Rede, aber Geld zur Verfolgung der Frau Houston und des Weber wollte auch er nicht hergeben. Frau Houston sei, wie man sich überzeugt habe, unschuldig an dem Brande. Die Gesellschaft habe ihrem Vollmachtsträger bereits bindende Zusage für die Schadenserstattung gegeben. Wenn die Behörde Weber überführen könnte, wäre noch immer die Frage, ob er etwas besäße, um die Gesellschaft schadlos zu halten. Wenn die Germania" in einer Brandstiftungssache genannt werden und die Rolle der Beschädigten spielen sollte, dann müsse es sich um einen Fall handeln, der gar nicht anders ausgehen könne, als mit einer Verurtheilung. Sonst erleide ihr Renommee mehr Schaden, als überhaupt für sie aus dem Spiele stand. Zur Ehre des Herrn Herrig sei es gesagt, daß diese Antwort ihn fast noch mehr ärgerte, als die Narrheit dieses Herrn Reimers. War das nun auch nicht ganz einseitige Jnteressenreiterei? Wo UM nicht in den Ruf zu kommen, aß sie bei größeren Brandentschädigungen Schwierigkeiten mache, lehnte die Gesellschaft es ab, ein notorisches Verbrechen aufdecken zu helfen und die Thäter zur Bestrafung zu führen! Denn UM ein notorisches Verbrechen handelte es sich hier für ihn wie er denn auch nach diesen beiden ZeugenVernehmungen der festen Ueberzeugung blieb, in Frau Houston und ihrem Freunde Weber die Thäter zu kennen. Xtz Staatsanwalt war ganz empört übcr die lächerlich: Kurzsichtigkeit dieser Philister. Lag es doch in ihrem Interesse, die Justiz zu unterstützen, damit durch die Wirkung des abschreckenden Beispiels gewisse Verbrechen verhindert oder doch vermindert würden! Daß hier Verbrechen vorlagen, war ihm noch weniger Zweifelhaft, wie Herrn Herrig, der schließlich nur eine Art Mittelsperson war zwischen dem Vertreter des Staates und solchen, die sich im Kampfe mit eben diesem Staate oder doch mit der Gesellschaftsordnung befanden. Natürlich, auch der Untersuchungsrichte? handelt nach bester Ueberzeugung, aber er ist doch nur ein Gehilfe des Staatsanwalts, der sich mit Recht für den Hüter der öffentlichen Ordnung hält. Und mit dieser Auffassung seiner Stellung ist ein Irrthum noch schwerer vereinbar, als mit der des Untersuchungsrichters. In dem vorliegenden Falle gar. den er mit ehrlichstem Eifer studirt hatte, hielt er einen Irrthum seinerseits für ausgeschlossen. Er war noch zu jung, um unbefangen zu prüfen, wie mannigfach die Quellen waren, aus denen sein Urtheil Nahrung gesogen. Der Beruf des Anklägers sollte nur den reifsten, weisesten, erfahrensten Richtern ofsen stehen. Die beiden Herren thaten da einzige, was unter diesen Umständen zu thun blieb. Gegen Weber war ein Steckbrief erlassen worden, als sein Verschwinden aus Berlin festgestellt war. Dieser Steckbrief würde das wußten die Herren keinen Erfolg haben. Aber er mußte solchen Schritten vorausgehen, die man etwa irgendwo wegen Webers Auslieferung thun wollte. Es war anzunehmen, daß dieser sich ebenso sehr bemühen würde, mit ttrau Houston ttübluna zu aewinnen. wie ctcic ja cscn an ryn gescyneren hatte, sobald ihre Ehe mit Jim Heuston gelöst war. Da man nun einige Hoffnung hatte. Mrs. Houston abzufangen auch ohne ihr einen Beamten uchzusenden so war es nicht unmöglich, hierdurch auch Herrn Weber auf die Spur zuWmen. Es wurde d:mgemäß beschlosst einen zweiten Steckbrief gegen Frau' Houston in Umlauf zu setzen und vonXseinem Inhalt die deutschen Behörden , in jenen Hafen orten telegraphisch zu verständ?aen. in
denen die Viktoria Augusta" programmgemäß Aufenthalt nehmen sollte. Gerieth ein solcher telegraphischer Steckbrief in die rechten Hände, so würde die heirathslustige Dame mit allem, was sie bei sich führte, natürlich auch mit ihrer Korrespondenz festgenommen. und damit wäre der erste, wichtigste Schritt zum Erfolge gethan. Auf dem Heimwege von Moabit hielt Reimers senior es für geboten, bei seinem Neffen vorzusprechen und ein glücklicher Zufall wollte, daß er ihn in feinem Bureau traf, wo er sonst um diese eit nur selten zu sein pflegte. In seiner etwas umständlichen Art theilte der Onkel dem jungen Mann mit, weshalb man ihn heute zu Gericht zitirt hatte. Er wiederholte mit stolzem Nachdruck, was er dem Herrn Untersuchungsrichter geantwortet hatte. Nebenher erwähnte er, was er von dem aufgefangenen Briefe Frau Houstons an Weber gehört und was der Richter daraus zu schließen scheine. Er hatte seinen Bericht noch lange nicht beendet, als Leonhard todesbleich und bebend vor Zorn aufsprang, ihn bei den Schultrrn packte und unter heftigem Schütteln ausrief: Das ist Euer Werk! Das sind die halben Verdächtigungen, die Ihr überall da für angebracht haltet, wo die Dinge sich nicht so .abschnurren, wie Jhr's von Kindesbeinen auf gewöhnt seid! Das sind die Früchte davon, daß man alles verwirft und verurtheilt, was einem .nicht klar' ist!" Er ließ den verdutzten Onkel stehen, stürmte in seine Kanzlei, diktirte eine sofort zu kopirende Eingabe an daö Gericht, ließ durch einen anderen Be-! diensteten telephonisch anfragen, ob d:r Herr Landaerichtsdirektor Weiße und der, Herr Erste Staatsanwalt heuie noch zu sprechen seien. Einen dritten seiner Leute schickte er zu einem befreundeten Kollegen, der zwar ein tüchtiger. verläßlicher Mann war. aber nrch keine große Praxis hatte. Er möchte sich in einer Stunde zu einer wichtigen Besprechung hier einfinden. Dann wieder flog Leonkard an dem noch immer rathlos dastehenden Onkel vorbei in seine anstoßende Priratwohnung. rief, während er sich umzog, seinen Diener, und gab ihm folgenden Bef'hl: Packen Sie mir zwei, drei gute Anzüge ein reichlich Wäsche und was sonst nöthig ist für einen Monat oder noch länger vergessen Sie nichts, aber vermeiden Sie alles Ueberflüssige ich verlasse mich ganz aus Sie. In zwei Stunden will ich reisefertig sein!" Das alles hörte Reimers senior, da sein Neffe sowohl vorher die Thür zur Kanzlei als auch jetzt die zu seiner Wohnung offen gelassen hatte. Aber er wurde aus alledem nicht klug; er hatte nur den Eindruck, sein Neffe sei plötzlich verrückt geworden. Aber Leo so komm doch zu Dir! Fasse Dich doch Du weißt ja nicht mehr, was Du sprichst! Du bist krank das ist Vnr)u Und er suchte den immer hin und hn Springenden festzuhalten. Aber der hatte noch hunderterlei zu thun. Den Bureauvorsteher anzuweisen, daß er seine Kasse abschließe, um von heute Mittag mit einem Vertreter des Anwalts weiterarbeiten zu können; sein Urlaubsgesuch zu diktiren; sich selbst mit baarem Gelde zu versehen; noch einige unaufschiebbare Verfügungen für morgen anstehende Termine zu treffen; dazwischen wieder Legitimationspapiere für sich herauszusuchen kurz er schien sich zu verzehnfachen, hielt alle seine Leute für eine halbe Stunde lang in Athem, nahm endlich die beiden inzwischen fertiggestellten Schriftstücke an sich und stürzte davon, dem Onkel nur ncch zurufend: ..Auf Wiedersehen, Alter! Aber nicht allein!" Sprachlos, kopfschüttelnd stieg der alte Reimers hinter seinem offenbar rasenden Neffen die Treppe hinab. Auf der Straße sah er ihn in einer Droschke davonrollen. Verrückt das ist leider nur zu klar!" sagte er und machte sich auf den Weg 'nach Hause. .Wenn Leonhard Reimers auch kein Vertheidiger in Strafsachen" war, wie der Untersuchungsrichter zutreffend bemerkt hatte, so kannte er doch die StrafProzeßordnung aus dem Grunde, und es war eine seiner werthvollsten Eigen schaften, daß er seinen geistigen Besitz jederzeit bei der Hand hatte. Schon bei den ersten Worten, die Onkel Reimers über die beabsichtigte Verfolgung der Frau Houston gesprochen hatte, war dem jungen Manne klar" geworden, in welch' entsetzlicher Gefahr die Mutter seiner künftigen Gattin stand. Und ebenso schnell formte sich auch' in ihm der Entschluß, ihr zu Hilfe zu kommen und sollte er Stellung und Vermögen daran setzen müssen. Sofort erkannte er, daß ein Steckbrief gegen die unglückliche Frau die allernächste Maßregel sem würde. Die betreffende Verfügung, rie einen ehrlichen Namen in den Schmutz zog, war oieuetcht m vielem Augendltcl schon er lassen. Aber hier sollte-ihm zustatten kommen, was man so vielfach als sein geordnetes Wissen" bezeichnet hatte. Solch ein Steckbrief war im letzten Augenblick noch zu verhindern, wenn die Behörde in amtlicher Form Kenntniß von dem augenblicklichen Aufenthalt der gesuchten Person und glaubhafte Meldung von 'ihrer Bereitwilligkeit, sich dem Gericht zu stellen, erhielt. Waren diese beiden Vorbedingungen erfüllt, so stand es einem der höheren Richter, in diesem Falle dem Landgerichtsdirektor
Weiße, zu, der Verfolgten das scgcnannte sichere Geleite" zu gewähren. Es wurde ihr alsdann eine, dcr Entfernung angemessene Frist gestellt, innerhalb deren sie sich freiwillig vor dem Untersuchungsrichter einzufinden hatte. Der in jedem Steckbrief enthaltene Haftbefehl gilt dann als so lange fiispendirt, als die angeschuldigte Person pünktlich allen Vorladungen Folge leistet oder sich nicht neuerlich der Fluchtabsicht verdächtig macht. Dies alles ist theilweise durch die Strafprozeßordnung festgelegt, theils wird es, wie der technische Ausdruck lautet, als konstante Praxis" geübt. Darauf also ließ sich ein vollkommener Plan zur Rettung der Frau Houston bauen. Reimzrs überzeugte sich zunächst beim Gerichtsschreiber der. Staatsanwaltschaft, daß der Steckbrief zwar verfügt, aber ncch nicht ausgefertigt sei. Er begab sich sodann zum ersten Staatsanwalt, um diesem unter Vorlage eine-' glücklicherweise in blanko von Frau Houston unterzeichneten Vollmachtsformulars (wie ihr Anwalt deren mehrere brauchen würde' während ihrer Abwesenheit) zu erklären, daß er den jetzigen Aufenthalt seiner Klientin genau kenne, daß er von ihrer bestimmten Absicht, sich auf jede Verdächtigung dem Gericht zur Verfügung zu stellen, die unanfechtbarsten Beweise habe, daß er bereit sei, Kaution in jeder Höhe für sie zu erlegen und daß er sich endlich dafür verbürge, Frau Emma Houston innerhalb dreier Monate selbst dem Gericht vorzuführen. Auf Grund dieser Erklärungen erbat er die Zustimmung des ersten Staatsanwalts zur Gewährung sicheren Geleits, die er sofort beim Landgerichtsdirektor Weiße beantragen wollte. , Der erste Staatsanwalt sah, wohl, daß hier nicht jugendlicher Amtseifer oder gar Spiegelfechterei im Spiele waren, daß vielmehr ein als ehrenwerth bekannter Mann mit dem ganzen Gewicht seiner Ueberzeugung diejenigen Rechtswohlthaten für seine Klientin zu erringen bemüht war, die Gesetz und konstante Praxis" zuließen. Ein Menschenkenner und trotzdem ein Menschenfreund, erbot er sich, den erregten jungen Anwalt zu dem Landgerichtsdirektor zu begleiten, dem das Gesuch schriftlich vorgelegt werden mußte. Es war in weniger als fünf Minuten genehmigt und gleichzeitig Verfügung getroffen, von der Veröffentlichung des Steckbriefes abzusehen. Auf Grund der Thatsache, daß Frau Houston sich bei Absenkung des Briefes an Leonhard Reimers in Hongkong befunden hatte, wurde die Stellungsfrist auf vier Monate ausgedehnt. Leonhard Reimers hatte seine Absicht, sich als der Vertrauensmann der Frau Houston zu erweisen, thatkräftig in's Werk zu setzen angefangen. Rackdem er an anderer Stelle sein Urräubsgesuch eingereicht, fuhr er zum Bureau des Norddeutschen Lloyd Unter den Linden," um dort ein genaues Reiseprogramm der Viktoria Augusta" zu erbitten, auch verläßliche Angaben darüber, ob und wie weit das Schiff bis jetzt Verspätungen habe oder ob mit den angegebenen Daten zu rechnen fei. Aufmerksam geworden durch die dringlichen Fragen des offenbar erregten Herrn, stellte sich ihm der weltgewandte Chef der Filiale zur Verfügung. Der Anwalt erklärte offen, daß es ihm darum zu thun sei, das Schiff so schnell wie möglich zu erreichen. Das war nur möglich, wenn man morgen früh mit Kaiser Wilhelm der Große" nach New Fork reiste und von dort aus per Bahn nach San Francisco. Die Seereise würde nicht länger als sechs Tage, die Eisenbahnfahrt nicht über sieben Tage in Anspruch nehmen es durfte allerdings kein Zwischenfall eintreten, denn heute war der fünfte Januar und am zwanzigsten sei die Viktoria August" in San Francisco fällig, wo sie bei pünktlicher Ankunft drei Tage Aufenthalt nehmen sollte. Nun, es gab keinen Zwischenfall, der den Anwalt hätte aufhalten können, meinte er. Er ließ telegraphisch einen Platz auf dem Kaiser Wilhelm der Große" belegen. In seinem Bureau traf er nicht nur den Kollegen, den er hergebeten, son dern auch Herrn Römpler, der erst gestern Abend von einer Reise heimgekehrt war und ihm wichtige Mittheilungen zu machen hatte. Sie müssen schon verzeihen," sagte Reimers, aber mir geht es wie Phileas Fogg ich will heute übn vierzehn Tage in San Francisco sein! Also seien Sie nicht böse: machen Sie's kurz!" Gern, lieber Anwalt. Ich habe in Wien Herrn Doktor Weber gesehen! Das gab nun doch einen Schrecken, vielleicht gar den unerwünschten Zwischenfall. Römpler berichtete, wie er Weber vor dem Hause eines Geschäftsfreundes getroffen, aber nicht aufgehalten habe, weil dazu vorläufig kein Grund vorlag. Erst im Magazin des Geschäftsfreundes habe sich solcher Grund ergeben denn da hatte Römpler einen großen Theil des angevny im Brande zugrunde gegangenen Silberschatzes der Frau Houston vorgefunden, auch andere werthvolle Stücke aus ihrem Besitz. Ein Zweifel sei ausgeschlossen, weil die Musenfiguren Unika waren, die ihn stets ganz besonders interessirt hatten. Die Sachen waren vollkommen unversehrt, in einem großen amerikanischen Koffer verpackt gewesen, und der Herr, der sie zum Verkauf angeboten, auch einen namhaften Vorschuß auf den Auktionserlös empfangen hattewar niemand anders, als Dokto? Weber, der eben das Geschäftslokal verlassen
hatte. Allerdings hatte er sich dort Sidney Daly genannt. Und was haben Sie gethan, Herr Römpler?" fragte der Anwalt, der die Situation sofort durchschaute. Ich muß gestehen ich war rathlcs. Mein Eindruck war, daß Mrs. Houston diesem Verkauf ihrer Sachen nicht fern stand." Sind Sie von Sinnen, Herr?" fuhr Reimers auf. Frau Houston ist tausende Meilen fern von hier " Das würde wohl kein Hinderniß sein," meinte Römpler ruhig. Man kann dergleichen auch brieflich, auch! ganz heimlich anordnen. Handelte es! sich nicht um einen Schritt, der die Oeffentlichkeit zu scheuen hatte, so würde es wohl naher gelegen haben, mir die Gegenstände zum Kauf anzubieten!" Ach. jetzt verstehe ich," rief Reimers erleichtert aus, Ihnen ist ein gutes Geschäft entgangen und deshalb" Nicht deshalb allein! Aber diese Sachen sollten ja doch angeblich verbrannt, in den Flammen geschmolzen sein. Sie, Herr Anwalt, Sie wissen nicht, wie unsereins so seltene Stücke liebt und behütet und bewacht, auch wenn wir sie längst verkauft haben. Nun verschwindet das alles bei einem furchtbaren Brande, um einige Zeit darauf bei einem Konkurrenten wieder aufzutauchen. Können Sie mir nicht nachfühlen?" Doch nur sehr unvollkommen," unterbrach ihn der Anwalt. Ich muß Sie daran erinnern, da wir alle annahmen, Weber habe verschiedenes beiseite gebracht. Wenn Sie also die vermißten Sachen durch einen glücklichen Umstand entdeckten und Herrn Weber gar in d:r Nähe wußten, hätten Sie Wichtigeres, Besseres thun können, als Ihrem Sammler- oder Kenner - Sentiment nachzuhängen. Die Verhaftung Webers hätten Sie herbeiführen sollen das wäre gescheit gewesen!" Das hab' ich nicht riskirt aus Rücksicht für Frau Houston." Die Sie für mitschuldig hielten an einer Brandstiftung," rief Reimers nun erregt. Man sieht, wohin es führt, wenn man seine ganze Intelligenz todten ,Objekten' zuwendet, statt auch Sinn zu behalten für das werthvollste Kunstobjekt der Schöpfung, für den Menschen! Nur noch eines: was geschieht jetzt mit den Sachen der Frau Houston?" Ich habe meinem Freunde dringend angerathen, sie nicht zur Auktion zu stellen, sondern zu warten, bis ich Sie gesprochen habe." Nun, damit haben Sie wenigstens zum Theil gutgemacht, was Sie da im Kunsteifer Uebles angestellt. Lassen Sie mir die Adresse des Herrn hier ich werde das Weitere veranlassen." Die Episode war vorüber, ohne aus Reimers auch nur den allergeringsten Eindruck gemacht zu haben. Mochten sie nur alle, jeder von seinen besonderen, persönlichen Gründen geleitet, seinen guten Glauben zu erschüttern suchen in seiner gesunden Natur ist der Glaube an das Gute nicht so leicht in's Wanken zu bringen. Der Kolleae war nur au aern bereit Reimers Vertretung zu übernehmen, aber es kostete doch einige Stunden Zeit, um ihn zu informiren. Trotzdem fand Leonhard noch die Möglichkeit, sehr vieles zu besorgen, was seiner Reise dienlich werden konnte. Von einem Klienten, der nach Kalifornien exportirte, schaffte er sich eine angelegentliche Empfehlung an den deutschen Konsul in San Francisco; er ließ sich die Nummer des Neichsanzeiger" besorgen, in der der Steckbrief gegen Weber veröffentlicht war, um die amerikanischen Behörden auch durch ein amtliches Zeugniß über die Sachlage aufklären zu können; er schrieb dem Wiener Kunsthändler, daß die von dem angeblichen Mr. Daly übernommenen, durch Herrn Römpler rekognoszirten Kunstgegenstände gestohlen seien und forderte als Bevollmächtigter der Bestohlenen zur Rückgabe gegen Erstattung des verauslagten Betrages auf, den er übn gens freiwillig um -zehn Prozent zu erHöhen sich bereit erklärte. Endlich verständigte er den Baumeister Harms, daß er, Reimers, heute Abend sein Zug ging erst um elf Uhr ab bei dem alten Engelhard sein würde und dort gern mit ihm zusammenträfe. Däneben liefen noch immer hundert kleine Dinge, an die ein mitten im geschäftlichen Verkehr stehender, vielbeschäftigter Anwalt denken mußte, wenn er plötzlich auf Monate hinaus sich seinem Beruf entziehen wollte. Die modernen Menschen, die Helden" von heutzutage, sind nur selten in der Lage, durch große, welterschütternde Thaten ihren Ruhmestitel zu erwerben. Die Alexander, Cäsar, Napoleon und neben ihnen Hun derte, deren Namen die Nachwelt mit Recht dankbar lebendig erhält, sie haben oft in einer einzigen gewaltigen Kraft leistung ihr Heldenthum erweisen können, haben sich ungehindert von Neben gedanken durch Konzentrirung ihrer ognzen Persönlichkeit in den Dien.Zt eines Augenblicks stellen Dürfen, um so selbst eine Uebermacht, ein Stück Schickal zu werden. Der Held von heute siegt zumeist durch Tugenden, die jenen Großen wenig oder gar nichts genützt hätten. Wie der deutsch-französische Krieg im Wesentlichen durch die minutiöse. tausend Möglichkeiten erwägende und für alle tausend vorsorgende Arbeit des Moltkeschen Generalstabes gewonnen wurde, so sind auch die Großthaten der Menschen von heute mehr eine Gesammtwirkung zahlreicher kleiner DenkProzesse, die freilich von einem Gedanken beherrscht sein mußten, um sich zum ganzen, zu einer That zu formen. Ob
deshalb diese modernen Helden weniger leisten als ihre gewaltigen Vorgänger, das zu entscheiden muß kommenden Tagen vorbehalten- bleiben. Immerhin, Leonhard Reimers verdiente den Namen eines Helden, als er auszog, die Ehre einer Frau zu retten. Bei Engelhards war man nicht wenig erstaunt über den unerwaricte.? Besuch, und man konnte es nicht fassen, daß Reimers wirklich heute Abend nach San Francisco reisen wollte, der Viktoria Augusta" entgegen. Freilich in Gedanken befand sich Martha längst auf dieser Reise. Sie erzählte beinahe beschämt, daß sie, so oft es ihre Zeit irgend möglich mache, sich vor dem Schaufenster for Lloyd-Filiale Unter den Linden" einfand, um auf der riesigen, dort ausgebreiteten Seekarte die Fahrt der Viktoria Augusta" zu verfolgen. Jeden Tag werden da nach den- einlaufenden Depeschen winzig kleine Schiffchen auf den auf der Karte vorgezeichneten Fahrstraßen ein Stückchen vorwärts gerückt und man kann sich, so oft eines der wirklichen Schiffe einen Hafen erreicht hat, oder von einem anderen, inzwischen gelandeten gesehen worden ist, überzeugen, daß und wie weit es seinem Bestimmungsorte sich nähert. Vielleicht wird sich dies Signalsystem für die Zurückgebliebenen noch vervollkommnen, wenn es dereinst gelingt, auf weite Entfernungen ohne Draht zu telegraphiren. Aber auch jetzt schon gewährt es Trost und Beruhtgung, seinen Lieben durch ferne Meere folgen zu können. Daß nun aber der Anwalt leibhaftig diese Tausende von Meilen überwinden wollte, das kam den Engelhards vor, wie ein Kapitel aus einem Romane Jules Vernes. Nur Meister Harms erkannte die Ursache von Reimers kühnem Entschluß. Er zieht aus, ein anderer Drachentödter," sagte er bedeutsam zu Martha, nur daß die Drachen Fabelthiere waren; die Ungethüme unserer Zeit aber sind grausame Wirklichkeit." Der Hauptzweck von Reimers Besuch war, mit Engelhard zu vereinbaren, daß man ihm nach NewAork depeschire, falls etwa bis zum elften diesesMonats noch' irgend eine Nachricht von Mrs. Houston hier einliefe. Sie konnte das Schiff verlassen haben, um irgendwo Aufenthalt zu nehmen es konnte eine Aenderung ihres Reiseprogramms nothwendig geworden sein. Wenn Reimers hiervon bereits in New )orf Kunde vorfände, würde er unter Umständen sehr viel Zeit ersparen. (Fortsetzung folgt.) Tchonheitövflege in Italien. In Italien, so schreibt die illustrirte Monatsschrift Das Aeußere." sind die Eltern sehr bedacht darauf, ihre Kinder, namentlich die Mädchen, schon im zartesten Alier schön zu erhalten. Selbst in den ärmsten Klassen haben die Frauen nicht nur einen anmuthigen Gang, sondern tragen auch das Haupt mit graziöser Würde. Dies erreichen ste dadurch, daß sie Lasten auf dem' Kopf tragen, wodurch sie eine schöne, gerade Haltung sich angewöhnen. Selbst die Kinder der besseren Klassen müssen oft schwere Gewichte auf dem Kopf tragen, was sehr zur Entwicklung des Nackens und der Schultern beiträgt. Auch auf die Gesichtsbildung wird große Sorge verwendet; die Nase der Kinder wird öfters im Tag gedrückt und gepreßt, um sie zu verlängern oder zu verkürzen. Den italienischen Kindern wird nie erlaubt, die Augen zu reiben. Thränen sollen nicht zurückgehalten werden, und man soll die Kinder stch ausschreien lassen, denn dies mache die Augen rein und klar. Lesen im Zwielicht wird nie gestattet. Die zwei besten Mittel zur Erhaltung der Schönheit sind Ruhe, wenn man stch unwohl fühlt, und Vermeidung vielen Fleischgenusses. Völlige Ruhe, selbst bei leichter Unpäßlichkeit, verhindert nervösen Verfall und bewahrt das gute Aussehen. Die Diät enthält 'sehr wenig Fleisch, dagegen viel Obst, und das Gesicht wird beständig durch Massage aufgefrischt.
Schloß Vabelsberg erweitert. Der geplante Erweiterungsbau von Schloß Bclbelsberg bei Potsdam, in dem das kornprinzliche Ehepaar nach einigenJahren Wohnung nehmen soll, ist auf rund 3.000.000 Mark veranschlagt. Die Summe wird größtentheils aus der Schatulle des Kaisers gezahlt werden, da er der eigentliche Besitzer des Schlosses und Parkes von Babelsberg ist. Das einstige Tuskulum Kaiser Wilhelms I. ist nicht Eigenthum des Kronfideikommiß, fondern wurde als Prwatbesttzung der einzigen Tochter des alten Kaisers, der Großherzogin von Baden vermacht. Diese hat mehrere Jahre in Babelsberg die Eigenthumsrechte ausgeübt, dann aber Schloß und Park wegen der hohen Unterhaltungskosten an Kaiser Wilhelm II. abgetreten. Ein erwachsener Strauß soll bei drei Ernten innerhalb zwei Jahren ein Pfund Federn erste? Klasse und einige Pfund kleinerer Federn liefern. Glockensignale unter Wasser. An der Wesermündunz fanden jüngsthin die ersten praktischen Versuche mit nuten Unterwasser-Glok-kenstgnalen statt. Die Glockenstgnale deS Feuerschiffs wurden auf fast acht Seemeilen deutlich vernommen.
Schulcnllasscnc Waffen.
Eichung verwaister Nädchen und Knad i brauchbaren Mensche. Der Freiwillige Erziehungsbeirath für schulentlassene Waisen" in Berlin hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Waisenkinder durch gründliche Vorbildung für irgend einen praktischen Beruf zu leistungsfähigen Bürgern und tüchtigen Menschen heranzubilden. Welche Fülle von Arbeit der Verein hierdurch leistet, darüber belehrt ein Blick in den dieser Tage erschienenen Arbeitsbericht über die Jahre 1903 und 1904. Die für die Zwecke des Vereins aufgewendeten Summen betrugen 1903 28,329 Mark, 1904 34,483 Mark. An Pflegegeldern sind 1903 19,189 Mark, 1904 19.787 Mark ausgegeben worden. 'Dabei sind noch die beträchtlichen Summen nicht mitgerechnet, die von den Pflegern aus eigenen Mitteln aufgewendet und der Vereinskasse nicht in Rechnung gestellt wurden. Die Zahl der in Lehrstellen und Dienste untergebrachten Pfleglinge betrug 1903: 1400, 1904: 1300. Ein Heer von über 1500 Pflegern und Pflegerinnen war für die Kinder thätig. Zur besseren Uebersicht der Organisation ist Berlin in 11 Gruppen mit 272 Bezirksausschüssen eingetheilt. Das Verhältniß zwischen Pfleger und Pflegling ist ein rein persönliches. Es umfaßt nicht allein die Unterbringung eines Kindes in einer Lehrstelle, sondern auch die dauernde Überwachung bis zur Vollendung der Lehrzeit. Auch für die Gesundheit der Kinder wird auf's Beste gesorgt. So wurden 85 Kinder im Jahre 1903 und im nächstfolgenden Jahre 122 Kinder theils auf's Land, theils in Heilstätten und Seebäder geschickt. Für Kinder, die zu kränklich sind, um stch bei ihren Wirthen irgendwie nützlich zu machen, und die unter ärztlicher Aufsicht stehen müssen, ist ein eigenes Erholungsheim gegründet. Da die Berufswahl meist entscheidend für das ganze spätere Leben ist, so geht der Verein bei seiner Berathung sehr sorgfältig zu Merke. Er hat einen Wegweiser für die Berufswahl" herausgegeben. Das von Fachleuten bearbeitete Schriftchen gibt Über 171 Berufszweige für Personen beiderlei Geschlechts möglichst ' erschöpfende Auskunft. Das Athmen der Japanerin. . In seinem kürzlich erschienenenVuche Gymnastische Uebungen für Frauen nach japanischer Methode" erzählt W. Jrving Hancock in London, wie der Japanerin von frühester Jugend auf die Ueberzeugung beigebracht wird, daß ein Leben ohne genügend frische Luft ganz unmöglich ist. Die Fenster, die in Japan selten aus Glas, sondern meist aus geöltem Papier bestehen, wehren auch im kältesten Winter der Luft den Zutritt nicht., Ueberdies werden sie von der Japanerin beim Schlafengehen ein wenig geöffnet, so daß die frische Luft über ihr am Boden befindliches Lager hinwegstreichen kann. Wird ihr dabei kalt, so. deckt ste sich vielleicht etwas wärmer zu, aber, das Fenster schließt ste nicht. Zu ihren ernsten Verrichtungen am frühen Morgen gehört es, daß ste ins Freie geht. In vollen Zügen athmet ste hier die frische Luft ein. Diese innerliche Reinigung wird für viel wichtiger gehalten als das darauffolgende Bad. Nur an den allerkältesten Wintertagen bleiben die Fenster der Küche und der anderen Räume des Hauses geschlossen. Dumpfe Luft kennt man daher in Japan nicht. Das athemhemmende Korsett wird nur von emanzipirten- Frauen getragen. Bei der Arbeit tritt sie in kurzen Zwischenräumen ans Fenster, um zu athmen, und auch ihre gymnastischen Uebungen müssen von tiefem Ein- und Ausathmen begleitet sein. Lebenszähigkeit bei Thieren. Nattern vertragen einen elfstündigen Aufenthalt in luftleerem Raume. Schaben sind nicht einmal mit Schwefeldämpfen todtzuräuchern. Koloradokäfer leben wieder auf. wenn ste eine halbe Stunde in Kohlenoxydgas oder Chlorgas geleg5n haben. Bei Blattläusen z. B. genügt ein elfstündiges Untertauchen unter Wasser nicht, um die Thiere zu ertränken; nach Sajo muß zum Todten der Rebläuse mit Wasser die Bodenfläche 45 Tage lang mit einer 8 Zoll hohen Wasserschicht bedeckt bleiben! Aus den interessanten Versuchen einer Dame, Frl. Fielde, ergab stch die Thatsache, daß ein viertägiges Unterwasserhalten von 18 Ameisen.der Art Stenamma Fuloum" nur eine einzige vernichtet hatte, ein achttägiges ließ von 12 Exemplaren 7 wieder aufleben. Ein Mensch kann schon nach einem höchstens 15 Minuten dauernden Aufenthalt unter dem Wasser nicht mehr ins Leben zurückgerufen werden. Ohne Wasser stirbt eine Ameise nicht dahin, ohne feste Nahrung kann sie tagelang leben. Eine 29tägige Hungerkur hat ein Camponotus herculaneus pictus- ausgehalten, eine Stenamma fuloum" hat 46 Tage gehungert, während eine Königin von Formica lastodes" sogar 60 Tage ohne Nahrung aushielt. Verhangni ßvoller Zufall. Der Pfarrvikar von Rattenkirchen, Oberbayern, zeigte ein von ihm gekauftes-Jlobertgewehr vor, ohne zu ahnen, daß noch eine Patrone im Laufe steckte. Plötzlich entlud sich der Schuß, und die Pfarrköchin Therese Galland siürzte todtlich getroffen zu Boden.
