Indiana Tribüne, Volume 28, Number 276, Indianapolis, Marion County, 14 July 1905 — Page 7
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Der llcrtrmicnsmmmj
i Vioman ton Paul glumcttreidt I 5 o (Fortsetzung.) Schon beim ersten Uebersliegen des ausführlichen Briefes erkannte Martha zu ihrern Schrecken, daß die Tante, als sie Kieses Schreiben absandte, also am 23. November, noch nicht die leiseste Ahnung von dem Unheil hatte, von dem sie daheim betroffen worden. Sie schrieb in einem fröhlichen, glücklichen, nahezu jugendlichen Tone, daß sie sich auf dem herrlichen Schiffe Viktoria Auguste" befinde und schon zu einem Viertel die Welt umkreist habe. An Frankreich, Svamen, Süditalien war sie vorübergekommen, hatte den Bosporas gesehen und Smyrna, war durch den Suezkanal gefahren und durch das Rothe Meer und werde nun binnen wenigen Tagen den indischen Hafen erreichen, von dem dieser Brief abaehe. Nie hätte sie geglaubt, daß die Welt so schön sei. Und Margit sei das fröhlichste Kind, das man sich denken könne. Die Tante mußte glücklich sein, wie nie zuvor. Sie schrieb unter Anderm: ...Noch etwas Wichtiges muß ich Dir melden, liebe Martha: ich bin nicht mehr Mrs. Houston, sondern Frau Emma Engelhard! Das ist folgendermaßen gekommen. Mein Londoner Advokat, ein Mann von unbedingter Zuverlässigkeit, versicherte mir, daß die Lösung meiner Ehe mit Jim Houston nun ganz gewiß in wenigen Wochen erfolgen werde. Bis dahin freilich dürfte ich mich nicht wundern, meinen Namen durch alle englischen Blätter gszerrt zu sehen. Das lassen sich die englischen und amerikanischen Zeitungen nun einmal nicht nehmen, aus einem Ehescheidungsprozeß gehörig Kapital zu schlagen, besonders, wenn es sich um einen bekannten Namen handelt. Und doch würde ich auf der ganzen Reise nur englische Blätter zu Gesicht bekommen, auch den Verkehr mit Engländern- und Amerikanern nicht meiden können. Denke Dir nur, was der vortreffliche Mr. Dawton mein Anwalt für eine brillante Idee hatte: er ging zur amerikanischen Votschaft, legte dem Botschafter die Sache klar und erwirkte richtig, daß mir auf Grund meiner Familienpapiere und unter Mr. Dawtons Bürgschaft ein amerikanischer Paß für Frau Engelhard und Tochter ausgefertigt wurde. Unter diesem Namen habe ich dann auch die Reise angetreten, obwohl ich den Paß erst in Bordeaux erhielt. Ich will ja meinem ersten .Mann nicht wehe thun, aber jetzt ist mir unter dem alten Namen Engelhard so viel wohler! " Gewiß, das sah Martha vollkommen ein. Nur befremdete es sie ein wenig, daß die Tante so offen mit ihr über diese Dinge sprach. Sie war kaum zwanzig und die Tante nahezu doppelt so alt. Uebrigens zeigte sich, daß dies nicht der Hauptinhalt des Briefes war. Seit sechs Jahren." schrieb Frau Emma weiter, haben wir den Weihnachtsabend stets im Hause Deines Vaters verlebt, und ich erinnere mich nie ohne Rührung an Euren großen Tannenbaum. dessen Lichter auf kunstvoll gedrechselten kleinen Leuchtern steckten! Und wie bunt er aufgeputzt war! Das eine Jahr mit Schnee bestreut und ein andermal glitzerten Eiszapfen daran! Nun, dieses Mal werden wir Beide sehlen. Dagegen habe ich eine Bitte: Du findest in dem mitfolgenden Kouvert etwas aus Margits Sparbüchse etwas hab' ich selbst zugelegt damit sollt Ihr dieses Jahr Weihnachten recht froh begehen und zwar in meinem 'Hause Das Herz stand der armen Martha still. War es nicht grauenhaft, wie ahnungslos der Mensch sein kann, auch wenn das Furchtbarste über ihn hereinbrach? Wie wenn man Jemand über den schwindelnden Steg, der einen Abgründ überbrückt, hinwegtanzen sieht. Oder wie wenn Kinder mit den Blumen spielen, die sie von Gräbern gepflückt! Sie konnte sich gar nicht hineinfinden in den Gedanken, daß diese glückliche Frau sich nun ein frohes Fest ausmalte, in ihrem Hause stattfindend, in dem Hause, das heute nur noch ein Trümmerhaufen war. Es schnürte ihr die Brust zusammen. Nicht nur Euch hoffe ich damit eine Freude zu machen, sondern auch den braven Hinzes, den Pförtnersleuten, denen ich sonst immer einen Baum angezündet habe, wenn auch erst am Abend des ersten Feiertages. Vielleicht wird auch Doktor Weber sehr gern an solcher Familienfeier theilnehmen; und ich bin überzeugt: auch der Baumeister 'Harms käme mit Vergnügen. Er ist ja für das .Bürgerliche'Es folgten noch einige Anordnungen, wie die Hinzes zu beschenken seien, wie man auch kleine Aufmerksamkeiten für die Herren Harms und Weber bereit .halten sollte und wie namentlich die 'ganze Familie Engelhard sich's von Derzen wohl sein lassen mochte in der Villa Engelhard die beigefügten 1000 Mark sollten ganz und gar ausgeKraucht werden, jeden zu erfreuen. Eine Nachschrift von Margit schrieb vor, was Martha für sich kaufen sollte. Und wenn Du gelegentlich den Recktsanwalt Reimers fiebft. saae ibm. lich sei wohl und munter und ich würde Wort halten."
Daß man in sem Weihnachtspro-
gramm eingriff, war durchaus nicht nach dem Sinne des alten Engelhard. So viele Jahre hindurch war er an diesem Abend eine Art Fürst gewesen, ein Alleinherrscher im Reiche der Freude. Er hatte heimlich den Baum aufgeputzt, er hatte aus buntem Papier Netze geschnitten und Ketten geklebt und Sterne gekmfst und Katzentreppen; ) hatte Aepfel und Nüsse vergoldet und kleine Fahnchen aus Rauschgold an die Spitzen der Zweiae aebunden: und schließlich war er auch als der Beschenkende immer d:e Hauptperson gewesen, wenn freilich seine Schwester sich's nicht nehmen ließ, auch ihrerseits mit einem Wagen voll Schachteln und Packeten vorzufahren. Nun sollte er all seiner Weihnachtswürden entsetzt werden. Die große Spende Emmas, d:e an seme Tochter gelangt war, gab doch dieser letzteren ein Recht, sich an den Einkäufen und Arrangements zu betheiligen. Zu alledem sollte ja das Fest nicht in seinem Hause gefeiert werden. Doch gerade diese, die drückendste Bestimmung schien ja unersuuvar; vie Villa Houston existirte nicht mehr. Vater Engelhard hatte es von jeher sehr ernst genommen mit den Wünschen seiner Schwester. Er blickte zu ihr auf, obwohl sie soviel jünger war. Das mochte wohl auf die tief in ihm schlummernden, in seinem armen Leben gar nicht zur Geltung kommenden künstlerischen Triebe zurückzuführen sein. Bei seiner Schwester sah er sie herrlich aufblühen in der Art, wie sie ihr Haus zu schmücken wußte. Er verehrte diese immer gutige, immer nachsichtige Schwester auch sonst er mußte einen Weg finden, auch ihren diesmaligen Weihnachtswünschen gerecht zu werden. Und der Ausweg ergab sich ziemlich leicht: das Pförtnerhaus der Villa Houston war unversehrt geblieben; es enthielt außer Küche und Schlafstube ein geräumiges, zweifenstriges Zimmer, und da die Pförtnersleute in Emmas Programm ohnehin eine Rolle spielten, war Engelhards Entschluß schnell gefaßt. Man würde den Baum bei den Hinzes anzünden. Und am Tage vor dem Heiligabend fuhr Engelhard mit seiner Tochter auf emem Wagen, den er sich vom Nachbar Grünkrämer ausgeliehen hatte, hinaus in den Grunewald. Ein mächtiger Tannenbaum war aufrecht auf dem Wagen festgebunden; ungezählte Festgeschenke fu? alle Engelhards, für die beiden Hinzes, für Herrn Harms lagen wohlverpackt nn Schatten der Tanne. Herr Doktor Weber würde ja wohl schwerlich aus der Versenkung auftauchen. Man wußte, daß er verhaftet gewesen, entlassen worden und ver schwunden war. Die Zeitungen hatten das gemeldet. . Wenn er übrigens trotzdem käme, war auch für ihn em passendes Geschenk vorhanden. Vater Engelhard hatte eben an alles gedacht. Sogar ein paar Wurste für Lore waren nicht vergessen worden. Dagegen, daß Herr Harms eingeladen werde, hatte Martha zwar sehr nackdruckllch, aber vergeblich protestirt. Die Tante will's so haben," damit war für den alten Engel hard die Frage entschieden; und er hatte an den Baumeister geschrieben. Als sie mit ihrer Weihnachtsladung vor der Brandstätte ankamen, sahen sie Leute in den Ruinen arbeiten. Man erkannte Harms, der mit einem Dutzend Arbeitern gekommen war, einen Bretterzaun um die traurigen Reste der Villa Houston aufrichten zu lassen. So ist nun der Grunewald," rief Engelhard dem an's Gitter getretenen Architekten entgegen, man muß die Bäume aus der Stadt herbringen!" Während Martha peinlich berührt war von der Begegnung mit Harms, schien dieser sehr aufgeräumt. Er fand die Idee, den Weihnachtsabend nun doch auf dem Grund und Boden der Frau Houston zu feiern famos" und er wollte den Festtheilnehmern den Anblick des Trümmerfeldes ersparen. Es ginge ja freilich bald an's Wiederaufbauen, meinte er zuversichtlich, bis dahin sollte der Zaun die Wüstenei verdecken. Und er ging zu seinen Leuten, da Martha offenbar nicht zu einer Unterhaltunz geneigt war. Hocherfreut zeigten sich die Hinzes, nun doch wieder ein Lebenszeichen von ihrer Herrin zu haben. Sie zehrten nun schon seit sieben Wochen vom eigenen Fett," wie Frau Hinze sagte; sie waren auch durch alle diese Vernehmungen, Konfrontationen und Interviews, nicht zuletzt durch das unaufhörliche Geschwätz gewisser Blatter völlig kopsscheu geworden, so daß sie beinahe nicht mehr wußten: war Mrs. Houston mitschuldig an dem Brande oder nicht Nun aber hatte sie sich in unausdenk barer weiter Ferne ihrer erinnert, hatte Sorge getragen, daß ihre Leute das Weihnachtsfest nicht einsam verleben mußten, hatte sie wahrscheinlich auch reicher als sonst beschenkt. Und als sie gar erfuhren, daß Mrs. Houston noch gar nichts wisse von der Zerstorung der Villa, waren die beiden Leute zu Thränen gerührt. Frau Hmze über nahm es. für die ganze Gesellschaft morgen zu kochen und zu backen, während ihr Gatte dem alten Engelhard zur Hand ging bei der Fertigstellung des Baumes. Martha hatte nur ihre Packete in Sicherheit gebracht und das Nöthige mit Frau Hinze besprochen, dann war sie mit der Bahn wieder nach Berlin zurückgekehrt. Ihre Mäuler" wollten auch heute essen, trotzdem morgen Heiligabend war; und überdies ging sie einer neuen Begegnung mit Harms gern aus dem Wege. Am nächsten Abend freilich ließ sich'ö
nicht vermeiden, daß sie mit ihm sprach. Er hatte um die Erlaubniß gebeten, seinen bescheidenen Theil beitragen zu dürfen zu der Festesherrlichkeit und kam nun Abends gegen sechs Uhr, gefolgt von einem Arbeiter, der einen Korb Wein brachte; er selbst schleppte einen zweiten Korb, gefüllt mit Süd-! früchten. Beides übergab er Martha zur Amtshandlung." wie er sagte. Aber in der Küche, die allein jetzt disponibel war und in der überdies noch Frau Hinze die Karpfen auf dem Herde hatte, konnte man nicht bleiben, während Vater Engelhard drinnen im Zimmer die letzten Vorbereitungen traf. Er habe noch reichlich eine Viertelstunde zu thun, hatte der Alte gesagt, man möge sich draußen im Garten tummeln, bis er das gewohnte Zeichen gäbe. Es war ein schöner Mondabend. Während der letzten Tage war Schnee fallen und tr?tz der weichen Witterung liegen geblieben. Die Nachtfroste mochten ihn fest gemacht haben. Heute Abend war's besonders milde und man konnte es gut ertragen im Freien. Die Kinder hätten übrigens auch bei zehn Grad Kälte nicht gefroren: hier konnten sie sich mit Schneeballen erwärmen und dort drinnen blitzte schon der Christbaum auf. Mir werden Sie schon erlauben, daß ich bei Ihnen bleibe," hatte Harms zu Martha gesagt. Mir scheint, Sie
haben noch em Huhnchen mit mir zu rupfen!" Und er legte ihren linken Arm in seinen rechten und führte sie in den verschneiten, von dem Jubelgeschrei der Kinder erfüllten Garten. Das war em ztemltcn großes Stuck Baumland, in welchem man die alten ruppigen Kiefern zwar stehen gelassen hatte, aber Nicht, ohne ihnen allerlei erotische Genossen zu geben. Niemand hätte dies Stuckchen Erde für einen Abschnitt aus dem Grunewald halten können. Ein Weilchen gingen die Beiden schweigend nebeneinander her. Dann hub der Baumeister wieder sn: Nun? Wollen Sie mcht wenigstens mit mir zanken? Nach Ihrem Sie entschuldigen freundlichst etwas .patzigen' Briefe muß ich annehmen, daß ich's verdient habe. Also ich harre! Strafe muß sein! Ich bin bereit." War. denn mein Brief so ungezogen?" fragte Martha leise, nun doch betroffen von seiner ehrlichen Art. Grob war er, liebes Fraulem, also muß der meine, der den Ihrigen hervorgerufen hat, wohl flegelhaft gewesen sein!" Ich sehe wohl, Sie wollen Mim immer mehr beschämen, Herr Vaumeister, sagte sie, den Blick aus den weißglitzernden Steg gerichtet. Nein das liegt mir fern, mein hebes Kind. Nur meine ich: Leute, wie wir Beide, sollten einander gar nicht so mißverstehen können! Ich hatte eines Tages, während ich hier arbeiten ließ, von den Hinzes gehört, daß Sie wahrschemllch schwer betroffen se:en durch die Verhaftung des Herrn Weber. Nun bm ich Ihnen allerdings em Fremder, und um Jemandem helfen zu dürfen, muß man ihm erst naher getreten sein, will man ihm nicht zugleich wehe thun. Aber sehen Sie, mein liebes Fräulein, das Fremdsein kann auch ein durchaus einseitiges sein, ch mag Ihnen ganz fern stehen es wird ja wohl so sein! aber das schließt ganz und gar nicht aus, daß Sie mir nichts weniger sind als eine Fremde. Und darum meine, vermuthlich recht ungeschickt eingekleidete Anfrage. Nun, Sie haben mir derb geantwortet, aber damit, hatte ich gehofft, wurde der Zwischenfall beseitigt sein. Daß Sie mir aber noch weiter grollen würden, sogar bis in den Lichtschein des Christbaums sehen Sie, Fräulein Martha, das hätte ich Ihnen nun wieder nicht zugetraut! Mäuschenstill hatte sie diese Standrede über sich ergehen lassen. Als er nun schwieg, blieb sie plötzlich stehen, zog leise ihren Arm aus dem seinen und trat ihm aegenüber. Sie blickte wieder zu ihm empor, wie sie das vor seinem Briefe stets gethan, nur daß sie es ihm letzt merken ließ. Mit emem rührenden, bittenden Ausdruck schlug sie die schonen, großen braunen Augen zu ihm auf und fragte unter lieblichem Errothen: Und wollen wir nun wieder gu' sem miteinander? Einen Augenblick war es, als wollte er sie an sich reißen; aber ein Schneeball flog mitten zwischen ihnen .durch. Er sah lacyend dem eben an einem Baumstamm klatschenden Geschoß nach und sagte mit kostlichem Humor, m dem er neuerdings ihren Arm nahm: Reden wir von etwas anderem!" Dabei war's ihm. als ob Martha sich letzt fester an ihn schmiegte. Das ist ein rechter Bauwinter," meinte er, nun wirklich das Thema wechselnd. Wenn wir noch zwei Wochen so mildes Wetter behalten, fange ich an zu bauen. Darf ich fragen, was Sie jetzt schafsen werden? Nein, das dürfen Sie nicht fragen. denn das sollten Sie wissen! Hier, die Villa Houston baue ich wieder auf das ist doch selbstverständlich!" Ein kleiner Schrei' kam über ihre Lippen, etwas wie ein gluckliches Auf jauchzen. Ihr Arm bebte in dem sei nen. Es vergingen-ein paar Sekunden, ehe sie antworten konnte. Und nun hob sie sich auf die Zehenspitzen und flüsterte ihm in's Ohr: Küssen möcht' ich Sie für dieses Wort!" Nur dürfte der Mond nicht so hell scheinen," versetzte er, in sonderbarer Versonnenheit auf das holdselige Ge
schöpf schauend, das jetzt wieder iief beschämt an seinem Arme hing. Er offnete die Bretterthür, die rückwärts in das umzäunte Gebiet führte. Hier
sehen Sie, mein liebes Kmd, hier liegen schon die neuen Eisenträger. Ich bm zwar nicht reich ganz und ctaz nicht, aber ich habe Kredit man glaubt mir! Und als ich den Lieferanten sagte, daß Mrs. Houston sehr bald heimkehren werde und daß ich, wenn irgend möglich, bis dahin mit dem Neubau fertig sein müsse, da hat man mir Steine und Eisen und Sand und Mörtel, und was ich .sonst noch brauche, zur Verfügung gestellt. Etwas Geld, um die Löhne zahlen zu können, hab' ich ja von Ihrer Tante noch in Händen, und wenn wir nicht Frost bekommen, dann sollen Sie sehen, wie schnell ich das Unglück ungeschehen mache!" Sie standen letzt im Schatten des Bretterzaunes. Aus dem feuchten. strahlenden Blick, Mit dem ihn die sans ten Nehaugen letzt anschauten, mochte der Baumeister das Bekenntniß lesen, daß Martha den arellen Mondschein jetzt recht gern entbehre. Er neigte sich zu ihr herab und küßte ihre frischen. remen Lippen. Dann, mit der Heiterkeit eines Kmdes, faßte er sie fest um die Hüften und hob sie hoch, setzte sie sanft wieder ab und küßte sie von Neuem. Siehst Du, Martha." sagte er. mit einem Stück Holz Linien in den Schnee ziehend, hierher kommt das neue Palmenhaus; ich werde Dir's drinnen aufzeichnen!" Nun hatte Vater Engelhard in Ermangelung einer Tischglocke mit einem Messerrucken dreimal gegen den Rand eines Trinkglases geschlagen, die Thür aufgeriegelt und der feierliche Einzug in das von Tannenharz und frischen Aepfeln durchduftete Zimmer nahm seinen Anfang. Voran, Hand in Hand, Paul und Emma, die den Fest, akt mit dem Herlagen gutgemeinter Verse Martha'scher Konzeption eröffneten. Jedes von ihnen trug ein Päckchen: kleine Geschenke für den Vater, die erst auf seinen Platz gelegt werden mußten, bevor die Kleinen zu ihrem Teller" geführt wurden. Dieser Teller" war sozusagen der symbolische Mittelpunkt der Bescherung. Er war für Groß und Klem durchaus gleichmäßig angefüllt: ein halbes Dutzend rother Hühnchen," ein paar Borsdorfer, eine oder zwei Goldreinetten, zwanzig Walnüsse, eine gute Handvoll Haselnüsse, einige Javanüsse; dazu ein großes und ein kleineres Packet mit Pfefferkuchen, eine Scheibe feinen Nürnberger Lebkuchens, ein Stückchen Marzipan und etwas Schokolade. Dieses Deputat stand sehr charakteristisch für Engelhards tiefwurzelnden Familiensinn auch für den Aeltesten bereit, den nun bald dreiundzwanzigjährigen Oskar, der schon seit sechs Jahren fort war und nichts hatte von sich hören lassen. Auf seinem, wie auf jedem andern Teller lag ein Kärtchen mit dem Namen, von des Vaters Hand in zierlicher Gothik geschrieben. Lina und Bertha, beides hübsche, frische Mädchen von hochaufgeschossener Figur, brachten Handarbeiten für den Vater; Emil, der Mechaniker, hatte eine Garnitur von Schnitzwerkzeugen angefertigt. Martha endlich, die des Alten Wünsche immer früher kannte, als er selbst, überraschte ihn mit einer hubschen Gesammtaufnahme seiner Kinder. zu der sie den Nahmen gestickt hatte. Fehlt nur der Oskar," sagte Vater Engelhard und drehte sich ab, damit man seine Thränen nicht sehe. Jeder war vom Vater an seinen Platz geführt worden, schließlich auch Hinze und seine Frau. Und jeder fand in diesem Jahre mehr, als t zuvor. Das war nicht allein auf die reiche Gabe der Tante zurückzuführen, sondern auch darauf, daß der Vater viel früher angefangen hatte, für Weihnach ten zu schaffen, als sonst. Der Pförtner hatte eine leichte Flinte beschert er halten, mit der er das Raubzeug aus dem Garten vertreiben konnte; seine srau fand Stoff zu einem Kleide neben ihrem Teller; dazu waren die Namenskarten der Beiden mit je zwei Zehnmarkstücken beschwert. Und jetzt kam der Baumeister an die Reihe. Er mußte seinen Teller in Empfang nehmen und dann überreichte Meister En qelhard ihm einen Spazlerstock aus Ebenholz mit einem mächtigen, schön geschweiften Elfenbeingriff, in welchem er die Initialen des Architekten nebst den Jnsignien der Maurer kunstvoll eingeschnitzt hatte. Im Namen meiner Schwester, sagte Engelhard, von mir stammt nur das bischen Arbeit her! Wunderschön, mein lieber Meister. wirklich em Prachtstuck! Aber wenn Sie sich einbilden, so billig davonzu kommen nur mit dem bischen Arbeit dann sind Sie' doch sehr im Irrthum! Ich hoffe noch sehr stark auf ein anderes Weihnachtsgeschenk, auf eines, das mir auch so eine Art Stütze und Stab sem und das auch, wie dieses Kunstwerk, meinen Namen tragen soll. Wenn Sie's nicht weiter sagen wollen, Papa Engelhard, rill ich Ihnen etwas anvertrauen: Wir Beide, Fräulein Martha und ich, wir haben uns soeben im Mondschein oder war's im Schatten? verlobt! Ich hoffe, Sie verderben uns mchtdie Weihnachtsfreude und sagen Ja und Amen! (Fortsetzung folgt.) 3 u m ?! a ch f o l g c r P o ss a r t s als Hoftheatcrintcndant in München durfte Oberst Speidel ernannt wer den, der jetzt Abtheilungschef im Kriegsminlfterlum it.
Europäische Nachrichten
VYeinpfakz. Speyer. Erbänat bat sick der 44 Jahre alte Kaufmann Karl Becker fof W . TtJC I . ' nn . wii vin, in einer PrlvailllNii befand, an einem Kleiderschrank. Unheilbares Leiden ist der Grund zur That. 3 Godramstein. Vor Innern erschoß sich vor seiner Behausung der etwa 57 Jahre alte Kalkbrenner Peter Keßler von hier. Keßler war auch Mitglied des hiesigen Gemeinderaths. Kaiserslautern. Der etwa 35 Jahre alte .Invalide Georg Kafitz, aus oem flotten wohnhast, welcher schon längere Zeit an Verfolgungsmahn litt, schnitt sich den Hals durch. Zuvor hatte er seine Frau mit Gewalt aus der Wohnung entfernt und sich sodann in sein Zimmer eingeschlossen. Schwer verletzt wurde er in das Distriktskrankenhaus verbracht. udwlgshasen. Das VA Jahre alte Kind Oskar, Sohn von Jakob Lapp. fiel in die mit kaltem Wasser gefüllte Badewanne, welche in der Küche stand, und ertrank. M a tz w e i l e r. Dieser Tage wurde im nahen Walde eine ältere Frauensperson an einem Baume erhängt aufgefunden. Die Leiche wurde als die der 50 Jahre alten Ehefrau Mathilde Hartenstein, geb. Kiefer, Ehefrau des Bürgermeisters Hartenstein von Herschberg, festgestellt. Was die Frau, welche in sehr guten Vermö-gens-und Familienverhältnissen lebte, zu diesem traurigen Schritte veranlaßte, ist unbekannt. Obersulzen. Bor emiger Zeit feierte hier Altbürgermeister Abraham Vogt mit seiner Gattin, Babette. geb. Stauffer, das Fest der goldenen Hochzeigt. Vogt ist 80, seine Frau 78 Jahre alt. P l r m a s e n s. Letztens bracd m der Schuhfabrik Jakob Weber Großfeuer aus, das die ganze Fabrik emäscherte. Der Schaden ist sehr bedeutend, doch durch Versicherung gedeckt. Ferner brannte es in der früheren Schuhfabrik von Louis Heinrich. Der Dachstuhl wurde ein Raub der Flammen. Elfnß-Lotöringen. Stranbura. Der Kunstbistoriker a. o. Professor Dr. Friedrich Leitschuh, ist aus dem Lehrkörper der philosophischen Fakultät der hiestgen Universität ausaesckieden. An der hiesigen Universität hat sich in der philologischen Fakultät Alfred lon aus Äittau als Privatdozent für klaff. Philologie habilitirt. Metz. In der Anstalt der ttieinen Sckwest'ern der Armen zu LeS Bordes, unweit von hier, ist im hohen Alter von 90 Jahren fecgweitti &na beth, eine Gründerin derselben im Jahre 1861, gestorben. Pie Anstalt fing an in unserer Stadt mit zwei alten Frauen, jetzt pflegt sie 225 Greise beider Geschlechter. Mülhausen. Der Verwalter des Gutes Dollfus, Paul Schenk, unternahm in Begleitung seines Enkels eine Automobilfahrt nach dem Gute Horni bei Pfirt. Zwischen dem Gut Horni und Pfirt fiel der Wagen um. Schenk wurde getödtet, während der Enkel und der Wagenführer mit dem Schrecken davonkamen. Rodemachern. Ein Brudermord hat kürzlich unser Dorf in Aufregung gesetzt. Der vierzigjährige unverheirathete Peter Fringand hat feinen Bruder, den Küfermeister Franz. erschossen, nachdem er dessen Frau fünfzehn Wunden mit einer Mistgabel beigebracht hatte. Der Mörder, ein ganz verkommenes Subjekt, wurde verhaftet. Vlcckrcnburg. Brüel. Böttchermeiyer Bernbard Qannemann feierte sein 50iäbriges Meisterjubiläum. Die Aelterleute der Holzarbeiter - Innung brachten ihm die Glückwünsche der Innung dar und überreichten ein Diplom mit der Ernennung zum yrenmitgliede der 5nnuna. Dreveskircken. Der Gutsjäger Kreuzfeld beging das Fest seines . rr n .t;" o T. vierzigjährigen lerlniuonaumÄ, er Gronberzoa batte dem Jubilar in Anerkennung seiner langjährigen, treuen Dienste die silberne Verdienstmedaille am blauen Bande verlieben. Finken. Letztens fand man den Viehhändler Pelzer c.us Freyenstem, der mit seinem Fuhrwerk auf einer Reise nack frier beariffen war. todt am Wege liegend. Die Pferde standen mit dem umgeworfenen Wagen in seiner Nähe. Pelzerist vermuthlich beim Fahren gegen einen Stein gerathen und durch das Umwerfe des Wagens aus dem kenteren aesckleudert worden. Ludwigslust. Dieser Tage C l . r i . V llA. ( rA!ÄA.tAS AfrtftY.r intutu lyitv iii ovjuiynyts iuiuui jen Jubiläum die Schwester Marie Schmidt und ihr 25jährigeZ Jubiläum vie cvwejlern Louije Stoppe uno Anna Klein. 2Vr älteren Jubilarin wurde ein Diplom überreicht, den beic i ven mngeren oas ulverne Juvllaumsrreuz. R o st ö rf. Der ordentlick- rohl for der Physik und Mathematik Dr. cm iif'.rr i. r l caiiyleon i in oen uyei.iano ge treten. Stavenhagen. Vor einiger O.Ii n je. 2 cm::tr. c.9 cm::r. Odi in üci 'jjiuyiz uza ortui lers senken ein Unalllcksfall mit todt lichem ÄuSgang ereignet. Als Frau Jenßen dem Gesellen Albert Flemming durch ein Kind Kaffee nach der Mühle schickte, bemerkt? dieses, daß fc
Geselle leblos im Räderwerk bina.
Weinend lies das Kind zu den Leuten, die in der Nahe bei der Mühle arbeiteten, und theilte diesen seine Wahrnehmung mit. Kurze Zeit vorher war der Geselle noch bei den Leuten gewesen; sie liefen in die Mühle und fanden. daß der Geselle vom Räderwerk zermalmt war. Wittenbura. Kürzliü würd hier die Arbeiter - Wittwe Oldenburg, die mit Strohabnehmen bei einer Göpel - Dreschmaschine beschäftigt war, von der Welle der Maschine der den Kleidern erfant und dabei derart schwer verletzt, daß sie sofort todt war. Hrdenöurg. Oldenbura. Der Großberzoa hat die Medaille für Treue in der Arbm verliehen an: die Weber Remhold Scholz und Diedrich von Thülen in Varel: die Korkschneidcr Verend öinrich Meyer, Dietrich Timmermann, Hermann Diedrich Buscher, Martin. Mabwedt. Diedrick Ublborn. Johann Hinrich Fuhrken, Christian Friedrich Wlchmann, Christian Hinrich schneider. Johann Plenge. Herrman Died-' rich Finke, Joh. Albert Flügger. Johann Stindt und den Korksortirer Johann DiedrichVackenköhler, sämmtlick bei der Firma 3. G. Lürßen. Korkfabrik in Delmenhorst; die Arbeiter Gerhard Christian Cassens m Oberstem, und die Arbeiterinnen Elise 5)inricks in Varel und Anna Bartels in Büppel. sowie das Dienstmädchen Johanne Schmidt bierselbst. B a n t. Vor emiaer Äeit feierten hier die Eheleute Schöning das Fest der goldenen Hochzeit. Bon allen ?elten wurden den alten Leuten Aufmerksamkeiten zutheil. W r e m e r t i e f. Aus dem : Nuawege von der Schule ist die achtjährige Tlöhter des Hafenmeisters und Gastwirths Schwanewedel in das Tief" gefallen und ertrunken. Freie Städte. Hamburg. Der Schiffskoch $t Geilenhäuser soll den Maschinistenjungen Paul Hidench im Hasen von canta Cru auf dem Dampfer Hans Woermann" einen Stoß versetzt haben, durch den Hidench in den KeM mit siedendem Wasser geschleudert wurde, so dan er schwere Brühwunden erlitt, an deren Folgen er starb. Geilenhäuser wurde beiAnkunst descyisses im hiesigen Hafen verhaftet. Dachdecker Grebenstein war in der Lohkoppelstraße aus einem meyrstomgen Hause mit Dachdeckerarbeiten beschäftigt. Er that einen Fehltritt und stürzte etwa 30 Meter in die Tiefe. Die Verletzungen waren derart, vag der Tod kurze Zeit darauf eintrat. Ertrunken ist der erste Offizier Frithjof vom Dampfer Norderney. Frithjof wollte mit einem Boote sich von Bord seines bei St. Pauli liegenden Schisfes an Land begeben, trat fehl und verschwand in den Fluthen. Die sofort angestellten Rettungsversuche blieben leider erfolglos. Bremen. Der Zimmermann Jacob hatte mit mehreren anderen Zimmerleuten an der Admiralstraße an einem Neubau ein Windegerüst aufzustellen. Dasselbe war beinahe vollendet, da rief der untenstehende Polier dem oben befindlichen Jacob zu, er möchte mit noch einem anderen Zimmermann herunter kommen. Anstatt nun den ordnungsmäßigen Weg zu machen und am Gerüst herunter zu klettern, erfaßte Jacob ein Seil, in der Meinung, daß dasselbe befestigt sei, um sich an diesem herunter zu lassen; das Seil war jedoch nur lose um einen Baum geschlungen und Jacob stürzte in die Tiefe. Er erhitt einen Schädelbruch, woran er nach kurzer Zeit verschied. Dieser Tage konnte C. W. Fritze auf eine 25jährige, arbeitsreiche Thätigkeit als Inhaber der Firma C. W. Fritze & Co., hier, Obernstraße, Zurückblicken. Der Jubilar verlebte den Tag in vollster Gesundheit und Rüstigkeit. Schweiz. Bern. Bärenwärter Bigler ist im Alter von 63 Jahren hier gestorben. Mit ihm ist eine in Stadt und Land wohlbekannte Persönlichkeit dahingegangen. Es ist schon über 35 Jahre her. seit Bigler das Amt deZ BärenWärters übernahm. A m d e n. Als sich die 28jährige, in gesegneten Umständen befindliche Frau des Dachdeckers Thoma von hier auf dem Heimwege befand,' feuerte der 20jährige. geistig beschränkte I. Ich! zwei Schüsse auL einem Vetterligewehr auf dieselbe und verletzte sie tödtlich. Bald darauf starb die Getroffene an den Folgen der Verletzungen. Sie hinterläßt zwei Kinder. Der Thäter stellte sich auf dem Polizeiposten in Wesen. Basel. Dieser Tage starb im Alter von 62 Jahren Heinrich Knecht von St. Gallen. Er gehörte zu den Männern, die den schweizerischen Schützenrühm in's Ausland getragen haben. In seiner Glanzperiode in den 70er Jahren war Knecht bei den deutschen und österreichischen Bundesschießen der gefürchtetste Schweizerschütze. Im Schnellschießen erreichte ihn keiner. D e l s b e r g. Kürzlich wurde hier der Verwalter der Sparkasse in Pruntut Edmund Schneider, der mit Hinterlassung eines Fehlbetrags von nahezu einer halben Million Francs nach Deutschland geslohen, aber im Badischen verhaftet .und ausgeliefert worden war, zu drei Jahren Zuchthaus verirtheilt.
