Indiana Tribüne, Volume 28, Number 268, Indianapolis, Marion County, 5 July 1905 — Page 6
Jndiana Triütte, S. Juli 1903.
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Der VlseK. ? ? ? A Von Wilhelm WolterS -O.VL-SS-vv S-S 'elfe Leute, wirklich nette Leute," fegte meine Frau, nachdem unsere vor acht Tagen neu eingezogenen Flurnachbarn ihre nachbarliche Visite abgestattet hatten. 5o? Findest Du?" erwiderte ich. JJla, das wäre ja ein Glück, denn, offen gestanden, ich habe diese ewigen HauSfehden herzlich satt Hausfehden?" fragte meine Frau .mit der Unschuldsmiene eines Men schen, über dessen Lippen nie in seinem Leben das Wort Waschhaus- gekommen ist. Ich versuchte, ihrem Gedächtniß auf die Sprünge zu helfen, und erinnerte sie, um nur ein Beispiel von vielen anzuführen, an den Kampf, der sich zwischen ihr und unserer verflossenenNachbarin an deren Eigenthümlichkeit geknüpft hatte, die Hosen ihres Mannes vor unserer Thür statt vor der ihrigen ausklopfen zu lassen. 2)ii thust ja gerade, als ob ich daran schuld gewesen wäre," sagte meine Frau, indem ihre Augen jenen gewissen feuchten Glanz annahmen, den ich bei ihr als äußeren Ausdruck starker seelischer Erregung kannte. Ich versicherte meiner Frau, daß mir dies durchaus ferngelegen hätte. Im übrigen fände ich Leute, die sie nett finde, selbstverständlich auch nett. .Er scheint ein sehr gebildeter Mensch zu sein," fuhr meine Frau fort, und sie macht sogar den Eindruck einer höchst distinguirten Tame. Sie hat so etwas Sanftes in ihrem Wesen. Es ist wirklich ein Glück, daß man endlich einmal mit anständigen Menschen zusammenwohnt." Meine Frau hatte recht. Diese neum Nachbarn waren wirklich nett. Ich fand 2 deshalb ganz begreiflich, daß acht Tage später meine Frau die höchst distinguirte Tame zum Kaffee einlud und l. p . i rr von otqcr wieoer zum Nussee emgeiaden wurde. Wenn ich dem sehr gebildeten Menschen auf der Treppe begegnete, schüttelten wir uns freundschaftlich die Hände. Als sich herausstellte, daß unsere beiden langen mit den beiden gleichalterigem Kindern von drüben !m Garten mecre Stunden lang ohne nennenswerthe Prügelei spielen konnten, war unser Glück vollständig. .Siehst Tu. was habe ich gesagt! rief meine Frau freudestrahlend aus. als ein Vierteljahr darauf zu ihrem Geourtstag von drüben tm Alpenveilchenstockchen mit den herzlichsten Gluck wünschen" eintraf. Ja, Du bist ein Menschenkenner bestätigte ich gerührt. Da die Nachbarn den gleichen Ersparnißgrundsätzen und überdies der gleichen politischen Anschauung huldigten wie wir, wurde beschlossen, von nun an die Tageszeitung, die bisher jeder einzeln für sich bezogen hatte, nur in einem gemeinsamen Ezemplar zu halten. Eine Woche lasen wir zuerst und schickten das Blatt dann hinüber, eine Wachebegannen sie, und die Anna von drüben brachte den Anzeiger dann herüber. Waren sie au-gegangen, wurden ankommende Packete bei uns, wa?en wir von Haus abwesend, solche bei -ihnen abgegeoen. Seit einiger ZZll be reitete die Nachbarin ihren Salat nach dem Rezept meiner Frau, während diese wiederum von einer alten Gewohnheit, Klöße zu kochen, zu Gunsten einer von drüben importirten Finene abwich. Eines Sonntags den Abend vorder hatte mich meine Frau von ihrem Entschluß m Kenntnis geatzt, ihrer Freundin von druren das .Du" aiuu vielen trat meine Frau aufgeregt und roth im Gesicht in mein Arbeitszimmer. Da ich gelernt hatte, selbst die -leisesten Wallungen im Herzen meiner Frau ihr vom Gesicht abzulesen, ahnte m:r etwas Schreckliches. Hast Du den Fleck auf der Trepp? gesehen? fragte meine Frau mit vor Qrregung zitternder Stimme. Den Fleck? Welchen Fleck? Nein." Nun dann, bitte, habe einmal die Güte." Meine Frau ging stumm voraus, ich folgte ihr. Wir schritten wortlos einen halben Treppenarm hinunter, dann blieb meint Frau stehen und deutete auf eine Stufe vor uns. Da." Ich bückte mich. Auf der Stufe war ent kleines, rundes, schwärzliches Etwas. Was ist das?" fragte meine Frau mit der Miene eines Untersuchungsnchters. ' Ich bückte mich tiefer. Das? Nun ia, das ist ein Fleck." Also, es ist ein Fleck?" fragte meine Nrau streng. - Ich rückte an meiner Brille und unErsuchte nochmals das kleine, rundliche, 'schwärzliche Etwas. Ja, es war ein IZleck. Man konnte nicht sehen, was es für ein Fleck war, ob er von Tinte oder von Schuhwichse herrührte, ob er von der Straße eingeschleppt war 'oder sei Entstehung irgend einem unbekannten Vorgang innerhalb des Hauses derdankte, aber ein Fleck war es jedenfalls, das war nicht zu leugnen. Ja, es ist in Fleck," wiederholte ich. Na also," sagte meine Frau und amg die Treppe wieder hinauf. Verwundert folgte ich ihr. Erkläre mir nur, Schatz, was soll denn das Qlles bedeuten?" .Es-Zst mir lieb, daß Du Dich über
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zeugt hast," erwiderte meine Frau.
Meinholds haben vie Zocye. Jcy chicke also die Marie rüber und lasse agen, auf der Treppe wäre ein Fleck. und die Anna sollte ihn fortscheuern. Was antwortet die impertinente Person? Sie wüßte von keinem Fleck, und sie hätte die Treppe gestern Abend gescheuert, und zweimal scheuerte sie die Treppe nicht. Was sagst Du dazu?' Hm. hm " entgegnen ich. das ist allerdings nicht gerade sehr höflich." Höflich? Es ist unerhört!" .Aerqere Dich nur nicht wegen so eines lumpigen Flecks, ich würde einfach-' Weiter kam ich Nicht, Was ein fach?" rief meine Frau empört. Ich würde den Fleck einfach Fleck sein lassen." So? Das wurdest Du! Du muthest mir wohl am Ende gar noch zu. daß i ch den Fleck fortscheuere?!" Das habe ich la mcht gesagt. Aber qedacht! Das sieht Dir ähnlich. So sind die Männer!" Ich wollte meiner Frau auseinander setzen, daß die Männer nicht so" wären, meme Frau überhob mich ader dieser Mühe mit der Erklärung ihrerseits. daß sie meine Verstandnlklosiglelt m derlei Dingen bereits kenne, und daß sie selbst zu Frau Memhold hinubergehen werde. Schön, mein Kind." Eine Viertelstunde später betrat meine Frau abermals mein Zimmer und ließ sich thränenden Auges in ein:n Polsterstuhl sinken. Es ist aus! Aus!" Was ist aus?" fragte ich bestürzt. Die Gans!" Die Gans?" fragte ich jetzt in der That verständnißlos. Sie hat gesagt, sie mußte der Anna Recht geocn, zweimal brauche sie die Treppe nicht zu scheuern." Ach o." Sowie Herr Meinhold nach Haus kommt, mußt Du hinüberg:hen und Dich bei icm beschweren." Aber liebes Kmd, wegen so e:nem lum Es handelt sich um eine Prinzipienfraae!" rief meine Frau. lasse mich von so einer Gans nicht beleidigen! Es ist die Pflicht des Mannes, seiner Frau beizuftehen. Du mußt hmuber gehen und ihm sagen, wie ferne Frau sich benimmt." Liebes Kmd, erwiderte ich, die Geduld verlierend, verschone mich, bitte, nun endlich mit der Geschichte. Ich habe wirklich wichtigere Dinge zu thun, ich habe zu arbeiten! Tieies lieblose Wort hatte einen zweifachen Thränenwasserfall zur Folge, der sich aus den Augen meiner Frau auf deren vor gar nicht langer Zeit erst neuerworbene seidene Bluse hinabstürzte. Willst Du vielleicht damit sagen, daß ich nicht arbeite?" Das ist mir ja mcht im Traum eingefallen!" Ich thue was in meinen Kräften steht ich trage ebenso viel zu unserm Leben bei wie Du." Das habe ich niemals angezweifelt," erwiderte ich ärgerlich. Ich habe zwei Kinder geboren" Das weiß ich!" rief ich wüthend, durch das fortgesetzte Schluchzen nervös gemacht. Verlangst Du vielleicht von mir, daß ich" Aber Tu liebst mich nicht!" Hör' auf!" rief ich voll Angst, die theure Seidenbluse möchte sich in der Salzfluth in ihre Atome auslösen. Wenn Du durchaus willst, nun gut. so werde ich hinübergehen!" Gottlob, der Wasserfall schien plötzlich in seinen Quellen versiegt zu sein. Eine Stunde später zog ich Handschuhe an, setzte den Hut auf und begab mich zu Herrn Meinhold hinüber. Nun, was hat er gesagt?" fragte meine Frau, als ich von dem Beschwerdegang zurückkam. Ich konnte ihr die beruhigendsten Versicherungen geben. Herr Meinhold war genau so wie ich der Meinung, daß dieser unglückliche Fleck keine Urjache zu einer Disharmonie zwischen den Nachbarn werden dürfe, er werde bei seiner Frau sein Bestes thun, die Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Als ich am Nachmittag mit meiner trau zum Lwea eines gemeinsamen kleinen Spazierganqes die Trepp? hinunterging, war der Fleck trotz des Lersprechens seitens des Herrn Memhold, bei seiner Frau sein Bestes" zu thun, noch nicht fortgeschcuert. Ja, es machte sogar den Eindruck, als habe er sich um ein weniges ausgebreitet. Als wir von unserem Spazieroana zurückkehrten, war der Fleck auch n?ch da. Die Sonnenstrahlen fielen durch das Treppenhansfenster gerade auf die Stufe, auf die er sim aelaaert hat'e. Er erschien mir wie eine schwarzgraue. kleine, sich behaglich sonnende Katze. Ehe wir uns zu Bett begaben, nahm meine Frau ein Licht und ging noch einmal hinaus auf die Treppe. Der Fleck war noch immer nicht weggescheuert. Er hatte die Gestalt eines aespenstischen, schwarzgraum Seeigels angenommen. Beim Flackerllcht der Kerze sah es aus, als ob seine dünnen Stacheln unheimlich zuckten und bald langer, bald kurzer würden. Als am nächsten Morgen der Fleck noch immer nicht fortgescheuert war. konnte nicht mehr daran gezweifelt werden, oaß Herrn Meinholds Jnterventionsversuche als gescheitert zu betrachten seien, und daß Frau Meinhold auf ihrem Standpunkt beharre. Nun gut." sagte meine Frau, dann ist es aus zwischen uns." Um des ehelichen Friedens willen w':-
dersetzie ich mich 'dieser Entscheidung nicht und fügte mich ergeben darein, daß von Beginn des neuen Quartals an wieder auf ein eigenes Ezemplar des Anzeigers" abonnirt wurde. Die Kaffeenachmittage meiner Frau fanden wieder ohne Frau Meinhold statt, die Freiiagsllöße wurden wieder nach dem ehemaligen alten Rezept gekocht. Packete für drüben, die bi uns abegegeben werden sollten, wurden mit Entrüstung zurückgewiesen. Da meine Frau erklärt hatte, daß die Pleöejerfamilie nebenan von jetzt ab Luft für uns sei. wendeten wir. Herr Memhold und ich, wenn wir uns au, der Treppe begegneten, die Gesichter von einander ab und schritten grußlos, der eine rechts, der andere links von dem Fleck aneinander vorüber. Nicht ganz so leicht war es den Kindern beizubringen, daß es zwischen ihnen und den Nachbarn aus" sei. Nach acht Tagen jedoch hatten sie die Situation derart begriffen, daß sie den ehemaligen Freunden schon von weitem die Zungen herausstreckten und ihnen lange Nasen zogen. Ja. ich hatte sogar Grund zu dem Verdacht, daß sie die gleichen Ehrenbezeugungen gelegentlich auch Herrn und Frau Meinhold erwiesen. Sogar auf unsere getreuen Dienstboten erstreckte sich die gegenseitige Feindschaft. Die Marie behauptet? meiner Frau gegenüber, die Anna sei eine freche Person, und wenn die Anna die gefüllten Ascheimer in den Hof schaffte und an dem Fensterchen unserer Speisekammer vorbeikam, das nach de: Treppe hinausging, schlenkerte sie, daß es nur so stäubte. Was übrigens die beiden nicht abhielt, allabendlich miteinander vor der Hausthür zu stehen
und ich hätte darauf schwören mögen sich gemeinschaftlich über uns lustig zu machen. Um den Waschhausschlllssel entbrannten Schlachten, auf dem Trockenboden wurden von unsichtbaren Händen schneeweiße Kleidungsstücke ohne An sehen von Alter und Geschlecht von den Leinen gerissen und in den Staub gezerrt. Schon begann ein Theil des Hauses für und wider uns Partei zu ergreifen. Der Briefträger im vierten Stock, den ich zu Neujahr mit einem Trinkgeld be dacht hatte, und der Hausmann :m Souterrain neigten sich uns zu, wah rend des Briefträgers Nachbarn, die gelbe Dienstmannsfamilie Nr 73 und das Schneidermanlsellengeschwisterpaar auf Selten unzerer Feizde stand. Im Büdchen" nebenan bildete unser Streit da? Gespräch sämmtlicher sich dort täglich versammelnder Kuchenda men des Viertels. Es war peinlich. Vier Wochen waren vergangen, an vier Sonnabenden war die Treppe gescheuert worden (abgesehen von den täglichen Reinigungen mittelst des Besens) der Fleck lag noch immer frech und selbzibewußt aus der Stufe. Ma rie und Anna überboten einander an Kunstfertigkeit, mit Hader und Bürste sorgsam um ihn herumzufahren, ohne ihn zu berühren. Meine Frau hatte nach und nach einen solchen Haß gegen den elenden Eindringling und Schmarotzer, der sich von dem Frieden zweier Familien m'ästete, m sich angesammelt, daß sie rur noch mit bebenden Lippen, heimliche Fluche murmelnd, an lom vorüber konnte. Diese Hartnäckigkeit grenzt g radezu an Mahnsinn. So etwas sollte man doch höchstens unter Bauern für möglich halten! Ich wagte nicht zu widersprechen. Kurz vor dem Quartalswechse! erklärte mir meine Frau, daß sik diesen Zustand auf die Dauer Nicht zu ertra gen vermöqe. Ich fand das durchaus begreiflich. Und daß es das Beste wäre, wir zogen aus. Gut, ziehen wir aus." Wenn sie sich einbildet, ich gebe nach, dann irrt sie sich." Ein altes Sprichwort fuhr mir durch den Kopf, aber ich hielt es für klüger. es Nicht dem Gehege mcmer Zahne ent schlüpfen zu lassen. Ich habe eine großartige Idee fuhr meine Frau fort, indem sie zum erstenmal seit langer Zeit em vergnüg tes Gesicht machte. So? Nun, welche denn, Schatz?" Dein Freund Jottermund such! eme Wohnung, er war neulich von un serer so entzückt. Der miethet sie sofort. Wir werden unserm Wirth schreiben, daß die Wohnung uns zi klein geworden ist, daß wir sie unter der Hand weite? vermieden werden nnd au-ziihen. Unser Wirth ist ein vernünftiger Mensch, der hat sicher nichts dagegen. Na und dann, die Augen von denen drüben möcht ich sehen wenn wir einfach emes Tags rer schwunden sind! Tann sollen sie mi lhrem Fleck machen, was sie Lust haben. Meinetwegen sollen sie ihn in Gold fassen und unter eine Glasglocke setzen!" Wenn wir aber selbst keine passende Wohnung zur richtigen Zeit finden?" wagte ich zu bemerken. Hundert für eine!" erwiderte meine Frau. ..Jeden Tag!" Meine Frau hatte auch diesmal recht Unser Wirth war wirklich em vernunf tiger Mensch. Freund Bottermund mi?thete ?ms in der That sofort unsere Wohnung ab. und wir fanden, wenn auch nicht den Tag hundert Wohnun gen. so doch nach vierzehn Tagen eine Halde zweite Etage, die meiner Frau außerordentlich paßte. Diese halbe zweite Etage befand sich in einem (ebenen neuen Fiaus. das vor
Kurzem mt ferng geworven war, uno
batte für mich blos das eme Bedenkliche, daß ihre andere Hälfte gleichfalls leer stand. Da wir mit unsern FlurNachbarn so traurige Erfahrungen hatten machen müssen, schien es mir angebracht, nur eine solche Wohnung zu miethen, über deren nachbarliche Bewohner man in der Lage war, sich vor Unterzeichnung des Miethsvertrags genugend zu informiren. Ich machte deshalb den Besitzer des Hauses auf diesen Mangel aufmerksam, mit dem Bemerken, daß eine nette Nachbarschaft durchaus und m erster Linie eine Grundbedingung für uns sei, worauf der Besitzer des Hauses uns erfreulich:? Weise mittheilen konnte, daß an eben diesem selben Tag eine äußerst nette Familie die Nachbarwohnung gemiethet habe, und zwar unter der ausdrücklichen BedingunZ, daß die andere Wohnung nur an nette Leute vermieibtt werde. Siehst Du," sagte meine Frau triumphirend, was habe ich gesagt!" Du bist ja immer meme kluge Frau gewesen," erwiderte ich gerührt. Da unsere neue Wohnung leer stand und unser neuer Hauswirth uns gestattet hatte, schon vor dem gesetzlichen Termin einzuziehen, so früh wir nur immer Lust dazu hätten, packten wir in aller Heimlichkeit unsere Sachen, Marie wurde bei Androhung der schwersten irdischen Strafen auf tiefstes Stillschweigen vereidigt, meine Frau war in dem Gedanken an die Augen von denen drüben," wenn wir verschwunden sem wurden, wieder so lustig und guter Dinge, wie sie es bis zu jenem ominösen Sonntag gewesen war, an dem der Himmel es für gut befunden hatte, uns den Fleck in unser Idyll herabzusenden. Der Fleck schien vor Aerger von Tag zu Tag bleicher zu werden, was aber nicht hinderte, daß eines Morgens früh um sechs Uhr. als die Familie Meinhold noch im tiefsten Schlummer lag, ein Möbelwagen vor unserm Haus anfuhr. Als die Familie Meinhold um zehn Uhr wahrscheinlich wie gewöhnlich ihre Morgenpromenade antrat, waren wir richtig verschwunden. Meine Frau trällerte in der neuen Wohnung herum wie eine junge Lerche im Frühling. Was sie wohl jetzt machen werden?" fragte meine Frau oft und malte sich in grauesten Farben die Trübsal aus. in der die Familie Meinholif nunmehr, mit dem Fleck allein gelassen, die Tage verbringen würde, die uns in Frieden und Freude dahineilten. Mit nicht geringer Spannung sahen wir dem Einzug der netten Leute in unsere neue Nachbarwohnung entgegen. Eines Abends, als wir von einem Shoppingausgang in die Stadt zurückkehrten, waren sie da. Der Wagen, der ihre Möbel gebracht hatte, fuhr eben entleert wieder davon. Ich bin wirklich begierig, was es für Leute sein werden," sagte meine Frau. Ich auch." sagte ich. Ich habe so eine gewisse Ahnung." sagte meine Frau, daß es wirklich nette Leute sein werden." Das gebe der Himmel!" Ich freue mich riesig auf sie!" rief meine Frau aufgeregt. Hoffentlich haben sie auch Kinder, mit denen unsere spielen können." Hoffentlich." Wir schliefen vor Aufregung kaum und standen am andern Morgen eine Stunde früher auf als gewöhnlich. Um acht Uhr hielten wir es im Zimmer nicht mehr aus und beschlossen, durch einen kleinen Frühspaziergang unsere Nerven zu beruhigen. Als wir auf den Treppenflur hinaustraten, öffnete sich drüben gleichfalls die Thür, und in ihrem Rahmen erschienen Herr und Frau Meinhold. Meine Frau wankte, ich stützte sie und führte sie in unsere Wohnung zurück. So viel ich in der Eile bemerken konnte, schien auf der Nachbarseite ein ähnlicher Vorgang stattzufinden. Meine Frau fank sprachlos auf e:n Sofa nieder. - - Ich benutzte die Freiheit, die mir durch diese Sprachlosigkeit wurde. Siehst Du. Schah." sagte ich. Man muß die Dinge nehmen, wie sie sind. Die Meinholds, das wirst Du mir wohl zugeben, waren von allen unsern Nachbarn doch die nettesten." Das waren sie," hauchte meine Frau mit matter Stimme. Na also. Die Ursache unserer Entzweiung war doch eigentlich nur der verwünschte Fleck." Ja," bestätigte meine Frau elegisch. Der Fleck ist doch nun aber. Gott sei Lob und Tank, in dem alten Haus geblieben." Ja, gottlob." Die Ursache ist aus der Welt aeschafft. Es hindert uns absolut nichts, daß wir die alten Beziehungen wieder anknüpfen. Oder vielmehr noch besser: wir thun einfach, als ob überhaupt gar nichts geschehen wäre!" Glaubst Tu," fragte meine Frau, daß sie das auch thun?" Na sicher!" rief ich vergnügt. Er ist doch ein sehr gebildeter Mensch und sie eine höchst distinguirte Tame. Sie bat ja so etwas Sanftes in ihrem Wesen. Das haft Tu ja gleich von aCem Anfang an gesagt!" Diesmal hatte ich recht. Bereits am Tag darauf war unser Glück wieder vollkommen. Ich aber bitte seit jenem Tag illabendlich: Bewahre uns vor einem Fleck auf der Treppe."
Europaische Nachrichten.
Provinz Fonnnern. Stettin. Aus Anlaß seines tu folgten Uebertritts in den Ruhestand x;t dem Lehrer August Manteuffel Hierselbst der Adler der Inhaber des Hausordens von Hohenzcllern verliehen worden. Boltenhagen. Auf dem hiesigen Gute wollte der Arbeiter Breuhan, welcher beim Dreschen mit der Maschine in der Scheune beschäftigt war, dem Pferdetreiber durch das Fenster bedeuten, anzuhalten. Hierbei kam er mit seiner Kleidung der eisernenWelle, welche nach draußen führt, zu nahe, er wurde von der daran befindlichen Klaue gefaßt und seine Bekleidung, welche nicht nachgeben wollte, festgedreht und mit ihr der unglückliche Mann einige Male mit herumgeschleudert. Da die Welle sich nicht weit vom Erdboden befindet, wurde der Berunglückte am ganzen Körper arg zugerichtet und viele Korpertheile gebrochen, so daß er im Moment eine Leiche war. Binz. Der Capitän des Bergungsdampfers Rügen", Hermann Peters, ist in seinem Beruf, auf der Commandobrücke seines Schiffes sie hend, von einem Herzschlage betroffen worden. Fiddichow. Letztens brach in einem Stalle des Bäckermeisters Langenfeldt Feuer aus, daö alsbald auch zwei andere Ställe ergriff und schließlich sich auch dem Wohnhause mittheilte. Letzteres konnte zum größten Theil erhalten werden, ist jedoch durch den Brand stark beschädigt, während die drei Ställe vollständig ein Raub der Flammen wurden. Lauenburg. Die Leiche des eit dem 13. December v. I. vermißten Pantoffelfabcikanten Hermann Boß wurde von der Leva am Kugelfang hinter dem Schützenhause angeschwemmt. Der 59jähriae Boß hatte sich wegen häuslicher undgeschäftlicher Sorgen von Hause entfernt und anscheinend Selbstmord verübt. Pasewalk. Ein seltenes Jubiläum beging der erste Buchhalter der Stegel'schen Mühlenwerke, Rösler, der vor 50 Jahren in das Geschäft eingetreten ist. Aus Anlaß der Feier wur den dem Jubilar von vielen Seiten, aus der Stadt und aus Geschäftskreis sen, die herzlichsten Glückwünsche dargebracht. Rummelsburg. Für treu ge leistete Dienste in 52 Jahren unter der Herrschaft v. Zitzewitz ist dem Stellmachermeister Julius Sill in dem nahen Beßeritz das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen worden. S to lp. Auf dem Bodenraum des Hauses Kleine Gartenstcaße 3 hat sich der 57 Jahre alte Arbeiter Johann Kurasch von hier erhängt. Der Beweggrund zur That ist unbekannt. Frovinz Schleswig 'KoklZein. Alton a. Ein beklaaenswerthes Bootsunglück ereignete sich dieser Tage beim Borot Ovelgönne. Der, in Olkers Allee Hierselbst wohnende Zim mermannDelfs machte mit dreiFreun den eine Segelpartie. In der Nähe des Wracks der Athabasca" wurde das Boot durch einen Windstoß zum Kentern gebracht. Delfs, der verhei rathet und Vater von sechs kleinen Kindern ist, ertrank, während die drei anderen gerettet wurden. A p e n r a d e. Im 77. Lebensjahre verstarb hier Christian Knudsen Jür gensen, eine in der Stadt sehr bekannte und beliebte Persönlichkeit. Durch gro ße Sparsamkeit hatte er es verstanden. sich ein Vermögen zu erwerben, das er zum Nutzen seiner Mitbürger verwandte. E l m s h o r n. Ein schrecklicher Unglucksfall ereignete sich m der gro ßen Lederfabrik von Knecht und Söhne. Einer der großen Eztrakteure, in denen Gerbstoffe bereitet werden, ist ezplodirt. Der ganze Raum,.in welchem die Extrakteure standen, ist zerstört, die Decke durchschlagen und die eisernen Trager umgestürzt. Leider ist auch der bedienende Heizer, der Arbeiter Meißner von hier, dabei umge kommen. Einer der großen Träger ist ihm auf den Kopf gefallen und hat ihm den Schädel vollständig gespalten. G l ü ck st a d t. Dieser Tage konnte das Geschäftshaus I. & H. Gehlsen r i '- Ä.rjt,VEi3:..c:r.. auf ein zojaqriges cjiaiaiuüuuum zurückblicken. Heide. Der Händler Johann Konrad Wachmann und Frau feierten das Fest ihrer goldenen Hochzeit. Beide Jubilare, von denen der Ehemann im 82. und die Ehefrau im 76. Lebensjahre steht, sind körperlich rüstig und geistig frisch und gehen noch :mmer regelmäßig ihrem Gewerbe nach. K r o p p. Das Fest ihrer dimantenen Hochzeit haben in seltener Frische und Rüstigkeit dasEhepaar Block hierselbst gefeiert. An der den beiden Alten zu Ehren veranstalteten Feier nahmen etwa 400 Personen aus der Ge melnde theil. Läaerdorf. Ein betrübender Unalücksfall ereignete sich bei der Al senschen Zementbahn. Dem 19jährigen Bremser Oelkers wurde infolge eines Febltrittes von der Lokomotive ein Fuß oberhalb des Knöchels vollständig abgefahren. R a ß e b u r g. Der 13iährige Ter tianer Svanaenbera von hier sah vom Wohnzimmer seines Elternhauses bei
der Gasanstalt mis, wie ein MZdckerr
n den See 'stürzte. Der Knabe lief mit
einem Stock nach der Unfallstätte und es gelang ihm auch nach längeren Bemühungen.das Mädchen, welches schon mehrere Male untergetaucht, aus dem Wasser zu Ziehen. Frovinz Schkelien. V; B tes lau. Auf der Aoblenstrawurde das 2 Habr alte Mädchen öedwia Jurczhk durch einen Omnibus überfahren. Die Verletzungen waren o schwere, vaß ver Too aus ver isleue intrat. Die Leiche wurde durch die Mutter in die Wohnung Zobtenstraße 23 getragen. Der Maschinist Paul Brenner stürzte kurzlich in vem Haue Neue Tauenkienstraße 37 von der Treppe und erlitt schwere Verletzungen. cach kurzer Zett l er :n ver Klinik verstorben. A r n o l d s h o f. Als der Stellenbesitz Volkmann von hier mit seinem Gespann das Dorf Schlaup passirte, scheute das Pferd an einer engen, abfallenden Stelle der Dorfstraße vor einem Nadsadrer und warf den zagen um, wobei Volkmann einen Bruch deZ lmken Schlüsselbeins, sowie schwere Quetschungen der. linken Seite davontrug, wahrend seine Tochter, die sich mit auf dem Waaen befand, ebenfalls Quetschungen erlitt. v roti lau. Letztens wurve im Chausseegraben hinter dem Dorfe Streigendors hiesigen Kreijes oer INvalidenrenten - Emvfä'naer Franz Adam aus Endersdorf todt aufgefunden. Adam, welcher kurz vorher aus dem Dominium Striegendorf bei seinem Schwieaersoyne war, tu allem Anschein nach auf dem Nachhausewege plötzlich am Herzschlag gestorben. Hirschberg. Erschossen hat nq in' der hiesigen väterlichen Wohnung der Militärinvalide Draber. Der etwa 30 Jahre alte Draber hatte lange Jahre bei der deutschen Kriegsmarine aedient und auck den Cbinafeldzuz mitgemacht. Bei letzterem zog er sich r 4 m . ! UVtaY.r&A2 infolge nerlounouiiz ein tuiyniiu Aiciücn zu uuu mupic t,vj den Dienst auittiren. Er erhielt auße n.:v ... t v nrn ninniF einer Pension zwar auch den CivilVersorgungsschein, voch naym iyn n?egen seines Leidens keine Behörde fest an. Konigshütte. Zu Tode verunglllckt ist auf dem Bahnhofe der Königsgrube der Häuer Franz Rzesnitzek. Der Verunglückte war 40 Jahre alt und verheiratet. Liegnitz. Ein schrecklicher Unglücksfall ereignete sich auf dem hiesigen Bahnhofe, indem der Rangirer Fischer von hier beim Rangiren zwischen die Puffer zweier Wagen gerieth und zerquetscht wurde. P r i m k e n a u. Vor einiger Zeit erschoß der auf der Marienhütte" beschäftigte Arbeiter Strauch wegen zerrütteter Vermögensverhältnisse seine beiden Kinder und sich selbst. Trachenberg. Durch Explosion einer Petroleumlampe entstand in der hiesigen Aktien - Zuckersiederei Feuer. Der Diffusionsraum mit allen Maschinen und das Laboratorium ist total vernichtet. Durch angestrengte Thätigkeit der erschienenen zwei Spritzen gelang es, die anderen Raume zu halten. Z a b r z e. In der Königin LuiseGrube wurden die Bergarbeiter Grimm und Zipser durch einen Pfeilereinbruch erschlagen. Grimm hmterläßt seine Frau und zehn Kinder und Zipser seine Frau mit vier Kindein. Als ein erfreuliches Zeichen der gutn wirthschaftlichen BeZiehungen zwischen Frankreich und Deutschland kann es betrachtet werden, daß eine größere Anzahl hervorragender französischer Landwirthe unter Führung von Prof. Troude und Dr. Hailer - Paris in diesem Sommer eine mehrwöchige Studienreise nach Deutschland unternimmt, wofür die Vorbereitungen von der Deutschen Landwirthschafts - Gesellschaft getroffen werden. Sicherlich kann es für beide Länder nur von Vortheil sein, wenn gerade die Fortschritte der Landwirthschaft, in der . keine Geschästsgeheimnisse, wie in der Jndustrie, bestehen, gegenseitig durch Augenschein bekannt gemacht werden, um so mehr, als in Bezug auf Zuchtthiere, Sämereien, Hilfsstoffe und Se räthe ein Austausch der beiden Kulturländer in mehrfacher Beziehung von Vortheil sein dürfte. Man will deshalb den französischen Gästen die beste Aufnahme angedeihen lassen und man wird mit Spannung den Verlauf dieser ersten größeren Unternehmung zur landwirtschaftlichen Annäherung der beiden Nachbarländer verfolgen. Der Londoner Sch auspieler George Alexander hat jekt ein Engagement an das Drurylane-Thea-ter angenommen. Er wird in dem Melodrama The Prodigal Son" auftreten und erhält als wöchentliche Gage 51250. Bei dieser Gelegenheit dürfte es interessiren, einmal die Wochengagen anderer berühmter Schauspieler in England zu erfahren. Dan Leno erhielt wöchentlich Z2500, die Lillian Russell 2000, die Ristori $1759, der Edwin Booth N500, die Fvette Guilbert $1250, Madame R6jane $1250, Salvini Z1000 und Coqueiin $1000. Die Patti empfing für ein einziges Concert $5000, und Barnum bezahlte Jenny Lind ebenfalls $5000 die Woche, als sie das erste Mal in Castle Garden in New Fork auftrat. -
