Indiana Tribüne, Volume 28, Number 265, Indianapolis, Marion County, 30 June 1905 — Page 5

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Jndina Tribüne, 30 Juni 1909 3

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Europäisches fluuttwei! Wechsel, Creditbriefe. Postanweisungen. auf alle Städte Europas. Kchiffsscheins von und nach Europa,

An- und Verkauf austän l schen Geldes. towi Mte No. 35 Süd Meridian Str. Merchaiits National Bank. Die Perfeet Gas Range wird zum Koftenpreife verkauft, abgeliefert und aufgekellt ohne Nntoften. Der sparsamfte Ofen für KunftgaS. Sprechen Sie vor und sehen Sie dieselben im Gebrauch. THE INDIANAPOLIS 6AS Cß., 49 . Pennsylvania Str. Politische Ankündigungen. lvm. Kaiser, empfiehlt sich den Stimmgebern der Stadt Indianapolis als andidat für tadt'Clerk. Unterworfm der Entscheidung der republi Tonischen Nominationö-Convention. i" ' i John Heidenreich, ..Der Florift", Gcke pplegate und Iowa Straße, empfiehlt sich.de Stimmgebern der 13. Ward al Kandidat für Stadtrath. ünterworfen der Entscheidung der dnnokra tischen NominationS Convention. Michael Vinci, CommiffionS - Händler, 122 Süd Delaroare Straße, empfiehlt sich den Sttmmgebern der Uten Ward als Kandidat für den tadrrath für diese Ward. Unteraorfen der Entschei. dung der demokratischen RominationS-Kon ventton. Bkse-Vall. Die gestrigen Spiele resultirten wie folgt: American. Association. EolumbuS, 29. Juni. ColumbuS 00400000 4 'Indianapolis .000 1 000001 Batterien Hart und Ryan; Erom ley und Roth. St. Paul, 29. Juni. St. Paul.... 1 00 1 0 1 60 - 9 KansaS Sity. . 000001 0.3 3 7 Batterien EvanS, SesfionS 'und Eullivan; ttilroy und Butler. Toledo, 29. Juni. Toledo .100 0 0000 00 0001 L'Sville. 0 0 000 1 00 00 00 12 Batterien KeUum und Clark; Fer guson und Shaw. MinneapoliS, 29. Juni. MinneapoliS. ..100()0022 5 Milwaukee.... 3100000004 Batterien Stovel und Marshall; Hickey und Beville. National Liga. Philadelphia, 29. Juni. Erfteö Spiel. Philadelphia ..01010100 3 Boston 10000 1 000 2 Batterien Corridon und Dooin; Frazer und Needham. Zweites Spiel. Philadelphia.. 00000101 -2 Bopon 0 0100000 0 1 Batterien Suthoff und Abbott; Needham und Moran. Brooklyn, 29. Juni. Brooklyn 0000000011 New York 01600300 111 Batterie Doescher, Eason und Ritter; Ellloit, Mathewson und Clarke. Raucht die Tiah I Miago.

Der Herr Baron. Milirürhumoreske von Freiherrn v. Schlicht. Leutnant Müller hieß im ganzen Regiment nie anders wie .der Herr Baron". Die Kameraden nannten ihn so, die Vorgesetzten ebenfalls, und es passirte auch manchem Solbaten, daß er mit lauter Stimme: 3u Befehl, Herr Baron", sagte, obgleich es dienstlich zwar einen Grafen, aber keinen Baron giebt. Der Baron heißt Herr Leutnant, der Graf heißt Herr Graf, und das bleibt so, bis er Exzellenz wird, was aber nicht jeder Graf wird, und so mancher Baron auch nicht, besonders dann nicht, wenn er keiner ist. Und Leutnant Müller war, wie gesagt, gar kein Baron, er wurde nur so genannt, und das derdankt er in erster Linie seinem Monokel. Dieses Monokel war nämlich nicht nur sehr schon, sondern es bestand auch aus wirklichem Glas, und es war so geschliffen, wie es für Weitsichtige geschliffen zu sein pflegt. Leutnant Müller war nämlich wirklich mit seinen Augen nicht ganz in

Ordnung, und infolgedessen hatte er die Erlaubniß, das Monokel nicht nur außer Dienst, sondern auch im Dienst zu tragen. Er verstand eö zu tragen, das mußte ihm der Neid lassen, kein Anderer klemmte das GlaS mit solcher Eleganz in's Auge, keinem Anderen stand es so ausgezeichnet. Aber Leutnant Müller hatte noch andere hervorragende Eigenschaften als sein Monokel, er hatte hervorragend gute Stiefel, die ließ er in Berlin bei dem Hofschuster Seiner Majestät arbeiten, und er bekam gleich immer sechs Paar auf einmal. Diese Stiefel unterschieden sich von dem Schuhwerk der anderen Offiziere nicht nur durch ihre Eleganz, sondern auch dadurch, daß sie gleich bei ihrer Ankunft bezahlt wurden. Denn Leutnant Müller hatte Geld, sogar viel Geld. Aber er hatte noch etwas Anderes, was namentlich den jungen Damen in der Stadt gewaltig imponirte, er hatte einen unverhältnißmäßig langen Hals und trug infolgedessen unverhältnißmäßig hohe Kragen, und in weiterer Folge dieser hohen Kragen ließ er nie, wie so häufig mancher andere Leutnant, den Kopf hängen, sondern blickte stets hocherhobenen Hauptes in die Welt. Aber Leutnant Müller hatte noch andere Vorzüge, er hatte aus der Rest denz hervorragend gute Hosenspanner, deren Bezugsquelle er Niemandem verrieth. Wie Mütter Abends mit der denkbar größten Liebe und Sorgfalt ihre Kinder zu Bett bringen und sie so guk verpacken, daß ihnen kein Leid passirn kann, so packte Leut nant Müller des Abends seine Beinkleider fort. Selbst nach dem längsten Liebesmahl kam es nicht vor, daß er seine Lieblinge unordentlich auf den Stuhl warf, viel eher wäre er gestorben. Er spannte das Beinkleid mit einer Genauigkeit ein, als hinge sein Seelenheil davon ab, und so gab es im ganzen Regiment Niemanden, der auch nur annähernd so tadellose Hosenfalten besaß. Aber Leutnant Müller hatte auch noch andere Schönheiten, er besah auch ein Armband, und zwar ein echt goldenes. Eigentlich ist es den Offizieren verboten, einen derartigen Schmuck zu tragen, aber bei dem Herrn Baron fand man es ganz selbstverständlich, daß er dekorirt war, und ebenso selbstverständlich war es für fclle, daß er dieses Schmuckstück von einer Heißgeliebten erhalten hätte und eher sterben als es ablegen würde. In Wirklichkeit aber stammte es von einer Kellnerin, der er es in einer feuchtfröhlichen Nacht für hundert Mark abgekauft hatte. Und da er am nächsten Morgen noch total betrunken gewesen war unv keine Ahnung davon hatte, wo er die Nacht zugebracht hatte, und sich auch absolut nicht darauf besinnen konnte, wie erzu dem Armband gekommen war, so lebte er in der felsenfesten Ueberzeugung, eine unbekannte Schöne, die ihn leidenschaftlich liebte, habe ihm heimlicherweise diesen Schmuck um den Arm gelegt. Denn Leutnant Müller war nicht nur mit allen möglichen äußeren Vorzügen ausgestattet, er war auch geistig sehr bedeutend, wenigstens nach seiner Meinung, und da er keine andere Ansicht als die seinige für richtig anerkannte, so war er für sich der Inbegriff aller Seligkeit, wobei er aber ganz bestimmt nicht an das Wort dachte: Selig sind die, die da geistig arm sind. So besah Leutnant Müller alles, was er brauchte, um ein wirklicher Baron zu sein. Dieses aber war er ja leider nicht.trotzdem empfand alleWelt das Bedürfniß, ihn in den Adelsstand zu erheben, und er ließ sich das auch ganz ruhig gefallen. Da geschah es. daß der hohe Chef des Regiments, der selbständige Herrscher eines ganz kleinen selbständigen Staates, das Regiment, das ihm kürzlich aus Anlaß seines siebzigsten Geburtstages verliehen worden war. besichtigte und mit den Offizieren im Kasino das, Diner einnahm. Selbstverständlich waren Seiner Hoheit vorher sämmtliche Herren vorgestellt worden, und er hatte auch für jeden ein paar der üblichen leutseligen Worte gehabt, aber er hatte natürlich gar nicht nach den Namen hingehorcht, und sein Herz und sein Verstand hatten nichts davon gewußt, wal seine Lippen sprachen. Sein Verstand am allerwenigsten, denn es ging daö Gerücht, Seine Hoheit hätte nach glück-

licher Ueberwindung einer schweren körperlichen Krankheit in geistiger Hinsicht einen leichten Schlaganfall bekommen, und Spuren desselben wären noch vorhanden. Der hohe Herr saß zwischen dem Regimentskommandeur und dem altesten Stabsoffizier bei Tisch, und während die Leutnants, um ihren hohen Gast zu ehren, noch mehr Champagner tranken, als sie es sonst beim Liebesmahl zu thun pflegten, verwickelte Seine Hoheit den Herrn Oberst in ein huldreiches Gespräch. Und während e? sprach, ließ er seine Blicke ganz mechanisch über die festlich geschmückte Tafel gleiten. Da meinte er plötzlich: Wohl ein sehr vornehmes Offizierskorps, Herr Oberst?" Sehr vornehm, Hoheit", klang es zurück, denn erstens war das Offizierskorps wirklich tadellos, und auf der anderen Seite hätte der Kommandeur dem hohen Chef gegenüber doch unter keinen Umständen eine andere Antwort geben können. Wohl alles alter Adel?Doch nicht, Eure Hoheit.Aber viel alter Adel?" Doch nicht, Eure Hoheit." Hoheit sah den Kommandeur ganz erstaunt an, dann schien er zu begreifen: Ach so, ich verstehe, alles neuer Adel." Doch nicht, Eure Hoheit." Aber wenigstens viel neuer Adel?" Doch nicht. Eure Hoheit." Der hohe Herr starrte vor sich hin. Verstehe ich nicht", meinte er endlich. Sie sprechen von einem sehr vornehmen Offizierskorps, und dann haben Sie keinen alten Adel und auch keinen neuen Adel ja, was haben ie dann für einen Adel in Ihrem Regiment?" Gar ieiren, Hoheit." Ach nee," meinte der, und in seinem Gesicht war ungefähr zu lesen: warum macht man mich da eigentlich zum Chef dieses Regiments. Dann aber sagte er: Sie machen wohl einen Scherz, Herr Oberst?" Ganz im Gegentheil, Eure Hoheit. Ich selbst bin bürgerlich, und ich muß sagen, ich bin stolz darauf, einem Offizierskorps vorzustehen, das zwar nur aus bürgerlichen, aber durchaus tadellosen Herren besteht." Ist ja gewiß auch sehr schön", erwiderte Seine Hoheit, aber einen Adligen müßten Sie doch eigentlich im Regiment haben. Wissen Sie, wie einige Garderegimenter ihren Renommierschulzen haben, damit die niederträchtigen Sozialdemokraten nicht sagen können, ihre Regimenter wären zu vornehm, um einen Bürgerlichen in ihrer Mitte zu dulden, so müßten damit die niederträchtigen Sozialdemokraten nicht schimpfen und nicht behaupten können, Ihr Regiment wäre so vornehm, daß es keinen Adeligen aufnehme." Auf diese Bemerkung hin hüllte der Herr Oberst sich in Schweigen, und Seine Hoheit musterte die Tafelrunde wieder weiter. Da fielen seine Blicke auf den Leutnant Müller, der absichtlich so gesetzt worden war, daß der hohe Chef ihn bemerken mußte. Wie heißt der Offizier da?" Müller, Eure Hoheit." Nur Müller? Nicht mal von Müller"?" Nur Müller." Verstehe ich nicht, so sieht er doch gar nicht aus. Aber der Offizier gefällt mir, wie heißt er doch noch?" Müller, Eure Hoheit." Sonderbarer Name, sehr schwer zu behalten, und doch möchte ich ihn mir gerne merken. Sie müssen nämlich wissen, mein lieber Herr Oberst, ich habe absolut gar kein Namengedächtniß, nicht das geringste, aber diesen Namen will ich mir merken. Wie war er doch noch gleich?" Müller, Eure Hoheit. Vielleicht denken Eure Hoheit dabei an die beiden bekannten Figuren Müller und Schulze." Famoser Gedanke, werde ich mir merken. Also Schulze." Der Kommandeur wurde nervös: Nein. Müller, Hoheit." Ach so, ja, richtig, nun vergesse ich es auch ganz gewiß nicht wieder." Und der hohe Herr erkundigie sich sehr eingehend nach den Familienverhältnissen und den persönlichen Eigenschaften seines Protegös, bis es für ihn Zeit wurde, zur Bahn zu fahren. Der Besuch Seiner Hoheit war zwar nur kurz gewesen, aber die Folgen blieben nicht aus. Die meisten Offiziere bekamen einen Orden, und ungefähr 14 Tage später kam von dem Hofmarschallamt ein längeres Schreiben: Nach reiflichster Ueberlegung sei Seine Hoheit zu der Ueberzeugung gekommen, daß es für das ihm verliehene Regiment doch besser wäre, wenigstens einen adeligen Offizier zu haben, damit die Sozialdemokraten nicht behaupten könnten, das Regiment sei so exklusiv, daß es keinen Adeligen aufnehme, und aus diesem Grunde habe Seine Hoheit sich entschlossen, den Leutnant Schulze, der ihm neulich so gut gefallen habe, in den erblichen Adelsstand zu erheben. Das Adelsdiplom und der Entwurf des Wappens folgen anbei." AIS der Oberst diesen Brief las, fiel er beinahe vom Stuhl und fragte telegraphisch beim Hofmarschallamt an, ob die Sache nicht noch zu ändern sei, denn der Leutnant Schulze des Regiments hätte bei der Anwesenheit Seiner Hoheit gerade zu Bett gelegen,

wohingegen Leutnant Müller derjenige gewesen wäre, der das höchste Wohlgefallen erregt hätte. Und schon mit dem nächsten telegraphischen Funken kam die Antwort: Um Gottes Willen den Mund halten! Hoheit giebt sein schlechtes Namensgedächtnih ja zwar selbst zuweilen zu, aber wenn ihm ein anderer damit kommt und ihn darauf aufmerksam macht, daß er den Falschen beförderte, dann wird er fuchsteufelswild und läßt den Sprecher erbarmungslos für immer in Ungnade fallen! So blieb es bei dem Gottesbeweis Seiner Hoheit: anstatt des Leutnants Müller wurde Leutnant Schulze geadelt, und als dieser wenig später von Seiner Hoheit in Audienz empfanget wurde, um sich bei diesem für die ihm gewordene Nobilitirung zu bedanken, war der hohe Herr ungemein gnädig. Die Audienz dauerte länger als eine Minute, und als Seine Hoheit dann den Leutnant von Schulze, der im Gegensatz zu Leutnant Müller von kleiner, untersetzter Gestalt war, entlassen hatte, sagte er zu seinem Adjutanten: Es ist ja eigentlich ganz st.lbstverständlich, aber sonoerbar bleibt es trotzdem: von dem Augenblick an, in demein Mensch geadelt ist, sieht er ganz anders aus."

Ss stimmt ! Humoreske von M. Thiery. Mein lieber Sohn, diesmal giebt's kein Entwischen, denn so günstig trifft nicht zweitenmal alles zusammen." Reynard von Mirolles sah dieSprecherin, Frau von Avert, vorwurfsvoll an. Seit ihn sein Beruf als Militär in die kleine Garnisonstadt gefühlt, wo er in der Baronin von Avert eine Jugendfreundin seiner Mutter wiedergefunden hatte, wurde zwischen der alten Dame und dem jungen Mann ein Krieg bis auf's Messer geführt; sie wollte ihn verheirathen, und er wollte nicht! Ach, setzen Sie doch nicht solche Duldermiene auf, ich will ja nur Ihr Bestes ... es ist, als wollte der Himmel selbst, daß meine Pläne in Erfüllung gehen sollen, denn eine Tante von der Ihnen zugedachten Braut wohnt jetzt im selben Hause. Vor vierzehn Tagen ist die Dame eingezogen. Wir haben von ihrer Nichte gesprochen, und ich habe ihr den Rath gegeben, das junge Mädchen kommen zu lassen, damit sie ihr bei der Wohnungseinrichtung hilft." Reynard war aufgesprungen und rief erregt: Verehrte, gnädige Frau, Sie sind wirklich zu gütig, und ich werde Ihnen einmal wieder alle Ihre Antheilnahme mrk Undank lohnen, aber . . ." Und ich will, daß Sie Marga sehen sollen!" Bitte, ersparen Sie mir das, denn . . ." Und Sie werden sie doch sehen. Es bat geklingelt, ich habe die Stimmen der Damen erkannt .... und das Zimmer hier hat nur einen Ausgang, also Schon kamen Schritte und Stimmen näher. Da blitzte es mit einem Mal in Reynards Gesicht triumphirend auf. Er war in Civil. Die beiden Damen, die jetzt insZimmer traten, kannten ihn nicht. Er stürzte an den Flügel, schlug den Deckel zurück und fing an mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf die Tasten zu schlagen . . . do, do, do . . . si, si, si . . . In demselben Augenblick öffnete sich die Thür, und die beiden Damen kamen herein; Reynard schlug noch einmal auf die Taste 6, d, d . . . sprang auf, machte vor seiner Peinigerin eine tiefe Verbeugung und sagte gemessen: Frau Baronin, der Flügel ist jetzt gestimmt." Ohne die Damen anzusehen, eilte er dann rasch zur Thüre. Aber eine klare Stimme, nickt die der Baronin, rief: Ach, mein Klavier ist vom Transpor! sehr verstimmt . . . Marga, führe doch den Herrn hinauf, zeig ihm das Instrument . . ., liebste Frau Baronin,Sie gestatten es doch?" Aber bitte!" kam die Antwort von Frau von Avert. Nur Reynard verstand, was in diesem aber bitte" alles lag. Spott und Triumph und die Herausforderung zum Kampf. Und Reynard nahm den Fehdehandschuh auf ... . gut, er war Klavierstimmer ... er verbeugte sich so linkisch wie möglich und sagte, dem jungen Mädchen zugewandt: Wenn gnädiges Fräulein mir das Instrument zeigen wollen . . ." In den noch kahl und unwirthlich aussehenden Salon drang das Licht unbehindert durch die gardinenlosen Fenster, und der improvisirte Klavierstimme? konnte constatiren, daß Marga's Teint das scharfe Tageslicht nicht zu scheuen brauchte. Aber ein Klavierstimmer hat sich um anderes zu kümmern, als um die Schönheit seiner Kundinnen zu detailliren. Ein etwas scharfes: Hier steht das Instrument," rief Reynard das in die Erinnerung. Reynard fetzte sich auf den Klavierseffel, öffnete den Flügel und sah nachdenklich auf die Tasten. Ich bitte, einen halben Ton unter der Mittellage als Norm zu nehmen, da ich die Klavierbegleitung für meim Gesang gebrauche. .

Ach, wirklich, gnädiges Fräulein singen? .... Sie haben sicherlich eine sehr hübsche Stimme." In die blauen Augen trat ein kalt abwehrender Blick, und Reynard erinnerte sich wieder, welche Persönlichkeit er vorstellte. Das Instrument ist ja furchtbar verstimmt!" meinte der vermeintliche Klavierstimmer dreist und gottesfürchtig. Und ganz ärgerlich rüttelte er an dem Deckel, denn es fiel ihm ein, daß Klaviere auseinandergenommen werden müssen, wenn man sie stimmen will. Jawohl auseinandergenommen werden sie . . . aber wie? Da fängt Fräulein Marga selbst an, das ftlarner auseinanderzunehmen. Und nun? Was nun thun? fragt sich Reynard, was habe ich jetzt zu machen? Fa, sa, sä .... si, si, si . . . . B0l, S0l, S0l . . . Jede Taste einzeln, wie der Zufall es fügt, schlägt Reynard dreimal mit dem Zeigefinger an. Marga ist etwas zurückgetreten, und Reynard athmet erleichtert auf. F1, Itt, sei ... SI, 81, 81 ... Aber ewig kann das doch nicht so fortgehen. Marga kommt wieder näher. Gott, wie reizend sie ist ... . und so jung . . . . und so graziös! Do, re, rni, sa, sol . . . ." So ertönt's vom Instrument, und gleich darauf ruft Reynard in klägliehern Tone: Gnädiges Fräulein!" Marga wandte sich halb um und will gerade fragen: Sie wünschen?" da ist der Damm gebrochen, und fast übersprudelnd stößt er hervor: Gnädiges Fräulein .... ich bin nämlich nicht, der ich scheine . . . nein! Bitte, bleiben Sie ... . nur noch einen Augenblick ... ich bin kein KlaVierstimmer . . . blos ein Dummkopf . . . . haben Sie Nachsicht . . .'. ich kannte Sie ja nicht .... oh. bitte, bleiben Sie doch . . . hören Sie mich doch nur an: ich bin ja nicht der Kla Vierstimmer ... ich bin Reynard von Mirolles . . . Leutnant im . . ." Die junge Dame machte eine fluchtartige Bewegung zur Thür. Ach Gott! Gnädiges Fräulein . . bitie, bitte, bleiben Sie doch nur . . . ich möchte mich gern vor Ihnen rehabilitiren . . . Ihnen wenigstens alles gestehen ... ich habe mich als KlaVierstimmer gerirt, weil ... ja, mein Gott . . . weil ich Sie nicht kennen lernen wollte." Kennen lernen? Ja aber . . . warum denn nicht?" Weil ich Sie nicht kannte . . ." In Marga's Augen blitzte der Schalk auf. Schweigsam und gemessen wandte sie sich von Reynard fort der Thür zu und verließ das Zimmer. Der Delinquent folgte ihr gesenkten Hauptes. Als sie vor der Wohnung der Frau von Avert angekommen war, da zog sie die Klingel hastig und ungeduldig. Fast heiser klang die Stimme res jungen Offiziers, als er nun leise sagte: Adieu, gnädiges Fräulein . . ." Die Entrethür wurde geöffnet. Da plötzlich wandte sich Marga um, und Reynard sah wieder die schelmisch blitzenden Augen und den kleinen Mund, um den es verrätherisch zuckte. Wollen Sie denn nicht näher treten und sich von Frau von Avert verabschieden?" klang scheinbar ganz unbefangen ihre Frage . . . ., aber ein leichtes Roth stieg dem jungen Mädchen dabei bis in die vom Blondhaar umkrauste Stirn. Und Reynard verstand, daß sie ihm verziehen. Und. . . Nun. und Frau von Avert fand ihren Besuch an dem Tage sehr seßhaft" .... und da Reynard von Mirolles sich in der nächsten Zeit sehr oft bei ihr sehen ließ, so wußte sie auch bald, daß alles wunderschön stimmte, genau so. wie sie es sich in ihrer Weisheit zurechtgelegt hatte. Den bewußten Flügel aber erbat sich Marga von der Tante als Hochzeitsgabe .... und wenn sie später ihren Mann necken wollte, dann meinte sie: Nun, wie war'", denn mit do, do, Weiter kam sie zumeist nicht, da ihr dann der Mund schleunigst mit einem Kuß verschlossen wurde. Eine sehr reiche Mexikanerin, Dunora Micaela Clavelas, die in einem eleganten Pariser Hotel in der Rue de l'Op6ra abgestiegen war, verlor vor mehreren Wochen, als sie das Theater verließ, einen goldenen Ring mit Rubinen besetzt, der einen Werth von 25,000 Frank repräsentirte. Obwohl der Verlust sofort bei der Polizei angemeldet wurde, und man sorgfältige Untersuchungen, auch bei den Dienstboten der Mexikanerin und den Angestellten des Hotels einleitete, blieb das kostbare Schmuckstück verschwunden. An einem der letzten Abende nun bemerkte ein Schutzmann im Rinnstein der Rue des CapucineS einen glänzenden Gegenstand liegen. Er trat näher, hob das blinkende Objekt auf und erkannte, daß er den so lange und vergeblich gesuchten Ring der Mexikanerin gefunden, der die ganze Zeit ungesehen in der Gosse aelegen hatte. Die von dem Funde benachrichtigte Verliererin spendete in ihrer Freude 300 Frank Belohnung für den Schutzmann. v ' .iZW

Blumengärten der Amrilm. Interessante charakteristische vant, Thiere am Vajonenftrome. Am Amazonenstrom in Brasilien, dem durch herrliche Urwaldgegenden rauschenden gewaltigen Fluß, zeigen weite Gebiete ganz besondere Eigenheiten im Leben der Pflanzen- und Thierwelt. Eine der merkwürdigsten Erscheinungen der Botanik und der Zoologie ist die Anlage von hängenden Gärten durch Ameisen. Der Berliner Botaniker Professor Ule hat sich auf einer Reise in das Amazonasgebiet mit diesem interessanten Phänomen eingehender befaßt und nennt diese Anlagen Blumengärten der Ameisen," analog den früher von Dr. A. Möller beschriebenen Pilzgärten. Wie die Ameisen es sind besonders zwei Gattungen derselben ihre Gärten anlegen, ist sehr interessant. Die ersten Anlagen der Nester bilden formlose Anhäufungen ron Erde auf Bäumen und Sträuchern, ein ziemlich einfaches, nicht großes Gebäude, das innen mit zahlreichen Kammern durchsetzt ist. In das vorläufig so konstruirte Nest schleppen die Ameisen nun Samen bestimmter Pflanzen und tragen, sobald diese Samen Wurzel geschlagen haben, immer mehr Erde hinzu, mit welcher sie die Wurzeln kunstvoll umgeben. Die Pflanzen erhalten daher Erde genug und auch die Ausscheideprodukte der Ameisen selbst geben ihnen reichlich Nährstoff, so dafj sie sich üppig entwickeln können. Manche dieser Pflanzen treiben dann wieder Ausläufer, die an passenden Stellen Gelegenheit zur Anlage neuer Ameisennester geben, und so entsteht oft an einem und demselben Baum eine ganze Kolonie solcher Nester, so daß man in dem Baum ein Paradies schwebender Gärten oder Blumenampeln erblickt. Die Nester werden zum Theil dicht am Boden, theils höher, sogar bis zu 30 Jards Höhe angelegt und nehmen oft, je nach den in ihnen kultivirten Pflanzen, riesige Dimensionen an, mit einem Durchmesser von mehreren Aards und einem Gewicht wohl von einigen Centnern. Und trotz der Mannigfaltigkeit der von den Ameisen gepflegten Pflanzen ist das Nest doch ein fest umschriebener Kreis von 14 Pflanzenarten. Der Gesammtanblick dieser Ameisengärten ist wundervoll und charakteristisch für die Landschaft des Amazonasgebiets. Die interessanteste und schwierigste Frage bei der ganzen Erscheinung ist wohl diejenige nach der Ursache solcher Thätigkeit der Ameisen. Daß diese Baumeister nur Schutz gegen die großen Überschwemmungen des Amazo- ( nenstroms gewähren sollen, ist nach nicht anzunehmen, da die Bk.'.-..mgär-ten auch zu ebener Erde und auch auf dem überschwcmmungsfreien Lande gebaut werden. Mehr für sich hat die Vermuthung, daß durch die Wurzeln der Pflanzen das Nest einen festen Halt erhalten und durch das überwuchernde Blattwerk wirksam gegen die starken Regenfälle der dortigen Gegend geschützt werden soll. Die russischen Aerzte. Eine gute Gesundheit, so schreibt der Reisende Gittermann unter Anderem in den Grenzboten." ist in Rußland so ziemlich das Höchste, was man einander wünschen kann; man ist dort um seine Gesundheit noch besorgter als in Deutschland, und vielleicht genießen, deswegen auch die russischen Aerzte ein viel höheres Ansehen, als es im deutschen Reiche leider der Fall ist. Die Petersburger Aerzte stehen zweifellos auf der Höhe der Wissenschaft, man redet auch dort viel in wissenschaftlichen Vereinen und schreibt mehr, als gut tjfr . . aber bei dem unsinnigen Leben, das der vornehme Russe führt, nutzt alle ärztliche Kunst nicht viel; der Körper verbraucht sich schnell, und das Alter tritt um mindestens zehn Jahre zu früh ein. Ein junger Lebemann erzählte mir, daß er einem Klub vornehmer Herren angehörte, die sich mehrere Male in der Woche zu einer lustigen Sektkneiperei vereinigten; da sei es denn nicht selten vorgekommen, daß man zum Schluß eine ganze Kiste Eau de Eologne ausgetrunken habe, um noch berauschter zu werden. ' Englische Schanfpielergage. Der englische Schauspieler George Alexander hat ein Engagement arn Drurylane-Theater angenommen, um den Helden in Kaines Melodrama The Prodigal Son" zu spielen. Er erhält dafür als wöchentliche Gage 250 (1 gleich $4.86). Sein Engagement dauert 12 Monate. Bei dieser Gelegenheit ist es interessant, einmal die Wochengagen anderer berühmter englischer Schauspiele? zu erfahren. Dan Leno erhielt wöchentlich 500, Lilian Russell 400, die Ristori 300. Edwin Booth 300, Yvette Gilbert 250, Madame Rejane 250, Salvini 200 und Coquelin 200. Madame Patti aber empfing für ein einziges Konzert 1000. Das Liebeswerben erfolgt auf der spanischen Insel Jbiza in der Art. daß der Bursche seiner Angebcteten sachitz-nachschleicht und, sobald er sie erreicht bat. seine Donnerbüchse knapp neben ihr wsbrcnnt. so daß sie von einer Rauchwolke umhüllt wird. Der Bursche gesellt sich darauf der Liebsten zur Seite, und beide vertiefen sich in ein Gespräch.

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