Indiana Tribüne, Volume 28, Number 256, Indianapolis, Marion County, 20 June 1905 — Page 7
Indiana Tribüne, 20. Juni 1905.
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Die Igd nach t oemMann t X Uctmait von L ZNaseimilian Söttctser I (Fortsetzung.) So so so so," machte Raumann und runzelte, indem er das spitze Kinn in die Hand stützte, ein wenig die ounklen 5S?raue; das Lelren des Land' mannes saat Jbnen offenbar nickt zu. das AndiefchoUegebundensein ist Jbnen zu öde nach dem frisch-frei-fröhlichen Wanderleei. das Sie jahrelana geführt haben?" Keineswegs," gab Bodo zurück, im Gegentheil sogar. Aber ick habe nicht Lust, eine von den Eberstl-alerin-nen zu heiratben, die mir hunderttausend Mark Mitgift einbringen könnten. Ich weiß überhaupt nicht, was mein Onkel sich eigentlich gedacht haben mag. als er mir diese Klausel stellte." Unmut!) und Bitterkeit bebten durch seine Stimme. Ja. was der alte Herr sich so dabei gedacht hat." erwiderte Raumann und rieb sich recht unmotioirt, wie es dem Baron vorkommen wollte die Hände. Also über den grohen Teich wollen Sie wieder? Wissen Sie. was mir da so einfüllt?" Ein leises Schmunzeln zuckte um seinen schmalen Mund; rascher, als er's gehofft, kam er zu dem Thema, das ihm am Herzen lag. Ich wäre aespannt. es zu hören," erwiderte der Varon höflich. Hm," machte der Justizrath und kraute sich mit zwei Fingern in seiner Perücke eine einst sorgsam einstudirte, aber ihm im Laufe der Jahre zur zweiten Natur gewordene Gewöhnheit, die in der That dazu angethan war, harmlosen Gemüthern jeden Zweifel an der Echtheit der schwarzen Lockenfülle zu nehmen; hm...nämlich es ist allerdings eine bloße Vermuthung von mir. aber immerhin könnte es meiner Meinung nach passiren, daß Ihnen drüben eines schönen Tages Fräulein Feblow begegnet." Bodo zuckte die Achseln. Das soll mir sehr gleichgiltig sein." versetzte er schroff. Aber nach einer kleinen Pause, in der er wieder nach seiner Cigarre griff, um die bekundete Gleichgiltigkeit durch einen langen, paffenden Zug zu dokumennren, fragte er doch: Ist Fräulein Fehlow auch über den Ozean gegangen? Etwa in Begleitung jenes reichen Herrn, von dem sie mir nach ihrer Abreife aus Ebersthal schrieb, daß sie seinen leidenschaftlichen Bewerbungen wahrscheinlich Gehör schenken würde?" Raumann hatte sich in eine Wolke von TabakSqualm völlig eingehüllt, so daß von seinem scharfgeschnittenen. klugen Schauspielergesicht fast nichts zu sehen war. Er selbst aber ließ es sich sehr angelegen sein, durch die Ritzen und Spalten des grauen Schleiers, der vor ihm wogte, seines Gastes Mienenspiel unausgesetzt zu beobachten. Hat Fräulein Fehlow Ihnen mal Derartiges geschrieben ? Hm ... so so! Sie ist übrigens noch in Berlin bei der alten Gräfin Waldenstein, Unter den Linden 13. Aber nicht mehr aus lange, vermuthe ich. Denn gestern bekam ich einen Brief von ihr, in dem sie mich um Auszahlung der zwanzigtausend Mark ersucht, die ich bisher immer noch für sie verwaltet habe. Jbr Brief ist sonderbar herzlich und auf einen so weichen Ton gestimmt, wie ihn gemüthvolle Menschen wohl anschlagen, wenn sie im Begriffe sieben, den Staub der Heimath von ihren Füßen zu schütteln. Na, wir zwei Beide sie und ich haben uns ja auch immer sehr gut verstanden in all den Jahren, in denen wir uns draußen auf Ihres Onkels Scbloß alle Woche mal sahen. ,Tempi pafsati' so geht alles auf dieser schönen Welt hin und vorbei. Also wie gesagt, sie nimmt in ihrem Brief gewissermaßen Abschied von mir, wünscht mir noch alles mögliche Gute im Hinblick auf das bevorstehende Neujahrsfest, zu dem sie mir sonst immer pünktlich auf den Tag gratulirt hat. Das kommt mir verdächtig vor, auch die Abhebung des Geldes, das sie damals nach der Testamentseröffnung. als ich ihr die AusZahlung anbot, durchaus in meinen Händen belassen wollte. An Heirathen denkt sie sicher nicht das glaub' ich nicht und das trau' ich ihr auch nicht zu; also hat sie wahrscheinlich die Abficht, wegzugehen, weit weg, irgendwohin, wo keiner ihrer alten Bekannten sie finden soll. Denn sonst wenn sie ihren künftigen Aufenthaltsort nicht verheimlichen wollte, hätte sie ja ihr Geld ruhig weiter in meinem Gewahrsam lassen können. Aber natürlich, dann hätte sie mir eben auch mittheilen müssen, wohin ich ihr in Zukunft ihre Zinsen zu schicken habe, und das s aßt offenbar nicht in ihren Plan. Aber wie gesagt das sind alles nur so Vermuthungen." Der Varon saß mit gesenktem Blick' und nagte an einer Schnurrbartspitze, die t: mit nervöser Bewegung in den Mundwinkel gezogen hatte. Eine Menge Fragen wollten auö seinem Herzen, das ihm sehr beklommen war. zu seinen Lippen hinauf, aber die Sckeu der Eitelkeit zwang ihn, sie geYruy TfsiTm aitriirf an hrnri 1UU 1 . I IA 4 1 l lUfcUUlUViUllUkll. Nach emer kurzen Meile ftillschwel- , u v oen eooacyrens yoo aumann r an: Sie haben sich doch ?lhren
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Entschluß, auf das Haupterbe Jhreö Onkels zu verzichten eine gewisse' Abfindungssumme bleibt Ihnen ja unter allen Umständen auch reiflich und gründlich überlegt, damit Ihnen nicöt etwa die Reue kommt eines Tages. wenn es zu fpät ist, wenn es kein Zurück mebr gibt?" Das ist ganz ausgeschlossen." versetzte Bodo bestimmt. ..Gewiß." fuhr der Alte fort, ich gebe ja zu. mir würde es auch nicht vassen, mich von meinem Onkel vor ine verzwickt geringe Auswahl von Mädchen stellen zu lassen mit dem leremtorischen Befehl: an eine von diesen dreien oder vieren hast Du Dein Leben zu ketten, sofern Du meinen Mammon erben willst. Aber ich bin ein alter Junggeselle, dessen Ideal immer die absolute Unabhängigkeit war. und auf großen Reichthum lege ich auch keinen besonderen Werth. Bes sn man verdient sich das wenige. wK man zum Leben braucht, in mühsamer Arbeit, als daß man seine Freiheit und seine persönliche Ueberzeugung auch die Ehre kommt ja da ein wenig in Betracht um noch so hohen Preis verkauft. Indessen Sie sind jung, lebenslustig, genußfreudig; auch den Frauen im Prinzip nicht so abgeneigt, wie ich es von jeher gewesen bin, Sie stammen auch aus einer anderen gesellschaftlichen Sphäre als ich, der ich mich mühselig genug durch Gymnasium und Universität durchschinden mußte. Ihnen ist ein gewisser behäbiger Wohlstand von Kindesbeinen an gleichsam zur Selbstverständlichkeit geworden und" Wie ich schon sagte. Herr Justizrath, mein Entschluß steht unbeugsam fest; ich verzichte ein für allemal auf Ebersthal und Herbartshöhe," unterbrach der Varon mit leise aufsteigendem Unmuth. Na gut," entgegnete Raumann mit begütigendem Lächeln. Da will ich also nichts gesagt haben. Als der Versucher, der Ihnen noch einmal alle Schätze der Welt zeigt, um 'Sie in Ihrem vornehm-männlichen Entschluß
wankend zu machen, möchte tch mcht in Ihrer Erinnerung leben. Uebrigens. da fallt mir eben noch ein, ich hab' ja noch Eigenthum von Ihnen in Händen, das Jbnen zuzustellen ich im Dränge der Geschäfte immer wieder und wieder vergessen habe. Ihre alte Brieftasche mein' ich und die Ausweispapiere, die Ihnen seinerzeit in New Aork qestoh len worden sind, und die auf dem etwas weiten Umweg über Melbourne wieder hierher aelanqten." Ter Alte war an seinen großen Geldschrank getreten und entnahm nach längerem Suchen einem der besonders ver schlossenen Fächer die Sachen, von denen er gesprochen hatte. Während er damit an den Tlsch zurückkam. an dem er dem Baron gegenüber gesessen, sagte er, wie zu sich selbst: Es wird doch auch alles m Ordnung sein?" warf einen Blick in die Papieie und öffnete Zuletzt auch die Brieftasche. auf deren Innenseite sich in einer Act von Nahmen Martha Fehlows Bild befand. Ah," rief er mit einem gleichsam verklärten Lächeln, da ist ja die, von der wir uns vorhin unterhalten baben! Ja, so sah sie damals aus. damals vor nun bald vier Jahren, als Sie Knall und Fall auf und davon gingen, ohne auch nur einen von Ihren Freunden zu hinterlassen, wohin des Weges und der Fabrt! Wie doch die Zeit vergeht! Mir ist's, als wär's erst gestern gewesen." Bodo schien Kon der Vertraulichkeit, deren sich der Justizrath befleißigte, peinlich berührt; denn das Danke," mit dem er sein Eigenthum nun in Empfang nahm, klang merkwürdig kurz. Gleichzeitig erhob er sich auch von seinem Sessel. Raumann aber that, als wenn er das alles gar nicht beachtete. Sagen Sie mal," fuhr er in dem kordial-ver-trauten Ton, den er angeschlagen, fort, da Sie ja doch wohl keinen großen Werth auf Fräulein Fehlows Bild mehr legen, würden Sie's mir nicht zum Andenken verehren? Ich habe zwar fchon eine Photographie von Fräulein Fehlow. aber die ist nicht so gut getroffen wie diese da." Hm " Bodo zog. wie nachdenkend. die Stirne kraus. Nein, ich möchte das Bild selbst behalten." antwortete er dann rasch mit etwas unsicherer Betonung und ließ Portefeuille und Ausweispapiere in die Brusttasche seines Rockes gleiten. Wieder schmunzelte der Justizrath hinter seiner Wolkenwand, die er mit schnellem Paffen zwischen sich und den Baron gelegt hatte. Dann aber trat er dicht an diesen heran, legte ihm die Hand auf die Schulter, als ob er ihn auf seinen Sitz zurückdrücken wollte, und sagte in seiner gemüthvoll-satiri-scken Manier: Sie wollen doch nicht etwa schon wieder weg? Wenn Sie nun heute gehen ich bin ein alter Mann, der wohl keine Ewigkeit irdischen Wandels mehr vor sich hat wer weiß, ob wir uns wiedersehen. Also bleiben Sie schon noch ein Biertelstündchen." Bodo zögerte. Ich will morgen mit dem Mittagszvge reisen und habe zu Hause noch mancherlei zu erledigen ich werd's ohnehin kaum schaffen." Hm." In Raumanns gefurchtes Antlitz frei einAusdruck großer Weich heit. Alfo dann muh ich's wohl ge rade heraus sagen, was ich noch avz dem Herzen habe." Er räusperte sich. Und übel nehmen werden Sie mir meinen FreimujdLtlbt heyN ich rnein'S
wahrhaftig ehrlich und gut mir Ihnen. Aber setzen Sie sich nur noch einen AuAnblick. Meine Rede wird zwar nicht lang sein, aber es macht mich unruhig, Sie auf dem Sprunge zu sehen." Bodo nahm wieder Platz und blickte gespannt zu dem Alten auf, der vvl ihm stehen geblieben war und aus dessen Augen ein warmer Glanz in seine Seele binüberstrahlte. ..Also hören Sie.- hub der Justizrath von neuem an. Daß Fräulein Fehlow nach wie vor Beschrecht über Ihr Herz ausübt, unterliegt für mich keinem Zweifel mehr. Es thäte mir auch leid, wenn's anders wäre. Weil's aber glücklicherweise so ist. rathe ich Ihnen dringend, morqen oder übermorgen, wenn Sie Berlin passiren, doch ja Unter den Linden 173 vorzusprechen. Runzeln Sie nicht die Stirn. Sie haben nicht den geringsten Grunö dazu, junqer Freund. Sie sind erzürnt und erbittert aus Fräulein Fehlow, weil sie Ihnen die Liebe aufgekündigt hat ? ... . Ja, ist Ihnen denn nie eingefallen, weshalb sie das that? Kam Ihnen denn nie der Gedanke, daß sie's nur that, weil sie Ihnen zur Erlangung der Erbschaft nicht hinderlich sein wollte? Sie glaubte Ihnen zu Ihrem Glück im Wege zu stehen, deshalb trat sie beiseite. Nur deshalb dafür bürge ich Ihnen mit allem, was mein ist! Und nun entgegnen Sie mir nicht, daß Sie ihr damals, gleich nach der Testamentseröffnung, hier nebenan gesagt haben, Sie Pfiffen auf Ebersthal und Herbartshöhe Sie sprachen in Ihrer Erregung so laut, daß ich jedes Wort verstehen mußte, obgleich ich durchaus nicht die Ohren spitzte. Ja, wenn Fräulein Fehlow trotzdem ging, so hat sie's eben allzu genau gemerkt wie andere Leute auch , daß das Verlangen nach dem Erbe Ihnen Herz und Sinne umstrickt hielt. Sie machten da vorhin eine Bemerkung von einem reichen Mann, dessen Bewerbung anzunehmen Fräulein Fehlow geneigt wäre. Wenn sie Ihnen wirklich dergleichen geschrieben hat, woran ich nicht zweifle, so sollte das eben ein wohlgezielter Schreckschuß sein, der seine klug berechnete Wirkung ja auch offenbar nicht verfehlt hat. Fräulein Fehlow und nach einem reichen Mann ausschauen! Der Gedanke ist mehr als lächerlich, lieber Freund. Da kenne ich Fräulein Fehlow besser. 3tö will nicht davon svrechen, wie sn mir von jeher als Muster aller weiblichen Tugenden galt. Nur eins noch will ich Ihnen sagen, Herr Baron," fuhr Justizrath Raumann fort. Ehe Fräulein Fehlow von hier fortging, hat sie bündig auf den ihr vermachten Weistritzschen Familienschmuck verzichtet zu Gunsten Ihrer zukünftigen Frau. Ja. es ist so. Sie brauchen mich gar nicht mit so großen Augen anzustaunen. .Meinen Sie. daß sich zu solch' hochherzigem Verzicht ein Mädchen entschließt, das nach Reichthum und sonstigem Tand und Flitter gierig ist? Fräulein Fehlow auch dafür glaube ich Ihnen
einstehen zu können hätte sich nie bedacht, Ihnen in ein Leben voller Arbeit, Sorge und Entbehrungen zu folgen. Nur das große, reiche Erbe war es, das störend zwischen Sie trat, nur das Erbe war es, das Sie auseinander brachte. So nun wissen Sie meine Meinung. Thun Sie. wie Ihnen um's erz ist. Wenn Sie aber morgen oder übermorgen Fräulein Fehlow sehen sollten, dann grüßen Sie sie, bitte, von mir und " Ja, das will ich!" sagte Bodo, ergriff des Justizraths Hand und hielt sie lange mit festem Druck umschlossen. Als er sich dann nach herzlichem Abschied zum Gehen wandte, rief der Alte ihm noch nach: Bleiben Sie, wenn ich Ihnen rathen darf, im Lande. Wer Luft hat, redlich seine Schuldigkeit zu thun, der braucht nicht nach New Aork hinüber, der findet auch in Berlin noch alle Tage sein Brot. Und falls mir Gott das Leben schenkt, sehen wir uns hoffentlich um den ersten September nächsten Jahres herum wieder. Denn wenn es auch nicht nöthig sein wird, daß Sie zur Eröffnung des Kodizills, das Ihr Onkel im Anschluß an sein Testament errichtet hat, Personlich hierher kommen, eine gewisse Summe Geldes kriegen Sie ja in jedem Fall noch ausgezahlt und es wird Sie ja auch interessiren. wer nun an Ihrer Stelle Herr auf Ebersthal und Herbartshöhe werden wird." Nur noch fehr platonisch," entgegnete der Baron und verschwand mit einem letzten Gruß durch die Thür. 14. Kapitel. n den Familien Fleidner, Franke Tl und Brennert war man mehr d' oder minder untröstlich darüber, daß der Baron sich gar nicht mehr in öbersthal sehen ließ. Frau Ilse insbesondere, die auf dem Fest des Berschönerungsvereins so voll seliger Hoffnung aewefen war, schlich umher Wie ein Schatten. War Bodo wirklich so schwer krank, wie die umgehenden Gerüchte es wahrhaben wollten? In ihrer Herzensangst hatte sie einmal den Sanitätsrath auszuforschen gesucht; der aber, wie immer, hatte nur auf seine altbekannte Art die Achseln gezuckt und mit einem Lächeln, von dem man nie wissen konnte, ob es begütigend oder ironisch gemeint sein sollte, geantwortet: Na, es wird schon alles wieder zur rechten Zeit in's Loth kommen, so daß er bis zu dem teftamentarisch festgesetzten Termin Hochzeit halten sann Für den alten .Vfifffttf, der in An
betracht der vielköpfigen Arbeiterschaft, die auf den Weistritzschen Gütern beschäftigt rurde. fast jeden Tag auf Ebersthal oder Herbartshöhe zu thun hatte, unterlag es natürlich gar keinem Zweifel, daß dem Baron nichts irgendwe Bedenkliches fehlen konnte; es bereitete ihm aber einen Hauptspatz, die Damen, die er an der Jagd nach dem Mann" betheiligt wußte, nach Möglichkeit aufzuziehen oder zu ängstigen, je nachdem ihm gerade der Kopf stand. Immerhin eine Hoffnung blieb: eines schönen Tages mußte der mit Wehmuth Vermißte, mit Sehnsucht Erwartete ja wieder da sein. Einer von den wenigen, die in Frage kamen, mußte er ja binnen Kurzem den goldenen Reif an den Finger stecken, denn also hatte der alte Varon es verfügt. Frau Ilse aber, die sich wirklich aufrichtig um Bodo forgte. erwog, ob sie nicht einmal nach Ebersthal hinausfayren unö sich persönlich nacy oem Befinden des Kranken erkundigen sollte. Und sie wäre auch gewiß dem Zuge ihres Herzens gefolgt, wenn sie nicht die zornigen Anklagen des Dichters gefürchtet hätte, der ohnehin in letzter Zeit immer mit einer so verzerrten Miene umherlief, als ob ihm alle Stiefel zu eng wären. Elfriede Franke verlebte daheim schlimme Tage; am wohlsten war ihr noch in den wenigen Stunden, in denen sie ihre ständig zum Zanken und Keifen aufgelegte Mutter nicht zu sehen brauchte. Die Postmeisterin nämlich gehörte zu denen, die an des Barons Erkrankung nicht glaubten. Für sie stand es fest, daß er sich innerlich längst für Elfriede entschlossen habe schon wegen des blauen, wenn auch etwas mit Roth vermischten Blutes in ihren Adern, und daß er sich jetzt nur grollend in seinen Bau verkroch, weil e? sich durch ihr albernes Scharmuziren mit dem affigen" Hans Fleidner beleidigt füblte. Schon fothnall hatte Frau Franke an Bodo geschrieben. Die ersten beiden Male nur gewöhnliche Einladungen, das letzte Mal aber: Theurer Freund! Wann endlich werden wir wieder das Glück haben, Sie bei uns sehen? Geben Sie uns wenigstens einen Hoffnungsschimmer; wir vnh in gar zu großer Sorge um Sie. Es gilt übrigens bei Ihrem nächsten Besuch ein schweres Mißoerstcndniß aufzuklären. Elfriede war auf dem Fest des Verschönerungsvereins nur deshalb so häßlich zn Ihnen weil sie den allzu liebenswürdigen Blick beobachtet hat. mit dem Sie den koketten Augenaufschlaa. der deklamirenden Nixe erwiderten. Ja. ja. Sie Schlimmer! Eifersucht hat scharte Äugen: Und außerdem hatte man Elfriede zugetragen . . . Aber nein, das niuß ick Jbnen mündlich berichten. Also nichi wabr, Sie kommen bald zu Ihrer txg ebenen Sophie Franke, aeb. v. Jsebiel. P. S Elfriede läßt herzlich gute Besserung wünschen." Aber Bodo hatte auch auf diesen Herzenserguß nur kurz geantwortet, daß er noch nickt bestimmen könne, wann er im Stande sein würde, in die Stadt zu kommen. Aehnlich wie Frau Franke erklärte sich Frau Röschen Brennert des Barons fernbleiben von Ebersthats gastlichen Schnellen. Mit dem Unterschied natürlick. daß für ihre mütterliche Eitelkeit Jinchen als die von ihm Erkorene galt, und daß Finchens qeduldiges Fügen" in Brömels freche" Beschlagnahme der Grund war. der den Zürnenden in die Einsamkeit seines Schlosses festbannte. Auch Finchen hatte dieserhalb daheim genug auszustehen, umsomehr. als ihr Florchen, des Assessors v. Bogenschütz glückliche Braut, immer als schwesterliches Muster vorgehalten wurde. Das Soubrettenköpfchen, das keine so geduldige Lammsnatur wie Elfriede Franke hatte, warf auf den, der die eigentliche Ursache ihrer bösen Tage war, auf den früher so heiß geliebten Brömel. einen wahren Haß. Früher hatte sie das südliche Temperament"
und die großen, dunklen, rollenden Augen des langen Provisors einfach süß" gefunden; seit Brömel ihr aber die Kehrseite der Medaille gezeigt, war er für sie zum unausstehlichen Men schen" geworden. Und ob er auch in ewig wacher Eifersucht zu jeder seiner freien Stunde das Brennertscke Haus wie ein hungriger Wolf umkreiste, Finchen mied ihn, wie das gebrannte Kind das Feuer meidet, denn sie fürchtete seine Liebesgeständnisse ebenso sehr wie seine Drohungen. Auch seine Briefe, die er verabredetermaßen zweimal in der Woche unter den Dachbalken von Meinhardts alter ausgebauter Scheune niederlegte an eine postlagernde Korrespondenz war bei dem Schnüffelt -lent der Postmeisterin nicht zu denken hob sie nicht mehr ab, obwobl sie sich bewußt war. daß sie den Heißblütigen damit zur Raserei treiben würde. Fortsetzung folgt.) A Ver junge Diplomat. G y m n a s i a st : ... Ja, liebe Tante, es ist wirklich wunderbar, wenn man sich so die Gröhenverhältnisse unserer immerhin nur kleinen Erde vergegenwärtigt! Denke nur. ihr Umfang beträgt 5400 Meilen, ihre Oberfläche 9,26J,510 Quadratmeilen, ihr kubifcher Inhalt sogar 2,649,900,000 Kubikmeter!...Sag', liebe Tante, könnteft Du mtzvielleicht 10 Mark leihen?-
Europäische Nachrichten. Provinz Westfalen Bad Oeynhausen. Mehrere Jubiläen kann unsere Stadt in diesem Jahre feiern. Im April 1630, also vor 75 Jahren, wurde der heilkräftige Sprudel erbohrt, der 15 Jahre später zur Errichtung des Bades führte. Das im Sommer 1845 eröffnete Staatsbad darf also Heuer sein 60jähriges Jubiläum feiern. Vor 50 Jahren sodann wurde das große Thermalbadehaus erbaut, ein zweites vor fünf Jahren, während das neue großeSoolbadehakks in diesem Jahre auf ein zehnjähriges Bestehen zurückblicken kann. Ebenfalls zehn Jahre ist es her, daß Oeynhausen in die Reihe der ununterbrochen in Betrieb befindlichen Bäder getreten ist, nachdem es bis zum Jahre 1895 nur in den Sommermonaten geöffnet war. Lohne. Dem Provinzial - Straßcnwärtcr Heinrich Gräfer hierfelbst wurde das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen. D e u s e n. Dieser Tage wurde im Hafen unweit der Deuser Brücke die Leiche des vermißten hiesigen Maurermeisters Konrad gefunden und gebsrgen. An der Leiche, die stark verwest war, fanden sich keine Gewaltspuren, es bleibt nur die Annahme übrig, daß Konrad auf dem Nachhausewege, an der Kaimauer entlang gehend, gestrauchelt und in den Kanal gestürzt ist. D a h l h a u s e n. Bei einer Schlägerei in der Herberge wurde der Dachdecker Schletter so schwer verletzt, daß er im Krankenhause gestorben ist. Hagen. Der 23jährige Schreinergeselle W. Vollbracht von hier wollte sich von Grundschöttel mit dem Rade nach Hause begeben. Auf der steilen Provinzialstraße kam das Rad in ein rasendes Tempo. Die Bremse versagte und bei einer Wegbiegung flog Voll, bracht gegen eine Telegraphenstange. Vollbracht erlitt einen schweren Schädelbruch, an dessen Folgen er im Pflegehause Bethanien verschied. Heeren. In einem Gehölz in der Nähe unseres Ortes hat ein junger Mann zuerst ein junges Mädchen, jedenfalls seine Braut, und dann sich selbst erschossen. Der Selbstmörder ist der Forstsekretär Liermonn aus Wintersau bei Obernstein an der Nahe und stand im Dienste des Frhrn. v. Schorlemer. Die Ermordete wurde rekognoszirt als eine Unuger Schneiderin, "glt tzeinprovinz. Köln. Der Arzt der inneren Abtheilung des hiesigen St. Bincenzhauses, Dr. med. Laur. Huismann, erhielt einen Lehrauftrag für innere Medizin an der dortigen Akademie für praktisehe Medizin. Hier erschoß sich auf der Schiffsbrücke der 23 Jahre alte Rechnungsbeamte Ziem aus Magdebürg. Das Motiv zur That ist unbekannt. Aachen. Die von der eigenen Frau gemachte Denunziation, der Ehemann habe vor drei Jahren einen Lustmord verübt, erfolgte nach voraufgegangenem heftigen Streite, während dessen der nachher verhaftete Mann, Namens Retz, feine Frau des Kindesmordes bezichtigte. Die Frau erklärte dann der Polizei, sie habe alsbald nach dem Bekanntwerden des Lustmordes den Arbeitsrock des Mannes verbrennen müssen. Retz mußte jedoch wegen mangelnder Beweise aus der Hast entlassen werden. Düsseldorf. Der Arbeiter Stankiewitz, der wegen Raubmordes an seinem Arbeitsgenossen Vogel am 18. März vom hiesigen Schwurgericht zum Tode verurtheilt wurde, ist kürzlich durch denScharfrichter Engelhardt enthauptet worden. E u p e n. Der seit längerer Zeit flüchtige Direktor der hiesigen Kunstlederfabrik Peltzer & Co., Namens Heinzmann, wurde in Ostende verhaftet. Er hatte Unterschlagungen von 185,000 Mark begangen, besaß davon aber nur noch wenige Tausend Mark. S ch w e i ch. Durch falsche Weichenstellung wurde hier ein schweres Eisenbahnunglück herbeigeführt, wobei drei Familienväter ausKoblenz in dem vollständig zertrümmerten Packwagen sofort getödtet wurden; auch mehrere Retsende haben sehr bedenkliche Berletzungen davongetragen. Me Frau eims nach hier versetzten Kasernenwärters, die ihrem Manne mit ihren Kindern in dem Unglückkzuge nachgereift war, erlitt eine Gehirnerschütterung und liegt bedenklich erkrankt darnieder. Einem Soldaten drang die brennende Cigarre in's Auge, das wahrscheinlich seine Sehkraft einbüßen wird. Der verhaftete Blockwärter Hofer versieht den verantwortungsvollen Posten hier
erst feit kurzer Zeit. Der Personenzug wär in der vor hier liegenden Station Föhren entlassen worden, bevor das von ihm benutzre Geleise frei war. Dies verfrühte Abfahrt erfolgte auf Grund eines Signals, das der BlockWärter Hofer hier gegeben hatte. .Di Namen der drei Getödteten sind: Zugführer Egner, Schaffner Mieck und Wagenwärter Georg. Provinz Ldeffenassa. K a f s l. Auf eine 40jährige Praris als Zahnarzt konnt Hofzahnarzt Dr. Friedrich Henckeroth zurückblicken. Im April 1865 ließ sich der weit bekannte und hochgeachtete Zahnarzt hier nieder und hak während vieler I: ununterbrochen seine zähnärztliche Prajis ausgeübt. Bebra. Bor einiger Zeit beging der Besitzer des Deutschen Hause,
Gerstung. mit seiner Gemahlin das Fest der silbernen Hochzeit und gleichzeitig das 25jährige Jubiläum als Gastwirth durch eine größere Feier. Der Bund deutscher Gastwirthe lieh aus diesem Anlaß dem Jubilar ein Diplom ausstellen. Frankfurt. Am Nadelwehr oberhalb der Eisenbahnbrücke wurde die Reiche des verminren roicykenluischcrs Georg Buhr geländet. In ihrer Wohnung, Schifftrstraße 22, wurde die 36 Jahre alte Witttve des Schneidermeisters Romeis erhängt aufgefunden. Die Frau war seit dem vor einiger Zeit erfolgten Tode ihres Mannes fchwermüthig. Ferner erhängte sich in der Mansarde seiner Wohnung, Friedberger Landstraße 142, der 24 Jahre alte Fuhrmann Lildwig Leister. Das Motiv zu der That ist unbekannt. H i n t e r st e i n a u. Durch Selbstmord endete hier ein Sohn des Bauern Berthold, nachdem erst kürzlich dieser, der Vater, ebenfalls seinem Leben selbst ein Ende gemacht. Wiesbaden. In der Mainzerftraße wurde der Schlossermeister Joseph Erlbeck, aus Straubingen in Bayern gebürtig, von einem Automob:l, das anscheinend von Höchst oder Mainz kam, überfahren und lebensgefährlich verletzt. Das Signal wurde erst auf 68 Schritte gegeben, so daß ein Ausweichen unmöglich war. Die Insassen des Automobils setzten die Fahrt ruhig fort, ohne sich um den Verletzten zu kümmern. Der leitende Arzt vom Rothen Kreuz, Dr. Roser, hat sich in seiner Wohnung in der Sonnenbergerstraße die Pulsader durchschnitten. Eine Schwester legte ihm einen Nothverband an, den er jedoch wieder abriß. Die Ursache der traurigen That ist in FamilienverHältnissen zu suchen. MtterdeutscHe Staaten. A l t e n b u r g. Hofkonditor Meyer ist freiwillig aus dem Leben geschieden. Er hätte demnächst sein 25jähriges Geschäftsjubiläum und seine silberne Hochzeit feiern können, litt aber seit einem Jahre gesundheitlich schwer und war dadurch auch seelisch sehr niedergedrückt, weil er befürchtete, einem traurigen Geschick entgegen zu gehen. B e r n b u r g. Lehrer Dolge, der langjährige Verwalter der anhaltischen Pestalozzi - Kasse, ist am Herzschlag plötzlich gestorben. Im 62. LebensZahre stehend, sollte er demnächst in den dauernden Ruhestand treten. Blankenburg. Kürzlich hat der Färbereibesitzer Möhle hier seinem Leben durch Erhängen ein Ende gemacht. Möhle, der sehr reizbaren und aufgeregten Charakters war, hat die unglückselige That in einem Augenblick nervöser Ueberreizung begangen. C o b u r g. Das vor Kurzem im hiesigen Krankenhause eingelieferte, an Tollwuth erkrankte vierjährige Söhnchen des Maurers Engel aus Dhann bei Neustadt, das in einem Wuthanfall seine Mutter gebissen hatte, ist an der Krankheit gestorben. G e r a. Der Vollstreckungsbeamte Hofsmann beim Landrathsamt hier feierte die 40. Wiederkehr des Tages. an dem er in den Staatsdienst eingetreten ist. H a r p e r k d o r f. Tödtlich verunglückt ist hier der Gendarm Meißner aus Frankenthal. Er stürzte an dem Bahnübergang die hohe Bahnmauer hinab und erlitt hierbei so schwere Verletzungen, daß er bald nach dem Unfall gestorben ist. M e h l i s. Ihr 26jähriges Jubiläum als Arbeiter des jetzigen Germaniawasserwerkes I. G. Anschütz seierten die Büchsenmacher Albin Büchel und Louis Ullrich. Von seiten des Geschäftes und ihrer Mitarbeiter gingen den Jubilaren zahlreiche und werthvolle Geschenke zu. Oberweimar. Auf unaufgeklärte Weise fiel das Töchterchen des Arbeiters Findeisen hier in eine Kalkgrübe. Es wurde später todt darin aufgefunden. Saasa. Hier wurde der NachtWächter Scheibe im Dorfteiche als Leiche vorgefunden. Man nimmt an. daß Scheibe ein Unfall zugestoßen sei. Schlei z. Der in weiten Kreisen bekannte Hotelier Zur goldenen Sonne" hier, Hoflieferant Karl Robert
Scharfenberg, lst im Alter von bö Jahren nach kurzem Krankenlager verschieden. Weimar. Vor einiger Zeit ist hier Bezirksamtmann a. D. Alfred Sigl an Influenza - Pneumonie im KL Lebensjahre aestorben. W o l t w i e s ch e. Hier brannte dem Landwirth Heinrich Brandes Wohnhaus und Scheune nieder. Zwei Ziegenlämmer verbrannten mit, das andere Vieh wurde gerettet. Sachsen. Dresden. Geheimer Hosiart Professor Dr. Fuhrmann Bibliothksdirektor an der hiesigen Technischen Hochschule, seierte sein 25jähriges Jubiläum als Vorstand der Bibliothek. Kürzlich starb hier nach langem Leiden im 82. Lebensjahre Bernhard Otto Stellanus Graf von Holtzendorff, Oberst z. D. B e i e r s d o r f. Hier ist der 3 Jahre alte Arbeiter Hoftdann, der vor dem eintretenden SchOewetter t -nem Wäldchen hat Schutz suchen wollen, aufgefunden worden und bald darauf an Herzschwäche gestorben. Carl? ber g. Der seit einign Zeit verschwundene Maurer Manitz von hie? würd bei Croftau erhänG aufaefunden. mA
