Indiana Tribüne, Volume 28, Number 254, Indianapolis, Marion County, 17 June 1905 — Page 5

Jndiana Tribüne, 17. Juni 1903.

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E- O 3 2 S G G S S ie was Beide arm; aber sie waren jung und liebten einander. Lächelnd gingen sie über dn Schwierigkeit hinweg, mit nichts einen Hausstand zu gründen, und wurden Mann und Frau. Als Professor Hartner von der Akademie es hörte, sagte er grimmig: Zwei Thoren mehr, die aus eitel Liede sich Hals über Kopf in's Elend stürzen." Das junge künftlerpaar kümmerte es nicht, was andere Leute von ihm sagten. Es machte seine Hochzeitsreise, allerdings nur von Berlin bis zum Müggelsee, weil es mit Zeit und Geld zu rechnen hatte. Es war ein wundervoller Tag. Sie fuhren zusammen Kahn. Ernst ruderte, und Natalie saß am Steuer; so konnien sie einander in die Augen schauen. Welch' ein Leuchten und welch' ein Glück darin! Sie vergaßen darüber die ganze übrige Welt, den blauen Himmel, die glitzernde Sonne auf dem Wasser und die grünen, waldigen Ufer. Als dann die junge Frau einen Blick in die liebliche Sommerfchönheii der Natur that, sagte sie bewegt: Ist es hier nicht herrlich, Ernst? Auf dem Lago di Como kann's nicht schöner sein." Na, r.a" er erwachte aus seinem süßen Traum, und ein Seufzer entschlüpfte ihm. Italien war bisher die Sehnsucht seines Lebens gewesen. Jetzt mutzte er sie aufgeben. Er hatte ein Weib genommen. Freilich, was für eins! Dieses junge, sonnige, talentvolle Geschöpf, das den Muth hatte, sein Leben an ein anderes, armseliges, mühevolles zu knüpfen, weil es ihn liebte. Trunkenen Blickes betrachtete er sie in ihrem bräutlich weißen Kleid vor drei Jahren, zum künstlerinnenfeft, hatte sie sich's neu machen lassen mit den dunklen Rosen, die er ihr geschenkt hatte, an der Brust: alles an ihr leuchtete und strahlte. Nata, mein golde ner Schatz!" flüsterte er in überftrömender Zärtlichkeit,- so schön habe ich Dich noch nie gesehen. Was ist Jtaliens alter, todter Glanz gegen Deinen jungen, lebenswarmen?" Halt, halt. Erni! Wir kippen um." Lachend wehrte sie sich gegen feine stürmische Umarmung. Das verdroß ihn: Wäre es so fchlimm? Dann dauerte dieser schöne Tag doch ewig?" Natalie kannte seine düsteren Stimmungen, die gewöhnlich mitten in der Freude zum Durchbruch kamen. Sie waren es, die zuerst ihr Interesse für ihn geweckt hatten anfangs nur in seinen Gemälden, später in seiner Persönlichkeit. Bei ihr war immer Sonnenfchein, mochten draußen Wetter toben und auch sonst in der Welt alles schief gehen. Sie konnte nichts dafür, daß es so viel strömendes Licht in ihrer Natur gab. Kein Wunder, daß Schatten sie anzogen, besonders diejenigen in einem schönen dunklen Künstlerauge. Das thut er auch so, Erni," entgegnete sie munter. Ich meine, in der Erinnerung. Die ist reichlich so viel werth wie die Thatfache. Im Uebrigen ziehe ich vor, noch recht lange mit Dir zusammen zu leben und zu schaffen. Wir sind ja ein Künstlerpaar! Ist das nicht das Schönste auf der Welt? Bedenke, wie viel Ruhm und Reichthum wir uns zusammenarbeiten können, gerade, weil wir erst so wenig davon haben. Wie lange wird's dauern, dann sind wir in dem Alter und in der Lage, wo man eine Villa kaufen kann. Zuerst aber, ehe das Jahr um ist, muh an der langen Wand in unserem Atelier für Dich ein Schlafsopha stehen mit türkischen Decken und einem Tigerfell." Er ging auf ihre Luftschlösser ein. ' Schön. Gehen wir erst an's Geldverdienen, nachhern den Ruhm. Die neue Kunst, die wir der Menschheit schaffen wollen, kann warten." Wir interpretiren der Welt inzwisehen die alte und möbliren dabei die zwei leeren Stuben in unserer Wohnung." Für Dich ein ,Boudoir einen Schmollwinkel." Pfui, Erni! Ich kann ja nicht schmollen. Selbst im schönsten ,BoudotY ainae es mir gegen die Natur. Nein, ich kaufe mir neue Malschürzen und ein Dutzend seidene Kleider. , Dieses weiße kleidet Dich besser" Sieh mich erst in seidenen! Pomvös werde ich aussehen." Wie Niemand auf der Welt, verstand es Natalie. auf seine düstere, unbewußt verstimmte Gemüthsart einzuwirken. Bei ihr wurde er immer heiter, und sein schwaches Selbstvertrauen, das er hinlicr einem finsteren Trotz zu verschonzen pflegte, wuchs und erstarkte. Denu X v r - r noch jagte er na? aucy tn vieler gesegneten Stunde, was für ein gewagtes Stück es gewesen sei, nur auf ihr beiderseitiges Talent und ihre Arbeitstraft hin zu heirathen. Aber Natalie war eine Schwärmerin; er liebte sie über alles. Sollten sie durch entner(SZrhrnnAltrt lind kTpKnpN tfltt W V l W VW l V W V 'W -7 öne Jugend verpfuschen? Außer-

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G S G S H 11 US dem 3vün(lserCcöcn von Anton Andrea G s 5 G S G G O G A oem, er unterschätzte nicht Natalies Talent; cs gehörte zu den gangbaren." Das seinige war spröder. Es zeigte ihm nur immer die Schattenseite der Dinge. Seine Bilder fanden deshalb wenig Anklang bei dem großen Publikum, wenn auch Kenner und Kollegen, die sich darauf verstanden, ibm das Zeugniß eines tüchtigen" Malers ausstellten. Die erste Zeit leuchtete das Eheglück des jungen Paares Heller als der Tag, der durch das große Fenster in ihr gemeinsames Atelier fiel. Hier sah es sonst etwas kahl aus, denn alles, was sie an Tisch, Sopha, Stühlen, bunten Stoffen und Studienköpfen besaßen, hatte Natalie zur-Ausstattung wenigstens eines der beiden Zimmer ihrer Privatwohnung" zu Hilfe nehmen müssen. Besonders war es die lange Wand, wo das Zukunftsruhebett mit den türkischen Decken und dem Tigerfell stehen sollte, .die durch ihre Kahlheit den Schönheitssinn der jungen Frau verletzte. Sie zimmerten schließlich aus zwei Kisten eine Bank zusammen, die sie mit einem dekorativen bunten Fetzen Zeug behingen und dort aufstellten. Dann waren sie mit ihrer Wohnungseinrichtung vorläufig fertrg, und es ging an die Arbeit. Ein wahres Glück, Erm, daß tott geheirathet haben," fagte Natalie munter vor ihrer Staffelei. während Ernst an einem größeren Karton zeichnete; wäre es auch nur. um uns künstlerisch gegenseitig zu beeinflussen. Du wirst mir helfen ernster zu werden, mich zu vertiefen, 'mal e'was Großes zu unternehmen; ich werde versuchen, Dich gefälliger, liebenswürdiger zu machen. Du mmmst es mit Deiner Kunst zu schwer, ich vielleicht Mit der meinigcn zu leicht. Ten Bildermarkt kenne ich aber besser als Du. Das Publikum stellt sich seinen eigenen Sckönheitsbegriff aus dem Heiteren, Gefälligen, Anmuthigen zuiammen. Es ist verdrießlich im täglichen Leben, von der Kunst will es sich froh machen lassen." Soll darum der Künstler sein Schönheitsideal an die Wand werfen?" fragte Ernst scharf. Er wollte dem großen Publikum keine Konzessionen machen. Begriff und verstand es den Künstler in seinem Werke Nicht, so war es seine Schuld. Dieser stand auf der Höhe: Wollt Ihr etwas von mir, fo kommt herauf! Konnt Ihr nicht steigen, dann bleibt unten. Ich werde mich hüten, Euren Staub zu treten. Leider blieb Ernis Publikum meistens unten, denn der Weg zu ihm hinauf war ihm zu umständlich. So blieb er mit seinen Bildern oben sitzen. Kurz vor ihrer Hochzeit hatte er ein größeres Gemälde bei Gurlitt ausgestellt. Er hoffte es zu verkaufen. Jemand von außerhalb hatte es dort gesehen und sich sehr dafür interessirt, verließ aber Berlin, ohne es zu kaufen, und Ernst mußte es nach einigen Wochen zurückziehen. Nun hing es an der langen Wand im Atelier über der zusammengezimmerten Bank. Es dauerte lange, bis Ernst diesen Mißerfolg 'überwand. Früher hatte er dem ganzen Pech" verächtlich den Rücken zugekehrt. Man verstand" ihn nicht? Gut. Er konnte seine Zeit abwarten; einmal kam sie gewiß. Jetzt galt es aber, für fein Weib geregelte, bürgerliche Verhältnisse zu schaffen; jeder Fehlschlag, der ihn jetzt traf, legte ihr neue Entbehrungen auf. Er wurde ungeduldig, kleinmüthig, verbittert. Tagelang saß er müßig grübelnd oder lief aufgeregt und ziellos in der Staoi umher. Um fo fleißiger arbeitete Natalie. Zwar konnte sie nicht daran denken, sich zu vertiefen" oder etwas Großes" anzufangen; aber es entstanden allwöchentlich mehrere anmuthige, freundliche Bildchen, die sie regelmäßig verkaufte. Ach, Nata." klagte Ernst einst, dieser letzte Mißerfolg hat mir einen Schlag vor den Kopf gelben. Meine Ideen liegen alle wie todt. Das ist der Fluch der Kunst ohne Gunst. Schließlich geht man darüber zu Grunde." Sie schlang die Arme um sein Haupt und schmiegte ihre warme, weiche Wange an die seine. Wie kannst Du bei dem großen Seen unserer Liebe von ,Fluch' sprechen, Erni!" sagte sie mit zärtlichem Vorwurf. Dann redete sie eifrig auf ihn ein. Du bist ja nur überarbeitet, Herzensmann. Laß 'mal eine Pause eintreten. Was thut es, wenn Du ein paar Wochen nicht arbeitest? Vielleicht, wenn es Dir Spaß macht, beaufsichtigst Du mich ein wenig. Ich kann Deine Hilfe brauchen. Wenn :ch nicht bald mit dem ,Ernst' anfange, verflache ich am Ende." Ihn verfolgte aber immer der eine düstere Gedanke: entweder habe ich kein Glück, oder mir fehlt die Berechtigung. Künstler zu sein. Trotzdem gelang es Natalie, ihn aus seiner Verstimmung zu ziehen. Er ging auf ihren Vorschlag ein, und meb-

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rere Ä.age ichten er sich in der wollt ihres Lehrmeisters und Kritikers zu gefallen, obgleich er diefelbe nicht ernst nahm und mehr als alles andere den verliebten Ehemann herauskehrte. So verging die Woche, und Natalie sah mit Staunen, daß nicht ein einziges von ihren üblichen Gangbaren" dabei fertig geworden war. Laß nur sein, Erni," sagte sie. Ich habe zum ,Vertiefen' noch nicht Zeit. Der KunstHändler läßt mich fallen, wenn ich ihm nicht mein Pensum richtig abliefere." Er betrachtete ein paar Skizzen, die sie unter seiner Leitung angefangen hatte. ..Als ob diese nickt mebr werth wären, als alles, was Du je Fertiges verkaust hast," entgegnete er. Urtheile selbst! Die anderen waren verträumte, konventionelle Söchelchen neben diesem Stück wachen, wirklichen Lebens." Wenn sie nur 'was einbrächten!" meinte Natalie kleinlaut. So gut es ging, malte sie einige davon auf eigene Hand fertig und trug sie zum KunstHändler. Dieser machte ein verblüfftes Gesicht. Das ist ja, als wären die nicht von Ihnen, Frau Holms!" sagte er. Fangen Sie mir blos nicht mit der Manier Ihres Herrn Gemahls an. Ich stehe dann nicht mehr für den Vertrieb." Eins der Bildchen wurde zum Glück binnen .Kurzem verkauft; die beiden anderen stellte Natalie auf den Rath des Kunsthändlers in der Permanenten" aus. Einige Tage darauf begegnete ihr auf der Straße Professor Harmer. Sie hatte ihn seit ihrer Verheirathung nicht gesehen. Früher pflegten ihre Kolleginnen sie mit ihm zu necken. Sie behaupteten, er interessire sich reichlich so viel für sie wie für ihre Bilder. Der Professor begrüßte sie mit der alten Herzlichkeit und äußerte sich lobend über Ernis letztes Gemälde. Nicht verkauft?" bemerkte er verwundert. Schade eine so tüchtige Arbeit! Aber sagen Sie 'mal, liebe, gnädige Frau, womit haben Sie unsere .Permanente' beschickt?" fuhr er lebhaft fort. Das sieht aus, als ob Ihr Gatte Ihnen hineingepinfelt hätte. Ziehen Sie doch um Gottes willen Ihrer leichtgeschürzten Muse keine Schnürtaillen an; das geht wider den guten Geschmack." Natalie ließ den Kops hängen. Sie hatte unbedingtes Vertrauen zu Hartners Urtheil. Ich muß mich endlich 'mal an ernstere Motive wagen, meine Art vertiefen," stotterte sie. Warum nicht gar! Wir haben, liebes Kind Pardon! liebe, gnädige Frau, Künstler im Ueberfluß, die sich mehr oder weniger erfolgreich auf das schwere Genre legen. Bleiben Sie bei Ihren anmuthigen kleinen Motiven und Ihrer feinen, naiven Art."

Zu Hause sagte Natalie nichts von dieser Begegnung. Sie wollte Ernst nicht Veranlassung geben, sich gegen Hartner zu ereifern. Er ärgerte ich stets, wenn Jemand gegen sein persönliches Urtheil Fron: machte. Natalie traf ihn bei voller Arbeit. Er hatte eine große Leinwand aufgespannt und zeichnete eifrig mit Kohle. Sieh her, Schatz," fagte er zu seiner Frau. Jetzt geht's los. Dies soll mein Meisterwerk werden." Mehrere Tage arbeitete er mit sieberhafter Hast. Er vergaß Essen und Trinken darüber. Staunend stand Natalie vor der mächtigen Zeichnung: Ein dürftig ausgestattetes Zimmer. Im Vordergrund eine männliche Gestalt am Tische sitzend, den Kopf tief auf die Brust gesenkt. Neben ihr eine weibliche, leicht vornübcrgeneigt, und im Hintergrunde eine Staffelei mit einem umgekehrten Bilde. Die Farben waren erst flüchtig angemalt; aber fchon verrieth sich eine düstere Stimmung, die wie ein Gewitter über dem Ganzen lagerte. Etwas Seltsames, Angstvolles brütete darin. Dem jungen Weibe rieselte es kalt durch die Glieder. Nun?" fragte Ernst begierig, zu hören, was sie sagen wurde. Q das ist nichts Gewöhnliches, nichts Kleines," sprach sie beklommen. Dann, einer freundlichen Eingebung folgend, küßte sie ihren Mann und, auf das Gemälde deutend, fragte sie lächelnd: Macht sie 's nicht fo?" Sieht das nach Tändelei aus?" versetzte er schroff. Nein! sie weint um ihn, weil ihr Trost ihn nicht mehr erreicht. Er ist ein Verzweifelter. Dort auf seiner Staffelei siehst Du sein zerschelltes Leben trn zuruckge wiesenes Gemälde. Sie darbten, froren, hungerten jahraus jahrein. Jenes Bild war ihre letzte Hoffnung. Da steht es Niemand kauft es die Jury hat sein Todesurtheil gesprochen." ..Mach' es milder. Erni!" bat Natalie ängstlich. Warum hat nicht das liirf ihn übermannt die unverhoffte Freude über einen durchschlagenden Erfolg? Das Werd weint Freudenthränen" Und so weiter in dem alten ausge tretenen Geleis!" unterbrach er sie ..Im Leben geht es anders zu. Du kannst es an uns studuen." Sie aßen noch immer im Präla ten," wie sie es als ledige Künstler ge than hatten. Das Kochen zu Hause erschien ihnen zeitraubend und kostspre lig. Auf diese Weise konnte Natalie sich mit der Aufwartung eines halbwüchsigen Mädchens für die gröbste Arbeit behelfen; außerdem war es mit ihrer Kücheneinrichtung noch mangelhafter bestellt als mit der ihre?

uvngen Wohnung. IN ver Zelt aber,

da Ernst so wüthend hinter der Arbeit her war, rechneten sie aus, daß sie am Ende besser thäten, wenn sie zu Hause äßen. Natalie glaubte, das bischen siechen" spielend überwältigen zu können. Es machte sich auch wirklich nicht übel. Die jung? Frau suchte mit einem gewissen Stolz für das leibliche Wohl des Gatten zu sorgen und jede mögliche Behaglichkeit um ihn m verbrei ten. Zu ihrem Schrecken bemerkte sie aber, daß ihre beste Arbeitszeit im Haushalt daraufging. Den ganzen geschlagenen Vormittag hatte sie zu lausen, zu wischen, zu kochen und aufzuwaschen, denn die Hilfe ihrer AufWartung behef sich auf knapp eine Stunde alles der Sparsamkeit wegen. Nachmittags war sie dann oft so abgespannt, zerstreut und müde, daß ihr nichts gelingen wollte. Lieder Mann." saate sie eines Tages, möchtest Du nicht zwischendurch ein paar kleine, leicht verkäufliche Sachen fertig machen? Ich schaffe bei meiner Wirthschaft nicht mehr so viel, daß wir dabei bestehen können." Er machte ein verwundertes Gesiebt. Aber, Herz, wir sind doch nur zwei Leute, was Qibt 3 denn da viel zu thun?" Trotzdem wollte er ihr zu Gefallen sein; aber es ging nicht. Sein großes Werk ließ ihn nicht los; wie mit Krallen hielt es ihn fest. Der Winter brach herein mit heftigen Schneestürmcn und anhaltendem Frost. Sie konnten nicht länger ohne Heizung bestehen. Das war eine erhebliche Ausgabe für die arme, kleine Hausfrau. Freilich hatte sie bereits gelernt, sich einzurichten," und Ernst war schließlich zufrieden Mit allem, was sie that. Sie schloffen also die anderen beiden Stuben, von denen eine ohnehin leer stand, und wohnten nur noch im Atelier. Selbst der Petroleumkocher wurde hierher verlegt, und zwar in die Nähe von Natalies Stafseiet, fo daß sie Pinsel und Kochlöffel im Nothfall abwechselnd in Bewegung fetzen konnte. Sie fanden es anfangs sehr gemüthlich," denn so blieben sie auch Vormittags zusammen, und Natalie konnte die Aufwartung entlassen. Es war immerhin eine Ersparniß. Ernst schlief schlecht. Sie blieben vielleicht zu lange auf. Weißt Du, Herzensschatz." sagte Natalie munter, um zehn Uhr gehen wir regelmäßig zur Ruhe, dann verbrauchen wir die Hälfte Petroleum. Dafür fehen wir morgens die onne aufgeyen uno nutzm unseres lieben Herrgotts Lampe gehörig aus." Er war damit einverstanden; nur schlief er deshalb nicht besser. Oft lag er die ganze Nacht wach und fiel erst gegen Morgen in einen dumpfen, schweren Schlaf. Wenn er dann aufwachte. hatte Natalie schon aufgeräumt und das Frühstück bereitet, und der eiserne Ofen, der im Laufe der Aeit den Petroleumkocher außer Arbeit setzte, verbreitete eine angenehme Wärme. So behaglich wie jetzt hatte Ernst sich in der jungen Häuslichkeit noch nie gefühlt. Er ließ sich sogar den Kaffee in's Vett bringen. Natalie saß dann auf dem Rande, ihre eigene Tasse in der Hand, und plauderte über allerlei. Diese Frühsiücksstunde war die angenehmste des ganzen Tages; nur wunderte sich Ernst, daß seine kleine Frau nicht besser dabei gedieh. Er sah ja nicht, wie ihre kleinen Hände morgens steif vor Kälte waren, wenn sie geräuschlos auf den Knieen mit einem nassen Scheuertuch den Fußboden ihres Wohn- und Arbeitszimmers reinigte. Auch ahnte er nicht, was für Gedanken in ihrem Köpfchen schwirrten, wenn sie dem kalten, schwarzen Ofen Holz und Kohlen in den Schlund stopfte und in der eisigen Küche diejenigen Arbeiien verrichtete, die für das Atelier zu lärmend und unsauber gewesen wären. Ja, Natalie stand früh auf, um mit ihrer Sorge und ihren Lasten fertig zu werden, ehe ihr Mann erwachte. Wenn er gewußt hätte, welche dumpfe, geheime Angst die Frische von ihren Wangen und den Glanz aus ihren Augen löschte! Bei anderen Frauen wäre sie die schönste Hoffnung gewesen; ihr aber trieb sie den kalten Schweiß auf die junge, blasse Stirn. Nur das nicht!" seufzte sie in dem kalten Morgengrauen, wenn Ernst schlief. So lange wir Beide allein bleiben, halte ich aus. entbehre, friere, arbeite ich; aber ein drittes ein kleines, zartes" Nata" Riefst Du, Erni?" Sie trat aus der Küche, wo sie frisches Wasser aus der Leitung geholt hatte. Ich weiß nicht bist Du schon ruf? Ich hatte einen gräßlichen Traum. Mich würgte etwas. Und nun kann ich kein Glied rühren." Er lag mit dem Oberkörper auf dem Bettrand, als ob er sich heftig geworfen hätte. Sein rechter Arm hing lang und schlaff herunter. Solch Schwindel!" lallte er mit schwere? Zunge. Natalie leuchtete ihm mit der Lampe in's Gesicht; es war ganz verändert. Ernst! Ernst!" rief sie entsetzt. Was fehlt Dir? Sprich, um Gottes willen!" Aber er gab keinen Laut von sich. Ja, sie blieben allein; einem dritten, unschuldigen Leben blieb das Elend, das bleiern auf ihrer jungen Ehe lag. gnädig erspart. Als Natalie sich von dem jäh gefallenen Schlag erholt hatte, konnte sie sich ausschließlich der Pflege ihres Gatten widmen. Aus dem Schwindel an jenem Morgen war er zwar nach vielen Stunden

zum Bewußtsein gekommen, aber an der ganzen rechten Seite gelähmt. Es war ein fürchterliches Erwachen. l'5rnst zoollte sich den Schädel einrcnnen, solch eine Wuth packte ihn gegen sein grausaines Schicksal. Zum Glück dauerte dies nicht lange. Der unnaiürlichen Erregung folgte eine gänzliche Etschloffung. Es war ihm recht, still zu liegen und sich von seiner Frau pflegen zu lassen. Tag und Nacht mußte sie bei ihm bleiben. Doch auch dieser Zustand ging vorbei. Er konnte das Bett verlassen, cuf einen Stock gestünt im Zimmer untergehen. Wenn er müde war, saß er im Lehnstuhl vor dein breiten Atelierfenster. So begann cr allmälig, sich in das Unabänderliche zu fügen. Weißt Du, Nata, mein goldener Schatz," sagte er eines Tages, ich werde jetzt lernen, mit der linken Hand zu malen. Es gibt Leute, die ihr Le den lang nicht anders arbeiten. Jene Klaviervirtuosin war sogar auf ihre Füße angewiesen." Natalie packte ein paar Sächelchen zum Verkauf zusammen: eine bemalte Palette, einen Wandteller und ein Stillleben auf einer Tablettplatte. Sie stand am Tisch und zog eifrig an dem Bindfaden mit dem sie das Packet verschnürte. Die natürlichen Löschen hingen nachlässig um ihr feines Gesicht, tt hatte eine verwaschene Malschürze um und ein schäbigcs, dunkles Kleid an, das nach Terpentin roch und Farbenflecke zeigte. In der weißlichen Beleuchtung des Wintertages sah sie ärmlich und verdarbt aus. Cie gefiel Ernst nicht. In dem Kittel willst Du hoffentlich nicht ausgehen. Nata?" Sie wurde über und über roth. Es ist mein wärmstes Kleid, Ernst. Ich ncbme den Abendmantel über. Man verliert beim Umziehen nur unnütz Zeit Unter dem langen, faltigen Mantel, der ihre Armuth zudeckte, gewann die schlanke, mädchenhafte Gestalt wieder etwas Unmuthiges und Vornehmes, und die vernachlässigten Löckchen guckten fast schelmisch unter dem gut erhaltenen Pelzbarett hervor. Ade, Schatz!" fagte sie. Laß Dir die Zeit nicht lang werden. Änderthalb Stunden werde ich wohl draußen bleiben." Flüchtig wollte sie ihm die Wange küssen; aber er umschlang sie und zog sie auf sein Knie. Hier! Erst gibst Du mir einen ordentlichen, süßen Kuß. Oder willst Du von Deinem invaliden Manne nichts mehr wissen?" Mit der alten leidenschaftlichen Zärtlichkeit suchte er ihre Lippen; doch plötzlich ließ er sie fahren. War diefes vergrämte, abgearbeitete junge Weib seine schöne, frische, rosige Natalie? Mit leisem Aufstöhnen schloß er die Augen und lehnte sich zurück. Was hast Du. Erni?" fragte sie erschrocken. Habe ich Dir wehe gethan?" Ja." antwortete er schroff und schob sie zurück. Als sie fort war, rollten ihm schwere Thränen über die eingesunkenen Wangen. Er machte seiner Staffelei, die mit seinem angefangenen Gemälde an der Wand stand, eine Faust. O dieses Ungeheuer, diese erbarmungslose Kunst! Nicht nur ihn hatte sie elend,

zum Krüppel gemacht, auch Natalies frohe Schönheit und strahlende Jugend verschlang sie. Er begann die Kunst zu hassen. Lieber die Straße fegen als ein erfolgloser Künstler sein! Dann lächelte cr bitter. Er und Straße fegen! Dazu gehören gesunde, kräftige Glieder. Nein, wollte er Natalie vor Hunger schützen, fo mußte er ein malender Arbeiter werden. Als sie nach Haufe kam, faß Ernst vor seiner großen Leinwand, die Paleite auf feinem steifen Arm, und mit der Linken mischte er Farben. Wie," rief sie erfreut, Du malst? Das ist ja großartig!" Er raffte einen alten, verschossenen Plunder von Vorhang auf und schlug ihn unbeholfen über seine Staffelei. Sieh nicht her!" rief er ihr zu. Du hast neulich meine Idee falsch verstanden. Sie muß erst leben, dann wird sie für sich reden." Von der Zeit an kam ein wahres Arbeitsfieber über ihn. Er handhabte den Pinsel bald sehr gewandt mit der linken Hand. War Natalie aber nicht da, dann erschlaffte er. Sie muhte daher immer an ihrer Staffelei thätig sein und gleichsam mit ihm um die Wette malen. Bald kam sie dahinter, daß er heimlich ihr Gesicht studirte. Sie wollte ihm aber die Freude nicht verderben und that, als merkte sie nichts. Einmal ertappte sie ihn völlig versunken in ihren Anblick. Aber, Erni," sagte sie unschuldig, ich stehe Dir doch nicht Modell?" Er schaute sie groß, aber ganz geistesabwesend an. Ich weiß, was ich thue," sagte er geheimnißvoll. Auch noch sein schweres Geld für Modelle ausgeben für so ein seelenloses, aufgeblasenes Geschöpf! Ich brauche eine Intelligenz, die mir das Elend veredelt und die gräßliche Armuth durchgeistigt." Sie erbebte in ihrem Inneren; es war also nichts an dem früheren Motiv gemildert worden. Er hielt fest an seiner düsteren Idee von der Kunst ohne Gunst. Eines Tages klagte Ernst üb-r Müdigkeit und Schmerzen im Kopf. Das wurde immer schlimmer. Er mußte das Malen lassen. Trotzdem fand Natalie, so oft sie ausging, ihn bei ihrer Rückkehr mit Pinsel und Palette vor seinem Gemälde sitzen. (Schluß folgt.)

Allerlei für'S UM.

Hautfärbemittel. Um au5 frischen, grünen Wallnußschalen den als Mittel zum Braunfärben der Haare sehr geeigneten Extrakt herzu-" stellen, zerkleinert man diese am besten mit einem Wiegemesser und mischt dazu, dem Gewicht nach, den 6. Theil zerstoßener grüner Pomeranzenfrüchte. Dann gießt man darauf so viel kochendes Wasser in einem Topfe, daß die Schalen davon vollständig überdeckt sind. Nach 24 Stunden wird die Masse auf ein lernenes Seihtuch gebracht, möglichst abgedreht, das Zurückbleibende nochmals mit kochendem Wasser Übergossen, wieder abgepreßt und die nun vereinigten Auszüge in eine über kochendem Wasser stehende Porzellanschale gebracht, unter fortgefetztem Rühren abgedampft, bis das Zurückbleibende so viel wiegt wie die in Arbeit genommenen Nußschalen und Pomeranzen. Diesem wird dann ein Theelöffel voll Glycerin zugesetzt, und die nun in eine Flasche gefüllte Masse mit einer Bürste auf die Haare aufgetragen, nachdem sie vorher, derr? gewünschten Farbenton entsprechend, mit Wasser verdünnt wurde. Kropfkrankheiten der Hühner. Kropfkrankheiten sind bei Hühnern keine Seltenheit, und zwar werden dieselben meistens durch im verdauliche Stoffe hervorgerufen. Man unterscheidet weichen und hart?n Kröpf. Ersterer wird durch Katarrh erzeugt, welcher wiederum die Folge von sauer gewordenem Welchfutter, Trebern und anderen sauer geworden nen, Führenden Futterstoffen ist. Die kranken Hühner erkennt man an ihrer Traurigkeit; sie geben Durst kund, der Kröpf ist geschwollen und aus Schnabel und Nasenlöchern fließt eine übelriechende Flüssigkeit. Den harten Kröpf bekommen Hühner, wenn sie sich an Körnerfutter überfressen. Die Körner quellen auf, so daß oft der Kröpf platzt und das Huhn erstickt. Man erkennt das Eintreten eines harten Kropfes daran, daß das Thier mit aufgesperrtem Schnabel dasitzt. Beide Kropfkrankheiten ziehen den Tod des Thieres nach sich, wenn man nicht bald helfend eingreift, was jedoch gar nicht schwierig ist. Bemerkt man ein Thier, das entweder weichen oder harten Kröpf hat, so muß man vor allem den Inhalt des Kropfes herauszuschaffen suchen. Zu diesem Zwecke faßt man den Patienten an den Veinen, hält ihn in einer Hand mit nach aufwärts gekehrtem Kopf hoch und umfaßt mit der anderen Hand den kranken, angeschwollenen Kröpf. Unter vorsichtigem Kneten, Drücken und Streiche? schiebt man nun den Kropfinhalt nach der Schnabeihöhle; um dieses zu erleichtern, , gieße man etwas snvenoi m oen . f rv-fc r i t i i nrops. 'cacyoem oer axopj geieerr ist, giebt man Morgens und Abends einen Eßlöffel voll einer zwei- bis dreiprozentigen Alaunlösung, damit die ausgedehnte Kropfhaut sich wieder zusammenzieht. Aufbesserung von Mat r a tz e n. Lange gebrauchte Matratzen, welche jedoch so zusammengefallen sind, daß das tägliche Umwenden allein nicht mehr vor dem Einseitigsein schützt, müssen zertrennt und die darin' befindlichen Roßhaare sorgfältig aufgezupft werden, wobei man die fest zusammengeballten, verfilzten Theile aussondert und durch frisches Roßhaar ersetzt. Sind die Matratzen so schmutzig, daß sie einer Reinigung bedürfen, so schüttet man die Roßhaare zunächst in ein Faß kaltes Was ser, worin man sie so lange weichen läßt, bis der Staub und sonstige oberflächliche' Uneinigkeiten entfernt sind Dann kommen sie in einen Kessel kochenden Sodawassers, worin sie mehrere Male aufwallen müssen. Sowie sie sich wieder zu kräuseln anfangen, läßt man nun die von allem Schmutz und Schweiß befreiten Roßhaare auf einem großen Sieb abtropfen und etwas verkühlen, drückt sie derb mit den Händen aus, zupft sie auseinander und trocknet sie dann möglichst schnell auf großen Tüchern oder Pappbogen in der Sonne oder auf dem heißen Ofen, wobei es jedoch nöthig ist, sie beständig umzuwenden und sie, sobald sie sich zusammenklumpen, aufzuzupfen, damit sie, wenn vollständig getrocknet, wieder ganz locker und elastisch sind. Den Matratzenüberzug, wäscht man mit Wasser und Seife rollt, glättet und wichst ihn zur Verdichtung auf der linken Seite mit Wachs. Der einfach st e Fußbod e n a n st r i ch besteht darin, daß man die vorher gut gereinigten und getrockneten Dielen mittelst einer Bürste tüchtig mit Leinöl einreiht. Um diesen letzteren Anstrich noch zu verbessern, namentlich mehr glänzend zn machen, überzieht man ihn mit Schel-

lackfirniß, und zwar am besten in der Weife, daß man nach dem Trocknen eines jeden Ueberzuges (nach etwa 3 Stunden) abwechselnd mit beiden überstreicht. Den Schellackfirniß bereitet man dadurch, daß man 3 Theile Schellack in 8 Theilen Alkohol von 44 Prozent auflöst. Derartig angestrichene, Fußböden sind leicht zu reinigen; man braucht siZwr mit upem feuchten Lumpen ahAtzenzKnehmen keine Fl cken. naMentkiU7?ett und Dinte an; sie find imm -ßÄeu, d daö Oel kein Wasser eindringen 13(1 sondern nach dem nassen Abputzen i wenigen Minuten wieder trocken ist. M