Indiana Tribüne, Volume 28, Number 249, Indianapolis, Marion County, 12 June 1905 — Page 5

Jndiana Tribüne, 12. Juni 1005.

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Migoletto. I 0k Vovcllktte von VOolöcmar Krban. ' l?Wiwi?rwt-rp?'rrrA (Schluß.) . Weiter hörte Direktor Ruffini nichts. Der Sänger stieg in die EquiPage, und zu langer Ueberlegung war für Direktor Ruffini jetzt keine Zeit. In demselben Augenblick, als Herr Delong in der Equipage Platz nahm, sprang er eilig nach seiner Droschke. Sie bekommen zwanzig Franken Trinkgeld, Kutscher," rief er aufgeregt, wenn Sie hinter der Equipage dort herfahren und sie nicht aus den Augen verlieren, ganz gleichgiltig, wohin sie fährt." Für zwanzig Franken Trinkgeld thut ein Pariser Droschkenkutscher schon, was er kann, und so jagte er hinter der Equipage her durch einen Wirrwarr von Straßen und Gassen, deren Namen der Direktor nicht kannte, in eine Gegend, wo er seines Wissens nie gewesen war. Aber das war ihm alles gleichgiltig. wenn er auf diesem Wege nur die Lösung des Geheimnisses fand, das ihm so großen Vortheil versprach. So kamen sie in die Vorstadt Passy, wo die Equipage endlich vor einem einstöckigen kleinen Hause hielt, das in einem großen Garten, halb versteckt hinter uralten Nußbäumen, vollständig einsam lag. Sobald der Wagen tytli, sprang Direktor Ruffini heraus und sah sich um. In demselben Augenblick trat aber auch schon Herr Delong auf ihn zu und fuhr ihn mit schlecht unterdrückter Aufregung an: Sie sind mir gefolgt, Herr Direktor, wie der Polizist dem Spitzbuben. Das ist weder anständig noch wird es Ihnen irgend welchen Nutzen bringen. Nein! Sagen Sie kein Wort. Sie steigen aus der Stelle wieder ein und kehren zurück, woher Sie gekommen sind. Nur so können Sie sich den empfindlichsten Folgen Ihrer unzarten Spionage entziehen." Es fällt mir gar nicht ein. Sie sind des Henkers, Delong. Glauben Sie, ich sei der Mann, der so nahe am Ziel umkehrt?" Damit wollte Ruffini an dem Sänger vorüber und in den Garten eintreten. Plötzlich bemerkte er aber, wie Delong einen Revolver aus der Tasche zog und ihm die Mündung desselben gegen die Vrust richtete. Keinen Schritt weiter, keinen Laut, oder Sie sind ein Kind des Todes. Ich habe mein Ehrenwort gegeben, das Geheimniß jenes Unglücklichen, der da drinnen wohnt, zu wahren und zu vertheidigen bis zum letzten Athemzug. Ich breche es nicht, Herr! Ich todte Sie eher." Marcel!" rief in diesem Augenblick die junge Dame und trat erschrocken näher. Die Waffe weg! Wenn Sie mich lieb haben, Marcel, so richten Sie kein Unheil an! Was wünschen Sie hier, mein Herr? Sie stehen an einem Ort, dem Sie schon aus Mitleid fern bleiben sollten." Lassen Sie mich reden, meine Gnädigste," bat Ruffini höflich, ich verlange ja weite? nichts, als mich zu erklären." Wir schenken Ihnen Ihre Erklärung," fuhr ihn Herr Delong wüthend an. Still!" warf die junge Dame da zwischen. Treten wir in den Garten. Dort kommen Leute. Lassen Sie den Herrn Direktor sich erklären, Marcel' Vergessen Sie nicht, daß auch er uns gefällig war." Weil ihm das Messer an der Keble saß," brummte Delong, folgte aber dann doch den Beiden in den Garten. Sie fehen, meine Gnädigste," sagte der Direktor, höflich und zuredend zu der jungn Dame gewendet, weil er bei dieser als der Ruhigeren und Verständigeren eher auf Entgegenkommen rechnen durfte, ich weiß von Ihrem Geheimniß gerade so viel, um es vollstänbig zerreißen zu können, wenn Sie mich dazu zwingen. Weshalb mich also zurückweisen? Ich will ja nichts, als mit Ihrem Herrn Papa reden, ihm danken für den schönen Erfolg, zu dem er mir mit seiner genialen Begabung verholfen, ihn selbst zu seinem Triumph bcglückwünschen und ihm Vorschläge in Bezug auf weitere, schönere Rollen unterbreiten, die " JD. Herr Direktor, wie sind Sie im Irrthums unterbrach ihn EreNne traurig. Er kann sie ablehnen oder annehmen, aber lassen Sie mich mit ihm reden. Ich weiß, daß ich es mit einem gottbegnadeten Künstler zu thun habe und halte es für meine Pflicht, ihm die Wege zur weiteren Bethätigung seines Talents zu ebnen. Ein solcher Künstler wie Ihr Herr Vater hat nicht das Recht, sich in Einsamkeit zu vergraben. Er gehört der ganzen Welt. Seine Person und seine persönlichen Verhältnisse kommen dabei gar nicht in Frage. Wenn er wünscht, daß darüber ein Geheimniß walten soll, so verspreche ich hiermit mit meinem heiligsten Ebrenwort, es zu bewahren und zu vertheidigen, so lange ich lebe. Aber lassen Sie mich mit ihm sprechen! Ich bitte Sie inständigst!" Der Direktor schwieg, und Eveline schritt einige Sekunden nachdenklich neben ihm her. Erst nach einer Pause sagte sie ruhig und überlegt: .Gut. Herr Direktor. Warten oie hier. Ich roerdeniit Papa,

reden und ihm alles wiederholen, was

Bit mir gesagt haben. Dann mag er entscheiden, cd er Sie empfangen kann oder nicht, und ich hoffe, daß Sie sich diefer Entscheidung unbedingt unterwerfen." Unbedingt, mein Fräulein," wied erholte Ruffini betheuernd, und Eveline trat in das Haus. Die beiden Herren blieben mit sehr gemischten Empfindungen im Garten allein und betrachteten sich zunächst nicht eben wohlwollend. Instinktiv fühlten sie, daß hier wohl Einer dem Anderen im Wege sei. Sie kennen Monsieur Merlin ht--reits, Herr Delong?" fragte Ruffini endlich. Verächtlich mit den Schultern zuckend wandte sich der Sänger ab. ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. Ich meine, Sie haben ihn schon gcsehen?" fuhr der Direktor fort. Wieder keine Antwort. Mein lieber F: eund, Sie sind nicht sehr höflich gegen Ihren alten Tirektor," meinte Ruffini wieder, und die einzige Entschuldigung, die ich dafür entdecken kann, ist, daß Sie bis über die Hutschnur verliebt sind. Ist Mademoiselle Eveline Ihre Braut?" Mein Herr," erwiderte der Sänge: plötzlich rasch und zornig, hier ist von keiner Mademoiselle Eveline die Rede, sondern nur von einer Gräfin Eveline, ebenso wenig wie es hier einen Monsieur Merlin gibt, sondern nur Seine gräfliche Gnaden. Gräfin Eveline ist noch nicht meine Braut, aber sie wäre es vermuthlich bereits ohne Ihre tölpelhafte Dazwiickenkunft. Sollte sich herausstellen, daß Sie mir damit geschadet haben, so hüten Sie sich woh! vor mir. H.iben Sie verstanden?" Den Henker auch! Ich sollte wohl meinen, daß Sie deutlich sprechen," brummte der Direktor verdrossen. In diesem Augenblick trat Eveline lächelnd und strahlend wie ein Engel wieder aus dem Hause. Kommen Sie, meine Herren. Papa will Sie Beide empfangen." sagte sie einladend. Das Haus, in das die beiden Her ren eintraten, war mit einer wohnlichen, aber etwas düsteren und alterthümlichen Vornehmheit eingerichtet. Alte kostbare Gobelins an den Wänden, hochlehnige. mit braunem Leder überzogene Eichenstühle, große, schwere Möbel, ebenfalls aus Eichenholz, über der Thür des kleinen Salons, in den sie Eveline führte, zwischen zwei Porträts in historischen Kostümen ein me tallenes Wappen, das mit einem schwarzen Schleier verhängt war, alles ernst und würdig, aber in einer wahren Grabesruhe. Unwillkürlich athmete Direktor Ruffini etwas auf. als er die helle frische stimme Evelinens hörte, die aus dem Rebenzimmer klang. Die Herren sind hier, Papa. Komm." Gleich darauf trat ein Mann in's Zimmer, oder, um es richtiger zu sagen, schob sich unbeholfen und eckig ein Knirps von einem Mann in's Zim mer, der aus einem Museum, wie sie auf der Messe herumziehen und in denen alle abnormen Scheußlichkeiten für Geld zu sehen sind, entsprungen zu sein schien. Durch einen ungeheuren Höcker verunstaltet, von einem geraden auf ein scbicfes Bein hilflos und erbärmlich hinkend, so daß er bei jedem Schritt in Gefahr schien, umzufallen, die Hände lang und knöchern, äffenartig, das Gesicht kupferroth, verrunzelt, mit dicken, blöden Glotzaugen, die allein schon, roth umrändert und krank, geeignet waren, Furcht und Schrecken zu erwecken, so trat Monsieur Merlin" vor seine Besucher hin, eine unglückliche, Grauen erregende Gestalt, gut für einen Rigoletto, aber verdorben für jedes andere Geschöpf Gottes. Sowohl der Direktor Ruffini, wie Herr Delong fuhren entsetzt und furchtsam zurück. Der Mann bemerkte die Wirkung, die seine Erscheinung verursachte, wobl, und er war auch wohl kaum auf etwas anderes gefaßt gewesen. Run, meine Herren," begann er mit einer wohlklingenden, sympathischen, jetzt aber wehmüthigen Stimme, Sie wünschten ja so sebr, mich zu sprechen. Da bin ich. Was haben Sie mir zu sagen?" Und als nach einer Pause keine Ant ' wort kam, fuur er traurig seufzend fort: Sie wollen mich für Ihr Thäter engagircn, Herr Ruffini, weil Sie meine Stimme gehört und mich als darstellenden Künstler schätzen gelern: haben, nur vergaßen Sie, daß ein gesunder Mensch wohl gelegentlich einen Krüppel auf der Bühne darstellen, ein Krüppel aber nie einen geraden Mensehen aus sich machen kann. Haben' Sie aber keine Furckit, Herr Direktor. Ich nehme Sie nicht beim Wort, obwohl Sie mir mit Ihrer Offerte den Himmel auf Erden eröffnet haben. Sie und Herr Delong haben mich durch Ihr Entgegenkommen zu Dank verpflichtet, mehr als Sie Beide fassen und ahnen können. Sie haben die Seele, die in einem Scheufal von Körper gefangen war, einmal, wenn auch nur auf Stunden, befreit, der armen, lebenslänglich gefesselten einmal einen freien Flug in das unendlich weite und unendlich schöne Reich der Kunst gewährt, dafür werde ich immer Ihr Schuldner bleiben." Direktor Ruffini wollte irgend etwas erwidern, eine Redensart, eine Phrase, bestimmt, die tiefe Melancholie, die aus der Stimme des Zwerges klang, zu zerstreuen, aber dieser schnitt ihm das Wort ab.

Lassen Sie nur gut sein, Herr Di-

rektor, und hören Sie mir lieber zu. Ich bin von frühester Jugend an der Welt und dem menschlichen Umgang entfremdet. Ich wollte in meiner abschreckenden Häßlichkeit nicht der Abscheu meiner Umgebung fein, und zog mich zurück. Da ging mir, wie in der Nacht des Schweigens das Leuchten bet Sterne, die Seele auf. Ich beschäftigte mich mit Musik. Der Ton wurde für mich das Leben der Seele, das Leben überhaupt. Ich kannte kein anderes. Meine Stimme, ein Geschenk des Himmels, der mir so vieles raubte, kam mir zu Hilfe, und ich sang und träumte mir eine Welt zusammen, die mir die verlorene ersetzen sollte. Aber mein Traum blieb ein Traum, und je mehr sich mein Inneres entfaltete, je mehr meine Brust unter der reichen Gestaltenwelt der Kunst schwoll, desto schwerer drückte mich meine Mißgestalt, die wie ein Damm, wie ein Gefängniß meine Seele einengte. Nie durfte ich hoffen, der Welt zu zeigen, was ich konnte, ihr zu sein, was ich war. Und ich war doch auch ein Mensch, wünschte, hoffte und fehnte mich wie ein solcher." Er machte eine Pause. Der Schmerz überwältigte ihn, und er seufzte tief auf. . Da kam dieser Rigoletto. Wie eine stille Raserei kam es über mich, und je mehr ich mich mit dem Musikdrama des jungen Italieners beschäftigte, desto mehr riß mich die Bewunderung dieser Schöpfung hin. Wie kam es, fragte ich mich, daß ein gesunder, gerade gewachsener Mensch den ganzen'Jammer eines Krüppels so nachfühlen und in Töne bannen konnte? Das war ich selbst in Musik gesetzt. Mit wahrem Feuereifer warf ich mich auf die Rolle und nun, das Uebrige wissen Sie ja, meine Herren. Meine Tochter wußte oder ahnte wenigstens den höchsten, heiligsten 'Wunsch meiner Seele. Ein Krüppel konnte ich auch auf der Bühne sein, wenn auch nichts anderes. Hier war die Möglichkeit gegeben, meinen Traum zum Leben zu gestalten, einmal hinaus zu treten, in das freie volle Licht der Welt. Eine zufällige Vekanntschaft Evelinens mit Herrn Delong ermöglichte das Uebrige, und es wurde Ihnen, Herr Direktor, ein kleiner Streich gespielt. Aber ich hoffe, nicht zu Ihrem Nachtheil." Ich kann nur wünschen, Herr Graf," bemerkte Herr Ruffini höflich, daß mir öfter solche Streiche gespielt werden." Sie wissen meinen Namen?" fuhr der Zwerg rasch und ängstlich auf. Nein, Herr Graf," erwiderte der Direktor, ich hörte nur von Herrn Delong, daß" Sie sollen ihn auch nie erfahren. Versprechen Sie mir, nie danach zu forschen. Thun Sie es aus Achtung vor dem Unglück." Mein Ehrenwort, Herr Graf. Ihr Wunsch ist mir Befehl," antwortete Ruffini mit einer Verbeugung. Und Sie, Herr Delong?" wandte sich der Zwerg noch immer in einer scheuen, ängstlichen Hast an diesen, werden Sie mir verweigern, was mir Direktor Ruffini und was mir jeder Ehrenmann zugesteht? Mein Name gehört nicht mir allein, und die Rücksicht auf meine Familie gebietet mir, ihn als ein Geheimniß zu .bewahren." Seine Tochter trat rasch zu ihm, faßte besorgt seine Hände und legte sie liebkosend an ihre Wangen. Herr Graf," fagte Delong mit erregier, leise zitternder Stimme, ich bin zu Ihren Diensten wie es nur Jemand sein kann. Aber doch möchte ich mir zwei Worte erlauben." Eveline sah ihn an und schien ihm durch ihre Blicke Muth zusprechen zu wollen. Was wollen Sie sagen?" fragte Monsieur Merlin hastig. Ich weiß wohl, daß ich Ihnen unendlich viel Dankbarkeit schuldig bin, Herr Delong. Sie haben mir Ihren Künstlerrühm für diese Rolle abgetreten. Ich weiß, was das heißt. Ich unterschätze das nicht. Aber verlangen Sie nicht von mir, was mir schmerzlich wäre, Ihnen verweigern zu müssen." Sie werden es mir nicht verweigern, nicht nur weil es Ihnen schmerzlich wäre, sondern weil Sie uns, Ihre Tochter und mich, unglücklich machen Würden." Eveline?" fragte der Zwerg erstaunt. Und mich, Herr Graf. Sie sprachen vorhin von einer zufälligen Bekanntschaft. Diese hätte nicht genügt, um mich zu dem zu veranlassen, was ich gethan. Ich schlug vielmehr meine Ezistenz, meinen künstlerischen Ehrgeiz in die Schanze, weil ich Eveline liebte und mich von ihr geliebt wußte, weil ich ihr nichts verweigern konnte. Das war auch der Grund, weshalb ich Sie um eine Unterredung bat und weshalb ich Sie jetzt um die Hand Ihrer Tochter bitte." Das kam dem Grafen offenbar unerwartet. Bestürzt erfaßte er die Hände seiner Tochter, die sie ihm bittend entgegengeftreckt hatte. Ein jäher Schreck schien ihn befallen zu haben. Du, Eveline?" fuhr er fcufnd auf, auch Du willst mich verlassen?" Nein, nein, Papa," unterbrach sie ihn hastig, wir verlassen Dich nie. Wir bleiben bei Dir, so lange Du uns erlaubst, um Dich zu sein. Ich habe mit Marcel schon alles besprochen. Wir trennen uns nicht. Auch erfährt Niemand unseren Namen. Wir lassen uns im Ausland trauen, und Niemand wird wissen, wenn wir wieder hierher zurückkommen, wer die Gattin Marcel Delongs ist." Einige Sekunden stand der xai

keuchend da, den wehmüthig-traungen Blick bald auf sein Kind, bald auf

Herrn Delong gerichtet. Dann gab er dem Sänger mit einer müden ResigNation die Hand und sagte: Sie wollen bei mir ausharren, Herr Delong?" Bis zum Ende. Herr Graf," antwortete dieser rasch. Ich wußte ja wohl, daß dieser Augenblick einmal kommen mußte und habe ihn immer gefürchtet. Aber ich habe meiner Tochter für die treue Liebe, mit der sie bei mir ausgehalten, verfprochen, der Wahl ihres Herzens nicht zu widersprechen. Ich weiß, daß sie auf keinen Unwürdigen gefallen sein kann. Statt eines Verlustes werden Sie in das Leben eines Unglücklichen einen Gewinn bringen. Gott segne Sie Beide dafür!" Damit legte er die Hand seiner Tochter sanft in die des Sängers, der seine Braut mit einem Jubelrüf umarmte. Noch drei Mal trat Monsieur MerIm als Rigoletto aus der Bühne des Herrn Ruffini auf, immer in gleicher Weise vom lauten Beifall des Publikums überschüttet, aber Niemand hat erfahren, wer sich eigentlich hinter diesem Pseudonym verbarg. Im Mai des folgenden Jahres, als Herr Delong in Urlaub ging, reiste er nach dem Süden, und als er im Herbst nach Paris zurückkehrte, war er verheirathet. Alle Welt war von der zierlichen Schönheit und Grazie, von der hinreißenden Munterkeit und Frische der Frau Eveline Delong entzückt, abcr über ihre Familie herrschte das tiefste Schweigen. Von Monsieur Merlin" hat Niemand wieder etwas gehört. Die Entdeckung des Uranus. Auf Anrathen seiner Leibärzte begab sich König Georg III. von England im Frühling des Jahres 1781 nach Bath, um zur Stärkung feiner wankenden Gesundheit dort die Brunnenkur zu gebrauchen. Damals war der deutsche Musiker Wilhelm Herschel Organist an der Oktogonkapelle in Bath und gleichzeitig auch Dirigent der Konzerte, welche zu? Unterhaltung der Kurgäste stattfanden. Als junger Mensch und armer hannöver'scher Hoboist war er einst nach England gekommen und hatte es dort im Verlaufe von mehr als zwanzig Jahren durch seine musikalische Kunst so weit gebracht. Daneben aber beschäftigte er sich viel und eifrig mit mathematischen und astronomischen Studien. Eines Abends erschien er im Konzertsaale uno brachte außer seinem Taktstock ein großes langes, in ein Futteral gehülltes Instrument mit, welches er behutsam in eine Ecke des Orchesters stellte. Was haben Sie denn da, Herr KaPellmeister?" fragte neugierig der alte Kontrabassist. Ist's vielleicht ein neuartiges, von Ihnen erfundenes Blasinstrument?" Nein, mein Lieber," versetzte Herschel lächelnd. Das ist ein großes Fernrohr, ein Spiegelteleskop, und zwar ein ganz neues, welches ich selbst erdacht und gemacht habe, da ich nicht die Mittel habe, den ungeheuren Preis zu zahlen, welchen der Optiker Dollond in London für eines seiner guten Instrumente verlangt. Nun,- ich hoffe, mein selbstverfertigtes Teleskop wird dieselben Dienste thun, vielleicht sogar noch besser. Ich will's nachher probiren, während der großen Pause, im Garten draußen; es ist heute gerade eine sehr günstige Gelegenheit an diesem schönen sternklaren Abend." Das Konzertpublikum versammelte sich unterdessen, auserlesener und zahlreicher noch als sonst, und dies aus dem Grunde, weil man wußte, daß König Georg am Konzert theilnehmcn würde. Nach tarn Eintreffen der hohen Herrschaften begann die erste Musiknummer des vortrefflich ausgewählten Konzertprogramms, welche, wie auch die folgenden Nummern, sehr brav gespielt wurde unter der sicheren Leitung des ausgezeichneten deutschen Dingenten. Dann kam die große Zwischenpause. Die Musiker entfernten sich von ihren Notenpulten und verließen das Orchester; am eilfertigsten verschwand der Kapellmeister, indem er das große, in dem Futteral steckende Fernrohr mitnahm. Eine Viertelstunde verfloß. Nun sollte die zweite Abtheilung des Konzerts beginnen. Das Publikum nahm wieder seine Plätze ein. Auch der König und die anderen hohen Herrschaft ten stellten sich ein. Die Musiker versammelten sich an ihren Pulten und stimmten leise ihre Instrumente. Nur einer fehlte noch der Kapellmeister. Wc ist denn nur Mr. Herschel?" fragten sich die Musiker und auch im Publikum schien die Verzögerung des Konzerts und das Ausbleiben des Dirigenten einiges Befremden zu erregen. Ich, ich weiß, wo er ist!" rief plötzlich der alte Kontrabassist Er probirt im Garten sein neues Fernrohr und guckt nach den Sternen. Das Himmlische interessirt ihn heute Abend so sehr, daß er darüber seine irdische Pflicht vergißt. Ich eile, ihn herbeizuholen!" Er rannte hinaus in den Garten und fand den, welchen er suchte. Herschel stand auf einem kleinen freien Rasenplafy und schaute angestrengt nach dem gestirnten Himmel durch sein Teleskop, dessen Stativ er auf einen dort befindlichen Gartentisch gestellt hatte. .Herr Kapellmeister, es ist die höchste Zeit!" rief keuchend der Kontrabassist,

,,as Publikum wird schon unqedul

dig und auch Seine Majestät, welche nicht zu warten gewöhnt ist, könnte unwillig werden über die Verzögerung. Ich bitte Sie dringend, kommen Sie rasch!" Herschel sandte noch einen letzten forschenden Blick durch das Fernrohr nach oben; dann nahm er es vom Auge, schob es wieder in's Futteral und eilte hastig mit dem Kontrabassisten in den Konzertsaal. Er befand sich in sichtlicher Erregung, das bemerkte man wohl im Publikum. Mehrmals fuhr er mit der linken Hand über seine heiße Stirne, und seine rechte Hand schien zu zittern, als sie nun den Taktstock aufnahm. Aber bevor er den Musikern das Zeichen zum Ansang geben konnte, näherte sich ihm ein Kammerherr des Königs und sagte: Sind Sie vielleicht plötzlich erkrankt, mein Herr? Ich bin beauftragt, mich danach zu erkundigen. In solchem Falle wünscht Seine Majestät nämlich nicht, daß Sie weiter dirigiren, sondern es möge das Konzert beendigt sein." Für so viel gnädige Huld lasse ich unterthänigst danken," versetzte Herschel. Aber ich bin Gott sei Dank nicht krank; im Gegentheil, ich bin heute Abend wahrscheinlich der glück" lichste aller Sterblichen." Wieso?" fragte erstaunt der Kammcrherr. Weil ich vor wenigen Minuten eine sehr wichtige Entdeckung gemacht habe." Was haben Sie denn entdeckt?" Einen bisher unbekannten Planeten unseres Sonnensvstems." Ist's möglich? Das will ich doch sogleich Seiner Majestät mittheilen. Der König interessirt sich nämlich sehr für Astronomie; er besitzt ja sogar eine eigene Sternwarte." Damit entfernte sich der KammerHerr, und Herfchel gab nun das ZeicheN zum Beginn der Musik. Trotz der Erregung, in welcher er sich befand, dirigirte er fo tadellos, wie gewöhnlich, und auch die zweite Abtheilung des Konzerts erntete also verdientermaßen den vollsten Beifall des Publikums. Dies war eines seiner letzten Konzerte, denn bald wurde er zu Höherem berufen. Seine Entdeckung erregte nach ihrer Bekanntwerdung größtes Aufsehen und machte ihn weltberühmt, denn nichts Geringeres als den Planeten Uranus hatte er gefunden. Georg III. ließ ihn zu sich entbieten. Niemand kann zwei Herren dienen, heißt es irgendwo in der heiligen Schrift," sagte freundlich der König. Sind Sie geneigt, als Astronom in meinen Dienst zu treten?" Das würde ich als die größte Gunst des Schicksals betrachten." Wohl, so ernenne ich Sie zum Direktor meiner Privatsternwarte zu Slough bei Windsor." Auf solche Weise wurde aus dem Musiker ein Astronom, und in der Folgezeit machte der ausgezeichnete Mann noch viele wichtige Entdeckungen in der Sternkunde. Ein aristokratischer Examinand. Aus dem juristischen Staatsexamen wird eine kleine, hübsche Geschichte erzählt, die sich vor kurzer Zeit in einer deutschen Residenzstadt zugetragen hat. Ein überaus aristokratischer Kandidat saß den Examinatoren gegenüber, und recht dürftig flössen die Antworten auf die gestellten Fragen von seinen Lippen. Ganz besonders schwer wurde es ihm, eine Erklärung dafür zu finden, als ihn ein neugieriger Examinator danach fragte, welcher Art das Rechtsgeschäft sei, das die Eisenbahn bei der Beförderung des Gepäcks der Reisenden mit diesen eingeht. In seltener Milde wollte der Examinator dem Kandidaten auf die Sprünge helfen, indem er ihm fagte: Na, Sie haben doch schon oft Ihr Reisegepäck aufgegeben, was erhalten Sie denn dafür am Gepäckschalter in die Hand?" Aber der Examinand antwortete: Nein, das habe ich noch nie gemacht. Mein Gepäck besorgt stets mein Diener." Dann hätten Sie auch Ihren Diener hierher in's Examen schicken sollen, vielleicht hätte er Ihnen das auch hier besser besorgt als Sie selbst," erwiderte der Examinator dem Kandidaten, dessen Schicksal hiermit besiegelt war. Wingevttdet. Kommerzienrath (von einer Soiree heimgekommen, bei der er zum ersten Male seinen Orden trug, betrachtet sich im Hausrock im Spiegel): Wahrhaftiger Gott, Rosalie, ich kann mer gar nimmer sehn ohne Orden!" tnvtevTv&vctev gimtet. Dame: Ach Gott, Sie ungeschickte Person, jetzt haben Sie von den beiden chinesischen Vasen die eine zerbrachen und es waren doch so seltene Stücke." D i e n fi m ä d ch e n: Na, seien Sie doch zufrieden, Madame, jetzt ist die eine ein noch sei teneres Stück." intev HoUegen. Was meinen Sie denn, Herr Kassirer? Widmen wir dem Herrn Vorstand zu seinem Ehrentag eine Votivtasel oder sonst ein passendes Geschenk? Bringen wir ihm ein Morgenständchen oder einen Lampionzug?" Unter unö, Herr Sekretär: Er hat sein Haus neu anstreichen lassen... ich glaube. Über einen Fackelzug ärgert er sich doch am meisten!"

FrcitZsc!u für Studcnicn. tute Wohlthätig: eitS,knrtttung an der lti jiacT Universität. Eine in gleichem Maßstabe einzig dastehende Einrichtung verzeichnet unter den deutschen Universitäten die Leipziger Hochschule, die, 1409 gegründet, eine der ältesten deutschen Universitäten ist. Die Einrichtung betrifft den Freitisch, der 301 Studirenden der Universitäten gewährt wird. Dieses Konviktorium wurde nach einem Plane des Professors Kaspar Börner im Jahre 1544 durch den sächsifchen Kurfürsten Moritz geschaffen. Indem er der Universität das säkularisirte Paulinerkloster überließ, ordnete er an, daß drinnen ein gemeiner Tisch vor die Studenten soll gehalten werden," und gab den ganzen Hausrath der vertriebenen Mönche an Tischen, Bänken und Küchengeräth sammt 600 Scheffeln Korn an die neue Stiftung. Von da an sind die Konviktoriften 300 Jahre lang in jenem altehrwürdigen Coenaculum gespeist worden. In neuerer Zeit ist dafür ein schöner Saal in einem Universttätsncubau an der Ritterstrahe eingerichtet worden. Täglich essen dort 301 Studenten an 26 Tischen kostenfrei zu Mittag und Abend. Die ganze, außerordentlich wohlthätige Einrichtung beruht lediglich auf Stiftungen. Der sächsische Staat geWährt dazu jetzt keinerlei Zuschuß. Eine geringe Zubuße, im Höchstfalle 10 Pfennige für den Tag, wird von einer bestimmten Anzahl Freitischinhaber alle 14 Tage entrichtet in den Fällen, wo das Stiftungskapital bei den jetztgen Preisen nicht ausreicht; doch sind 48 Stellen auch davon gänzlich befreit, und 1889 stiftete ein hochherziger Freund des KonviktS 5000 Mark Anfangskapital, um alle Pränumerationen" wieder zu tilgen; 132 Stellen sind königlichen Patronats; die übrigen sind von Privatpersonen gestiftet. Viele von den letzteren sind an bestimmte Famitten, Städte oder Gegenden (Franken, Hessen, Siebenbürgen) gebunden. Die königlichen Stellen werden nur an Landeskinder evangelisch - lutherischer Konfession vergeben; 23 davon sind feit 1873 auch für Hörer," darunter 10 für weiterstudirende Lehrer bestimmt. Die ersten Privatstiftungen haben 1616 begonnen. Die königlichen Freitischstellen werden theils vom Kultusministerium, theils von den einzelnen Universitätsprofessoren vergeben, und zwar meist von Semester zu Semester. Die Freitische dauern auch über alle Universitätsferien fort. Da aber die Stellen während der Ferien und auch sonst nicht immer von ihren rechtmäßigen Inhabern besetzt sind, dürfen etwa 200 weitere bedürftige Studenten zu 50 Pfennig eine Semesterkarte lösen, kraft deren sie in die beim Beginn der Mahlzeit freibleibenden Sitze einrücken. Die Bewirthschaftung des Konvikts ist einem Oekonomen in Pacht gegeben. Er hat jeden Mittag Suppe, gebratenes oder gekochtes Fleisch, Gemüse oder Kartoffeln oder Salat, Kompott, Abends Wurst und Kartoffeln oder Erbsbrei, Linsen, Heringe, zweimal die Woche auch Butter, Brot und Käse, zu jeder Mahlzeit aber jedem Konviktoristen ein Pfund schweres Roggenbrot zu geben, das auch mit nach Haufe genommen werden kann. Getrunken wird Wasser, nur zur Feier von Königs Geburtstag werden auf Kosten des Landesherrn jedem Tische vier Flaschen Wein verabreicht. Abgesehen von den eigentlichen Konvikttischen, haben feit mehreren Jahrzehnten etwa 120 Benefizianten auch noch in einigen anderen Lokalen, allerdings nicht an allen Tagen jeder Woche, aber doch auch das ganze Semester hwourch, Freitisch. Unter anderem hat der Stifter des Leipziger Grafsi-Mu-seums 15,000 Mark für solche Freitische hinterlassen. Andere haben die Leipziger Universitätsprofessoren und mehrere auch die Mitglieder des säckfischen Königshauses gestiftet. Die Vläüe an diesen Tischen stehen auch nichtsäcbsischen Studirenden der Leipzig Umversität offen. Vielseitiger Mann. Im Alter von 90 Jahren starb neulich in London der Lord Grimihorpe, her sich in mancher Beziehung ewen Namen gemacht yat. Er war einer der erfolgreichsten englischen Juristen und erwarb sich als solcher ein Vermögen, daö ihm eine jährliche Rente von 100,000 ($486,000) sicherte. Bekannte? wurde er jedoch durch die Anfertigung des Big Ben," d. h. der gro!tn Uhr von Wefiminster, die er anertigte, während er noch Mr. BeckettDenison hieß. Auch als Restaurirer alter Kirchen machte sich Lord Grimthorpe einen Namen. Er entwarf die Pläne für die Bauten und führte diese auch selbst aus. Dies hatte zur Folge, daß ihn die Architekten bitter befchheten. Sein Name kam durck diesen Groll der Architekten sogar in den engtischen Wortschatz, und in einem amerikanischen Lexikon der englischen Sprache kann man heute lesen, daß das Zeitwort to grtmthorve" bedeutet, unter Verschwendung großer Geldsummen ein altes Gebäude verunstalim."

Mahnung. Kommerzienrath (zum Bewerber um die Hand seiner Tochter): Sie haben wohl sehr viel Schulden, Herr Graf?" V ras: Machen Sie sich nur nicht zu große Hoffnungen, Herr Kommerzienrath!"

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