Indiana Tribüne, Volume 28, Number 248, Indianapolis, Marion County, 10 June 1905 — Page 5
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ORigofoHcu g K & fe k & g 2 .O.oricilcfts uoa rOolöcmar (rban. 8 t r?vvvvvvwvtvvvT . Tie Cper ..Rigoletto" von Verdi sollte zum e?M Mal in Paris aufgeführt werden. Das war damals, vor etwa fünfzig fahren, ein großes künstlerisches Ereigniß, das die interessirten Kreise in nicht geringe Aufregung brachte. Ganz besonders war dies naiüüiij bei den Darstellern selbst und bei dem Direktor der italienischen Cper, Mario Ruffini, der Fall. Für erstere stand der künstlerische Ruf auf fcer.i Spiele, denn die Gestaltung einer mann Rolle in Paris war vorbildlich für die ganz Welt und trug den NaIren des Künstler? weit über die Grenzen von Frankreich hinaus. Für den Tirettor aber handelte es sich vielleicht um ein Vermögen, das sich nach vielen Hunderttausenden bezifferte. Ein Fiasko konnte sein Verderben werden, oder ihn doch wenigstens Unsummen kosten. Tas war nun allem Anschein nach diesmal nicht zu befürchten. Nicht nur hatte der Name des jungen Maestro schon damals einen guten Klang, sondern es ging der Oper selbst, die bekanntlich einen Stoss von Viktor Hugo behandelt, ein gutes Renommee vorauf. Außerdem waren schon die ersten zwanzig Vorstellungen so gut wie ausverkauft. Tas beruhigt schließlich auch den ängstlichsten Direktor. Das Publikum war lote toll, die Spannung ungeheuer. Ta geschah etwas Unglaubliches und Unerwartetes. In der letzten Probe, die im Kostüm, als getreues Abbild der ersten Aufführung, vor sich ging, erklärte der Tarsteller des Rigoletto, Herr Marcel Delong, seine Rolle nicht singen zu wollen. Alle Welt war wie aus den Wolken gefallen. Blaß vor Schreck und zitternd vor Aufregung eilte Dhritot Ruffini auf die Bühne. Wie, mein Herr?" fuhr er den Sänger an, Sie wollen den Rigoletto nicht singen ?" Nein. Um keinen Preis," erwiderte Herr Telong fest und entschieden. Sie müssen, mein Herr!" fuhr der Direktor wüthend fort. Laut unserem Konnatt müssen Sie jede Rolle singen, die in Ihr Fach schlagt, oder Sie bezahlen dreiigtauscnd Franken Konventionalstrafe." Herr Telcng zuckte geringschätzig die Achseln und sagte kurz: Ich singe keinen 2cn tiefer Rolle." Und warum nicht, wenn's beliebt, mein Herr ?" Hcrr Direktor, die Welt kennt mich als einen hübschen Mann, und Sie muihen mir zu, ein solches schiefbeiniges, buckliges Ungeheuer darzustellen? Mich selbst vor dem Publikum, das mich vergöttert und bewundert, zu verunstalten?" Zum Kuckuck mit Ihrer Eitelkeit, mein Herr. Davon steht nichts in unserem Kontrakt. Sie singen oder ich erkläre Sie für kontraktbrüchig und Sie müssen zahlen. Sie wissen, daß es um Ihre Existenz geht!" Tas weiß ich allerdings, und eben deshalb singe ich nicht," erklärte der Sänger etwas räthselhaft, aber um so hartnäckiger. Nun war guter Rath theuer. In vierundzwanzig Stunden sollte die erste Aufführung sein, und es war Niemand da, der die Titelrolle singen wollte. Tcnn außer Herrn Delong gab es damals nur einen Menschen, der für Herrn Ruffini in Frage kam und der einigermaßen Delong als Rigoletto hätte ersetzen können, und dieser stand augenblicklich in Neapel im festen Kontrakt an der dortigen Oper, war also ganz unerreichbar. Und doch mußte die Vorstellung stattfinden. Oder sollte Herr Ruffini das schöne Geld wieder zurückzahlen und außerdem die für die Vorbereitungen aufgewendete Summe verlieren? Tas wäre geradezu sein Ruin gewesen. Die Probe konnte nicht stattfinden, und Herr Ruffini zog dem widerfpenstigen Sänger gegenüber gelindere Saiten auf. Er glaubte nicht recht an die Eitelkeit des Herrn Delong. Denn wenn er auch ein hübscher Mann war, so war er doch auch ein vernünftiger Mensch, und es war doch gar zu thöricht, aus Eitelkeit auf eine Stellung zu verzichten, wie er sie nirgends in der Welt wiederfand, und außerdem sich solches Ungemach auf den Hals zu laden wie einen Kontraktbruch und Konventionalstrafe. Herr Ruffini glaubte vielmehr, daß ihn der Sänger in der Noth pressen wollte und gegen ein Ex.rahonorar wohl singen würde. Er bot ihm also zunächst zehntausend Franken ExtraHonorar, und als das nicht zog, zwanzigtauscnd, aber zur sprachlosen Ueberraschung des Direktors erklärte Herr Delong, daß er die Rolle nicht singen würde, auch wenn er ihm eine Million biete. So saß der arme Direktor am Vorabend des großen Ereignisses verzweifelt in seinem Bureau und redigirte eben eine Bekanntmachung, die dem Pariser Publikum am nächsten Morgen kundthun sollte, daß wegen plötzlicher Erkrankung des Herrn Delong die Aufführung nicht stattfinden könne. Natürlich würde kein Mensch daran glauben, und Herr Ruffini fah schon schaudernd die fürchterlichsten Szenen wegen der vorausbezahlten Vorstellun-
gen kommen, als sein Diener m oas Bureau trat. Herr Direktor, es ist eine ver schleierte Dame da, die mit Ihnen zu sprechen wünscht," sagte der Diener. Der Direktor stutzte. Eine verschleierte Dame?" fragte er zurück, wer ist e?" Ich weiß es nicht. Sie wollte mir ihren Namen nicht nennen und wünscht anonym mit Ihnen zu verhandeln." Zunächst wollte Herr Ruffini die Vesuckerin abweisen. Was kümmerten ihn jetzt alle verschleierten Damen der Welt, jetzt, da er nichts als einen Rigoleito brauchte. Tann aber ließ er sie doch eintreten, um zu hören, was sie wollte. Gleich bei ihrem ersten Anblick wurde der Direktor sebr höflich und bot ihr einen Sessel. Tie Dame machte einen ungewöhnlich vornehmen Eindruck. Ihre Kleidung war dunkel, wohl absichtlich unauffällig und einfach gehalten, aber doch äußerst elegant und geschmackvoll, ihre Figur war zierlich und graziös, von ihrem Gesicht aber war hinter dem dichten Schleier nichts ra fehen. Sie war jedenfalls noch sehr jung, und plötzlich besann sich Direktor Ruffini auch, daß er diese Erscheinung schon einmal irgendwo gesehen habe, nur wußte er nicht unter welchen Umständen. Zum Theater gehörte sie jedenfalls nicht, für eine Theaterdaine war sie zu zaghaft, zu zart und kindlich. Herr Ruffini konnte sich des Hindrucks nicht erwehren, daß er eine junge Dame aus sehr vornehmem Hause vor sich habe. Herr Direktor," sagte sie mit einer weichen, sympathischen, aber sichtlich beklommenen Stimme, was müssen cie von mir denken, daß ich es wage, mich in dieser Weise bei Ihnen einzuführen " Nichts Schlimmes auf mein Wort," beeilte sicb Direktor Ruffini zu erwidern. Und ich bin ganz zu Ihren Diensten. Bitte, befehlen Sie über mich." Seien Sie versichert," fuhr sie sehr dringend fort, daß nur die heiligste Pflicht mich veranlassen konnte, in dieser Weise die üblichen Formen zu vernachlässigen, und also kurz, Sie sind in Verlegenheit um einen Darsteller des Rigoletto?" Wer hat Ihnen davon gesagt?" fragte der Direktor überrascht. Dabei fiel ihm plötzlich ein, wo er die Dame wohl schon gesehen haben könnte. Es mußte dieselbe sein, die er vorgestern Abend in einer vor dem Eingang der Künstler haltenden Equipage bemerkt hatte, und deren liebliches Gesichtchen ihm sogleich aufgefallen war. Sie hatte damals mit Herrn Delong gesprochen, der vor ihr am Kutschschlag stand, und der Tirektor war sofort davon überzeugt, daß sie seine Verlegenheiten nur von diesem erfahren haben könne. Das thut nichts zur Sache, Herr Direktor," antwortete sie etwas verlegen. Ich bin vielmehr hier, um Ihnen einen Ersatz für Herrn Delong anzubieten." Dabei zitterte ihre Stimme vor innerer Aufregung. Ruffini aber war so betroffen, daß er ihre Erregung nicht wahrnahm, oder doch nicht zu deuten wußte. Einen Ersatz!" wiederholte er verblüfft. Unter gewissen Bedingungen," bestätigte sie zögernd. Sie meinen doch, meine Gnädigste, einen Ersatz für Delong, einen anderen Rigoletto?" Genau das meine ich, Herr Direktor, einen Künstler vom Scheitel bis zur Sohle, der die Rolle allerdings zum ersten Mal singt, aber jede Gewähr für das Gelingen übernimmt." Sie sprechen in Räthseln, meine Gnädigste. Das ist nicht möglich. Wer sollte denn dieser Ersah sein?"
Es gehört zu den Bedingungen des Sängers, daß Sie weder nach seinem Namen, noch nach seinen sonstigen persönlichen Verhältnissen forschen, Herr Direktor. Sie werden ihn unter dem Namen Merlin auf den Zetteln aufführen. Sonst nichts." Merlin! Und sonst nichts? Es gehören dazu doch noch Abmachungen über das Honorar " Er verzichtet darauf." Auf das Honorar?" fragte Ruffini erstaunt. Und die Probe " Er braucht keine. Er wird am Abend der Vorstellung sich mit se'.ren Mitspielern von Szene zu Szene besprechen." Ja, aber" Er kommt am Abend jeder Vorstettung, zu der Sie ihn zulassen, fix und fertig im Kostüm in einer geschlossenen Eauipage Punkt sieben Uhr in meiner Begleitung an, und verläßt sofort nach seiner letzten Szene das Theater in derselben Weise. Vollsiändige Anonymität! DaS ist alles, was der Künstler für seine Leistung verlangt." Aber meine Gnädigste, S':e erzählen mir da ein reines Märchen aus Tausend und eine Nachts Wie ist denn das alles möglich? Sie werden doch begreifen, daß, wenn es einen Künstler gäbe, der dieser Aufgabe gewachsen wäre, i ch ihn in erster Linie kennen müßte!" Ich bin beauftragt, Herr Direktor," fuhr die junge Dame ruhig und bestimmt fort, Sie in Bezug auf einen Mißerfolg des Künstlers zu beruhigen. Wenn das Publikum findet, daß er der übernommenen Aufgabe nicht gewachsen ist, so zahlt er Ihnen eine Entschädigung von fünfzigtaufend Franken und zieht sich wieder zurück." Das war das Sonderbarste, was
dem Direktor Zttuffim :n iner langen
Laufbahn als Theatermann vorgekommen war. Ein Sänger, den kein Mensch kannte, der keine Gage verlangte und obendrein für ein Fiasko noch zahlen wollte das war für ihn ein Wunder. Wollte man ihn zum Besten halten und seine Verlegenheit, die ohnehin schon grausam genug war, noch peinlicher gestalten? Der jungen Dame, die da vor ihm saß mit der süßen Stimme und dem zarten vornehmen Wesen, traute er einen derartigen Betrug nicht zu, aber es konnte wohl sein, daß der Streich von Delong ausaina und die schöne Unbekannte nur Mittel zum Zweck war. Andererseits war es aber doch auch möglich, daß sich irgend ein Veilchen, das im Verborgenen blühte, ein Talent, von vielleicht zu hohem gesellschaftlichem Rang, um sich der Theaterlaufbahn widmen zu können, an der Rolle des Rigoletto, die damals alle Gemüther beherrfchte. begeistert hatte. Dieser verwachsene, bucklige Hofnarr, dem man sein schönes, stolzes Kind stiehlt, und der dann in der Wuth der Verzweiflung statt des Verführers sein einziges Kind tödtet, war von Viktor Hugo so packend auf die Bühne gestellt worden, daß es wohl begreiflich war, wenn sich ein Dilettant daran erhitzte. Es waren ja nicht alle so eitel wie Herr Delong, und gerade dieser arme mißgestaltete Zwerg, dieser von allen verachtete und verspottete Narr, der nichts auf der Welt hat als sein Kind, seine schöne, himmlische Vlanche, war m feiner rührenden Menschlichkeit auch für einen wahren und echten Künstler eine verlockende Aufgabe. Aber trotz dieser Möglichkeit und trotz der rührend weichen Stimme seiner schönen Besuckerin wäre Direktor Ruffini auf ein solches heikles Experiment nicht eingegangen, wenn er nicht in einer so schrecklichen Zwangslage ge wesen wäre. Es blieb ihm keine Wahl. Er mußte den zarten Bitten seiner räll'selhaften Unbekannten nachgeben, wenn auch mit zitternder Sorge. . Am nächsten Abend war das Theater bis auf den letzten Platz gefüllt. Die beste eftXff$aft Den Parrs harrte in aufgeregter Spannung der un?rh?rten Dinge, die da kommen sollten, denn nuu war es nicht nur die Premiere," welcbe die Neugicr des Publikums erregte, sonder auch Monsieur Merlin," der an Stelle des erwarteten Delong als 2räaer der Titelrolle auf dem Zettel figurirtc. Alle Welt wußte natürlich, daß das nur ein angenommener Name war. 2Bci aber verbarg sich so gebeimnißvoll hinter dem Namen des alten, sagenhaften Zauberers? Kein Mensch wußte es. Man rieth hin und her, bis in die höchsten Kreise hinauf, ab?? Niemand hatte einen Anhalt für bestimmtere Benuuthungen. Der Aufgeregteste von allen aber war der arme Direktor Ruffini, der ruhelos hintec den Koulissen auf und ab lief. Dicke Schweißtropfen traten auf seine Stirn, und alle Augenblicke lief er nach der Garderobe, um zu fragen, ob Monsieur Merlin" noch nicht da sei. Er stand wirklich Höllenqualen aus. Wenn er nun nicht kam, dieser Zauberer, dann war der Direktor der olamirteste Genfer) von Europa. In dieser Stimmung es war kurz vor sieben Uhr, traf ihn Herr Delong. Er war in seiner gewöhnlichen Straßenklcidung und klopfte dem Direktor lächelnd von hinten auf die Schulter. Sie werden mir's noch danken, Herr Direkior," sagte er. ' Ruffini hatte nun einmal die Idee, daß ihm der Sänger einen Streich gespielt, wenn er auch den Zusammenhang noch nicht durchschaute. Er sah ihn mit einem fürchterlichen Blick an. Sie werden mir's büßen, mein Herr," rief er dem Sänger zu und rannte wieder davon. Da ist er! Da ist Monsieur Merlin!" hörte er plötzlich verschiedene Summen rufen, und als er erregt die Treppe hinabsprang, um das Wunder zu sehen, bemerkte er, wie soeben die junge verschleierte Dame, die gestern Abend bei ihm gewesen, mit einem Mann im Kostüm des Rigoletto, das heißt also in der Tracht eines Hofnarren, in die Garderobe trat. Das war also der geheimnißvolle Merlin. So viel der Direktor in der Eile der Begegnung sehen konnte, war es ein derb und robust gebauter Mann mit einem formidablen Höcker auf der rechten Schulter und einem schiefen, nach innen gebogenen Bein, während das andere gerade und normal war. Das sah toll aus, und wenn der Mann ging, glaubte man alle Augenblicke, daß er auf die Seite umfallen müsse. Die Maske wenn es eine war, woran Ruffini nicht im Geringsten zweifelte war alfo gut gelungen, sie war sogar vorzüglich. Lluch das Gesicht entsprach in allen Stücken den Anforderungen. Derbe Glotzaugen, breite, grobe Stirn, dicke Lippen, der ganze Kopf von einer satten, kupferbraunen Färbung, mit einem, wie es schien, echten Vollbart, j kurz und struppig, schwarz, der Hals Dd und unförmlich mit einer Unmenge Runzeln kurz, das Urbild des Rigoletto. Dabei nicht die geringste Uebertreibung, zu der sich sonst sogar routi nirte Bühnenkünstler leicht verführen lassen. Alles war natürlich, und wenn auch abschreckend häßlich, so doch durchaus im Geiste der Rolle. Rufsini war davon überzeugt, daß der Mann, der all' die feinen, kleinen Charakterzüge in der Maske erfunden habe, ein echter Künstler sein müsse. Monsieur Monsieur Merlin?" fragte der Direktor zögernd und un-
sicher. Er wunte kcmen anderen vca men, wenn er auch überzeugt war, daß er falsch sei. Tie junge Dame flüsterte ihrem Vegleiter rasch etwas zu, was Ruffini nicht verstand. Ah, der Herr Direktor," antwortete dann der Mann mit einer schönen, tieftönigen, vollen Stimme, die vor Aufregung leicht zitterte. Gestatten Sie mir, Ihnen meinen herzlichsten Dank für das mir bewiesene Entgegenkommen auszudrücken. Sie ahnen nicht, wie wohl Sie mir damit gethan haben. Ich werde mein Bestes thun, um Sie und das Publikum zufrieden zu stellen." Das klang alles so aufrichtig, so bewegt und tief im Innersten empfunden. Auch fiel dem Direktor auf, daß der Mann keinen Augenblick und nicht mit der geringsten Bewegung aus seiner Rolle fiel. Das ewige Schieftreten, der Höcker, der Gestchtsausdruck mußte ihm doch mühsam, oder zum Mindesten ungewohnt sein, und während stch die Schauspieler sonst in solchen Fällen gehen ließen, sobald sie nicht mehr auf der Szene stehen, vergaß sich Merlin keinen Augenblick. Sie sind erregt, Herr Merlin," sagte Ruffini, der vielleicht das Lampenfieber des Neulings fürchtete, darf ich Ihnen ein Glas Champagner anbieten?" Nein, nein, fürchten Sie nichts, Herr Direktor," erwiderte der Mann, Sie sollen sehen, daß alles gut gehen wird." Ruffini war davon jetzt schon fast überzeugt. Er hatte seine helle Freude über diesen Rigoletto. Eine solche verblüffend natürliche Maske hätte Herr Delong nie in seinem Leben fertig gebracht, auch wenn er nicht so lächerlich eitel gewesen wäre. Das war in Wirklichkeit das Urbild des Rigoletto. Morgen oder übermoracn würde das Bild des Monsieur Merlin als Rigoletto" in allen Schaufenstern der Hauptstadt prangen und überall zum Vorbild, zum Muster eines Rigoletto werden. Man gab das Zeichen zum Anfang, und während die Ouvertüre vor dem Vorhang erklang, stand Merlin auf der Bühne und erklärte seinen Mitspielern in kurzen Worten sein Spiel in der folgenden Szene, wie er gehe und stehen und welcbe Bewegungen er machen würde. Ruffini war entzückt. Aus diesen kurzen Bemerkungen ging hervor, daß sich Merlin mehr als das sonst bei den Darstellern der Fall zu sein pflegt, mit seiner Rolle beschäftigt hatte und tief in den Geist des Rigoletto eingedrungen war. Da war nichts Schablonenhaftes, nichts Gekünsteltes und Gemachtes, sondern alles floß natürlich, frei und großartig, aus einem Gusse dahin, als wenn der Mann rein ginn Rigoletto erschaffen worden wäre und nur seine innerste Natur wiederzugeben brauchte. Tann hob sich der Vorhang und unter lautloser Stille im Zuschauerräum begann die Vorstellung. Lausehend stand Ruffini in der Kulisse und erwartete mit klopfendem Herzen das Auftreten seines Rigoletto. Endlich kam er hereingehinkt, drollig, lächerlich und tragisch zugleich, jeder Zoll ein Narr, ein verkrüppeltes, armes, verspottctes Menschenkind, den Schmerz der eigenen Brust zur Kurzweil andcrer bietend. Und diese Stimme! Welche hinreißende, dämonische Wucht und Kraft, welches Sprechen der Seele, wie biegsam, leicht anschlagend, jedem Ausdruck meisterhaft nachgebend! Jede Note kam zur wunderbaren Geltung. Der Mann hatte fein Pseudonym richtig gewählt. Er war ein Zauberer, der mit seiner Stimme, mit dem Ausdruck seiner Seele die Herzen der Menge beherrschte und mit sich fortriß ein Künstler von Gottes Gnaden. Der Erfolg war beispiellos, der Beifall frenetisch. Die Leute im Zuschauerraum wurden ganz toll und rasend, fast jede Szene, in der Rigoletto auftrat, mußte wiederholt werden, und Maestro Verdi, der natürlich auch anwesend war, weinte helle Thränen. Die Szene vor dem Schlafgemach des Fürsten und die gleich darauf folgendemit seiner Tochter, vor allem aber der Auftritt, in dem er die Leiche seiner geliebten Blanche erkennt, waren Seelengemälde von düsterer Größe und hinreißender Genialität. Herr Ruffini war nicht umsonst Geschäftsmann. Er sah sofort, daß der neue Rigoletto nicht nur ein Ersatz für Herrn Delong war, sondern auch der Mann, ihm die ganze Saison zu einer der glänzendsten zu machen, die er je gehabt. Also Herrn Delong verabschieden wozu ihm der Kontraktbruch ausreichenden Grund bot und Herrn Merlin an sich fesseln, koste es was es wolle das war seine Absicht. Sofort nach der Vorstellung wollte er die Sache in Ordnung bringen, und kaum war der Vorhang zum. letzten Mal gefallen, als er sich eifrig nach Monsieur Merlin umsah. Aber vergebens. Der Pcann war fort, verschwunden, als wenn er in die Versenkung gefallen wäre. Draußen im Zuschauerraum schrieen sich die Leute heiser, die ihn noch einmal sehen wollten, aber Monsieur Merlin war weg, als ob er sich selbst fortgezaubert hatte. . Am nächsten Morgen waren alle Journale voll des Lobes der neuen Oper und vor allem des Monsieur Merlin. Zu der Kunstleistung kam das prickelnde Geheimniß, in das der neue Nigoletto sich zu hüllen für gut befunden hatte. Hie und da tauchte
auch die Vermuthung auf, daß er vielleicht gar nicht den hochgestellten Gesellschaftslreisen angehöre, sonvern das ganze Geheimniß nur ein Kunstgriff des schlauen Direktors sei, um die Neugier des Publikums aufzustacheln. Darin aber waren alle einig, daß man es mit einem Künstler allerersten Ranges zu thun habe, der es nicht nöthig habe, zu solchen künstlichen Mitteln zu greisen. Ruffini war in einer schlimmen Lage. Er wußte von seinem Helden nicht mehr wie alle anderen, und doch war er überzeugt, daß Jener sein Glück machen konnte, wenn er wollte. Merlin, als Mitglied seiner Truppe, war gleichbedeutend mit einer unabsehbaren Reihe voller Häuser. Also wo war er? Wer war er? Diese Fragen brannten dem Direktor noch viel mehr auf der Seele als Jedermann. Wenn er nur gewußt hätte, wo er wohne, oder wie er seiner, wenn auch nur auf fünf Minuten, habhaft werden könnte. Ein unklares, instinktives Gefühl trieb ihn an, Herrn Delong aufzusuchen. Wenn irgend Jemand, so kalkulirte der Direktor, so mußte dieser etwas Näheres von Monsieur Merlin, oder vielmehr von der verschleierten Dame wissen. Es war ja nicht erwiesen, daß Delong ihm einen Streich gespielt, aber doch sehr wahrscheinlich. Er ging also zunächst in dessen Wohnung, die sich in unmittelbarer Nähe der Coniedie francaise, in der Rue Valois, befand. Zufällig wollte Herr Delong gerade ausgehen und traf den Direktor auf der Treppe. Mein lieber Delong," begann der Direktor süßlich und höflich, ich hätte etwas mit Ihnen zu besprechen, wenn ' . 14 ois Ich habe gar keine Zeit," unterbrach ihn der Sänger eilig, es thut mir leid, Herr Direktor. Aber wenn Sie wüßten, um was es sich in diesem Augenblick für mich handelt, so würdenSie mich selbst forttreiben." Nur eine Minute, Herr Delong. Wir sind gleich fertig." Keine Sekunde. Adieu, Herr Direktor!" Es war klar, daß Herr Delong absichtlich nicht Rede stehen wollte. Der Direktor ging ihm aoer nicht von den Fersen und trabte auf der Straße immer neben ihm her. Herr Delong," sagte er drohend, keine dummen Streiche, wenn ich bitten darf. Sie wissen, daß ich Ihnen eine sehr böse Suppe einbrocken kann, wenn ich will." Was kümmern mich Ihre Suppen." erwiderte der Andere geringschätzig, aber mit immer steigender Erregung. Wenn ich Ihnen gefällig fein kann, Herr Direktor, so wissen Sie, daß das gern geschieht, aber zu einer anderen Zeit, jetzt muß ich Sie dringend bitten, mich zu verlassen." Herr Ruffini sah ihn von der Seite an. Was hatte der Mgnn vor? Es war klar, daß er das viel besser und leichter erfahren konnte, wenn er ihm verstohlen folgte und ihn belauschte, als wenn c sich ihm aufdrängte. Der Mann ivollte allein sein, um irgend etwas auszuführen, und würde es vermuthlich unterlassen, wenn er sich beobachtet wußte. Eine leise Ahnung sagte dem Direktor, daß das Vorhaben des Herrn Delong just die erwünschten Auskünfte bringen könnte. Daß es etwas Wichtiges war, stand ihm ohne Weiteres fest, denn sonst wäre Delong nicht so unhöflich gegen ihn und so rücksichtslos gegen seine eigenen Interessen gewesen. Zufällig fuhr eine leere geschlossene Droschke vorüber, und das brachte den Direktor auf eine. Idee. Also auf ein ander Mal, Herr Delong," sagte er kurz und verabschiedete sich von ihm. Der Sänger bog. leicht mit der and grüßend, in eine Seitenstraße ein, die nach den großen Boulevards führte. Er fchoß davon wie Jemand, der, ganz und gar von seiner Idee erfüllt, wenig auf das achtet, was um ihn herum vorgeht. Herr Ruffini winkte der Drofchke und wies den Kutscher an, aufmerksam und vorsichtig dem Mann mit dem grauen Ueberzieher zu folgen. Er selbst behielt Herrn Delong oder vielmehr seinen grauen Ueberrock, der ihn auch von Weitem kenntlich machte, im Auge, indem er unablässig durch die Fenster des Wagens blickte. Auf dem Boulevard des Italiens angekommen, sah Herr Ruffini, wie der Mann im grauen Ueberzieher bei Tortom eintrat und stch an eines der Tischchen setzte, die auf der Straße vor dem Reftaurant standen. Er ließ den Kutscher halten und paßte auf. Herr Delong bestellte eine Portion Vanilleeis, und als sie der Kellner brachte, warf er ein Geldstück auf den Tisch und lief fort, ohne auch nur das Eis angerührt zu haben, direkt auf eine Equipage zu, die in diesem Augenblick langsam und ganz dicht bei Tortoni vorüberfuhr. Eine zierliche, mit einem perlgrauen Handschuh bedeckte Hand streckte sich aus dem Wagen, und Herr Delong führte die kleinen Finger mit zärtlicher Ehrerbietung an seine Lippen. Die verschleierte Dame!" murmelte Direktor Ruffini unwillkürlich und in athemloser Spannung. Er sah wie die Beiden miteinander sprachen, haftig und aufgeregt in kurzen, abgerissenen Sätzen. Plötzlich drückte er den Schlag seines Wagens auf und stieg aus. Unauffällig und gleichgilllg thuend, pirschte er sich an die Equipage heran. Es war dieselbe, die er schon einmal unter ähnlichen Umständen vor seinem Theater gesehen
hatte. In ihrer Aufregung sahen und hörten ja weder die Dame noch Delong, was um sie herum vorging. Eveline!" hörte Ruffini den Sänger seufzen. Der Verräther! Wenn er es nur ein einziges Mal so süß, so leidenschaftlich und naturwahr auf der Bühne gemacht hätte! Das eine Wort war seine tausend Franken Gage unter Brüdern werth. Ja doch, hören Sie doch nur, Marcel," klang dieselbe sympathisch weiche, jetzt aber mehr zärtliche als schüchterne Stimme, die Ruffini gestern Morgen in seinem Bureau gehört hatte. Jcb habe mein Wort gehalten." Sie haben mit dem Herrn Grafen gesprochen?" "Ja, ja, ich habe mit Papa gesprochen " . Und was" Hören Sie doch nur, Marcel, mein Gott, wie ungestüm! Papa sagte, daß Sie mit Ihrer opferbereiten Freundlichkeit ihm in seinem einsamen und traurigen Dasein die ersten Stunden des Glücks und des Triumphes bereitet haben. Er wird Ihnen das nie in seinem Leben vergessen." Und er will mich empfangen?" fragte Herr Delong in einer Aufregung, als ob es um seinen Hals aegangen wäre. Ja, Marcel, er will Sie empfangen. Kommen Sie, steigen Sie ein." Eveline! Mein Engel, meine Heilige, mein " (Schluß folgt.)
Zur Lage in Tüdwestafrika. Die Bewohner des Bezirks Grootfontein, die sie; während des Aufstan oes auf Dein Plae Grootsontein vereinigt balit.:, Iraben rrh jetzt ber Deutsch-Si'.:.stafrikanischen Zeitung zufolge, wieocr fortbegeben. Soweit ttl möglich .'?zr, sind sie auf die FarmPlätze zurückgekehrt, wobei der größeren Sicherheit halber zumeist mehrere sich auf einen Platz zusammengesetzt haben. Manche sind aber auch derart aller EiiHel in:bl'öt, bü$ t Stellung im Dienst. Dritter, wohl auch außerhalb des Bezirks haben suchen müssen. Nicht alle diese würden dazu gezwungen sein, wenn sie nur den Ersatz res von der Behörde requirirten Eigenthums e.hielten und dadurch Mittel in die Hände bekämen, um mit der Farmarleit doch nur wieder den Allfang machen zu kennen. Das ist aber ein Gegenstand, über den man allgeMein Klage führen hört, daß es mit der Zahlung der Vergütung für requirirtes Eigenthum so außerordentlich langsam vorwärts geht. Es sei hier nur ein Fall erwähnt, in dem von einem Ansiedler, der durch FarmWirthschaft und Frachtfahren den Unterhalt gewann, im April 1904 ein Wagen requirut wurde, der heute noch nicht bezahlt ist. Daß für einen zweiten im November 1904 requirirten Wagen ebenfalls noch keine Zahlung geleistet ist, sei nur nebenbei erwähnt. Aber nicht nur die Leistung der VerAütung für requirirtesEigenthum läßt überlange auf sich warten, auch mit der Bezahlung für gekaufte Gegenstände und für gelieferte Arbeiten foll es nach den Klagen, die darüber laut werden, ebenso sein. Wenn anfangs ja wohl der Mangel an Rechnungskräften d Verzögerung erklärlich machte, so liegen in dieser Beziehung seit geraumer Zeit die Verhältnisse doch ganz anders. Die Zahlungsberechtigten aber brauchen ihr Geld und erleiden durch die Verzögerung mannigfachen Nachtheil. Sehr groß sind im Bezirk Grootfontein nach wie vor die Schwierigkeiten der Verpflegung. Es ist kein Proviant für die Zivilbevölkerung heraufzuschaffen. weil die Eisenbahn, durch die Bedürfnisse der Truppe über und über in Anspruch genommen, die wünschenswerthe AnzahlWagen nicht stellen kann. Man hofft auf Besserung, wenn erst auch die Otavibahn bis Karibib beendet sein und Frachten wird befördern können. Das kann jetzt ja nicht mehr lange dauern: voraussichtlich zu Ende des Monats wird die Eröffnung der Strecke stattfinden können. Die Loge für den Bezirk Grootfontein ist um so ernster, als die bevorstehende Maisernte im allgeme ren nur mäßig ausfallen wird, weil, abgesehen etwa von einigen begünstigten Plätzen, der Regen in diesem Jahre erst zu spät eingesetzt hat. Auch an Ackergeräthschaften fehlt es im Bezirk, und ihre Heraufbeschaffung ist durchaus nöthig. Japan, besitzt 4567 Postämter und 61.347 Briefkasten, kommt also in dieser Hinsicht gleich nach Deutschland, den Ver. Staaten. Frankreich und Großbritannien. Die japanische Post beförderte letztes Jahr 205,000;000 Briefe und 483,000,000 Postkarten. Lachs? und Häringe sind auf der Insel Sachalin in ungeheueren Massen vorhanden. Wenn die Ebbe eintritt, kommen die Baren an den Strand, um die zurückgebliebenen Häringe zu verspeisen. Bon einem Stiere aufg e s p l e h t. Der Küster des belgischen Dorfes Moregen wurde auf dem Hofe eines Landwirths, den er be. suchen wollte, von einem Stier aufgespießt und getödtet. Das größte elektrische Reklameschild der Welt befindet sich am North River im New For-. ker Hafen. Die einzelnen Buchstaben messen 68 Fuh in der Höhe, trotzdem kostet die sonderlich elektrische Beleuchtung nur $3 bei täglich fünfstündiaem Betriebe.
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