Indiana Tribüne, Volume 28, Number 245, Indianapolis, Marion County, 7 June 1905 — Page 5

Jndiana Tribüne, 7. Juni 1903.

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Tempora rnutantur?

Novellette von Ernst Georgv. Auf der luftigen Veranda vor dem Hotel faßen die Gäste in Gruppen bei summen und sprachen über die üblichen Themen der Sommerfrische: Wetter, Hotelverhältnisse, Ausflüge und. die lieben Mitmenschen auf dem Hochgelegenen kühlen Schwarzwaldplateau. Das Vesper war eingenommen. Die Herren spielten im Hintergrunde einen kleinen Skat. Die Damen häkelten, strickten und stickten mit einem Eifer, als wollten sie die Unkosten der Ferien herausarbeiten. Dabei schwatzten und plauderten sie unausgesetzt miteinander. Hier und da warm sie mütterlich besorgte Blicke auf die Kinderschaar, die sich draußen auf den Wiesen lustig tummelte. Was halten Sie von den beiden Damen, die heute angekommen sind?" fragte Frau Wegner. Es sind Norddeutsche, das hörte ich gleich an der Sprache. Ich merke so etwas sofort!" Nun, juna sind die beiden nicht mehr, aber gut sehen sie aus: ' Ja, die eine mit der auffallenden Frisur Wen mir reckt hübsch. Sie trug Voile, ganz einfach, aber auf Seide gearbeitet. Haben Sie das bemerkt, Frau Doktor?" Die Angeredete schaute auf: Natürlich! Aber i6 mag so zwei alleinreisende Damen nich.i Ich kann mir nicht helfen; aber ich bin immer mißtrauisch! Und die Neuen haben etwas ganz Merkwürdiges .m Blick. Sie sehen so durchdringend, so scharf, so recht ich weiß nicht; aber unter uns kann ich ja offen sein so recht altjüngferlich aus!" Ob die nicht verheirathet sind?" Frau Doktor Günther hat recht, mir gefallen sie auch nicht. Man hält sich besser fern, bis man Näheres weiß!" Ich lasse die Fremdenliste bringen!" rief eine andere Dame und warf die Handarbeit hin. Sie eilte zur offenen Thür und rief ihren Wunsch in den Speisesaal, wo die Mädchen gerade den Abendtisch deckten. Kettche, die sogenannte Gouvernante", die Oberkellnerin, brachte das verlangteBuch heraus und legte es vor die blonde, glattgescheitelte FrauOberlehrer Dr. Günther nieder. Sie war der Ehrengast des Hotels, denn seit sechzehn Jahren kam sie jeden Sommer hierher. Zuerst mit einem Säugling. Jetzt waren es bereits vier stattliche Kinder. Ihr Gatte machte alljährlich regelmäßig mit einem Sollegen Fußtouren durch den Schwarzwald. Erst wenn er sich gründlich ausgelaufen und braungebrannt hatte, kam er zu den Seinen und widmete sich dem Familienglück ohne Schuldienst," wie er sagte. Danke, Kettche!" Frau Doktor setzte das Pincenez auf und blätterte geschäftig. Aha," rief sie, wie ich mir gedacht: Fräulein Anna Lindmann und Fräulein Herta Gotberg aus Berlin. Privaticren." Wahrscheinlich Lehrerinnen?" Oho, bitte doch sehr! Soo sehen Lehrerinnen nichr aus! O nein! Ich will mir nicht den Mund verbrennen, aber mein Heinrich sagt auc. nichts sei ihm unangenehmer und iß trauenerweckender als die sogenannten interessant aussehenden Damen!" Während unten der Damenchor sich noch eingehend mit ihnen beschäftigte, saßen die beiden Neuangekommenen oben auf ihrem Balkon und schauten träumerisch auf die dunklen TannenWälder und die saftgrünen Matten. Die Luft ist balsamisch, Herta! O, wie bin ich hir danibar für diese Empfehlung. So weit ab von Schminke und Theater, so ganz incognito! Gebe blos Gott, daß man uns nicht erkennt!" Wer sollte es," entgegnete Herta Gotberg, du spielst und ich schreibe untec anderem Namen. Unsere Bilder sind bis hierher nicht gedrungen. Und im Uebrigen theuerste Freundin, beruhige dich! Tannwalde ist noch heute das weltvergessene Nest, das es vor jenen neunzehn Jahren war. Du siehst, sogar das alte Hotel ist noch vorhanden, und die Gesellschaft rekrutirt sich noch immer aus den gleichen Elementen, wie damals! Ja. damals!" Anna Lindmann, eine der beliebtesten Schauspielerinnen der ReichsHauptstadt, schaute die Freundin an und schüttelte leise den Kopf: Wir hätten dennoch nicht hierher gehen dürfen, Herta! Ich sehe, es regt dich auf. du bist blaß! Kein Wunder übrigens!" Mein Himmel," meinte die andere, es regt mich nicht mehr auf, nein! Aber natürlich kommen die Erinnerungen doppelt stark hier oben, wo ich meinen ersten Liebesfrühling verlebte. Das war eine Zeit, Anni, eine Zeit! Wir beide so jung, so leidenschaftlich! Unsere Liebe und die Einsamkeit hier, die Waldluft, die Sommersonne berauschte uns förmlich. Da ist keine Bank weit und breit, auf der wir nicht gesessen! Und wir werden die Bäume noch finden, in denen H. G. und H. G. eingeschnitten ist. Es war solch netter Zufall, daß Heinz also Heinrich Günther und ich die gleichen Anfangsbuchstaben hatten!" Warum ist denn nichts daraus geworden?" Ja, weiß ich's selbst? Wir trennten uns als überselige Versprochene. Dann saß er in Offenburg, ich in Ber-

lin. Er hatte nichts, ich hatte nichts! Seine Eltern redeten ab. Meine Eltern wollten es nicht. So schlummerte unfer Briefwechsel ein. Er schrieb mir noch einmal, daß er ein anderes Mädchen liebgewonnen und sich verloben wolle, cb sandte ihm postwendend meinen Segen. Dann hörte ich durch Zufall, daß er in Karlsruhe angestellt worden sei und damit holla!" Siehst du, Herta, wenn du ihn festgehalten hättest " Dann wäre ich jetzt vielleicht eine glückliche Frau Dr. Günther mit mehreren Kindern und hätte den schweren Kampf nicht kennen gelernt! Ich hätte vielleicht meine Bestimmung besser erfüllt und nicht die vielen schwarzen Stunden mit ihren Wünschen und ihrer Sehnsucht " Herta Gotberg lehnte die Arme auf die Brüstung des Balkons, stützte das jetzt farblose Antlitz in die Hände und starrte seufzend vor sich hin. Auch die Schauspielerin war verstummt. Plötzlich sprang sie auf, legte ihre Rechte auf die Schulter der Freundin und sagte energisch: Lächerlich! Dich übermannt die Erinnerung, die alte Romantik, du! Ich habe doch alles kennen gelernt, alles! Und in meiner Ehe hatte ich die meisten schwarzen Stunden, mein Wort darauf! Du bist weiter gekommen, Herta! Dein Ruf, deine Einnahmen deine Stellung, dein Talent sind mehr!" Meinst du, Anna, meinst du?" fragte die Schriftstellerin unsäglich bitter. Ob das alles nicht nur ein Surrogat ist? Ob das den Kampf aufwiegt? Ist es nicht leichter, wenn ein starker Gatte für uns kämpft und erwirbt und uns noch mit seiner Liebe umgiebt?" Ein starker allerdings! Aber bei unseren Anlagen, bei unseremEntwicklungsgang fürchte ich " Das war doch alles erst nachher, Anna, als die Liebe aus und der Anschluß versäumt war. Dieser Gang entwickelte sich doch erst aus der Unnatur der Verhältnisse," unterbrach sie Herta und erhob sich gleichfalls. Aber nun komm in den Wald. Ich habe mich abgefunden, und fast ist es zum Lachen, daß ich alte Mamsell von achtunddreißig Jahren mich habe von der Jugendromantik kleinkriegen lassen! Komm, komm! Da drüben, wo ich mich einst verlor, will ich mich heute wiederfinden." Beide verließen ihr Zimmer, schritten mit höflichem Gruß an den neugierig schauenden Damen auf der Veranda vorüber und verloren sich im Walde. Herta, knüpf mit diesen Damen bitte nicht an. Die machen mich nervös, und ich würde grob werden!" Ich habe auch kein Verlangen weiter!" Damit war die Tannwalder Da mengesellschaft für die beiden Künstlerinnen abgethan. Sie hielten sich ganz für sich, speisten Mittags und Abends an einem Extratisch im Freien und erweckten gerade durch ihre Reservirtheit die allgemeine Antipathie. Nur daß die feindseligen Blicke und indiscreten Flüsterbemerkungen die beiden Damen sehr kühl ließen. Ab und zu beschäftigten sie sich wenige Minuten mit den kleinen Kindern, welche sie im Garten oder im Felde spielend antrafen. Nur unter zehn Jahren sind diese Menschlein noch erträglich," meinte die Schauspielerin lachend, später sitzen die Mädchen schon bocksteif hinter Häkelei und Strickstrumpf wie ihre tugendhaften Frau Mütter. Und die Buben, anstatt tolle Streiche zu verüben, spielen Dame und Mühle." Sie wies mit ihrem Spazierstöckchen auf eine Laube, in der zwei Mädchen von ungefähr fünfzehn und vierzehn Iahren handarbeiteten, und zwei Knaben artig und still vor einem Damenbrett saßen. Du könntest doch höchstens diese Geschöpfe bedauern, welche durch eine thörichte Erziehung um ihr Bestes betrogen' werden!" entgegnete dieSchriftstellerin. Ewe Regenperiode kam. Gleich am ersten Tage hatte derWirth sich bei den Damen eingefunden. Er bat sie, da der Regen nun doch die Mahlzeiten im Garten unmöglich mache, an der ge meinsamen Tafel zu speisen. Eine Ausnahme wäre ihm, als gänzlich abweichend vomHausgebrauch, sehr peinlich. Anna und Herta sahen sich seufzend an und gaben ihre Einwilligung. Der alte Schwarzwälder entfernte sich zufrieden. Unsere Ruhe ist hin, mein Herz ist schwer!" deklamirte Fräulein Lindmann pathetisch. Das verpflichtet ja noch zu nichts!" tröstete die Freundin. Nach einem Spaziergang durch den triefenden Wald begaben sie sich in den sogenannten Lesesaal. Zufällig saß nur der blondzöpfige Backfisch am Klavier und übte eine Sonatine. Herta Gotberg trat zu dem Mädchen und sagte, um mit dem BekanntschaftenAnknüpfen zu beginnen: Nun. kleines Fräulein, so fleißig? Wie heißen Sie?" Das Dingchen sprang sogleich auf, machte einen tiefen Knicks und antwortete wie in der Schule: Ich heiße Luise Günther." So, Günther?" wiederholte Herta leise erschreckend. Sie blickte die Lindmann an, die sie sofort verstand und nun ihrerseits weiterfragte: Da haben Sie einen hübschen Namen, liebes ind. Sie sind wohl aus Berlin?"

Luise knickste wieder: .Nein, ich bin aus Karlsruhe." Sieh' da. aus Karlsruhe? Da ist wohl Ihr Herr Vater Pfarrer?" Laß doch. Anna!" warnte Herta. Aber weshalb denn?!" Nein, mein Vater ist GymnasialOberlehrer." Ich kannte früher einen Doktor Günther, der hieß Paul " Nein, mein Vater heißt Heinrich!" Herta wandte sich ab und trat an das Fenster. Anna setzte ihr Examen fort: Nickt wahr, Sie sind mitJhrer Frau Mama allein hier? Nimmt Ihr Vater keine Ferien?" Mein Vater kommt übermorgen; aber meine drei Geschwister sind auch hier!" Sie kamen in diesem Augenblick herein. Die Schauspielerin ließ sie sich vorstellen. Dann eilte sie mit der merkbar erregten Freundin in ihr Zimmer. Also Luise, Frieda, Franz und Karl Günther, gerade diese unausstehlich correkten Pflanzen sind die Nachkommen deines lustigen, sprühenden Heinz!" Unbegreiflich!" murmelte das alternde Mädchen. Und dies Wort wiederholte sie am Abend, als sie nun auch mit Frau Dr. Günther Bekanntschaft gemacht hatte. Sinnend starrte sie in den triefenden Regen. Anna beobachtete sie schweigend und brach endlich in ein befreiendes Lachen aus: Verzeih, Liebste; aber ich kann nicht anders, wahrhaftig nicht! Diese braven Musterpflanzen und dazu diese aufgeblasen-: Klatschbase mit dem ganzen Aplon.b ihrer Oberlehrersgattinwürde und das sind deines Heinz Familienbestandtbeile? Nach dir diese?! Heiliger Amor, verzeihe ihm diese Sünde an dir! Herta, meine Herta, nun bist du vorbereitet. O, ich hoffe, der Höhenkurort wird auch dich kuriren!" Die Schriftstellerin widersprach nicht. Er hat nicht gebeichtet," sagte sie, mein Name war ihr ganz fremd. Der Arme, mit seinem Temperament, seiner poesievollen Natur an diese Person gekettet zu sein! Ob ich abreise, Anna? Wozu seine vielleicht schwer gewonnene Ruhe stören?" Wir bleiben um deinetwillen, meine Liebe!" erklärte die Gefragte bestimmt. Sie blieben in Tannwalde. Das Wetter klärte sich auf. Die Luft athmete köstliche Frische. Nach einer durchwachten, durchkämpften Nacht sah Herta von ihrem Fenster aus die Ankunft des Jugendgeliebten. Anna stand ruhig auf dem Balkon. Ein stattlicher, hübscher Mensch," meinte sie, der Touristenanzug steht ihm gut. Und der braune Vollbart umrahmt ein nettes Gesicht. Ich habe an deinem Geschmack und seinem Aeußeren nichts auszusetzen. Nur die Begrüßung Herta, am liebsten hätte ich wie ein Regisseur dazwischen gerufen: Etwas mehr Feuer, meine Werthen, schlafen Sie nicht ein! O Heinz, Heinz, hat das Leben oder Ihr Weib Sie so zahm gemacht? Wie hätten Sie sich neben meiner leidenschaftlichen Herta entwickelt?" Sie umarmte die Freundin, welche sehr bleich und elend aussah. Heute speisten die Damen wieder im Freien. Trotzdem fand die erste Begegnunq der beiden ehemalig Verlobten vor'Tisch auf der Veranda statt. Dr. Günther hatte im Fremdenbuch den Namen mit heißem Erschrecken ge. lesen und war durch seine Gattin auf die gräßliche alte Schachtel, die inReformtteidern umherrannte und furchtbar klug und stolz that" zum Glück vorbereitet. Trotzdem konnte er kaum seine augenfällige Verlegenheit verbergen, als er ihr vorgestellt wurde. Er verneigte sich tief und ergriff mit steifen Fingern eine kalte Hand. Durch ein beschlagenes Pincenez erblickte er nur undeutlich eine schlanke Frauengestalt ein weißes Antlitz unter dunklem reichem Haar und zwei tiefe, klare Augensterne. Ein Gesicht, das Spuren von schwerem Leid trug und durch seine Harmonie, seine kluge Beredtheit wirkte. Aufs Höchste betroffen hörte Herta Gotberg sich harmlose Phrasen sprechen, konnte sie den erregten Mann ruhig betrachten. Sie gab ihm die Haltung zurück. Keiner der Anwesenden außer Anna Lindmann ahnte etwas von den gehetmen Beziehungen dieser beiden Menschen, die sich 'fremd und verbindlich gegenüber standen. Selbst Anna ahnte nicht, wie tief die Freundin litt. Allmählich wurde sie erst innerlich ruhig. Sie beobachtete Heinrich Günther im Verkehr mit den Seinen, beim Skatspiel, am Kneiptisch Abends auf der Veranda. Sie hörte ihn mit den Herren politisiren, mit den Damen fade scherzen, enragirt gegen die Frauenbewegung kämpfen und sah ihn mit den Kindern spielen. Stets nur als bel-hrender, ermahnender Vater, nie als lachender, lustiger Freund. Die Tage verrannen. Die Schauspielerin begann, sich mit ihren neuen Rollen für die nahende Saison zu beschäftigen. Herta durchstreifte allein die Waldüngen und grübelte bald über ihr altes Leid, bald über einen Roman, den sie innerlich ausgestaltete. Beinah unwillkürlich hatte sie eine Abends ihre Schritte nach einem weiten, verborgen gelegenen Aussichts

Punkt gelenkt. Damals, vor jenen vielen fahren, hatte sie dort mit Heinz Günther die sinkende Sonne beobachtet und von Liebe und Glück geträumt. Einsam kam sie heute zu der versteckten Bank, und dort faß allein, in Gedanken versunken der Oberlehrer. Beide erschraken, als sie sich gegenüberstanden. Er war zweifelnd aufgesprungen. Sie schien fliehen zu wollen; aber sie warf entschieden den Kopf in den Nacken und sagte, äußerlich ruhig: Ich will Sie nicht von Ihrer Bank vertreiben, Herr Doktor!" Bitte, wir haben beide Platz!" entgegneie er. Da saßen sie wieder nebeneinander in der Waldstille. Wie vor neunzehn wahren sank die Sonne alübend binter den Bergen und vergoldete die üppigen, bunten Wiesen, die tiefgrünen Tannenwälder. Wie vor neunzehn Jahren fächelte ein würziger Wind die heißen Gesichter läuteten unten auf den Matten die weidenden Kuhherden. Alles war das Gleiche geblieben. Nur sie beide hatten sich verändert! Stumm schaute er sie von der Seite an. Sie saß leicht vorübergeneigt und hielt die feinen Hände im Schooß verschränkt. Ihr ernstes Profil war ihm zugewandt. Er sah die Runzeln um die Augen, die vertieften Linien in den Wangen, und fühlte etwas wie Selbstvorwurf in sich emporsteigen. Es ist alles anders gekommen, als wir dachten, Fräulein Herta!" begann er die Unterhaltung leise. Das ist es!" begütigte sie Wie das so im Leben geht!" Sind Sie mit Ihrem Dasein nicht zufrieden, Herr Doktor?" Ich o gewiß! Doch! Ich habe eine hochangesehene Stellung, die ich gut ausfülle, ein braves Weib und hoffnungsvolle Kinder!" Nun, mehr können Sie ja nicht verlangen!" meinte sie mit leichter Ironie. Doch!" widersprach er eifrig. Seitdem ich Sie wiedergesehen, hätte ich noch einen Wunsch!" Ueberrascht drehte sie sich ihm zu. Was Sie sagen! Und der wäre?" Ernstlich gesprochen, ich wünschte. Sie wären auch verheirathet. auch ausgefüllt und glücklich, Fräulein Herta!" In seinem Tone lag unverhohlenes Mitleid, das sie verletzte. Sehr freundlich!" rief sie. So halten Sie mich für beklagenswerth?" Günther schwieg Sie sehen anders aus als früher!" Ich bin neunzehn Jahre älter geworden und habe viel gearbeitet." So haben Sie einen Beruf ergriffen? Welchen?" Ich beschäftige mich nach meinen Neigungen," antwortete sie ausweiehend. Und das befriedigt Sie?" Allerdings trotz Ihrer ungläubigen Miene, Herr Doktor! Ich verdier.e und finde einigermaßen Anerkennung!" Das freut mich! Das freut mich in der That! Eine nutzbringende Thätigkeit ist das Beste, was ein Mensch haben kann! Nur in der Hingabe an Pflichten findet ein wahrhaft edles Wesen Genüge!" dozirte er mit feierlichem Ernst, als hätte er seine Tertia vor sich. Sie schaute in sein von innerem Genügen gesättigtes Angesicht, und in ihren Augen glomm es seltsam. Es zuckte um ihren Mund, das bleiche Gesicht bekam die Farbe zurück. In leichtem Conversationstone, ganz die gewandte Weltdame, begann sie jetzt zu fragen. Ihre Ziele waren einst sehr weitgesteckte, Herr Dr. Heinz Günther! Haben Sie Ihre kulturgeschichtlichen Studien ganz aufgegeben? Sind die beiden großen Arbeiten, die Sie damals so kühn als Lebenswerke bezeichneten, noch nicht geschrieben?" Nein," sagte er verlegen, ich habe viel Präparationen und Correkturen!" Sososo!" rief sie, das wundert mich, daß Ihr strebender Geist dabei Befriedigung fand. Sie schreiben wohl viel Pädagogisches? An Stelle Heinrich Pestalozzi des Zweiten ein Heinrich Günther?" Wieder lehnte er ab. Das Funkeln ihrer Augen wurde ihm unbehaglich. Sie waren doch früher ein arger Gegner der Gymnasialstellen und meinten, diese Pfründen erzögen Philisterei groß! Sie wollten sich doch einer Docentur und literarischen Nebenbeschäftigungen zuwenden. Warum gaben Sie denn das alles auf, Herr Doktor?" Günther putzte eifrig sein Augenglas. Je nun, Fräulein Hertha, ich heirathete! Mein Schwiegervater verlangte die feste Stellung, und dann kamen die Kinder " Ich verstehe, Herr Doktor! War Ihre Frau wohlhabend?" Allerdings; mein Schwiegervater gab ihr eine anständige Mitgift. Wir wohnen im eigenen Hause. So konnte er schon Bedingungen stellen," erwiderte er wie entschuldigend. Herta Gotberg lachte scharf auf. Also das eigene Haus und die Mitgift ließen Sie zum Schulpapst werden und mich aufgeben?" Er stammelte tödtlich verlegen eine Ausrede. Lassen Sie es doch gut sein, Herr Doktor! Sie sind ja mit Ihrer Weltbürgerfchaft zufrieden! Sie füllen eine angesehene Stellung gut aus. haben eine brave Gattin und hoffnungs-

volle Kinder. Was wollen Sle mtxjx'r Er ermannte sich und packte ihre Hand.die sie ihm entziehen wollte. Ich sehe, daß ich eine Sünde auf mich geladen habe, die fortan schwer auf mir lasten wird!" Und die wäre?" Ich habe Ihr Leben zerstört!" Das meine?" rief sie durchdringend. Leider! Der Herr vergebe mir! Sie sind einsam und verbittert!" Ach, was Sie sagen!" Ich fühle es, Herta, ich braucheSie ja nur anzusehen, Ihre Unterhaltung mit unseren Damen im Hotel, Ihr Auftreten in dieser Toilette, die schon Ihre Neigung offenbart " Ja, allerdings, hier in Süddeutschland scheint uns die Reformtracht in der That zu stempeln," antwortete sie lächelnd, in Berlin merkt man das nicht mehr! Aber Sie vermuthen wohl richtig, ich bin sogar aus lauter Verzweiflung über meine Altjungfernschaft eine enragirte Frauenrechtlerin geworden!" ..Svotten Sie nicht. Serta! öaben Sie nie ein Heim und Kinder, die stützende Hand einesGatten entbehrt?" Das Mädchen erhob sich. Ja, das habe ich, mein verehrter Herr Doktor, tief und schmerzlich! Aber beruhigen Sie sich, ich hätte Gelegenheit gehabt, mir beides zu verschaffen. Ich aber hatte meinen herrlichen Beruf und die noch immer schmerzende Erinnerung an unseren Liebesfrühling." Er senkte den Kopf. Sie fuhr laut, streng fort: Ich hatte stets den glühenden Idealisten, den heiligen Schwärmer vor Augen und im Herzen, dem die Welt zu klein und das Leben zu kurz war für sein Wirken. So habe ich abgewiesen und abgewiesen, bis keiner mehr kam. Ich aber wuchs empor an dem Schemen meines Jugendideals. Ich sog Kraft und Stoff aus Tannwalde, Heinz Günther!" Verständnißlos blickte er zu ihr empor, die wie eine strafende Göttin vor ihm stand. Der diesmalige Aufenthalt wird mich kuriren und mir die Ruhe wiedergeben. Herr Doktor! Ich freue mich, daß ich hier war! Seitdem ich in Ihnen den Schulpapst, den braven Philister wiedergefunden, so satt und so selbstzufrieden, stürzt auch mein letztes männliches Ideal zusammen. Ich reise beruhigt in mein schönes, stilles Heim zurück! Jedoch ich möchte auch Ihnen die Ruhe wiedergeben! Sie sollen sich um mich nicht weiterhin sorgen. So hören Sie denn meine Beichte. Ich Blaustrumpf bin Schriftstellerin und habe unter dem Namen Klara mir auch Stellung und Namen gemacht. Vielleicht haben Sie sogar selbst schon von mir gelesen?" Sie sind Klara ?" stieß er, aufs höchste überrascht, hervor. Jawohl, Herr Doktor, und nun leben Sie wohl! Fortan denken wir beide wieder ruhiger an einander, nicht wahr?" Sie neigte das Haupt und schritt leicht davon. Ihr war zu Muthe, als müßte sie laut singen. Verblüfft blieb der Oberlehrer sitzen und schaute der sich Entfernenden gedankenvoll nach. Er wurde nicht klug aus sich aus ihr!

n den Füße sollt ihr sie erkennen. Ein findiger Kopf glaubt, durch langjährige Beobachtungen festgestellt zu haben, daß zwischen den Füßen und dem Kopfe der Menschen eme enge Verbindung besteht, und daß man auf den Charakter der Spaziergänger richtige Schlüsse ziehen kann, wenn man deren Gangart einer Controlle unterzieht. Der Entdecker dieser neuen Wahrheit unterscheidet vier Typen von Schritten, wenn man so sagen darf. Wer mit kleinen Schritten hastig weitereilt, dokumentirt sich als ein Pessimist oder auch als ganz besonders begabter Mensch, während die eben genannte Gangart bei Frauen auf Frivolität schließen läßt. Kleine, langsame Schritte deuten auf einfache und reine Sitten. Alle diejenigen, die nni großen Schritten langsam dahinwandern, sind Geister, die tief und anhaltend über alle Fragen des Lebens nachdenken. Wer jedoch mit großen Schritten schnell dahingeht, ist ein Eiferer und ein kriegerisches Gemüth. Nicht genug mit der Aufstellung dieser Tabelle, giebt derPfadfinder der neuen Erkenntniß noch eine andere Art und Weise an, wie man seinen lieben Nächsten an den Füßen erkennen kann. Unternehmungslustige Leute, die vielVertrauen auf sich selbst besitzen, gehen mit auswärts gekehrten Füßen. In sich gekehrte Personen dagegen, Diplomaten und Heimlichthuer beschreiben beim Gehen mit den Füßen einen kleinen Bogen nach links. Melancholiker und Muthlofe bewegen sich mit schlepsenden Füßen vorwärts, energische Menschen drücken die Kniee durch. Schlauer Junge. Mama: Hier hast Du einen Apfel. Fritz, theile ihn mit Karl! Karl erhält aber den Löwenantheil, hörst Du, weil er artiger ist, als Du!" (Eine Viertelstunde später.) Karl (weinend): Mama, Fritz hat den Apfel allein gegessen." Mama: Fritz, warum haft Du Deinem Bruder nichts von dem Apfel gegeben?" Fritz: Du hast doch selbst gesagt, Karl soll den Löwenantheil bekommen die Löwen essen aber doch keine Aepfel."