Indiana Tribüne, Volume 28, Number 244, Indianapolis, Marion County, 6 June 1905 — Page 7
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Jndiana Tribüne. 6 Juni 1305.
r . v i (Fortsetzung.) Die hohe Gestalt, nur ein wenig schlanker, magerer, als Martha sie in Gedanken trug, der militärisch-flotte. ungewöhnlich elastische Gang ja, so schritt nur Bodo aus. ), sie kannte seine Gangart unter der von tausend Männern! Tas Leichtbeschwingte, bcfl seinem Schritt zu eigen war. in dem sein lebhaftes, srohes. ein wenig draufgängerisches Temperament zum Ausdruck qelanate. (5? ist's, er ist's!" jubelte es in Marthas Seele, noch ehe sie des Naherden Züge unterscheiden konnte. Das Herz drohte ihr stillzustehen in dem Ansturm beseligender Empfindungen; mit der Hand griff sie nach der Brust, als müßte sie es stützen, halten. Das Glück überwältigte sie, und in einem Anfall von Schwäche lehnte sie sich an den Stamm der Platane zurück, an der sie stand, und schloh für die Tauer einiger Sekunden die Augen. Als sie sie wieder aufthat, erkannte sie auch Bodos Antlitz, seinen Mund, seine Augen, seine Nase, sein Kinn, sein ganzes liebes, schönes, stolzes Gesicht, auf dem der Schimmer freudiger Bewegung glänzte. Nur so blaß war seine Farbe, und die Wangen so schmal, und auf seiner rechten Schläfe, über den Backenknochen hin bis unterhalb des Auges brannte eine breite rothe Narbe. Ta wußte Martba gleich, als bätte ihr's einer erzählt, warum Bodo so lange geschwiegen, warum er auf keine Anfrage, kein Telegramm des Justizraths Antwort gegeben. Und plötzlich durchzuckte sie wieder, jäh wie ein Blitz, der quälende, vom Schuldbewußtsein eingegebene Gedanke, der ihr so oft schon Hoffnung und Lebensfreude vergällt hatte. Wenn Bodo in den drei Jahren, die er sich in fremden Landern umber.zetrieben, seine Liebe zu Dir verloren hat. wenn er sie gar schon in jener unseligen Stunde verlor, in der Tu ihn, den Verzeihungheischenden, kalt und lieblos zurückstießen? Wenn er Tich verschmerzt und vergessen, wenn er sein .crz gar an eine andere gehängt hat?" Nun war er heran, so nabe, daß sie ibre Hand nach seiner Hand hätte ausstrecken können. Sie wollte seinen Namen rufen, sich ihm in die Arme werfen. ihr Haupt an seiner Brust bezraben. Aber sie vermochte nichts dcrgleichen. Sprache und Bewegung der Glieder waren ihr wie gehemmt. Doch Bodo mit seinen scharfen, rastlos umherschweifenden Augen hatte die schlanke, schwarz gekleidete Gestalt, die am Wege zwischen den grauen Stämmen lehnte, schon vor Sekunden erspäht. Nun. da er nahe heran war, maß er ihr Gesicht, das ein feines Schleiergewebe verhüllte, mit einem raschen, prüfenden Blick. Daß er sie erkannte, bewies Martha der sichtbare Ruck, der durch seine Gestalt zuckte, bewies ihr sein plötzliches Haltmachen. Aber wie eine Wolke von Trotz und Unmuth zog es nun über sein blasses Gesicht, sein Fuß setzte sich wieder vor. seine Hand griff nach dem Hut; und dann hatte er den flehenden, angstvollen Ausdruck in des Mädchens Auge gesehen? Mit einem einzigen Schritt stand er auf einmal vor ihr. ergriff ihre beiden Hände, küßte sie, sagte Martha Martha!" weiter nichts, zog sie an sich und hielt sie voll inbrünstiger Liebe in seinen Armen, wie sie sick's in den Stunden überströmendsier Hoffnung nicht zu träumen gewagt hatte. Ter Bahnhofsvorsteher Meyer, der dienstfrei war. kam mit zögernden Schritten vorüber. Er hätte gar zu gern gewußt, welche Ebersthalerin da bei all dem Regen dem eben angekommenen interessanten Fremden ein so zärtliches Stelldichein gab. Aber wenn er auch noch so sehr den Hals verdrehte, und sich fast die Augen aussah, er konnte das an die Schulter des Mannes gebettete Gesickt der Dame nicht erspähen. Schade! Es wäre eine so hübsche Neuigkeit gewesen für den Stammtisch im Löwen," zu dem er steuerte. Erst als Herr Mener ein ord?ntZickes Stück weiter gegangen war. ließ Bodo die Geliebte von seiner Brust. Doch mit einem Arm hielt er sie noch umfangen, schob 'ihren Schleier empor, der sich nun wie ein dichter schwarzer Flor über ihre blasse Stirn legte, strick ihr mit der Hand über die Wange und sagte: Dein liebes Gesicht ist ganz naß vom Regen, und ich bab' nicht mal einen Sckirm, Dich zu schützen." Lächelnd sah sie zu ihm auf; und da nun der Widerschein des trüben Tageslichtes voll auf ihre Augen fiel, ge wahrte er, daß das. was er für Regentropfen gehalten. Thränentropfen waren. und er zog sie von Neuem fester an sich und küßte ihr die Thränen fort. Arm in Arm schritten sie dann ti? fer in das Wäldchen hinein, auf dessen Wegen das nasse bunte Laub wie Man kes Kupfer schimmerte. Die dunkle Wolke war schon zur Hälfte über sie bwweg qezoaen; zwar floß noch ein feines Rieseln herab, und aus dem Ge äft sielen die angesammelten Tropfen groß und schwer, aber der Wind hatte
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nachgeladen, isen xuentu mn i zimmerte auch schon wieder blauer Himmel durch die halb entblätterten Kronen, und das rothgoldene Leuchten fast wie bengalisches Licht sah es aus in dem der letzte Regen durch die Zweige staubte, verrieth, daß die Sonne noch nicht untergegangen war. Obgleich Martha zunächst Bodos Schicksal hören wollte, ruhte er doch nicht eher, all bis sie ihm erzählte, was sie selbst erlebt hatte, und wie es ihr erging. Als er erfuhr, daß sie im Fleidner'scben Hause Erzieherin wäre, ersten sofort wieder die Unmuthfalte zwischen seinen dunklen Brauen. .Hat mein Cnkel denn Deine Zukunft nickt sicher gestellt, hat er Dich, nicht wenigstens davor geschützt, daß Tu in abhängiger Stellung bei fremden Leuten Zuflucht suchen mußtest?" fragte er unwirsch. Ich weiß es nicht. Liebster." antwortete sie gelassen. Er hat doch bestimmt, daß sein Testament erst nach Deiner Rückkehr eröffnet werden soll. Aber ich wünsche es nicht einmal, daß er für mich gesorgt hat, ich habe es nie gewünscht. Einmal hat er mir angeboten, mich zu adoptiren, aber ich bat ihn. es nicht zu thun. Ich habe doch weder ein Anrecht an das Weistritz'sche Vermögen, noch an den Weistritz'schen Namen . . . Und mich zu Deinem Schaden beschenken lassen nein!" Sie warf den schönen Kopf zurück und
zuckte ablehnend die Achseln. ..Stolz lieb ich die Spanierin!" erwiderte mit zornigem Humor der Bgron. Daß Dein Vater einst für meinen Onkel sein Leben gelassen hat, bedeutet wohl nichts für Dich, das ist wohl " Daß er's einsetzte, war seine Menschenpflicht," unterbrach ihn Martha, und Trauer bebte durch ihre Stimme, daß er's verlor, war Schicksalsfügung." Bodo führte ihre Hand, die er fest umschlossen hielt, an seine Lippen. Wie ist Onkel gestorben, hat er einen schweren Tod gehabt?" fragte er nach kurzem Stillschweigen. Das Mädchen schüttelte den Kopf. Er ist ohne Qual hinübergegangen am Herzschlag. Nach Tisch am 1A Mai'war's ließ er seinen Rollstuhl von Johann auf die Terrasse schieben, sagte, ihm wäre herrlich wohl in der Sonne, und bat mich, ihm vorzulesen. Während ich las, sah er viel nach den Staaren und den anderen Vögeln, die in den Astlöchern der Buchen unten am See schon emsig Nester bauten. Plötzlich legte er mir seine Hand auf den Arm. ,Du, Kind, unsere Nachtigall ist auch wieder da . . . eben hab' ich sie .huschen sehen. Da, links, zwischen den Jasminsträuchern Er seufzte. ,Ov denn unser Junge, der Bodo . . . ' Er brach ab, wie im Trotz, oder als ob es ihn reute, seine Gedanken verrathen zu haben. Nach einer kleinen Weile vollendete er dann aber doch: ,Ob er sich denn nicht auch nach seiner Heimath sehnen mag, jetzt, im Mai?' " Bodo biß die Zähne in die Unterlippe, und seine Augen blickten einen banaen Herzschlag lang trübe verschleiert. Weiter!" drängte er dann. Martha holte tief Athem, wie wenn sie Kraft schöpfen müßte für das, was sie noch zu berichten hatte. Er sprach dann noch eine ganze Weile von Dir." fuhr sie fort, länger und eingehender als je zuvor. Wo Du Dich wohl aufhalten, was Du wohl treiben möchtest; daß Tu noch am Leben wärest, darüber gab es keinen Zweifel für ihn. Auf einmal sagte er: ,Spiel mir doch Mendelssohns Frühlingslied, Kind!' Ich ging in den Saal und spielte. Als das Stück aus war, wunderte ich mich, daß Dein Onkel nichts sagte, denn sonst immer entweder lobte er mein Spie! mit freundlichen Worten, oder er fand, daß ich diesen Takt oder jenen Satz langsamer oder belebter oder mehr piano oder mehr forte hätte spielen können. Eine ganze Weile sah ich noch still am Flügel. Dann trat ich wieder auf die Terrasse hinaus, ganz leise, weil ich dachte. Dein Onkel möchte vielleicht eingeschlafen sein. Ganz zusammengesunken, weit vornübergebeugt, hockte er in seinem Stuhl und sah mit einem sonderbar starren Blick zu Boden. Erschreckt trat ich zu ihm und faßte seine Hände; sie waren kalt.- Ich bog seinen Körper an die Lehne zurück und drückte ihm die Augen zu. Und nun saß er da mit einem Lächeln, als ob er wirklich nur schliefe und einen schönen Traum dabei träume." Bcdo ging mit stampfenden Tritten neben ihr her; Schmerz und Ingrimm stritten auf seinem Gesicht. Hätt' ich ihn doch noch einmal sehen und sprechen können," stieß er endlich hervor, nur ein einziges Mal, nur ein Dutzend Worte!" Martha streichelte begütigend seine Hand. Du mußt Dich damit trösten, daß er so leicht gestorben ist, so sehr leicht! Ich hab' oft gedacht, wenn ich doch auch einmal solchen Tod hätte!" Bodo. machte jählings Halt, stellte sich vor Äartha auf und fah ihr in die Augen. Aber Kind! Wie darfst Du von sterben reden jetzt, da ich Dich kaum wiederhabe !" Das Mädchen seufzte. Ack' sprach sie dann mit einem traumhaften Lächeln weiter, ich kann mir nickt vorstellen, daß ich noch größeres Glück erleben soll als dieses wunderbare Wiedersehen heute. Daß wir einmal oauerno vereint sein jollen, immer oe:einander " sie schüttelt? den Kopf fiirrM hn Vr iWMitr. (5S lfHf VVV j X r " W " Z.
ist mir immer so, als mutzte trgenö etwas dazwischen kommen, als müßte das Schicksal " Ich bitte Dich, sprich nicht weiter," unterbrach sie Bodo, riß sie fast ungestüm an sich und verschloß ihr den Mund mit heißen Küssen. Nie, nie laß ich Dich. Keine Macht der Erde kann mich noch einmal von Dir rei-
ßen. Und wenn Du erst mein Weib bist lange soll es gewiß nicht dauern bis dabin dann will i Dich hegen und pflegen und vor jedem Lufthauch schützen wie eine zarte Blume, dann will ich schon dafür sorgen, daß Du all das Trübe vergetten sollst, was hinter Dir liegt und schuld ist an Teinen schlimmen Gedanken." Mit freundlicher Zärtlichkeit blickte Martha ihm in die Augen und fragte : Wenn Tu mich so lieb hast, wie Umxi test Du so lange fortbleiben?" Sogleich gab er sie aus seinen Armen frei, und wieder ?,og die Unmuthswolke über sein Gesicht. Weiterschreitend antwortete er. und seine Stimme hatte einen harten Klang: Hätte mich nicht Naumanns Botschaft gerufen, nie wäre ich wieder gekommen nie! Noch gestern glaubte ich, ich könnt' es Dir im Leben nicht vergessen, daß auch Du an jenem unseligen Tage, an dem Onkel mir so schroff jede Hilfe verweigerte, kein freundliches, kein verzeihendes Wort für mich fandest, daß Du mir den Ning meiner Mutter zurückgabst, dan. Du mich gehen ließest, als hätt' ich ein Verbrechen auf mich geladen. Gewiß, ich hatte Dir versprochen, nie mehr zu spielen, und ich hatte mein Wort gebrochen. Aber, bei Gott, nicht mit klarem Verstand. Tu wußtest ja von dem abscheulichen Trinkzwang, der damals in unserem Kasino herrschte, und von dem es für einen Leutnant kein Entrinnen gab." Er hieb mit seinem Stock zornig durch die Luft. Ach, Ekel faßt mich an. wenn ich daran denke. Und dann Du wußtest ja auch: die Leidenschaft war angeerbt." Martha hatte sich an seinen Arm g?hängt und schmiegte sich nun fest und innig an ihn. Vergib mir doch, Liebster, vergib mir doch! Ich begreife ja heute selbst nicht mehr, wie ich so lieblos zu Dir sein konnte. Ach, wenn Tu wüßtest, was ich gelitten habe darum, wie gern ich Tir Abbitte geleistet hätte, hätte ich nur eine Ahnung gehabt, wohin ich Tir schreiben könnte." Es ist ja nun alles vergeben nnd vergessen," antwortete Bodo und streichelte wieder liebkosend ihre Hand. Wenn einer, den wir lieb haben, uns Böses that, dann verrennen wir uns wohl in unseren Grimm und Trotz und denken: nie. nie kann das verziehen und ausgeglichen werden! Und kaum hhtn wir dem Missethäter wieder in seine lieben Augen, hören wieder seine liebe Stimme, dann wissen wir nich:? mehr von unserem Groll, und Hals über Kopf geht unser Herz mit uns durch! ... Uebrdies," setzte er nach kurzem Schweigen hinzu, es war wohl ganz gut. daß das Leben mich in eine harte Schule genommen hat. Im sorglosen Gang meiner Ofizierkarriere hätte ich die Leidenschaft, die mir im Blut lag. vielleicht nie überwunden, wäre ich vielleicht nie ein rechter Mann geworden!" Und dann berichtete er, wtYs ihm in den drei langen Jahren der Trennung ergangen war. Zuerst hatte er, unfähig, die leidige Spielaffäre zu regeln, daran gedacht, sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen, dann hatte ibn der Widerwille gegen eien so kläglichen Abschluß, sein Trotz und zäher Lebensdrang über das Weltmeer getrieben. Er hatte Glück: Stiefelputzer, Kellner oder Straßenbahnschaffner, wie mancher seiner schiffbrüchigen Kameraden. hatte er nicht zu werden brauchen; ein alter Freund von der Kriegsschule her, der sich zum Lokalredakteur an der New Iorker Staatszeitung" emporgeschwungen, hatte ihm eine Stellung als Reporter verschafft. Eine glänzende Existenz war das ja gerade nickt gewesen; aber zum Sattessen und im Winter zu einem warmen Rock hätte es immer gereicht. In der ersten Nacht, die er in einem New ?)orker Boardinghouse zugebracht, waren ihm von irgend einem Individuum mit anderen Habseligkeiten auch seine PaPiere gestohlen worden; da hätte er, kurz entschlossen, den Namen Oliver Smith angenommen, theils, um mit allem, was hinter ihm lag, reinen Tisch zu machen, theils aus Rücksicht gegen den Onkel in Deutschland. Nach Jähresfrist etwa des Englischen sei er bald genug mächtig geworden habe sich ihm ein günstigerer Posten beim New ?)ork Herald" geboten, und für dieses Blatt wäre er dann, als der Streit zwischen Buren und Engländern entbrannte, als Kriegsberichterftatter nach Südafrika gegangen. Am 4. Juni bei Pretoria sei er in eie attackirende Abtheilung englischer Dragoner gerathen und habe dabei einen Säbelhieb davongetragen, der ihn für todt zu Boden streckte. Von hochherzigen Burenfrauen, die Nachts das Feld nach verwundeten Angehörigen absuchten, sei er aufgefunden und auf eme nahe Farm gebracht worden. Dort habe cr wochenlang zwischen Leben und Tod geschwebt. Als er genesen war. hätten ihn die englischen Behörden, die ibn für einen verkappten Burenkämpfer hielten, noch zwei Monate lang an jeder Korrespondenz mit dem Ausland verhindert. Erst nach--dem sich der deutsche Konsul in Kap stadt energisch für ihn in's Zeug gelegt, habe er Ende August die Hevnv-se antreten dürfen.
5. Kapitel. ie Nacht, die dieser Begegnung 3 folgte, war für Murtha Fehlow eine Nacht schreckhafter Träume. Alles, was sie in den vergangenen drei Iahren an Sorge und Leid durchgeinacht, stürmte noch einmal in wirren, fieberhaften Vorstel-
lungen über ihre schlummernde Seele hin, als wollte es sich dafür rächen, daß es die Wachende nun nicht mehr quälen und martern konnte. Als Martha in der Morgenfrühe die Augen aufschlug, wußte sie nicht sogleich: war Bodo gestern wirklich zurückgekehrt, hatte sie ihn wirklich wiedergesehen, oder war diese Begegnun; mit ihm nur der sonnige Lichtblick in den trüben Wirrninen ihres Traumes gewesen, gegen dessen Ende bin Hans Fleidner, in der Rüstung eines Sankt Georg, sie als seine Braut zum Altar geschleppt hatte? Aber während sie sich noch besann, fiel ihr Blick auf einen Ring mit einem großen werthro'len Brillanten, der an ihrer linken Hand glänzte. Da wußte sie: das Wiedersehen war Wahrheit gewesen, frone, wunderbar selige Wahrheit! Diesen Ring, ein Andenken an seine früh verstorbene Mutter, hatte Bodo ihr vor vier Jahren zum Zeichen heimlicher Verlobung an den Finger gesteckt; am Tage nach der unglückseligen Spielaffäre 4?atte sie ihn in Zorn und Gram zurügegeben, feit gestern aber schmückte er nun ihre Hand von Neuem, nachdem er den Geliebten durch eine lange Irrfahrt, durch alle Nöthe und Gefahren begleitet und glücklich wieder heimgeführt hatte. Martha sah den Ring lange an. küßte ihn. sah ihn wieder an und küßte ihn wieder; und obgleich sie mit Bodo vereinbart, ihr stilles Vcrlöbniß bis auf Weiteres vor den klatschlüsternen Kleinstädtern streng geheim zu halten, brachte sie es doch nicht über sich, den Ring abzulegen, und behiell ihn als allen sichtbares, aber nur ihr verständliches Zeichen am Finger. Ganz erfüllt von glücklichen, über frohen Gedanken, verbrachte sie an diesem Morgen mit ihrer Toilette so viele Zeit wie nie Wo?, und als sie endlich eiligen Schrittes in's Eßzimmer trat, saßen Siegfried und Sieglinde der erstere mit sichtbarem Widerwillen Sillers Graf von Habsburg" memorirend schon am Tisch und schlürften ihren Kakao. Rasch schnitt Martha den Kindern das Frühstück keiner macht es uns so schön zureckt wie Sie," pflegte Siegfried zu sagen und half ihnen dann auf den Schulweg. Das war, wenigstens bei dem Knaben, der cs mit seinen fünfzehn Jahren schon bis Quarta gebracht, keine ganz einsacke Sache: denn immer fiel dem Jungen noch im allerletzten Augenblick ein. d.iß ihm in der Mappe irgend ein Heft oder Buch fehle, von dem er nie wußte, wo er es gelasse-. Auch heute vermißte er wieder das Lokabelbeft zu dem blödsinnigen" Cornelius Nepos; und als es Martba endlich im Salon unter dem Becksteinflügel gefunden, küßte ibr der in manchen Dingen recht Frühreife voll schwärmerischer Zärtlichkeit die Hand. Wenn Sie mir erlauben würden," sagte er dabei, Sie schönstes Mädchen unter der Sonne, daß ich Ihnen alle Morgen zum Abschied einen Kuß geben dürfte, wie Sieglinde cs darf, dann würde ich mir auf Ehre meine Liederlickkeit ab- und höchstmöglichstes Interesse für die edlen Bestrebungen meiner Herren Lehrer angewöhnen." Natürlich bekam er für seine Dreistigkeit einen Klaps auf den Mund, den er geschickt in einen neuen Handkuß zu verwandeln wußte, und wurde energisch zur Thür hinausgeschoben, durch die Sieglinde schon vor Minuten auf und davon gegangen war. Martha trat in die offenstehende Thür zur Veranda, deren üppiges Weingerank, in den bunten Farben deS Herbstes prangend, vom frischen Septemberwind bewegt, wimpelgleich zitterte und schwankte. Ter Himmel war blau und hell wie schimmerndes Gkh, und auf den Astern und Dalien des wohlgepflegten Vorgartens blitzten und leuchteten viele Tausend Thautropfen in den Strahlen der jungen Morgensonne. Mit einem suchenden Blick spähte Martha zum Wäldchen hinüber. Dort drüben keine zweihundert Schritt weit war sie Bodo gestern begegnet. Er hatte die Nacht in der Krone" bleiben wollen; ob er auch schon aufgestanden war und an sie dachte? Ein Seufzer der Sehnsucht schwellte ihre Brust, und ihre Arme hoben sich dem warmen Licht entgegen. Gott, war das Leben schön! Konnte es denn überhaupt so viel Glück auf der Welt geben? ... Fortsetzung folgt.) .3pj ''V ' Spiegelglas kann auf eine sehr einfache Weise auf seine Güte hin geprüft werden. Bei einem Spiegel, dessen Eigenschaft es doch sein soll, das ihm dargebotene Bild in seinen natürlichen Farben und gänzlich unverzerrt wiederzugeben, halte man dicht an die Glasfläche ein weißes Taschentuch. Erscheint dasselbe im Spiegel so weiß wie in Wirklichkeit, so ist das Glas wasserhell und von guter Beschaffenheit; sieht es aber grünlich, gelblich oder röthlich aus, so darf man vom Gegentheil überzeugt sein und stehe vom Kaufe ab. Die Untersuchung von Glasscheiben auf den Farbenton geschieht genau auf die gleiche Weise, nur daß hier das Taschentuch statt vor das Glas natürlich hinter dasselbe gehalten wird.
Melk Haversack's Ichreibebrief
v m. Seöhrter Mister Edith! Ich denke nit, daß Se jemals in Jhne Ihr Lewe en deitsche Sohlschcr gewese sin, dafor hen Se viel zu viel krummbeinige Fieß. Well, wenn Sie jetzt in meine Kandischen wäre, dann dehte Se nit mehr iwwer die Tschohks in die kammickel Pehpersch lache. Wie wer for e paar Däg mit Lust un Liebe den langsame Schritt gemacht hatte, do Hot uns der Uneroffizier gesagt, es wär gut genug, daß der Soldat mahrtsche könnt und gut gucke deht, awwer seine Majestät wär damit nit sattisfeit, er deht dafor ausgucke, daß zu die geistige Ettjukehschen von die Sohlschers getend wer'n deht. Mir dehtc das schuhr genug epprieschjiehte un for denRiesen sollte mer so freundlich sei un am Nachmittag in die Kafern antrete, wo er, das meint der Unneroffizier von unsere geistige Ettjukehschen Kehr nemme deht. Well, off Kohrs sin mer auch dagewese, mer derf doch so en Mann nit dissepeunte. Do Hot er denn auch gleich gestart, Leute, Hot er gesagt, en Professer der studirt seine Geogravieh, odder seine Mussick odder seine Viehlosovieh odder was for t Vieh es immer is un dann is er fertig. Der Sohlschor is awwer noch lang nit damit fertig, der muß alles wisse un in die erschte Lein muß er ganz genau in Riegahrd zu die ehrenvolle Posischen wo er in den Koht von feine Majestät einemme duht gepohstet sein. Dann Hot er uns ecksplehnt, daß en Sohlscher ebbes ganz arnierschter wär wie en ordinehre Ziehviehlist. En Sohlscher," Hot er gesagt, das is der Stoff un wo er geht un wo er sieht muß er immer dran denke, daß er den Kaiser sein Rock trage duht. Also Muschkedhier Haberfack, was ist der Sohlscher? Do hen ich gesagt: Als e Ruhl, alles was er vorgesetzt kriegt, awwer wann er die Tschens Hot, dann gleicht er e Biefstehk am beste." Sie sin e Rindvieh, Hot er gesagt, en Soldat ist ebbes annerfchter." Dann Hot er mich gefragt, was ich duhn deht, wenn ich en Vorgesetzte an die Stritt sehn deht. Do hen ich gesagt, dann gehn ich ihn aus den Weg. Der Unneroffizier Hot dann gesagt, ich hätt ihn nit verstanne, er hätt gemeint, wie ich en Vorgesetzte begrüße deht. Do sagt ich: Ich sage Haudiduh" un das is all." Un was duht dann der Vorgesetzte? Ich denke er duht Händs mit mich schehke." Do sagt der Unneroffizier: No, das duht er nit. awwer er schickt das Kamcel for verzehn Däg bei Wasser un Brot in die Schehl." Dann bot er e Kunstpause eintrete losse un die Hot er dazu gejuhst for e paar salbungsvolle Worte zu mich zu spreche. Er Hot gesagt: Wann ich Jhne angucke, dann kann ich so recht begreife, daß in die Juneitet Stehts emol früher alles Urwald war un ich mache e Bett, daß Sie Ihre Vorfahre zurücktrehse könne, bis ins graue Alterdumm un sin auch schuhr, daß Jhne Ihre Ururgroßvatter noch uff die Bäum erumgesprunge is un Hot Laufes gesucht un Hot sich Mister Monkie geschriwwe. Awwer dieselwe Zeit kann ich doch nit glauwe, daß es viele so Kameele, Rinnohzerosse un Affe wie Sie in Amerika Hot, sonst könnte doch die Zerkusse dort kein so großes Bisseneß duhn. Ich hen schon viele Schofsköpp in meine Kompenie gehabt, awwer Sie sin der Kandy. Mit was hen Sie sich ennihau Jhne Ihr ganzes Lehwe lang beschäftigt, daß Sie so dumm gebliwwe sin? Wann ich emol so alt sin wie Sie un hen nit mehr kämmen Horssenz, dann häng ich mich uff un nemme dann noch e Peintche Rattegift for en schuhre Schapp zu mache. Ei tell juh. Mister Edithor, wie ich da gefühlt hen, das kann ich Jhne gar nit diskriwe. Well der Dag is so bei un bei iwwer gange un am Obend Hot der Unneroffizier zu mich gesagt, wann ich uffgewafche wär, dann sollt ich emol an ihn kahle; seine Alte hätt allerhand for mich ins Haus zu duhn un do könnt ich e wenig essißte; er deht hoffe, daß ich die Ehr epprieschjiehte deht. Zu Befehl, hen ich gesagt, awwer gedenkt hen icb, ich wollt du dehst mich den Buckel enuffsteige, du Lump! Wie ich hin sin komme, do Hot er mich auch noch erscht von owwe bis unne inwestigehtet un Hot diskowwert, daß meine Schuhs nit diesent gefcheint wäre. Dafor Hot er mich en Rohst gewwe, der war nit von schlechte Eltere. Er Hot auch genohtißt, daß en Botten von meine Koht nit mehr so ganz kapittelfest war. Bei Galle, do hätte se 'n awwer emol höre solle! Er Hot zu mich gesagt, das wär das allerschrecklichste was en Sohlscher duhn könnt un wann er ebbes zu sage hätt, dann deht ich for Leifteim in die Pennitenscherie komme. Wie er noch en kleiner Bub gewese iö, do hätt er en alte Scheneral gekennt, der en gute
L?oyiMr war, awwer nie for gekeyrr hätt, ob seine Bottens luhs odder fest wäre; was wär awwer mit ihm bas sirt? Im Hesse Tarmstädtische deht er bgrawe liege! Do könnt ich awwer sehn, zu was for en Riesolt die Kehrleßneß führe deht. Er M mt Niedel un Drett gewwe un do hen icy höchsteigenhännig mein Botten angenäht. Wie das fertig war, hen ich for die Madamm Unneroffizier die Kohlbinn kliene derfe un dann hen ich zu meine Erholung die Wäsch nach die Lahndrie bringe derfe. Sie wisse gut cenug, daß ich immer e gute Oppinjien von mich gehabt hen, awwer jetzt hen ich noch nit en Pennie werth mehr von mich gedenkt. Ich hätt for mich ausspucke könne. Wie ich alles geschafft gehabt hen, do Hot der Unneroffizier gesagt, jetzt sollt ich mache, daß ich in die Käsern komme deht; ich hen gesagt: Zu Befehl!" awwer gedenkt hen ich: wann ich von hier fort komme, dann kaunt erscht emol deine Bohns iwwer, bikahs wann ich mit dich dorch sin, dann duhst du mehbie e Halmes Dotzend von misse, Mit beste Riegahrds Juhrs trulie, Meik Habersack. Eskweier un Scheriff von Apple Jack, Holie Terrer Kauntie.
Armer Schiller! Es ist das Loos aller schönen Citat auf Erden, verstümmelt oder in einem der Bedeutung entgegengesetzten Sinne angewandt zu werden. Der boshafteste aller Münder ist der Volksmund, und so hat er es sich auch angelegen sein lassen, unseres Schillers Citäte möglichst zu ironisiren. Es giebt fast kein Schillersches geflügeltes Wort, das nicht in scherzhafter Weise umgedeutet worden wäre. Ich will, so erzählt ein Witzbold, von den direkten Verstümmelungen absehen (z. B. der Uebel größtes sind die Schulden), und nur zeigen, wie eine Menge SchillerWorte beständig in übertragener, humoristischer Bedeutung gebraucht werden. Nehmen wir an: wir besuchen ein Concert. Gekeilt in drangvoll fürchterlicher Enge" sitzen wir da, oftmals der Noth gehorchend, nicht dem eignen Triebe". Eigentlich wollte ich gar nicht mitgehen, aber meine beiden Cousinen baten so inständig. Was thun? spricht Zeus" Wo alles liebt, kann Karl allein nicht hassen." Also folgte ich erröthend ihren Spuren"Vorerst sind noch wenige Leute 'm Saale, aber bald herein mit bedächtigem Schritt" die Menge triit. Spät kommt sie, doch sie kommt." Ueberfüllt kann der Saal nicht werden, denn das Auge des Gesetzes wacht". Endlich geht's los. Ein Herr tritt aufs Podium und schüttelt die Mähne". O weh, er geht an's Klavier. Wer ist's denn? Aha! Franz heißt die Kanaille!" Und was spielt er? Tie Mondscheinsonate! Donner und Dona!" Da geht's ja hoch her!" Bums! Drei Saiten gesprungen! Der Mann hat sich halt nie mit kleinigkeiten abgegeben." Ich sitze da mir wird heiß, unter Larven die einzig fühlende Brust!" Meine Cousinen weiden sich an meiner Pein deß freut sich das entmenschte Paar." Vergebens seufze ich ein über das andere Mal: Laßt, Vater, genug fein des grausamen Spiels", denn der Knabe Karl fängt an mir fürchterlich zu werden." Endlich hat er ausgetobt. Er steht auf und verbeugt sich, Stolz will ich den Spanier!" Ich denke, der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen", aber sieh da, sieh da, Timotheus". Der Mann giebt noch etwas zu. Hier wendet sich der Gast mit Grausen" ... Ich habe nur den einen Gedanken: Der Mann muß hinaus." Aber so gehts! DaS kommt vom Applaudiren! Das eben ist der Fluch der bösen That, daß sie fortzeugend Böses muß gebären." No. 1 desProgramms ist überstanden, doch warn ich Dich, dem Glück zu trauen." Richtig, zwei Sängerinnen, das kann gut werden, denke ich, denn ich kenne meine Pappenheimer". Wehe, wenn Sie losgelassen!" Auf den Brettern, die die Welt bedeuten", da werden Weiber zu Hyänen!" Aber hübsch sind die Mädels! Dies Kind, kein Engel ist so rein!" Und nun geht's los, und es wallet und siedet und brauset und zischt". Auf dem Podium die Zwei haben's ja gut, aber im Saale, oh, da unten aber ist's fürchterlich". Endlich fühlen aber auch die Beiden ein menschliches Rühren. Ein letzter Triller o, wären es die schwedischen Hörner" und du haft's erreicht, Oktavio". Aber nun sind auch die schönen Tage von Aranjuez zu Ende". Weshalb ertrage ich all' diese Qualen? Muß das sein? I wo! dem Manne kann geholfen werden". Ich stürze nach der Garderobe und sage: Wenn meine Cousinen nach mir fragen, so richten Sie aus: Der Lord läßt sich entschuldigen, er ist zu Schiff nach Frankreich." EinS, zwei drei, die Treppe herab durch diese hohle Gasse muß er kommen" und: an der Quelle faß der Knabe". Das Gegentheil. Die Welt sagt, Du habest mich nur geheirathet, weil ich soviel Geld hatte." Unwahr. Gerade das Gegentheil ist der Fall, ich habe Dich geheirathet. weil ich keins hatte."
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