Indiana Tribüne, Volume 28, Number 242, Indianapolis, Marion County, 3 June 1905 — Page 7

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Jndiana Tribüne, 3 Juni IÖ05

Dir Jagd nach demMann lionun von Mazeinrilian Sötter 4 (Fortsetzung.) Frau Ilse so bieß sie hatte das zweifellos grundehrlich gemeinte Komliment mit ihrem berühmten süßen Lächeln quittirt, denn ehrlich gcmeinte" Schmeichelein aber auch nur solche rvrte sie für ihr Leben gern. Lange nicht so rechtschaffen, wie der Kommerzienrath seine erste Frau, hatte seine zweite ihn betrauert mein Gott, sie war dem um fünfundzwanzig Jabre älteren Manne seinerzeit wahrhaftig nicht aus Liebe in die Ehe gefolgt, und wenn sie sich immer noch als Wittwe durch's Leben öden mußte, trotzdem ihr Gatte nun schon sieben Jahre in seinem stolzen Erbbegräbniß, einer Sehenswürdigkeit von Eberstbal, den ewigen Schlaf schlief, so trug daran einzig und allein Hans, der Dichter, die Schuld, der mit Argusaugen darüber wachte, daß kein männliches Mitglied der Gattung Mensch auf nur halbwegs vertrauten Fuß mit seiner Stiefmutter gelangte. Hans graulte jeden, der irgendwie verliebte Miene aufsetzen wollte, zielbewußt und rücksichtslos" hinaus; und gegen Bogenschütz war er theilweise wenigstens am Stammtisch deswegen gleich so heftig geworden, weil ihm der ziemlich Unvermögende vom Beginn seines Ebersthaler Wirkens an den Eindruck erweckt hatte, als hätte er nicht übel Lust, die junge, schöne und reiche Frau Kommerzienräthin aus dem Bann ihrer Wittwenschaft zu erlösen. Als Fleidner erfahren, daß Fräulein Martha Fehlow, des verstorbenen Barons schöne Vorleserin, Ebersthal wohl würde verlassen müssen, hatte ein heftiger Schreck ihn durchzuckt. Nur das nicht, nur das angebetete Mädchen nicht ganz aus den Augen verlieren! Aber wie sie halten, wenn sich in dem kleinen Städtchen keine neue Stellung für sie fand? Unerhört war es vom Baron Weiftritz, daß er nicht rechtzeitig für die Arme gesorgt, die ihm so viele Jahre hindurch Stütze und Sonnenschein zugleich gewesen, und der er schon in Rücksicht auf ihren Vater, der ihm einst in aufopferndster Freundschaft zur Seite gestanden hatte, zu höchster Erkenntlichkeit verpflichtet gewesen wäre. Ja," hatte Lans Fleidner Plötzlich gedacht, wenn Du das süße Geschöpf in das Haus Deiner Stiefmutter bnngen könntest! Zwar hast Du immer betont, daß jedes Weib die Pflicht hat, ihre Kinder allein und selbständig zu erziehen, aber im Fall äußerster Noth darf auch der Festeste seinen Prinzipien einmal untreu werden; und der neunjährigen Sieglinde wäre ein anderer erzieherischer Einfluß als der ihrer selbst nicht c .nügend erzogenen Mama wohl von Herzen zu wünschen. Wie herrlich wäre es. wenn Tu immer des lieben Mädchens berauschende Nähe spüren, immer, so oft Dich die Sehn sucht treibt, ihr holdes Angesicht sehen und wozu Du bisher so blutwenig Gelegenheit gehabt ihr täglich und stündlich Deine Huldigungen zu Fu ßen legen könntest! Gewiß, Du würdeft sie gewinnen, sie würde die Deine werden!" . . . Der pietätvolle Dichter aber war nebenbei viel zu sehr Diplomat, um nun etwa der Stiefmutter kurzerhand sein Herz auszuschütten und sie mit offenem Wort zu bitten, sie möchte das ihr und iüren Kindern Nützliche Mi' dem ihm Angenehmen verbinden u .0 Fraulein Martha Fehlow als Erziehe rin engagircn. Nein, Gefälligkeiten und Liebesdienste verpflichten. Zudem mit ein.er Offenbarung seines Herzensgeheimnisses konnte er dem gelieb ten Mädchen leicht von Anfang an eine schiefe Stellung im Hause schaffen, sich möglicherweise von vornherein alle Aussichten auf den Erfolg seiner BeWerbung verderben. So gedachte er also, auf eme günstige Gelegenheit zu warten, die es ihm ermöglichen würde, seinen Wunsch m Erfüllung umzu setzen. Der Zufall sollte ihm gleich am Tage nach seinem Geburtstag günstig sein. Siegfried und Sieglinde, die in der That keine Musterkinder waren und besonders mit dem Spruch von der feinen Lieblichkeit des einträchtigen Beieinanderwohnens immer auf feindlichem Fuß standen, geriethen bei Tisch wegen der Kompottschüssel so heftig aneinander, daß nur Hans Fleidners thatkräftiges Eingreifen ein regelrechtes Handgemenge verhindern konnte. Nachdem er mit der ihm eigenen feierlichen Würde die Tafel aufgehoben hc tte, trat er an Frau Ilse heran und sagte kühl und gemessen: Ich hätte gern eine kurze Unterredung unter vier Augen mit Du, Mama!" Bitte," erwiderte die Kommerzienräthin, und ihr Herz zitterte. Hatte sie sich etwa schon wieder im Verkehr mit irgend einem Herrn herausfor dernd" das war ihres gestrengen Stiefsohnes gelindester Ausdruck oder pietätlos" oder unwürdig" be nommen? In dem an das Speisezimmer angrenzenden Wintergarten, zu dem er seiner Stiefmurter höflich die Glasthür

geöffnet hatte, begann Hans alsobalc: Ich will mich nicht mit der Vorrede aufhalten. Nachgerade komme ich zu der Ueberzeugung, daß Dir in der That jede Fähigkeit abgeht. Siegfried und Siealinde zu tüchtigen und

schätzenswerihen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden. Und da ich mich für das Wohl und Wehe der beiden Kinder mitrer antwortlich fühle, so möchte ich nunmehr doch dafür stimmen, daß eine tüchtige Hilfskraft in's Haus genommen wird. Die Gelegenes ist gerade günstig. Fräulein Fehlow. deren H kunft und Ruf für die (dedieaenh -t ihres Charakters bürgen, ist durch :s Barons rrod stellungslos geword , und da W'istritz wie ich gestern zu fällig von Jus.?zraty Raumann erfudr auf keine lii fu? die arme MNk gesorgt hat, so dürfte sie vielleicht bereit ein. als Erzieherin Siegendes zu uns zu kommen. Tu hast wohl die Güte. Dich schriftlich oder persönlich mit ihr n's Einvernehmen zu setzen, airer mögichst sofort, damit sie uns nicht etwa von anderer Seite vor der Nase wezgekapert wird!" Frau Ilse hatte alle Muhe, un:e? einer scheinbar tiefnachdenllichen Miene zu verbergen, wie glüctlica der Bot schlag ihres Cerberus" sie machte Cerberus" nannte sie ihren Stiefsohn allerdings nur in der geheimen Abgeschlossenheit ihrer Seele. Nachdem er sich in seine Gemacher zurückgezogen hatte er theilte sich mit seinen beiden zwanzigiäbriaen Schwerern in die erste Etage, während Frau Ilse und ihr Nachwuchs das Parterre bewohnten eilte sie, dem Kutscher sofort Auftrag zum Anspannen zu aeben. Rasch machte sie d noch ein wenig Toilette, denn sie liebte es, sich elegant zu kleiden, mußte aber leider auf des Dichters Wunsch ihre Eleganz immer ..mit würdiger Einfachheit" verbinden, und trat dann, malerisch hingegossen in den hellblauen Fond ihrer auf Gummirädern rollenden Kalesche, die Fahrt nach schloß Ebersthal an. Torthin fübrte der Wez von der Fleidner'schen Villa zunächst quer durch das Städtchen. Als der Wagen den holprigen Marktplatz kreuzte ein Bronzelöwe, der ein Gesicht machte. als ob er Zahnschmerzen hatte, diente der steinernen Oede zur Zier kam Assessor Felix v. ägogenschütz gerade aus dem Landrathsamt. Er blieb, die neue Aktenmappe unterm Arm, sieben und zoa den blanken Cylinder bis zum Knie herab. Frau Ilse befahl dem Kutscher zu halten. Mit zierlich tänzelnden Schritten trat der kleine Assessor an den Tritt des eleganten Gefährtes heran, küßte der ailergnädigsten" Frau die Hand und sagt ihr neben anderen geistreichen Komplimenten, daß sie so wunderbar schön und blühend aussähe wie eine leibhaftige Maienkönigin." Ehe die also Gehuldigte dem Gakanten noch irgend etwas antworten konnte, kam, begleitet von drei hockaufgeschossenen, durchaus heiratsfähigen Töchtern, die bessere Hälfte des redseligen Fabrikbesitzers Brennert daher, und bei den lauernden Blicken, die Frau Ilse aus den acht Augen dieses vierblätterigen Kleeblattes " auffing, fiel ihr zu ihrem Schrecken ein, daß ihr Cerberus spätestens Abends am Stammtisch von ihrem Zusammentreffen mit Bogenschütz die nöthige Kunde erhalten würde. Im Gedanken an die Strafpredigt, die ihr blühte, rerabschiedete sie Bogenschütz rasch, beinahe kühl, und wandte sich dann schleunigst mit ein paar verbindlichen Worten an Frau Brennert, die, im krassen Gegensatz zu ihren langen, spindeldürren Töchtern, tonnenähnlich in die Breite ging. Frau Brennert und ihre Hopfenstangen" erwiderten Frau Jlfes verbindliche Worte mit möglichst noch vermehrter Verbindlichkeit; und jeder Fremde hätte seine Freude gehabt an dem liebenswürdigen Tone dieser Ebersthaler Straßenunterhaltung. Kaum aber war die junge Kommerzienräthin nach Austheilung von vier herzlichen Handedrücken weitergefah ren, als Frau Brennert, sich langsam in Bewegung setzend, unter allen Anzeichen großer Erregung hervorstieß: Diese Komödiantin! Spielt sich immer noch auf die trauernde Wittwe aus und liebäugelt in aller Oeffentlich keit mit dem Assessor! Aber hat sie's je anders aemacht ? Stets, wenn ein junger Mann hierher kam, der für eine der Töchter aus guten Härsern eine Partie hätte werden können, verdrehte sie ihm den Kopf. Schämen sollte sie sich! Der Assessor ist doch sicher auch mindestens zehn Jahre jünger als sie. Oder glaubt Jhr's etwa, daß sie erst dreiunddreißig ist, wie sie sagt? Ich . . . w) glaub s nicht, oder ste mute Mi erst ibren Taufschein zeigen. Vierzig ist sie achtunddieißig mindestens. Aber na ja . . . der selige Fleidner hatt? bequem ihr Vater sein können. Nun will sie's wahrscheinlich mit einem ver suchen, der, der Sie brach erschöpft ab und stand pustend und schnaufend still, worauf die älteste ihrer Töchter ihr den breiten Rücken klopfte und begütigend fagte: Aber Tu weißt doch, liebes Muttchen, daß Dir der Sanitätsrath jede Aufregung streng verboten hat! Frau Ilses Wagen hatte unterdeß das Ostthor passirt und rollte nun im verschärften Trabe die Chaussee ent lang, zu deren beiden Seiten sich, so weit das Auge reichte, prächtiq aedeckende Wiesen. Saat- und Kartoffel

felder hinzogen, ganz in der Ferne umsäumt von dem dunklen, bald ein weni's vorrückenden, bald gänzlich zurücktretenden streifen ragenden Hochwaldes. Alles zur Herrschaft Ebersthal gehörig, alles Eigenthum des am veraanaenen Taae verstorbenen Barons v. Weiftritz. Die junge Kommerzienräthin hegte sonst keine besondere Neigung für ernste und philosophische Gedanke . Jetzt aber schoß es ihr doch durch o.. Sinn: wie dumm das doch eingerichtet war! Einer, der heute noch über ei. en ungebeuren Besitz alL unumschrän..er Herr schaltete und waltete, konnte n rgen schon todt im Sarge liegen. Ter Tectel wurde ihm über der Nase zu -e-klappt, und nichts, keine Silbe hatte er mehr zu sagen . . . Die schöne Frau ftufzte hörbar. Die Jahre gingen hin, gingen hin, und noch hatte sie nichts weiter vom Dasein gehabt als Reichihum. Gewiß, es war ja sehr angenehm, reich zu sein, besonders für sie. die früher kirchenmausarm gewesen. Aber Glück . . . ? Nein, das Glück lag doch ganz gewiß nur einzig und allein in der Liebe, im Zusammenleben, im harmonischen Jneinanderklingen zweier gleichgestimmter See len. Ihre Gedanken irrten zu dem jungen Baron v. Weistntz, dem schönen Neffen Bodo, dem Verschwundenen, und ihr Herz begann höher zu schlagen. Ja, Baron Bodo war ein Mann, den man lieben konnte, den jedes Weib lieben konnte, lieben mußte ganz, be

dingungslos, auf Gnaoe und Ungnade.' Wenn er gekommen wäre, um ste zu werben, seinetwegen hätte sie den Kampf nicht nur mit ihrem Stiefsohn, nein, mit der ganzen Welt aufgenommen ohne Besinnen. Aber vielleicht war auch er schon todt, moderte irgendwo in einem ungepflegten Grabe. Nein, wirklich! Im Leben ging doch allzuvieles schrecklich dumm ZU ? 0 Der Wagen passirte einen rauschenDen, von reichlichen Frühlingsregenglissen geschwellten Bach, die wilde Weistntz, von der die alteingesessene Herrschaftsfamilie ihren Namen herleitete. Die Saume des Hochwaldes rückten langsam näher und näher zusammen, und bald lenkte der Kutscher die flotten Rappen von der Chaussee ab in einen Seitenweg ein, über den hin riesige Eichen ihre im jungen, heugrünen Laube prangenden Kronen wölbten. Der Wald, hundertjähriger Buchenbestand, der zur Rechten hart an den Wegrand herantrat, verwandelte sich auf der Linken in einen von hohem Eiscngitter umschlossenen, urwaldartig verwilderten Park. Man kam an einem großangelegten WirthschaftsHof vorbei, der mit hohen, fast durchweg neuen Gebäuden bestellt war und in mustergiltiger Ordnung gehalten schien. Durch die hellgrauen Stämme des Buchenwaldes, der die Mauern des Gehöftes beschattete, blitzte in silbernem Glänze der Spiegel eines Sees auf, und plötzlich bot sich dem Auge Schloß Ebersthal, ein gedrungenem, burgartiger Bau. alt. verwittert, olen auf einer stattlichen Anhöhe gelegen und halb verborgen hinter uralten Platanen, deren hohe Stämme wie Säulen standen. Als die Pferde, die den steilen Anstieg im langsamen Kletterschritt ned men mußten, vor der Rampe des Schlosses Halt machten, trat ein greiser Diener mit verrunzeltem, bekümmeriem Gesicht aus der massigen, alterthümlichen Pforte und führte Frau lse. nachdem er ihr Begehr erfahren. durch ein dämmeriges, hohes, mit Geweihen und Oirsch- und Eberköpfen übersätes Vestibül in einen großen lichten Saal, dessen drei weit geöffnete Flügelthüren auf eine gegen Park und See hin gelegene Sandsteinterrasse hinausgingen. Die Kommerzienräthin, die aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammte, konnte sich gar nicht sattsehen an den vielen Ahnenbildern, die in bunter, langer, schier endloser Reihe die Wände des Raumes schmückten. Vor einem florumhüllten Porträt, das Bodo v. Weiftritz', des Verschwundenen, Vater als angehenden Dreißiger darstellte, blieb sie lange stehen, bewunderte die frappante Ähnlichkeit, die der lebens lustige Kavalier mit seinem Sohne gehabt haben mußte, und dachte mit einem Seufzer der Sehnsucht: Wie herrlich müßte es doch sein, wenn auch Dein Bild einmal diese Ahnengallerie Zieren nrnnfo! In ihrer Versunkenheit überhörte sie es ganz, daß an dem, dem Bilde ent gegengesetztcn Ende des weiten Saales eine Thür geöffnet wurde, und eine junge, ganz in Schwarz gekleidete Dame von schlanker, hochgewachsener Gestalt und auffallend schönem, mit reichem B.ondbaar umrahmtem Ant litz über die Schwelle trat. Sie erschrak ordentlich, als, von einer klang vollen Altstimme gesprochen, ein leiser, gleichsam erwartungsvoller Gruß an ihr Ohr tonte. Rasch fuhr sie herum und verbeugte sich tief. Gleich danach ärgerte sie sich ja darüber, daß sie sich gegen ein junges Mädchen, das sie als Erzieherin zu engagiren gedachte, so viel hatte vergeben können, aber da gab es nun einmal nichts zu leugnen der Eindruck, den Fräulein Martha Fehlow machte, war in der That ein solcher, daß man einfach nicht anders konnte, als ihr in den Anfiandsformen begenen, die zwischen den Angehörigen der heften Gesellschaft Sitte waren. Auf des hochgewachsenen Mädchens

schmalem, bleichem Gesicht, mit dn

großen blauen von ernster, stiller Trauer verschleierten Augen lag d?r Ausdruck nntadelhafter Vornehmheit, hre weißen Hände waren von höchster ??einbeit und ihre Haltuna war die einer vollendeten Aristokratin. Macht es die Umgebung, das chwarze Kleid, oder bat sich das Fräuein in den zwei oder drei Jahren, in denen Du sie nicht zu Gesicht bekommen hast, so glänzend ausgewachsen?" fragte sich ftrciu Ilse unter einer Reguna leisen Neides, denn nach Frauenart aönnte sie keiner ihres Geschlechtes größere Sch'önbeit, als sie selbst beaß. Einen Augenblick lang dachte sie dann: Nein, dieser vornehmen Dame kannst Du unmöglich das Ansinnen tellen. als Erieberm in Dein Hau? zu kommen. Wenn Du's ihr agN. mißt sie Dich vielleicht mit einem tü len Blick und gib! Dir eine eisige Antwort." Sie überlegte, ob sie nicht vielleicht eine Ausflucht für ihr Kommen angeben könnte, etwa die, daß sie gar zu gern einmal den verstorbenen Baron gesehen hätte aber nein, das ging wohl nicht gut. Und dann hatte sie auch eine so schreckliche Angst vor Todten; sie wurde den Anblick monatelang nicht wieder los. Fraulein Fehlow. die ihre Besucherin längst zum Platznehmen aufgesordert hatte, hub nun wieder an: Darf ich fragen, gnädige Frau, was mir die Ehre verschafft?" Da konnte Frau Ilse nicht anders, sie muhte mit der Sprache herausrücken. Aber sie umwand ihr Anliegen mit einem Kranz so liebenswürdiger, verbindlicher Worte, daß es unmöglich als verlebend empfunden werden konnte, und war schließlich ganz verblufft, als Fräulein Fehlow offenbar hocherfreut schien. Ich bin sehr gern bereit, zu Ihnen zu kommen onädiae ' " erwiderte ne, und ich will nur hoffen, daß ich die Pflichten, die mir in Ihrem Hause bevorstehen, auch zu Ihrer vollen Zufriedenheit erfüllen kann. Sie nehmen mir mit Ibrem gütigen Anerbieten eine schwere Last vom Herzen. Ich habe schon gefürchtet, daß ich nach Berlin ode? einer anderen großen Stadt würde gehen müssen, um mir eine Stellung zu suchen. Und ich bin nun so froh, daß ich diese Gegend, die ja meine Heiath ist, noch nicht zu verlassen brause." So verlief die kleine Intrigue Hans Fleidners ganz programmgemäß. 3. Kapitel, ustizrath Raumann sandte an die J meistgelesenen Zeitungen und & Zeitschriften des In- und Auslandes zur Aufnahme in den Jnseratentheil folgende Bekanntmachung: Bodo Gottfried Friedrich Wilhelm, Freiherr v. Weiftritz und Ebersthal, geboren am 20. Juli 1868 auf Schloß Herbartshöhe, im Kreise Ebersthal in der Provinz Brandenburg, zuletzt Oberleutnant beim Gardeducorps-Re-giment in Potsdam, der im Oktober 1897 ron dort ohne Bekanntgeben seines Zieles abgereist ist und seinen Angehörigen seither keinerlei Kunde über seinen weiteren Verbleib hat zukommen lassen, wird hierdurch dringend aufgefordert, behufs Entgegennahme wichtiger Mittheilungen in einer Erbschaftsanaeeaenbeit dem unterfertigten Rechtsanwalt und Notar, dem Testamentsvollstrecker des am 15. Mai 1901 verstorbenen Freiherrn Armin Gebbard v. Weistritz und Eberstyal. Rittmeister a. D., seine Adresse möglichst unverzüglich m übermitteln. Personen, die den gegenwärtigen Aufentbaltsort des unten nader Be schrieöenen kennen, oder über Ort und 3cit seines eventuellen Ablebens unterrichtet sind, werden gebeten, bezügliche Nachrichten bierber aelanaen zu la en Uniosten veraüte ick: auch wird dem ersten, der den Thatsachen entsprechende Mittbeilungen über den Berbleib des Gesuchten macht, nach Fest stellung der Richtigkeit seiner Angaben eine Belohnung von fünfhundert Mark ausgezahlt werden. Justizrath Raumann, Ebersthal. Signalement des Freiherrn Bodo v. Weistritz: 33 Jahre alt, groß, kräftig und breitschultrig gebaut, eleganter. federnder Gang. Haare: schwarz und gewellt; Nase: leicht gebogen; Augen: braun, groß und von scharfem, durchdringendem Blick; Stirn gewöhnlich; besondere Kennzeichen: keine." Nach Raumanns Schätzung konnte der Text dieser Bekanntmachung kaum in den Bureaus der von ihm zur Inserirung ausgewählten amerikanischen Blätter angelangt sein, als aus New Dork schon einKabeltelegramm folgenden Wortlautes eintraf: Baron v. Weistritz weilt unter dem Namen Oliver Smith als Kriegsberichterstatter unserer Zeitung in Südafrika, oegenwärtig Johannesburg. Edward Wyndham, Jnseratenchef des ,New vwn veralo.' " 4 "'vr. .jrm (Fortsetzung folgt.) Pcv grofie Fackelzng. Die Studentenschaft hat einen glänzenden Fackelzug veranstaltet. Die Reihe der Fackelträger will gar kein Ende nehmen immer neue Lichter tauchen in der Ferne auf. Herrje," meint da ein Zuschauer zu seinem neben ihm stehenden Freund, so ä lang'n Fackelzug hab' ich,' weeß Gnebbcken, noch nich gesähn!" Na, das is doch kee Wunder, daß der Zug so lang is." antwortet dieser, es sin' doch ooch alle Fackeltäten verträten!"

Ter eilchenhut. Elizze von F. Wilde. Chiffon, Seide, Blumen. In der aufgebogenen Krempe versteckt die losen lila Beilchensträutze. Er war ein reines Frühlingsgedicht, dieser Veilchenhut! Dazu Pariser Modell", dazu in einem höchst fashionablen Geschäft alle diese Eigenschaften brachten ihm das höchste Interesse der Damenwelt ein. Viermal am Tage mußte Kläre vorüber und viermal sah sie daher diesen Veilchenhut. Sie hatte sich darin verliebt. ' Ja wer sich den leisten kann", seufzte sie jedesmal entsagungsvoll. Dabei ging es ihr immer durch den Sinn wie sie dieser Bcilchenhut wohl kleiden möchte. Das locker in die Stirn fallende blonde Haar umrahmt von der lila Chiffonkrempe die zarte Farbe zu

dem zarten Kolorit ihres Teints emzuaeno wäre oas! Aber sie schüttelte gleich wieder den Kopf. Das geht ja nicht, ihr ganzes Monatsgehalt müßte sie dran setzen. In solchen Augenblicken -wüthete sie gegen das Schicksal. Warum konnte sie sich nicht auch mal bewundert sehen, warum nicht auch mal den Neid des ganzen weiblichen Geschlechts herausfordern? - Immer so als Pauorettchen umherlaufen, hatte sie schon längst satt. Drei Tage schleppte sie sich mit der Absicht, hineinzugehen und zu fragen, was der Hut koste das verband je denfalls noch zu nichts. Der Hut stand immer noch im Fenster. Da faßte sie sich ein Herz und führte ihre Absicht au. Klare nahm eine sehr bestimmte Miene an, als hätte sie über Taufende zu verfügen. Aber die Verkäuferin kannte das. Sie maß die Gestalt in dem einfachen schwarzen Kostüm mit kritischem Blick und wußte Bescheid. Das Pariser Modell meinen Sie?" fragte sie kühl. Ja! Den Veilchenhut." Sie machte gar keine Anstalten, ihn aus dem Fenster zu holen. Die nimmt ihn ja doch nicht", dachte sie bei sich. Was kostet er?" Sechzig Mark", antwortete die Verkäuferin obenhin, als wäre das gar nichts, und blickte Kläre herausfordernd an. Die zuckte mit keiner Wimper; sie warf den Kopf ein wenig zurück und bat dann: Ich wünsche den Hut mal aufprobiren." Ein fein ironisches Lächeln der Verkäuferin, und mit spitzen Fingern drückt sie den Hut auf Kläres Blondköpf. Und er saß! Wie saß er! Da brauchte man nicht zu drehen uni zu wenden. Er war wie extra angefertigt zu dem welligen, lockren Haar, das reich und goldig fchimmernd unter der Krempe hervorquoll. Kläre klopfte das Herz. Was ihr da aus dem Spiegel entgegenstrahlte, das anmuthige, süße Gesichtchen, war sie denn das selbst? O so schon zu sem! Kem Preis schien ihr zu hoch dafür. Sie beschaute sich nach allen Sei ten. En face Profil in der Nackimlirne. Dann sagte sie entschlossen: Also, ich nehme den Hut. Die Verkäuferin konnte ihr Erstaunen kaum unterdrücken, aber Kläre zahlte ihr drei Zwanzigmarkstücke großartig an der Kasse. Gleich vor der Thür stieg sie in die Elektrische" und fuhr mit ihrem großen, schwarzen Pappkarton selig von danne. Der Sonntag war da! Freundlich schien die liebe Sonne und milde, weiche Luft erweckte die schönsten Fruhlinasaedanken. Draußen in den Vororten wimmelte es schon von Spaziergängern. Man freute sich über jede grüne Knospe an Sträuchern und Decken: über jedes Krokus und Schneeglöckchen, das aus der Erde hervorlugte. Und dabei suhlte man sich recht unbequem m sei ner Winterkleiduna. Kläre hatte das nicht nöthig. Sie trug ihren lila Veilchenhut. Mit wel chem Stolz! Heut wurde sie bneidet! Ach, wie amüsant das war, wenn sich so jeder nach ihr umschaute, nach dem Pracht eremvlar von Frühiahrshut! Einmal hörte sie, wie zwei Herren hinter ihr her saaten: .Donnerwetter die sieht schick aus!" Da lächelte Kläre ihren Begleiter glückselig an. Du bist wohl furchtbar stolz heute, Kläre", sagte er und legte seinen Arm in den ihren. Gefalle ich dir denn ein bißchen?" entgegnete sie kokett. Du gefällst mir immer." Aber heut besonders" Ach so um den Veilchenhut! Natürlich, der ist sehr fesch. Kostet wohl auch eine Stange Gold?" Kläre war sehr großartig geworden im Besitz ihres Kleinods, darum antwertete sie ohne weiteres: Ja sechzig Mark!" .Das finde ich ein bißchen happig!"

Sie zuckte die Achseln. Weshalb kann man nicht auch mal leichtsinnig sein! Man muß nicht immer knausern. Arthur! Das paßt gar nicht mehr in die Welt. Und wenn man sich den ganzen Monat ge quält hat, kann man sich auch was leisten." Aber mir ist das Ding zu auffallend. Kläre!" Ach pfi! Ich hatte mich so gefreut auf den heutigen Tag, und nun bist du gar nicht nett. Du sollteft doch mich anstaunen und denken: Die Kläre ist doch das beste, schönste Mädchen! Ich will sie recht lieb behalten und". . . Und?" Na dich endlich mal erklären, so oder so!" Davon wollen wir ein andermal reden. Kläre! Heut' habe ich keinen Mumm. Mir ist was in die Krone gefahren!" Hab' ich dir was gethan?" ..Laß man! Das geht vorüber. Nach-

her sind wir beide noch mal sehr vergnügt hm'?" Wollen wir tanzen?" meint Kläre und schmiegt sich in seinen Arm. Dabei denkt sie gleich an ihren Veuchenhut; nun soll er erst zu seinem Recht kommen. WWW Kläre ist wieder zu Haus. Liebevoll verhüllt sie die lila Schönheit und lächelt verträumt vor sich hin.Es war doch heut e: sehr hübscher Tag gewesen. Anhur schien zwar em bißchen still und nachdenklich, aber das machte ihr keine Sorge. Schließlich ist es ja auch keine Kleinigkeit, wenn jemand plötzlich vor die Frage gestellt wird: So oder so!" Sie hatte es schon lange gehofft. und es war ihr sehnlichster Wunsch, Arthurs Frau zu werden. Er verdiente auch ein ganz schönes Geld und konnte einen Hausstand gründen, aber er zögerte doch noch immer mit seiner Erklärung Das machte Kläre verdrießlich. Sie nahm sich vor. dem Glück ein bißchen nachzuhelfen. Arthur liebte es zwar Nicht, wenn man viel Geld ausgab. Er war selbst schrecklich sparsam. Aber Kläre mußte auch, daß ihre Schönheit ihn bestegen würde. Und heute Abend hatte sie die feste Ueberzeugung: Nun dauerte es keine acht Tage mehr dann bist du am Ziel deiner Wünsche. Schon am nächsten Tage kam ein Brief von Arthur. Kläre lächelte stillvergnügt. Sie wußte gleich, was er brachte. Eine mündliche Erklärung ist ihm also peinlich gewesen so schrieb er: Liebe Kläre! Sei nicht böse, aber aus uns kann nichts werden. Sieh mal. was soll ich mit einer Frau, die Hüte für sechzig Mark trägt? Dann bist Du mir auch zu hübsch und zu leichtsinnig. Meine Frau mutz mal ganz einfach und bescheiden sein. Für Dich paßt so'n feiner Mann, daß Du Staat machen kannst. Trage Deinen Veilchenhut noch mit recht viel Vergnügen. Ich bin froh, daß ich ihn nicht mehr zu sehen brauche. Er war mir nämlich gestern in die Krone gestiegen. ' Arthur." Kläre ist ganz blaß geworden, sie zittert ordentlich. Aber dann rafft sie sich energisch zu sammen. Der dumme, alberne Mensch! Hat ja gar keinen Geschmack!" Damit sucht sie sich zu trösten. Doch es will ihr nicht gelingen. Und es soll noch viel schlimmer kommen! Denn bon diesem Tage an haßt Kläre ihren Veilchenhut. Anzüglich. Herr: Ich begreife es nicht, wie Sie zu diesen Schleuderpreisen verkaufen können ! Waarenhaus - Inhaber: Bei mir gilt eben das Prinzip: Die Masse muß eS bringen!" Herr: Hm ja, die Concursmasse!" Gerechte Entrüstung. Ein niederträchtiger Kerl, dieser Musikdirektor. Zu meiner Vermählung komponirt er einen Hochzeitsmarsch", und zwei Jahre später läßt er ihn im Musikalienhandel erscheinen als Trauermarsch!" Wink. Herr (zu seinem zukünftigen Schwiegersohn, einem Lebemann, der sich zum dritten Mal einen Vorschuß auf die Mitgift geben läßt): Nun wird's aber bald Zeit, daß Sie Hochzeit machen, sonst bleibt Ihnen dann nur noch die Frau!" Bestrafte Renommage. . . .O, Si5 glauben gar nicht, welch' Anfechtungen ich ausgesetzt bin! Ja, ja das Bettlerunwesen nimmt in letzter Zeit wieder schrecklich kberhanv!"