Indiana Tribüne, Volume 28, Number 241, Indianapolis, Marion County, 2 June 1905 — Page 7

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1 T il Jndiana Tribüne, 2. Juni 1905.

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r Die 3agÖ ach Dem Itimi ute S SS W kk 44 44 44 44 44 44 1. K a p i t e l. ls der Justizrath Raumann Jj wie an jedem Abend seit beiw v läufig dreißig Jahren genau fünf Minuten nach acht Uhr das Hinterzimmer der Krone" betrat, richteten sich die Augen der sieben oder acht Herren, die bereits an dem großen runden Honoratiorenstammtisch saßen, mit dem Ausdruck lebhafter Spannung auf sein glatt rasirtes, hageres Schaufpielergesicht. Obgleich die Runde der Edlen," wie Hans Fleidner, der Dichter" von Ebersthal, die Stammtischversammlung getauft hatte, ganz genau wußte, daß aus Raumann nichts herauszubringen war. konnte sie doch das Fragen nicht lassen, wenn sie bei ihm, dem ältesten und angesehensten von den beiden Rechtsanwälten der Stadt, eine interessante Neuigkeit witterte. Nachdem der Justizrath seinen immer tadellosen hellgrauen Cylinder dem Pikkolo übergeben, seine immer tadellosen hell-' grauen Glaces von den hageren, aber wohlgepflegten Händen gestreift und sich mit umständlicher Sorgfalt davon überzeugt hatte, daß das Fenster, an dem er zu sitzen pflegte, auch hermetisch geschloffen war. begann Fleidner sogleich: Wirklich Thatsache, lieber Rath, daß der Baron heute Nachmittag gestorben ist?" Ja," antwortete Raumann lakonisch, nahm langsam seine goldgeränderte Brille ab und putzte sie mit der behäbigen Gründlichkeit eines Mannes, der sein Tagewerk vollbracht weiß und der sich durch kein Ereigniß dcs Lebens aus seiner Ruhe bringen läßt. Herzschlag offenbar?" fragte Sanitätsrath Sinding, und seine kleinen schwarzen Augen funkelten. Er hegte für den Verstorbenen keine sonderlich freundschaftlichen Gefühle, seitdem dieser, der an allerlei Gebresten gelitten, ihm einst mit nicht mißzuverstehenden Worten die Thür gewiesen hatte .Ja. Herzschlag!" gab der Justizrath zurück, schob die Brillenstiele bedächtig hinter die Ohren und schlürfte mit gespitzten Lippen den ersten Schluck von seinem Glühwein, den er immer mochte es Winter oder Sommer sein als Einleitung zu seinem Abendschoppen nahm, und den die Wirthin der Krone" stets pünktlich fünf Minuten nach acht fertig hielt. Hat Weistritz denn sein Testament gemacht?" nahm jetzt der Forstmeister v. Hornriegel das Frage- und AntWortspiel auf. Diesmal nickte der Justizrath nur. Da er sich dabei mit Daumen und Zeigefinger über die Hakennase strich und die von zierlich gebrannten schwarzen Locken umkräuselte Stirn in Falten zog, sagten sich die Klügeren aus der Runde der Edlen sofort, daß jetzt nichts mehr von ihm zu erfahren war. Hans Fleidner. der als Dichter Verechtigung auf einen besonders. zähen Wissensdrang zu haben glaubte, füllte aus der vor ihm stehenden, mit einem Maiglöckchenkranz umwundenen kupfernen Bowle einen Römer voll, schob ihn Raumann zu und sagte kordial: Mein Gott, lassen Sie sich doch nicht so drängeln, lieber Justizrath! Sie sehen doch, daß wir alle vor Neugierde brennen. Als Vertrauter des Barons, als sein einziger Freund sozusagen, haben Sie doch sein Testament sicher ausgesetzt. Also schießen Sie los, verrathen Sie uns. wem der alte Krösus Schloß und Herrschaft nebst seinen verschiedenen Millionen vermacht hat!" Der Justizratb maß den Sprecher mit einem verweisenden Blick. Das alles, werther freund, werden Sie t:fahren, wenn die Zeit- dazu da ist!" Er hob seinen mittlerweile ein wenig abgekühlten Glühwein an die schmalen Lippen, schielte dabei aber schon nach dem Bowlenglas, das Fleidner ihm vorher zugeschoben hatte. Und nachdem die Einleitung" mit zwei kräfrigen Zügen erledigt war, rückte er den Römer auch sofort heran, sog den süßen Waldmeisterduft, der ihm verlockend daraus entgegenstieg, mit geblähter Nase ein und fragte: Wie kommt solcher Glanz in unsere Hütte? Ist Jemandem die Schwiegermutter gestorben ?" Unser Dichter hat Geburtstag." versetzte der Fabrikbesitzer Brennert mit seiner dröhnenden Korporalstimme. Ach, richtig! Der dreißigste ja wohl? Also auf Ihr Spezielles!" Raumann schluckte seines Glases Inhalt hinunter, wie man etwa ein' Erdbeere hinunterschluckt, und reichte es dann, sich wohlgefällig die Lippen leckend, zur Neufüllung über den Tisch. Ein wenig herb, aber sehr schön so!" Ach, Pardon, verehrter Direktor." wandte sich der kleine, puppenhaft zierlicht Regierungsasseffor v. Bogenschütz, der dem alternden Landrath des Kreises Ebersthal seit einigen Wochen beigegeben war, mit etwas herablassender Verbindlichkeit an den neben ihm sitzenden dicken Postmeister Franke Jtix Direktor" war sein Titel nur von Stammtisches Gnaden der Baron Weiitrik. der heute gestorben ist.

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nn n Hornutt voll M MM Marimilian Böttcher ?.? r 4 a 4 w vm 5 ao . . . war ja wohl so 'ne Art Sonderling, was?" Franke strich sich mit der großen, fetten Hand über die riesenhafte GlaZe. Hm... so 'n bischen! Alle ältern Junggesellen sind ja mehr oder minder Sonderlinge." Er blinzelte den Juslizratb. der auch einer war, aus seinen kleinen, hinter Fettpolstern halb re..--borgenen Augen spöttisch an und fuhr fort: ..Bei Weistritz kam noch sonst allerband hinzu, was einen Menschen auf krause Gedanken bringen kann: großer Reichthum, dann, wie schon erwähnt, völlig abgeschlossenes Leben, zum Theil bedingt durch schweres kör perliches Leiden und so weiter. Das linke Bein hatte ihm Anno Siebzig, gelegentlich der denkwürdigen Attae vom 16. August, ein Granan'plitter weggerissen, und er wäre zu Brei yeritten worden, hätte ihn nicht sein Freund Fehlow mit Einsetzung seineeigenen Lebens gerettet. Im reckten Bein kriegte er dann er trank täglich seine zehn Flaschen Rheinwein dermaßen die Gicht, daß er seit Jahren keinen Schritt mehr thun und ständig im Rollstuhl hocken mußte. Na. ud da " Manchmal Werden's wohl blos neun Flaschen gewesen sein, die Weistritz trank." warf Raumann in seiner langsamen, stark zum Sarkasmus neigenden Sprechweise ein. Aeh ..." wandte Bogenschütz sich wieder an den sogenannten Postdirektor, da vorhin von Testament und Vermachen gesprochen wurde... sind denn keine legalen Erben da? Zweiten Grades? Ich erinnere mich, seinerzeit auf dem Joachimsthaler Gymnasium in Berlin mit einem Weistritz zusammen die Schulbank gedrückt zu haben." Bodo v. Weistritz?" fragte der Forstmeister. Ja, ganz recht... Bodo hieß er" Das ist er ja!" rief Hans Fleidner. Wer?" fragte der Assessor. Na, der Neffe, der eigentliche und einzige gesetzliche Erbe!" antwortete, da die Unterhaltung anfing allgemein zu werden, wieder der Fabrikbesitzer Brcnnert. Aber der Himmel mag wissen, wo der steckt, der flotte und schöne Bodo v. Weistritz." Also verschollen sozusagen?" fragte Bogenschütz weiter und kraute sich i der Paradekralle seines kleinen Fingers die nicht sehr hohe Stirn, die er vor intensiver Spannung in lange Querfalten gezogen hatte. Ja, man kann wohl von .verschollen' reden," fuhr Brennert fort. der. wenn er einmal den Faden eines Cesprächs an sich gerissen hatte, ihn n; cht so leicht wieder fahren ließ. Bodo Weistritz stand als Leutnant bei den Gardeducorps in Potsdam. Von da kam er bis etwa vor zwei, drei Iahren häufig zu seinem Onkel, dei heute Verstorbenen, auf Besuch. Nicht aus Liebe oder verwandtschaftlicher Anhänglichkeit, sondern darum " der Fabrikbesitzer machte mit bcrn Daumen und Zeigefinger die bekannte Geste, mit der man den Begriff Geld aus"drücken beliebt. Hm," warf der Justizrath ein und zog die Brauen hoch, die sich ihm tr tz seiner einundsechzig Jahre noch n ebenso schönem Schwarz über den Augen wölbten, wie die Locken über der Stirn. Ja." sprach Brennert rasch weiter, als hätte e Furcht, ein anderer könnte ihm zuvortommen, es gab ja auch Leute, die aupten wollten, der schöne Bodo käme lediglich wegen Fräule:n Martba Frhlow. der Vorleserin seines Onkels, so oft nach Schloß Ebersth.'l. Aber " Hier warf Hans Fleidner sein von einer mächtigen blonden Mähne umwalltes Dichierhaupt unwirsch zurück und bohrte seinen Blick mit einem so finsteren Ausdruck iVs Leere, als zerwühlten Selbstmordgedanken seine schwerathmende Brust. Aber," fuhr der redselige Fabrikbesitzer fort, das ist natürlich Blech, Fräulein Fehlow ich weiß nicht, ob Sie sie schon geseben haben, stellt sich zwar als die "personifizirte Schönheit und Liebenswürdigkeit dar, wer aber die adelsstolzen Freiherren v. Weistritz näher kennt, der weiß, daß sie sich eher als Cirkusreiter Produziren würden, als daß sie eine Bürgerliche zur Frau nähmen. Baron Armin, der jetzt Enschlafene, soll thatsächlich darum Junggeselle geblieben sein, weil er im Frühling seines Lebens ein bürgerliches Mädchen liebte, das zu hcirathen f.ch mit seinen veralteten Standesvorurtheilen nicht vertrug. Und der Neffe Bodo" ' Hm ja, er gefiel sich allerdings schon als Sekundaner in ungewöhnlicher Exklusivität," näselte der Assessor stirnrunzelnd. Also, wie gesagt Blech!" fuhr Brennert fort. Bodo kam lediglich des Mammons wegen. Von Haufe aus hatte er anfangs eine nur geringe, später gar keine Zulage mehr. Da mußten denn immer die blauen und braunen Scheine Onkel Armins aus-helfen."

&or Bogenlchutz zog i.eme räum erst geglättete Stirn wieder kraus. Als ich mit Bodo zusammen auf der Schule war, galt er, respektive sein Alter, doch für immens reich." War er auch." antwortete Forstmeister v. Hornriegel, da der Fabrikbesitze? sich gerade die trockene Kehle mit einem Glas Bowle anfeuchtete. Weistritz, der Großvater, hatte seinen beiden Söhnen außer den Herrschaften Ebersthal und Herbartshöhe etwa fünf Millionen in baar hinterlassen. Während aber der Ebersthaler, der heute Verstorbene, mit seinem Mammon aut hauszuhalten wunte. war der Herdartshöher, eben der Vater des schönen Bodo. das, was man einen Durchgänger nennt. Besonders hatte es ihm das grüne Tuch und der grüne Rasen angethan. In dieser Farbe hat er erst sein Baargcld und dann sein Gut verputzt. Schließlich ist er auch im Grünen, auf einer Treibjagd, verunglückt mit Absicht sagen die, die es eigentlich wissen müssen. Denn er war vollständig fertig; die Aufnahme fciitcr Hinterlassenschaft ergab nur ein beträchtliches Minus." Hm. so." machte der Assessor und kraute sich wieder mit der Paradekralle die gefurchte Stirn. Wieso und woher ist denn nun aber der schöne Bodo wie Sie sagen ver " Verschollen, o Die Sache ist also die," schwadronirte Brennert aus Angst, Hornriegel könnte ihm noch' mals zuvorkommen, schon los, ehe Bogenschütz noch ausgesprochen. Aber es stand im Rath der Götter geschrieben, daß er seiner Zunge noch einmal die Kandare anziehen sollte, denn der schweigsame Justizrath, der zu dem auf dem Tapet stehenden Thema bisher nichts weiter als ein einziges Hm" beigetragen hatte, hob ein wenig seine lang ausgestreckte Hand wie er immer zu thun pflegte, wenn er etwas Wichtiges vorbringen wollte und sagte dann in feiner leisen, ruhigen Art, jedes Wort bedächtig betonend: Mit Verlaub! Da es immerhin nicht ausgeschlossen ist. daß Freiherr Bodo v. Weistr. m absehbarer Zeit hierher zurückkehrt, so möchte ich, als der am besten Eingeweihte, eine authentische Darstellung des Sachverhalts geben, um damit gleichzeitig die unzähligen vagen Genichte, die über das plötzliche Verschwinden des jungen Barons im Umlauf sind, richtig zu stellen. Die Sache ist also die. wie unser lieber Brennert sagt, daß Bodo nach seines Vaters Tod in der That von feinem Onkel einen anständigen Zuschuß empfing, einen Zuschuß, mit dem ein Gardedu-corps-Leutnant bei den großen gesellschaftlichen Anforderungen, die an ihn gestellt werden, recht und schlecht auskommen kann. Doch hatte Baron Weistritz, mein werther Freund und Mandant, seinem Neffen auf die Seele gebunden, daß er das Spiel meiden solle, damit er nicht etwa ein gleich trauriges Schicksal hätte wie fein Vater. Tie Leidenschaft für grünes Tuch und grünen Rasen lag dem Kürasster aber im Blut, und wenn er sie auch redlich zu bekämpfen suchte wie ich genau weiß so kriegte sie ihn doch gelegentlich unter, was in Anbetracht der vielen Versuchungen, denen ein junger Gardekasallerieleutnant ausgesetzt ist, schließlich nicht gerade wundemnehmen darf." Selbstverständlich!" warf Brennert ein. Und . . ." Der Justizrath ließ sich aber das Wort nicht nehmen und fuhr fort: ..Jahrelang hielt sich Baron Bodo so. daß er seine Einsätze und Verluste immer glatt von seinem laufenden Zuschuß decken konnte. Dann aber kam doch ein Tag, oder richtiger eine Nacht, in der seine Passion, vom Champagner angefeuert, Hals über Kopf mit ih n durchging. Und als er am nächsten Morgen munter wurde, fiel's ihm ein. daß er eine innerhalb zwei Tagen zu bezahlende Spielschuld von fünfzigtausend Mark am Halse hängen hätte. Da er eine andere Hilfsquelle als seinen Onkel nicht besaß, so nahm er dringenden Urlaub und reiste mit dem ersten Zuge, den er erreichen konnte, von Potsdam nach Ebersthal. Ter alte Baron gerieth außer sich. Er hat mir später selbst gestanden, daß er sich in seinem Zorn wohl zu allzu heftigen Worten hätte hinreißen lassen. Na. kurz und gut: Onkel und Neffe gi..gen im Bösen auseinander, und Vod, der nicht wußte, wovon er seine Spielschuld glatt machen sollte, nahm schleunigst seinen Abschied und verschwand von der Vildfläche. Wohin er sich gewandt, weiß bis heute kein Mensch, denn nie ist wieder ein Lebenszeichen von ihm zu uns gedrungen. Da abr auch über seinen eventuellen Tod biher nichts verlautet hat, so besteyt immer noch die Hoffnung, daß wir ihn eines Tages wiedersehen werden. Zur Ehre mein' 1 heute verstorbenen Freundes möchte ich noch erwähnen, daß er die Spielschuld sewes Neffen bezahlt hak und daß er der: Verschwundenen am liebsten durch öffentliche Bekanntmachungen zu sich zurückgerufen hätte, wenn ... ja wenn der zähe Trotz, od:r fagen wir der unbeugsame Stolz nicht gewesen wäre, den alle Weistritze in sich trugen wie eine eiserne Stange. Jedenfalls hat ihn seine damalige Heftigkett bis zu seinem letzten Tage gereut; und ich weiß, daß er sich oft im Stillen angeklagt Mt, seines einzigen Bruders einzigem Sohn das Leben verpfuscht zu haben." Der alte Justizrath schwieg, strich sich langsam mit der Hand über die

icywarzen Locken, wie wenn er Mrcvr hätte, sie könnten ihm in Unordnung geraihen sein, und schluckte dann bedächtig sein elftes Glas Bowle hinunter. Na," sprach Hans Fleidner, der Dichter, und es klang wie mühsam verhehlter Unmuth durch seine sonore Stimme, da hat Onkel Armin den flotten Bodo doch sicher als Universalerben eingesetzt. Gcstehn Sie's nur. Verehrter. Weshalb überhaupt suchen Sie eine Sache zu verheimlichen, die ein Blinder mit dem Stock fühlen kann!" Raumann strich sich wieder mit bzm Zeigfinger, den ein mächtiger Siegelring zierte, über die Nase das bekannte Zeichen dafür, daß er sich ärgerte. Wenn Sie heute nicht Geburtstag hätten, lieber Freund," sprach er dann, so würde ich Ihnen sagen: so viel Beobachtungsgabe müßten Sie als Dichter eigentlich besitzen, um zu wissen, daß ich auf die zweite Frage gemiß nicht antworte, wenn ich schon die erste zurückgewiesen habe." Fleidner kräuselte die Denkerstirn ; und alle sahen ihm an, daß ihm eine heftige Entgegnung auf den erregt zuckenden Lippen brannte. Der Forstmeister speziell spitzte sich schon auf das Entbrennen eines hitzigen Wortgefechts und wollte eben eine aufhetzende Bemerkung zwischen die Beiden werfen, die ohnehin immer sehr leicht aneinander geriethen. Aber der dicke Postmeister Franke, den jeder Streit aufregte, kam ihm zuvor, indem er sich mit der Frage: Was wird denn nun aus Fräulein Fehlow werden?" an den Justizrath wandte. Fräulein Fehlow?... Ach so, die schöne und anmuthsvolle Vorleserin des heute verstorbenen Barons!" wiederholte der Assessor das. was er vorher über diese Dame erfahren hatte. . Ja," versetzte Raumann und zog die Schultern hoch, sie wird sich natürlich um eine andere Stellung bemühen müssen, wahrscheinlich nack auswärts, Berlin oder so, da hierorts kaum etwas Passendes für sie frei sein dürfte." Na, wenn sich so hervorragende Reize in ihr verkörpern," warf Bogenschütz näselnd hin, dann wird's ihr doch nicht so schwer werden, irgend-wo-" Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, Herr Assessor," unterbrach ihn Fleidner schroff. ..daß Fräulein Fehlow eine hochachtbare, eine hochvornehme Dame aus allerbestem Hause ist. und daß" Aber bitte." versetzte Bogenschütz rasch und erbleichte dabei ein wenig, ich bin mir durchaus nicht bewußt, den geringsten Zweifel ausgedrückt zu haben." Umso besser!" Der Dichter wars seine Mäb-tt zurück, und in sein hübsches, etwas weibisches Gesicht trat ern Ausdruck kampfbereiter Entschlossenheit. Doch für dieses Mal kam es zu keinem weiteren Wortgefecht. Die Bowle war leer, und die Herren brachen auf.

2. Kapitel. ans Fleidner befand sich in etwas eigenthümlichen Familienverhältnissen. Als er K kaum zehn Jahre alt gewesen war, hatte seine Mutter die Geburt von Zwillingen, strammen, pausbäckigen Mädchen, mit dem Leben bezahlen müssen. Sein Vater aber, der nun auch schon lange todt war, war nicht nur ein fleißiger und tüchtiger, sondern auch heiterer und daseinsfroher Mann gewesen, und nachdem er seine Frau ein halbes Dezennium rechtschaffen betrauert, hatte er eine neue Herrin in sein Haus geführt, das draußen vor dem Westthor von Ebersthal inmitten eines parkähnlichen Gartens sich weit und stattlich mit weißer Fassade, blitzenden Spiegelscheiben und schön gegliederter Säulenhalle erhob dem großen Fleidner'schen Messingwerk, das nun schon seit Jahren einer tiengcsellschaft gehörte, so nahe, daß sein Herr jeden Augenblick hatte auf dem Plan fein. Beamte und Arbeiter ständig unter scharfer Kontrolle halten können, und doch auch wieder so Welt ab, daß die Insassen des weißen Schlosses" so wurde, die Villa von den Ebersthalern genannt vom Fauchen und Stöhnen der Maschinen, vom Sausen und Stampfen der Hämmer nicht belästigt wurden. Die zweite Frau war sehr hübsch und sehr jung gewesen, als Kommerzienrath Fleidner sie heimgeführt. Jetzt, da ihr Stiefsohn eben dreißig geworden, ruhte erst die Last von dreiunddreißig Lenzen auf ihren schön gerundeten Schultern; von Fremden wurde sie stets für die Schwester ihrer Stieftöchter gehalten, und als sie dem Assessor v. Bogenschütz gelegentlich seiner Antrittsvisite ihre beiden eigenen Kinder, einen vierzehnjährigen Knaben, Siegfried, und ein neunjähriges Mädchen, Sieglinde, vorgestellt hatt?, war dem jungen Regierungsmann vor Verblüffung das Monocle aus dem Auge gefallen, und er hatte gestottert: Aeh . . . daß . . . daß gnädige Frau schon einen so großen Söhn haben könnten, äh...das hätt' ich der gnädigen Frau auf Ehre nickt zugetraut!" (Fortsetzung folgt.) r-r. Sn der Sclxule. Lehrer: Immer müssen da Obstreste, Papierschnitzel und Gott weih was umherliegen: so oft ich in die Klasse trete, ist der Saustall fertig."

Zum Abgnlnd: Von Maria fcolrna. Eine schwüle, dunstige Luft in dem großen Arbeitsraum. Draußen lachender Sonnenschein auf Straßen und Plätzen, hier drin das dumpfe Grau des Alltags. Bleiche, müde Mädchengesichter, blasse Großstadtkinder sehnsüchtige Blicke, die hinauswandern nach dem lachenden Sonnenschein. Junge Köpfe, in denen lachendes Leben und die sich widerwillig über die Arbeit beugen, Arbeit denn hinter ihnen steht als Peitsche die Noth! Aus den nebenan liegenden Bureaus das monotone Klappern der SchreibMaschine, d'.e harte, klare Stimme des Chefs. Vorn an einem Tischchen die Direktrice, ein schlankes, 40jähriges Mädchen, sorgfältig in Schwarz gekleidet, mit müdem, verdrossenem Gesichtsausdruck. Stille, feine Züge, in welche Alter und schwermüthige ResigNation ihre Runen gezogen haben. Mit geschickten, sorgsamen Händen verrichtet sie ihre Thätigkeit. Ein bttteres Lächeln spielt um die schmalen Lippen. Eine geachtete Stellung das Vertrauen der Vorgesetzten. Iahre unermüdlicher Pflichterfüllung.trotzdem freudlose Jugend, freudloses Alter. Ihre Blicke wandern zu den jungen, arbeitenden Mädchen am Tische hinüber. Braune und blonde Köpfe, die sich scheu vor dem Blick der Gestrengen niederbeugen. Sie scherzen dabei halblaut. Lachende Jugend in aller Armseligkeit! Dieses blasse, alternde Mädchen, das nie Weib noch Mutter war, fühlt etwas wie schützende weiche. mütterliche Güte für diese jungen Geschöpfe, die ihrer Obhut anvertraut

Mind. Dort die braune Rose, mit den vollen, rosigen Wangen, die erst seit kurzem in der Großstadt weilt, sie wäre wohl glücklicher geworden, wenn sie als glückliche junge Frau und Mutter m der Heimath hätte bleiben können, statt hier, in heißen Fabrikräumen zu welken, gleich den andern.. Und dort oben die Lene! Wie elend und blaß sie aussieht! Die Augen dunkel gerändert, die Bewegungen so schwach und müde wie langsam, ihr, der fleißigen Arbeiterin, die Arbeit von der Hand geht! So verändert, versonnen und in sich gekehrt seit einiger Zeit! Anna Förster hatte, klare, helle Frauenaugen, einen durch langjährige Erfahrung geschärften Blick. So gingen sie alle in ihr Verderben, ohne daß sie es verhindern konnte. Auch die Lüge von damals! Sie winkte: Kommen Sie herüber, Lene, ich habe Ihnen etwas zu sagen nein, nicht hier, drüben im Vorrathsraum. Wir sind dort ungestört." In dem kleinen Verschlag zwischen aufgestapelten Waarenballen standen sie einander gegenüber die Aeltere, mit einem traurigen, ernsten Gesicht die Junge, die Augen gesenkt, das sonst todtenblasse Gesicht von einer dunklen Nöthe übergössen. Sie zitterte am ganzen Leibe. Lene", sagte Anna Förster ernst, ich habe Sie etwas zu fragen. Sie baten um Urlaub neulich, weil Ihre Mutter schwer erkrankt sei. Herr Schröder hat ihn Ihnen sofort genehmigt, obwohl Sie wissen, daß wir jetzt keine Arbeitskraft entbehren können. Eine Stunde später traf ich Sie es war ein Zufall in seijr lustiger Gesellschaft. Es wäre meine Pflicht gewesen, den Vorfall Herrn Schröder zu melden; aber Sie dauern mich, Lene. Eine unserer besten Arbeiterinnen. Können Sie mir eine Erklärung geben für Ihr eigenthümliches Verhalten?" Die blassen Lippen zuckten, Thränen drangen unter den gesenkten Augenlidern hervor. Haben Sie Mitleid mit mir, Fräulein Förster." Das blasse, hagere Mädchen fühlte ein leises Mitleid mit dieser hilflosen Jugend. Ich verspreche Ihnen zu schweigen, sorgen Sie dafür, daß so etwas nicht wieder vorkommt. Gehen Sie an Ihre Arbeit." Mit müden, wankenden Schritten ging das Mädchen zu ihren Gefährtinnen hinüber. Die gütigen, ermähnenden Worte der Vorgesetzten klangen ihr im Ohre nach, ohne daß sie deren vollen Sinn fassen konnte. Sie fühlte nach dem Brief in ihrer Tasche. Sie brauchte ihn nicht wieder zu lesen. Jedes Wort, das darin stand, kannte sie auswendig, brannte wie glühendes Feuer in ihrer Seele. Die Entdeckung steht bevor. Es ist alles zu Ende. Ich muß noch morgen fort wenn es dir nicht gelingt, das Geld aufzutreiben. Sonst Sie biß sich die Lippen blutig in stummer Verzweiflung. Sie hatte ein stilles, friedliches, arbeitsames Leben geführt, ehe sie ihn lennen gelernt, ein Leben angestrengter, ehrlicher Pflichterfüllung. Dann war der Mann in ihr Leben getreten verheerend wie eine Naturmacht und ohne Verantwortung wie eine solche. Sie hatte ihn m kindlicher Demuth bewundert, ihn, der so weit über ihr stand, so feine, weiße Hände hatte, von Dingen sprach, die sie nicht verstand. Wie fit ihn lieb hatte! Und dann war es fo gekommen: Er hatte seine Stellung verloren wegen unheilbaren Leichtsinns. Sie aber sah nur in ihm ihren Abgott, der dem Neid Böswilliger zum Opfer gefalle war. Er liebte sie

nicht, sie war für ihn kaum eine fluchtige Laune gewesen. Sie empfand es dumpf und auch, daß er sich von ihr abkehren würde, wenn sie es nicht verstehen könnte, ihn an sich zu fesseln, ihn in irgend einer Weise von sich abbänaia w machen. Hhre Liebe machte sie er,lnderisch. Sie fing an für ihn zu sorgen. Er nahm ihre Ersparnisse mit der Miene eines großmüthigen Königs, er sprach davon, ihr diese unbedeutenden Darlehen bei Gelegenheit wiederzugeben. Abcr es kam nie dazu. Und ihr war es eine Seligkeit, für ihn sorgen zu dürfen. Sie lernte die Lüge, sie, der es früher unmöglich gewesen war, die geringste Unwahrheit auszusprechen, damals, als sie die Nothlüge von der Krankheit ihrer Mutter erfand. Wenn Fräulein Förster sie nicht gesehen hat te! Der Jammer drohte sie zu ersticken. Und nun dieser Brief, der wie Feuer in ihrer Hand brannte. Er hatte eine Unterschlagung begangen, eine geringfügige Summe ; aber sie mußte beschafft werden! Es mußte sein, oder er würde fortgehen, fliehen oder das andere, das Schlimmste! Sie wurde todtenblaß, es flimmerte vor ihren Augen. Sie ließ sich taumelnd in den Stuhl zurückfallen. Das Geld mußte beschafft werden, und sie hatte nichts mehr. Das letzte, das goldene Kreuzchen ihrer Mutter, hatte sie für ein Nickel verkauft. Anna Förster sah empor. Wie elend das Mädchen aussah, zum Erbarmen! Gehen Sie lieber nach Hause, Fräulein Thomas, Sie können sich kaum mehr auf den Füßen halten. Ich werdie Sie krank melden!" Ich danke!" sagte Lene mit heißer, tonloser Stimme. Sie befestigte das Hütchen auf ihren Haaren, hing sich den Mantel um und wandte sich dem Ausgang zu. Im Vorübergehen hörte sie die Stimme des Chefs, der dem Geschäftsführer einige Anordnungen gab: Schließen Sie nachher die neuen französischen Seidenstoffe fort, sie sind noch nicht registrirt. Es sind kostspielige Waaren darunter. Auf die jungen Leute ist kein Verlaß." Sie ging vorüber. In Gedanken versunken, prallte sie an eine der Kisten. Da waren ja die kostbaren Sei denstoffe, von denen der Chef gesprochen hatte. Sie waren kaum ausgepackt und standen unbeaufsichtigt. Die jungen Leute hielten jetzt wohl ihre Mittagspause. Ihre Blicke hingen wie gebannt an den schimmernden, gleißendenGeweben. Ein solcher kleiner Waarenballen und man wäre erlöst aus aller Noth! Und keiner würde es merken, sie kannte die Geflogenheiten des Hauses. In 14 Tagen erst war Inventur, und bis dahin würde sie alles ersetzt haben. Die Gedanken schössen wirr durch ihr Gehirn. Ein Ausweg, die nahe Rettung. So mühelos, ein glücklicher Zufall. Die zuckenden Mädchenfinger griffen wie unbewußt in die Kiste sie schraken zurück und griffen dann wieder zu in bebendem, scheuem Griff. Aufs Gerathewohl ergriff sie eines der Seidenstücke und schlug ihren Mantel darüber. Der Fuß hob sich, um dem Ausgang zuzustreben. Da ein Schrei! der junge Controllbeamte ergriff ihren Arm in eisernem Griff, triumphirend zog er den Seidenstoff unter ihrem Mantel hervor. Ertappt auf frischer That! Er war erst kurze Zeit im Geschält und stolz, sich durch seinen Spürsinn beliebt zu machen. Das Mädchen stand da, todtenblaß, erstarrt. Sie sah die vielen aufgeregten Menschen um sich herum, das entsetzte Gesicht der Anna Förster, die schadenfrohen Züge der übrigen Mädchen, das finstere Gesicht des Chefs, der ihr stets ein gütiger Vorgesetzter gewesen war. Sie hätte sprechen mögen, schreien, erklären. Sie brachte kein Wort aus den blassen, zusammengepreßten Lippen. Das Wort Herrn Schröders klang unheimlich hart und metallisch an ihr Ohr: Wir dürfen es nicht durchgehen lassen, schon des Beispiels wegen schicken Sie zur Polizei?" Entsetzte, verzweifelte Augen wandten sich ihm zu. Aus dem Munde des Mädchens brach ein heiserer, verzweifelter Schrei. Es klang wie meine arme Mutter!" Harte MännerHände griffen nach ihr. Geschickt entwand sich die schmale, geschmeidige Mädchengestalt den Händen der Manner. Wie ein gehetztes Wild jagte sie die Treppen der Fabrik hinauf, höher, immer höher. Ueber eiserne Geländer und Sparren hinweg und hinter sich die Schritte der Verfolger. Anna För ster schlug die Hände vors Gesicht. Durch die schmalen, blassen Finger sickerten heiße Tropfen. Da ein Schrei ein dumpfer Fall. Auf dem Asphalt oden des Fa. brikhofes liegt das Mädchen mit zerschmetterten Gliedern. Der helle Schein der Frühlingssonne erglänzt aus dem weißen Todtengesicht. -m m 1 1 London's neues Cou ntygebäude am Ufer der Themse wird 5.6 Acres bedecken. Japan hat sehr wenig Millionäre und fo gut wie gar keine Multimillionäre. In den Ver. Staatenwurden letztes Jahr 1.494.191.32V Gallo. nen Bier getrunken.