Indiana Tribüne, Volume 28, Number 233, Indianapolis, Marion County, 24 May 1905 — Page 5

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Jndiana Tribüne, 94. Mai OI.

Franenerziehung in Japan. Von Wolfgang von Gersdorff. Das Urtheil über die japanische fi?rau, soweit es bei uns zu allgemeiner Geltung gelangte, ist nicht unbefangen und frei. Wir erkennen auf der einen Seite die liebreizende Weiblichkeit, den Zauber der Anmuth, die als Gemeingut aller Töchter dieses Landes rückhaltlose Bewunderung gefunden haben, an; andererseits aber mißachten wir die Passivität, die geistige Gebundenheit, in der die Japanerin noch vielfach verharrt. Um der Bedeutung der Frau in Japan ganz gerecht zu werden, gilt es festzustellen, daß sie die Eigenart ihres Volkes unverletzt erhalten, daß sie ohne Ueberreiztheit. ohne ein erkünsteltes Wollen das Gleichgewicht ihrer Persönlichkeit bis an die Grenze der neuen Zeitepoche getragen hat. Die Kreise, in denen fies) bis vor kurzem das Leben der Japanerin bewegte, waren, wenn möglich, noch enger gezogen, als unser Mittelalter sie kennt. Der Schwerpunkt der weib-

lichen Erziehung ruhte in der Anleitung zu häuslicher Tüchtigkeit, ohne daß man der Erkenntniß und dem Wissen eine nennenswerthe Beachtung geschenkt hätte. Das überragendste Gebot war das des unbedingten Gehorsam. Der Wille der Eltern galt allen Kindern als oberstes Gesetz, und den Eltern blieb auch die Wahl des Gatten vorbehalten. Daß dies nicht selten als Härte empfunden wurde, dessen haben wir in Poesie und Geschichte manchen Beweis; es sei nur an das Klagelied aus dem dritten Akt des Asagao" erinnert, das in freier Uebertragung lautet: , daß du mich höbest, kosender West, Der lind mein Haupt umspielt! Trügst mich von hinnen im Balsam der Lüfte, Dahin den Sehnsuchtspfad, Dahin an's Herz des Geliebten! Nun aber steh' ich trauernd von fern Und lösche in Thränen die heißen Gedanken; Denn ach! was uns trennt, sind lieblos? Blicke Der fremden, kalten Menschen! Trotz solcher Härten hat der Gedanke, auch in Sachen der Liebe sich dem bestimmenden Rathschluß der Ellern zu fügen, die Anschauungen des Volkes derart durchdrungen, daß die humamre und persönlichere Tendenz des Christenthums, das uns Vater und Mutter verlassen heißt, noch heute als unmoralisch empfunden wird. Wie den Eltern, so schuldete die Frau auch dem Gatten Gehorsam, ja, der eigene Sohn gewann Macht über sie im Fall, daß sie Wittwe wurde. Bei dieser an's Maßlose grenzenden Bevormundung konnte es nicht wundernehmen, wenn die Frau von der ihr ursprünglich zugewiesenen erhöhten Stellung mehr und mehr verdrängt wurt'. Allgemein sah man auf das Weib herab, und diese Empfindung scheint durch das herrschende Feudalsystem und die Lehren des Confuzius und des Buddha gesteigert worden zu sein, bis es gipfelte in dem Satz: Sie tastet an der Erde Grund, er schreitet durch die Himmel! Die Persönlichkeit eines Mädchens in diesem Sinne zu knechten, war eine Schule nöthig, die vor allem in Fragen der Etikette unterwies. In ihrer starren Ueberwerthung des Formalen blieb sie dennoch ein sittlicher Wegweiser zur Ruhe, Sanftmuth und Geduld, zur Demuth, Freundlichkeit und Bescheidenheit, zur Selbstaufopferung und Selbstverleugnung. Dem gesellten sich weitere Eigenschaften, welche der Japanerin den Ruf einer vor anderen wirthschaftlichen und häuslichen Frau eingetragen haben. Jede Handarbeit wollte künstlerisch bewerthet sein, ganz gleich, ob die Japanerin zur Nadel griff, ob sie den Kagamimochi", das Neujahrsgericht, aufbaute oder die Zweige der Kirfchblüthe mit erlesenem Geschmacke zusammenstellte. So war im alten Japan das Haus recht eigentlich das Reich der Frau, in dem ein Mann sich behaglich und heimisch fühlen mochte und in dem er als schönste Gabe immer wieder dies eine empfing: ihr bestes Selbst! Diese Erziehung ließ die geistige Entwicklung des Mädchens fast ganz außer acht. Was nach dieser Seite geschah, beschränkte sich auf einige Uebungen in der Musik und der Schönschreibekunst, auf das Lesen leichter Bücher und die Kenntniß einzelner Dichtungen; auch die Fähigkeit, einen anmuthigen Brief zu schreiben, stand hoch in der Schätzung. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß die Faml lien, die der Ritterklasse der Samu rais anaehörten, auch ihre Töchter im Fechten unterweisen ließen, damit sie als Mütter ihre Söhne in kriegerischem Geiste zu beeinflussen vermöchten. Als das Jnselreich aus seiner Abgeschiedenheit hervortrat in den wilden Strudel der erregten Welt, da oewunderte man staunend die freie und ge fteiaerte Persönlichkeit des Weibes in anderen Ländern. Diesem Vorbild thunlichst sich zu nähern, war das nächste Streben. Die Regierung selbst setzte den Schulzwang auch für die Mädcben durck. und wie ste auf der einen Seite die Missionsschulen begünstiate, stellte sie einen Lehrplan auf, der D mMrj(i i.!. n 1 . rc . oyne inucrucyi aus oit naxionan v51a.cn art und den historischen Entwicke lungsgang der weiblichen Erziehung den Unterrichtsschemen des Avenoiandes blind nachgebildet war. Diese ge waltsame Uebertragung führte indeß

zu einem schweren Mißerfolge. D':e Familienanschauungen sind in Japan andere als in Europa. Hier vauen Braut und Bräutigam sich selbst das wohnliche Dach und richten sich ein nach eigenstem Geschmack; in Japan hingegen kommt die jungeFrau in du Haus ihres Gatten, in welchem sie sich der Tradition durchaus anpassen muß und erst allmählich hoffen darf, selbstständigen Einfluß zu gewinnen. Unschwer wird man sich darüber klar werden, daß ein Mädchen mit deutschen oder gar amerikanischen Anschauungen in solchem Kreise nicht ihre Stätte fand, und in der That ist eS keine Seltenheit in den letzten dreißig Jahren japanischer Geschichte, daß sich vielfache Conflikte zwischen den Neuvermählten oder der modern erzogenen jungen Frau und den Eltern ihreS Gatten erhoben. Eine reaktionäre Strömung suchte alsbald dahin zu wirken, die Frau nicht theilhaben zu lassen an der großen nationalen Umwandlung; da aber das Volk als Ganzes seine Aufgabe klar erkannt hat, sucht es die Erzie-

hungsfrage unter Anpassung an die Bedürfnisse der Zeit auf nationalem Boden zu lösen. Unter den Männern, die m Japan seit Jahren dafür elfern, alles Fremde nur gelten zu lassen als einen Maßstab zum Vergleich, dürfen wir eines Namens hier Erwähnung thun: Sinzo Nazus6. Der erfolgreiche Philologe fordert für die Erziehung der Frau folgende Reformen: 1. Kenntniß der Hausverwesung: umfassend die Gebiete der Oekonomie, insonderheit der Haus- und Küchenverwaltung, den Gartenbau, die Hygiene, Kinderwartung und Pflege. 2. Einführung m die Pädagogik: Orientirung in der Heimathgeschichte und in der Geschichte der Menschheit unter Hinweisunq auf die Lehren der Philosophie, der Physiologie und der Soziologie mit besonderer Hervorkehrung der Aufgaben und der Bestimmung des Weibes. 3. Lehre oon den Naturerscheinungen und ihren Gesetzen: allgemeine Einführung in die Gebiete der anorganischen und der organischen Natur unter besonderer Hervorkehrung der Entwicklungslehre; Unterweisung in den Anfangsgründen der exakten (mathematischen) Wissenschaft mit Anleitung über das ethische Anschauen des Kosmos. 4. Die Geschichte der Kunst: Würdigung der heimischen Kunstschöpfungen auf dem gesammten Gebiet der bildenden Kunst, derMusik und derLiteratur, vornehmlich der japanischen und chinesischen Klassiker nebst Streifzügen in das Gebiet der abendländischen Kunst. Dieses Programm trägt dem einseitig japanischen Standpunkt noch viel Rechnung, will aber doch dem humaniftischen Gedanken zu größerer Freiheit verhelfen, und in jugendfroher Zuversieht geht Land und Volk an's Werk, überlebten Ueberlieferungen, die nicht mehr in die Gegenwart passen wollen, den Todesstreich zu versetzen und Neues auf den alten Grundfesten aufzubauen. Wirthschafterin gesucht. Humoreske ,on Marie Gosllch. Mensch, Tu wirst doch nicht heirathen, bloß weil Du des Kneipenlebens überdrüssig bist und weil Deine Wirthin in Deiner Abwesenheit ihreSonntagskaffees in Deinem Zimmer giebt! Du liebst das Mädchen ja garnicht, sie paßt auch nicht zu Dir, Du kannst doch wahrhaflig ganz andere Ansprüche machen," ich richtete mich selbstgefällig in die Höhe eine kleine Häuslichkeit kann ja auch so hergestellt werden, dazu ist doch nicht gleich eine Frau nöthig." Wielo denn?" fragte ich überrascht. Nichts einfacher. Wir miethen uns zusammen eine Wohnung mit Küche, nehmen uns eine Wirthschafterin, und die Sache ist gemacht." Mein Freund Paul war ja stets ein begeisterter Apostel der Ehelosigkeit, diesmal fielen seine Lehren auf fruchtbaren Boden. Denn so lieblich ich mir den Himmelsfrieden einer eigenen Häuslichkeit in den letzten Tagen ausgemalt hatte, die dazu nöthige Frau hatte nur eine Nebenrolle in meiner Phantasie gespielt, das merkte ich jetzt. Er hatte also wohl recht, ich liebte sie sagen wir nicht genügend. Und das Fegefeuer der Verlobungszeit zwischen Schwiegermutter, Schwiegertanten und Schwiegergroßmüttern blieb mir auch erspart. Und dann", fuhr er fort, hältst Du aus ruhigem Hafen Umschau unter den Töchtern des Landes und fällst nichl auf die erste beste rein, bloß weil Dir die äußeren Verhältnisse annehmbar erscheinen!'' Das gab mir den Re't. Ich war umgestimmt. Wirthschafterin gesucht von zwei Herren mit gemeinschaftlicher Wohnung. Gutes Gehalt. Selbstständige Stellung. Vorstellung 11 1 Uhr Kochstraße 58." Die Wohnung war hergerichtet, leicht und glücklich war alles abgegangen. " Paul war eben unvergleichlich praktisch, ach, und so viel bequemer als eine Frau. Und wie hübsch war es bei uns", btwundernd ging ich von einem Stück zum andern. Nur bangte mir etwas vor ihr", die vorläufig noch in unbekannten Sphären schwebte. So! Eine Frau wolltest Tu Dir mir nichts, Dir nichts aufhalsen, und nun fürchtest Du Dich vor einer Person, wie Du jeden Tag wieder los werden kannst?" Das leuchtete mir ein. so hatte ich denn

muthig zugestimmt, auch meinen Senf bei der Wahl dieser Person dazu geben zu wollen, und wie verabredet, kehrte ich an dem bewußten Montag eine Stunde früher als gewöhnlich nach Hause zurück. Als ich in Ux Friedrichstraße aus

dem Omnibus stieg, sah ich' in der erne emen Menichenauflauf. Ich türzte vorwärts, ein Schutzmann hielt Ordnung aufrecht. Wo brennt's? rief ich athemlos, denn vor unserer Thür wogte das Gedränge. Er la chelte bloß und wies mit vielsagendem Blick auf fte Menschenmenge, die die Hausthür umlagerte. Lauter Weiber! Ahnungsvoll schritt ich durch die ehrerbietig sich bildende Gasse, der Hausflur, die Treppe hinauf bis zu unserm Eingang stand alles gedrängt voll. Gott sei Dank, daß Du kommst!" rief Paul. Ich schaffe es nicht allein!" Er schwitzte. In drangvoll fürchterlicher Enge umgaben ihn Frauen und Mädchen, all und jung, rundlich und dürr, aufgedonnert und einfach. Er saß am Tische und schrieb und schrieb, bogenweise lagen die AufZeichnungen neben ihm. Das geht doch garnicht!" rief ich entsetzt. Wir erregen ja das peinlichste Aufsehen, so schicke doch die Hälfte gleich wieder fort." Wahrhaftig, diesmal hast Du recht", sagte Paul, aber alles mit System." Er postirte sich auf die oberste Treppenstufe und rief hinunter in den Haufen hinein: Alle Damen unter vierzig Jahren werden gebeten, sich zu entfernen, wir wollen keine so junge!" Der Erfolg war überraschend nicht eine einzige ging. Die jüngsten Mädchen behaupteten mit schamhaftemAugensenken, ihreJugendfrische nur zufällig so lange bewahrt und bereits vierzig Lenze hinter sich zu haben. Das System bewährte sich also nicht. Doch Paul war keinen Moment um ein anderes verlegen. Er ließ eine nach der andern bei sich vorbeidefiliren, traf eine Auswahl der würdigsten Matronen, die dann einzeln zu mir treten und mir ihre Personalien diktiren mußten, wobei ich nicht verfehlte, an den Nand einige stenographische Notizen über ihr Aeußeres zu machen. Aber ach! Auch nach diesem rigorosen System blieben uns noch immer nahezu zwanzig auf der engeren Wahl, als endlich der glückliche Moment gekommen war, daß uns die letzte der Feen verlassen. Du, lieber mache ich das schwierigste Eramen, als daß ich noch einmal die letzten Stunden durchlebte", sagte Paul und sank wie vernichtet auf einen Stuhl. Er schien plötzlich die Flinte ins Korn zu werfen. Jetzt behielt ich den Kopf oben, richtete ihn körperlich und geistig auf und schleppte ihn in unsere Stammkneipe, wo ich denn mit Genugthuung wahrnahm, daß sein Appetit unter den seelischen Anstrengungen nicht gelitten hatte. Er aß und trank für zwei. Aber was nun thun? Da hatte ich von neuem einen Geistesblitz, es war schon der zweite in Sachen Wirthschafterin. Du", sagte ich zu Paul, ich weiß etwas, wir nehmen die Dickste, die kann gewiß gut kochen. Es war eine kugelrunde dabei, die sah gerade so aus, als äße sie selber gern einen guten Happenpappen." Franz, Du bist ein Genie", rief Paul bewundernd, das einzig Richtige! Mir fällt es wie Schuppen von den Augen! Natürlich die Dicken sind immer "bic besten Menschen!" Gesagt, gethan. Auf Grund meiner Notizen wählten wir Frau Briefe, und Frau Briefe täuschte unsere Hoffnungen nicht. Sie kochte ausgezeichnet, war stets gleichbleibend liebenswürdig, regte sich nie auf, auch nicht, wenn wir die Monatsrechnung ungewöhnlich hoch fanden, sondern blieb in solchen Fällen dabei, sie müßte doch ihre lieben Herren gut herausfüttern, es machte sonst einen schlechten Eindruck, wenn diese nicht so gut genährt wären, wie sie selbst. Der Erfolg blieb denn auch nicht aus, wir nahmen an Leibesfülle gewaltig, zu. aber freilich alle drei, und am meisten unsere gute Frau Briese. Leider bekam es ihr nicht, das Gehen wurde ihr zuletzt immer schwerer, und eines Tages war sie todt, ein Herzschlag hatte ihrem freundlichen Dasein ein Ende gemacht. Wir betrauerten sie aufrichtig und ließen sie mit allen Ehren begraben. Unser verwaistes Hauswesen besorqte schleckt und recht die Vortierfrau. intermistisck natürlich. Schon mehrmals hatte ich erinnert: Paul, wir müssen wieder annonciren." Ein Hm" war jedesmal die einfache, aber erstaunliche Antwort. Und dabei blieb es, bis er eines Tages freudestrahlend nach Hause kam: Franz!" rief er. Franz ich, habe mich verlobt, ich bin selig, wir brauchen keine Wirthschafterin mehr!" Paul! Bist Du verrückt? Bloß um nicht eine Wirthschafterin suchen zu müssen, willst Du Dir die erste beste Frau aufhalsen!" Die erste beste? Hast Du eine Ahnung! Em Engel ist sie, und Du heirathest die Schwester. Wir brauchen nicht zu annonciren!" Und damit hatte er wieder recht. Wir machten an einem Tage Hochzeit. Verdorbenes Vergnügen. Nein, ine solche Unverschämtheit. jetzt hqtte stck die Mthw vom Kaffeekränzchen abgesagt und nun ist sie dennoch gekommen."

Die natürliche Methode Bon Ernst Hermann Nickels. Harry von Waldhausen weilte seit drei Tagen in Berlin und lang

weilte sich, denn er war viel auf sich allein angewiesen. Im Aussuchen sei ner alten Bekannten aus der lustigen Studentenzeit hatte er ein merkwürdiges Pech. Mißmuthig nagte Harry an der Unterlippe und ging im Zimmer des Pensionats, in dem er sich kinquartirt hatte, ungeduldig auf und ab. Er hatte doch lieber auf jeinem Gute in der Mark bleiben sollen, aber eine Rückkehr war nicht gut möglich, denn sonst hätte er ein arges Hühnchen mit seinem Hausdoktor zu pflücken gehabt, auf dessen strikte Anordnung der an einer Nervenkrankbeit leidende Gutsherr nach Berlin aekommen war, um hier in einem bekannten Sanatorium die vierwöchentliche Prozedur der natürlichen Methode" über sich ergehen zu lassen. Harry wollte sich morgen in dem Sanatorium anmelden, obgleich er nig Lust dazu verspürte. Er war nämlich der Meinung, sein Leiden" wäre nicht so schlimm und nur eine Folge seiner Junggesellenlaunen, unter denen wohl jeder Mann Ende rrr Dreißiger stark zu leiden hat, und daher verschob Harry seine Anmeldung in dem Sanatorium von Tag zu Tag. Ob er heirathen sollte? Mit diesem Gedanken t)aik Harry sich schon oft beschäftigt, aber immer wieder war er davon abgekommen. Harry seufzte tief und strich sich gedankenvoll über die hohe, schon kahl werdende Stirn. Wo sie wohl geblieben sein mag, die tolle Fanny, mit der er die glücklichste Zeit seines Lebens in Berlin verlebt hatte? In der Dresdener Straße hatte damals ihre Mutter gewohnt. Harry beschloß hinzugehen. Zehn Jahre waren freilich eine lange Zeit. Er begann zu zählen. Einmal, wie sie wohl aussehen mochte? Wohl 28 Jahre mochte sie jetzt sein. Er machte sorgfältig Toilette und ging. Draußen sprühte feiner Regen herab und hüllte alles in jenen trüben, gespenstischen Schleier, der an Londoner Nebeltage erinnert. An der Ecke der Königgratzer Straße klopfte ihm jemand schüchtern auf die Schulter. Verwundert starrte der märkische Gutsherr in ein blondbärtiges, bebrilltes Gelehrten-Antlitz. Habe ' nicht das Vergnügen", brummte er. Äber ich", lächelte der andere hämisch. Waldhausen, kennst Du den Fidus" noch?" Harry wurde sehr kühl. Das konnte ihm gerad noch fehlen! Den Duckmäuser hatte er nie leiden mögen, zudem wurde er einer bösen Geldaffäre wegen, bei der er sich nicht korrekt benommen hatte, aus der Verbindung gestoßen. Sehr erfreut, mein Lieber," war das einzige, was er erwidern konnte. Jetzt Doktor Straßmann", lächelte der andere. Ah, Philologe?" Allerdings, meine Wohnung ist Dresdner Straße Ro. . .!" Allein?" Na, bei Schwiegermutter in pe!" k'ha, wohl reiche Partie?" .ktor Straßmann lächelte wieder häl..!sch: Und ob, ich rKhte mir zum 1. Februar eine Handelsakademie ein." Viel Glück!" Ein frostiger Händedruck, ein h'öfliches Hutlüften, und dann gingen zwei auseinander, vielleicht fürs Leden, die einander nach zehn Jahren wiedergesehen und früher als Studenten manche lustige Stunde verlebt hatten. Harry hatte zu seinem Besuche in der Dresdner Straße die Lust verloren. Er schlenderte zurück nach dem Potsdamer Platz und bestieg einen Omnibus, der nach dem Spittelmarkt fuhr. Nicht des Regens wegen, sondern er fühlte sich müde. Der Omnibus war dichtgedrängt voll, kaum fand der Aufgestiegen.' ein Plätzchen. Das beste Publikum war es gerave nicht, das Harry hier vorfand, kleine Leute, wie Geschäftsleute, Reisende und schlicht bürgerlich gekleidete Frauen und Mädchen, sowie Laufburschen aller Art. Während Harrys Blicke umherschweiften, fielen sie auf ein in hellbraunen Lederband gebundenes Buch, das auf dem Schoße einer jungen Dame lag, die ihm gegenüber saß, auf dem Deckel des Buche stand in schwarzenBuchstaben: The natural metliod of teaening foreign languages. Er mußte unwillkürlich lächeln. Die natürliche Methode". Wie sonderbar ihn das berührte! Da quälte sich ein junges Mädel nun mühselig, um aus die natürliche Methode" die englische Sprache zu erlernen, und er, der reiche Gutsherr, der die Arbeit nur vom Hörensagen kannte, wollte als Müßiggänger eine moderne Heilanstalt aufsuchen, um sich einige Wochen gegen gute Bezahlung ordentlich pflegen zu lassen. Uebrigens Harry sah schärfer hin das Mädel ihm gerade vis-ä vis sah durchaus nicht nach einem Blaustrumpf aus. Herrgott! Heiß stieg ihm das noch immer leicht bewegliche Blut in die Schläfen! Er athmete kurz und schwer! Jetzt hatte auc sie ihn erkannt und

wurde weiß wie ein schneeweißes Leinen vor Schreck. Dann lächelte auch sie mühsam und streckte dem einstigen Geliebten zitternd die feine, behandschuhte Rechte entgegen. Harry!" Fanny, Lieb", flüsterte der erregte Mann herüber, welch ein Wiedersehen!" Nicht wahr?" flüsterte sie freundlich, und ihre Fassung kehrte schnell, wie es bei Frauen üblich, wieder zurück. Wollen wir nicht aussteigen?" Ja!" Sie gingen die Leiziger Straße herunter. Arm in Arm, als ob sich das von selbst verstände, und plauderten in dem lieben, innigen, vertrauten Ton wie damals, vor zehn Jahren, als sie noch jung und thöricht waren. Seine Blicke loderten und sprühten, seine Wangen brannten in heller Gluth und die ihrigen nicht minder. Mit Staunen und Verwunderung fühlte er, wie lebenswarm und frischpulsirend bei dem lustigen Geplauder des fröhlichen Mädchens das Blut seine Adern durchströmte, fort wie weggeblasen war seine melancholische Stimmung, fort seine Nervenleiden und fort seine Junggesettenlaunen. Fürwahr, die natürliche Methode" war doch wohl wo anders zu finden, als im Sanatorium! Zärtlich sah Harry das erglühende Mädchen an. Schatz, ei. Du bist ja noch schöner geworden, in den . .", er stockte verlegen. Sie lachte silberhell: Sag' nur ruhig, in den zehn Jahren! Gott" sie reckte die elastische, biegsame Gestalt man conservirt sich!"

Er blickte auf das braune Buch und wurde ernst: Süßing. bist Du unter die Blaustrümpfe gegangen? Ich denke, das hast Du doch nicht nöthig, Deine Alte hat doch Geld?" Sie runzelte leicht die Stirn, seufzte und zog schnell den Handschuh ab: Der Gebieter will es!" Er erschrak: Ah. verlobt?" Wie ein Wahnwitziger schrie da? Mädchen auf, riß den blitzenden Ring vom Finger und warf ihn zu Boden: Nein, nein, ich bin es nicht mehr, ich liebe dick nur allein, nicht ihn, den Egoisten, den Hahlenmenschen! Er wiü nur mein Geld!" Erschüttert schwieg der Mann an ihrer Seite. Sie fuhr fort: Er ist übrigens ein Jugendfreund von dir, der Doktor Stranmann!" Heftig fuhr Harry zusammen: Ach, der Schuft!" Nun trafen sich die beiden fast täglich wieder, und beide blühten auf, beiden bekam die natürliche Methode" vorzüglich, er ließ sein Sanatorium im Stich, sie die sorgen langnas, und bald wurde fröhliche Verlobung gefeiert. Die Unterhaltung der Frauen. Worüber unsere Frauen sich unterhalten, das hat jetzt ein Statistiker herausgebracht. Er hat den Durchschnitt gezogen von tausend Gesprächen, die von den verschiedensten Frauen der verschiedensten Stände in einer gewissen Zeit geführt worden sind. Nach seiner Feststellung haben sich 87 Gespräche auf die Hutmode des verflössenen Jahres bezogen. 219 Diskurse aus die gegenwärtigen Hutformen. 256 auf die Kinder. 407 auf Krankheiten und allerlei Leiden und 31 auf verschiedene andere Themata, darunter auch auf die Männer. So weit der Statistiker. Wenn man nun aber die Moral hinter dieser Berechnung herhinken läßt, werden unsere Frauen, nach einer Richtung wenigstens, nicht in ein rosiges Licht gestellt. Allerdings sind sie nicht gerade übertrieben putzsüchtig, sie beschäftigen sich vielmehr als gute Mütter sehr eingehend mit den Kindern (256 Gespräche), aber sie sind meistens krank (407 Gespräche) und vor allem gute Ehefrauen sind sie nach dieser Statistik nicht, denn nur 31 Gespräche bezogen sich neben anderen Gebieten auch auf die Männer. Nun, unsere Frauen mögen sich trösten., Sie sind entschieden besser als die Statistik. Und wenn sie angeblich so wenig von und über ihre Ehemänner sprechen, so liegt das vielleicht daran, daß die Ehemänner so vollendete Vertreter der Männlichkeit sind, daß man vor lauter Lob über sie nur wenig sagen kann! Das rauchlose Pulver. Eine lustige Geschichte wird aus Mügeln gelegentlich des Besuchs des Königs von Sachsen erzählt. Die Schützencompagnie hatte Aufstellung genommen, um den Landesvater zu begrüßen. Ein Schütze stand im zweiten Gliede mit brennender Cigarre. Als der König nahte, drängte sich der Veteran schnell in's erste Glied, um ihn recht genau sehen zu können. Wohin aber mit der Cigarre? In der Hand konnte er sie Nicht behalten. Da ist guter Rath theuer. Endlich fand sich ein passendes Plätzchen: der Flintenlauf. Unterdessen war der Könia nahe herangekommen. Sein scharf militärischer Blick mochte die Unruhe des Mannes bemerkt haben. Fragend tritt er zu ihm: Waren Sie Soldat?" Nein, Majestät," lautete die verlegene Antwort. Lächelnd auf den rauchenden Flintenlauf blickend, erwiderte der König: Wie es scheint, schießen Sie noch nicht mZt rauchlosem Pulver!"

Ter Geischa - Tanz. Wer von uns hat in dieser Zeit des japanisch-russischen Krieges, wo so viel und so vielerlei über Japan geschrieben wird, nicht auch über GeischaS etwas gelesen jene anmuthigen japanischen berufsmäßigen Tänzerinnen, welche in Japan, wo nach antiker Sitte keine Frauen auf der Bühne auftreten, als Künstlerinnen gelten und mit einem gewissen Recht als Ersatz" unserer Schauspielerinnen, Opernfängerinnen und Balletteusen bezeichnet werden können. Eine Beschreibung des Gei-scha-Tanzes, der meistens in Theehäufern, aber auch in Privathäusern aufgeführt wird, gibt ein deutscher Augenzeuge im Folgenden: Die Tänzerin trägt weiße Tabi, kurze japanische Strümpfe mit zwei Zehen, einen bis über die Enkel reichenden rothen Dsiban, Unterrock, einen vom Hals bis auf den Boden reichenden bunten Kimono. Oberrock, von Seide mit weiten Aermeln von V Fuß Länge und einen Obi von Brokat. Der Obi ist eine mit Seide gefütterte. 5 Yards lange. 1-3 Yards breiteBinde, welche, zur halben Breite zusammenge schlagen, in Taillenhöhe zweimal um den Kimono gelegt und hinten in voller Breite zu einer langen Oese herabgezogen wird, deren beide Seiten mit dem Futter nach innen glatt übereinander liegen, gleichsam ein weiblicher Frack. Ueber dem Obi der Kiotoer Geischa ist noch ein zweitheiliger brokatener Aufsatz, ähnlich zwei Flügeln, angebracht, der gleichfalls tief herabhängt. Von ganz besonderer Sorgfält aber zeugt die Frisur. Bekanntlich sind Haar- und Bartwuchs der Japaner hart und im allgemeinen so dünn, daß sie die Europäer von jeher K-fo, Haarköpfe, genannt haben. Das Haar der Frauen wird reichlich eingefettet, durch einen falschen Zopf oder künstlichen Chtgnon verstärkt und durch untergelegte Rollen aufgebauscht. Eine Geischa sieht dann aus wie eine Karyatide, die eine mächtige Last trägt. Im Haar ist eine Masse Zierrath anqebracht: haiiaguschi, Kamm mit Blumenranke, lianakaiisasrlii, Bukett, nesaschi, Blumenpfeil, hanaka, silbernes Vierblatt, und bini, silberner Pfeil mit Scheibe, von der viele dünne Stäuchen (Fransen) herabhängen. Die Hauptbewegung beim Tanz

liegt in den Armen und noch mehr in den Händen. Eine Zeitlang wird der eine Arm gebraucht, dann der andere, aber immer langsam, gemessen. In dem einen Tanz wandert der Fächer von der rechten in die linke Hand und wieder zurück, in andern wird dasselbe Spiel mit einem in einer Falte an der rechten Schulter steckenden Fähnchen getrieben (Fächertanz und Fahnentanz). Der Oberkörper biegt sich hintenüber; die Tänzerin macht eine halbe oder ganze Umdrebung. kniet nieder, schlägt die Hände zusammen und schreitet vor- und rückwärts. Bei verschiedenen Tänzen sind die GeischaS zeitweilig musikalisch thätig, zum Beispiel in der Art, daß die erste zwei kleine Pauken von verschiedene. Größe abwechselnd mit der rechten Hand schlägt, während die zweite und dritte mit je zwei Stöcken trommeln. Die kleine Pauke (Rodsusumi) wird in der linken Hand gehalten, die drei anderen Instrumente (Okawa und zwei Taiko) stehen auf dem Boden vor den sitzenden Spielerinnen. Einige neuere jänze waren etwas lebhafter, nach Art unferes Vallets. Die Tänzerinnen gingen mit ihren Fähnchm (aufgehende Sonne) unter Gesang vor- und rückwärts, schwenkten die Händ? und ließen die weiten Aermel und Obibänder fliegen. Die musikalische Begleitung durch die Sängerinnen bestand in Gesang, Lautenspiel und Trommelschlag, und zwar wurde, wie auch vorher von den Geischas, abwechselnd auf Fell und Rand der Trommeln geschlagen, auf den Rand auch mit den dicken Ende der Stöcke gestoßen. Die Musik des Schogina - Tanzes ging sogar bisweilen in ein rasches Tempo über und klang dann mehr europäisch. Doch dauerte die Freude am Leben immer nur einige Takte; die echt japanische Musik ist für den Fremden durchgehends eine wahre Folterqual. Das Bild, das sich darbot, war höchst eigenthümlich. Orientalische Freude am Bunten und Glänzenden, strengste Beobachtung der Schulsorm und marmorne Ruhe im Gesicht. Das glänzende schwarze Haar mit dem überreichen Silber- und Blumenschmuck darin, der bemalt'; Fächer, der glitzernde Brokat, alles das wird bei der schwächsten Bewegung lebendig und befriedigt offenbar das Auge des einheimischen Zuschauers. Die Bewegung der Trommelstöcke von der rechten Schulter herab, über der sie während der Pausen gehalten werden, erinnert an die automatenhaften Bewegungen unserer Fanfarenbläser, obwohl die kleinen japanischen Puppen ihre Sache recht niedlich machen. Am meisten fällt die geradezu klassische Ruhe im Gesicht der Tänzerinnen auf. und zwar um so mehr, weil sie eben vorher in der Pause noch wie Kinder gesprochen und gelacht haben und gleich wieder so sprechen und lachen werden. Das vollständige Ersterben jedes Menenspielö, die plötzliche Verwandlung des Gesichts in eine Maske muß man gesehen haben, um daran zu glauben. Ein derartiges Resultat künstlerischer Erziehung erscheint nur möglich in einem Volke, das über 1000 Jahre ur ) Zurückdrängung der Leidenschaft er-

tsgen ist.