Indiana Tribüne, Volume 28, Number 231, Indianapolis, Marion County, 22 May 1905 — Page 7

Jndiana Tribüne, 22. Mai 1905

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j Krach; ö W o m st X 0 von X cj) HannS von Zobeltitz X

(Fortsetzung.) r Abwehrend hob sie die Hand. Bitte! Nein! Es sind nur die dummen Nerden . . . und ich hab' mich auch schlecht in der Gewalt. Es ist allerlei auf mich hereingestürmt ... in den letzten Wochen . . . Er sah sie verständnißlos an. auf's Neue erschrocken. Was meinte sie nur? Und er sah jetzt erst recht, mit dem scharfen Blick seiner stillen, hoffnungslosen Liebe, wie sich das schöne Gesicht verändert hatte. Vielleicht war es noch schöner geworden, reifer; aber es trug in seinen ausgeprägteren Linien die Spuren wnerer Kämpfe, und die dunklen Ränder unter den Augen kündeten von schlaflosen Nächten. Fräulein Lora " bat er. Ick: bin doch einer Ihrer ältesten Freunde? Ich weiß ja, ich bin ein ungeschickter Bär ... ich hab' so gar nichts, aber auch gar nichts an mir, was vielleicht das Vertrauen eines jungen Mädchens aewinnen könnte. Aber ich möcht' Sie doch bitten, wenn Sie das Bedürfniß haben, sich zu Jemand auszusprechen, Ihr Herz oder Ihr Gemüth zu erleichtern. dann denken Sie an mich. Ich bin wenigstens eins verschwiegen wie das Grab. Und . . . und wenn ich Ihnen rathen kann . . . oder gar helfen kann mein Gott! was würde ich glücklich sein! Da . . . den ganzen Krempel ... die ganze Erfindung geb' ich ja mit tausend Freuden dafür hin . . Sie hob langsam die dunklen Augen zu ihm empor, und sie reichte ihm die Hand. Aber sie schüttelte zugleich den Kopf. Ich kann mir nur selbst rathen ... nur selbst helfen, Doktor . . Fräulein Lora. das kann in gewissem Sinne jeder Mensch nur. Ich hab' aber, als ich so ganz elend und verlasfen lag, krank an Seele und Körper, recht empfunden, was ein Aussprechen werth ist. Wenn ich damals Ihren Onkel nicht gehabt hätte wo wär' ich jetzt?" Es kam wirklich ein Schwanken über sie. Denn in all den Tagen hatte sie das Bedürfniß der Anlehnung emPfunden, des sich Anvertrauens. Und dieser seltsame Mann hier, das fühlte sie, war ihr ein treuer Freund. Aber kein Wort trat über ihre Lippen. Nickt so deshalb, weil sie fürchtete, weil sie wußte, daß er nicht nur ihr Freund war. daß er sie liebte und daß das, was sie ihm hätte sagen müssen, ihn unsäglich schwer treffen würde. Ihrem weiblichen Empfinden war es unmöglich, sich dem Manne anzuvertrauen. Noch immer stand er vor ihr und sah sie mit seinem einen Auge durchdringend, forschend und fragend und traurig an. Und er las vielleicht doch in ihre? Seele etwas von dem, was sie bewegte und beschwerte. Tenn er sagte nun Plötzlich, in ruhigerem Ton. aber eindringlich und sehr ernst: Fräulein Lora, einen Rath wenigstens kann ich Ihnen auch so geben. Keine eigene sondern eine uralte Lebensweisheit: ,Der Entschluß befreit I'Der Entschluß befreit!" Das Wort klang immeiauf's Neue in ihrer Seele auf, als sie nachher oben allein in ihrem Zimmer saß. Wollte sie sich selbst zurückgewinnen, so mußte sie sich entscheiden. .Wäre Willy heute vor sie hingetreten, ihr seine Liebe zu gestehen, sie würde, ohne daß .ihr Herz auch nur einen Schlag schneller pulste, ihm gesagt haben: Ich fühle nichts für Sie." Das, was sich einst leise in ihr geregt hatte, lag hinter ihr weltenfern. Sie fühlte sich ganz frei. Aber es war auch eine große, schmerzliche Herzensleere in ihr. Als ob all ihre Jugendträume in Schutt und Asche zerstoben wären, als ob auf alles, was einst in ihr geknospet, ein Märzenschme gefallen sei. Das war nun todt und konnte wohl nie wieder lebendig werden. Wie sie daran dachte, darüber grübelte, kam sie sich so arm vor. Und gerade darum fühlte sie, die immer selbstsicher durch ihr junges Leben gegangen war, nun solch großes Anlehnungsbedürfniß Onkel Wellried? Ja! Sie hatte ihn herzlich lieb, war ihm in kindlicher Dankbarkeit ergeben. Aber sie war sich trotz alledem bis auf den heutigen Tag nicht recht klar darüber, ob sie nicht bei ihrer Heimkehr wie eine Last in sein Junggesellenleben getreten war. Es gibt ja solche Bürden, die man vor sich selbst ableugnet. Und sie konnte ihm so wenig sein. E? hatte seine mit hundert Existenzfragen verknüpfte Kunst; er hatte seine Geselligkeit bei Pontius und Pilatus. wo er geschätzt undeinwenig gehätschelt wurde als feiner Kenner hier, als der letzte Sproß aus uraltem Geschlecht dort; er fand sich überall mit semer kleinen Weltklugheit zurecht. Selbst

jetzt, wo er krank war, hätte er sie wohl kaum wirklich entbehrt. Nein sie konnte ihm wenig neben. Und wie ool Bedürfniß nach einem sicheren Lebensstab in ihr wuchs, so zugleich, und stärker wuchs, das Bedürfniß, einem andern Liebes zu erweisen. Da half auch die Schule nicht. Das war doch nur Pflicht. Pflichterfüllung ist etwas Wunderbares, aber sie allein füllt das Leben nicht aus; am wenigsten ein Frauendasein . . . Daß dem so sei, war für Lora auch eine neue Erkenntniß; Herbheit mischte sich dabei eigen mit sehnsuchtsvoller Süßigkeit. Von dieser einen Erkenntnitz aber war für sie nur ein Schritt zu der andern: Die Sckiule ist für Dich nickt der wahre Beruf, denn sonst mübte sie Dir mehr bieten als Pflichterfüllung So saß sie und sann, bis ganz langhm ihr Entschluß greifbarere Gestalt gewann. Eins mußte sie vor allem erst über.winden. Sie mußte vor sich selbst sicher werden, daß der Reichthum Mol-ler-Sieghards keinen Einfluß auf ihre Einschließung ausübe. Das konnte sie abschütteln. Mochte die Welt denken, was sie wollte; sie durfte mit stolz erhobenem Haupt sagen: Ich würde nie um des gemeinen Geldes wogen heirathen. Und wenn ich einen reichen Mann hcirathe, so werde ich seinen Reichthum nie vergeuden, sondern der soll in meinen Händen nur solchen Zwecken dienen, die ihm seine Existenzberechtigung geben. Der Altersunterschied? Heute lächelte sie darüber. Es war wohl kein sieghaftes Lächeln, aber ein Lächeln voll Selbstbewußtsein. Aus der Empfindung entsprungen, daß gcrade sie zu einem reiferen Manne desser paffe, harmonischer mit ihm zusammenstimmen werde, als zur wankelmütbigen Jugend. Wobl wuchs der Untersckied der Jahre mit der Zeit; doch auch sie würde ja wachsen in derselben Zeit und zu ernsteren Aufgaben heranreifen. Und dann und vor allem: Immer hatte sie ihm eine herzliche Wer:.' schätzung entgegengebracht. Verdiente er die denn nicht, wie kaum ein andrer ? Hatte er nicht gerade die Eigenschaften, die ihr beim Manne am schäenswerthesten erschienen: Ruhe, Stetigseit, Adel der Gesinnung, eine ausae reifte Lebensanschauung; dazu eine Fülle von Interessen, Begeisterung für alles Schöne, Hingabe an alles Gute. Wie hatte seine schlichte Güte sie er'': jüngst wieder gerührt, als er die kleine Maria heimbrachte. Wie wenige von den Jüngeren standen so sicker und fest im Leben wie er, zurückichanend auf eine große Summe von Erfahrungen, freudig der Gegenwart lebend, offenen, ungetrübten Auges in die Zu'unft blickend! Nichls war an ihm von der Grämlicdken höherer Jahre; nie hatte sie eine Laune an ihm bemerkt, nie eine Trübung seines Frohsinns. Er war ganz gewiß ein Mann, an dessen Slrm man sicher und wohlacschützt durch's Leben ging. Aber er war auch ein Mann, dem eine gleichgestimmte Frau etwas sein konnte: die wahre Theilnehmerin in allen guten und wenn Gott es fügte! in bösen Tagen. Er war ein Mann, zu dem eine Frau mit Stolz und mit Freude emporblicken durfte. Und war sein Reichthum tausenomal Nebensache, der sichere Besitz ist doch das Fundament unsres äußeren Lebens. Auch das erwog Lora: die gesellschaftliche Stellung, die vor ihr lag; die Möglichkeit, die ihr geboten wurde, Gutes zu thun, ohne mit kleinern Mzße zu messen; auch daß sie dem Greise dort im Nebenzimmer des Lebens Sorgen erleichtern, ihm den Zoll der Dankbarkeit entrichten könne. den sie ihm schuldete von Kindesbeinen an. Es fügte sich eins zum andern. Trotzdem sie saß noch immer und sann. Ueber das eine kam sie nicht fort: Kannst Tu eines Mannes Weib werden. den Du nicht liebst? Sie wußre ja: wie unendlich viele Ehen werden ohne Liebe geschlossen und werden glücklich wie unendlich viele gründen sich auf heißer Liebe und führen abwärts, in's Unglück! War es Sünde, ohne Liebe in die Ehe zu treten? Sünde gewiß, wenn das Herz nicht frei ist. Wo aber eine herzlicheZuneigung, eine aufrichtige Verehrung war und der feste Wille, Treue zu halten in Glück und Unglück, und das Gefühl der Kraft, das zu können, da mußte auch die Liebe kommen. Nicht vielleicht d:e Wunderblume, um derentwillen äe Jugend Welten stürmen möchte; aber jene schöne, stille Liebe, die glücklich ist im Glückspenden... Da dachte sie daran: wenn Du so recht in einer seelischen Noth wärst, an wen könntest Du Dich wenden mit vollem Vertrauen und der offenen Bitte: Rathe und hilf mir!" Sie lächelte vor sich hin. Vor kurzer Frist hatt sie gesagt: Ich kann mir nur selber helfen! Jetzt wußte sie: er würde ihr Stütze und Stab fein! Es war ein so warmes, schönes Gefühl, so wohlthuend und beglückend. Lora stand auf. Hochaufathmend. wie befreit. Und sie ging, oh Zögern, in das Arbeitszimmer des Onkels. Es war all diese Tage wie eine leichte Wolke der Entfremdung zwi-

schen ihnen gewesen. Wenn sie sich auch gerade deshalb mit verdoppeltem Zartsinn begegnetes, es hatte sie Beide geschmerzt; und um es sich weniger fühlbar zu machen, waren sie sich nach Möglichkeit aus dem Wege gegangen. So war der Greis ganz erstaunt, als Lora in das Zimmer trat und an seinen Schreibtisch. Er blickte von seinen Pavieren auf und etwas befremdet in ihr schönes Gesicht. Es sah so ganz anders aus wie in der letzten Zeit, als habe eine linde Hand all die Kamhfesspuren mit einem sanften Glein ausgelöscht . . . Er wollte sprechen, fragen. Aber sie legte sofort ihre Hand auf seine Schulte? und sagte: Ich möchte Dich bitten, Onkel Bruno, dem Herrn Geheimrath zu schreiben, daß ich ihn erwarte. Ich weiß, er wird das verstehen ... wie er gewiß auch mein Zögern richtig verstanden und gewürdigt hat."

11. Kapitel, ls Willy in den Sitzungssaal des Aufsichtsraths trat, meinte er, aller Augen seien mit einem gleichsam spöttischen Ausdruck auf ihn gerichtet. Sie wußten es ja alle ohne Zweifel daß er unmittelbar von der Hochzeit des Vaters kam. Im Vorzimmer erst hatte er den Frack mit dem Gehrock vertauschen können. Und er fühlte ganz genau, wie sie alle über diesen Narrenstreich" des alten Herrn dachten. Er selbst nun ja! er selbst konnte ja weder den Vater, noch Lora verstehen. Lora am allerwenigsten. Lora, feine Stiefmutter Es war und blieb einfach widersinnig. Blieb es in feinen Augen auch, trotz aller Aussprachen, blieb es, trotzdem er heute ein so glückliches Aufleuchten in des Vaters Gesicht beobachtet hatte und Loras sichere Ruhe angestaunt. Eine so ganz ungezwungene Ruhe in dem schönen, ernsten Antlitz. Nur noch bleicher als sonst hatte sie wohl ausgesehen unter dem Mnrtenkranz. Aber wie fest, nein freudig hatte ihr Ja" geklunqen Hier, lieber Assessor! Bitte an meine grüne Seite!" hörte er Salesters grobe Stimme. Elwas spät kommen Sie. Na wir wissen ja! Wir haben auch schon angefangen. Lauter glcichgiltiae Sachen. Sie hören's nachher aus dem Protokoll noch rechtzeitig genug." Willy grüßte nach rechts und nach links, während er sich setzte. Er sah wie durch einen dünnen Schleier all die bekannten Gesichter: drüben Baldin mil den etwas verkniffenen Zügen; den runden Kahlschädel Lemans, des zweiten Tirektors der Bank; die Hakennase des Generalkonsuls Vrandau, des Mannes mit den fünfundzwanzig Aussschtsrahsposten; das lange hagere Gesicht des Rechtsanwalts Burrberg; die rothen Haare von Friedrich Mall und das rosige Kinderantlitz des Herrn van Ellern, des ewigen Ja-Sagers. Direktor Baldin" hat das Wort zur Erläuterung des Geschäftsberichts, der den Herren bereits gedruckt vorliegt." Baldin erhob sich. Er possrte ein wenig, aber er sprach sehr gut. Eindrucksvoll, packend. Er gab in großen Zügen ein Bild des Entwicklungsganges der verschiedenen Geschäftszweige, gruppirte die Zahlen ungemein geschickt, verhehlte nicht, daß die Fabrikation noch hier und dort zu wünschen übrig lasse, die Rohmaterialeinkaufe zu verhältnißmäßig hohen Preisen hätten stattfinden müssen, hob auch einige Schwierigkeiten hervor, die bezüglich der Tochtergesellschaften im Auslande leider noch immer beständen. Troß alledem wäre in allen Zweigen ein erfreulicher, in einzelnen ein erstaunlicher Fortschritt zu konstatiren. Ter er?auf der Patentlizenzen werfe nach wie vor gute Erträge ab; es sei gelungen, die Verkaufspreise der Fabrikate im Inland, bei stark erweitertem Absatz, zu steigern; die neuen Gasöfen bürgerten sich gut ein. Wenn es auch im Augenblick nöthig sein würde, einige der ausländischen Gesellschaften noch finanziell zu stützen eine geschäftliche und moralische Pflicht!" so wärt das sicher nur eine vorübergehende Kalamität. Höchst aussichtsreich seien die Verhandlungen mit der russischen Regierung und die Aussichten für die Einführung der Gasbei;ung in den militärischen Anstalten des eigenen Landes. Im Uebrigen könne er mit wohlberechtigter Genugtbuung auf d'e Ziffern des Geschäfisabschlusses hinweisen, die nach reichlichen Abschreibungen und einer angemess?mm Totirung des Reservefonds die Vertheilung einer Dividende von achtzebn Prozent gestatteten. Nur mit äußerster Mühe gelang es Willv, dem Vortrag zu folgen. Der Eindruck der letzten Stunden arbeitete immer noch zu mächtig in ihm nach. Immer wieder mußte er unwillkürlich die Augen schließen, und dann sah er stets Lora vor sich, mit dem wallenden weißen Schleier, und er hörte im Geiste noch einmal des alten Grabans Flüstern: eine königliche Braut" und das leise und trotzige Schluchzen Hardis. Nerven diese vermaledeiten Nerven! Jetzt schloß Baldin endlich. Ich konstathe," sagte Salester, daß unsre Revisionskommission, bestehend aus den Herren Möller-Sieg-hard. van Ellern und Leman. die Vüeher unter Hinzuziehung des vereidigten Revisors Emil Lughardt geprüft und für richtig befunden hat. Das

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Protokoll liegt hier vor ich lasse es cirkuliren, falls die Herren es wünschen." Ich bitte darum " Rechtsanwalt Burrberg knurrte das. Salester sah etwas erstaunt auf und warf der Spitzmaus." wie ihn seine Intimen nannten, das Aktenstück ziemlich nonchalant quer über den Tisch zu. Wir würden nun. meine Herren. Tag und Stunde der Generalversammlung zu bestimmen haben ich schlage Ihnen in Uebereinstimmun mit der Direktion den 30. April, zwei Uhr Nachmittags, vor. Niemand scheint dagegen zu sein also angenommen Gegen den Geschäftsbericht erheben sich, wie ich sehe, auch keine Einwendüngen also " Burrberg schob den Zeigefinger zwischen zwei Blätter der vor ihm liegenden Akten und erhob sich: Erlauben Bit ich möchte mir doch einige Anfragen an Herrn Direktor Beldin gestatten. Bor allem die eine: wovon gedenken Sie denn die Dividende eigentlich zu zahlen?" Baldin sprang auf. Aber Salester ließ ihn nicht zu Worte kommen. Aus den bereiten Mitteln, Herr Rechtsanwalt!" sagte er kurz und scharf. Genügt Ihnen diese Auskunft?" Ich möchte um eine nähere Erklärung bitten." Die andern Herren, die bisher mehr oder minder theilnahmlos zugehört hatten, schauten auf. Direktor Leman machte: Oho! Ohv!" Der behäbige Generalkonsul Brandau klemmte das goldene Monokle ein und betrachtete die neugierige Spitzmaus mit höchst oerwundertem Blick. Willy Möller-Sieghard lehnte sich weit in seinen Stuhl zurück. In einem eigen unsicheren Gefühl: Was wird da eigentlich kommen?" Das klingt ja fast wie ein Miß trauensvotum, Herr Rechtsanwalt!" rief Baldin. Ich thue nur meine Pflicht, Hm Direktor! Ich gehörte der Revisionskommission nicht an und ich kann mich mit den nackten Zahlen, die Sie uns auftischen, nicht begnügen, so schön diese iein mögen. Mit Sentiments und Empfindlichkeiten verschonen Sie mich, aber Aufklärungen, wirkliche Aufklärungen geben Sie mir, bitte. Von einem Mißtrauensvotum ist vorläufig keine Rede. Wohl aber kann ich nicht verhehlen, daß ich der steten Ausdehnung des ganzen Geschäfts mit einiger Sorge gegenüberstehe. Ich kann aus dem Geschäftsbericht nicht die Liquidität der Mittel ersehen, die dies überschnelle Wachsen hinein in's Uferlose, möchte ich fast sagen, vielleicht verzeihlicher und erklärlicher erscheinen lassen würde." Ein leises Murren ging durch die Versammlung. Nur Herr Mall wiegte zustimmend den brandrothe. i Schädel. Ich bitte u'ms Wort," rief Vrandau. In meiner langjährigen und ich darf wohl sagen erfolgreichen " Einen Augenblick, Herr Generalkonsul! Es ist wohl zunächst an mir. Stellung zu den Anfragen des Herrn Rechtsanwalts zu nehmen " Salester war aufgestanden und reckte seine massige Gestalt. Anfragen, deren Berechtigung an sich ich voll und ganz anerkennen muß. Ich glaube nur, wenn der verehrte Herr Rechtsanwalt Doktor Burrberg uns häufiger die Freude seiner Mitarbeit bereiten würde, wären sie ihm nicht so dringend erschienen. Aber ich weiß ja, wie Ihre Zeit in Anspruch genommen ist, lieber Burrberg! Also zur Sache. Die Mittel zur Auszahlung der Dividende sind bereit. Ebenso wie alle übrigen Mittel, deren der Prometheus bedarf, stets bereit seir werden. Dafür bürge zunächst ick Jbnen, ich Karl Salester!" Bravo!" rief der Generalkonsul Na also!" Bitte! Vielleicht genügt dem einer oder andern mein Wort doch nicht Herr Rechtsanwalt Burrberg wünsch! ja nähere Erörterungen. Gut! Gut.' Auch die sollen ihm werden! Meine Herren, Direktor Baldin berührte bereits die finanziellen Schwierigkeiten bei einigen unsrer Tochtergesellschaften. Nun wir haben überzeugen Sie sich, bitte, aus den Büchern, wenn Sie wollen, Herr Burrberg! gegen acht Millionen Aktien dieser unsrer Kinder im Tresor. Sie heute an der Börse einzuführen, wäre ich verschweige das nicht wenn nicht unmöglich, so doch gewagt. Aber, meine Herren, in meinen Augen sind diese Werthe goldsicher. Es ist wer mich kennt, weiß es! nicht meine Art, etwas Derartiges leichthin zu sagen. Ich spreche es auch nur aus. weil ich diese Ansicht aus den Thatsachen schöpfe. Gut ich habe mich also bereit erklärt, den Bankkredit des Promotbeus unter In Lombardnchmen jener Tochterwerthe weiter zu erhöhen. Wahrscheinlich wäre das nicht einmal erforderlich gewesen. Ich will jedoch allen Schwierigkeiten vorbeugen " Vergessen Sie nicht, Herr Direktor, die Industrie geht schweren Zeiten entgegen! Der Umschlag der Konjunktur steht vor der Thür!" So sagen die Schwarzseher, mein Herr Rechtsanwalt. In der That kann die Konjunktur nicht ewig in aufsieigender Linie sich weiterentwickeln. Aber es wird eben nur ein Stillstand, kein Sturz stattfinden. Glauben Sie mir das! Und wir wir sind gerüstet! Unsre deutschen großen Finanzinstitute würden selbst eine Krisis mit

Leichtigkeit überwinden, weil sie innerlich kerngesund sind. Nur eins ist dazu nötbn, meine Herren, und das m'ichte ich Ihnen allen an's Herz legen: Vertrauen muß man haben! Auf die eigene 5iraft, auf das eigene Können nun ja. wenn Sie wollen: auch an den eigenen Stern muß man glauben! Sie. Herr Rechtsanwalt. sprechen von einem Wachsen in's Uferlose! Wer plant denn das? Niemand! Aber ein Rad. das eine große Maschine treiben soll, muß sich drehen; ein Unternehmen, das eine große Industrie zu beherrschen berufen ist, trägt die Nothwendigkeit einer weiten Ausdehnung in sich. Nicht in's Uferlose wollen wir, aber bis an di? Grenze unsres Gebietes. Ich glaube an die Güte, an die Eroberungskrafi unsres Unternehmens. So fest glauc ich daran, daß ich mit ihm gehe durch dick und dünn, wie der Berlineja wohl sagt. Der Erfolg, ein far: vetlpielloter Erfolg, war msyer mii uns! Ich brauche Ihnen dafür keim Zahlen anzuführen. Der Erfolg wird uns treu bleiben. Ich bin kein Mann ton schönen Worten. Ich bin ein Mann )e? Tbat das wissen Sie alle! Und ich stehe Ihnen dafür, wir sind auf dem rechten Wege, der uns wenn wir ihn uns nicht mit engherzigen Nörgeleien verbarrikadiren zum guten Ziele führt!" Salester warf den Kopf weit in den Nacken zurück. Ich sollte meinen, ich könnte auch von jedem von Ihnen, wie von jedem einzelnen Aktionär für mich einiges Vertrauen beanspruchen. Ich will meines Freundes Baldin große Verdienst; nicht um ein Deut verkleinern. Aber das wird er selbst gern zugestehen, daß erst ich ich ihm finanziell den Rücken gestärkt habe, daß durch mich unser ganzes Unternehmen erst jene Ausdehnungskraft erhielt, von der ich vorhin sprach nun ja, wenn Sie wollen: den Zug in's Große. Während der Zeit, in der wir in Verbindung stehen, stieg der Kurs unsrer Aktien um fast das Fünffache. Unsre Reserven erreichen heute beinahe den dritten Theil des Aktienkapitals. Unsre Vierprozentobligationen notirten gestern 10(5g! Nun, meine Herren, ich bin auch den Aktionären meiner Bank verantwortlich: glauben Sie, daß ich mich so mit ganzer Kraft für den Promotheus in's eug legen würde, wenn ich nicht wüßte, es ist für eine gute Sache! Wenn ich nicht ruhigen Gewissens sagen könnte: .Ich bin des Erfolges sicher ich Karl Salester!' " Er hatte schließlich gegen seine Gewobnheit schnell, erregt gesprochen. Jetzt schloß er ruhiger: Welche Aufklä'rungen wünschen Sie nun noch Herr Rechtsanwalt? Mit Zahlen maa Ihnen Herr Baldin dienen. Mir kam es nur darauf an, meinen prinzipiellen Standpunkt klarzustellen." Der letzte Satz verklang bereits in einem allgemeinen Bravo! Auch Willi? stimmte ein. Es lag etwas Hinreißen des in der Art, wie Salester sprach, in seinem starken Selbstbewußtsein. (Fortsetzung folgt.)

Zrnoi Jungen. Wir haben einen Balkon an unserm Hause, den habt Ihr doch nicht." Wir haben eine Hypothek auf unserm Huse, die habt Ihr nicht." ?lus den Erinnerungen einer Füo stw. Am Hofe Napoleon des Tritten er regte im Iahn' 1863 das Auftreten des Spi'.ttlstett Touglas Home leb' Haftes Aufsc-heir. Fürstin Paul ine 2'kternich Sandor, die mit ihrem Gcitten, dem Botschafter Fürsten Ri chard tötternich an zwei Sitzungc.'. lheilgenommen hat. veröffentlicht jcgi in der Ocherrcichischen Rundschau" ihre Erinnerungen an jene Episode. 2e erzählt: Home wurde durch den Prinzen Joachim SPftira! am kaiserli chen Hofe eingeführt. Die ersten Zuirngen veranstaltete Home in einem bekannten aristokratischen Hml se, dann in den Tuilerien vor der Kaiserin. Die Krinststücke, die Home am-führte, waren allerdings nur die (lewbhiilichen Tricks aller Spiritisten, aber dainals versetzten sie die Pariser Hofgesellschaft in die größte Aufregun. Auch auf den Kaiser und die Kaiserin machten sie einen starken Eindruck. Die Produktion in den Tuilerien sei aber nicht ganz gelun gen, Home habe nur einen Tisch w Bewegung aesetzt, der den Zapfenstreich tromemlte. Die Fürstin Metternich selbst erhielt dann den Besuch Hcmes, der ihr PrivatseamM mit seinem kleinen Sohn als Medium anbot. Die Fürstin lehnte aber ab. Sie schreibt über den Eindruck der Produktionen Homes: Daß Home ein unübertrefflicher Taschenspieler war, gebe ich zu, daß er uns hypnotisirte. wie viele behaupteten, leugne ich aber absolut. Was mich an seinen Geistermanifestationen störte, war das Kindische daran. Das allein würde mich, wenn ich zum Spiritismus neigte. ernüchtern und im Geisterglauben wankend machen. In diesen Epcrimenten liegt gar kein Ernst, und die armen Geister spielen eigentlich eine klägliche Rolle, Der Senator Schulze in Gifhorn, der langjährige Präsident des Vereins deutscher Kaufleute, ist im Alter von 79 Fahren gestorben. (Schulze ist besonders durch seinen üampf gegen die Konsumvereine bekannt aeworden.)

Fir die Küche.

Hefenpudding mit Zwieb e l f ü l l u n g. Man bereitet stch einen einfachen Hefenteig mit 12 Eiern und der nöthigenMilch, jedoch ohne Zucker und stellt ihn zum Aufgehen hin. Dann wiegt man 5 7 Zwiebeln fein und brüht 3 Eßlöffel voll fein gehobelten Weißkohl mit siedendem Wasser. Nachdem letzteres abgetropft ist, schmort man die Zwiebeln nebst dem Weißkohl in Butter oder Provenceröl mit Salz, Pfeffer oder Paprika ganz weich. Wer den Geschmack des KohlS nicht liebt, nimmt nur Zwiebeln. ES wird nun eine Puddingform dick mit Butter ausgeschmiert und mit dem Teige ausgefüttert, doch darf man des Aufgehens wegen nur bis zur reichlichcn Hälfte derselben Teig anbringen. Man gibt die Zwiebelfüllung hinein, deckt einen Teigdeckel darüber, läßt alles gut aufgehen und kocht den Pudding zwei Stunden lang in einemWasserbade, worauf er aus der Form gestürzt und mit brauner Butter angerichtet wird. MaccaroniauxOeufs. Pfd. Makkaroni wird in kleine Stücke gebrochen und in Salzwasser gekocht, man läßt ste nachher über einem Sieb abtropfen. Dan sind 2 Pfd. grob gewiegter Schinken und reichlich geriebener Parmesankäse darunterzumischen; man schlägt Pint Sahne schaumig und gießt ste über die in feuerfester Schüssel zum Berge aufgeschichtete Speise, die im Backofen etwas ziehen muß. Unterdeß bäckt man in der Spiegeleierpfanne runde Spiegeleier, die auf den Makkaroniberg gelegt werden. Kurz vor dem Serviren wird noch etwas braune Butter über das wohlschmeckende Gericht gegossen, das sehr gut aussieht. Schwarzsauer. Ein sauber gereinigtes Gänseklein Kopf, Hals, Flügel, Magen, Herz. Füße und Därme (die um die Füße gewickelt werden) kocht man in Salzwasser mit einer großen, in dicke Scheiben geschnittenen Zwiebel und einigen Blättchen Majoran weich. Gleichzeitig wird in einem zweiten Topf etwa 1 Pfund Backobst, unter dem Pflaumen und Kirschen nicht fehlen dürfen, mit Wasser und etwas Zucker, fowie einem Stückchen getrockneter Apfelsinenschale und ein wenig Zimmt gar gekocht. Das Backobst darf aber keine lange Brühe haben. Nunmehr werden die Gänsekleinstücke aus der Brühe genommen, diese durchgeseiht und mit dem Backobst, sowie dem in Essig aufgefangenen Blut der Gans vermischt, worauf man alles zusammen aufkochen läßt und mit ganz wenig Weizenmehl, das mit kaltem Wasser verquirlt ist, legirt. Jnzwischen bereitet man einfache Klöße folgendermaßen: '2 Pfund Weizenmehl wird mit einem ganzen Ei und so viel Wasser, als nöthig ist, um einen haltbaren Teig zu ergeben, verrührt. Darauf sticht man mit einem blechernen Löffel, der beim Abstechen jedesmal in Wasser getaucht wird, längliche Klöße von dem Teig ab und legt sie in einen Kessel mit siedendem Wasser. Nachdem die Klöße gar gekocht sind, läßt man sie auf einem Sieb abtropfen und legt sie dann nebst dem Gänseklein in eine Terrine, um danach das heiße Schwarzsauer aus Backobst, Fleischbrühe und Blut gekocht, darüber zu schütten. Das Gericht wird heiß servirt. Schwein srippchen au nat u r e l. Man läßt sich die Koteletten mit einem kleinen Fettrande schneiden, klopft sie gut und legt sie auf einer großen Omelettenpfanne in 2 Unzen steigende Butter, ohne sie zu salzen oder zu Pfeffern. Dann werden sie 8 Minuten lang beständig auf dem Feuer umgedreht und sofort als Garnirung auf eine Schüssel Sauerkraut gelegt, das ungewaschen unter öfterem Umrühren mit einer ganzen und 3 feingehackten Zwiebeln mit 2 Unzen Schweinsgriebenfett auf dem Feuer geschmort hat. Man reicht außerdem Schälkartoffeln und gedämpfte Aepfel oder Apfelmus zu dieser sehr wohlschmeckenden Speise. Etwa entstehende Sauce wird auf das Sauerkraut gegössen. K a l b s f r i k a s s e e. Zum Kalbsfrikassee ist das Brustfleisch mit den kleinen Rippen am besten zu gebrauchen. Man schlägt es in beliebig gro fee Stücke, blanchirt sie in heißem Wasser und läßt sie in kaltem verkühlen und ablaufen. Inzwischen thut man in einen Schmortopf ein gutes Stück Butter, ein Stückchen geräucherten Schinken oder Speck, Salz, einige kleine Zwiebeln, in die man Nelken gesteckt hat, Gewürz, Lorbeerblätter, einige Stengel Majoran und Thymian, ein paar Schalotten, nach Wunsch auch ein Stückchen ganzen Ingwer und schmort das Fleisch darin weich. Dann wird es herausgenommen, die Sauce durch ein Sieb gegossen, mit einer weißen Mehlschwitze seimig gemacht und mit einigen Eidottern liirt. Nun schmeckt man sie pikant ab mit Citronensaft, auch etwas abgeriebener Citronenschale, Estragonessig, Sardellenbutter, Muskatnuß, eine Prise Pfeffer und wenn nöthig eine Prise Zucker. Zuletzt gibt man einen Eßlöffel Kapern und Champagnons hinein, erwärmt da Fleisch wieder in der Sauce und trögt eö mit Püreekartoffeln auf. Anstatt der Champignons kann man auch andere Pilze verwenden, im Winter eignen sich eingelegte Pfefferlinae und Steinpilze sehr gut zn diesem Qand.