Indiana Tribüne, Volume 28, Number 231, Indianapolis, Marion County, 22 May 1905 — Page 5

Jndiana Tribune, 2. Mai 1903.

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Wiedergefunden. Von T. Fischer'Markgraff. In den Fenstern des uralten Schlosses droben auf der Höhe blitzte die Frühlingssonne. An der breiten, zerbröckelnden Mauer des Wirthsgart-ns, den der Kastellan des unbewohnlen Schlosses mit höherer Erlaubniß halten durfte, lehnte eine Dame und blickte auf das Thal zu ihren Füßen, dessen BlüthenPracht von den schwarzbewaldeten Bergen wie von einem Rahmen eingeschlössen wurde. Die feine Hand im hellen Wildlederhandschuh ruhte lässig auf dem grünen vÄestein, die Linke umschloß, den Griff der Reisetasche, und leise, wie scheu hob der Frühlingswind die Schleife des einfachen Baretthütchens, schleuderte sie heftig hin und her und brachte sie dann, wie mit vorsichtig ordnender Hand in die vorige Lage zurück. Von den Lippen der in ein graues Neisekostüm gekleideten Dame kam ein leichter Seufzer, und fast gemaltsam suchte sie den Blick von dem Blüthenschnee der Obstbäume unten im Thal loszureißen, deren schneeiges Weiß nur ab und an durch das Rosaweiß des Apfelbaums oder das helle Roth der Mandelstauden unterbrochen wurde. Langsam, fast zögernd wandte sie sich und ließ das Auge über den Garten gleiten, in dem nur wenige Reisende einige Augenblicke der Ruhe pflegten oder gleich ihr die Fernsicht genossen. Ter Herr in ihrer Nähe, wie sie in den Anblick der Frühlingspracht zu seinen Füßchen versunken, schob den Gucker zusammen und wandte sich zum Gehen. Er war von mittelgroßer, schlauker, fast schmächtiger Gestalt. Das blasse, schmalwangige Gesicht. Das graue Ueberzieher und die nachlässig gebückte Haltung gaben seinem Aussehen etwas Verkümmertes, das nicht einmal durch den gutgehaltenen englischen Backenbart und die goldene Brille in etwas gemildert wurde. Mit den weißen, gepflegten Händen schob er das Glas in das Etui, welches ihm am Riemen über die Schulter herabging, und trat einen Schritt zurück, um die einsame Reisende an sich vorüber zu lassen. Sie hob dankend den Blick da wurzelte ihr Fuß am Boden. Ein leichter Laut, wie von Schrecken uno Freude zugleich, kam über ihre Lippen. Heinrich, Heinrich Langhans." In den grauen Augen hinter den Brillengläsern blitzte ein Funke, seine Brauen hoben sich, das ganze blasse Gesicht erstarrte in einer fast eisigen Zurückhaltung. Er trat einen Schritt zurück, ohne die ihm wie unbewußt entgegengereckten Hände zu beachten. DLra Diekoff gnädige Frau." Sie hob das feine Gesicht mit dem schmermüthigen Zug um die MundWinkel zu ihm empor und schüttelte leise, fast unmerklich den Kopf. Er sah den feuchten Schimmer in den braunen Augen, die feinen Fältchen in deren Winkeln, und ungewollt t jrde ihm weich ums Herz. Gewaltsam suchte er seine Fassung wiederzugewinnen. Wie geht es Ihnen? Sind gnädige Frau auch auf einem Pfingstausflug begriffen? Vielleicht trinken wir ein Gläschen zusammen?" stotterte er. Sie folgte ihm, bestätigend den Kopf neigend, zu einem der sauber gedeckten Tische und legte die Reisetasche auf den Stuhl neben sich, während Heinrich dem Kellner winkte. Zwei Münchener! Sle trinken doch Bier? Pst!" rief er dem Davonstiebenden nach. Kommen Sie noch mal her. Eine Flasche Rheinwein vom bepen und zwei Gläser." Bald stand der funkelnde Wein zwischen ihnen. Herr Langhans hob das Glas: Aus Ihr Wohl!Sie nippte ein wenig und machte sich an ihren Handschuhen zu schaffen, weil sie fühlte, wie sein Blick unverwandt auf ihrem Gesicht ruhte. Wie geht es Ihrer Frau Gemahlin?" fragte sie, ihre Verlegenheit bekämvfend. Ich bin nicht verheirathet," erwiderte r kurz. ,.ie hob den Blick, während ein klares Roth sich ihr über Hals und Wangen ergoß, das sie urplötzlich jung und mädchenhaft erscheinen ließ. Nicht?" fragte sie beängstigt. Nimmt Sie das Wunder?" fragie er dagegen. Wie tiefes Grollen, wie ein Hervorquellen jahrelang genährter Bitterkeit klang es in seiner Stimme. Seine Rechte umklammerte den Fuß des Glases als wollte er es zerbrechen. Meinen Sie, daß es so leicht war, nach Ihnen eine andere zu lieben? Du hast mich betrogen, Dora", fuhr er fort. Er hatte sich hoch aufgerichtet, seine Stimme hatte einen scharfen, metallischen Klang angenommen. Seine Muskeln spannten sich, jeder Schein von Gedrücktsein, von Verkümmerung war ( n ihm gewichen. Du hattest dich mir verlobt, du wußte. , wie ich dich liebte, und du gabst mir unbedenklich den Laufpaß, als der reiche Gutsbesitzer sich um deine Hand bewarb. Was konnte dir solch ein simpler Amtsrichter, wie ich es bin. dagegen bieten? Du hast mich ju einem unglücklichen, verbitterten

Mann gemacht, einen Alltagsmenschen, der nichts als arbeiten kann in jeder, auch der harmlosesten Freude als bitterer Tropfen die Erinnerung an oich. Du warst falsch, Dora!" Sie hob die Lider und blickte ihn an. Die Frühlingssonne funkelte in seinen Brillengläsern, so daß sein Auge fast verdeckt war, und dennoch sah sie, daß alles in ihm loderte vor Leidenschaft. Und plötzlich kam es über sie wie wonniges, seliges Maiengefühl, und unwillkürlich faltete sie die Hände vor sich auf der Platte des Tisches. Nein!" sagte sie klar und laut. Nickt?" fuhr er auf. Sein Blick suchte ihre Hand, an deren Finger ein einziger schmaler Reif mit einem kostbaren Opal schimmerte. Hast du etwas zu deiner Vertheidigung anzuführen?" sprach der Jurist aus ihm. Sie neigte den Kopf. Willst du mich hören?" Er hob das Glas und machte, einen tiefen Zug thuend, ein bejahendes Zeichen. Da begann sie zu sprechen: Es war an einem Frühlingsabend, so wie heute schaltete sie ein. Wir wollten uns am Ende des Parkes treffen, wie immer. Du wolltest es ja nicht, daß wir eher vor Tante und Onkel, die mich nach der Eltern Tode so liebevoll aufgenommen, träten, als bis du den Assessor gemacht. Ich war sehr in Anspruch genommen: Das kleine Töchterchen der Cousine, welche ihr Kind zu den Eltern gebracht, als sie mit dem Gatten nach Afrika zur Schutztruppe gegangen, und das diese vergötterten, war unruhig und machte mir sehr zu schaffen. Kein - Elfe wollte schon laufen, und beständig mußte jemand in ihrer Nähe sein, um einen Unfall zu verhüten. Im Haufe erwarteten sie Logierbesuch, und alles war in fieberhafter Thätigkeit, so daß niemand mich bei dem Kinde ablösen konnte. Es wurde später und später. Ich hörte schon gar nicht mehr, was das kleine Mädchen in seinem Kauderwelsch vorbrachte, das mich doch sonst so entzückle, ich horchte nur fieberhaft auf das Schlagen der Thurmuhr unten im Dorf. Schon eine Stunde war vergangen über den Zeitpunkt, an dem du mich erwartetest. Da hielt ich es nicht mehr aus. Das Fest stand vor der Thür, ich fürchtete dich nicht mehr zu sehen. Dazu hatte ich mich photographiren lassen und brachte dir mein Bild ich setzte das Kind auf .eine Decke, gab ihm ein Spielzeug in die Hand und eilte hinaus. Der weite Gutshof war wie ausgestorben, keiner zur Hand, den ich zu der Kleinen hinaufschicken konnte. Ich flog mehr, als ich lief, ich blieb nur wenige Minuten bei dir. Als ich in den Hof zurückkehrte kam die Tante mir mit Elschen auf dem Arm entgegen: Wie unrecht von dir. Dora", sagte sie streng, das Kind hi:r auf das troh am Wege zu setzen." Ich war verständnißlos. Wie, was?" stammelte ich. Dort auf dem Strohbündel untcr den Fenstern saß sie," erwiderte die Tante ungeduldig, kein anderer als du kann das Kind doch dahin gesetzt haben." Wie ein eisiger, lähmender schrecken kam es über mich. Ich riß ihr das Kind vom Arm und drückte es küssenö und schluchzend an mich. Auf ihrem Zimmer untersuchte ich Elschen aufs sorgfältigste. Sie schien unversehrt und jauchzte vor Freude. Tu kannst dir vorstellen, mit welch' einem Gefühl der Erleichterung mich die Laute des Kindes erfüllten. Es war kein Zweifel, die Kleine war auf das Stühlchen uno von dort auf das Gesims gestiegen und aus dem geöffneten Fenster gestürzt. Gottes Hand hatte sie gnädig bei dem Fall bewahrt. Die nächsten Wochen widmete ich mich ausschließlich der Pflege 'der Kleinen, die munter und vergnügt erschien, um doch in etwas mein Nnrecht gutzumachen. Nur fiel .uf. daß sie alle Gehversuche c. gestellt hatte und die Beinchen seltsam schlaff und bewegungslos herniederhingen. Der Arzt aus dem Städtchen, der herzugezogen wurde, verordnete Bäder und Einreibungen, als aber Woche auf Woche verging, ohne daß eine Besserung bemerkbar wurde, ließ der Onkel eine Autorität aus de: .iuptstadt kommen. ch war im Zimmer, als er das Ki. ' untersuchte. Ich sah, wie seine Mie..j ernster und ernster wurde, als er endlich das schreckliche Wort aussprach: Gelähmt für alle Zeiten! Dann fragte er, ob die Kleine vielleicht einmal einen schweren Fall gethan, der eine Nervenlähmung zur Folge gehabt hatte. Die Großeltern verneinten verwundert, sie konnten sich ja noch immer nicht darein finden, daß ihr herziger, munterer Liebling ein Krüppel, für immer von jeder Lebensfreude ausgeschlossen sein sollte. Wie ich diesen Tag überstanden habe, weiß ich nicht mehr. Ich stürzte den lieben, alten Leuten zu Füßen, ich bekannte alles. Sie haben mir kein Wort des Vorwurfs gesagt, nur getröstet und aufaericbtet baben sie mich.

Das war der Tag, an dem ich dir

schrieb, ich könnte dir nicht angehören, und dich bat, mich freizugeben. Ich betrachtete es als meine heiligste Pflicht, meine Leben von nun an dem kleinen Mädchen zu widmen, dem mein Leichtsinn allen Antheil an Glück und e' nsfreude gestohlen. Ich schrieb dir auch nicht, warum ich entsagt. Ich dachte, es sei besser, du wendetest dich in Bitterkeit über meine Treulosigkeit von mir und würdest vielleicht später mit einer anderen glücklich." Tiefer und t,efer hatte sie den Kovf geneigt, während langsam die Thränen auf ihre gefalteten Hände niedertropften. Er hatte sie mit keinem Laut unterbrochen. Den Ellbogen auf die Tischplatte gestützt, haftete sein Auge an dem blauen Aether, an .dem leichte Flatterwölkchen für Augenblicke das Licht der Sonne verdunkelten, um es nachher wieder um so wirksamer leuchten zu machen. Sein Auge haftete an dem schmerzzuckenden Munde, den frischen Wangen der ehemaligen Braut, über die immer noch sachte die Thränen herniederrieselten; und es durchbebte ihn wie ein Abglanz des unendlichen Leides, das sie in verzeihlichem, jugendlichem Leichtsinn auf sich geladen hatte. Nochmals fuhr sein Blick prüfend über sie hin. Etwas stark war sie geworden, ja aber sonst? Und wie sie jetzt das Taschentuch hob, um über die Augen zu fahren, wie sie den Mund zu dem alten lieblichen Lächeln zwang, das ihn früher so entzückt da war sie wieder ganz die alte als ständen sie an der Parkmauer von Groß-Booten, und es war wieder Frühling und Ein namenloses, gewaltiges Freuen war über ihn gekommen, aber gewaltsam versuchte er, dessen Herr zu werden, wenigstens äußerlich seine Ruhe zu bewahren. Und nun?" fragte er kurz. Sie setzte das Glas, aus dem sie den Rest genippt, auf den Tisch und griff nach ihren Handschuhen: Die Kleine starb vor zwei Jahren, noch che sie richtig wußte, wie viel ihr durch meine Schuld genommen. Ich habe ilr durch meine Liebe das Leben zu verschönen gesucht, wo ich konnte. Es war keine schwere Pflicht" ihre stimme bebte leicht, wie von unterdrückten Thränen , sie war so bescheiden, so dankbar für jede Freundlichkeit." Die Tante und der Onkel sind ihr bald gefolgt", fügte sie, sich aufrafsend, hinzu, Cousine Anna ist ihre Erbin, aber ihre Liebe hat mich so gestellt, daß ich sorgenfrei leben kann. Das ist mehr, viel mehr, als ich verdiente." Der Amtsrichter antwortete nicht. Bedächtig goß er die Gläser voll, daß kein Tapfen von dem köstlichen Naß verloren ging. Die Flasche war leer. Er hob sein Glas, um an das ihre zu klingen, und wie sie es zum Munde führten, trafen sich ihre Blicke über die goldklare Flüssigkeit hinweg und blieben aneinander haften. Da stellte er das seine hastig auf den Tisch, ihr seine beiden Hände entgegenzurecken und sie legte die ihren hinein. Da waren sie einig. 2ie erhoben sich, um den Heimweg anzutreten, auf beider Gesichtern der Abglanz des Frühlings draußen. Dem Kellner, der hereingestürzt kam, schob der Amtsrichter ein großes Geldstück hin und bewegte abwährend die Hand, als jener den Ueberschuß zurückzahlen wollte. Ihre Finger zwischen den seinen, so stiegen sie den schmalen Schlänge!pfad zum Thal hinab; Hand in Hand, obne sich anzusehen, eine große, heilige Ruhe im Herzen, so gingen sie im Spätsommer des Lebens in den Frühling hinein. Im Skat. Von Hans Ostirald. Kreuz neun noch ein! Jetzt hew ick genau! mit 'm Sößunsöhtig!" schrie Bauer Malnick. Dat 's jo laum Swieninpökeln; doa wird eenem joa ganz dösig!" Der kleine, dicke, kurzköpsige Wirth in der braunen Wolljacke rückte UNruhig hin und her und strich seinen hellen Schnurrbart. Er wußte, daß Malnick nicht gern Sechsundsechzig spielte, noch dazu, wenn er angetrunken war. Und er saß doch schon fast seit der Mittagsstunde hier mit ihm. Das Achtel", die kleine dicke Kornflasche, und das Bierseidel waren schon oft geleert worden, immer von beiden gemeinsam. Der Wirth wußte auch, was den Bauern in die Schenkstube getrieben hatte. Malnick war gewiß wieder der seiner Braut schlecht angekommen, der Tochter des Schlächters Kurz, die ihm von letzterem hock und heilig versprochen worden. E? war im ganzen Dorf bekannt, daß sie dem jungen Lehrer gewogen war da konnte sich ja der Wirth denken, was den Bauer von der Arbeit abhielt! Und gerade jetzt war so viel zu thun. Die Frühlingssonne wurde mit jedem Tage wärmer, es war die höchste Zeit, düß die letzte Sommersaat in die Erd kam. Auch die Kartoffeln konnten längst gesetzt werden. Die andern Bauern blieben bis in die halbe Nacht auf den Feldern, sie nutzten die Zeit gehörig aus.

Und dieser Malnick drückte sich in der Schenke herum. Der Wirth hätte beinahe laut aufgelacht, als der vierZlgjährige Bauer jetzt hinter die bunten Gardinen trat und nach der Schule hinüberlugte, die jenseits des DorfPlatzes hinter den Kastanienbäumen lag. Zwischen den dunklen, dicken Stämmen leuchteten die weißgestrichenen Obstbäumchen hindurch, die sich der Lehrer in seinem kleinen Vorgarten gepflanzt hatte. Für meine zukünftige Familie!" hatte er zu Malnick gesagt. Der Bauer zog seine dunklen, über der starken Nase zusammengewachsenen Brauen hoch empor und holte seine Pfeife aus der Brusttasche der Joppe. Gemächlich stopfte er sie und sagte durch die Zähne hindurch, mit denen er sie festhielt: Ick weeß nich, doa rennen de Lüd all wie verrückt up't Feld. Ick hew't nich so eilig, ick wer' immer noch foarch. Man mutz ook 'n beeten Tid för sick hewwen. Stimmt dat?" Jau, jau!" nickt der Wirth. Doa rackern's und rackern's ih ick hew Tid, ick hew Tid . . . denken's man joa nich, ick bün so dull wie 'n Windhund nach det Mächen," meinte er, indem er ein Streichholz auf dem Tisch anstrich. Als der Schwefel weggeflackert war, kam ihm zum Bewußtsein, daß er sich eben verrathen hatte. Ick krieg' dat Mädel joa doch!" schrie er. Noch 'n Achtel!" Der Wirth brachte das Verlangte. Als Malnick die Flasche absetzte, sah er, wie "drüben aus dem Schulhause der Lehrer heraustrat. Vom Schnaps noch mehr erregt als vorher, ritz er das Fenster auf und schrie dem Lehrer zu: Moser, kommen Se man eins her, speelen Se eenen Skat mit uns!" Der Lehrer, ein mittelgroßer Mann, gut gewachsen, mit offenen, klarblickenden Augen, kam lächelnd herüber. Mit dem größten Vergnügen!" Sie sahen, zu dritt mit dem Wirth, schon ein paar Stunden beim Spiel. Der Bauer spielte, wie er sich einbildete, um seiner Ehre willen. Er wollte dem Lehrer schon zeigen, daß er ihm über war! Der Lehrer hatte in der That bereits starr verloren. Dieser Sieg brachte Malnick ganz aus dem Häuschen. Der Schnaps, die dicke, qualmige Luft in der von einer Petroleumlampe erleuchteten Stube saß jetzt ein ganzer Schwärm rauchender Bauern und die Erregung des Spiels war ihm zu Kopfe gestiegen. Die Adern an seiner trockenen Stirn schwollen hoch an. Der Lehrer erklärte, er müsse aufhören, sein Geld sei zu Ende. Er war ganz ruhig und spielte lässig, rein aus Gefälligkeit für Malnick. Da kreischte Malnick auf: ein lustiger Gedanke war ihm gekommen. Laut pruschend lachte er, und endlich stieß er hervor: Ick ick weet . . . een' Jnsatz een' Jnsatz . . Er lachte wieder, vor- und rückwärts wippend. Na?" fragte der Lehrer. Kurz'n Kurz'n siene Dochter!" Der Lehrer machte erst ein unwilliges Gesicht, lachte dann aber: 's ist gut!" Der Wirth gab die Karten. Die Bauern drängten sich dicht herzu. Der Lehrer, blaß geworden, spielte ein Solo. Er warf ruhig die Karten hin, während Malnick immer krachend aufschlug. Als das Spiel zu Ende war. hatte keine Partie die nöthige Anzahl Points. Endlich suchte man auf der Erde nach dem Skat, der hinuntergefallen sein mußte. Da lagen Herz-Aß und Herz-Dame. Der Lehrer hatte nun doch gewonnen. Na, selbstverständlich gilt das Spiel nicht!" meinte er lächelnd. Da lallte Malnick, dem beim Bücken schwindlig geworden war: Ne, ne, der qiww't nich! Dau, dau büst 'n fixen Kirl! Wat wat verspeelt is . . . is verspeelt... Oh, dau büst 'n fixen Kirl! Kumm, giww mi een Kuß... awerst 'n söten!" . m Ja, wenn Sie Schulze heißen!"

Diese in Deutschland geläufige Redensart wird folgendermaßen erklärt: Um das Jahr 1840 gab es in Leipzig einen Billardspieler Namens Schulze, der es als solcher zu einer so großen Meisterschaft gebracht hatte, daß gewöhnliche Spieler nur selten eine Partie mit ihm wagten. Eines Tages bot ihm ein Fremder, der öfters nach Leipzig kam und von ihm gehört hatte, eine Partie an. Schulze ließ seinen Gegner zunächst einen bedeutenden Vorsprung gewinnen und erst zuletzt, als dieser seines Sieges fast sicher war, warf er die Maske ab und spielte die Partie in einem Zuge zu Ende. Der überraschte Fremde sagt ihm etwas Schmeichelhaftes und bittet um Nennung seines Namens. Kaum hat er diesen zu seiner Ueberraschung vernommen, so ruft er aus: Ja, wenn Sie Schulze heißen!" und setzt den Billardstock beiseite. Seitdem bedient man sich häufig dieses Ausrufs, sobald Jemand unerwartet etwas Ungewöhnliches geleistet hat. ' Abkühlung. So in Gedanken, mein Herzensweibchen! An wen denkst Du denn jetzt?" An Dich." Ach, ist das aber lieb von Dir!" Ja, ich denke an Dich, Männchen, was Du wohl für ein Gesicht machen wirst, wenn Du nachher die Rechnung für die Hüte siehst, die ich mir heute gekauft habe."

Bom Jnkmde.

Ueber Regenerzeugung sHokuspokus wird aus Los Angeles. Eal., berichtet: Ein Comite von Geschäftsleuten hat dem Regenmacher" Chas. Hatsield 1000 ausbezahlt. Besagter Hatfield fabiizirt Regen künstlich oder behauptet wenigstens so. Am 15. December etablirte et sich in Altadena, in den Vorbergen der Sierras, 20 Meilen von Los Angeles, nachdem er die Zusage erhalten hatte, wenn er bis zum 1. Mai 18 Zoll Regen schaffe, so werde er $1000 erhalten. Nun hat es aber seither 26,49 Zoll geregnet, während sonst der Regenfall in dieser Zeit beträchtlich unter 13 Zoll blieb. Es gab vor einigen Wochen sogar eine förmliche Ueberschwemmung in Süd - Californien. jedoch ist man gerade nicht geneigt, sie auf Hatfield's Conto zu setzen. Er operirt mit einem Gas, das er durch einen hohen Kamin in die Luft schickt. Ein zehnjähriger Knabe aus Menominee, Mich., Freddie Carlander, hat durch seine Besonnenheit ein großes Vahnunglück verhütet. Ein scheu . gewordenes Pferd des James Briggs fiel auf einer hölzernen Bahnbrücke in solcher Weise zwischen die Schwellen, daß es sich nicht wieder frei machen konnte und die Geleise vollständig blockirte. Freddie sah den Vorfall mit an, und da er wußte, daß ein Zug der Northwestern - Bahn bald fällig war, lief er schnurstracks nach der Richtung des ankommenden Zuges und schwenkte seine rothe wollene Mütze so lange, bis der Zug ungefähr fünfzig Fuß vor dem Hinderniß zum Stehen gebracht wurde. Hätte der Knabe nicht die Geistesgegenwart gehabt, die Gefahr rechtzeitig zu erkennen, so wäre der Zug, wie der Lokomotivführer sagte, sicher entgleist. Ueber das Asyl für g e ist e s k r a n k e Indianer in Canton, S. D., wird von dort berichtet: Die Kosten des Asyls sind recht bedeutende, und die Anforderungen für Verbesserungen wiederholen sich von Jahr zu Jahr. Es ist vielfach die Ansicht verbreitet, daß die Indianer gar nicht geisteskrank werden können, und deshalb macht sich auch ein Wiverstand geltend gegen die Anforderungen für ein? Einrichtung, die nach dieser Ansicht keine praktische Existenzberechtigung hat. Nun befinden sich aber gegenwärtig 31 Indianer im Asyl, lautcr ausgesprochene Fälle von Geisteskrankheit. Darunter sind 23 Männer; da aber die Abtheilung für Männer und für Frauen nur je 24 Plätze haben, so ist die Männerabtheilung fast voll. Außerdem aber gielt es noch genug Indianer, die in's Asyl gehören, und es ist auch für die nächste Zeit Zuwachs zu erwarten. Nach diesen Angaben erhält man den Eindruck, daß das Asyl doch seine Existenzberechtigung hat. Diebeiden ältesten Einw o h n e r von Footville, Wis., sind Francis Davis und seine Frau Hattie, er 108, sie 105 Jahre alt. Sie sind ehemalig? Sklaven, die durch Lincoln's Proklamation frei wurden. Das hochbetagte Paar steht in hoher Achtung bei Allen, die es kennen. Während des Krieges diente Davis in der Unions - Armee als Koch, er war ein Jahr larg bei einem Wisconsiner Regiment. Frau Davis kochte gleichfalls für die Unions - Truppen, und zwar für die Offiziere des 2. Wisconsiner Cavallerie - Regiments. Nach dem Kriege wurde sie von Truman Kimball, James Baxter und Anderen mit nach Janesville genommen, wo sie ihren Mann kennen lernte. Dann kauften sich die Beiden eine Farm im Town Magnolia und zogen erst vor etlichen Jahren nach Footville. Beide sind rüstig und gesund und erinnern sich der Zeiten sehr wohl, als sie noch als Sklaven in den Südstaaten arbeiten mußten. Doch erklärte Davis, daß er über schlechte Behandlung nie habe klagen können. Nachdem er sein ganzes Leben, 67 Jahre lang, in zwei Republiken verbracht, wartet Mich. Conrad nun in der County - Jail zu Superior. Wis.. auf die Abfahrt des Dampfers, mit dem er in ein von einem Monarchen regiertes Land deportirt werden soll, und zwar auf Grund der Einwandcrungsgesetze der Ver. Staaten. Conrad ist in der Schweiz geboren und kam mit 21 Jahren nach den Ver. Stac-tn. wo er bald die ersten Papiere herausnahm, um Bürger zu werden. Aber er versäumte es, die zweiten Papiere sich ausstellen zu lassen, da er niemals Anlaß dazu fand. Vor Kurzem nun fuhr Conrad nach Port Arthur, Canada. Dieser Tage kam er mit dem Dampfer Easton" zurück, wurde aber vom Einwanderungsinspektor Dean angehalten, da er kein Bürger der Ver. Staaten war und nur $5 Baargeld bei sich trug, sodaß ihm nach Abzug der Kopfsteuer von $2, die jeder Einwanderer zu zahlen hat, nur $3 bleiben würden. In Hinsicht auf das Alter des Mannes erklärte ihn der Inspektor für einen unerwünschten Ankömmling und verfügte, daß er zurückgebracht werden müsse, woher er gekommen sei, nämlich nach Canada. Daß Conrad 46 Jahre lang in den Ver. Staaten lebte, kann ihn dm Buchstaben des Gesetzes nach nicht schützen.

Tcr Speisezettel der Lappländer.

Der Name Lappland deckt drei Nordpolgegenden mit drei verschiedenen Rassen; die Skandinavier imNorden von Schweden und Norwegen, die Finnen in Nordfinland und die eigentlichen Lappen im nördlichen Rußland, insbesondere auf der Halbinsel Kola. Das sind dreierlei Völker, denen auch dreierlei Küchen entsprechen. Das Hauptnahrungsmittel der Skandinavier sind Fische. Sie essen solche gesalzen oder getrockn:!; besondere Zubereitung erfahren nur einzelneLeckerbissen, wie in Wasser gesottene Stockfischleber, ein sehr geschätztes Gericht. Nach den Fischen kommt die Milch, die in der üblichen Form von Rohmilch, Butter und Käse genossen wird. Jedes Individuum konsumirt 15 bis 20 Kilogramm Butter jährlich, ein sehr beträchtliches Quantum. Ebenso wird' viel Käse gegessen, und zwar in verschiedenen Formen, unter denen der Mysoft" der beliebteste ist. Dieser König der Käse" wird aus Magermilch hergestellt; er sieht wie Seife aus. schmeckt auch so, einem civilisirten Europäer wenigstens. Gemüse und Brot wird wenig gegessen, letzteres nur in Form harter Kuchen und Roggen. Gerste oder Hafer. Auch Fleisch wird nicht viel verzehrt, namentlich kein frisches. Bei festlichen Anlässen ist gesalzenes Rennthierfleisch sehr beliebt. Viel ärmlicher geht es bei den Finnen zu, die fast in beständiger Hungersnoth leben. Sie essen nur Fische und trinken Milch, essen keine Butter, keinen Käse, kein Brot oder höchstens solches, das aus zerstoßener Fichtenrinde bereitet ist. Die eigentlichen Lappen haben die größte Mannigfaltigkeit in der Küche. Sie haben zum Beispiel zahlreiche Methoden, die Rennthiermilch zu konserviren. Diese Milch ist dick und zähe wie Kleister; man würzt sie mit Beeren und macht sie in Fässern ein. Eine andere Sorte läßt man gefrieren und bewahrt sie als Eis auf, das man nach Bedürfniß aufthauen läßt. Aus Rennthiermilch wird auch ein Käse bereitet, der sehr nahrhaft ist; der nomadische Lappe genießt ihn, indem er ihn in Scheiben schneidet und in Kaffee taucht. Frisches Fleisch wird nur genossen, wenn der Lappe ein Thier seiner Heerde schlachten muß. Dann sucht er aber zuerst seine Leckerbissen heraus: Leber, Herz, Nieren und Därme. Bei der Zubereitung dieses Lieblingsessens wird sorgfältig darauf geachtet, daß beim Kochen der Schaum abgeschöpft wird; dieser wird dann als besonderes Gericht warm aufgetragen. Woher die Kipfel kommen. Ueber den Ursprung der Kipfel, jencs bekannten österreichischen Gebäcks, erzählt Franz Goldhann aus Graz: Zu den ältesten Häusern Wiens zählt das sogenannte Kipfelhaus" in der Grünangergasse. Schon 1645 befand sich daselbst eine Bäckerei, die zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung von Peter Wendler betrieben wu-de, der damals zum Spott des vertriebenen Erbfeindes" ein halbmondförmiges Gebäck, Kippel" erzeugte, das sich rasch allgemeiner Beliebtheit erfreute. Ueber dieses ..Kipfelhaus", das schon seit dem 17. Jahrhundert meinen Vorfahreil angehörte, besitze ich AufZeichnungen meines Großvaters, des Wiener Bürgers Josef Anton Goldhann, aus dem Jahre 1845, deren Wortlaut folgender ist: Das in der Grünangergasse zu Wien befindliche Haus No. 841 spielt in der Geschichte der Bäckerey eine merkwürdige Rolle, und zwar nicht nur rücksichtlich der genannten Stadt oder Oesterreichs allein, sondern auch vieler fremder Länder. Das Bäckergewerbe haftet bereits feit 1585 (15. März) auf diesem Hause. Selbes bildet gewissermaßen die Chronik der mit Recht berühmten Wiener Backerey, ja es ist dieses Haus die Wurzel, die Pflanzschule der Kunst, Brot zu backen, übergangen auf Frankreich, aufEngelland. aufNeapel, auf die meisten europäischen Hauptstädte und ganz neuerlich erst durch den jetzigen Bestandmeister Leopold Wimmer auf Schwedm. wie manches Zeitalter schon berichte,?; unter andern? rührt auch die Gestalt jener Brotqattung, welche man Kipfel (auswärtig Hörndl, Hörnchen) nennt, von einem der Bäckermeister des besagten Hauses her. Zur Zeit der zweyten Türkenbelagerung, nehmlich 1683, waren die Eheleute Peter und Eva Wendler auf diesem Gewerbe und hatten den patriotisch humoristischen Einfall, dieser Gattung des Gebäckes, dem moslemitischen Halbmond zum Trotz und Hohn, die Form desselben zu geben. Dies ift thatsächlich der Ursprung zu einer in der ganzen Welt verbreiteten Brotgestalt. Das hier in Rede siehende Haus gehört wohl mit Recht unter die geschichtlichen Gebäude Wiens und gibt Anlaß, den Wunsch zu erneuern, daß noch so viele andere historisch gewürdigt werden möchten." E i n moderner Papa. Da kleine Mariechen: Hast du auch einen Papa?" Das kleine Lieschen: Ja, aber er ist schon sehr lange verreist." Daö kleine Mariechen: Aber wer kocht denn da bei Euch früh Kaf-fee?"

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