Indiana Tribüne, Volume 28, Number 227, Indianapolis, Marion County, 17 May 1905 — Page 7
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KrachZ 6 IX oman X cS ßanns von Zobeltitz X
(Fortsetzung.) Er ließ sich, als die Damen den Flur verlassen hatten, den Pelz abnehmen und trat mit dem Sohn in sein Arbeitszimmer. Ein wenig verdrießlich, schien es. Wenigstens ging er ein paarmal auf und ab, sich die Hände reibend, ehe er sich Willy wieder zuwandte. Du stehst auch da. als begriffst Tu Teinen Vater nicht. Geradeso wie Bernhardine und die gute Schotten. Es bedürfte wahrhaftig erst des warmen Wortes von Lora. um das Eis zu brechen. Das vergesse ich ihr nicht. Ist es denn etwas so Merkwürdiges, daß ich uns einen Gast in's Haus bringe?" Lieber Papa, wir standen alle unter dem Eindruck der ersten Ueberrafchung. Und verzeih' dies junge Mäochen macht in der That einen etwas merkwürdigen Eindruck." :am ja! Sie ist aber ich will Dir lieber erzählen Er setzte sich in den Sessel vor seinein Schreibtisch, kreuzte die Hände im Schooß und nickte dem Sohne zu: Geht's Dir gut? Ich hab' wahrhaftig noch nicht danach gefragt. Schön! Also höre: Mit dem Frans Hals war es nichts. Kopie . . . und nicht einmal eme gute, auch miserabel erhalten. Ueberhaupt das ganze Schloß, übrigens nur ein altes Herrenhaus, total im Verfall. Das Gut kommt in den nächsten Wochen zur Subhastation, bei der nicht einmal die Hypotheken ausgeboten werden dürften. Nun ... ich fragte ganz beiläufig den Verwalter nach den Hinterbliebenen des verstorbenen Besitzeis. Eine traurige Geschichte. Nur dies Kind da; keine Anverwandten, die sich seiner angenommen hätten; Freunde hat der Baron wohl auch nicht gehabt. Freunde in der Noth man kennt das ja! Da bat denn das wohlweise Gericht in Lüneburg den Pächter einer armseligen Nachbarklitsche zum Vormund gepreßt bei dem war die Kleine Siehst Du. es ist gewiß zuerst nur ein Augenblicksempfinden von mir gewesen. daß ich mit Wellried hinüberfuhr, mich mal nach dem Kinde umzusehen. Aber als ich dann der Maria gegenüberstand in dem Pächterhause, das eigen'tlch nur eine Bauernkate war, da konnt' ich nicht anders: ich mußte einseifen. Tu hotttfl das nur leben sollen! 3fb tt'll d'.-n Staa. dem Vormund, ja kemen Vorwurs machen. Der hat wohl gethan, was er, der eigenen Lag? und seinem Bildungsgrade nach, thun konnte. Die Familie war groß, gezahlt wurde für die kleine Maria so gut wie nichts, die Frau machte auch einen harten Eindruck das arme Wurm war augenscheinlich der allgemeine Aschenbrödel. Da dacht' ich. wie das Schicksal uns eigentlich immer alle Wege cefcnef hat, mir und Euch und hie? sollte dies Kind aus gutem Hause elend verkümmern? So scheu war sie wie ein Vögelchen und wirklich in den letzten drei Jahren ein halbes Vauernkind geworden. Nun . . . kurz und gut . . . ich hab' gleich auf dem Gericht in Lüneburg alles glatt gemacht: man war dort heidenfroh, daß ich die Fürsorge übernahm. Und vorläufig soll sie nun hier bleiben, sich erst ein wenig herausmausern. Ob ich sie dann in eine Pension gebe oder Fräulein von Schottens Fürsorge weiter unterstelle, das weiß ich noch nicht, auch natürlich nicht, wie ich für ihre weitere Zukunft sorgen werde . . Der Geheimrath brach ab und schien irgend eine Entgegnung zu erwarten. Willy war in einiger Verlegenhetl. Er konnte der Empfindung nicht He.r werden, daß der Vater voreilig gehandelt habe, daß dies junge unbeholfene Ding hier im Hause überall anecken müsse, sich selbst zur Qual, Niemand recht zur Freude. Nach einem kurzen Zögern half er sich mit einigen allgemeinen Worten. Laß nur, Willy." fagte der Vater ein wenig ironisch. Und dann: Du bleibst zu Tncb? Ich will nur eia wenig den Reisestaub abschütteln wir können gleich essen. Bitte sag doch draußen, daß ich Fräulein Lora bitten lasse, zu bleiben, da der alte Graf nicht daheim ist " Die Tafelrunde war heut sehr klein. Nur Excellenz Graban war im Vorübergehen heraufgeflitzt, um zu hören ob die Lüneburger Heide ihn endlich losgelassen habe" und festgehalten woroen. Maria Apelhode saß zwischen dem Hausherrn, der Lora zur Linken hatt, und Fräulein von Schotten; Willy gerade gegenüber. Unbehilflich in allem und jedem, sichtlich verängstigt. Sie wagte kaum die Speisen zu berühren, und auf die leisen freundlichen Worte von rechts und links hatte sie nur ein fchüchternes Ja oder Nein. Es drückte wohl alles auf sie: die fremden Gesichter, der ganze Zuschnitt des Hauses. Trotzdem machte sie auf Willy einen etwas günstigeren Eindruck als vorhin. Der Gesichtsschnitt war bei aller Unregelmäßigkeit sympathisch. Das Haar, das sie .nach Bauernart am
Scheitel ganz straff anliegend trug, hinten kl einen breiten Zopf aufgesteckt, zeigte ein schönes, dunkles Kastanienbraun. Die Hände waren freilich vollständig ungepflegt und verarbeitet, aber klein und gut geformt. Und als sie einmal die Augen hob. nur auf einen kurzen Moment, dachte er unwillkürlich: Die Augen werden es Papas gutem Herzen angethan haben. Es sind ja die richtigen Rehäugen." Dann und wann meinte er auch, in ihrer ungelenken Art noch Spuren einer besseren Erziehung in der Kinderzeit zu bemerken. Sie handhabte Messer und Gabel leidlich manierlich. Tböricbt war sie auch nicht. Er mußte leise lächeln: als der Diener Artischocken reichte, konnte er deutlich sehen, daß sie mit den Tingern nichts anzufangen wußte, und er war neugierig, wie sie sich benehmen würde. Aber es ging gut: sie guckte heimlich auf den Teller und die Hände von Fräulein von Schotten und verfuhr ganz geschickt nach deren Vorbild ES klappte allerdings nicht immer so gut. Hardi kam plötzlich auf den unglücklichen Gedanken, mit dem Gast anstoßen zu wollen. Das setzte dat Mädcben in die schrecklichste Verlegenheit. Das Blut schoß ihr in's Gesicht, sie wagte kaum nach ihrem eigenen Glase, das sie noch nicht berührt hatte, zu fassen. Aber dann mochte ihr irgend eine Erinnerung kommen und sie trank es. wie pflichtschuldigst, in einem langen Zuge leer. Der' Geheimrath war in bester Stimmung. Dann und wann nahm er sich seiner kleinen Nachbarin mit irgend einem herzlichen Wort, einer leisen, zartfühlenden Hilfe an. Sonst unterhielt er sich fast ausschließlich mit Lora. Er entwickelte dabei all die Eigenschaften eines glänzenden Causeurs, wegen derer er berühmt war, und das junge Mädchen ihre ganze Kunst, artig zuzuhören und doch ab und zu mit einer treffenden Bemerkung dem Gesvräch eine neue Wendung zu geben, ihm neue Pfade zu öffnen. Er erstaunte immer mehr über die Vielseitigkeit ihrer Interessen. Welches Gebiet er auch anschlug und er liebte eine etwas sprunghafte UnterHaltung immer wußte sie ein kluges Wort hinzuzugeben, das ihm doch stets noch Raum für eine kleine Erörterung ließ. Vor allem war es natürlich wieder die Kunst, die ihnen unerschöpflichen Stoff bot. Aber dann kamen sie auf Italien zu sprechen; der Geheimrath erzählte von seinen Rei fen, die ihn auch abseits von der großen Heerstraße der Touristen in manch kleine interessante Bergstadt geführt hatten. Und da entschlüpfte Lora ein Wort, das er freudig aufgriff: Ah . . . wenn mir das Leben das einmal bieten wollte " saate sie. und er hatte in ihren Augen sogleich das Aufleuchten eines starken Wunsches bemerkt. Es wird daran gewiß nicht fehlen, Fräulrin Lora! Das Leben bietet jede Chance, nur verstehen es die Menschen meist nicht, sie zu erfassen und festzuhalten, weil sie immer über das Erreichbare hinweg nach öem Unerreichbaren greifen." Ich nicht. Herr Geheimrath. Wirk. lich nicht. Ich bin an und für sich minbestens keine unzufriedene Natur; dann aber hat mich das Leben zur Bescheidenheit erzogen." Sie sagte es ganz einfach und schlicht, wie etwas Selbstverständliches. Ihr Leben, Fräulein Lora? Ihr Leben kommt ja erst. Und ich prophezeie Ihnen " Bitte, prophezeien Sie nichts! Ich könnte am Ende daran glauben und Enttäuschungen sind schwer zu tragen." Darauf möchte ich es ankommen lassen. Glauben Sie nchia,. Also ich prophezeie Ihnen es ist ja auch etwas so unendlich Bescheidenes innerhalb der nächsten drei Jahre eine Romfahrt. Das heißt: selbstverstandlich nicht nur so die landesüblichen drei Wochen in der ewigen Stadt, in denen man nur schlürftn. nicht genießen kann, sondern eine wirkliche Romfahrt von mindestens sechs Monaten. Ah ich möchte wohl mit Ihnen in der Sirtinischen Kapelle stehen oder mit Ihnen zur Villa Borghese hinaufpilgern! Die Augen möchte ich sehen, mit denen Sie dort Michelangelcs Wunderdecke und hier Tizians ,Jrdische und Himmlische Liebe' anschauen. Eine Welt zwischen beiden, und doch beides höchste, edelste Kunst!" Einen besseren Führer könnte ich mir jedenfalls, selbst in den verwegensten Träumen, nicht wünschen " Wieder hatte Lora das ganz schlicht und einfach, wie etwas Selbstverstandliches, gc'agt, freilich mit einem sehr verbindlichen Lächeln und indem sie dem Geheimrath das schöne Gesicht voll zuwandte. Er legte ihren Worten auch durchaus seinen tieferen Sinn unter, verstand sie ganz richtig so, wie sie gemeint waren. Aber er freute sich ihrer, und das spiegelte sich in seinen Zügen wieder und m der lebhafteren, wärmeren Weise, in der er weitersprach: .Und ich würde eS als einen ganz besonderen Genuß schätzen, Ihr Cicerone zu sein. Fräulein Lora. Ja. Rom ist wunderbar. Aber ich meine fast, wir Beide passen noch besser nach Florenz, in die Stadt der Mediceer. S glauben acrr nicöt. wie das Herz und Seele erfrischt, früh über den Arno hinwegzuschauen auf die reizenden grünen Hügelketten, dann ein paar Stunden in oen Uffizien zu schwelgen und am Nachmittag etwa der Villa deö großen Cosimo einen Besuch abzustatten. "
Willy lauschte längst mit gespannten Zügen über den Tisch hinüber. Ein merkwürdiger Argwohn war plötzlich in ihm aufgestiegen. Der Vater hatte in seiner immer noch jugendlichen, ritterlichen Art den Frauen stets gern gehuldigt; aber es hatte dann einen nun ja! einen etwas onkelhaften Beigeschmack gehabt. Heut gab er sich ganz anders, unendlich interessirter, persönlicher. Er widmete sich fast ausschließlich Fräulein von Kolanen. Auch allerlei kleine Äußerlichkeiten fielen Willy auf. Daß der Vater erregter war als sonst, daß er weniger ah, aber hastiger trank. Und er erinnerte sich, daß er immer eine besondere Vorliebe für Lora gehegt hatte. Ja in den letzten Wochen hatte er sie geradez" mit einer gewissen Beflissenheit, wieder und wieder, in's Haus gezogen . . . War des wirklick etwaS wie ein Johannistneb, der in ihm erwacht war? In unserm ruhigen, verständigen, würdigen alten Herrn? Eigentlich kaum denkbar! Und doch und dennoch Armer Vater! Dies schöne junge Mädchen wirst Du Dir nicht erringen! Gerade weil es nicht nur schön, fondern auch klug ist. Klug genug, den Abstand der Jabre nicht zu übersehen . . . Aber wenn sie nun so klug ist, sich über diese Differenz hinfortzusetzen? Es mochte manch schönes kluges Mädchen gebm, das trotz allem die Vortheile zu schätzen wußte, die die Stellung an seiner Seit bot, und auch ihn selbst! Ein bitteres, häßliches Gefühl stieg in Willy ans. Es war noch weit entfernt von Eifersucht, weit entfernt von Neid, und doch lagen die Wurzeln zu beiden in ihm. Es richtete sich dabei nicht so gegen den Vater geschweige denn gegen Lora. Vielmehr gegen sich selbst. Da hatte ihn nun dies wunderschöne Mädchen interessirt von dem Tage an, da er ihr zufällig im Baldin'schen Garten begegnet war. Interessirt? Nein, mehr als das! Denn dies Interesse wäre nur ein äußerliches gewelen, er aber fühlte sich noch mehr als durch ibre Schönheit durch ihre vornebme Anmuth, ihre ganze Art, sich zu aeben, gefesselt Sie war zu ihm stets liebenswürdig gewesen. Nickt mehr. Aber auch daraus rotte er Gelegenheit schöpfen können. sich ihr zu nähern, um sie besser kennen zu lernen. Er aber hatte mit Frau Baldin getändelt, sich ein wenig an den Triumphwagen der koketten Frau spannen lassen, auch das ohne jede tieferen Herzensantheil. Immer noch der thörichte Falter, der am liebsten von einer Blüthe zur andern flattert Pah! Er warf trotzig den Kopf zurück. Sei kein Narr, rede Dir nichts ein! Das. was Du für die prächtige Blüthe dort zu empfinden glaubst, ist auch keine Liebe. Im Grunde Tu ärgerst Dich! Sich ärgern, ist immer dumm. Man macht so gar nichts besser dadurch Und dann: es ist ja Unsinn. Alles Unsinn. Der gute Papa spielt ein wenig den liebenswürdigen Schwerenöther weiter nichts! Das war eigentlich immer seine Art. Er unterhält sich gut, er flirtet, mit Respekt zu denken. Warum sollte er nicht? Plötzlich fühlte Willy Hardis Hand auf seinem Arm und hörte ihr leises Stimmchen: ..Ach. Willy, sei doch ein bissel gut zu mir . . Und als er ihr ganz erstaunt in's Gesicht sah. waren ihre Augen feucht. Dummerchen, was hast Du denn?" gab er leise zurück. Bei Hardi war Lachen und Weinen immer in einem Sack. Jetzt zeigte sie ihm schon wieder die weißen Mäusezähnchen: Anstoßen sollst Du mal mit mir! Weißt Du... früher als Student, als Tu noch lustig warst, da tranken wir oft auf den bewußten alten General . . ." Ja so. Kleine! Also gut: unser alter General Quenousaimons soll leben! Tu Tu! Ist's wieder mal unruhig da?" Sie wurde dunkelroth und zupfte krampfhaft an der Eisdecke auf ihrem Teller. Aber sie antwortete nicht. Es belustigte ihn. Er dachte an nichts Ernstes. Hardi das Kind! Und er horchte auch soeben wieder nach drüben. Tenn der Vater erzählte gerade eins der kleinen Geschichtchen, in denen er groß war. Ein Geschichtchen aus seiner Jugendzeit, von einer seiner Kousinen, oer Tochter eines altangesehenen Berliner Handelsherren. Sie hatte einen Grafen geheirathet eine wirkliche Liebesheirath, nebenbei bemerkt" und war zum ersten Ma ; bei Hofe. Da fragte sie ein als hochmüthig bekannter Prinz: Womit handelte doch Ihr Herr Vater, Gräfin?" Und sie antwortete schlagfertig: Königliche Hoheit mit Verstand!" Das war beneiden swerth gesagt!" hörte Will'a Loras volle Stimme. Diese Dame hätte ich kennen mögen." Ich werde Ihnen nachher ihr Bild zeigen, Fräulein Lora. Es steht drüben auf meinem Schreibtisch ein kleines Pastell von Krüger, das sie mit ihrer Schwester zusammen darstellt. Das war auch eine merkwürdige Frau. Sie heirathete blutjung und zum Entsetzen der ganzen Sippe einen Mann, der wohl dreißig Jahre älter war als sie. Und das Merkwürdigste war: sie ist sehr glücklich geworden." Ist das wirklich so merkwürdig?Es war eigen: Willy wollte es scheipeil, als aereue Lora das Wort, kaum
öaß sie es ausgesprochen hatte. Auf einen Moment wenigstens schlug sie wie in leichter Verwirrung die Augen nieder. Und es mochte ihr willkommen sein, daß Excellenz Graban sich mit einem Scherzwort in das Gespräch mischte: ..Merkwürdig? O nein! Merkwürdig wäre nur der umgekehrte Fall, daß sich ein Mann von zwanzig Jahren in eine Frau von sechzig verliebte. Und doch behauptet der Treppenwitz der Kulturgeschichte, auch das sei schon vorgekommen. Der berühmten Ninon de l'Enclos nämlich und erschrecklicherweise sei der verliebte Seladon sogar der eigene Sohn gewesen. Aber die Ai ekdote entstammt einer so erfindungsreichen Zeit, daß ich nicht recht an sie glaube." Willy tippte mit seinem Glase wieder an das Glas der Schwester und raunte leise: Was. Hardi? Das Beste ist, wenn gleich sich zu gleich gesellt'" Der Vater konnte die Worte nicht gehört haben, aber er hatte die Bewegung geseben. Und nun erinnerte er sich wobl plötzlick des armen Herzchens. Er hob sein Glas und nickte der Tochter zu, mit einem bedeutungsvollen lächeln. Dann hob er schnell die Tafel auf. Nach Aufhebung der Tafel gab es noch einen kleinen Unfall. Maria Apelhode schien ganz rathlos. Sie warf beim Aufstehen den Stuhl hinter sich um und machte dann nach allen Seiten verzweifelt tiefe Knickfe. Bis Lora fchnell an ihre Seite trat und ihre Hand faßte: So, liebes Kind, nun wollen wir ordentlich miteinander plaudern. Kommen Sie nur mit mir " Der Kaffee wurde im Arbeitszimmer des Geheimraths genommen. Lora hatte sich mit der kleinen Maria in eine Ecke des großen bebaalichen Raums zu-'ickgezogen, wo sich auch bald H rd? hinzugesellte. Die drei Herren rauchten vor dem Kamin ihre Cigarren. In der Seele des Vaters schien noch die Erregung, die er schon bei Tisch gezeigt hatte, nachzuzittern. Er sprach lebhaft und "iel, fragte Willy nach dem Fortgang seiner Unterhandlungen mit Salester. plauderte über seine Reiseeindrücke, über die mit Unrecht verrufene Lüneburger Heide und die alte Stadt Lüneburg selbst, neckte sich mit seinem Freunde Graban. Trotzdem wollte es dem Sohn scheinen, als sei er nicht ganz bei der Sache. Seine Blicke gingen immer wieder, fast wie ungeduldig, nach der Ecke des Zimmers, in der die Damen saßen. Als Fräulein von Schotten kam und Maria mit sich nahm, rief er hinüber: Fräulein Lora, wollen Sie sich nicht zu uns setzen? Du auch, Hardi?" Und dann fragte er: Nun, Maus, was sagst Du zu unsrer kleinen neuen Hauszenossin?" Ich kann witflich noch nicht urtheilen, Papa." Aber man hat doch wenigstens einen Eindruck." Sie zog ein wenig mißachtend die Achseln und schürzte die Lippen. Aber sie schwieg. Und Sie. Fräulein Lora?" Für ein Urtheil ist es ja zu früh. Herr Geheimrath," gab Lora zurück. Darin hat Hardi gewiß recht. Aber daß ein guter Kern in dem Mädchen steckt, das glaube ich bestimmt. Es ist ein so absonderliches kleines Menschenkind mit den verschüchterten braunen Augen, die immer zu bitten scheinen: ach, entschuldige doch, daß ich da bin." Ja. die Augen!" Ter Geheimrath nickte. Tiese Augen haben es mir auch angethan." Als wir vorhin mit ihr oben im Gastzimmer waren ivnd sie ihre paar Sachen auspackte, rührte sie mich geradezu. Wie ein Heimchen erschien sie mir in ihrer kindlichen Befangenheit." Hardi konnte nicht mehr an sich halten. Ein kleiner Bauerntölpel ist sie " Aber, Hardi!" Der Vater und Lora hatten es zu gleicher Zeit gesagt. Es ist doch so! Und ich weiß wirklich nicht, was wir mit ihr anfangen sollen! Sie paßt so gar nicht zu uns. Immer werden wir uns fremd fühlen, wenn sie zugegen ist. Selbst die Dienstboten werden über sie lachen " sprudelte Hardi heraus. Sei nicht böse, Papa. Aber Tu wolltest ja, daß ich meine Meinung sage . . ." Lora hatte ihre Hand mit sanftem Druck auf Berhardinens Arm gelegt. Sie fah eine Wolke des Unmuths auf dem Gesicht des Hausherrn und wollte vorbeugen: Liebe, gute Hardi, jeM urtheilst Tu aber voreilig. Solch Kind findet sich gewiß überraschend schnell in veränderte Verhältnisse hinein. Denk doch nur, wie heut noch all das Neue auf sie wirkte, sie einschüchterte, unsicher machte. Laß sie einen Monat hier fein, und Du wirst sie nicht wiedererkennen." Sie sprechen mir aus der Seele, Fräulein Lora!" sagte der Geheimrath. Hardi saß ein Weilchen still, mit zusammengevreßten Lippen, aber dann kam es plötzlich, bitterböse heraus: Du sprichst wie eine Schulmeifterin. Lora!" Ueber das schöne, herbe Gesicht flog ein Schatten. Dann lächelte Lora gleich wreder: That ich das? Nun ick bin es ja auch." rtftfe . Fortsetzung folgt.) J Auskunki. Tateleben, was is das. a Kapitalverbrechen?" Wenn De ausleihst a Kapital zu sechs Prozentche, wo De kannst krieg'n acht!"
Die Sertzentinindustrie der sächsischen Stadt Zöblitz geht einer neuen Blüthezeit entgegen. Dieser schönste Schmuckstein Deutsch lands wird zu Innendekorationen verwendet, namentlich zu Möbelintarsien, Säulen, Postamenten, Kaminen, Wandbekleidungen und als Kirchenschmuck. Der König von Sachsen empfing eine Deputation, welche ihm eine von dem bekannten Magdeburger Künstler Albin Müller entworfene Blumenschale aus Serpentin überreichte, und versicherte sie seines besonderen Interesses an dieser uralten eigenartigen Kunst-Jndustrie des sächfischen Erzgebirges. Von einem seltsamen Leichenbcgängniß wird aus Neustadt a. d. H. berichtet. Ein in den letzten Tagen dort verstorbener Gutsbesitzer hatte kurz vor seinem Tode den eigenartigen Wunsch geäußert, daß seine Anverwandten ein flottes musikalisches Begräbniß" veranstalten und dabei Sorge tragen möchten, daß die von ihm selbst ausgewählten Musikstücke durch eine Militärkapelle zum Vortrag gelangten. Dieser Wunsch wurde in allen Einzelheiten erfüllt: Am Leichenhause spielte die Kapelle das Lied: Des Morgens, wenn die Hähne krähen", vor dem Trau?rhause und auf dem Wege nach dem Leichenhause erklangen noch lustigere Weisen, kurzum, ein solch fideles Begräbniß soll in der ganzen fröhlichen Pfalz bis jetzt noch nicht stattgefunden haben. AufdemMilitärschießplatze der Garnison Zweibrücken wurde unlängst ein Soldat von seinem Offizier erschossen. Der Vorfall soll sich folgendermaßen abgespielt haben: Die 6. Kompagnie des 22. Jnfanterie-Re-giments hielt unter Leitung des Leutnants Moser auf Scheibenstand 1 Schießübungen ab. Der Infanterist Karl Hager soll nun hierbei eine Uebung nicht vorschriftsmäßig bez. falsch zur Ausführung gebracht haben. Infolgedessen nahm der Offizier ihm das noch fcharf geladene Gewehr aus der Hand und versuchte dem Soldaten die Uebung wiederholt zu erklären, wobei er sich dicht vor Hager hinstellte. Da der Offizier der Meinung war. Hager habe seine sämmtlichen Patronen verschössen, legte er an und drückte, auf den Mann zielend, ab. Das Geschoß traf Hager in den Mund und kam zum Hinterkopf wieder heraus. Der Tod trat auf der Stelle ein. Der Unglücklich war 22 Jahre alt, Bergmann von Beruf und aus Kirkel - Neuhäusel gebürtig. I n verhängnitzvoller Weise äußerte sich dte moderne Nervosität bei einer jungen UniversitätsHörerin in Krakau, Frl. Anna Rupniewska. Die junge Dam'e, welche viel in einem Kreise literarisch angehauchter Collegcn verkehrte, sprach mit Vorlieber über Philosophie und Literatur. Es war ihr Ehrgeiz, durch ein interessantes Schicksal selbst Helbin eines Dramas zu werden. Gelegentlich eines Ausflugs, den sie in Gesellschaft ihrer Collegen unternahm, sprach man viel über den Reiz des Todes. Einer der Herren zog einen Revolver aus der Tasche und schoß scherzweise in die Luft. Nach einiger Zeit begann Frl. RupniewÄa mit dem Revolver zu spielen. Sie erzählte ein Märchen von einer Prinzessin, die sich für einen Königssohn geopfert habe. Plötzlich ging sie einige Schritte vorauS und sagte: Seht, ich spiele nur!" Bei diesen Worten legte sie den Revolverlauf an die Schläfe und drückte los. Die Rettungsstation wurde sofort benachrichtigt, das Mädchen starb jedoch während des Transportes. Einem ihrer Collegcn hatte Frl. Rupniewska noch vorher einen versiegelten Brief übergeben, mit der Bitte, ihn erst am nächsten Tage zu öfsnen. Der Brief enthielt die Worte: Nicht durch dich." Anna Rupniewska war die Tochter einer Warschauer Schauspielerin. Zwei junge Italiener. Namens Guetta und Sorato, die noch nicht zwanzig Jahre alt sind und in einem Dörfchen bei Bellinzona wohnten. verliebten sich in dasselbe Mädchen, die keinem von beiden Bewerbern den Vorzug geben wollte. Nach vielen ernstlichen Streitigkeiten verfiel man auf einen sehr originellen Ausweg, um den Streit zu entscheiden. Sie theilten ihren Eltern mit, daß sie einen Ausflug in die Berge machen wollten und begaben sich nach dem Splügenpaß. der in dieser Jahreszeit wegen seiner Lawinen berüchtigt ist. Sie wählten den gefährlichsten Abhang und kamen überein, jeden Tag zwifchen neun und elf Uhr Morgens, in der gefährlichsten Zeit, dort zu stehen, wo besonders viel Aussicht war, daß Lawinen niedergehen würden; das Fatum sollte über ihr Glück entscheiden. Drei Vormittage lang führten sie diese Absicht auch durch, aber es geschah ihnen nichts; mehrere Lawinen gingen nieder, aber nicht in der Nähe der tollkühnen Jünglinge. Am vierten Tage ging eine große Lawine bei Guetta nieder, er wurde durch die heftige Luftbewegung niedergeworfen, aber nicht verletzt. Da die jungen Leute keine Nahrungsmittel mehr hatten, kehrten sie in die Heimath zurück, um neue zu holen, aber die Behörden hatten ihr Vorhaben erfahren und drohten ihnen mit Gefangensetzung. Nun ließen sie das Loos entscheiden und Soraio gewann. .Huetta verlieh daö Dorf, und das junge Paar hat nun geheirathet.
Eine angehende KrankenPflegerin in Concord, N. H., hat das Hospital, in dem sie beschäftigt war, auf 5000 Dollars Schadenersatz verklagt, weil sie dort von Kindern, die an Diphtheritis litten, angesteckt worden war. Dr. Olive? L. Fassig, Professor der Johns Hopkins - Universität" und lokaler Wetterprophet, ift kürzlich nach England abgererst, um sich von dort nach Norwegen zu begeben, wo er sich auf dem Dampfer Belgica" nach der Eisregion einschiffen wird. Dr. Fassig betheiligt sich an einer Expedition zum Auffinden der Ziegler'schen Nordpol - Expedition, von welcher seit 1903 nichts wieder gehört worden ist. Die Expedition wird eine kurze Zeit an einer Insel nahe der Insel Island anlegen. Mehrere französische Händler haben in jüngster Zeit unser Land besucht, um den Grundstock für eine Alligatorenzüchterei zu erwerben, die man im südlichen Frankreich anzulegen beabsichtigt. Die Alligatorhaut hat in Frankreich einen so hohen Preis erreicht, daß die Händler glauben, die Züchtung der gefährlichen Thiere werde sich gut bezahlt machen. Vor einiger Zeit erhielt der Präsident Louvet einen ganzen Jagdanzug aus Alligatorhaut zum Geschenk. Diese Haut soll aber jährlich seltener werden, während nach ihr immer starke Nachfrage herrscht, da man sie vielfach für Stiefel, Schuhe, Handkoffer, Schreibunterlagen, Briefe taschen und für eine Menge Toiletten artikel verwendet. Die Bundes - Großgeschworenen in Baltimore setzten kürzlich den blinden Neger Louis Wood in Anklagezustand unter der Beschuldiaung, Geldanweisungen gefälscht zu haben. Wood sandte eine Anweisung auf $6 nach Washington, reiste selbst dorthin und ließ von einem Kinde die Ziffer 7 vor He 6 schreiben; dann collektirte er den Betrag. Als die Geschichte so leicht ging, zahlte er sofort $6 auf eine Anweisung nach Baltimore ein, reiste dorthin und ließ von einem Kinde eine Null hinter die 6 machen. Als er aber die $60 collektiren wollte, wurde er prompt verhaftet. Er bekannte sich im Bundesgericht schuldig und der Richter sandte ihn auf zwei Jahre ins Zuchthaus. Daß Eisenbahntorpedos ein gefährliches Spielzeug sind, beweist folgender, aus Jersey City., N. I., gemeldeter Fall: Der 19 Jahre alte Joseph Fuchs von Manhattan kam dieser Tage nach Jersey Eily. um stch auf einem Platze in der Nähe der Central - Bahn ein Baseballspiel anzusehen. Beim Ueberschreiten der Geleise fand er einen Eisenbahntorpedo, den er auf die Schienen legte und, indem er ihn mit der linken Hand festhielt, mit einem Stein zur Erplosion brachte. Die Flamme schlug ihm gerade in's Gesicht, blendete sein rechtes Auge vollständig und verletzte das linke so schwer, daß es wahrscheinlich ebenfalls die Sehkraft verlieren wird. Auch seine linke Hand trug schlimme Brandwunden davon. Ein blinder Teutsch-Texaner von San Antonio. Herr F. I. Dohmen, welcher im vorigen Jahre auf der Staatsuniversität zuAustin graduirte, hat jetzt in Greifswald auf Grund einer Dissertation auf dem Gebiete der höheren Mathematik als Doktor der Philosophie promovirt. Seine hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete der Mathematik sind um so erstaunlicher, als Dr. Dohmen schon seit frühester Jugend erblindet ist. Bei seinen Studien half ihm auf's treueste seine Mutter. Die Promotion in Greifswald war eine öffentliche und Dohmen vertheidigte bei derselben mehrere Thesen aus dem Gebiete der höheren Mathematik und der Physik gegen zwei Opponenten mit großerGewandtheit. Eine um Geld undStimme beraubte Sängerin ist Signorina Luisa Tetrazzini, die gefeierte Diva der italienischen Oper in San Francisco. Die Entdeckung, daß ihr langjähriger finanzieller Berather Signor Julio Zieguer Uriburu sie Hintergangen und 27,000 Francs, die sie ihm anvertraut hatte, unterschlagen hat, versetzte die Künstlerin in eine solche Aufregung, daß sie plötzlich ihre Stimme verlor. Sie ist nur noch im Stande, in leisem Flüsterton zu sprechen, und nur mit der größten Anstrengung konnte sie sich, als sie vor Gericht Klage erhob, dem Dolmetscher, der die Unterredung vermittelte, verständlich machen. Uriburu, aus Argentinien stammend, ist unter doppelter Unterschlagungsanklage verhaftet. Ein wichtiges Gutachten für Ansiedler auf den Sektionen 16 und 36, die bekanntlich in allen westlichen Staaten für Schulzlnecke beifeite gesetzt sind, hat der General-Staats-anwalt Galen abgegeben. Er hält dafür, daß Leute, die auf diesen Ländereien, die vor Aufnahme Montana's in den Staatenbund nicht vermessen wurden, sich niedergelassen haben, bona fide Ansiedler sein müssen, aber nicht Leute, die sich bloß zu dem Zweck niederließen, um Holz zu schlagen oder Erz, Stein oder anderes werthvolles Material zu entferneAnsiedler auf Schulländereien muFen ihre Absicht, ihr Land zu behalten, innerhalb drei Monaten nach Vermessung dieses Landes an gehöriger Stelle kund geben. andernfalls verfällt dasselbe wieder an den Staat.
