Indiana Tribüne, Volume 28, Number 227, Indianapolis, Marion County, 17 May 1905 — Page 5

Jndiana Tribüne, 17. Mai

5

KR RR KR V i

KR KR RR RR RR RR RR Bas Wgerechl 4 44 '4'4 4 C4 4 4 44 44 44 X XK kl UFüt in der heißesten JuliI Hitze war Mister van Etten, O der Präsident der Western Ertenston - Eisenbahn, aus der Sommerfrische in den Adirondacks nach New Dort zurückgekehrt. Tiese verfrühte Heimkehr in die zur Zeit einem riesigen geheizten Backofen vergleichbare Metropole hatte ihren wichtigen Grund. Eine naseweise Konkurrenzbahn nämlich schickte sich an, der Western Extension im Erwer den des Wegerechts durch das Kingston County den Rang abzulaufen, und diese Bahnkonkurrenz benutzten nun einige halsstarrige Landbesitzer, mit denen Mr. van Etten bereits lange in resultatloser Verhandlung gestanden hatte, ihre Forderungen immer weiter zu steigern. Bis zum Auftreten dieser fatalen Konkurrenz hatte Mr. van Etten die Leitung der Verhandlungen und Geschäfte seinem Geschäftsführer Hiram Snooks überlassen können, jetzt aber war sein persönliches energisches Eingreifen zur bitteren Nothwendigkeit geworden. Die besondere Bitterkeit dieser Nothwendigkeit des persönlichen energischen Eingreifens spürte zunächst sein Perfonal. Ueber diesem hingen jetzt des! . n nr i r aeurengen Herrn Prastoenren ouicyige Augenbrauen durch die zolldicke Spiegelglasscheibe, die sein Privatzimmer vom Kontor trennte, wie schwüle GeWitterwolken; nicht selten entlud sich das Wetter, welches die bockbeinigen Farmer treffen sollte, zum guten Theil über den unschuldigen Köpfen seiner Angestellten. Tie allerbitterste der Bitterkeiten dieser Nothwendigkeit des persönlichen energischen Eingreifens Mr. van Ettens aber bekam Reginald zu schmecken. Tas war nämlich der flotte zweiundzwanzigjährige Apfel" des Hauses, der insofern ziemlich weit vom Stamm gefallen war, als seine Hauptleidenjchaft darin bestand, den im Stahlkäfig des Herrn Papa sorgsam eingesperrten Goldadlern wieder das Fliegen beizubringen, welches diese sonst am Ende ganz verlernt hätten. Mr. van Etten erwartete heute mit Sehnsucht das Eintreffen der Postfachen, deren Inhalt ihm eine ganze Wagenladung Steine entweder vom Herzen nehmen oder auf dasselbe laden würde. Und da kam ihm Reginald mit Geldforderungen zu einem Automobilausflug. Mach doch keine faulen Witze!" schrie er ihn an. Zu verschwenden, das verstehst Du! Verdient hast Tu bis heute noch keinen rothen Cent! Freilich! Was kümmern Dich auch die Sorgen Teines Vaters! Aber Tu wirst zu Hause bleiben heute! Und damit basta!" All right!" entgegncte Reginald. trat durch die offene Thür in's große Kontor zurück, setzte sich rittlings auf einen der sitzfesten Kontorstühle und zündete sich eine Cigarette an, um seinen Groll über den in Gegenwart des Personals erhaltenen väterlichen Rüffel zu verpaffen. Terweil tupfte sich Mr. van Etten wiederholt den Angstschweiß von der Stirn. Noch drei Farmer verweigerten ihre Zusage. Traf diese heute ein, dann war das Wegerecht der W?stern Ertension durch das ganze County gesichert, und die Konkurrenzbahn konnte mit langer Nase abziehen. An diesen drei Farmern hing also Sein oder Nichtsein der Western Extension und Krach oder Nichtkrach ihrer Papiere. Mr. van Etten heftete wahre Saugpumpenblicke durch die Glasfüllung der Eingangsthür auf die hohle Gasse" des Korridors, durch welchen die entscheidungsvolle Morgenpoit kommen mußte. Ta endlich kletterte der uniformirte Bureaudiener aus dem Fahrstuhl und keuchte mit einem ganzen Arm voll Postsachen herein. Reginald rührte sich nicht vom Stuhl. Ein Elerk mußte dem Burschen die Postsachen abnehmen und dem Herrn Prinzipal bringen. Hastig ergriff Mr. van Etten ein vergoldetes Briefmesser und wühlte aus dem Haufen die Briefe heraus, die ihn interefsirten. Richtig da war wirklich ein Antwortschreiben! Mr. van Etten sog kräftig an seiner erloschenen Cigarre, lehnte sich gemächlich in den Stuhl zurück und verschlang den Inhalt des Briefes durch einen goldumränderten Kneifer. Hallo Snooks," rief er plötzlich erfreut dem Geschäftsführer zu, der alte Knasterbart Jonas Skillet hat unsere letzte Offerte angenommen. Wir zahlen ihm ja einen Gaunerpreis für die F'cm, aber die Western Extension hat qesieqt!" Mr. Snooks grinste. Mr Toper, der Sekretär, grinste auch. Das ganze Personal grinste. Schließlich grinste auch Reginald. Seine Nasenflügel dehnten sicb. Er stand auf und bot seinem Vcüer ein brennendes Zündh'fUtiw. das dieser annahm, wobei

9 RR R- RR UH RR KR RK R RR RR

? 1 Ht Amkrikanisc Tjumoreske Von tu i l ö c r b rt tt ss 4 44 44 44 44 44 44 44 44 44 44 44 44 44 lym Zeöocv der Havannastummel nevst Asche aus dem Munde fiel. Während Reginald mit seinem Taschentuche eifrigst die väterlichen Beinkleider und Lacksiiefel abstäubte, hatte Mr. van Etten schon das zweite Antwortschreiben glücklich aufgestöbert, aufqeschlitzt und zu lesen angefangen. Snooks!" schrie er. auch Rüben Jinks hat angenommen! Das war einer der knorrigsten Stümpfe im Wege! Nun wird die Konkurrenz das Gallenfieber kriegen!" Hebehehe!" lachte der Geschäftsführer. er Sekretär fiel eine Ä.erz höher ein, und das Personal wollte sich ausschütten vor Lachen. Reginald lachte mit und öffnete und schloß me linke Hand, als quetsche er bereits den Kautschukball am Tuthorn seines Automobils. Ta fand sich endlich auch das dritte. letzte und wichtigste Antwortschreiben. Tiefes enthielt die eigentliche Entscheidung für das Schicksal des ganzen Bahnbaus durch Kingston County! Dieses Antwortschreiben mußte mit aller schuldigen Sammlung und Andacht gelesen werden. Mr. van Etten las es em-, zwei-, drei-, viermal durch, als ob er es auswendig lernen wollte, oder als ob es in Keilschrift verfaßt wäre, und er Mühe hätte, es zu entziffern. Und dabei lächelte er immer eigenthümlicher. Aller Augen und Ohren hingen an seinen Lippen! Aber was war das? Mr. van Ettens Stirn, die sich schon so verheißungsvoll geglättet hatte, begann sich auf's Neue zu runzeln. Er schüttelte den Kopf. Er fuhr sich mit der Rechten, sammt Briefmesscr, durch die dünnen Haare. Er rückte im Stuhl hin und her. Dann warf er Briefmesser und Brief auf's Pult, putzte seinen Kneifer, klemmte ihn sorgfältiger als je auf's befleischte Nasenbein, räusperte sich dröhnend und nahm den Brief wieder auf und las ihn zum fünften Male durch. Und dabei lächelte er wieder so eigenthümlich. Als er fertig war, warf er den Brief wieder auf den Tisch, stützte dann den Kopf in die Hand und begann sein Personal, Mann für Mann, mit eigenthümlich forschenden Blicken schweigend zu mustern. Geschäftsführer und Sekretär und Personal schauten einander verwundert an. Sollte der Alte plötzlich einen Hikoller oder am Ende gar einen Schlaganfall ? Hm!" räusperte sich jetzt Mr. van Etten urplötzlich laut, Toper. kommen Sie doch mal hier herein. Aber gleich!" Der Sekretär fuhr von seinem Sitz auf, warf im Vorbeigehen einen flüchtigen Blick in den Wandspiegel und trat dann in das Zimmer seines Prinzipals ein. Mr. van Etten musterte ihn einen Moment schweigend von Kopf bis zu Fuß. Schließen Sie die Thür," sagte er dann. Der Sekretär ging, ganz bleich vor Erwartung und Angst, zur Thür und schloß sie. Wie alt sind Sie, Toper?" fragte Mr. van Etten. Zweiundvierzig Jahre, vier Mo nate und fünf Tage!" antwortete Toper. Essen Sie gern Stachelbeerkuchen? Wie wie beliebt?" stotterte Toper verblüfft. Cb Sie gerne Stachelbeerkuchen essen!" wiederholte der Präsident lau ter. Stachel Stachel beer ku ? O ja! aberWenn's also nothwendig wäre, so würden Sie Stachelbeerkuchen gerne essen, nickt wahr?" Ter Sekretär sah seinen Vorgesetzten eine Weile prüfend an. ) ja, ja! Ganz gewiß!" fagte er dann eifrig. Sehr gerne sogar, Sir! Sogar tvdenschaftlich gerne!" Mr. van Etten nickte befriedigt. Tann fragte er weiter: Und nun fagen Sie mal, Toper, halten Sie sich für hübsch?" Ter Sekretär bekam jetzt ein Gefühl wie etne Wachsfigur, die sich dem Schmelzpunkt nähert. Ich meine natürlich." korrigirte sich Mr. van Etten, ob man Sie für hübsch hält!" Mich? Für für hübsch?" stotterte Toper. Wer sollte mich denn für hübsch halten?" Die Damenwelt natürlich! Sie sind dochJunqqeselle, so viel ich weiß?" Jawohl, Sir!" Nun. dann müssen Sie heiratben!" platzte Mr. van Etten heraus. Es ist die höchste Zeit. Toper!" Ich bin Junggeselle aus Prinzip. Sir!" Und Sie beabsichtigen wahrhaftig, zeitlebens unbeweibt zu bleiben?" Mit mit Goites Hilfe ja!" Geben Sie!" winkte der Präsident mürrisch ab. Heda! Chapleiah!" rief er einem der Clerks zu. Kommen Sie mal herein." Der Sekretär warf einen Dankesblick zur Decke hinauf und machte hurtigst seinem kleinen, dicken und ver-

blufften jüngeren Kollegen Platz, welchen Mr. van Etten ebenfalls zuerst

einer stummen Musterung unterzog. Was in aller Welt haben Stachelbeerlucl.en und Heirathen mit dem Weaerecht einer Sekundärbabn zu schaffn! Tas möchte ich wirklich wistnf brummte der Sekretär und setzte sich wieder auf seinen Koniorstuhl. Mr. ran Etten hatte inwzischen wieder einen Blick in den Brief gethan und begann nun sein zweites Verhör. Sie wohnen, Chapleigh?" Vowery Nummer 171!" antwortete der Ticke. Und wie alt sind Siei" Fünfundzwanzig, Sir!" ,.ehr gut! Essen Sie gerne Stachelbeerkuchen?" Jawohl. Sir!" pustete der kleine Ticke. Sehr gut! Hält man Sie für hübsch, Ehapleigh?" Die Antwort blieb dem guten Jungen im Halle stecken. So antworten Sie doch, Chapleigh!" drängte der Präsident. Mir gefallen Sie ja schon ganz gut, aber es fragt sich eben, ob Sie Sagen Sie mal, Sie haben doch eine ausgebreitete Damenbekanntschaft?" Der Ticke lächelte erröthend. Gewiß, Sir!" Na. sehen Sie! Und wie urtheilen nun die jungen Damen über Ihr Aussehen?" O ich glaube ich weiß nicht Aber einige waren so freundlich, mich mich eh " Ausgezeichnet!" rief der Präsident, Ste müssen heirathen, Chapleigh!" Hei hei ?" Dem Dicken ging die Luft aus. Ja, ja, Chapleigh, Sie sollen heirathen!" wiederholte van Etten in allem Ernst. Binnen vierundzwanzig Stunden heirathen! Ich habe da eine brillante Partie für Sie! Sagen Sie Ja. und hr Lebensalück ist aemacht!" Der dicke Chapleigh wand sich wie ein Regenwurm am Angelhaken. Aber ich ich bin ja schon " Verheiratbet doch nicht?" Nein. ?'.ber vorlobt!" Ta soll doch ein siediges !" Und wenn ich meine Braut sitzen ließe," fuhr Chapleigh fort, so würde sie mich wegen Bruch des Eheversprechens verklagen." Ach was!" fuhr der Präsident auf. Lassen Sie's darauf ankommen! Ich zahle die Kosten!" Jetzt warf sich der Dicke aber energisch in die Brust, und seine Augen blitzten. Mister Präsident!" rief er, die junge Dame hat mein Wort, und als Gentleman bin ich verpflichtet, mein Versprechen zu halten!" Mr. van Etten ließ sich wirklich imponiren. Well well, nichts für ungut, mein Sohn! Aber können Sie mir nicht einen Ersatzmann unter Ihren Kollegen vorschlagen?" Mr. Hopkins, Sir!" antwortete Chapleigh erfreut. Das wird der Richtige sein." Gut! Schicken Sie mir ihn mal gleich her!" Damit war Chapleigh entlassen. Er eilte in das Kontor zurück, zwängte sich zwischen den Pultreiben hindurch und bedeutete Hopkins, beim Prinzipal einzutreten. Terweil war Reginald in's Privatzimmer seines Vaters gegangen und hatte sofort hinter dem Rücken des Vaters die Lektüre des Briefes begonnen, welche ihn, je weiter er las, desto unwiderstehlicber anzog. Hopkins, die Feder hinter dem Ohr, eilte, von den ironischen Glückwünschen der Kollegen verfolgt, zum Präsidenten hinein. Hm!" machte dieser, als er den grundhäßlichen Menschen zu Gesicht bekam. Sie beißen also Hopkins? Sind erst kurze Zeit im Geschäft?" Jawohl, Mr. van Etten!" Haben Sie mal eine Schrotladung in's Gesicht bekommen?" Nein! Ich habe die Blattern gehabt, Mr. van Etten! Ich bin aber ein großer Liebhaber von Stachelbeerkuchen!" Na, das ist doch wenigstens etwas. Aber sehr hübsch sehen Sie nicht gerade aus, Hopkins!" bemerkte der Präsident. Allein ich kenne den Geschmack der jungen Damen nicht und " Da setzte Reginald plötzlich seinen Hut auf, zündete sich eine frische Cigarette an und verließ mit hastigen Schritten das Privatzimmer seines Vaters. Er eilte durch das Kontor in den Korridor hinaus, an dem Geschäftsfübrer vorbei, welcher mit einem bebrillten ältlichen frttxn eifrig sprach, sauste mit dem Fahrstuhl in's Vestibül hinab, trat auf die Straße, winkte sich ein Caü herbei und fuhr die Madison Avenue in nördlicher Richtung hinauf. Es wäre also möglich, daß Sie dennoch Glück haben. Hopkins!" fuhr der Präsident fort, ohne den plötzlichen Weggang seines Sohnes zu beachten. Ich hoffe es zuversichtlich. Mr. van Etten!" erwiderte der Pockennarbige. Sie wohnen doch in der Stadt?" Jawohl! Dritte Avenue " Und wie alt sind Sie?" Dreißiss gewesen." Und heirathslustig natürlich!" Well, das käme darauf an, Mr. van Etten!" Sie sind ledig?" Ja und nein! Ich habe nämlich drei Frauen- ah Pardon wollte sagen, ich bin jetzt bei der dritten Frau! Die erste ist todt, die zweite ließ sich von mir scheiden und die dritte hat

eben die Scheidungsklage eingereicht. Wenn ' die Sache also nicht zu sehr eilt " Ter Präsident stand auf und schüttelte den Kopf. Ich muß sehr danken, Mr. Hopkins!" sagte er und winkte ibm ab. Rufen Sie mir Mr. Snooks herein." Hopkins entfernte sich enttäuscht. Der Präsident ging verdrießlich auf und ab und gestikulirte heftig dabei. Der Geschäftsführer kam nicht. Statt seiner erschien der Diener auf der Schwelle und meldete: Doktor ChilMain, Sir!" Mr. van Etten stutzte und starrte den Nigger eine Weile verblüfft an. Doktor Chilblain? Unser Hausarzt?" Er wünscht Sie sogleich zu sprechen, Sir!" Er soll kommen! Was mag der Pflasterkasten nur wollen?" Der Arzt trat ein, grüßte höflich, drückte dem Erstaunten die Hand, behielt dieselbe gleich in der seinen und sah ihm über die Brille forschend in's Gesicht. Ist denn Jemand krank bei uns, lieber Doktor?" fragte Mr. van Etten beunruhigt. Derweil hielt sich Snooks im Hintergrunde und beobachtete Beide aufmerksam. Es ist heute sehr heiß, lieber van Etten," bemerkte der Doktor vorstchtiq. Da haben Sie recht, Chilblain!" bestätigte der Präsident. Es ist kannibalisch heiß! Aber Sie fühlen mir ja den Puls. Doktor! Was ist denn los?" Sie fiebern stark." Das ist doch kein Wunder " Und Sie haben Blutandrang nach dem Kopfe, nicht wahr?" Blutandrang?" Und Glockenläuten in den Ohren, nicht wahr?" Glockenläuten?"

Und Anfälle von Schwindel " Schwindel? Schwindel? Ja. wovon reden Sie eigentlich. Herr! S werden ja geradezu beleidigend" Well, lieber van Etten. die Wahrheit zu sagen, Mr. Snooks ließ mich rufen. Er befürchtete einen Anfall von Sonnenstich " Doch nicht bei mir?" Bei Ihnen, ja! Sie führten so seltsame Reden, meinte er. Sie delirirten von Stachelbeerkuchen und sprächen immer vom Heirathen und jungen Damen und so weiter. Nun, bei dieser tropischen Hitze und den Geschäftssorgen " Er kam nicht weiter. Mr. van Etten warf sich in den Sessel und brach in schallendes Gelächter aus. O weh! Setzen Sie sich, Doktor! Hahahaha! Sie werden müde, bis ich o weh! bis ich ausgelacht habe! Hahahaha!" Sektor Chilblain glitt, seinen lachenden Patienten mißtrauisch musternd. möglichst abseits auf einen Sessel. Nein. Doktor! Nein, nein!" ächzte der Präsident, sich die Seiten haltend. Die Sacke ist zu verrückt! Aber aber ich muß Sie doch über den Grund meines famosen ,Sonnenftichs' aufklären: Well," schloß er, sich die Thränen trocknend, Sie wissen ja wohl von meinem Verzweiflungskampf um das Wegerecht für die Western Extension, nicht wahr?" Ter Arzt nickte. Nun hören Sie blos einmal zu, lieber Chilblain, was mir da meine letzte Gegnerin heute für ein klassisches Schreiben übersandte: Geehrter Herr! Ihr letztes Angebot für meine Farm hab ich erhalten. Ich habe nicht gleich geantwortet, weil ich mir den Handel doch noch einmal recht gründlich überlegen wollte. Es fällt unsereinem doch natürlich schwer, sich von der Heimath seiner Kindheit so plötzlich und auf immer zu trennen. Ich dachte also tüchtig darüber nachund mache Ihnen nun folgendes letzte Angebot: Sie boten mir fünfzehntausend Dollars. Ich theilte dieses Ihr Angebot der mit Ihnen konkurrirenden Bahn mit; und diese bot mir sofort zwanzigtausend Dollars. Wenn Sie mir nun auch zwanzigtausend Dollars baar auszahlen, so gehört die Farm Ihnen. Aber, bitte sehr, ich knüpfe daran noch eine Bedingung, die Sie unter allen Umständen erfüllen müssen: Sie müssen mir einen Mann verschaffen! Ich stehe hier draußen fast allein in der Welt und habe nie Gelegenheit gehabt, Umfchau nach Männern zu halten, so heirathslustig ich auch seit meinem vierzehnten Lebensjahr gewesen bin. Die Erfüllung dieser Bedingung dürfte Ihnen keine große Schwierigietl machen, zumat icy m meinen Anforderungen, wie Sie gleich sehen werden, qar nicht unbescheiden bin. Mein Gatte müßte ein New Yorker fern und aerne Stachelbeerkuchen essen, da ich den lecker zuzubereiten verstehe und ihn selbst gern esse. Ich mag ja freilich nicht so bezaubernd schön sein. wie manche großstädtische Millionärstochter, aber tch backe Ihnen einen Stachelbeerkuchen danach würden die feinen Ladies sicherlich alle Finger lecken! Ferner müßte mein Gatte zu Ihrem Geschäft gehören. Natürlich müßte er auch hübsch und jung sein. Auf Geld und Bildung lege ich weniger Gewicht. Sie werden doch gewiß eine gute Auslese von heirathslustigen Männern in Ihrem Geschäft haben, nicht wahr? Also schlagen Sie ein: zwanzigtausend Dollars baar und einen hübschen Mann! Das ist meine letzte, bindende Forderung. 5 bitte Sie. m,r in

spatenens acyr zeigen 'ANkworr zu schicken, ob Sie annehmen oder nicht. Bin ich bis dahin ohne Geld und ohne Gatten, so verkaufe ich an die Konkurrenzbahn! Womit ich verbleibe hochachtend I v y B l i x t o n. Camperville, Kingston County. P.S. Am liebsten würde ich Ihren Sohn heirathen; natürlich, falls Sie einen haben, und derselbe zur Zeit frei ist. Wenn nicht, dann bescheide ich mich auch mit einem anderen!" Na, was sagen Sie nun zu diesem famosen Schreibebrief, lieber Chel blain? Denkt doch diese Heirathslustige Dame, wir machten so nebenbei in Heirathsvermittlungen! Und fu schreibt im Ernst! Ein Blindgeborener fühlt das mit seinem Stock aus den Schlußzeilen heraus! Schaffe ich i$i keinen Mann, fo verkauft sie, und die Western Ertension kracht auf wie eine Pulvermine! Ich muß ihr also einen Mann schaffen auf alle Fälle und unter allen Umständen! Ter Preis für das Land ist ja unverschämt hoch, aber ich muß das Land haben! Ich muß! Hilft alles nichts! Und wenn ich dar über wirklich den Sonnenstich kriegen sollte!" Doktor Chilblain lächelte jetzt auch. Ist die resolute Dame denn wenigstens iuna und hübsch?" Mag sein! Was weiß ich? Ihre Kühnheit wenigstens sucht ihresgleichen! ,Am liebsten würde ich Ihren Sohn heirathen.' Ja, allerdings! Das glaube ich! Heda! Regi nald Reginald! Zum Henker, wo steckt denn der Sausewind? Ist er in der Hitze etwa verdampft?" O nein! Verdampft war Reginald nicht! Aber abgedampft! Er war nämlich nach dem Grand Central-Bahnhof an der Vierten Aoenue gefahren und dampfte jetzt mit dem Southern Limited Expreß nach der Station Loudsdale. von wo aus die projektirte Western Extension durch Kingston County laufen sollte. Zu welchem Zweck er die plötzliche Reise unternommen, hatte er Niemand verrathen. Wer den hübschen schlanken Jungen aber mit Kennerblicken einigermaßen aufmerksam betrachtete der konnte den Zweck seiner Fahrt sehr wohl ahnen, denn Reginald van Etten war frisch rasirt und frisirt und duftete auf .fünfzehn Schritte nach dem zur Zeit fashionablen Parfüm. Außerdem ließ er ab und zu wohlgefällige Blicke über seinen schneeweißen Pikeeanzug und die ebenso schneeweißen Glacelederstiefeletten gleiten. Dazwischen seufzte er still und sah sinnend sinnend sinnend zum Fenster hinaus. Tann roch er andächtig an einer prachtvollen Rose, die in seinem Knopfloch steckte. Reginald van Etten mußte also verliebt sein. Wer so rieth, der rieth nicht allzuweit vorbei. So ein bischen interessirt" das war er wohl. Der Brief der klugen und heirathslustigen Jvy Blixton hatte ihm außerordentlich gefallen. Das eigentliche Leitmotiv zu seiner Reise aber war der väterliche Rüffel. Also nur zu verschwenden verstand er? Sonst nichts? Gar nichts? Und die Sorgen des Vaters wären ihm gleichgiltig? Total gleichgültig? Er wollte, er durfte, er konnte diesen Fleck auf seiner Sohnesehre nicht sitzen lassen! Wie konnte er sich aber anders in den Augen des Vaters wie des Personals rehabilitiren als dadurch, daß er das Gegentheil von dem bewies, was der jähzornige Vater ihm vorgeworfen hatte! Und dieses Gegentheil konnte er wiederum nicht glänzender beweisen als dadurch, daß er, der Sohn des Hauses, der Western Extension das Wegerecht verschaffte, was bisher Nie-

mand, auch dem Vater nicht, gelungen war. Mit diesen und noch etlichen anderen Gedanken beschäftigt, stieg er in Loudsdale vom Zuge und erkundigte sich beim Stationsagenten, wie er wohl am schnellsten von hier nach Campervtlle im Kingston County kommen könnte. Der Stationsagent besah sich zuerst den duftenden Junglmg mtt der rothen Rose und antwortete dann: Hm ja. Die Western Extension läuft vorläufig nur bis Braddonbury. Von da müßten Sie eben Fuhrwerk nehmen, wenn Ste ernes kriegen und " Wie weit?" fragte Reginald ungr duldtg. Bis Camperville, Sir, sind'3 acht Meilen." Reginald stöhnte. Bei solcher Hitze acht Meilen tm Fuhrwerk! Aber er hatte A gesagt; nun mußte er auch B sagen. Wann geht denn der nächste Schnellzug der Western Extension von i, tx nach Braddonbury?" Schnellzug?" wunderte sich der Agent und zog die Schultern bis an die Ohren hinauf. Ja, der geht, sobald die Bahn fertig ist, Sir! Die Gesellschaft hat ja noch immer nicht das ganzeWegerecht." (Schluß folgt.) KiiTant terrihle. Gestern Abend auf Euer'm Ball, Lieschen, habe ich mich mit Deiner Schwester verlobt und werde sie nun bald heirathen. Bist Du mir auch nicht bös, daß ich sie von Dir fortnehme?" Aber gar nicht! Dau 'war doch überhaupt der Ball!"

Ein Erbschaftsprozeß, der großes Aufsehen erregt, ist unter den Htnterbliebcnen des jüngst verstorbenen herrorragenden badischen Großindustriellen Geh. Commerzien raths Lanz in Mannheim entstanden, dessen Namen und Erzeugnisse landwirthschaftlicher Maschinen in aller Welt bekannt sind. Seine jüngere Tochter ist an Wißmann's früheren Adjutanten, den Legationsrath Bumiller in Berlin, verheirathet. Die Hochzeit war ein Ereigniß für Mannhcim, als Bumiller mit seinen Negern aufzog. Schon als Student, im benachhalten Heidelberg, hatte der spätere Afrikaner von sich reden gemacht, besonders, als er beim 500jährigen Jubiläum der Universität, im Festzug einen bodischen Markgrafen im Harnisch darstellend, dem dadurch völlig überraschten Großherzog an derSpitze seiner Lanze vom Roß herab eine Bittschrift entgegenstreckte, in der um Nachsicht einer Festungsstrafe wegen Zweilampfs gebeten war. Der Großherzog begnadigte den kühnen Jüngling auch sofort, mit der Begründung: Ich kann doch meinen Vorfahr nicht auf Festung schicken." Der Schwiegervater, in dessen Wahl Wißmann's )8t gleite: so vorsichtig war, muh seine Gründe gehabt haben, als er seine Tochter, Frau Lestationsrath Bumiller, im Testament nur auf denPflichttheil setzte. Von ihren Miterben ist sie nun auf Anerkennung des väterlichen Testaments verklagt und Legationsrath Bumiller bei der Bildung der Handelsgesellschaft nicht zugelassen worden, in der die anderen Lanz'schen Erben das große Geschäft fortsetzen. über 3000 Arbeitern seiner Fabrik hat Lanz sterbend noch vier Millionen vermacht, nachdem er bei Lebzeiten schon in der Erfüllung sozialer Pflichten mit leuchtendem Beispiel vorangegangen. Das Zufluchtshaus für invalide französische Schauspieler, eine Stiftung von Coquelin, ist in dem ehemaligen Kloster Pont-aux-Tames, in der Nähe von Couilly-Saint-Ger-main eröffnet und bezogen worden. Es ist ein große Gebäude mit monumentaler Architektur und dahinter liegendem geräumigen Garten. Der linke Flügel ist sur die Männer, der rechte für die Frauen bestimmt. Im Gebäude befindet sich auch ein Billardsaal, Badezimmer und großer Speisesaal. Coquelin geht außerdem mit dem Plane um, ein kleines Theater in dem Hause zu errichten, auf dem die Pensionäre, falls sie dazu Lust verspüren, noch einmal den Traum ihrer Erfolge träumen können. Die Zeit und die Form der einzelnen Mahlzeiten ist genau vorgeschrieben. Jeder Pensionär hat sein eigenes Zimmer mit einem eisernen Beltgestell, einem Tische, einem Fauteuil, zwei Stühlen und einem Toilettentisch. Augenblicklich befinden sich 19 Pensionäre in dem Zufluchtshause. Nach den Statuten müssen sie 30 Jahre Schauspieler gewesen sein und dieselbe Zeit der Vereinigung dramatischer Künstler angehört haben. Die Frauen müssen 55, die Männer 60 Jabre alt sein. Alle erhalten Pension von der oben genannten Gesellschaft, und zwar 500 Francs im Jahre. Von dieser Summe liefern sie 380 Francs an das Zufluchtshaus ab, der Rest von 120 Francs, also 10 Francs im Monate, verbleibt den Pensionären. D a ß e s Menschen giebt, so schreibt man aus Berlin, die den kleinen schwarzen Plagegeistern, die so oft ihre Besitzer in Verzweiflung bringen, freiwillig ihr Blut hingeben, dürft? kaum glaublich erscheinen. Und doch giebt es in Berlin eine ganze Reihe von Flohfütterern und -Füt-terinnen". Das erfährt man aus dem Stellenangebot eines großer?flohCircus, der sein Etablissemr. auf einem Schaubudenplatz in der Müllerstraße errichtet hat. Ter Circusbescher" sucht eine Person, am besten eine junge Dame, die bereit ist, taglich zwei Stunden lang ihren Unterarm mit Flöhen besetzen zu lassen, die sich an ihrem Blute satt trinken. Dieses Amt der Fütterer wird bei dem genannten Circus bereits von einem Herrn und zwei Damen ausgefüllt, die für die zwei Stunden täglich eine Entschädigung von 34 Mark erhalten. Der Circus verfügt über 400 Artisten" aus dem Geschlecht pulex und hat jetzt sein Flohpersonal wieder vermehrt; dadurch ist die Neueinstellung eines Flohfütterers nothwendig geworden. Der Unterarm wird bei der Fütterung mit etwa 100 Flöhen befetzt, die dann zwei Stunden lang auf derselben Stelle sitzen bleiben und sich satt trinken; Damen werden von den schwarzen Artisten besonders bevorzugt und sollen nach Aussage des Besitzers mehr But liefern als Herren. Die Fütterungsanstalt befindet sich in der Schillingstraße; wer also Muth hat, kann sein Blut für Flöhe hingeden. i F e n st e r- und Spiegelscheiben werden am einfachsten und schnellsten blank, wenn man sie nach dem Waschen und Abtrocknen nochmals mit einem Klümpchen Seidenpapier abreibt. Dasselbe hinterläßt nicht eine Spur von Fasern, wie das bei Tüchern unvermeidlich ist. Wo? Herr: Ach, welch' schönes Bouquet! Wer ist denn der Svender?" Fräulein: Mein Bräutigam in spe." Herr: In Sve? Wo liegt denn das Neft?-