Indiana Tribüne, Volume 28, Number 225, Indianapolis, Marion County, 15 May 1905 — Page 7
Jndiana Tribüne, RS Mai 1905.
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(Fortsetzung.) r Ater Herr Peter Silling trug auf vielfaches Verlangen eines der neuesten Kinder seiner Muse vor. Wie ein lebensmüder Greis, in sich zusammengesunken, stand er in der Mitte des Zimmers, den übermäßig langen schwarten Rock weit auseinander gescblaqen, daß auch ja seine amarantfarbene Weste mit den Mondsteinknöpfen ordentlich in die Erscheinung trat, und rezitirte mit matter Stimme gerade die letzten Verse: 3ni graucn Barchliltkleidl, Auf gn; rrgranteili Moos. Sasz sie lli glauein Leide. Sak in den grauen Schooß. Gran war die weite Heide Ter Horizont o gran Gestorben ist die Freude TaS Weib ist alt ist gran " Die allerletzten Worte malten das Grau förmlich, und der berühmte Pianist Berbaum begleitete sie auf dem Flügel mit einigen grauen Akkorden, die in einem tiefen, melancholischen Moll dahinzitterten. Wie ein Aufathmen ging es durch das Zimmer. Welch seltene Stimmung" . . . Welcher Genuß..." Da klang plötzlich Salesters laute, grobe Stimme dazwischen. Er war an seinen Sohn herangetreten und hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt: Junge. Du hast soeben gegähnt. Leugne es nicht, denn ich freue mich, daß Tu so empfänglich für wahre Poesie bist. Donnerwetter ja . . . wenn's nicht schon so spät wäre, gnädige Frau, hätte ich Sie noch um einen Kognak gebeten. Grau macht flau." Herr Peter Silling knöpfte sich mit einer energischen Bewegung den Rock über der aramantfarbenen Weste zu und sah entrüstet um sich. Aber die Weibestimmung war unrettbar derflogen. Man brach auf. In dem Gewirr der sich empfehlenden Gäste konnte die Hausfrau nur. flüchtig Willy die Rechte reichen. Auf einen Moment begegneten sich ihre Augen. Er las wohl eine unsichere Frage in ihnen. Aber es war ihm, als müsse er der Antwort ausweichen. Er beugte sich schnell, küßte die Hand: Gehorsamiten Dank, gnädigste Frau!" Herr Baldin hatte die letzten Gäste bis an die Schwelle des Vorflurs begleitet. Als er in den Salon zurückkebrte, kam ihm feine Zrau erregt entgegen. Nun?" Er zog schweigend die Achseln hoch. .Aber so sprich doch!" drängte sie. Fast eine Stunde habt Ihr allein mit ihm gesessen. Wenn Ihr das Eisen nur ein bischen zu schmieden verstanden habt, müßt Ihr zu einem Entschluß gelangt sein. Ich hatte Euch so gut vorgearbeitet." Baldin warf sich in den nächsten Lehnstuhl. Er sah müde aus. alt. Das Eisen schmieden!" stieß er ärgerlich heraus. Das Eisen ist zäh. Du mrt Deinem Kokettiren, Deinem schmachtenden Augenaufschlag . . . alles denkst Tu damit zu machen. Du un terschätzt den Mann " Weißt Tu das so genau?" unterbrach sie lebhaft. Vielleicht schätze ich ibn böber ein. als tfar Er lachte. Vielleicht möchtest Du ihn lieber vor Deinen privaten Triumphwagen spannen, als ihn uns als Vorspann für ernste Zwecke überlassen. Wenn mich nicht alles täuscht, wäre das erstere freilich leichter. Nun Tu weißt es, meine gute Paula ich neige nicht zur Eifersucht. Tau habe ich zu viel zu thun." Baldin streckte die Füße lang von sich und begann mit scheinbar größter Aufmerksamkeit die Fingernägel zu betrachten. .Höhne nur!" Sie stand hochaufgerichtet vor ihm. die Hände im Rücken, und maß ihn mit einem bösen Blick. Du hast mich immer geschoben denke an den armen Prall! und Du meinst, mich auch jetzt wieder schieben, dirigiren, als Werkzeug benutzen zu können. Aber es könnte kommen, daß ich es müde werde." Aber Paula!" Er griff in die Westentasche, zog einen kleinen Elfenbeinglätter heraus und begann gelassen seine runden dicken Nägel zu bearbeiten. .Was ereiferst Du Dich so gänzlich unnöthig? Richtiger: wozu spielst Du mir eine kleine Komödie vor? Ich kenne Dich doch. Ja, wenn Du einer wirklichen Leidenschaft fähig wärst " Baldin " Kind, es ist doch so! In Deinen Augen lodern Flammen, aber Dein Herz wenn Tu eins hast ist im Grunde eiskalt. Auch diesem guten Assessor qegenüber. Rede Dir nur selbst nichts ein. Aber da Du nun einmal die vielbewunderten Glühaugen haft irn ein glattes Züngelchen dazu, so verwlde beide wenigstens weiter zu dem guten Zweck, uns Herrn Möller ein wenig gefügiger zu machen." Und wenn ich nun nicht will nicht.maz nicht kann!"
? Er sagte es wieder ganz gelassen, überlegen, wie mit leichtem Hohn. Ohne aufzusehen, ohne das Glätten seiner Nägel zu unterbrechen. Etnen Augenbltck stand sie stumm. mit zusammengepreßten Lippen. ...Wenn tch nun Mttletd hatte mit diesem guten, anständigen, vornehmen Menschen!" stieß sie endlich hervor. Mitleid verstehst Tu mich! Weil er so ganz anders ist wie Jyr! Weil er ein Gentleman ist! Mit- , i . (r . leto mtl tym uno uDOftu vor Mtr selber! . . . Baldin, laß diese entsetzlich' Arbeit an Detnen Nageln sie macht mich nervös!" Ganz wie Tu beftehlst, meme liebe Paula! Es ist wohl auch nicht anständig, ntcht vornehm, mcht gentlemanltke wie? Du wirst ja immer mehr Autorität in diesen Drngen." Er schob den Glätter in die Tasche zurück, legte beide Hände auf du Kmee und mckte seiner Frau zu. Mitleid ist sehr hübsch gesagt. Paula. Wärst Du nicht Du. so würde ich vielleicht vermuthen. Mitleid wäre nur eine Abform von Liebe. Aber weshalb eigentlich Mitleid? Herr Assessor Möller-Sieghard wird bei einer Betheiligung ja nur gewinnen. Das ist so sicher, wie dreimal drei neun macht. Also bitte " Sie sahen sich in die Augen. Er völlig ruhig, sie mit flackerndem Blick. Hassen könnte ich Dich, Baldin! Denn Du machst mich schlecht!" Aber, Paula! Wozu immer diese großen Worte? Schlecht? Warst Du denn je gut? Und was will tch von Dir? Etwas Schlechtes? Bewahre! Ich will nichts, als daß Du fortfährst und energisch?? als heute, zielbewußter, dtesen guten, lieben Assessor für unsre Sache zu interessiren. Er zahlt nun einmal zu den Menschen, die Wahrheiten leichter glauben, wenn sie von schönen Lippen kommen. Du siehst, ich kann auch galant sein." . . . Und wenn ich nun nicht will!" trotzte sie. Baldin schüttelte den Kopf. Kind, fei nicht so thöricht. Du weißt doch ganz genau, was uns Möller-Sieg-hard werth ist. Und Du weißt ebenso genau, wie meine Gewinne unter Deinen Händen zerrollen diesen Händen, die solch eigene Gabe haben . . . nennen wir's doch mit dem rechten Namen: zu vergeuden. Ich habe Deiner Verschwendungssucht nie Zügel anzulegen versucht " Baldin, ich verbitte mir . . ." Still, Paula! Laß mich ausreden! Also ich habe die Abmachungen unsres Kontraktes, wie Du bisweilen zu sagen liebst, immer getreulich gehalten, Dir jeden Luxus verschafft, nach dem Dein Herzchen sich sehnt. Aber wenn Du aegen den Stachel löcken willst, meine Liebe, dann könnte ich zu meinem Bedauern in die Lage kommen, Deinen Etat wesentlich reduziren zu müssen " Sie blickte ihm scharf in die Augen. Du drohst mir! Mein Bester, weißt Du nicht, daß meine Prometheusaktien bei einem sicheren Vertrauensmann deponirt sind! Soll ich sie vielleicht auf den Markt werfen! Oder soll ich auf sie hin bei Eurer nächsten Generalversammlung allerlei unbequeme Fragen stellen lassen?" Ich drohe Dir gar nicht, und ich fürchte ebensowenig, daß Du Thorheiten machen wirst, die Dich ebenso schädigen würden, wie uns alle. Aber wenn Du uns den Gefallen thun willst, liebe Paula, a'.s die kluge Frau zu handeln, die Du sein kannst, so stelle ich Dir für nächstes Frühjahr eine Rivierareise großen Stils in Ausficht " Es schien, als wolle sie heftig aufbrausen. Für wie klein Du mich hältst!" rief sie. Du wirst Dich irren " Aber dann, wie unter dem Zwang seines Lächelns, brach sie jäh ab. Sie schritt ein paarmal heftig im Zimmer auf und ab, mit hängendem Kopf, nervös an ihrem Kleide nestelnd. Er stand langsam und schwer aus, ging zum Schalter, drehte die elektrischen Leuchten aus, bis auf eine an der Mittelkrone. Da blnb sie stehen. irne Nacht. Paula i" lagte er. Ueberlege Dir die Sache. Ich bin todtmüde " Gute Nacht " Als sich die Thüre hinter ihm geschlössen hatte, stand sie noch immer, ganz unbeweglich, mit den weißen Zähnen an der Unterlippe nagend. Dann reckte sie plötzlich den rechten Arm jäh in die Höheund drohte hinter ihm her. 6. K a p i t e l. ?m Kamin prassellen die Buchenscheite. Bernhardine hatte dem 0 Vater den Lehnstuhl dicht an dos Feuer herangerückt, den Hocker daneben mit den Morgenzeitungen. Sie selbst saß am Frühstückstisch in der Mitte des Zimmers. Aber sie hatte die Theetasse schon zurückgeschoben und die Handarbeit, die neben ihr lag, noch nicht aufgenommen. Das rosige Kinn in die Hand gestützt, sah sie verträumt vor sich hin mit halbgeschloffenen Augen, und dann und wann huschte ein kleines Lächeln über das süße Kindergesicht. Der Geheimratb hatte ein paar Briefe gelesen, sichtlich ohne Interesse bis auf einen, den letzten. Den überflog er zwei-, dreimal: ihn steckte er in die Za6y seines Morgenflausches.
Weshalb denn nicht", gute Paula
legte die übrigen auf die Zeitungen, warf aus dem Holzkorb noch einige dünne Splitter in das Kaminfeuer und beobachtete aufmerksam, wie sie lustig aufloderten. Mit beiden Ellenbogen stützte er sich auf die Kniee, die Hände verschränkt, sinnend. Fräulein von Schotten trank langsam ihren Theerest. Sie hatte wie immer am Frühstüc!stisch ihren umfangreichen Schlüsselkorb neben sich, mit dem Notizbuch oben auf. Ab und zu blätterte sie darin, machte sich eine kurze Bemerkung in ihrer mikroskopisch kleinen Schrift. Und dann und wann gähnte sie verstohlen hinter der vorgehaltenen Hand. Es war sehr still im Zimmer. Nichts als das leise Prasseln im Kamin. Aber überaus behaglich. Recht warm, und draußen spielten die Schneeflocken an den Scheiben. Dicht am Fenster stand ein Kanarienbauer. Hardis eigenstes Eigenthum noch von den Kinderjahren her. Das Thierchen darin war stark bejahrt und recht ruppig. Das Singen hatte es auch aufgegeben. Glücklicherweise ein Zeichen seiner hohen Einsicht," meinte der Papa immer. Der Vogel schlug an. Nur solch gleich abgebrochenes Tönchen, ein ersticktes Zwitschern. Aber es genügte, um alle drei aufschauen zu machen. Und dabei bemerkte der Hausherr, daß Fräulein von Schotten gerade wieder die Hand vor den Lippen hatte. .Sie Aermste " sagte er. Sie sind müde. Es ist gewiß wieder spät geworden in dem berühmten Tanzkränzchen. Wo wirkte Hardi denn gestern?" Bei Lessows, Herr Geheimrath. Ein Uhr war's, als wir nach Hause kamen." Es klang wirklich etwas matt. Aber Fräulein von Schotten fügte sogleich mit einem zärtlichen Blick hinzu: Daö schadet nichts. Es war sehr nett." Himmlisch war's " ergänzte Bernhardine, um sofort in ihre träumende Stellung zurückzufallen. Wieder war es still im Zimmer. Die trockenen Buchenscheite prasselten im Kamin, der kleine Piepmatz zwitscherte bisweilen ganz leise, als wolle er Niemand stören. Dann klirrte der Schlüffelkorb, Fräulein von Schotten stand auf. Haben wir heut Gäste. Herr Geheimrath?" Er fuhr wie aus einem Traume auf. Daß ich nicht wüßte . . . nur Graf Wellried wird wohl gegen Abend kommen." Er zögerte einen Augenblick. Du könntest eigentlich an Fräulein Lora rohrpusten, Hardi, ob ste nicht auch bei uns essen will . . ." Ja, Papa " Es kam ganz verträumt heraus. Als Fräulein von Schotten gegangen war. nestelte Bernhardine an ihrer Handarbeit, that ein paar Stiche, legte die Stickerei wieder beiseite, stand leise auf, ging bis an's Fenster, blickte einige Minuten schweigend in die stobenden Flocken hinaus. Und der Vater faltete ein Zeitungsblatt auseinander aber er ließ es gleich wieder sinken und sah dem Funkenspiel im Kamin zu, auch er in Gedanken verloren. Bis dann endlich Hardi neben ihm kniete, ihn mit beiden Armen umschlang und das heiße Gesicht in seinen Schooß barg. l?r ersckrak. bah er im ersten Au-
genblick gar kein Wort fand, nur seine Hand auf das Köpfchen leqte, wie schützend. Denn er fühlte, der junge Körper bebte, er fühlte den schnellen Herzschlag gleich einer inbrünstigen Bitte: sei gut, Vater Aber, Kind . . . Hardt . . ." brachte er endlich bervor. Was gibt's? Was hast Du denn?" Sie antwortete nicht. Sie hob nur ein wenig den Scheitel und sah ihn an. Und er las wieder in den feuch ten Augen die flehendliche Bitte So sprich doch nur. Hardi . . Eine große, ungewisse Angst glomm in ihm auf. Dann mußte er gleich wieder lächeln: Das Kind! Irgend eine Kindskopfidee wird es sein Nichts weiter " Plötzlich küßte sie, schnell hintereinander, seine beiden Hände, sprang auf und hinaus war sie. Hardi " rief er ihr nach. Hardi!"' Vergeblich Was war das? War's daö Erwachen des jungen Herzens? Er zögerte, ob er sie zurückrufen sollte. Und er ging doch zugleich in Gedanken die Reihe der jungen Männer durch, die zu seinem, zu ihrem Bekanntenkreise gehörten. Salester? Konrad Salester? Kaum eine Frage er war es. Ter Geheimrath schob heftig den Stuhl zurück, stand auf und begann mit langen Schritten im Zimmer auf 'ind ab zu gehen. Gegen den jungen Mann war gewiß nichts etnzuwenden. Im Gegentheil: ?? hatte ihn gern, hatte ihn selbst in sein Haus gezogen. Aber . . . aber . . . Hardi war noch so jung, war noch ein so großes Kmd. Wenn sie einmal heirathete, hätte er sich einen andern Schwiegersohn gewünscht, einen Mann in irgend einer bedeutungsvollen Stellung, nicht solch jungen Husarenleutnant . . . Und dann ... der Vater . . . Auch da war ja eigentlich nichts einzuwenden, nichts, was sich in Worte fassen ließ. Ader unsympathisch war ihm dieser Mann mit dem groben Gebaren, den sie an der Börse den Bullenbeißer nannten. Ein genialer Geschäftömann, daö konnte man wohl nicht beftreiten, aber rücksichtslos
ein Mann ohne Manieren, öhne jedes
andre Interesse als das Kontobuch Freilich . . . Frau Salester war eine stille, feine Frau. Der Sohn hatte wohl mehr von ihr, als vom Vater. Er war em gut erzogener, liebenswürdlger zunger Mann, sollte ein befähigter Offizier sein Noch em paarmal durchquerte er das Zimmer. Dann trat er an's Fenster, wo me Tochter vorhin gestanden, und blickte auf die Straße hinaus, auf das fluthende Leben unten, das des Schneefalls gar nicht zu achten schien. Wie hatte sich dies Straßenbild doch verändert seit seiner eigenen Kindheit; wie wiederum, seit er vor drei Jahrzehnten seine junge Frau in dies Haus gefuhrt hatte, die Mutter seiner Kinder. Nun ging vielleicht auch Hardi bald hinaus in ein eigenes Heim, und er vereinsamte immer mehr. Denn wie er auch im Leben stand, mit guten Freunden und Bekannten schließlich fluthete dies Leben doch an ihm vorüber, wie unten der Straßenverkehr an diesem alten Hause. Vielleicht hoffentlich war'S nur Einbildung. Was spukt nicht in solch jungen, temperamentvollen Mädchenherzen! Das kam und ging Aber einmal, und gewiß in nicht langer Zeit, war doch die Stunde da, in der Hardi ihn verließ. Es war ja ein ewiges Gesetz, war Elternloos, und bis vor Kurzem hatte er es aufgefaßt als etwas Unvermeidliches. Jetzt aber konnte er an die kommende Vereinsamung nicht ohne Schauern denken. Jetzt, seit ihn dies starke Sehnen nicht mehr loslassen wollte. So sehr er dagegen ankämpfte, heut mit Selbstironie, morgen mit kühler Ueberlegung; so scharf er sich immer wieder seine Jahre vorrechnete Mitte der Fünfzig Fünfzig Jahr fängt's Alter an; Sechzig Jahr geht auch noch an; Siebzig Jahr ein Greis... so lautete ja wohl der Lebensreim. Nun. er hatte wahrhaftig vom Alter noch nichts gespürt, als die größere Ruhe des Denkens. vielleicht ein leichtes Wohlgefallen an erhöhter Behaglichkeit, vor allem Freude an den heranwachsenden Kindern. Im Grunde: man ist immer nur so alt. wie man sich fühlt. Konnten ihm nicht bis zur Schwelle des Greisenalters noch viele schöne Jahre beschieden sein? Konnte er nicht auch noch ein neues Glück finden? Man würde ihn einen Egoisten nennen gewiß. War nicht auch schon der Gedanke Selbstsucht, ein so junges, so schönes Mädchen an sich ketten zu wollen Er lächelte. Das Leben ist zu vielgestaltig, als daß es nicht für jeden Einzelfall eine andre Lösung bieten sollte. Zwanzig Jahre und Fünfundfünfzig, das war gewiß neunzig Male vom Hundert furd. Aber es konnte auch aus diesem Bunde ein harmonisches, ein reiches Glück erwachsen, wenn die Menschen, die ihn schlössen, das Glück zu fassen, zu halten wußten . . . Stött ich. Papa?" hörte er hinter sich Willys Stimme. Er mochte sich nicht gleich umwenden. denn er fühlte, daß die innere Erregung ihm das Blut in's Gesicht getrieben hatte. ..Bist Du's. Willy? Komm nur her. Ein ordentliches Schneetreiben heut. Da steckt .schon wieder ein ganzes Dutzend Wagen von der Straßenbahn fest. Jl .unlere berübmte Große!' Aber spaßig ist das. dies Gewirr unten " Er sprach ganz auf's Geratewohl, nur um etwas zu sagen. Dann, als der Sohn neben ihm stand, fragte er doch: Was gibt's. Willy?" Hast Du ein paar Minuten Zeit für mick. Papa?" Zeit! Ganze Waschkörbe voll. Zuviel bisweilen. Also: ist Rothschild pleite oder hat die Deutsche Bank den Konkurs angemeldet?" Nun hatte er sich wohl genügend in der Gewalt, um dem Sohn das Gesicht zuzukehren und zu lächeln. Komm, mein Junge. Wir wollen uns an den Kamin setzen. Aber erst einen Toback, ch bin wahrhaftig noch nicht zu meiner Morgencigarre gekommen." Er holte sein Etui heraus, knipste die Spitze ab, nahm im Vorübergehen die Zündhölzer vom Büffet mit Also... wo brennt's?" Ich halte es doch für richtig. Papa. Dir mitzutheilen, daß ich mich an den Baldin'schen Unternehmungen zu betheiligen gedenke " Der Geheimrath hatte gerade die Hand erhoben, um seine Cigarre anzuzünden. Nun hielt die Rechte auf einen Augenblick auf ihrem Wege inne. Aber nur ein Moment war's. Dann blies er auch schon das erste RauchWölkchen in die Luft. .Lieber Willy, ich nehme als selbstverständlich an. daß Du die Verhältnisse eingehend geprüft hast, und damit ist die Sache eigentlich für mich erledigt." sagte er. Ich will nicht gerade behaupten, daß ich an Deiner Stelle ebenso gehandelt hätte, aber darauf kommt es nicht an. Ich ver stehe vollkommen, daß die Zeiten sich geändert haben und man dem auch als Geschäftsmann Rechnung tragen muh. Mein alter Graban würde dafür wahrscheinlich daö napoleonische Wort anführen, daß ein wirklicher Feldherr alle zehn Jahre seine Tattik ändern müsse es kommt auf dasselbe heraus.
Ich glaubte aus Deinen neulichen Aeußerungen schließen zu müssen, daß Du dem ganzen Salester-Baldin Concern gegenüber eine recht ablehnende Stellung einniir.mst, Papa, und gerade deshaw wollte ich nicht versäumen. Dir . . ." Mein guter Willy, das waren meinerseits doch mehr persönliche Sentiments. Nun sollen wir zwar in unsrem Geschäft persönliche Empfindungen nie ganz mißachten, aber man darf ihnen kein allein entscheidendes Gewicht beilegen. Hast Du also nach Prüfung der Sachlage ein günstiges Urtheil geWonnen, so ist es Dein gutes Recht, Dich zu betheiligen." Der Gehetmrath lächelte. Jetzt war das wieder sein altes, natürliches, etwas ironisches Lächeln, das so gut zu seinem frischen r cht und feinen klugen Augen stand, betrachtete ein Weilchen mit anscheinend gespanntester Aufmerksamkeit die Leibbinde" seiner Cigarre und sag.te dann: Wir können unser Geschäft auf keiner Schule lernen, wir werden eigentlich immer erst durch Schaden klug. Der einzige Ratb, den ich Dir daher aeben kann, ist: Sei vorsichtig, engagtre unsere Firma nicht Über unsre Kräfte hinaus. Das ist selbstverständlich. Papa" Erlaube, Willy: gerade daö ist leider nicht selbstverständlich. Ich habe fast immer gefunden, daß alles geschäftliche Unglück in dem Mihverkennen der eigenen Kräfte seinen Ursprung hatte oder, noch präziser ausgedrückt, darin, oah man Nicht den Punkt erkannte, an dem man einen dicken Strich unter einen bösen Verlust machen mutzte; dah man vielmehr seinem schlechten, schon verlorenen Gelde immer mehr gutes nachwarf. Ich sage Dir damit nichts Neueö nur reckt an's Herz legen wollte ich Dir die alte Lehre, im Interesse unsres Hauses: in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister." Du kannst versichert sein .Bin ich, mein Junge, bin ich uno ganz unbesorgt. Eine Weile wird wohl die Konjunktur noch anhalten, und Du wirst Zeit und Gelegenheit haben, ohne Ueberstürzung Deine Betheiliaung zu liqutdiren. Das würde ich allerdings mpfehlen. Still laß nur ich mag gar nichts Näheres wissen. Denn fange ich erst wieder ar, mich um Einzelheiten zu kümmern, so läßt mich der Satan Geschäft nicht los." Ter Geheimrath lehnte sich weit zurück, zog seine Cigarrentasche noch einmal heraus, um dem Sohn eine Bock anzubieten: Rauchst Du wirklich nicht?" Es bekommt mir nicht recht am Morgen " Ah Ihr Jungen! Magen und Nerven! Da sind wir von besserem Holz geschnitzt." Willy lachte: Wenn man Dich sieht, Papa, könnte man Dich freilich gut und gern um fünfzehn Jahre jünger taxiren. Kein weißes Haar und Deine rosige Gesichtsfarbe.." (Fortsetzung folgt.)
Der Eisenbahnban in den Ver. Staaten wird sich voraussichtlich im Laufe dieses Jahres lebhaft entwickeln. Der Bau von 7500 Meilen Bahn ist bereits kontraktlich vergeben und 9332 Meilen sind projektirt und werden zur Ausführung gelangen. Auch in Kanada wird der Eisenbahnbau großartige Dimensionen annehmen. Unter Anderem werden verschiedene Strecken der neuen transkontinentalen Linie in Betrieb genommen werden, durch welche das System der Grand Trunk-Eisenbahngesell-schaft um 3300 Meilen ausgedehnt wird. Die erste Waffenthat der preutzi fchcn Marine. Der deutsche Kaiser hat am Grabe des Leutnants Niesemann in Giöraltar einen Kranz durch den Kontreodmiral von Müller niederlegen lassen. Diese Ehrung ruft die Erinnerung an die erste Waffenthat der jungen vmißischen Marine unter ihrem ersten Admiral, dem Prinzen Adalbert von Preußen wach, die an der marokkanischen Küste, östlich von Tanger stattfand. Der Prinz, der in den wenigen Jahren von 1849 bis 1856 mit ver. hltnißmäßig geringen Mitteln bereits eine achtungswerthe Marine geschaffen hatte, unternahm 1856 mit der Dampfkorvette Danzig" die erste Fahrt ins Weltmeer. An der Küste des damals noch durch seine Piraten übel berüchtigten Marokko war vor kurzem die Besatzung eines gestrandeten preußischen Kauffahrers von den Riffpiraten bei Tres Forcas ermordet worden, und als nun der Prinz auf einem Boote eine Erkundung der Küste unternahm, wurde dies wieder mit Feuer empfangen. Um dieseHerausforderung zu ahnden, unternahm der Prinz mit 70 Matrosen und Seesoldaten eine Landung .erstieg die steile Küste und pflanzte dort die preußische Fahne auf. In dem entstehenden Feuergefecht erhielt der Adjutant des Prinzen. Leutnant zur See erster Klasse Niesemann, einen tödtlichen Sckmß in die Brust. Außerdem fielen 7 Mann und 18 wurden verwundet. Erst vor der wachsenden Uebermacht wurde der Rückzug angetreten und das Schiff glücklich wieder erreicht. Niesemann erlag, bald auf dem Schiffe der tödtlichen Wunde und wurde mit den übrigen Gefallenen in dem nicht allzu fernen Gibraltar htftatttt
Marokkos Aus land händcl. kSaareneinfuhr nd :?lu?fuhr von Deutschlau, England und F-rankreich. Im Hinblick auf die gegenwärtige Maroklo-Streitfrage dürften die nachstehenden Daten üoer den Handel des Sultanais mit den hauptsächlich bei der Kontroverse in Betracht kommenden Ländern Deutschland, England und Frankreich des Interesses nicht entrathen. Deutschland führte im Jahre 1903 direkt über deutsche Häfen Waaren zum Werthe von 4,618,000 Mark aus Marokko ein und für 4,048,000 Mark direkt nach Marokko aus. In diese Zahlen find jedoch die deutschen Waaren nicht mit einbegriffen, die in bedeutenden Mengen über England. Marseille, Genua und Antwerpen nach Marokko ausgeführt werden, und anderseits diejenigen marokkanischen Waaren, die auf denselben Wegen nach Deutschland gelangen. Die Folge davon ist, daß der englische und der französische Antheil an dem marokkanischen Handel in den Statistiken dieser Länder größer erscheinen, als ste in Wirklichkeit sind. Nach der englischen Statistik ewerthete sich die Einfuhr Großbritanniens aus Marokko im Jahre 1903 auf 11.190.180 Mark, während die Ausfuhr dorthin sich auf 17,780,000 Mark belief. Von dem letzteren Werthe entfielen ungefähr 4,000,000 Mark auf fremde, nicht britische Waaren, so daß ein großer Theil dieses Werthes der deutschen Ausfuhr nach Marokko zugerechnet werden kann. Nach der französischen Statistik betrug der Werth der französischen Einfuhr aus Marokko im Jahre 1903 8,800.000 Mark und der Betrag der französischen Ausfuhr nach dem Sultanate 10,400,000 Mark. Die Hauptgegenstände der deutschen Einfuhr aus Marokko sind getrocknete Mandeln, Leinsaat. Schafwolle, Schafund Ziegenfelle, rohe Erzeugnisse zum Gewerbe- und Heilgebrauche und Bienenwachs. Die deutsche Ausfuhr nach Marokko besteht vornehmlich in gemünztem Silber, wollenen Tuch- und Zeugwaaren, Gewehren und Artilleriezündungen, Zucker- und Eisenwaaren. An dem Schiffsverkehr in allen Häfen Marokkos ist Deutschland in erheblichem Maße betheiligt. Es verkehrten 1903 in marokkanischen Häfen 534 deutsche Schiffe mit 426.123 Registertonnen, 626 französische Schiffe mit 494,420 Registertonnen. 1148 britische Schiffe mit 760,296 Registertonnen. In Marokko sind 36 deutsche Handelshäuser mit ungefähr 8.000,000 Mark Kapital vorhanden. Diese betreiben in der Hauptsache Handel mit Teutschland und Marokko, daneben aber auch mit England, Frankreich, Spanien, Amerika. Belgien undOesterreich. Der deutsche Grundbesitz in Marokko wird auf ungefähr 500.000 Mark bewerthet. An kaufmännischen und landwirtschaftlichen Unternehmungen in Marokko sind Kapitalien deutscher Firmen ungefähr im Betrage von 1.500.000 Mark betheiligt. Ein deutsches Bankhaus besteht in Tanger mit einem Jahresumsatz von etwa 18,000,000 Mark, ebenso eine Cigarettenfabrik mit 120,000 Mark Betriebskapital. Ferner sind in Tanger zwei deutsche Feuerversicherungsgesellschaften mit einem Versicherunqsobjekt von ungefähr 1,000,000 Mark und fast sämmtliche deutsche Seeversicherung gesellschaften vertreten. In Casablanca bestehen drei deutsche Versicherungsgesellschaften; die bei ihnen versicherten Kapitalin werden auf etwa 10,000.000 Mark geschätzt. Die Zahl der in Marokko ansässigen deutschen Reichsangehörigen beläuft sich auf etwa 155. Das deutsche Kapital arbeitet etwa zur Hälfte mit deutschen und zur Hälfte
mit marokkanischen Agenten. Dragomirow über den Krieg. General Dragomirow, der Petersbürg vor Kurzem krankheitshalber verließ, um sich in Südrußland, in Konotop zu erholen, hat von dort einen sehr ausführlichen Brief an den Zaren aerichtet, in welchem er seine Ansicht über die Fortführung des Krieges ausspricht. Zuerst unterwirft er die Unfähigkeit der meisten Minister einer unerbittlichen Kritik und wirft ihnen vor, daß ihre Unfähigkeit ein zweites, noch viel schwereres Mukden in Rußland selbst hervorgerufen habe. Sodann schreibt er in seiner charakteristischen derben Art: Wenn der Minister des Inneren Eurer Majestät auf Ehre und Gewissen versichern kann, daß weitere Aushebungen von Reserven zu keinen Revolten führen; wenn der Minister des Auswärtigen in gleicher Weise garantirt. daß die Entfernung unserer Truppen von der westlichen Grenze und von der Grenze Centralasiens keinen internationalen Konflikt heraufbeschwört; wenn der Finanzminister, ohne zu lügen, versichern kann, daß die Geldmittel ausreichen dann müssen wir eine neue Armee von 1,000,000 Mann in's Feld stellen, die sibirische Bahn doppelgeleisig ausbauen und uns auf drei bis vier Kriegsjahre einrichten. Dann glaube ich. abgesehen von unvorhergesehenen Verhältnissen in der Mandschurei, einen erfolgreichen Ausgang des Krieges zusichern zu können." Vom Tanz in den Tod. Als bei einem Balle in Berlin ein gewisser Michaelis Grün mit einer 32jährigen feschen Wittib eine Polka tanzte, brach er plötzlich zusammen. Ein Herzschlag hatte ihn getroffen, und der schleunigst 1 herbeigerufene Arzt konnte nur noch den Tod des Aermsten konstatrren.
