Indiana Tribüne, Volume 28, Number 225, Indianapolis, Marion County, 15 May 1905 — Page 6

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& ungewöhnlichen Wege ? z 5 W o v c l l c von v i äj !ii f dj a e l D 4 ymnasiallehrer Toktor Franz Hagen trat in den Rathskeller, um seinen Tämmerschoppen zu trinken. Er that es diesmal bedeutend zeitiger als sonst, da ihn der naßkalte, regnerische Apriltag von seinem Nachmittazspaziergang abgehalten hatte. In Gedanken vertieft, ließ sich der junge Mann fern allem geräuschvollen Treiben, im Dunkel eines verschwiegenen Winkels nieder. Der Kellner eilte herbei, um eine Gasflamme zu entzünden, aber Hagen winkte ab; er wollte allein sein. Nachdem ihm sein Stammseidel mit dem echten Münchner gebracht worden war, setzte er seine Cigarre in Brand, gab dem Stuhl eine bequeme Lage und wollte es sich gerade so recht behaglich machen, als ihn lautes, übermüthiges Lachen emporschreckte. Schon vorher hatte er bemerkt, daß er in seinem Winkel nicht ganz so für sich war, als er gewünscht hätte. Gedämpftes Stimmengewirr war aus einem Raume gekommen, dessen durch einen Vorbang abgeschlossener Einaang seitwärts von ihm lag; aber er hatte nicht sonderlich darauf geachtet, in der Hoffnung, nicht weiter gestört zu werden. Die Ausgelassenheit in dem Hinterzimmer stieg jedoch von Minute zu Minute und wuchs schließlich zu dröhnendem Gelächter an. Schon konnte Hagen verschiedene Stimmen unterscheiden und einzelne Worte der Unterhaltung verstehen. Es waren lauter jugendliche Stimmen; und merkwürdig, sie kamen ihm alle so bekannt vor. Nummer zehn," erklang es jetzt im tiefsten Baß. Nein, er täuschte sich nicht, das war die Stimme des dicken John aus Untersekunda, der zur Erreichung eines Klassenziels schon mehrmals zwei Jahre gebraucht hatte und darum seinen Mitschülern im Alter einige Jahre voraus war. Sollte die Untersekunda, seine Untersekunda, in der er deutschen Unterricht ertheilte, und auf deren Leistungen natürlich die des dicken John ausgenommen er so stolz war, hinter dem Vorhang heimlichen Viergenuß fröhnen? Hagen erhob sich und trat, um besser zu verstehen, dem Eingang näher. Nummer zehn," hörte er jetzt ganz deutlich, das Schreiben ist von einer gewissen Emma Rindfleisch." Lautes Gelächter folgte diesem Namen. Silentium! Hören wir, was uns die Dame zu sagen hat. Schr geehrter Herr! Auf Ihre Annonce im gestrigen .Anzeiger' theile ich Ihnen hierdurch mit, daß ich gern Ihre werthe Bekanntschaft machen möchte. Ich bin das einzige Kind meines Vaters, eines reichen Fleischermeisters, der sich aber jetzt zur Ruhe gesetzt hat und von feinem Gelde lebt. Ich bekomme zunächst eine Ausstattung für zehntausend Mark und dann jährlich ein Naoelgeld von dreitausend Mark. Nach dem Tode meines Vaters bekomme ich seine ganzen dreihunderttausend Mark. Ich bin sehr lebenslustig und jetzt dreißig jjcchre alt. Sollten Sie noch nicht so alt sein, so macht das nichts aus, da ich sehr gebildet (ich bin auf die höhere Töchterschule gegangen und kann auch Klavier spielen) und über solche Kleinigkeiten erhaben bin. Ich habe eine Tante gehabt, die ist sogar dreiundzwanzig sichre älter gewesen als ihr Mann, uns die haben doch sehr glücklich miteinander gelebt. Es kommt überhaupt bws auf die Sympathie der Seelen an. Ich hätte schon oft hei rathen können, aber ich nehme nicht jeden. Ich will gern einen Gelehrten, besonders wenn er Doktor der Philosophie ist, was doch soviel wie WeltWeisheit heißt. Auch mein Vater schwärmt sehr für Weltweisheit. Darum ha: er sich auch zur Ruhe gesetzt und würde Sie gern zum Schwiegersöhn nehmen. Schreiben Sie mir zunächst hauptpostlagernd unter .Glaube. Liebe, Hoffnung. 300,000.' Hochachtungsvoll Emma Rindfleisch." Wilder Reifall lohnte den Vorleser, und verschiedene Witzreden wuroen foul Nun. John, wie wär es denn?" meinte einer, das Einjährige brauchst Du dann nicht zu machen." .In die Kanne, krummer Fuchs!" befahl strafenden Tons der Geneckte, dann fubr er fort: Silentium für das elfte und letzteWeiter kam er nicht. Plötzlich stand Hagen vor der erschreckten Schülerschaar. Das ist ja eine saubere Gesellschaft brach er los; Sie, John, und Sie, Müller Sie treiben da ganz merkwürdige Dinge. Was, auch Sie ttnd hier. Fritzsche? Von Ihnen hätte ich alles andere eher erwartet." Fritzsche trat vor und wollte sich entschuldigen. Schweigen Sie! Kein Wort weiter! Ich sehe, ich habe mich schwer in Ihnen getäuscht. Nun, das Weitere wird sich finden." Darauf zog Hagen sein Taschenbuch hervor und schrieb die Namen der Missethäter auf. So. jetzt werden Sie beablen und

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in aller Stille hinausgehen. Dte Briefschaften nehme ich selbstverständlieh an mich. Lassen Sie nur alles liegen, John. Elf Stück müssen es sein." Der Kellner erschien; die Schüler bezahlten und trabten wie begossene Nudpl davon- nur der dicke obn schien das Gleichmaß seiner Seele nicht verloren zu haben. Flirge ich," meinte er draußen. ..so werde ich Landwirth." Und als ihm ein anderer schüchtern einwarf: ..Und das Einjährige?" da gab er ihm lachend zur Antwort: Brauche ich nicht. Mich nehnien sie ja doch nicht; ich bin ihnen zu dick." Nach dem Abgang der Schüler verspürte Doktor Hagen keine Lust mehr. seinen Gedanken nachzuhängen. Zorn und Unmuth über das arge Treiben der halbwüchsigen Jugend kämpften in seinem Inneren. Das Haupt über die Briefe gebeugt, saß er da. Es war kein Zweifel, die Schüler hatten im Anzeiger" ein Heirathsgesuch erlassen, um mit den Eingängen nackber ihren Muthwillen zu treiben. Zum Glück konnte der Kellner noch die letzten Nummern der Zeitung auftreiben, und nun überflog Hagen mit Späherblicken Seite für Seite des Anzeigentheils. Kein Heirathsgesuch entging ihm; was nur im Entferntesten mit einem solchen Ähnlichkeit hatte, wurde einer eingehenden Prüfung unterzogen. Endlich fand er das Gesuchte. Fast hätte er aufgejubelt vor Freude, als er sich am Ziele sah; so sehr hatte ihn der Eifer gepackt. Schwarz auf weiß, mit fettgedruckt! r Ueberschrift stand zu lesen: Trautes Heim! Junger Gelehrter, Toktor der Philosophie, der bis jetzt nur seinen Studien gelebt hat, sehnt sich, des Alleinseins müde, nach einer Lebensgefährtin. In den Kreisen dieser Stadt wenig bekannt, sieht er sich genöthigt, auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege eine Gattin zu suchen. Junge Damen, die ihr Glück eher in trauter Häuslichkeit als in glänzender gesellschaftlicher Stellung zu finden hoffen, und die frei genug denken, um sich über die Art des Weges hinwegzusetzen, werden gebeten, Brief vertrauensvoll unter Mein Glück" in der Expedition dieses Blattes niederzulegen. Diskretion Ehrensache. Es bestand nicht der mindeste Zweifel; das war die gesuchte Anzeige. Zum Ueberfluß trugen alle Briefumschläge die Aufschrift Mein Glück." Zehn Eingänge lagen geöffnet vor Hagen. Er hatte sie durchgelesen. Eine ganz neue Welt war ihm, dem Unverheiratheten, da aufgegangen, die Welt des weiblichen Herzens. Voll Neugierde hatte er anfangs hineingeblickt, aber die Neugierde war allmälig zum lebhaften Antheil geworden. Das Neue, Eigenartige hatte ihn zu fesseln gewußt. Hatte ihn hier der Leichtsinn angeekelt, mit dem sich die eine durch ihr Vermögen einen Mann erkaufen zu kennen glaubte, so war ihm dort die Selbstaufopferung zu Herzen gegangen, mit der eine vom Unaick Verfolgte dem

unbekannten Manne versprach, seine Sklavin zu sein; wirkliche Theilnahme aber hatte ihm keins der Schreiben einzuflößen vermocht. Zuletzt war es ihm, als hätte er selbst das Heirathsgesuch erlassen, und als gälte es nun, sich zu entscheiden. Das elfte Schreiben lag noch immer geschlossen vor ihm. Sollte er den Brief nicht lieber angelesen vernichten? Das Interesse war aber einmal geweckt, und o öffnete er den Umschlag. Als er das Schreiben entfaltete, fiel eine Eintrittskarte zum Parkett des Stadttheaters auf den Tisch. Alle Wetter, die macht's fein," dachte Hagen und griff mit gesteigerter Neugierde nach dem Briefe. Er las: S"hr geehrter Herr! So gewöhnlich und bequem auch die Art, sich eine Frau durch die Zeitung zu suchen, für viele sein mag, für das wirklich feinfühlende Weib wird sie stets etwas Abschreckendes, ja Verächtliches haben. Ich muß bekennen, daß ich mich nicht stark genug fühle und nicht frei genug denke, um leichten Herzens über nnen Schritt hinwegzukommen. den ich eines Tages vielleicht als die größte Leichtfertigkeit meines Lebens bereuen müßte; ist es mir doch, als ob ich gerade das. was ich als das besonders Weibliche in meinem Wesen bezeichnen möchte, auf's Schwerste verletzte. Ich glaube nicht, daß Sie mich ganz verstehen werden; um das zu können, müßten Sie eben selbst Weib sein. Aber, werden Sie sagen, warum thi Sie dann diesen Schritt? Dielen Schritt, den gerade das Weib in Ihnen verdammt? Weil ich muß. Ich zweifle sehr, ob Sie mich auch bier verstehen werden. Das Weib ist viel mehr von Zufälligkeiten abhängig und wird in ihrem Thun und Lassen viel mebr von der Stimme ihres Herzens beeinflußt als der Mann. Ich weiß nicht, wie es kommt; aber es ist mir, als drängte mich eine innere Gewalt, diesen Schritt zu thun, als müßte ich meines Lebensglücks verlustig gehen, wollte ich ihn unterlassen. Sie werden es meinem Zartgefühl zugute halten, daß ich mich nicht nenne, auch über mich und meine Angehörigen, sowie über meine äuße ren Lebensumstände keine Andeutungen mache; denn alles das ist meiner Meinung nach nur nebensächlich und darf einen Mann bei der Wahl seiner Gattin nicht beeinflussen. Ich .ber muß jederzeit die Möglichkeit haben, ungekannt in das Dunkel meines Dafeins zurücktreten zu können. Darum genügt es mir zunächst auch. Sie nur

zu sehen. Glauben Sie mir, der Blick des Weibes ist scharf, und mit einem Blick weiß sie oft besser in das Wesen der anderen einzudringen, als es dem Manne in langem Verkehr möglich ist. In meinem Schreiben wird Sie manches seltsam berühren, namentlich daß sich für Sie nirgends etwas Bestimmtes, Greifbares darbietet; aber bedenken Sie, daß ich ein Weib bin, und daß der Ruf des Weibes ihr Ehrenschild ist; ein Hauch nur, und er erblindet. Sollte etwas in meinem Briefe zu Ihnen sprechen und vielleicht verwandte Saiten in Ihnen anschlagen. so dan Sie schlieklick alauben. in mir das Weib Ihrer Wahl finden zu können, so benutzen Sie gefälligst die beigelegte Karte. Das Weitere wird die gütige Vorsehung in die rechten Wege leiten. In vorzüglicher Hochachtung Die Unbekannte. Nachdem Hagen den Brief gelesen hatte, verfiel er in träumerisches Sinnen. Ein Weib tauchte vor seinem inneren Auge auf, ein junges, zartes, kluges Weib. Aber so oft er ihr Bild festhalten wollte, immer zerrann es wieder in nichts. War sie blond, braun, schwarz? Er vermochte es nicht zu sagen. Klug war sie wie die Schlange, aber auch rein wie die Taube. Und sie hatte den Buben zum Opfer fallen müssen! Nein, Gott sei Dank, er war zur rechten Zeit erschienen und hatte ihnen den Brief aus den Händen gerissen, noch ehe sie ihren Witz an ihm auslassen konnten. Einer inneren Stimme hatte sie geglaubt, folgen zu müssen. Aber würde diese Stimme das nächste Mal nicht wieder sprechen? Wer weiß, ob sich dann ein Retter sinden wird, der sie vor Beleidigung und Beschimpfung bewahrt. Was waren die anderen gegen diese eine, in der sich weibliches Zartgefühl und hingebenoer Glaube an ihr Schicksal so wunderbar verbanden, daß sie sogar einen Schritt

wagte, vor dem ihr Schamgefühl zurückschauderte. Er muhte sie warnen, ihr die Augen öffnen und den Abgrund zeigen, vor dem sie stand. Hagen fuhr auf und sah nach der Uhr. Er hatte noch eine volle Stunde Zeit bis zum Beginn der Vorstellurg vnd konnte also in aller Gemüthsruhe zu Abend essen. Dann begab er sich in's Theater. Es war noch früh und der Zuschauerraum ziemlich leer. Er hatte mithin Muße, die Ankommenden zu mustern. Sobald sich ihm eine junge Dame näherte, gab es einen Ruck in seinem Inneren. Er setzte sich strammer hin und verfolgte sie mit seinen Blicken. Jetzt, jetzt wird sie herankommen und sich mit leichtem Kopfneigen gegen Dich niedersetzen durchfuhr es ihn dann heiß.aber immer ging es an ihm vorüber. Kurz vor Beginn der Vorstellung wurden auch die beiden Nachbarplätze besetzt. Rechts ließ sich ein kaum sechzehnjähriger, bleichsüchtiger Gymnasiast nieder der konnte doch nicht die Hand mit im Spiele haben? und zur Linken nahm breitspurig und schnaufend ein Mann Platz, der in seinen bürgerlichen Verhältnissen recht gut ein ehrbarer Brauer oder Fleischermeister sein konnte. Er war fast ebenso dick wie lang, und sein Gesicht sah so beleidigend gesund aus, daß Hagen mit Entrüstung den Gedanken von sich wies, dies könnte der Vater seiner Unbekannten sein. Der Mann hatte ihm auch beim Vorübergehen auf die Füße getreten, und sich mit keinem Worte deswegen entschuldigt; nein, es war undenkbar, ein Mensch mit solchem Elephantentritt und so mangelhaftem Benehmen konnte nicht der Vater eines so zartbesaiteten Wesens sein. Dies: Erkenntniß aber bereitete dem stillen Beobachter Unbehagen. Wenn die Beiden neben ihm nichts mit seiner Unbekannten zu thun hatten, wo war sie dann? Im Theater sicher. Hatte sie ihn nicht blos sehen wollen? O, er Thor! Wie hatte er auch nur glauben können, daß er neben sie zu sitzen kommen würde! Sie. die es in dem Briefe fo prächtig verstand, ihr Denken und Fühlen zu offenbaren, ohne auch nur durch die leiseste Andeutung etwas über ihre gesellschaftliche Stellung zu verrathen, sie hätte so ungeschickt sein sollen, neben ihm Platz zu nehmen und sich auf diese Weise der Gefahr persönlicher Annäherung auszusetzen? Aus der Ferne nur wollte sie ihn beobachten, und vielleicht verbarg sich gerade ihr Gesicht hinter einem jener Gläser, die scheinbar n it fo großer Aufmerksamkeit auf die Bühne gerichtet waren. Hagen wuroe es ungemüthlich auf seinem Sitze. Er war da in eine schöne Falle gegan tru In seiner Gutmüthigkeit war er ' ierhergekommen, um einem unerfahrenen Mädchen über ihr unkluges Handeln die Augen zu öffnen, und nun saß er da, den neugierigen Blicken einer heirathsluftigen Dame bloßgestellt. Oder wie? Wenn die Unbekannte ga. nicht so unschuldig war, wenn sie nur eine reiche, gelangweilte Dame war. der es auf ein paar Mark für eine Theaterkarte nicht'ankam, sobald sie ihr Vergnügen dabei fand? Wahrscheinlich machte sich gerade mit einjgen zu dem köstlichen Spaß geladenen Freundinnen über den Gimpel lustig, der da vor ihr saß und auf ihn tosten ein zweifelhaftes Vergnügen genoß. QHn Genuß ivar es in der That nicht ftn Hagen, im Theater zu sitzen. Nerv&, über sich selbst unwillig, rutschte er auf seinem Platze hin und her und wen mehr mit sich als mit dem Stück beschäftigt. Er athmete erleichtert auf. all ßch der Vorhang zum erstenmal

senkte. Was sollte er thun? Das Tyeater verlassen oder dableiben? Er blieb, die Hoffnung auf eine befriedigende Lösung hielt ihn. Das Stück hatte glücklicherweise blos drej Aufzüge. Nach dem zweiten trat eine längere Pause ein. Hagen, der sich nach frischer Luft sehnte, erhob sich. Er wollte eben auf den Gang hinaustreten, als ihm der Theaterdiener mit pfiffiger Miene ein Briefchen in die Hand schob. Ich soll's abgeben. Von 'ner Dame." Ah," entfuhr es den Lippen Hagens. Hastig riß er den Umschlag ab. dann las er auf goldumränderter Karte die mit Bleistift flüchtig hingeworfenen Worte: Haben Sie die Güte, mich nach der Vorstellung am Haupteingang neben Schillers Standbild zu erwarten. Rother Theatermantel, schwarzer Feder.kaben Sie einen Schirm? l5s regnet. Kein Wort, bitte, in der bewußten Angelegenheit! Die Unbekannte. Die Dame wird materialistisch," lachte Hagen in sich hinein. Seine üble Laune war mit einem Male verschwunden. Ja, er wollte sie erwarten. Aber einen Schirm hatte er nicht, und nun begann die Jagd nach dem Schirme. Endlich gelang es ihm, das schützende Regendach gegen ziemlich beträchtliche Leihgebühr und Hinterlegung einer Bürgschaft von einem der dienstbaren Geister zu erhalten. Darauf kehrte er in den Zuschauerräum zurück. Um seiner Unbekannten ein Zeichen des Einverständnisses zu geben, zog er die Karte noch einmal hervor und nickte leicht mit dem Kopf, indem er ihren Inhalt las. Das mußte ste sehen und verstehen, wenn sie ihn beobachtete. Dann begann das Spiel wieder. Das Stück war zu Ende. So schnell als möglich verließ Hagen den Zuschauerraum. Im Besitz des Schirmes trat er in das Vorhaus. Seine Blicke flogen suchend über die Menge hin. Richtig, das mußte sie sein. Im sahlen Scheine eines müden Gaslichts sah er dicht neben Schillers Denkmal einen rothen Mantel aufleuchten. Es war eine zarte, schlanke Erscheinung. Sie wandte ihm den Rücken zu und sprach mit einer anderen Dame. Er konnte das Gesicht derselben nicht erkennen, doch als sie dann noch ehe er aus der Halle getreten war davonschritt. war es ihm. als müßte er diese Gestalt schon gesehen haben. Der Strom der Menge führte ihn weiter, bis vor den Haupteingang. Noch ein paar Schritte seitwärts, und er stand vor seiner Unbekannten. Er hob grüßend den Hut. Doktor Hagen." Sie dankte ihm mit freundlichem Kopfneigen. Trotz der schlechten Beleuchtung sah er, daß sich ihr Gesicht röthete und es schien ihm. als zitterte ihre Stimme, als sie zu ihm sagte: Sie sind sehr freundlich, Herr Doktor, mir Schutz und Schirm anzubieten, aber ich weiß wirklich nicht, ob ich Ihre Güte in Anspruch nehmen darf." Wie sie thut, die Kleine," dachte Hagen bei sich und ließ einen prüfenden Blick auf sein Gegenüber fallen. Es war in der That ein reizendes Madchen, kaum achtzehn Jahre alt. und dabei von seltener Anmuth in Bewegung und Erscheinung. Unschuld und Seelenadel strahlten ihr aus den Augen, und auf ihrem Antlitz lag es so blendend und bezaubernd, daß es ihn ordentlich verwirrte. Da es wieder heftiger zu regnen begann. öffnete Hagen den Schirm und hielt ihn zum Schutz über das Mädchen. Darf ich Ihnen den Arm bieten?" Ich danke," lehnte sie ab, ich will Ihnen nicht noch mehr zur Last fallen." Aber es gebt sich wirklich besser so unter einem Schirm." O. ich bin schon mit einem ganz kleinen Endchen zufrieden. Ich fürchte mich auch weniger vor dem Regen als vor diesen dunklen Straßen." Dabei lachte sie ihn so schelmisch an, daß ihm ganz warm um's Herz wurde. Zu schade." fuhr sie nach kurzer Pause fort, daß meine Freundin im letzten Augenblick eine Abhaltung bekam und ich von Jhier Freundlichkeit Gebrauch machen mußte." Kokett ''st sie," dachte Hagen, laut aber setzte er hinzu: Ist Ihnen denn meine Gegenwart so unangenehm?" O, auf mich kommt's doch dabei gar nicht an." Und wenn ich Ihnen nun versichere, daß ich glücklich bin. Sie begleiten zu dürfen." So beweist das nur, daß Sie ein artiger Mensch sind. Wer würde wohl einer Dame eine Grobheit sagen?" Hagen wurde nicht klug aus dem Mädchen, aber ihr heiteres, frisches Wesen zog ihn an. In munterem Gespräch schritten ste Beide dahin. Sie erzählte ihm in schalkhafter Weise von sich, wobei sie ihm aber wenig mehr als einen flüchtigen Einblick in ihr Leben gewährte. Tann sprachen sie von ihm, feinem Beruf, seiner Wissenschaft lichen Thätigkeit; und er erstaunte, wie leicht und schnell sie sich auf dem ihr wenig vertrauten Gebiet zurechtfand. Er erwärmte sich für seinen Gegenstand, wurde breiter in seinen AusFührungen, als man es sonst einer Dame gegenüber zu werden Pflegt, kurz, er redete von dem und jenem, nur von dem einen nickt, um dessen willen er r-'s T beater gegangen war. Ihre Schritte hallten in der Stille wider. als sie so felbander durch die einsamen Straßen gingen. Es war ein

vornehmes Viertel, in das sie gekommen waren, wo nur angesehene und vermögende Bürger der Stadt lebten. Prächtige, reichverzierte Wohnhäuser wechselten hier mit anmuthigen, im Dunkel grüner Parkanlagen versteckten Villen ab. Nun werden Sie bald erlöst sein," unterbrach plötzlich das Mädchen den Redefluß ihres Begleiters. Erlöst?" sagte dieser mit vorwurfsvollem Tone; dann fügte er leiser mit bedauernder Stimme hinzu: So bald schon?" Mit einem Male aber durchfuhr es ihn heiß; er hatte ja das Mädchen warnen, ihr entdecken wollen, wie gefährlich ihr Thun gewesen sei. Er wußte selbst nicht recht, was er that, als er plötzlich stehen blieb. So sehr er suchte, er fand keinen geeigneten Uebergang, und das machte ihn verlegen und stumm. Das junge Mädchen hielt gleichfalls im Gehen inne. Ihr war das sonderbare Benehmen ihres Begleiters aufgefallen, und halb ängstlich, halb neugierig wartete sie auf seine Anrede. Mein Fräulein." stotterte er endlich, Sie täuschen sich über meine Person. Wenn Sie etwa glauben, daß ich der bin, für den Sie mich halten" Weiter kam er nickt: er verstummte, da er merkte, daß er nichts als verwirrtes Zeug hervorbrachte. Das Mädchen trat scheu einen Schritt zurück und fragte mit zitternder Stimme: Mein Gott, so sind Sie nicht Doktor Hagen?" Gewiß, der bin ich. Das hat seine Richtigkeit. Aber aber ich bin nicht der gewünschte Heirathskandidat." Heirathskandidat ?" Verwunderung und Empörung klangen aus der Frage. Ja. Ich muß Ihnen gestehen, ich habe durchaus nicht die Absicht, mich zu verheirathen, und wenn ich Ihrem Schreiben Folge geleistet habe " . Mein Herr, ich verstehe Sie nicht." So geschah's nur, um Ihnen einen guten Rath zu geben. Seien Sie künftiger vorsichtiger in Heirathsangelegenheiten." Mein Herr " Ihre Stimme zitterte vor Aufre gung, und hätte Hagen ihr in die Augen gesehen, so würde er auch die aufsteigenden Thränen darin bemerkt haben. So aber bliclte er an ihr vorbei, ärgerlich über den Starrsinn des Mädchens. Wo es gar nichts mehr zu verheimlichen gab, da suchte sie noch immer den äußeren Schein zu wahren. Er hatte dieses Versteckenspielen satt, und so polterte er, jede Rücksicht ver gessend, los: Leugnen Sie immerhin, wenn es Ihnen Spaß macht. Ich halte es jedenfalls für meine Pflicht. Sie zu warnen. Geben Sie es auf, auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege einen Mann zu bekommen, auch wenn Sie eine innere Stimme dazu treiben sollte. Sie können zu leicht das Opfer einiger Spaßvögel werden. Sie sind überhaupt zu jung und schön dazu" Unverschämt " Mehr brachte das Mädchen nicht hervor. Heftiges Schluchzen erstickte ihre Worte. Ihr ganzer Körper bebte; fast schien es, als sollte sie zu Boden stürzen. Mit Schrecken erkannte Hagen, was er angerichtet hatte. Er wollte die Schwankende halten. Gnädiges Fräulein!" Lassen Sie mich!" Und ehe er noch zugreifen konnte, erhielt er einen Stoß vor die Brust, daß er rückwärts taumelte. Als er sich wieder aufgerichtet hatte, war das Mädchen verschwunden. Plötzlich faßte ihn die Angst um sie. Wenn ihr etwas zustieße nein, er durfte sie nicht allein lassen. Er eilte vorwärts, bis an die nahe Straßenecke; hinter ihr nur konnte sie verschwunden sein, aber nirgends war eine Spur von dem Mädchen zu entdecken. Hagen blieb nichts übrig, als den Heimweg anzutreten. Mit gemischten Gefühlen schritt er die Straßen zurück. Je länger er über sein Abenteuer nachdachte, um so räthselhafter wurde ihm das Wesen des jungen Mädchens. Sollte am Ende eine Verwechslung vorliegen und sie gar nicht die geheimnißvolle Briefschreiberin sein? Das war nicht gut möglich. Aber warum vermied sie es, auf das eine zu sprechen zu kommen? Ließ es ihr Schamgefühl nicht zu? Kaum glaublich. Sie hatte ja den Muth gehabt, das Schreiben abzusenden, ihn zur Begleitung aufzufordern; sie muhte also auch die Folgen davon tragen. Freilich, sie hatte ihn auf der Karte gebeten, nicht von der bewußten Angelegenheit zu sprechen. Vielleicht hatte das eine Prüfung für ihn sein sollen; sie hatte sehen wollen, ob er verschwiegen, rücksichHvoll sein könnte. Nun. er hatte die Prüfung schlecht bestanden; aber er war ja auch gar nicht der, für den sie bestimmt war. Er mochte sich jedoch die Sache zurechtlegen, .vie er wollte, seine Stimmung wurde dadurch nicht besser. Er war ärgerl'.ch auf sich, das Mädchen, die ganze Welt; je länger, je mehr aber auf ftc War das ein Benehmen einer Dame gegenüber? Seine Reue half ihm nichts; er wurde den Gedanken an das schwer gekränkte Mädchen nicht mehr los, und dieser Gedanke verfolgte ihn auch im Schlafe und wcb

sich in seme Traume. . . . sSckluh folgt.) n Die Bankiers Georg und Max Schüller in Bunzlau wurden wegen Betruges und Depotunterschlagung in Untersuchungshaft genommen.

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