Indiana Tribüne, Volume 28, Number 225, Indianapolis, Marion County, 15 May 1905 — Page 5
Jndiana Tribüne, 15. Mai 1905.
Zlcucs Lcbcn. Slizze von Fritz Gregsri. Auf ihrem Fensterplatz in dem behaglich ausgestatteten Zimmer konnte man taaaus, tagein die in der ganzen Stadt bekannte Justizräthin Wiedemann sitzen sehen. Die Jahre hatten ihr Haar gebleicht, die hohe Gestalt ging gebeugt, und den dunkel umrandeten Augen konnte man ansehen, dah sie viel Thränen geweint. Heute nun blickten dieselben noch trauriger als sonst der Garten vor dem Fenster entteffelte umsonst seine frühlingsdluliende Pracht, der Vögel Sang ging ungehört am Ohr der alten Dame vorüber, sie feierte ihren Geburtstag, den fünfundsechzigsten. Welch herber Kontrast zwischen einst und jetzt! Die wenigen alten Freunde des Hauses halten freilich nur zu gern ihre Glückwünsche dargebracht, aber man wußte und hatte erfahren muffen, daß die Justizräthin keinerlei Beweise von Theilnahme liebe. Sie wollte den Tag allein begehen wie, ach, so lange schon. Warum mich nur der Tod vergißt," sagte ste vor sich hin, die Hände müde in den Schooß gelegt, bin doch zu nichts mehr nütze in der Welt." Die alten Augen wurden feucht. Was war von einem langen thätigen Leben übrig geblieben? Zwei Gräber auf dem Friedhof draußen und sie, die alte, vom Leben müde gewordene Frau. Vom Nebenzimmer tönte ein feines Stimmchen, die Justizräthin hörte es nicht, Erinnerung suchte sie heim und lieh sie für den Augenblick der traurigen Gegenwart vergessen. Nicht immer war sie so einsam geWesen wie jetzt. Wie hatte ihr junges Herz höher gepocht in lauter Lust, als sie vor vielen Jahren hier ihren Einzug hielt, als junge, glückliche Frau. Mit welchem Stolz führte ihr Mann sie in das kleine freundliche Haus vor der Stadt, das sie heut noch bewohnte. Und dann ward Werner geboren, ihr Einziger, ein Prachtbub, der seiner Eltern Glück ausmachte, durch viele Jabre. Bis dann ie Zeit herankam, wo ihm das Vaterhaus zu enge wurde und er hinauszog in die weite Welt, dem Ruhm und Glück entgegen. Daß er sein Glück nicht auf den Wegen des Berufes suchen mochte, gab wohl den ersten Anstoß zu der Entfremdung zwifchen den Beiden, die ihm die Liebsten waren, und die Entfremdung wuchs immer mehr. Die Mutter konnte ihrem Goldsohn nicht zürnen, daß er lieber Maler werden wollte als ein mittelmäßiger Jurist. Ein Künstler wollte er werden, ein Gottbegnadeter, einer von denen, die eine Welt zu ihren Füßen sehen. Wie hatte sie an ihn geglaubt, mit ihm gehofft, selbst als das Glück ausblieb und der Erfolg nicht kommen wollte! Werner ist kein Genie." Wie oft hatte der Justizrath ibr das vorgefaat. Genies werden geboren, das lernt sich nicht. Im besten Fall hat unser Junge ein mittelmäßiges Talent, er täuscht sich über seine Gaben." Zum Glück hatte der alte Herr es nicht erleben müssen, daß seine Worte sich bewahrheiteten. Erst wurde die Mutter, dann der Sohn selber irre an seiner Berufung zur Kunst, , und als der Justizrath auf dem Sterbebett die Hand des Sohnes in die seine zog und mit brechender Stimme bat: Kehre um. Werner, und werde ein brauchbarer Mensch, es gibt nichts Traurigeres als ein verfehltes Leben," da hätte Werner gern eingelenkt. Allein er schämte sich vor seiner Mutter und vor den Kameraden, denen er oft in tönennen Worten von künftiger Größe gesvrochen. Er suchte eine andere Kunstschule auf und dachte, nun müßten sie kommen. Glück und Erfolg. Einstweilen aber brauchte er nur Geld und wieder Geld. Die Mutter gab, was sie geben konnte, legte sich sogar Entbehrungen auf in der Hoffnung, endlich werde der Werner doch verdienen. Sie deutete ihm brieflich einmal schüchtern an, daß es ihr nicht leicht falle, ihn über Wasser zu halten, aber da war Werner böse geworden, furchtbar böse. Ob sie denn kein Opfer bringen könne der Kunst zuliebe, er habe nicht geglaubt, daß auch ihr jedes Verständniß fehle . . . Kunst gehe nickt nach Brot, das könnte sie nachgerade wissen. Die Justizräthin klagte seitdem nie mehr, sie nahm, als abermals die Mittel knapp wurden, mit blutendem Herzen eine zweite Hypothek auf ihr Häuschen auf und quälte sich mit Zweifeln an Werners Begabung. Die wurden noch stärker, als ihr und ihres Gatten Freund, der alte Sanitätsrath Heim, von ihrer Hypothek erfukr und sie auszuschelten kam. Er sagte ihr beinahe die Freundschaft auf. Sie solle und dürfe nicht die Ruhe ihres Alters auf's Spiel setzen, eines Phantoms willen, denn Wernerö Bestreben könne man mit der Zeit kaum anders nennen. Wer es in zehn Jahren nicht zum Künstler gebracht hat, dem helfen zehn weitere des Studiums auch nicht dazu. Werner sollte sich bescheiden und ein Ende machen. Um eine Stelle als Mal- und Zeichenlehrer auszufüllen, hat er sicher genug gelernt. Frau Wiedemann mußte dem alten Herrn beipflichten, und was sie bis dahin nie gethan, sie machte sich auf, um Werner zu besuchen. Derartiges spreche man mündlich ab, meinte sie. Drei Tage später kehrte sie auS München zurück, eine alte, gebrochene grau. Sie erzählte keinem, wie sie
ihren Sohn angetroffen und waZ er zu ihrem Vorschlag gesagt habe. Es mußte aber nichts Gutes fein, denn seit der Zeit sprach sie fast nie mehr von ihm, er kam nicht mehr nach Haus, und der Briefwechsel schlief auch langsam ein. Ich habe meinen Sohn verloren und er sich selbst. Doktor," das war das einzige was Heim erfuhr. Die arme Mutter lebte ihre Tage freudlos und verlassen dahin, pflegte die Blumen in ihrem Garten und schmückte mit ihnen das Grab auf dem Friedhof; dorthin ging sie jeden Morgen früh. Da brachte der Postbote eines Tages einen Brief. Die alte Magd, die Freud und Leid mit ihrer Herrin getheilt, schlich sich nach geraumer Zeit neugierig in's Zimmer, weil ihre Räthin nicht zum Vorschein kam. Sie fand sie ohnmächtig am Boden, die Todesnachricht ihrer Sohnes in der eiskalten Hand. Als sie zu sich kam, stand der Sanitätsrath an ihrem Bett, von der Trauerkunde überrascht, denn Werner Wiedemann hatte das 30. Jahr kaum erreicht. Der Doktor wollte feine Freundin trösten, fand aber zu seiner Verwunderung, daß sie des Trostes kaum bedürfe. Nun hab ich ihn wieder," sagte sie mit trübem Lächeln in dem blassen Gesicht, nun ist mein Werner wieder mein. Kommen Sie, Doktor, wir holen ihn, wenn es Jönen recht ist." Ob's ihm recht war! Noch am selben Abend fuhren die beiden ab, um mit der Leiche zurückzukehren. Die ganze Stadt nahm an dem Schmerze der Mutter theil; alt und jung folgte dem Sarge, und als der Abend des Begräbnißtages kam, konnte man Frau Wiedemann wieder an ihrem Platz am Fenster sitzen sehen, minder betrübt wie sonst, hatte sie doch den Sohn wieder, der ibr so lang verloren war. Der Sanitätsrath kam noch zu ihr. Er wollte hören, wie sie sich mit der Tbatsache abfinde, daß Werner eine Wittwe hinterließ; unterwegs hatte er nicht darüber sprechen mögen. Mit Scham bekannte die alte Frau, daß eben Werners Ehe der Grund ihres Zerwürfnisses gewesen sei, und ein schimmerndes Roth trat in ihr Gesicht und verjüngte es förmlich: Es war damals nicht weniaer als eine Ehe. Und weil ich das nicht leiden mochte und heftig dawider sprach, ließ Werner sich hinreißen, mich einen Einblick in sein Leben thun zu lassen, der mir zeigte, daß wir uns nimmermehr verstehen konnten. Er hat sie später doch geheirathet, aber" und sie stockte einen Moment, da hatte ich längst bereut, daran auch nur gedacht zu haben, seitdem war vollends alles aus." Kinder sind nicht aus dieser Ehe?" fragte der Arzt zögernd. Gesehen haben wir wenigstens keins." Gesehen haben wir die Frau auch nur das eine Mal. bei dem sie uns mit einer Bereitwilligkeit Werners Leichnam überließ, die mich entsetzte. Das hätte nichts besagt. Zum Glück ist aber der kleine Knabe, der damals das Licht der Welt erblickt hatte, todt." So haben Sie mit dieser Frau nichts mehr zu thun?" Nichts, gottlob, das hätte ich kaum ertragen, wir haben jetzt nichts mehr gemein." Als den Namen," wollte Heim sagen, aber er schwieg. Plötzlich hörte er von den Lippen der Frau, die eben noch so wunderbar gefaßt dagesessen, ein qualvolles Schluchzen. Verkommen und verdorben, mein einziger Sohn." weinte sie leise. Heim stand auf. Der Mutterschmerz war ein heiliger, den durften fremde Augen nicht mit ansehen, auch die seinen nicht. Nachdem nahm das Leben in dem kleinen Hause vor dem Thore seinen Fortgang. Nach wie vor konnte man die Räthin des Morgens zum FriedHofe wandern sehen, nur daß sie statt des einen jetzt zwei Gräber pflegte. Tut Dora, die alte Magd, fand, ihre Herrin sei noch stiller geworden und gehe jeder Abweichung vom Hergebrachten aus dem Wege. Dahin gehörte auch die Feier ihres Geburtstags. Dora hatte sich fein gemacht und einen Napfkuchen gebacken, den sie mit ein paar Glück wünschenden Worten auf den Frübstückstisch gestellt. Aber da war die Frau beinahe grob geworden und hatte gesagt: Wenn du mir was wünschen willst, so wünsch mir den Tod, hier unten hab' ich nichts mehr zu thun." Und Dora schlich in ihre Küche zurück, innerlich ebenso ärgerlich wie ihre Frau, aber mit besserem Grund. Wie man nur so reden konnt, während doch . . . Fünf Jahre waren seit dem Tod ihres Sohnes vergangen, da schneite eines Tages ein kleines Mädchen als holde Frühlingsgabe in's Haus. Sie sei die Tochter ihres verstorbenen Sohnes, schrieb Werners Frau, die sich seither nie um die Schwiegermutter gekümmert, wenig Monate nach des Vaters Tode zur Welt gebracht. Die Justizräthin glaubte nicht daran. Das war eine grobe Lüge der Frau, die sich rächen wollte, weil sie sie nie beachtet hatte. Der Sanitätsrath aber prüfte die Papiere der Kleinen, sie waren alle in Ordnung und bekundeten, daß die Wittwe die Wahrheit rede. Johanna Elisabeth Wiedemann war der Jusiizräthin rechtmäßiges Enkelkind. Die Mutter deS KindeS, daS in'S achte Jahr ging und ein allerliebstes
Ding war, dem man gut sein mußte, hatte von Anfang an keineswegs die Absicht gehabt, die Kleine sich zu thun. Auf ihre Art hatte ste die kleine Elli sogar recht lieb gehabt, wenn sie auch ihrem Vater nicht lange nachtrauerte. An seiner Statt fand ich ein anderer, der sie jung und schön genug fand, um sein Leben mit ihr zu theilen. So blieb zum Trauern keine Zeit. Allmählich mußte sie indeß einsehen, daß Ellis Dasein ihr hinderlich sei. Sie trug's aus eh er Art gedankenloser Mutterliebe. Elli war ia noch so klein, sie konnte noch nichts verstehen und dann, sie hing an ihrer Mama, so selten die auch Zeit für das Kind fand. Sie hätte es nie von sich gegeben,wäre nicht ihr Freund gewesen, einer, der Werner noch gekannt. Der behauptete, das Kind gehöre seiner Großmutter, es habe dort in jedem Fall mehr Pflege und Erziehung, und dann, es passe ihm auch nicht, fortwährend an den todten Maler gemahnt zu sein. Ein kurzer Kampf im Herzen der Frau, und dann siegte die Lust am Leben über das Muttergesühl. Ein aufklärender Brief, der die nöthigen Papiere einschloß, ging zur Zeit mit der Kleinen ab, die sie zum Schluß noch recht niedlich ausgestattet. Mochte die fremde Großmama sehen, wie sie mit der Ueberraschung zurecht kam. Sie schuldete ihr noch Revanche sür die Ueberraschung ihres Besuches von damals. Als sich der Sturm im Herzen der plötzlich zur Großmama Gewordenen gelegt hatte, nahm sie das Kleine aütlich, doch ohne Herzenswärme auf. Sie war die Einsamkeit und Stille um sich her nun schon so gewohnt, daß sie jede Unterbrechung derselben als etwas Feindliches empfand. Dennoch trug sie nach Kräften Sorge für Elli, indem sie sie Dora überließ, der das blondlockige kleine Mädchen in kürzester Frist wahrhaft an' Herz wuchs. Sie selber sah geflissentlich zur Seite, so oft Dora die Anmuth des Kindes pries: sie mochte nicht mehr l'ebcn, die alte, vergrämte Frau, die immer nur auf den Tod wartete, der nicht kam. Soweit war die alte Dame in ihren Gedanken gelangt, da wurde sie plötzlich munter, der Ton der Hausglocke weckte sie. Zu gleicher Zeit drang Ellis Stimmchen an ihr Ohr. Ich fürcht' mich so, Dora," klagte das Kind. Wirst Dich nicht fürchten, Herzchen," beschwichtigte sie die alte Magd. Es ist ja die Großmama, und sie hat Dich lieb, wenn sie es auch nicht Wort haben will. Komm Kind, bis an den Zaun geh' ich mit Dir und von dort . . Die Stimmen verhallten, da die Zwei sich entfernten. Die alte Frau warf einen erstaunten Blick nach der Thür, als ob von dort Jemand kommen sollte. Einen zweiten Blick nach der Uhr. Schon elf rief sie aus, nahm den Hut von der Kommode, die kleine Gießkanne vom Blumenbrett und schickte sich an, ihren täglichen Gang zum Friedhof anzutreten. Er war nicht weit. Sie brauchte nur durch den Garten zu gehen, der stieß an die Mauer, hinter der die Todten schliefen. Noch ein paar Schritte, und sie beugte sich tief über die beiden Gräber, die dichter Efeu deckte. Eine Weile verharrte sie im Gebet, dann entfernte sie sorgsam jedes welke Blatt, tränkte die Blumen, die zu Häupten wuchsen, und strich kosend mit der Hand über die kalten, leblosen Steine. Das trostlose Gefübl des Verlassenseines überkam sie auf's neue mit verdoppelter Macht. Die Lippen bebten, die Augen wurden naß. Allein, mutterseelenallein in der Welt," schluchzt sie plötzlich. Da legen sich zwei weiche Kinderarme um ibren Hals, und ein feines Stimmchen flüstert scheu und doch gestärkt durch das Gefühl eigener Wichtigkeit an ihrem Ohr: Willst Tu mich lieb haben, Großmama. weil ich doch auch allein bin, wie Du?" Elli. mein Kind!" Mehr vermögen ihre Lippen nicht zu stammeln, aber die alte Frau umfaßt das junge Kind, als wolle sie es nie mehr lassen, und jenes schmiegt-sich zutraulich an. Elli richtet das blonde Köpfchen zu erst empor. Weißt Du, Großmama," sagte stt halb scheu, halb beglückt, Dora hat noch gesagt, daß Dein Geburtstag ist und daß ich Dir Glück wünschen soll, und du sollst lange leben auf Erden für mich. Da weintest Du, und da hab' ich alles vergessen, Du bist doch nicht bös darum?" Daß ich lang leben soll auf Erden für Dich," wiederholte die Justizräthin bewegt. Sie faßte die KinderHand fester. Komm jetzt, mein Kind, Du hast Deine Großmama zur rechten Zeit gemahnt. Sie ist ja nicht allein auf der Welt, und die Zwei." sie zeigte auf die Gräber, Werden nun noch ein Weilchen warten müssen, bis ich komme, weil Du erst groß werden sollst."
AnzüglicherWunsch. Bei einem Festmahl, das zu Ehren eines Possendichters anläßlich des neuesten Kindeö seiner Muse gegeben ward, tu hob einer der Theilnehmer sein GlaS und rief aus: Der Herr Verfasser lebe hoch! Möge er so alt werden wi seine Witze!"
Europäische Nachrichten.
'Aovnlz Wrandenvurg. Berlin. Der Selbstmord eines bekannten Fuchtgrossisten erregt in der hiesigen Geschäftswelt großes Aufsehen. Der Inhaber der bekannten Fruchtwein-, Fruchtsaft- und Likörfabrik. Eugen Neumann & Co., Conrad Neumann, hat sich in dem Lagerraum seiner Filiale am Belleallianceplatz 6 erhängt. Das früher glänzende Geschüft des jetzt freiwillig aus dem Leben Geschiedenen ging in den letzten Jahren mehr und mehr zurück. Vor einiger Zeit wurde das Konkursverfahren gegen den Inhaber eröffnet. Auf offener Straße mit Lysol vergiftet hat sich, wahrscheinlich infolge nervöser Ueberreizung, der 28 Jahre alte Hausdiener Max Größer aus der Dieffenbachstraße 32. Kürzlich ist der Lustspieldichter Thilo v. Trotha, der langjährige literarische Compagnon Gustav v. Mosers, an einer Lungenentzündung gestorben. Thilo von Trotha war 1851 in Westpreutzen auf dem Rittergute Nibenz geboren. Er wurde, wie viele seiner Familiengenoffen, Militär und brachte es bis zum Hauptmann. Dann quittirte er den Dienst, um sich ganz der schriftstellerischen Thätigkeit zu widmen. In einem Krampfanfall vom Straßenbahnwagen gestürzt und schwer verletzt worden ist der Schriftfetzer Gustav Schiller, Erlangerstraße 16, zu Nixdorf. Er benutzte den Wagen No. 1853 der Linie 48 E und stand auf der Vorderplattform. An der Kottbuser - Brücke wurde er plötzlich von Krämpfen befallen und stürzte so unglücklich von dem in der Fahrt begriffenen Wagen auf das StraßenPflaster, daß er einen schweren Schädelbruch erlitt. Der 61jährige Händler Ernst Deckert aus der Mariannenstraße 40 wurde in der Skalitzerftraße so unglücklich von der Straßenbahn überfahren, daß er mit schweren inneren Verletzungen nach dem Krankenhause am Urban gebracht werden mußte. Hier ist er seinen Verletzungen erlegen. Steindrucker Neumann aus der Hochmeisterstraße 20- war schon lange lungenkrank. Aus Verzweiflung darüber suchte er seinem Leben ein Ende zu machen, indem er Salpetersäure trank. In hoffnungslosem Zustände wurde er nach dem Krankenhause gebracht. Neumann hat vier unmündige Kinder. Brandenburg. Einen SelbstMordversuch auf der Polizeiwache machte die Malerwittwe Libscha aus der Potsdamerstraße zu Charlottenbürg, die sich als Köchin ernährt. Die 47 Jahre als e Frau wurde um 11 Uhr Vormittags betrunken in der Kurfürstenstraße angetroffen und zu ihrer eigenen Sicherheit nach der Wache des 63. Reviers gebracht. Weil sie dort arg lärmte, schloß man sie in eine Zelle ein. Als man sich später nach ihr umsah, hatte sie sich mit einem Tuch am Fenster erbängt. Sie wurde abgeschnitten, von einem Arzt in das Leben zurückgerufen und in ein Krankenhaus gebracht. Cottbus. Landgerichtsrath Dr. Delius von hier ist zum Kammergericktsrath ernannt worden. D ö r r w a l d e. Lehrer Tutzke beging sein 25jähriges Dienstjubiäum, welche Zeit er nur in Törrwaide amtirte. Dem Jubilar wurden besondere Ehrungen zu Theil. Fürstenwalde. Der Bauunternehmer Georg John ist auf Antrag des Reckitsanwalts Ernst Marcuse, der seine Vertheidigung übernommen hat, zur Beobachtung seines Geisteszustandes der Irrenanstalt Herzberge überWiesen worden. Klinge. Vom Schnellzug zermalmt wurde auf der Bahnstrecke von hier nach Forst der hiesige Streckenläufer Schimmrick. Der Kopf war ihm vom Rumpfe getrennt, Beine und Arme waren abgefahren und schrecklich verstümmelt. P l ö tz e n s e e. An der Straßenbahnhaltcstelle hierselbst suhren zwei Motorwagen zusammen. Dabei gerieth der Schaffner Bahn zwischen die Plattform beider Wagen. Dem Unglücklichen wurde der rechte Unterschenkel zersplittert, der linke Unterschenkel gequetscht. S ch ö n e b e r g. Erhängt hat sich der hier Sedanstraße 11 und 12 wohnende frühere Glasermeister Amende, der bereits über ein Jahr krank und vor einiger Zeit aus dem Krankenhause entlassen worden war. Hroninz Ostpreußen. Königsberg. Sein 25jähriges Jubiläum bei der Firma Theodor Krohne, bezw. W. Schimmeyer feierte Herr Hugo Kranich. D o m n a u. Letztens ist in der Pr. Eylauer Straße die große Scheune des Ackerbürgers Grut.wald niedergebrannt; ein Füllen und drei Rinder kamen in den Flammen um. G r o n d o w k e n. Der Schmied Lüneburg wurde bei dem Auseinandernehmen eines Gebäudes auf der Oberförsterei von zusammenfallenden Sparren so schwer am Kopfe und Genick getroffen, daß er auf der Stelle todt blieb. L a b i a u. Ueberfahren und sofort getödtet wurde hier das Schulmädchen vcofa Brock, als es versuchte, sich an einen vorüberfahrenden Wagen anzuhängen. Lotzen. Im Streit erschoß der Töpfergeselle Zapitzki den Töpfermeitoi Purwien. t
P h i l i p p s d o r f. Grenadier H. Witte wurde hier von einemEisenbahnzuge überfahren und getödtet. Vermuthlich liegt Selbstmord vor. Rudowken. In der Nacht brannte es bei dem Besitzer R. Pensky, Abbau Rudowken. Wobnbaus. fnwi ein Viehstall mit zwei Pserden, fünf Stück Vieh, Schweine, Schafe und Federvieh ist mitverbrannt. S a l l e s ch e n. Todt vorgefunden wurde der schon längere Zeit als vermißt gemeldete Käthner Svenn von hier. Die Leiche lag etwa 1000 Meter von der Chaussee Marggrabowa-Wid-minnen auf der Feldmark des Rittergutes Toliwen in einem Torfbruch. S o d e h n e n. Der hiesige Fleischermeister Wagner wurde von einem Zuge überfahren und getödtet. S t r i l z e n. Erhängt hat sich der 58jährige Viehfütterer und Jnstmann Johann Milva von hier. Tilsit. Der 25jährige BureauGehilfe der Stadthauptkasse Paul Redetzkv hat im Park von Jakobsruhe, unweit des Denkmals der Königin Louise, seinem Leben aus Liebesgram durch einen Revolverschutz in die Schläfe ein Ende gemacht. Thalussen. Besitzer Kaminski ist von einem schweren Unglück betroffen worden. Durch Feuer wurden drei Gebäude eingeäschert. Hroninz WelZpreußen. D a n z i g. Der Hofbesitzer Rud. Krause aus Trutenau verkaufte seine nicht ganz fünf kulmische Hufen große, schöne Besitzung mit lebendem und todtem Inventar an den früheren Hofbesitzer Wilhelm Wehrend aus Grebinerselb für 183,000 Mark. Briefen. Der Rektor der hiesigen evangelischen Schule, Herr Heym, hat als Correspondent der geologischen Landesanstalt in Berlin den Auftrag erhalten, geologische Forschungen im hiesigen Kreise auszuführen. D i r s ch a u. Der Regierungsbaumeister des Wasserbaufaches Max Wormit ist von Dirschau nach Kukerneese versetzt worden. D t. - Ey lau. Die der Wittwe Schmidt gehörige Privat - Molkerei ist für den Preis von 105,000 Mark an die neu gegründete Genossenschaft für Molkercizwecke verkauft worden. E l b i n g. In Pr. - Mark sind bei dem Besitzer Pomierski die Wirth-schafts-und Wohngebäude vollständig niedergebrannt. Graudenz. Der ProduktenHändler Abraham Nadersohn ist wegen Verdachts der Hehlerei verhaftet worden. Es soll sich um Ankauf gestohlenen staatlichen Eisengutes handeln. G u t e h e r b e r g e. Die große Klawitter'sche Werft in Danzig ist fast völlig niedergebrannt. Das Feuer kam in der Nähe der Tischlerei aus. Der frühere Vorstand des Central - Ressorts der kaiserlichen Werft, Herr Capitänleutnant Fuchs, ist zum s tencapitän und der frühere Adjutant der Werft, Herr Oberleutnant zur See Müller - Palm, zum Capitän - Leutnant befördert worden. P r. S t a r g a r d. Der Turnverein ernannte Herrn Kaufmann P. Wieszniewski, der 20 Jahre das Amt eines Kassenwarts des Vereins verwaltet hatte, in Anerkennung seiner bohen Verdienste in dem Verein einstimmig zum Ehrenmitglieds Provinz ommcvtx. Stettin. Die Wohnungsinhaberin, Arbeiterfrau Marie Zirzow, geb. Heiden, hatte das uneheliche Kind ihrer Tochter, einen Knaben, bei ihrem Ausgange im Kinderwagen liegend allein zurückgelassen. Als sie nach anderthalbstündiger Abwesenheit zurückkehrte, fand sie die Wohnung vollständig verqualmt vor. Sie eilte sofort zu dem Kinde, das noch röchelte, und brachte es zu einer Nachbarin. Nachbarn versuchten, das Feuer zu löschen, das dadurch entstanden war, daß ein am Ofen hängender Bettbezug sich entzündete und der Brand sich auf einen Flickenbeutel und auf Kleidungsstücke übertrug, auch die Thürfüllung ergriff. Vom Polizeibureau wurde die Feuerwehr herbeigerufen. Die von einem Arzte bei dem Kinde angestellten Wiederbelebunasversuche waren erfolglos. D z e ch l i n. Der hiesige Hofoesitzer Pelz lieh seinen 8jährigen Sohn die Pferde am Göpelwerk antreiben. Die Verbindungsstange mutz nicht vorschriftsmähig umkleidet gewesen sein, denn der Kleine wurde von ihr erfaßt. Hierbei wurde ihm der rechte Fuß am Gelenk vollständig abgerissen und außerdem das rechte Vein über dem Knie gebrochen. Der Schwerverletzte wurde in das hiesige JohanniterKrankenhaus gebracht, wo er starb. Falkenburg. Aus Furcht vor Strafe wegen eines bei der Dienstherrschaft begangenen geringfügigen Diebftahls entfernte sich das 20jährige Dienstmädchen Marie Hennig von hier und wurde kürzlich im Stadtwalde todt aufgefunden. H e u e r s h o f. Frl. Margarethe Meyer Hierselbst ist die Rettungsmedaille verliehen worden. Die Dame hat im Juni v. I. einen jungen Menschen im Alter von 16 Jahren, der in Gefahr war, zu ertrinken, mit eigener Lebensgefahr gerettet. K o l b e r g. Erschossen hat sich der Musketier Pfleger der 6. Komp. de hiesigen Ins. - Regts. v. v. Goltz mit einem Dienstgewehr in den KeUerräumen des Kompagnierevierö. Dis UnteruchunS iß eingeleitet
Vom Auslande.
Eine neue Erfindung wird, wie man mittheilt, demnächst in Berlin zum ersten Male öffentlich vorgeführt werden und in einiger Zeit auch im Verkehr erscheinen, nämlich eine, auf jeden einzelnen Tastendruck nicht nur in einzelnen Buchstaben, sondern sofort silbenweise arbeitende Schreibmaschine, die mit stenographischer Schnelligkeit in gewöhnlicher Schrift schreibt und dabei die gleiche Wortzusammensetzung hat wie die Stenographen aller Systeme sie gewöhnt sind. Die Maschine soll zu demselben Preise eingeführt werden, wie die bisherigen Systeme ohne Silbenschrift. Die Erinnerung an den Krieg Englands mit den Zulus, in dem der Prince Jmperial, Lulu, der Sohn Napoleons des Dritten, am 1. Juli 1879 unter den Speeren der Wilden verblutete, ruft der Tod des Generals Lord Chelmsford wach, der kürzlich beim Villardspielen im United Service Club in London vom Schlage gerührt wurde. Lord Chelmsford befehligte die englischen Truppen im ersten Theile dieses Krieges, auch er war verantwortlich für den blutigen Tag von Jsandhlwana, an dem gegen 1000 Engländer dem Ansturm der Zulus erlagen. Er sowohl wie seine Offiziere verachteten ihre Gegner, und daher befolgten sie auch nicht die Rathschläge Oom" Krügers und Jouberts, die damals gerade durch Natal reisten und Chelmsford aus dem reichen Schatze ihrer Kriegserfahrungen Rath ertheilten. An jenem Tage theilte Chelmsford seine Abtheilung, die zur Bewachung des Lagers zurückgelassene Mannschaft, ließ sich in ein Gefecht außerhalb des Lagers verwickeln, und kaum ein Dutzend Mann entkamen, während Chelmsford den Rückzug antreten mußte. Er wurde abberufen und durch Wolseley ersetzt, und verbrachte dann seine Tage als Leutnant des Tower. Dreißig englische Kriegsschiffe standen kürzlich im Chatham Dockyard zur Versteigerung. Von dem 8845 Tonnen - Schlachtschiff Simoom" und dem geschützten 8446 Tonnen - Kreuzer Warspite" hinab bis zu dem kleinen Segler Mary" mit seinen 30 Tonnen Gehalt. Eine ansehnliche Flotte mögen sie gewesen sein vor Jahren. Run liegen sie unten im Seemagazin, öde und verlassen, und in wenigen Monden wird nichts mehr von ihnen erzählen als die Erinnerung. Als alten Eisens entledigt sich die Admiralität der Invaliden. Trotz der strengen Verkaufsbedingungen der Marinebehörde nach Zerstörung der Kessel undMaschinen müssen die Schiffe in einer bestimmten Frist, und zwar auf englischem Gebiete, abgebrochen fein hatten sich zahlreiche Interessenten eingefunden, und ohne Aufenthalt ging der Verkauf von Statten. Den höchsten Preis erzielte der Kreuzer erster Klasse Warspite": für 18.150 Pfund ging er in neuen Besitz über. Der Kreuzer Northampton" brachte 15,800 Pfd. St. Die ganze Flotte erzielte insgesammt 7,762,500 Mark. An stch wohl eine hübsche Summe. Aber wie wenig im VergleiH zum Werthe und dem Stolze, der in ihnen wohnte, als sie vom Stapel liefen vor vielen Jahren. Ein Fall, der an den Kwimecka - Prozeß erinnert, hat sich eben in Prag ereignet. Der Unterschied besteht nur darin, daß Gräfin Kwilecka der Kinderunterschiebung fälschlich beschuldigt wurde, während die Heldin des Prager Prozesses überführt ist. Vor Kurzem wurde im Flur eines Hauses in Prag ein zwei Jahre alter Knabe gefunden. Ein Lokalblatt brachte das Bild des ausge- ! setzten Knaben, worauf der TöpfergeHilfe Merunka sich meldete und in dem Kinde seinen Sohn Miroslas erkannte. Er hatte das Kind im Jahre 1903 auf Grund eines Inserats, in dem vor einer Dame ein fünf Monate alter Knabe zur Adoption gesucht wurde, abgegeben. Eine junge, elegante Dame war bei ihm erschienen und hatte ihm mitgetheilt, daß das Kind für eine reiche Amerikanerin, Frau Raim, bestimmt sei. Sie sei ihre Zofe, heiße Zdenka Lysa und wohne in Nürschau. Merunka hatte später mehrmals schriftlich gebeten, ihm sein Kind zurückzugeben, erhielt aber keine Antwort. Der Blick des Vaters ließ ihn in dem ausgesetzten Knaben sein Kind wieder erkennen. Seine Angabe bestätigte derSchneidermeister Lysa aus Pilsen, welcher erklärte, das Kind sei von seiner Tochter. die in Nürschau wohne, ausgesetzt worden. Er erzählte, diese hätte ein Liebesverhältniß mit einem Lehramtscandidaten unterhalten. Sie waren nach Nürschau gezogen, wo sie sich als Modistin etabl'irte. Aus Angst, ihr Liebhaber würoe ste nicht heirathen, schrieb sie ihm, daß sie Mutter geworden sei. Als er für Weihnachten seinen Besuch ankündigte, mußte sie ihm das Kind zeigen und verschaffte sich auf dem angegebenen Wege den Knaben Merunka's. Als der Lehrer dann das Mädchen heirathete, reifte sie ohne Vorwissen ihres Mannes nach Prag und setzte das Kind aus, worauf sie ihm die That gestand. Der Schwieaersohn bewog den Bater zur Enthüllung dies Sachverhaltes. Gegen die junge Frau ist das Strafverfahren eingeleitet worden.
