Indiana Tribüne, Volume 28, Number 224, Indianapolis, Marion County, 13 May 1905 — Page 7

Jndiana Tribüne, 13. Mai 195

yctin, Sie seufzen ja auch!" Aber Sie haben zuerst geseufzt. Darf ich nicht wissen, weshalb?" C, es war nur so." Es war Ihnen nur so? Der Grund läßt sich allerdings hören; aber er befriedigt meine Neugier doch nicht ganz. Wollen oder können Sie mir's wirklich nicht sagen? Ich will eben Vorschlag machen. Wir beichten uns gegenseitig den Grund des Seufzers, und das Loos mag entscheiden, wer anzufangen hat. Einverstanden?" Aber, Herr Doktor, übelgenommen darf nichts werden." Gott bewahre," sagte Kleinmichel feierlich, während er aus zwei kleinen trockenen Zweigen die Loose machte. Wer den kürzesten zieht, fängt an." Das kurze Zweiglein blieb in der Hand Kleinmichels zurück. Also bitte," meinte Fräulein Elisabeth, nun beichten Sie. Ich bin ganz Ohr." Wenn's denn nicht anders sein kann," begann Kleinmichel. Aber glauben Sie nicht, liebes Fräulein

Elisabeth, daß nur muhige Neugier micb erfüllt. Nein, im Gegentheil, es ist die tiefste, herzlichste Theilnahme, wie das lassen Sie mich Ihnen gestehen ich sie noch nie einer jungen Dame gegenüber empfunden habe. Tante Thereschen hat mich nämlich zum Mitwisser des Kummers gemacht, den Ihnen jener Unwürdige bereitete, dem Ihre erste Neigung galt." Das junge Mädchen hatte die Hände sinken lassen und sah ikr mit großen erstaunten Augen an. Jch verstehe Sie nicht, Herr Doktor. Kummer . . . Neigung zu einem Unwürdigen . . . was soll das heißen?" Seien Sie mir nicht böse," bat Kleinmichel, wenn ich Ihrem Herzen wehe that, aber . . Aber es ist ja kein Wort davon wahr. Im Gegentheil, Tante hat mir erzählt, daß S i e eine unglückliche Liebe im Herzen trüqen." Wa as ? Das hat sie gesagt?" Die Reihe des Erstauntseins war jetzt an ihm. Aber gleich darauf brach er in ein fröhliches Lachen aus: Wissen Sie was, Fräulein Elisabeth? Ich glaube, Tante Thereschen hat fürchterlich geflunkert. Ich eine unglückliche Liebe? Hahaha, das ist köstlich! Und Sie? Der junge Offizier, der um einer reichen Erbin willen an Ihnen zum Verräther wurde ... er eristirt also nur in Tantchens Phantasie?" Ich weiß nichts von ihm. Aber ich begreife nicht . . ." Desto besser begreife ich. Die gute Tante hat jedem von uns eine rührsame Geschichte erzählt, um das Mitleid des einen mit dem anderen zu wecken. Denn. Fräulein Elisabeth, es ist eine alte Geschichte: aus dem Samenkorn des Mitleids sprießt oft die Blume der Liebe hervor. Verstehen Sie jetzt?" Sie hatte sich tief auf ihre Arbeit herabgebeugt, um ihm die verrätherische Röthe zu verbergen, die langsam in ihren Zügen aufstieg, und beschäftigte sich emsig damit, die letzten Fäden in dem Risse zu befestigen. Aber er faßte sanft mit der Hand unter ihr Kinn und hob das Köpfchen in die Höhe. Dann schaute er ihr lange in die überquellenden Augen. Die Blunie der Liebe," sagte er endlich leise und innig. Ich glaube, sie ist schon ersprossen." Sie wußte in holder Befangenheit nicht, was sie thun sollte, und strich deshalb mit der Hand glättend über den gestopften Riß: So. jetzt wird's wohl gehen. Besser kann ich's vorläufig nicht machen." Und ich," sagte er heiter, kann Ihnen vorläufig nickt besser danken, als so." Er schlang den Arm um ihre Schultern und küßte sie auf den rosigen Mund. Aber. Herr Doktor!" flüsterte sie mit sanftem Sträuben. Was machen Sie?" Ach." meinte er. unter Kameraden ganz egal. Nickt wahr, Elisabeth, Du meine holde, kleine Braut?" Es war ein Glück, daß eine Viertel stunde später ein Trupp des Weges kommender Forstarbeiter das junge Pärchen aus seinem ersten Liebes rausche aufstörte, sonst wäre Klein michel sicher zum erstenmal in seinem Leben zu spät in die Schule gekommen. Als er jetzt nach der Uhr sah, schrak er auf. Um's Himmels willen, schon drei viertel Acht! Da muß ich meinen Renner tüchtig ausgreifen lassen, um noch zur rechten Zeit zu kommen." Im Nu war er aufgesessen, und in scha:fem Tempo ging die Fahrt heimwärts. Was Tante Thereschen wohl sagen wird?" meinte Elisabeth. Ja, halt einmal! Die mutz noch bestraft werden für ihre Flunkerei," lachte Kleinmichel. Das darf ihr nicht so hingehen." Und während die beiden in sausender Fahrt dahinglitten, entstand unter Scherzen und Gelächter ein teuflischer Kriegsplan, dem Tante Thereschen zum Opfer fallen sollte. Die alte Dame hatte an diesem Morqen ihre junae Freundin schon längere Zeit verstohlen betrachtet. Was der nur sein mochte? Sie konnte nicht klug daraus werden. Diese Zerstreutheit. diese verträumten Augen und dann diese Unruhe Sag mal. Kindchen, was ist Dir eigentlich?" konnte sie sich endlich nicht enthalten zu fragen. Ist Dir etwas Unangenehmes begegnet?" .W'e man's nimmt, Tantchen," war

die unter Achselzucken gegebene Antwort. Was ist Dir denn begegnet, Lisbethchen?" Der Doktor Kleinmichel." Was? Karl, mein Neffe? Un'. da sagst Du . . .? Mein Gott, hat ei Dir was gethan?" Wir haben uns getankt, Tante Thereschen." Gezantt? Elisabeth, Ihr werdet doch nicht?! Er ist doch ein so guier Junge!" Ein unverschämter Mensch ist er. Tantchen. Denk Dir nur. er machte mir da so allerlei Anspielungen auf ein Verhältniß mit einem Offizier, das ich gebalt traben soll, und der mich habe sien lassen." Um Gottes willen!" rief Tante Thereschen tödtlich erschreckt. Das ist ja . . ." Eine Unverschämtheit, nicht wahr?" vollendete Elisabeth den Satz. Aber ich Hab's ihm auch gegeben. Ich hab' ihm gesagt, er thäte wohl besser, vor eigener Thür zu fegen."

Das bau Tu ihm gesagt? Aber, liebstes, bestes Kinoen. das sind ja alles Mißverständnisse. Nein, nein!" Die alle Dame war ganz aus dem Häuschen. Ich werde gleich nach c:t Schule hmschlen und Raxl yervmen. Das muß sich ja aufklären." Sie rannte in ihrer Erregung dem gerade die Thür öffnenden Kleinmichel, welcher, eine Freistunde benutzend, eben von der Schule herübergceilt war, fast in die Arn e, während Elisabeth, die sich des Lachens nur noch mit Mühe erwehren konnte, schnell aus dem Zimmer huschte. Karl!" rief Tante Thereschen. Karl, was macht Ihr für Geschic.)ten?" Wieso?" Kleinmichel bemühte sich. ein möglichst ernstes Gesicht zu machen. Ihr habt Euch gezanlt!" Eine Welt voll Schmerz lag in den vier Worten. Ach so! Du meinst Fräulein Schmidt und mich? Na ja. wir haben uns ein bischen gekatzbalgt. Ich machte so ein paar harmlose Anspielungen auf ihren verflossenen Marsjünger. Das nahm sie übel und warf mir allerhand Ton Juan-Streiche vor. Tu kenn.t ja meine Abneigung gegen so etwas, Tantchen. Nun, da gab denn em Wort das andere . . ." Aber, Herzensjunge, das sind ja alles nur Mißverständnisse!" Cno!?" Ja. ja, und ich bin daran schuld." Tu, Tantchen Therese?" Ja, ich; ach, Du lieber Gott!" Sie lief zur Tour. Lisbetbchen, komm doch einen Augenblick herein. Thu mir die Liebe! Komm, er wird Dich Nicht auffressen. Sei nicht bange!" Der Blondkopf Elisabeths erschien zwischen den Vorhängen. Also, die ganze Geschichte lauft ja nur auf einen Scherz hinaus, den ich mir mit Euch erlaubt habe. Ich wollte . . . ich dachte . . ." Tante Thereschen konnte vor Verlegenheit nicht die richtigen Worte finden, und da sie plötzlich ihre Hilflosigkeit gegenüber der Verzwicktheit der Situation gewahr wurde, ließ sie sich gebrochen in den großen Sorgen'stuhl fallen und drückte das Taschentuch vor die Augen. Ach," rief sie schluchzend, Ihr seid ja beide so wunderliche Menschen ... so ganz anders, wie alle anderen. Wenn ich das geahnt hätte . . ." Sie kam nicht weiter, denn es war ihr, als höre sie durch ihr eigenes Schluchzen hindurch leises Lachen und Flüstern an ihr Ohr dringen. Sie lieh das Taschentuch sinken und sah auf. Aber was war denn das? Mitten im Zimmer stand Kleinmichel, in den Armen Elisabeth haltend, die ihren Kopf erröthend an seiner Brust barg. Und die beiden, als sie den erstaunten, ja fast entsetzten Blick der alten Dame bemerkten, brachen in ein fröhliches Gelächter aus. Kii'der, was bedeutet denn das nun wieder?" Das bedeutet eine Verlobung, Tantchen," rief Kleinmichel. Wir haben uns nämlich wieder vertragen." Tante Thereschen war sofort von ihrer Schwächeanwandlung geheilt. Eine Verlobung? Herzenskinder, da wünsche ich von Herzen Glück. Aber warum sagt Ihr das nicht gleich? Mir einen solchen Schreck einzujagen, das war recht schlecht!" Liebe Tante, Du hattest ganz schlimm geflunkert. Und Strafe muß sein," scherzte Kleinmichel. Nun, ich habe sie weg und will mich nicht beklagen," lachte die alte Dame. Aber dagegen soll mir keiner etwas sagen: meine Methode war gut. Der Erfolg hat's a gelehrt." Halt. rief Klernmichel, der Mensch soll nicht stolz sein, Tante Thereschen! Bilde Dir keine Schwachheiten ein! Nur fünfzig Prozent des Erfolges kommen auf Rechnung Deiner Methode, zur anderen Hälfte nicht wahr, Elisabeth, meine liebe. kleine Braut? verdanken wir den Erfolg der Symbolik des Zwei rades." geinahe. Erster Backfisch: Du. Elly. bist Du schon einmal von einem Leutnant geküßt worden?" E l l y (seufzend): Ach nein. Bella!" Bella (mit Hochgefühl): Ich bin aber fchon einmal beinahe von emem Leutnant geküßt worden!" E l l y (höhnisch): Beinahe? Tu willst doch nicht e:wa behaupten, daß Du nicht stillgehalten haft?- B e l l a Nein; aber er war erst Fähnrich.

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(Fortsetzung.) Willn nun, Wi2y war immer ein ziemlicher 5tunftbarber gewesen. Der er flatterte ja gern ron Blüthe zu Blütbe der Hieb sicher nur des junaen Mädchens laller Uer. Aker i ie: selbst Wie Lora dastand, am Fenerpfeiler, die Hürde auf dem Rücn. den Korf etwas rorgef: reckt, in dem klugen Gesicht einen Ausdruck höchster Spanmmg; die Auge a.roß. die Lirpen e;n lreniz geöffnet, auf der Slicn ein paar winzig schmale Fältcken! Recht wie ein geföeitCl Mensch, d'r einem schweren Problem nachgrübelt. War das Mädchen schön! Auf einen Augenblick vergaß er sein Bild und den Jerdruß über die Thorheit der andern. Er konnte sich gar nick't sattselzen an der schlanken, holen ö'estalt im schlichen. lichten Kleide, die sich so wirkunroll von dem dunkelrothen Mala-oni der Fensternische abhob, an dem fein.'n. durchgeistigten Antlitz unter dem blonden Scheitel. Tann fragte er doch: ,,Nun, Fräulein Lora? Lluch Ihnen galt meine Bitte." Und eine förmliche Ansst überkam ihn, als er es gesagt, daß er sich am Ende doch geirrt hätte, daß dieser wunderroll geschnittene Mund irgend ein Nichts, irae-b eine Allerweltsweisheit sprechen könnte. Sie trat ein paar Schritte vor, und es war ihm. als trete eine Bildergestalt aus dem Nahmen. Schade schade Aber dann begann sie zu sprechen. l?anz ruhig, ganz unbefangen, nur von dem Gegenstand interessirt. Die Aufgabe ist schwer. Am nächsten. scheint mir. ist Onkel gekommen. Auch was Excellenz sagten, war vielleicht nicht ganz unzutreffend. Aber ich glaube. Beide griffen doch nur Tbeilerscheinungen heraus, und das. weil sie durchaus einen Namen für das Bild suchten. Solch einen Namen kann ich auch nicht finde'.!. Aber was der Künstler versinnbildlichen wollte. daZ glaube ich zu verstehen. Es scheint mir vielerlei und darum eben paßt ein Name nicht. Das lerückende Weib dort verlörvert die unersättliche Gier nach dem Golde; aber sie ist zugleich der unfruchtbare Reichn:um. der nur zusammenrafft, der vielleicht vergeuden kann, aber nie geben. Nicht der Reichthum, der Leben schafft. Saat und Ernte; der andre, unter dessen Füßen nur Unkraut svrießt mag dies Unkraut immerhin bunte Blüthen tragen gesunde Früchte trägt es nie Hinter ibr loht das Verderben. Und sie selbst schlevvt. unbefriedigt in ihrer Unersättlichkeit, den Fluch ihres eigenen Tbuns und Denkens hinter sich her. die Ketten, die sie. die in die Höhe streben r.öchte. ewig und immer an die Niedrigkeit fesseln hoff nungslos " Lora schmieg. Der Graf trat an ihre Seite: ..Braro. Kind! Unbewußt hast Du doch das Bild getauft. Wir können c tröst an Stelle des Fragezeichens, in dem sich die Künstlerlaune gefiel, den Namen sehen: .Goldgier.' " ..Auch das schöpft den Jnbalt des Werkes nieM aus " sagte das junge Mädchen leise. er Gehetmrath sah sie frageno. lebhaft interessirt. an. Aber ihre Lippen blieben nun fest geschlossen. So meinte er schließlich, mit dem nicht ganz gelungenen Versuch eine: scherzenden Wendung: Ich votire Ihnen meinen Dank. Fräulein Lora. Sie sind der Wahrheit jedenfalls am nächnen gekommen . . . Und nun wollen wir endlich unsern Kaffee nehmen Er bot Lora den Arm. Sie legte ihre Hand hinein. Aber als sie so an Willy vorbeischritt, kreuzten sich ihre Blicke. Es mußte etwas zwischen ihnen geben, einen Bezug auf das Gemälde, einen Gedanken, eir.e Frage, eine Folgerunz, die unausgesprochen blieb. 5. K a p i t e l. 'silly Möller stand auf einen Augenblick allein im Wintergarten, dicht an der Thüre zum Salon. Herr Baldin hatte ihn soeben verlassen: Ich hole uns Cigarren, verehrter Herr Ai'essor! Nein nein! Bei uns wird überall geraucht. Meine Frau verschmäht eine Eigarette auch nicht " Von seinem Platz aus konnte Willy das große Zimmer völlig übersehen. Es war nicht das Ro!o!oboudoir, in dem ihn die Hausfrau neulich empfing, sondern ein oblonger Raum, in etwas extremem Jugendstil eingerichtet; die Möbel von dem Münchener Obrist entworfen, die eigenartigen Lichtglocken an der Decke von dem Darmstädter Olbrich, wie er vorhin gehört hatte; alles etwas schwer, etwas bizarr, aber an sich nicht unbehaglich. Nur alleZ so neu, so entsetzlich neu. Papa hätte gewiß gesagt: traditiontZlos." Nun ja, das war eben nicht anders. Jüngster Reichthum ansangen muß jeder einmal auch die

Ältoller-Sieghards hatten einmab anfangen müssen. Ganz Wort hatte die gnädige Frau übrigens doch nicht gehalten. Der kleine Kreis," von dem sie gesprochen, umfaßte mindestens zwanzig Personen. Aber sie verloren sich fast in dem großen Raum; einige Herren hatten sich wohl schon in das Hinterzimmer zurückgezogen. Nicht gerade übermäßig sympathisch dieser kleine Kreis!" ... Willy lächelte unwillkürlich . . . obwohl mit Vorsicht ausgesucht. Ein paar Jobber mit ihren brillantengeschmückten Frauen; Brillanten sind für alle Wechsel der Zeiten immer eine Kavitalreserve; ein paar junge Herren mit der Gardenia im Knopfloch des Smoking; der eine anscheinend Jurist, der zweite wie hieß er dock? Nichtig: Peter Silling ein aufgehendes Licht am literarischen Horizont von Berlin W.; der dritte, Adalbert oder Albrecht Wannowsky. sollte ja wohl Bildhauer sein. Dichter und Bildhauer übrigens auch tadellos angezogen; frisirte und pomadisirte und parfürmirte Gentlemen ... die Zeit der Künstlerlocken schien vorbei... auch der berühmte Pianist, der Berbaum, verschmähte sie ja. Und dann drüben, hinter dem Stuhl der blassen hübschen Mutter, wieder der kleine Husar, der Salester. Nettes Kerlchen das! Der kam sich sicher hier auch etwas deplacirt vor, trotzdem er ja eigentlich aus diesen Kreisen stammte. Freilich ... der alte Salester, der berühmte Grobian, stand doch wohl eine Etage höher. Und die Mama war wirklich eine liebenswürdige, feine Frau, durchaus Dame. Das merkte man auch dem jungen Salester an: er hatte eine gute Kinderstube gehabt. Die Erziehung in Korps oder im Offizierkorps kann viel. Schäden aus der Kinderstube macht sie selten gut . . . Ja ... ja ... die Kinderstube! Der Assessor sah mit etwas spättischem Lächeln zu der schönen Hausfrau hinüber, die mit dem Poeten und dem Bildhauer vor einer Marmorgruppe in der einen Ecke des Salons stand. Gewiß ... die Gnädigste gab sich auch ganz als Dame. Aber wenn man genauer aufmerkte, war doch etwaö Angelerntes dabei. Schon wie sie ihre Rolle als Hausherrin spielte, ohne Rücksicht auf die übrige Gesellschaft immer von diesen Grünlingen umgeben, die sie umflatterten, wie die Motten das Licht. Und auch die Toileite . . . brillant sah sie freilich aus in dem bordeauxrothen Kleid mit den Goldspitzen, die am Hals den Aus-

schnitt umschlossen . . . aber passend war diese überelegante Toilette für d:n kleinen Kreis" nicht gewählt. Pah! Es war wohl doch nur eine Einbildung gewesen . . . das mit der Ähnlichkeit . . . Er konnte jetzt nur den vollen, blendend weißen Nacken sehen und den kunstvollen Haaraufbau . . . Friseurkunst . . . Da wandte sie sich um. Ihr Blick glitt suchend über das Zimmer. Als sie ihn in der Thüre des Wintergartens entdeckte, kam sie sofort auf ihn zu. im letzten Moment beide Hände hebend. mit unruhig glänzenden Augen . . . Und plötzlich taucht? doch wieder die Roch.'grosse'sche Gestalt vor ihm auf . . . das üppige, berückende Weib mit den leeren Händen . . . Unsinn . . . Unsinn . . . jr. &rr mssessor! So allein? Wo-l denn mein Mann? Und noch nicht einmal eine Cigarre! Bitte. Ihren Arm ich führe Sie in's Rauchzimmer " Gnädigste Frau, Ihr Herr Gemahl . . . Er fühlte schon ihre Hand auf sei nem Arm und einen leichten Druck. Sie ging mit ihm durch ein paar Zimmer, blieb plötzlich stehen, wie sich besinnend: Halt . . .' ich hale eine Idee. Rauchen Sie erst schnell in meinem Schmollwinkelchen eine Eigarette mit mir. Nachher liefere ich Sie pflichtschuldigst in der allgemeinen Nikotinvcrgiftungsbude ab. Seien Sie barmherzig ich schmachte nach einem Schluck türkischen Tabaks " Dabei hatte sie einen Kelim zurückgeschlagen. Eine kleine runde Nische wurde frei; in der Mitte ein mit Silber ausgelegter Rauchtisch, ringsum ein Diwan mit losen rothen Seidenkissen das Ganze nur für drei, vier Personen Raum bieiend. ui herein!" rief sie übermüthig. Ich verspreche Ihnen auch eine Papyros, wie Sie sie so leicht m ganz ?erlin nicht wiederfinden." Der Kelim fiel hinter ihnen zu. Sie faß schon auf dem Diwan und kramte in den Rauchutensilien. Ist das nicht gemüthlich hier? Bitte, dort drüben. Herr Assessor . . . schieben Sie sich nur ein paar Kissen zurecht." Rasch drehte sie, sehr geschickt, eine Papyros. fragte lachend: Darf ich?" und feuchtete das Papier mit der Spitze der Zunge an Auch anrauchen? v Ich verwöhne Sie Ihm war nicht sehr behaglich zu Muthe. Der Borbana schloß die Nische fast hermetisch ab. Von der Decke hing eine arabische Silberlampe tief yerav; sie mußte mir parfümirtem el gefüllt sem, dessen Duft sich seltsam Mit den ersten Rauchwölkchen Mischte. Es war wieder wie ein kleiner Ueberfall. Was will sie nur von mir?" dachte er. Je nun ... ich bin nicht einmal neuaienq daraus. Aber da hatte sie schon wieder ihr harmlosestes Gesicht.

Ich wollte Ihnen so gern unter vier Augen sagen, wie ich mich freue, daß Sie hier sind," sagte sie. Nicht so mit den üblichen Redensarten, unter der banalen Gesellschaft dort drüben.

Glauben Sie mir doch: ich schätze die ganz nach ihrem Werth oder Unwerth ein. Aber was will man machen; man muß mit den Wölfen heulen. Mir ist ein ruhiges Plauderstündchen vielhundertmal lieber Er neigte etwas gezwungen den Kopf. Die Eigarette ist gut nicht wahr? . . . Salesters, ja, die lasse ich mir gefallen. Die Frau ist reizend, und er ist wirklich ein Biedermann, wenn er sich auch ein bissel sehr als der Napoleon des Handels fühlen mag. Aber die übrigen ... ,crapule!' Ich kann mir denken, daß Sie sich fremd fühlen. Ja ja ich hätte das viel leicht anders einrichten sollen..." Aber, gnädigste Frau!" Sie hatte ihre weiße, juwelenfunkelnde Rechte vor sich auf den Ebenholztisch gelegt. Die rosigen Fingerspitzen spielten mit einem Blättchen Cigarettenpapicr. bogen es. knifften es. Apropos, wie finden Sie dies Schmollwinlelchen? Es ist ganz nach meinen eigenen Angaben gebaut und eingerichtet. Wissen Sie, was diese Holzwände bergen? Meine kleine Hausbibliothck. Ich bin so viel allein. Da fit ich denn hier, lese ich lese viel Französisch und Englisch; von Taine bis Maupassant und von Carlyle bis zu Ouioa und träume über die Buchseiten hinaus. Auch ohne Haschisch. Obwohl ich mir solch einen Haschischtraum ganz wundervoll denke . . ." Sie wandte sich ein wenig um, öffnete einen der beiden Schränke, die in die geschnitzte Holzbekleidung eingelassen waren. Wirklich, es standen, zierlich gebunden, einige Reiben Bücher darin. Aber im untersten Fach eine kleine Kristallkaraffe und ein paar hochstenglige Gläser. Ueber Haschisch habe ich nicht zu gebieten. Aber einen Rosenlikör kann ich Ihnen kredenzen." Sie zog die silberne Tablette heraus und vor sich auf den Tisch, schenkte zwei Gläser voll und tippte mit dem einen an das andre. Wie sie das alles zierlich that. Mit einer leichten Koketterie gewiß! Aber er fand je länger desto mehr daß er sie wohl zu scharf beurtheilte. Jeder Mensch will mit seinem eigenen Maßstab gemessen sein... man soll nicht immer nach den Lebensanschauungen des einen die jedes andern Kreises richten . . . nicht immer verglcichen . . . nicht immer nur kritteln . . . Und wie entzückend sie jetzt aussah! Sie hatte das Gläschen ausgeschlürft, wie ein kleines Naschkätzchen. Nun nahm sie eins der rothseidenen Kissen auf, schob es mit hochgehobenen Händen sich unter den Nacken und legte den Kopf leicht an. Ihr dunkles Haar und ihr herrlicher Teint hoben sich wunderbar ab von dem leuchtenden Roth. Die langbewimperten Lider sanken ein wenig herab über die Augen, so daß nur ein schmaler Streif der schwarzen Pupille und die opal' artig schimmernde Iris sichtbar blieben. Ein paar Sekunden saß sie ganz regungslos, rne Hanoe noch am Nackenkissen. Dann richtete sie sich plötzlich auf. sah Willy mit weitgeöffneten Auaen an und fragte unvermittelt: Ein offenes Wort, eine ehrliche Frage, die auch eine ehrliche Antwort heischt! Was haben Sie eigentlich gegen meinen Mann?" Willy Möller stand noch völlig un ter dem Eindruck nicht so sehr vielleicht oer schonen Frau, als des ichonen Bilfos, das sich ihm soeben dargeboten hatte mcht mehr der Röchegrosse'schen Goldgier, sondern eher einer Salome" von Bernhardi Luini oder einer Jüdin von Toledo." Und die Frage traf ihn so Plötzlich, verbindun'gslos. daß er keine Antwort fand, als ein erstauntes: Ich, gnadigste Frau ?" Sie legte die Hände vor sich auf ext Tischplatte, bog sich weit vornüber: Ja... Sie! Und ich bitte Sie hören Sie ich bitte Sie recht herzlich um eine offene, ungeschminkte Ant wort." Er schüttelte, noch immer fast fassungslos, den Kopf. Sehr warm und treuherzig sprach sie weiter: Suchen Sie nicht, mir zu entgleiten. Ich weiß, was ich weiß. Nein ... ich fühle noch mehr, als ich wissen kann Sehen Sie, neulich, als mein Mann bei Janen geroqen war. kam er so niedergeschlagen, so betrübt über Ihre Absage nach Hause, daß es mir tief in's Herz schnitt. Ich hatte ihn noch nie so gesehen . . . Denken Sie über mich, wie Sie wollen ich bin vielleicht kein Tugendprinzeßchen, das sich immer mit billiger Heiligkeit in den Mantel der äußeren Wohlanständigkeit zu drapiren versteht! aber ich bin eine Frau, die an allem herzlichen Antheil nimmt, was ihren Mann angeht. Details weiß ich nicht, brauch' ich auch nicht zu wissen. Das aber verstehe ich doch, daß Ihr alten, großen, sicher fundirten Häuser einem aufstrebenden Genie ohne jeden Grund Eure Pforten verschließt, einem Manne, der hohe Begabung mit einem eisernen Fleiße verbindet einem Manne, vor dessen Schaffenskraft ich Refpekt habe. Kühl und ablehnend stellt Ihr Euch ihm gegenüber Ihr Kapitalgewaltigen! Einzig, solange ich zurückdenke, macht Salester eine AusMhme. .. Ni.cht etwa um der schönen

Augen von Herrn oder Frau 'Baldin willen, sondern ganz sicher, weil er seine Schäfchen, für die er auch vielleicht uns hält, scheren will. Gleichviel: er ist wenigstens da. er steht seinen Mann! Aber Ihr. die großen vornehmen Herren, Ihr bleibt mit gekreuzten Armen zur Seite und seht gleichmüthig zu. wie sich ein glänzendes Unternehmen unter glänzender Leitung nur mühsam vorwärtsringen kann! Also: was haben Sie gegen meinen Mann?'1 Die Frage, der Angriff war zu jäh; Willy Möller suchte immer noch nach einer Entgegnung, die erklärte, ohne zu verletzen. Aber so brüsk das Vorgehen der schönen Frau war dem Gast gegenüber, im eigenen Hause es lag auch wieder etwas darin, was ihm gefiel, was er ihr kaum zugetraut hätte. Ihre Offenheit und das entschiedene Eintreten für ihren Mann bestachen ihn. Wieder sagte er sich: Du hast sie ungerecht beurtheilt, als zu leicht eingeschätzt." Und dabei rang, allmälig erwachend, doch auch der kühler abwägende Geschäftsmann in ihm mit dem warmherzigen Augenblicksempfinden. Gnädige Frau " begann er endlich, nicht ohne eine leichte Verlegenheit Sie irren wirklich! Ich habe gar nichts gegen Ihren Herrn Gemahl. Wäre ich sonst hier " Sie lachte ironisch, und ihm stieg das Blut in die Strn.

Ja . . . und ich versichere Sie . . . man schlägt überall in unsern Kreisen den genialen Blick, die Unternehmungslust, die Energie und Umsicht Ihres Herrn Gemahls sehr hoch an." Nun wollte er einen kleinen Dämpfer auf seine eigenen Worte setzen: Daß man wohl meint, er ginge zu rasch vorwärts, in zu scharfem Tempo, das ist eine Sache für sich. Die mich übrigens nichts angeht. Denn und das ist der Kernpunkt meine Firma ist keine von denen, die sich mit der Finanzirung von Jndustrieunternehmungen beschäftigt. Das habe ich auch Ihrem Herrn Gemahl gesagt." Er glaubte, sehr klug und ruhig gesprachen zu haben. Aber er sah, daß seine Worte wenig Eindruck machten. Sie hatte wieder ein Blättchen Cigarettenpapicr zwischen die Fingerspitzen genommen und zerfaserte es langsam. Was wollte er denn von Ihnen? Eine Kleinigkeit im Grunde, die Ihnen schlimmstenfalls nichts kosten kann und bestenfalls ein paarmal Hunderttausend einträgt. Ihren Namen als Mitemissionshaus unter dem Prospekt. Bitte, ich weiß wohl so viel weiß ich denn doch! Sie übernehmen damit eine moralische und auch ein wenig eine geschäftliche Verantwortlichkeit. Aber daß dabei kein Risiko vorhanden ist. beweist doch am besten die Thatsache. daß Herr Salester mit seiner Bank sich betheiligt " Die Cigaretten waren längst erloschen. Aber der schwere, süße Duft lag noch über dem engen Raum. Plötzlich änderte sich ihre Taktik. Sie schob ihre rechte Hand ein wenig vor und legte sie mit leichtem Druck . auf seinen Unterarm. Sie schlug die Augen voll zu ihm auf und lächelte Wenn ich Sie nun bitte... recht herzlich bitte . . ." Und nach einer kleinen Pause, mit einem tiefen Aufathmen: Nein nein! Sie sollen mir nicht etwa hie? sofort ein Versprechen, eine Zusage geben! Sie. sollen erst prüfen, sich über die Verhältnisse qenau unterrichten! Nichts andres will ich. als daß Sie sich für das Unternehmen interessiren!" Mit innerstem Widerstreben emPfand :r. wie unter ihrem bittenden Lächeln sein Wille schmolz. Wai es denn schließlich etwas Gefährliches, wenn er ja" fagte? Eine Prüfung der Verhältnisse das verpflichtet zu nichts! Und jetzt einfach verneinen ... das wäre geradezu eine Unhöflichkcit gewesen. Nun ja . . . und wer kann es denn über's Herz bringen, einer schönen Frau, deren Gast man ist, eine Bitte abzuschlagen ... eine Bitte, deren Erfüllung eigentlich gar nichts auf sich hat . . . Sie saß noch immer ganz still, auf den leichtgeöffneten Lippen das bittende Lächeln. Noch immer lag ihre Hand auf der seinen. Nur ein Ende machen . . . Gewiß, gnädigste Frau!" sprach er hastig. Warum sollte ich mich dem entziehen, nenn Ihr Herr Gemahl mich wirklich eingehender orientircn will! Mehr frei.'ich " Mehr? Aber das ist ja alles, was ich erbitte," gab sie zurück, und es klang durch ihre Worte eine so herzliche, fast naive Freude, daß er ganz erstaunt aufsah. Vielen vielen Dank! Diese Zusage vergesse ich Ihnen nie: 1 Ihre Rechte löste sich von seinem Handgelenk, aber nur um seine Hand mit festem Druck zu umfassen. Dann stand sie schnell auf. Aber nun müssen tvir, wohl oder übel, in's Herrenparadies . . ." Und sie riß den Vorhang auf. sprang, wie ein fröhliches Kind, die Stufe herunter und flüsterte: Kommen Sie, Sie lieber guter Mensch Sie . . ." Eine Stunde später kehrten Salester, der Assessor und der Hausherr in den Salon zurück. Es war schon spät. cteiLaui iAuibruch. Ü (Fortsetzung folgt.)

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