Indiana Tribüne, Volume 28, Number 224, Indianapolis, Marion County, 13 May 1905 — Page 6
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SnmoresKe von G. Metter kaufen )X Ä arl, wirklich, Du mußt heirathen!" I, warum nicht gar, Tantchen! Kein Mensch muß müssen. Spaß doch nicht." Ich spaße durchaus nicht. Es ist mir voller Ernst, mein Junge." Die alte Tame ließ den Strickftrumpf in den Schooß sinken und rückte die große, schwarzgefatzte Brille auf die Nasenspitze herunter, um mit den klugen, grauen Augen über den Brillenrand hinweg den verstockten Sünder scharf auf's Korn zu nehmen. Uebrigens." setzte sie hinzu, was war das für eine Redensart? Sollte das überhaupt eine Antwort sein?" Doktor Kleinmichel legte sich in seiem Stuhle hintenüber, schlug enerßtsch das rechte Bein über das linke And meinte in einem stark an das Katheder erinnernden Tone: Erlaube mal, Tante Thereschen, war Dein ,Du mußt heirathen' überhaupt eine Frare?" Fräulein Therese Kleinmichel schüttelte unwillig den mit einer großen Bandhaule geschmückten Kopf? so daß die sorgfältig gewilelten Ohrlöckchen in große Erregung geriethen. Junge, mein Junge." sagte sie dann, laß doch diese Wortklauberei. Ich will doch wahrhaftig nur Dein Bestes." Weiß ich. Tantchen. Gewiß willst Du mein Bestes; aber gerade dies Beste, das heißt meine goldene Freiheit, wollte ich gerne für mich behalten." Die Tante, einsehend, daß sie auf diese Weise dem starrköpfigen Herrn Neffen nicht beikommen könne, begann ein anderes Reiste? aufzuziehen. Laß uns einmal vernünftig reden, Karl! Sieh. Tu wirst bald dreißig Jahre, bist wohlbestallter Oberlehrer und kannst eine Frau ernähren. Da wird's doch die höchste Zeit, daß Du einmal Umschau unter den Töchtern des Landes hältst. Nach dreißig kommen die bedenklichen Jahre, in denen ein Mann sich viel schwerer zum Heirathen entschließt. Jung gefreit, hat Niemand gereut. Ueberleg Dir's nur einmal." Der Herr Oberlehrer wurde sich dessen bewußt, daß es sich in dem heutigen Gespräche nicht nur um ein kleines Vorpostengeplänkel handle, sondern daß Tante Thereschen einen ernsteren Angriff im Schilde führe. Er schickte sich deshalb zu einer regelrechten Vertheidigung an. Liebe Tante, gib Dir keine Mühe. Ich bin nun einmal fest entschlossen, nicht zu beiraihen. und werde Dir meine Gründe entwickeln. Kennst Du Schopenhauer?" Schopenhauer? Ist das nicht der gräßliche Kerl, der uns Frauen mit so niederträchtiger Bosheit verleumdet?" Philosophische Kritik, liebe Tante, gestützt auf Erfahrung, ist keine Bosheit. Schopenhauer beweist uns die Schädlichkeit der Ehe für den Mann " Karl,- unterbrach Tante Thereschen ihren Neffen entsetzt, das muß ja ein Erzbösewicht sein. Thu mir nur den Gefallen und bring mir den Menschen nicht emmal m s Haus." Unbesorgt. Tantchen! Der große Philosoph .ist schon vor beinahe fünfzig Jahren gestorben; aber, glaube mir. so schlimm ist er-nicht. Was würdest Du sagen, wenn ich Dir nachweise, daß viele bedeutende Gelehrte und große Geister heutzutage Anhänger seiner Lehren sind?" Was ich sagen würde? Ihr Thoren, würde ich sagen, es steht in der Bibel geschrieben: Es ist nicht gut. daß der Mensch allem sei. Und dasselbe sage ich Dir. mein Junge. Sieh mal. der liebe Gott wird wohl gewußt haben. was dem Manne dienlich war. besser, als Dein Herr Schopenhauer. sonst würde er sicher nicht die Eva erschaffen haben. Hab' ich nicht rechts Natürlich hast Du recht." lachte Kleinmichel, und ich will Dir etwas sagen: Wenn der liebe Gott sich noch einmal herbeiließe und mir eine Eva nach meinem Geschmack schaffen würde dann vielleicht könnte ich mich doch noch entschließen, mein Junggesellenleben aufzustecken." Nun, das klingt doch schon vernünftiger," meinte Tante Thereschen befriedigt. Und sie wird auch schon kommen, die Rechte." Also warten wir's ab. Tantchen! Aber bis sie da ist. laß uns die Streitaxt begraben!" Der Friede war wiederhergestellt. und Kleinmichel em.ifahl sich bald darauf. Die Auqen der alten Dame folgten der stattlichen Gestalt des Neffen. der mit langsamen Schritten die Straße binaufwanderte. Ihre Gedanken sckzienen sich eifrig mit irgend einer wichtigen Idee zu beschäftigen. denn ganz gegen ihre Gewohnheit lagen die sonst niemals ruhenden Hände untbätig neben dem Strickzeuge in Ihrem Schooße. Endlich nickte sie ein paarmal zufrieden vor sich hin. stand dann plötzlich mit einem energisehen Ruck auf und setzte sich an den altfränkischen Schreibtisch, wo bald ihre Feder emsig über einen Briefbogen spazierte. 0 Am Freitag der nächsten Woche zog
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Doktor Kleinmichel in der Dämmerstunde wiederum die Thürglocke an der Wohnung seiner Tante, um der alten, von ihm sehr verehrten Dame den gewohnten wöchentlichen Besuch abzustatten. Da er als stets willkommener Gast einer Anmeldung durch das Dienstmädchen ein für allemal überhoben war. so trat er, nachdem er Hut und Mantel abgelegt hatte und auf sein Klopfen das Herein erfolgt war. in das Nebenzimmer ein. Es war fast dunkel drinnen Tante Thereschen liebte leidenschaftlich die Dämmerstunden und Kleinmichel gewahrte deshalb nur in unklaren Umrissen die Gestalt, welche vor dem Fenster saß und gerade damit beschäftigt war, eine Handarbeit zusammenzulegen. Mit schnellen Schritten trat er auf sie zu. Guten Abend, Tantchen! Ei, ei. noch so fleißig? Hat bei Dir denn auch die Abendstunde Gold im Munde?" Er hatte die Rechte ausgestreckt, in die sich eine fast schüchtern dargereichte kleine Hand hineinlegte. Aber, was war denn das? Wie ein elektrischer Strom durchzuckte es seinen Körper. Diese weiche, warme, kleine Hand, die sich hastig ihm entzog, war doch nicht Tante Thcreschens etwas knochige Rechte? Er erschrak fast, doch, bevor er eine Entschuldigung hervorstammeln konnte, öffnete stch die Thür, und Tante Thereschen trat mit einer Lampe herein. In dem sich verbreitenden Licht sah sich Kleinmichel einer jungen Dame gegenüber, die ihm vollkommen fremd war. Er machte ein Gesicht wie einer seiner Sextaner, der vom Ordinarius beim Lesen von Räubergeschichten in der Lateinstunde ertappt wird, und auch über die Züge der jungen Dame flog ein leichtes Roth der Verlegenheit. Fräulein Therese schien das alles zum Glück nicht zu bemerken. Guten Atcnd. Karl." sagte sie. die Lampe auf den Tisch s'e7end. Run. Ihr habt Euch wohl schon mit?ina.der bekannt gemacht?" Ich ich hatte noch nicht die Ehre," stcttcrie der Oberlehrer hervor. Richt? Run, ten erlaubt, daß ich es hiermit thue: mein Neffe. Doktor
Kleinmichel Fräulein Elisabeth Schmidt, die Tochter einer alten lieben Freundin von mir." Die Beiden verbeugten sich so feierlich, daß die alte Tame in ein lusnqes Lachen ausbrach. Aber. Kinder, thut doch nicht so fürchterlich steif und ceremoniell." rief sie, ich habe doch schon dafür gesorgt, daß Ihr einander nicht mehr unbekannt seid. Dir, Narl, habe ich scbon häufig von dieser meiner lieben kleinen Freundin erzählt, und umgekehrt auch Dir. liebe Lisbeth. von unserem gelehrten Weiberfeind." Tantchen, ich muß sehr bitten," wandte Kleinmichel ein. Nein, nein, mein Junge, versuche nur gar nicht. Dich weiß zu brennen." Kleinmichel zuckte mit einem resignirten Lächeln die Achsel, aber es dämmerte doch ein unbestimmter Verdacht in ihm auf. daß dieses unerwartete Zusammentreffen nicht fo von ungefähr zustande gekommen sei. Da Fräulein Elisabeth in diesem Augenblick in das Nebenzimmer getreten war, so benutzte er die Gelegenheit, um bei Tante Thereschen auf den Busch zu klopfen. Sag mal, Tantchen," frug er listig, warum hast Du mir eigentlich nie mitgetheilt, daß Du diesen Besuch erwartetest? Hast Du vielleicht gehofft, mit diesen das muh ich sagen allerliebsten Hilfstruppen, wie Ziethen aus dem Busch, meine Junggesellenfestung zu überrumpeln?" Nun sieh einer, wie die jungen Herren von heute arrogant sind!" rief Tante Thereschen mit entrüstetem Tonfall. ..Als ob sich die ganze Welt nur um Euch drehte! Bilde Dir nur keine Schwachheiten ein. mein Junge! Nein, die Sache liegt ganz anders" sie beugte sich geheimnißvoll vor und dämpfte die Stimme der Besuch kam auch mir unerwartet. Aber ich darf ja eigentlich nicht darüber reden . . . Nun. Tu kannst doch schweigen, Karl?" Wie das Grab, Tantchen." Also, unter uns. es spielen da allerhand Umstände mit: ein junger, hübscher Offizier, der so 'nem jungen Mädel den Kopf verdreht, auf jedem Ball mit ihr den Kotillon tanzt, Tag für Tag ihr Fensterpromenaden macht. Und wenn sie dann glaubt: jetzt wird er bald kommen, er, der Herrlichste von allen, dann . . ." Dann fliegt eines Tags ein gvldgerändertes Kärtchen in's Haus, in welchem zu lesen steht, daß der Herr von Habenichts sich mit dreimalhunderttausend Mark verlobt hat und Fräulein Rosa Meyer oder Hulda Müller als Mitgift erhält oder umgekehrt. Jawohl, Tantchen, l s kennen wir." Karl, woher weißt Du . . Na, ich weiß es zwar nicht, aber ich kann's mir denken. Das ist nun mal der krumme Lauf der Welt. Und wegen Deiner Fräulein Lisbeth wird sich die alte Erdkugel nicht zu einer geraden Marschroute bequemen." Aber ist es nicht jämmerlich? Was sagst Du dazu?" Hm, was soll 'ich dazu sagen? Ist alles schon dagewesen, sagt Ben Akiba." Ach meinte die alte Dame ungehalten. Du kommst immer gleich mit Deinen alten lateinischen Klassikern. Da komm lieber her und hilf mir, sie aufzurichten und zu trösten. Wir müssen versuchen, sie zu zerstreuen, sie
ans anöere Gedanken zu bringen; des. wegen hat ja ihre Mutter sie mir hergeschickt. Tu mußt mir dabei helfen. Karl." . Kleinmichel lief unruhig in de: Stule hin und her. Tie Rolle eines Trösters im Liebeskummer erschien ihm entschieden unbehaglich; bevor er jedoch zu einer Ablehnung Zeit fand, erschien Fräulein Elisabeth in bti Thür des Nebenzimmers und. ihren schelmischen Knicks mit einer einladen den Handrewegung begleitend, sagte sie: Bitte, meine Herrschaften, der ist aedeckt." K!?inmichel bot der Tante den Arm und führte sie in das Speisezimmer wo an dem Abendbrottische die junge Tame die Wirthin machte. Geschmack hat sie," dachte Kleinmichel bei sich, als er den sauberen und mit hererfreuender Anmuth gedecktem Tisch musierte. Wenn ich an das Durcheinander auf dem Tische meiner Hauswirthin denke brrrr!" Und während man unter heiteren Gesprächen das Abendessen einnahm, ertappte er sich alle Augenblicke auf heimlichen Betrachtungen über die neue Tischgenossin. Ein vernünftiges Mädel war sie das muhte man saaen. Ten großen Liebeskummer wenigstens schien sie standhaft niederzukämpfen; kein Seufzer, leine Miene verrieth, was ihr Herz bedrückte. Gott sei Tank, daß dem so war! Kleinmichel haßte alle Jungfrauen mit den gebrochenen Herzen und dem elegischen Augenaufschlag. Darf ich Ihnen noch eine Tasse Thee einschenken, Herr Doktor?" 3ch bitte darum, mein Fräulein." Tante Tbereschen wollte ihren Ohren nicht trauen. Daß der Neffe heute schon die dritte Tasse des sonst von ihm nur unter reichlichem Rumzu guß in bescheidenstem Maße genossenen Getränks sich ausbat, grenzte an's Unglaubliche. Und wahrhaftig er vergaß sogar diesmal den Storni, Sollte etwa schon der kleine Schelm mit Pfeil und Bogen hier seine Hand im Spiele haben, oder war nur das eifrige Gespräch, welches Kleinmichel mit der jungen Dame führte, schuld daran, daß er ganz seinen sonstigen Gewohnheiten untreu wurde? Tante Theres chen rieb sich vergnügt unter dem Tisch die Hände. Klcinmichel war ein vorzüglicher Erzähler, wenn ibm eines zu Gebo!? stand: eine dankbare Zuhörerschaft Und Elisabeth Schmidt verstand c:c Kunst des Zubörens. Mit großen A't gen und sanft gerötbeten Wangen saß sie vor ibm und lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit den fesselnden Schilderungen seiner R?isen, die ihn so ziemlich durch das ganze südliche und westliche Europa geführt hatten. Nur hin und wieder unterbrach sie ihn mit einer Frage, einer Bitte um nähere Aufklärung, einigen kurzen B?merkungen. Aber diese bewiesen dem Erzähler nicht nur die Aufmerksamkeit seiner Zuh'örerin, sondern auch ihr Verständniß für seine Worte und verriethen eine für eine Tame nicht gewöhnliche &t dieaenheit der Bildung.' Tante Tbereschen mischte sich selten in das Gespräch. Wenn es geschah, und der Neffe sich, nachdem er ihr geantwortet hatte, wieder seiner jungen ZuHörerin zuwandte, begegnete er mehr als einmal einem eigenartigen Zuge in deren Augen. Fast schien es wie Bedauern und Mitleid. Aber dazu lag doch kein Grund vor. Was also? Kummer? Schmerz? Vielleicht, ja wahrscheinlich: Kummer wegen jenes Elenden! Nun. aber gleichviel, das mußte man trotzdem erkennen: ein prächtiges, vernünftiges Mädchen schien sie zu sein, und Kleinmichel stellte es mit BeHagen fest an gebrochenem Herzen würde sie gewiß nicht sterben. Es war schon spät, als er sich von den Damen verabschiedete. Ihm selbst unmerklich schnell waren die Abendstunden vergangen. Du hast Deine Sache vorzüglich gemacht," flüsterte die alte Dame ihm beim Fortgehen zu. Nun thu mir auch die Liebe. Karl, und komme nicht so. selten."
Erzählen
Hunderttausende von Frauen leiden an unregelmäßigem Monatsflusse. Tausende leiden an niederdrückenden Schmerzen. Andere sind nervös und haben allerlei Schmerzen im Unterleib, Rücken, Hals, in den Gliedern und im Kopfe. Der WIne of Cardui kurirt alle diese Leiden Es giebt kaum ein Heim, wo nicht eine Frau das Opfer von Frauenschwäche irgend wel'cher Art ist. In Ihrem Haus befindet sich eine Leidende. In Ihres Nachbars Haus befindet sich eine Andere. Der Wine of Cardn! würd Sie surrten, Ihre Schwester, Mutter oder Ihre Tochter. Vr wird Ihre Nachbarin kuriren. Ueber 1.600,000 leidende Frauen sind durch den WIneof Cardui kurirt worden Hunderttausende von gesunden und glücklichen Frauen erfreuen sich guter Gesundheit, weil eine interessirte Freunde eine Flasche vvwe ok Cardui brachte, oder erzählte, was dieses wunderbare FrauenStärkungsmittel vollbringen kann. Wollen Sie Frau Smither's Beispiel nicht nachahmen, indem Sie mit dem Wine of Carmn einen vlcrSnrh mrtAun itnX S. .,, ,,.v, . '. . "
Kleinmichel murmelte einige Worte vor sich hin, die ebensowohl eine Beiahung als eine Verneinung bedeuten konnten. Dann ging er. Von der Straße aus wandte er noch einmal unwillkürlich den Kovf zurück, und als er vor dem erleuchteten ??enste? die Umrisse einer schlanken Gestalt gewahrte, welche, die Stirne gegen die Scheiben lehnend, herabblickte, zog er grüßend den Hut. Im nächsten Augenblick aber ärgert er sich, wie jemand. der sich bei einem dummen Streiche ertappt sieht. Das sah ja fast so aus, als ob nun, als ob ja. gerade heraus gesagt! ... als ob er verliebt wäre. Lächerlich! Nun. wie gefällt er Dir?" hatte Fräulein Kleinmicbel zur selben Zeii ihre junqe Freundin gefragt. Ein netter Mensch wie?" Nett. Tante Thereschen? Nein, das Wort paßt nicht auf ihn. Er hat Herz. Muth und Verstand . . . mit einem Wort: er ist ein Mann. Seine ganze ruhige, zielbewußte Männlichkeit gefällt mir an ihm. die muß jeder Frau gefallen." Und dann stand sie plötzlich vor der alten Tame und. die Arme um deren Hals schlagend, rief sie in überquellender Theilnahme: Ach Tantchen. wie ist es möglich, daß jenes junge Mädchen ihn treulos verlassen konn'. Fräulein Kleinmichel legte begutt-ge-.ld den blonden Kopf an ihre Schulter, damit die blauen Augen nicht den Schelm in ihren eigenen Zügen gewahrten, und sagte: Nun. laß nur, mein liebes Kind, laß nur. Wenn wir beide nur fest zusammenstehen in dem Bestreben, ihn die Vergangenheit vergessen zu machen, da wird's uns schon gelingen." Sie mußte ihre ganze Verstellungskunst aufbieten, um den richtigen Ton für diese Worte zu treffen; denn in ihrem Herzen julelte es: Triumph. Triumph! Tie List wird gelingen." Dokwr Kleinmichel war ein Frühaufsteher. Er liebte es, bevor er in die Tretmühle des täglichen Unterrichts hinein mußte, sich an einer Wanderung durch die Natur Körper und Geist zu erfrischen. Vollendslvaren ihm aber diese Morqenausflüae zu einem Bedürfnisse geworden, seitdem er unter die Radfahrer gegangen und somit in den Stand gesetzt war, seine Ausflüge auch auf die weitere Umgebung des kleinen Städtchens auszudehnen. Wenn er dann erfrischt und gestärkt von der gesunden Bewegung die Schule aufsuchte, konnte er nur mit einem mitleidigen Lächeln auf die meisten Kollegen herabblicken, die oft erst in letzter Minute noch halb verschlafen nach der Schule gerannt kamen. Auch an dem der ersten Begegnung mit Elisabeth Schmidt folgenden Morgen hatte er das Rad bestiegen und fuhr, nachdem er das holperige Straßenpflaster der kleinen Stadt glücklich überwunden hatte, langsam durch die im ersten Frühlingsgrün prangenden Laubengänge der Anlagen dahin. Da bemerkte er plötzlich an einer Biegung des Weges ein zweites Stahlrotz, das. von einer Dame gelenkt, in einigen hundert Schritten Entfernung vorauffuhr. Eine radfahrende Dame war in dem kleinen Orte eine zu ungewöhnliche Erscheinung, als daß auch ein Mann wie Kleinmichel ihr nicht sein Interesse zuwenden follte. Mit einigen schnellen Tritten trieb er sein Gefährt vorwärts, und bald hatte er die langsam Fahrende eingeholt. Aber wie groß war sein Erstaunen. als er in .ihr Fräulein Elisabeth Schmidt erkannte. All Heil, mein Fräulein! Also auch eine Sportsgenossin darf ich in Ihnen begrüßen?" Elisabeth, die das geräuschlose Heranrollen des Rades überhört hatte, stieß einen leisen Schrei der Ueberraschung aus. Wie haben Sie mich krschreckt. Herr Doktor! Ich glaubte, wenigstens hier völlig unentdeckt mich dem geliebten Sport widmen zu können. aber gleich der erste dem ich begegne. ist ein Bekannter." Ein Bekannter allerdings, mein Aräulein, aber nicht em solcher, der
Su Ihren Nachbarinnen
CARDUI
, 1 uuueten eiocnoen von Hyrcr Heilung erzählen? . r, 1C0? Mavle Str., LouiSville, Kh . den 20. Juni, 1904. Ich erachte es als meine Pflicht, Ihnen für das Gute zu danken, das der''! of Card! an mir vollacht bat. Ich war nervös, erschlafft und beinahe erschöpft. Die göttliche Vnrsebung leitete eineS Jh. rer Büchleins in meine Hände, und ich kaufte eine Flasche Wine ot Cardui. Ich hatte ihn nur drei Tage gebraucht, als eine entschiedene Veränderung wahrnehmbar war. Was er für mich that, wird er auch für irgend eine andere Frau thun, und ich lasse nie eine Gelegenheit vorübergehen, ihn als ein zuverlässiges und sicheres Heilmittel zu empfehlen, Fxa Bessi. F. Smitber.
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das Radfabren seitens der Damen verurtheilt. In dieser Richtung das muß ich allerdings gestehen bin ich in unserem Krähwinkel .unter Larven so ziemlich die einzig fühlende Brust'." Die junge Dame lachte: Ja, ja. leider. Zählt doch auch die gute Tante Thereschen in dieser Beziehung zu den Larven." O weh. das ist schlimm! Dann hat es wohl einen heißen Kampf gegeben. bevor die Erlaubniß ertheilt wurde?" Ein leichtes Roth der Verlegenheit erschien auf den Zügen des jungen Mädchens. Offen gestanden. Herr Doktor, ich bin eine heimliche Sünderin. Tante ahnt nichts von meinen sportlichen Leidenschaften. Als ich bei einer leisen Anspielung merkte, daß ihr radelnde Damen ein Greuel sind, hab' ich's gar nicht gewagt, ihr das Geständniß, daß auch ich fahre, zu machen." Aber Ihr Rad wurde dies nicht zum Verräther?" Tante weiß von dessen Existenz nichts. Es steht bei einem der Kofferträger des Bahnhofes, der hier vor dem Thore wohnt, wo ich es jeden Morgen ungesehen abholen kann." O Klugheit, dein Name ist Weib!" lachte Kleinmichel. Aber wird sich dieses Verheimlichungssysiem aus die j Dauer durchführen lassen?" Ich hoffe es. Und wenn nicht, so werden Sie hoffentlich bei Tante Thereschen meine Partei ergreifen." Selbstverständlich! Ein Sportkamerad muß ja dem anderen in der Noth beistehen. Soweit es an mir liegt, von Herzen gerne." Also, topp, schlagen Sie ein!" Die beiden waren während dieses Gespräches in ruhigem Temvo weitergefahren, und Kleinmichels Auge glitt wiederholt mit Wohlgefallen über die schlanke Gestalt, die, kerzengerade im Sattel sitzend, mit elastischen Fußbewegungen ihr Rad spielend forttrieb. Dazu das von der Bewegung rosig überhauchte Gesicht mit den sanften und doch Willenskraft und Klugheit verrathenden Zügen, die blonden Löckchen, die unter dem kleinen runden Hute hervor lustig im Morgenwinde tanzten . . . welch ein erbärmlicher Ker! mußte jener sein, der so viel Liebreiz gegen einen Sack voll schnöden Mam mons vertauschen konnte! Dem Oberlehrer wurde es ordentlich warm um's Herz, und als Elisabeth ihm, seinen letzten Worten folgend, die Hand zum Einschlagen bot. keimte in ihm das Gelüst auf, einen Kuß auf die schlanken Finger zu drücken. Er beugte sich in dieser spitzbübischen Absicht oornuoer, aber, eye er sein Vorhaben ausführen konnte, machte sein Rad war's infolge einer unvorsichtigen Drehung der Lenkstange oder eines Stoßes gegen einen Stein? eine scharfe Wendung, und im selben Augenblick purzelten Stahlroß und Reiter die steile, aber glücklicherweise nicht hohe Böschung hinab auf den moos- und lauböedcettLn Wald!.oden. Mi einem Schrcckensschrei war die junge Tame vom Rade gesprungen. .,Um Gotteö willen. Hsn Tottor. was machen Sie?" Ich lotanisire, mein Fräulein." rief der Verunglückte lachend, indem er sich bemühte, wieder auf die Beine zu kommen. Ta stand eben ein so reizendes Vergißmeinnicht, daß ich mir nicht versagen konnte, es für Sie zu pflücken." Ach. scherzen Sie nicht. Sie haben mich so erschreckt! Sind Sie unverletzt geblieben?" Tie alte Schale nur ist fern, doch heil geblieben ist derKern." sangKleinmichel mit komischem Pathos, dabei auf einen klaffenden Riß in dem rechten Rockärmel deutend. Wenn's weiter nichts ist, der Schaden kann geheilt werden." Das junge Mädchen hatte ihr Rad an einen Baum gelehnt, im Nu aus ihrer Geräthtasche Nadel und Zwirn hervorgeholt und stand gleich darauf neben Kleinmichel, um den zerrissenen Aermel mit fachmännischem Auge zu betrachten. Das ist eine böse Wunde," meinte sie. Da
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wird meine Kunst nicht ausreichen; aber für den ersten Notbfall muß es gehen. Nur muß ich Sie bitten, sich zu setzen, damit ich besser ankommen kann." Ein in der Nähe befindlicher Baumstamm bot eine leidliche Sitzgelegenheit. Da saßen sie nun wie zwei alte Bekannte nebeneinander, während über ihnen im Gezweig die Finken schlugen und der kräftige Erderuch. vermischt mit dem Duft des Waldmeisters, sie umstrich. Kleinmichel schössen dabei allerlei wundersame Gedanken durch den Kopf, während er in stiller Andacht auf die weißen schlanken Finger herabsah, die emsig Faden auf Faden durch die zackigen Ränder des Risses zogen. Es wollte ihm gar nicht in den Sinn, daß hinter diesen klugen Augen, die jetzt so ernst auf das Wirken der Hände niederschauten, hinter dieser freien Stirn, hinter all diesem frischen, fröhlichen Liebreiz ein so gewaltiger Kummer, wie Tante Thereschen meinte, verborgen sei. Und er beschloß, einmal eine vorsichtige Rekognoszirung zu unternehmen. so ganz, ganz leise ein bischen auf den Busch zu klopfen. Woran denken Sie. Herr Doktor?" Es schien, als ob sie seine Gedanken errathe. Ich ... ich dachte ... an ... an die Symbolik des Rades." O. das ist aber ein gelehrtes Thema. Würden Sie nicht die Güte haben, mir darüber einen kleinen Vortrag zu halten?" Mit Vergnügen. Also: das Rad. insbesondere das Zweirad. ein Symbol der Ehe. Da ist als Vorderrad der Mann; er ist es. der dem Gefährt den rechten Lauf gibt, der sich kühn den Hinderenissen als erster entgegenstellt, durch kluges Drehen und Wenden dem Schwanken und Stürzen wehrt. Dann das Hinterrad das Weib, unermüdlich in stiller Thätigkeit, gefesselt durch die Kette der Arbeit an das Heim, treu dem Manne folgend. Und sie beide hineingespannt in den Rahmen der Ehe. Was meinen Sie, ist der Vergleich nicht ganz passend?" Hebel ist er nicht, aber . . Aber?" Ich vermisse eins. Wo ist. wenn Mann und Weib die Räder sind, die treibende Kraft zu finden?" ..Die treibende Kraft. Fräulein Elisabeth, ist die Liebe. Wo die im Sattel sitzt, da gibt es sicher aute Fahrt." Ihre Blicke hatten sich bei diesen Worten getroffen, waren aber ebenso schnell wieder, wie erschreckt hierüber, auseinander geirrt. Und wenn die Liebe fehlt?" frug das junge Mädchen leise. Ja. dann ist's schlimm um das Gefährt bestellt. Ein führerloses Rad ist ein unbehilfliches todtes Ding; nicbt einmal stehen kann es. Und so ist's auch mit der Ehe. der die Liebe fehlt. Sie fesselt Mann und Weib aneinander. ohne ihnen die Fähigkeit zu geben, in harmonischem Vereine ihren Weg zu gehen. Meinen Sie nicht auch. Fraulein Elisabeth?" Die Gefragte nickte, ohne von ihrer Arbeit aufzublicken, stun m mit dem Köpfchen. Glücklich der." fuhr Kleinmichel fort, der zur rechten Zeit erkennt, daß dem Gefährt des Lebens die rechte Lenkerin fehlen wird, und der deshalb mit scharfem Schnitte eine unglückverheißende Verbindung löst. Der Schmerz ist vielleicht im ersten Augenblicke herb, aber eine energische Natur wird ihn überwinden. Und je schärfer der Schnitt, desto schneller die Heilung." Kleinmichel erschrak fast über den schweren, schmerzlichen Seufzer, welcher der Brust seiner jungen Gefährtin entquoll. Sollte er zu weit gegangen sein? Mit zu unzarter Hand kaum vernarbte Wunden aufgerissen haben? Er wurde ganz bestürzt, und da er nichts anderes zu thun wußte, so seufzte er ebenfalls. Dann aber sahen sie sich beide plötzlich voll in die Augen und brachen in ein fröhliches Lachen aus. Warum seufzen Sie denn so jämmerlich?" frug er heiter.
