Indiana Tribüne, Volume 28, Number 224, Indianapolis, Marion County, 13 May 1905 — Page 5

Jndiana Tribüne, 13. Mai 1903.

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Die Mgcnmaric I

Erzählung f lUlll C utsc W c st I: i r ch ch 6 S S f'V er Hof lag zwischen hohen JlJ Hinterhäusern, lang und tief. tok der Bodcn einer Cisterne. Ter Nauch aus dem Schlot der Wachstuchfabrik hing als schwarzgelbe Wolle darüber und mischte seinen mederr-?selnden Nuß mit dem der Herdfeuer, auf denen das Abendbrot kochte. Tennoch stand vor einer der Thüren noch eine Gruppe müder Men scheu, um die Abendkühle, den Feierabend zu genießen. Tie kurze Pfeife im Munde, rieb Bäsele. der Tischler, behaglich seine Schulter am Pfosten der Thür. Er war verheirathet, selbstständig, ein fleißiger Mann, der wohl hätte vorwärts kommen können, wenn der gesunde Hunger seiner Sechse ihm nicbt jeden Groschen Verdienst aufgezehrt hätte. Tas ewige Kaffeetrinken hatte ihn mager und hohlbackiz gemacht. Sein Gegenüber, der Schmied Peterfen, war im Gegentheil rund und stammn, er arbeitete in einer Fabrik, war ledig und ließ sich nichts abgehen. Trotzdem ein wortkarger, mürrischer und bei all seiner Massigkeit scheuer Patron. Seine Wirthin, MeicrschMutter, sagte ron ihm. das Sprechen würde ihm wohl im Kittchen" (Gefängniß) abgewöhnt worden sein. Sie sagte das aber nur zu Vertrauten und wenn er weit weg war. Jetzt hockte sie auf den Steinstufen vor dem Haus, die Arme in ihre blaue Schürze gewickelt, eine fuchsige Haube auf dem grauen Scheitel, an der Seite der blonden Tora aus der Federnfabrik. die auch bei ihr wohnte, und kreischte vor Lachen über die Witze, die der schöne Ede riß. ein überlanger, zappeliger Bursche mit einem dünnen Ziegen bärtchen, ehemaliger FriseurgeHilfe, jetzt Spinner. In diesem Augenblick war er bemüht, mit der blonden Tora anzubandeln, die ihn mit unzerstörbarem Phlegma in Schach hielt. Aber auf einmal wandten Männer und Weiber die Köpfe. Das Gespräch stockte. mZxt Marie! Ta kommt die Marie! Guten Abend. Marieken!" Ueber das ungleiche Pflaster des Hofes kam mit wiegenden Schritten ein junges Mädchen. Goldene Rine schaukelten in ihren Ohren, keck saß der große Rosenhut auf ihrem schwarzen Haar, in dem von der Arbeit in der Fabrik noch einzelne Jutefäserchen hingen. Sie war groß und schlank. die Taille mit zwei Händen beauem zu umspannen, ibr billiges Kleid vom modernsten Schnitt. Das Gesicht war auffallend blaß, seh? schmal, mit kleinem. rotbem Mund. Die Augenbrauen, wie mit dem Pinsel gezogen, wölbten sich bis in die Stirn hinauf. Die Augen waren grau, orientalisch geschlitzt und mit dichten Wimpern bestanden. Eine tolle Lustigkeit sprach daraus. Ja, Marie, wo stehst denn Du seit Feierabend?" fragte Bäseke, der Tischler. Das Mädchen stellte sich zu den plaudernden Männern. Ich hab' meine Jugendfreundin getroffen, denken Sie. Gerade wie ich aus der Fabrik kam. Fünfzehn Jahre hatten wir uns nicht gesehen." Ich meine. Sie sind selber erst zwanzig?" brummte Petersen, der Schmied. Marie achtete nicht auf den Einwand. Sie schlug schwärmerisch die Augen zum Himmel auf. Sie fuhr in einer pikfcinen Equipage. Sie hat nämlich einen Grafen geheirathet, meine Freundin. Ja. Sowie sie mich sah, schrie sie: .Kutscher anhalten!' Und dann 'raus, faßte mir bei der Hand und sagte: .Ich habe Dir nie vergessen, liebe Marie.' Und denn wollte sie mir gar nich wieder von sich lassen." Meiersch-Mutter kicherte in ihre Schürze. Eine Gräfin! Eine Gräfin! Nein, hören Sie doch, 'ne Gräsin!" Warum lügen Sie eigentlich immer so fürchterlich?" fragte der Schmied grob. Sie fuhr auf. Sie ungezogener Mensch, Sie! Und meine Freundin ist doch 'ne Gräfin.Nee. so laß ihr doch." mabnte Bäseke. der Tischler, und hielt die Hand fest, die Peter ausstreckte, um das Mädchen zu schütteln. Als unsere Frida an den Windpocken lag. und kein Mensch was mit ihr aufstellen konnte, hat die Marie sie still und zufrieden gekriegt blos mit ihren Geschichten, und was ein Kind gern hört, da kann nichts Unrechtes bei sein. Laß Tu Dir nicht stören. Marieken. Erzähl' nur weiter." Das Mädchen lächelte schnell besänf tigt. Meine Freundin hat mir Grüße gebracht von einem Freund ihres Gatten. Das ist ein Offizier, ein bildschöner Mensch. Und nobel. Immer so 'n .Siehste mir auch-Glas' im einen Auge." Sie senkte die Lider. Der mochte mir nämlich mal gern leiden." .Na. dann sind Sie ja fein 'raus." sagte der Schmied. Denn halten Sie den man feste. Der Weber schnappt

wt Lider des Mädchens schlugen ein paarmal. 8fl war ein eigenartiges Flimmern in den Augen darunter, aber sie schüttelte den Kopf, und ihre Lippen lächelten wegwerfend. Nee, ohne Spaß," bestätigte Stracks, der Friseur, dem es gelungen war. sich noch auf die Stufen neben die blonde Tora zu klemmen, sehen Sie sich vor. Marieken. Der poussirt jetzt mit 'nem Svarkassenbuchmädchen. Die Sorte kenn' ich. Die schreit nach 'm Standesamt, legt sich 'new Mann für ihr Alter f. st wie ihren Monatlslohn. Was ich Jnen sage: sehen Sie sich man vor!" Nee, nee, nee." Sie fjkti sich die Ohren zu und drehte sich übermüthig um sich selbst. Eine Noble hat er sich ausgesucht, alles, was recht ist." meinic MeierschMutter und sah mit graujam neugierigem Blick auf Marie. Wen denn ? Ja. wer soll denn da? sein?" Kennen Sie die Neue von Geheimrath Prellers? Die Minna?" Der ehemalige Fri'eurachilfe fragte das. Ter eber fährt immer die Kohlen hin. Neulich hat sie ihn in der Küche abgeküßt, schwarz wie er war. Ter Briefträger sagt, sie hätte einen Schnurr &ut gehabt lis an beide Ohren. Aber reich; Zweitausend Mark! Ter Mann hat ihr Buch gesehen." Marie war etwas blasser geworden, aber sie lachte weiter in ihrer fahrigen Art. ..Die Minna, ach so. die Minna von Prellers! Ja, ich weiß, ich weiß wohl. Aber sie thut nur so. Der Karl thut auch nur so. Die hat einen anderen." Sie sah starr geradeaus und sprach eintönig, als läse sie die Worte irgendwo an der Hauswand gegenüber. Einen Dunkeln. Er kommt über's Wasser, hat einen blauen Anker auf der Hand und silberne Ringe in den Obren. Den heirathet sie. Die anderen hat sie nur zum Narren haha zum Narren! Den Karl auch. Und der Karl denkt gar nicht an sie. Ach, was schwatz' ich da mit Euch! Ich weiß, was ich weiß. Ist der Karl schon daheim? Nich? Das ist gut. Da muß ich mir ja tummeln. Ich will ihm Puffer backen." Mit raschelnden Röcken eilte sie in's Haus. Ist das ein Lügenmaul!" entrüstete sich der Schmied.

Die blonde Tora, die noch kein Wort aeredet hatte, that zum ersten Male den Mund auf. Wollt Ihr wissen. wer der ibre Gräfin ist? Die alte Kartenschlägersche, die Piefke. Aus der ihr Thür hab' ich sie schleichen sehen. Von der hat sie's auch, daß der Minna ihr Zukünftiger über's Wasser kommen soll." Die Männer lachten schallend. Mciersch-Mutter schüttelte sich vor Vergnügen. Die Piefke! Nee. nee. nee, die Piefke! Und lügt uns vor von 'ner Gräfin! Nee. nee. nee! Ja, die Mannsleut'! Der Weber is nu so 'n sonder anständiger Mensch, und hängt sich an so 'ne windige Person!" Guten Abend!" unterbrach der Schmied mit starker Betonung. Alle sahen auf. Durch de. schmalen Hof kam der, von dem sie redeten. Er ging bedächtig, mit dem schweren Schritt eines, der vom Morgen ms zum späten Aöend harte Arbeit verrichtet hat. Sem blauer Leinwandkittel war sauber. Er hatte sich, als er seinen Gaul einstellte, im Stall abgewaschen und umgekleidet. Aber ein letzter Rest von Kohlenstaub haftete beharrlich auf Stirn und Wangen. Und auf diesem schwärzlichen Grund erschien daö Blau seiner Augen auffallend grell. Etwas Hochmüthiges lag in seiner Erscheinung und m seinen Bewegungen der Stolz darauf. Pferd und Wagen zu eigen zu haben und mit hartem Fleiß vorwärts zu kommen. Wirst schon erwartet. Karl." sagte der Schmied und deutete mit dem Daumen iisvr die Schulter in's Haus. Laß Du aber auch was merken. Karl, wenn's zum Standesamt geht," witzelte der ehemalige Friseurgehilfe. Keine Müdigkeit vorschützen. Ein Faß Aktienoier muß es schon sein." Er meint, wenn Sie mit der Marie Hochzeit machen," verdeutschte Meiersch-Mutter. Unter der schwärzlichen Haut des Kohlenhändlers stieg langsam das Blut empor. Mit der narrigen Person mach' ich keine Hochzeit." No. no, no," mahnte Bäseke, bet Tischler. Warum denn nich? Geld und Gut alleine machen's nich. Meire Frau hat doch auch weiter keine Aussteuer geha i als ihr g.ltes Herz. Und 's geht, siebste, es geht hart, aber man zwingt's. Und Spaß macht's einem obcndrein. Ein gutes Herz hat die Marie auch." Und das nöthige Baargeld flunkert sie Dir dazu. Alle Tage tausend Mark," brummte der Schmied. Mit Prellers Minna is es ja doch Essig." Denn die kriegt einen Seemann," sagte die blonde Dora und wollte vor Lachen ersticken. ..Was wissen denn Sie?" Karls Faust zuckte. Er war keiner, der Spaß verstand. Die Weiter kreischten auf. Ruhig, nur rabi!" mahnte Meiersch-Mutter. Wir wissen doch qar nichts, Herr Weber, gar nichts. Fragen Sie die Wie--rie. Die weiß es, nicht wahr? Die hat's uns erzählt. Was die uns alles erzählt hat!" Weber zog die Brauen zusammen

und ging ohne ein weiteres Wort in's Haus. Aber Bäseke, der gutmüthige Tischler, war traurig. Nee, Meiersch. so was muß man nich machen! Nu wird er die Marie verhauen." Die Frau stand zornig auf. Geschieht ihr recht, der affigen Person. Kann so 'n Mächen nich bei mich ode; einer anderen ordentlichen Frau auf Loschi wohnen wie Fräulein Dora auch? Muß die wohl eine Kammer für sich haben? Nee, mit so einer hab' ich kein Mitleid." Inzwischen stieg Karl Weber die

Trev!'en hinauf. Ein aroßer Zo-n brannte ihm im Herzen. Er wollt? frfc Minna heiratben und ibre zweitausend Mark, um dadurch seinen kleinen Kohlenvertiieb zu einer richtigen KohlenHandlung mit Lagerplatz und Kontor zu erweitern, denn er war ehrgeizig. Wenn der Bajaz. die Marie, sich unterl:and. ihm da entgegenzutreten. Klatschereien zu mack.en, so mochte sie sich vorsehen. Er hatte schon lange die Absicht gehabt, mit ihr zu brechen, aber zu seiner eigenen Verwunderung noch nie den Muth dazu finden können. Jetzt war er wohl in der richtigen Stimmung. Er stieg, solange es Treppen gab. Ohne anzuklopfen öffnete er eine Thür. Eine mäßig große Dachkammer lag vor ihm. von einer kuppellosen Lampe, die über dem Kochäfchen hing, dürftig erbellt. Auf Tisch und Stühlen lagen Kleidungsstücke und Eßvorräthe durcheinander, eine Menge Dinge, die dort nicht hingehörten. Dennoch hatte das Zimmer etwas Behagliches. Vielleicht kam das von der weichen Stimme her, die leise summend, wie die zu Tönen gewordene Fröhlichkeit, es bis in die fernsten Ecken erfüllte. Marie stand, die Aermel aufgestreift, eine Schürze über das Kleid gebunden, am Kock)ofen und stocherte in der Pfanne, in der die Kartoffelpuffer brieten und spritzten. Beim Geräusch, das ler Eintretende machte, wandte sie sich um und nickte ihm zu. Gleich sind sie fertig, Karl. Fein, fein! Weißt Du. als ich noch in Stellung war, hat die Frau Amtsrichter gesagt: .Die Marie muß bei uns bleiben. So 'ne Kartoffelpuffer wie die backt keine.' Aber wie konnt' ich denn bleiben? Haha! Ich wollt' doch u Dir. Ju mir oder zu emem anderen," sagte er höhnisch. Sie wandte sich. Zornig schlug sie auf den Tisch. Rein!" Aber dann lächelte sie wieder, trat zu ihm und streichelte seine Wangen. Karlchen. Karlchen! Was denn nur? So hart hast Du arbeiten müssen, daß Du knurrig bist? Komm, komm." Er stieß sie heftig zurück. Was hast Du Meiersch-Mutter und den anderen draußen wieder vorgelogen? He?" Sie ward roth. Aber noch lachte der Schelmaus ihren Augen. Die Leute fragen so viel " Hast Du mn versprochen, das Lugen zu lassen? Ja oder nein!" Da kroch sie w sich zusammen. In seiner Stimme klang etwas Fremdes. Ich will's Nicht wieder thun," sagte sie demüthig. Wer Dir noch glaubt!" Sie sah i$n an mit ihren Schelmenäugen, in denen doch eine seltsame Tiefe war. Tu." Gepfiffen!" schrie er wüthend. Nicht ein Wort glaub' ich Dir mehr, überhaupt Du hast Dein Versprechen nicht gehalten. Nun halt' ich Dir mems auch Nicht. Verstehst Du?" Karl Karl! Sei doch gut! Ich will s gewiß, gewiß und gewiß Nicht wieder thun." bettelte sie. Er trat zurück. Das hast Du schon so oft versprochen. Ich mag's gar nicht mehr hören. Geradezu ekelhaft bist Tu mir mit Deiner Verlogenheit. Aber jetzt ist's fertig. Wenn Du mir auch noch so viel Lügen dazwischen bringst, ich heuathe doch die Minna von Prellers. So, jetzt weißt Du's!" Sie fuhr zusammen. Die Minna!" Und dann lachte sie glucksend. Siehst Du. jetzt lügst Du." Fällt mir gar nicht ein. Ich will ein rechtliches Mädchen zur Frau, keine Schlumpe, kein Lügenmaul, wie Du eins bist." Sie hielt sich mit der Hand am Tisch Wieder war das eigenartige Flimmern in ibren Augen. Dich hab' ich noch nie belogen," sagte sie langsam. Und dann stürzte sie zu ihm und hing sich an seinen Arm. Nein, nein, nein. Du thust das nicht! Du kannst mir das nicht anthun! Du willst mich nur bange machen, strafen. Aber so hau mich doch! Hau mich wie sonst. Das hab' ich verdient. Du thust's auch nicht. Du thust's nicht, Karl! Sag', daß Du's nicht thust!" Es klang eine solche Angst in ihrer Stimme, daß er fast schwankend wurde, aber er fühlte, wenn er überhaupt loskommen wollte, mußte er diesen günstigen Augenblick benützen. Denkst Du, ich red' in den Tag hinein wie Du? Was ich gesagt hab', bleibt gesagt. Aus ist'S zwischen uns. Aus und vorbei!" Sie war auf einen Stuhl gesunken und schluchzte leise vor sich hin. Er stand abgewandt und pfiff. Auf dem Ofen verprotzelten unbeachtet die Puffer. Nach einer Weile begann sie wieder: Was hab' ich denn nur so Böses gethan? Ein bischen geflunkert zum Spaß bloö. Nichts Schlechtes hab' ich nie herumgebracht, von keinem Men-

scycn. lino darum l" Sie icyrie au? und stürzte zu ihm hin. Karl, verlaß mich nicht! Ich will Dir ja nicht im Weg sein. Bin ich Dir je im Weg gewesen? Ich mach' mich ganz klein. Du sollst mich gar nicht merken. Ich hab' doch Niemand als Tich. Wie die Säge Dir damals den Finger abgeschnitten hatte, bin ich je von Deinem Bett gewichen? Als Tu Geld brauchtest, um ein Kohlengeschäft anzufangen, hab' ich Tir nicht all' mein Erspartes gegeben und meine Wäsche auf's Pfandhaus getragen ohne ein Wort?"

Er hatte abgewandt gestanden. Jetzt kehrte er sich zornig zu tfr. Denkst Tu, ich will Deine paar Kröten lehalten? Morgen zahl' ich sie Dir herauö mit den Zinsen dazu. Tann sind wir fertig miteinander." Mit weit offenen Augen starrte sie zu ihm auf. und trotz seiner Härte er.' schrak er vor dem entrückten Vnck ihrer flimmernden Auaen. Wenn Tu die Minna heirathest, renn' ich in's Nad," sagte sie leise. Er arqerte sich über sie. über sein eigenes Empfinden. So 'ne Drohung lay lieber unterwegs, hörst Tu? Ich bin der Dumm: nicht, der darauf 'reinfällt. Und wenn Tu Tich unterstehst, was gegen die Minna oder mich zu unternehmen sieh Tich vor!" Er ging aus der Thür und stieg hinunter in seine Kammer. Es war ihm eine Erleichterung, daß sie ihm nicht nachlief. Sie würde sich schon drein finden natürlich! Nicht ernst zu nehmen war sie. die Marie, nicht in ihrer Freude, nicht in ifcem Kum mer. Ihr Lachen, ihre Thränen alles Possen. Ein rechter Hemmschuh für einen 2Jhnn. Gut, daß er diesmal den Muth gefunden hatte, sie von sich abzustreifen. Marie wanderte am nächsten Morgen in die Fabrik, und alle Morgen während der nächsten Wochen, als wäre nichts vorgefallen. Wenn etwas an ihr auffiel, war es. daß sie noch fahriger in ihren Bewegungen war, noch lauter lachte, lauter fang, und daß ihre Augen ein noch irreres Flim mern hatten. Meiersch-Mutter und der Schmied unterließen nicht, sie über ihr Verhältniß zu Karl auszufragen. Der Bruch zwischen dem Paar war aber offenbar. Karl bemühte sich um Prellers Minna so gewaltsam, daß er, wie der Fnseurgehilfe sich ausdrückte, per Blitzzug auf's Standesamt zuschlidderte." Aber auf alle Fragen und Vorhaltungen lachte Marie ihr thörichtes Lachen. Ihr Karl ihr untreu? Ah nein. Das wußte sie besser. Der that nur so. Sie that auch nur so. Das Ganze war ein Spaß. Von der Minna auch. Die Minna heirathet ihn sicher nicht nie! Das hing an ders zusammen. Sie deutete Geheimnisse an, spann phantastische Geschichten aus. Der Schluß war immer: Die heirathen nicht. Der Karl heirathet mich. Sie blieb auch dabei, als Bäsekes Frau, von Mitleid für das Mädchen getrieben, an dem ihre Kinderschaar mit zärtlicher Liebe hing, ihr zuredete. Von dem Geld, das Weber ihr richtig herausgezahlt hatte, kaufte sie sich Kleider, putzte sich heraus wie ein Pfau, und viele Burschen liefen ihr nach. Sie narrte sie mit lustigen Geschichten. Sobald einer ernstliche Absichten zeigte, lachte sie ihn aus. Weber, der seine Kammer im Hause nicht aufgegeben hatte, hielt sich zurück und machte erien Boqen, wenn er da Mädchen von fern sah. Sie suchte ihn auch nicht. Nur einmal, als er in der Dämmerung allein auf dem Hof stand. strich sie an ihm vorbei und sah ihn an, lange, traurig und zärtlich. Dieser Blick folgte ihm in den Schlaf der Nacht. Ader kann ein strebsamer Mann sich sein Leben verderben, weil ein närrisches Ding sich wie eine Klette an ihn hängt? Er war mit der Minna letzt ganz im Remen, logar schon aufgeboten. Alle Sonntage führte er sie aus. Dann besprachen sie ihren künftigen Haushalt. Ein Wirthschaftliches Madchen war die Mmna, helle, und sah auf den Groschen. Er würde emporkommen mit ihr. Da schadete es nichts, daß sich ihre EUvo gen ungemüthlich spitz ihm in die Seite bohrten. So oft er jetzt an den Schil dern der aroßen Kohlenfirmen vor überkam, sah er trotzig zu ihnen auf. In Jahr und Tag zählte sein Name mit in der stolzen Reihe. Das kam so sicher, wie auf Weihnachten Ostern folgt. Mit seiner zähen Beharrlich keit und dem Kapital Minnas setzte er's durch. Nur die unkluge Dirne, die Lügenmarie, fiel wie ein Schatten in sein werdendes Glück. Er gab sich alle Mühe, sie sich aus dem Sinn zu schlagen. Trotzdem, je näher sein Hochzeitstag rückte, um so mehr mußte er an sie denken. Wie unter einem gehei men Zwana beobachtete er sie. Einmal, als er Abends von seiner Mmna kam, huschte sie an ihm vor über die Treppe hinauf. Ein eigen thümlicher Schauer durchrieselte ihn, als ihre raschelnden Nöcke ihn in der Enge streiften. Also übermorgen?" sagte sie dabei leise, nemsch lachend. Aber im Licht des schirmlosen Oellämpchens sah er ihre Augen unHeimllch flimmern. Ja." stieß er barsch hervor. Um zehn?" .Um elf."

Mso gut. nevermorgen um eis.'

Sie lachte hell und lief mit raschen Schritten an ihm vorüber in ihre Tbür. Er aber stand und starrte ihr nach. Warum fragte sie da? Er mußte ihrer Drohung gedenken. Ach Albernheit! 2i'er dergleichen droht. führt's niemals aus. Ter sollte er das glauben, die nie ein wahres Wort gesprochen hat:,?! Es ging ihm doch nach. Ten ganzen Hochzeitsmorgen war er unruhig. Noch als seine Braut vor ihn hintrat m soliden schwarzen Seidenkleid, einen armdicken Myrihenkranz über dem traft gescheitelten Haar, mußte er an die Marie denken auch vergleichen. Tie dumme Tirne hatte das höllisch heraus, sich aus den billigsten Lappen einen Schn.uck zu machen, der sie eigcn artig heraubob aus allen ihresgleichen, während er sich nicht verhehlen onnte, daß Minna in ihrem ftamburger Häubchen und ihrer Küchenchürze weit besser aussah, als in dem ostbaren Staat. Nachher bei der Trauung, wo er aufzupassen hatte, daß er an der richigen Stelle ja sagte, und rechtzeitig zum Aingwechsel den weißen Hand-. schuh von semer steifen rechten Hand herunterbekam, vergaß er die Marie. i lnd dann kam eine Art Gebobenbeit über ihn, die Befriedigung, das Rechte ur sich gethan zu haben, den Grund gelegt zu haben zu einer erfreulichen Zukunft. Er kniff seine Braut ganz vergnügt in den Arm, schüttelte den Zeugen und Gästen herzhaft die Hände und wurde beinahe gesprächig. Bei einer Tante Minnas wurde de Hochzeit aeseiert. Es gab warmes Mittagessen. Aber die Mahlzeit verzögerte sich, weil Baiekes Frau, die ihrer Kinder wegen nicht mit zur Kirche gegangen war, ausblieb. Schon begann die Braut gekränkt die Lippen zu kneifen, und Bäseke wurde zornig. Da kam sie endlich ganz außer Athem. Bitte, nehmen Sie's nicht für ungut. Frau Weber. Aber wenn man so was mit ansieht! So ein junges Leben! Man ist doch ein Mensch. Und ich hab' immer was für ihr übrig gehabt " Was denn? Was ist's denn. Frau Bäseke?" Red' verständlich, Frau," brummte Bäseke. Hab' ich's nicht gesagt? Die Marie! Ja. Ein Unglück in der Fabrik. Eben als ich fortgehen wollte, haben sie sie gebracht. Der Doktor sagt, sie macht's keine Stund' mehr. Meiersch-Mutter will so lange bei ihr bleiben." Es wurde auf einmal ganz still um den Tisch. Alle sahen Karl Weber an. Der hatte s'in Messer hingelegt. Seine harten Augen starrten weit offen auf die schwatzende Frau, und fein Gesicht war so wein wie das Tischtuch der Hochzeitstafel. Wann wann ist das geschehen? Die Stimme war heiser, stockend. Wann? Nun. so um elf muß es gewesen sein." Da stand er auf. Er sah nicht auf seine Braut. Er sah keinen der Gäste an. Mit zitternder Hand nahm er den Hut vom Nagel und ging hinaus. Er überlegte nicht. Er mußte thun, was er that. Auf dem ganzen langen Weg hatte er nur einen Gedanken: Wenn sie das gethan hatte um seinetwillen, dann hatte er umsonst Hochzeit gehalten. dann war's nichts mit seiner Zukunft. Er kannte sich. Mit all seiner zähen Energie würde er darüber nicht hinwegkommen. Und heiß brannte in sei nem Herzen der Wunsch, daß es wirklich nur ein Unfall sein möge oder doch nicht tödtlich, wenigstens nicht tödtlich! Wie im Traum erreichte er daS Haus. Auf der Stiege standen Menschen. Er schritt zwischen ihnen durch, als wären es Schatten. Ihre Thür oben stand offen, eines der Bäseke'schen Kinder kauerte auf der Schwelle. Drinnen schrillte die Stimme von Meiersch-Mutter. Gerade kam ein Herr aus der Thür, offenbar der Arzt. Karl Weber bewegte die Lippen, die Frage wollte nicht aus der gepreßten Kehle. Der Arzt verstand ihn aber, zuckte die Achseln und machte eine abwehrende Handbewegung. Schwindlig trat er ein. Menschen drängten sich in der Kammer. Meiersch-Mutter Mundwerk ging wie eine Mühle. Er schob alle zurück und drängte sich durch. Marie!" Sie lag auf ihrem schmalen Bett, die Augen halb geschlossen, als ob sie schliefe. Unverletzt Kopf und Gesicht. Barmherzige Hände hatten die Decke über den zermalmten Körper gezogen. Hastig und unregelmäßig ging ihr Athem. Marie!Beim Laut seiner Stimme schlug sie die Augen auf. eifrig suchend, und als sie ihn erkannten, ging ein Strahl von Freude über ihr Gesicht. Er aber achtete nicht der Zeugen um ihn her. Klein schien ihm vor der ungeheuren Angst in seiner Seele die Meinung der Menschen, die sonst sein Götze war Marie! Marie! Sag' mir die Wahrbeit einmal in Deinem Leden die Wahrheit! Hast Du meinetwegen weil ich Marie!"

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Sie nächstens doch ab."